Zeitzeugnis
Zeitzeugenaussage V. S. Sinyak
Fragebogenbericht über Verschleppung und Arbeit bei der REIMAHG.
Forschungsstand dokumentiert
Forschungsdatensatz
Dokumentierte Angaben
- Person
- V. S. Sinyak
- Rolle
- Zwangsarbeiter
- Ort
- Kahla
- Zeitraum
- 1944
- Herkunft
- UdSSR
Überlieferung und Kontext
• Sinâk, V. S., Fragebogen vermittelt von der Belorusskij Respublikanskij Fond
„Vzaimoponimanie i Primirenie“ [Belarussischen republikanischen Stiftung "Verständigung
und Aussöhnung"].
В. С. Синяк – Ssinjak
Sinâk, V.S.
Ich bin geboren im Dorf Šanovka am 29.01.1927. Meine Eltern haben 7 Kinder, ich selber 6, meine
Frau ist Invalidin der 2. Klasse. Während der Blockade (gemeint ist vermutlich eine
Kesseloperation während eines deutschen Partisanenjagd-Unternehmens, M.B.) wurde ich am 3.
Juni 1944 im Wald gefangen genommen und nach Deutschland deportiert. Ich war zwei Wochen in
einem Quarantänelager, dann kam ich nach Kahla – Freienorla. Ich arbeitete beim Bau der
Eisenbahn, Tunnelbauten. Ich wurde mit dem Zug nach Kahla transportiert und gleich zur Arbeit
eingesetzt. Ich war die ganze Zeit in Freienorla, wurde aber für verschiedene Arbeiten eingesetzt.
Die Bedingungen waren sehr schwer, ich war damals gerade 17 Jahre alt. In der Baracke war es
warm, es gab einen großen Heizkessel. Wir hatten auch warme Decken und schliefen in
zweistöckigen Betten. An Kleidung mussten wir unsere eigene verwenden, es wurde keine
ausgeteilt. Als meine Hosen kaputt gingen, habe ich einem alten Deutschen beim Holzstapeln
geholfen und dafür eine Hose bekommen. Am Ende wurden auch Schuhe ausgeteilt. Das Essen war
schlecht und wir waren ständig hungrig. Es gab Suppe und 1 Kilo Brot für 4 Personen. Unsere
Arbeit begann Frühs mit dem Hellwerden und ging bis Abends. Einmal im Monat gab es einen
freien Tag. Der Weg zur Arbeit wechselte, je nach dem wo wir arbeiteten. Mal waren es drei
Kilometer bis zur Arbeit, mal mehr, mal wurden wir auch irgendwohin transportiert. Es gab keine
Apelle, aber es gab Deutsche, die aufpassten. Wir standen ständig (bei der Arbeit) unter Kontrolle,
und man achtete, dass wir gut arbeiteten. Einmal, als der Fels gebrochen wurde und die Reste in
Loren verladen wurden hatte ich möglicherweise weniger Steine als die anderen – dafür wurde ich
verprügelt. Monatlich erhielt ich 70 bis 80 Mark, aber wegen des Kartensystems gab es kaum etwas
zu kaufen – im Gasthof Bier und im Herbst das Gemüse und Obst aus den Gärten, dass die Polen
hatten, die bei Deutschen gearbeitet haben. In der Landwirtschaft wurde ich selber nicht eingesetzt.
Mit der Heimat hatten wir keinen Kontakt, auch nicht mit anderen Lagern. Im Lager waren alle
Gefangene gleich. Bei uns im Lager waren nur Weißrussen, und es waren ausschließlich Männer
und Jugendliche. Wachen waren Deutsche. Die Strafen, etwa für Diebstahl beim Essen, waren
Schläge. Von Denunzianten weiß ich nichts. Von Unterschlagungen ist mir nichts bekannt – das
Essen war ohnehin schon wenig genug. Wir haben selbstgefertigte Wagen gemacht aus einem Stock
an einem Faden, damit alle das gleiche bekamen. Für Diebstahl wurde man von den Wachen mit der
Peitsche verprügelt. Das war eine sehr brutale Strafe, denn man schlug die Leute bis zur
Bewusstlosigkeit. Für die Anzahl der Schläge sollte man auch noch bezahlen – 1 Schlag 1 RM. Die
hauptsächlich verwendete Strafe war die Peitsche. Die deutschen Arbeiter und die Verwaltung
verhielten sich relativ normal. Die älteren deutschen Frauen in der Zivilbevölkerung gaben uns
manchmal Essen, wenn wir sie baten, aber sie hatten Angst, selber bestraft zu werden. Frauen,
besonders jene die Männer oder Söhne an der Front oder in Gefangenschaft hatten, haben uns
geholfen – vielleicht hofften sie, dass ihren Verwandten dasselbe geschieht. Manchmal arbeitete
man für das Essen, aber offen hat keiner Hilfe gezeigt, sie waren alle vorsichtig. An Bestrafungen
nahm die Zivilbevölkerung nicht teil. An Deutsche die uns besonders halfen erinnere ich mich
nicht, alle behandelten uns gleich. Keiner von uns versuchte zu fliehen – wir wussten nicht wohin,
oder wo man sich hätte verstecken können. Wenn jemand krank war, dann kam er in ein anderes
Lager – ich weiß nicht mehr welches. Keiner kam zurück. Ein Krankenrevier oder dergleichen gab
es im Lager nicht. Viele Menschen starben im Lager, und eine gewisse Zeit habe ich auch selber die
Leute aus meinem Lager begraben. Wir kamen nicht zurecht, weil so viele starben, am meisten aber
die Italiener. Einmal wollten wir einen Landsmann in einem Sarg begraben, aber wir erhielten keine
Erlaubnis und so gab es nur Gemeinschaftsgräber – 30 Menschen in einer Reihe.
In den letzten Tagen des Krieges wurden wir alle abends irgendwohin gejagt, doch ich konnte
unterwegs fliehen und versteckte mich im Wald. Dort blieb ich fünf Tage, dann wollten wir zurück
zum Lager. Unterwegs trafen wir auf Amerikaner, die uns sagten, wir seien frei, und uns Essen
gaben. Ich kam dann für einen oder zwei Monate ins Lager zurück. Ob nach der Befreiung Leute
verhaftet wurden, weiß ich nicht, da ich zu der Zeit nicht im Lager war. Ich wurde am 14. April
1945 befreit, arbeitete dann in (Grachenberg, Drakenberg) o.ä. in einer Zuckerfabrik vom Juli bis
Oktober 1945. Ich war auch bei der Ernte im Einsatz. Dann kehrte ich nach Weißrussland zurück,
aber nicht gleich nach Hause, sondern erst in die Bergwerke am Donbass, wo ich fast ein Jahr war.
Ende 1946, kurz vor Neujahr, kam ich dann nach Hause.
Quellen und Nachweise
- zeitzeugen_komplett_ocr.pdf