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Zeitzeugnis

Zeitzeugenaussage Tonja Demjantschuk-Schalapaj

Fragebogen und Brief über Verschleppung als Minderjährige, Lagerarbeit und Heimkehr.

Forschungsstand dokumentiert

Forschungsdatensatz

Dokumentierte Angaben

Person
Tonja Demjantschuk-Schalapaj
Rolle
Zwangsarbeiterin
Ort
Lager bei Kahla; Walpersberg
Zeitraum
Juli 1944 bis 1945
Herkunft
Ukraine

Überlieferung und Kontext

Fragebogen International Organization for Migration (IOM) Fragebogen International Organization for Migration (IOM) „Tonja“ Demjantschuk-Schalapaj Fragebogen: 1. Ich bin am 13. Juni 1929 in Godowichi (Wolhynien), in der Ukraine geboren. Unsere Familie war: Vater, Mutter und drei Kinder, ich war das kleinste davon. Mein Vater war Wissenschaftler, meine Mutter – eine Schönheit. Wir lebten im Wohlstand, unsere Eltern liebten uns und behandelten uns immer gut. Sie waren sehr gut. 2. Es passierte noch im Juni 1944, damals, als überall Granaten explodierten, Erde war mit Himmel vermischt und alles brannte. Wir befanden sich damals auf der Frontlinie. Wir waren in der Zeit zu Hause und um zu überleben, mussten wir uns im Keller verstecken, essen in der Zeit konnten wir nur Kartoffeln. Alles was wir besaßen, alle unsere Habseligkeiten wurden verbrannt. Es wurden 2 Ställe mit dem ganzen Vieh, unser Haus mit allen Sachen, die dort waren, Ikonen und Stricksachen inklusive, verbrannt. Danach besaßen wir nur das, was wir anhatten. Genau in der Zeit fing man uns und steckte uns in die dreckigen Waggons. 3. Wir kamen in die Wagen, die nur für Viehtransport geeignet waren. Es war dort dreckig, stickig, und es roch unerträglich. Bereits im Juli waren wir in Kahla (Ich merke an, dass ich Ihnen zusammen mit dem ausgefüllten Fragebogen meine Papiere(Dokumente) schicke, in denen alles steht. Auch was das Lager betrifft, das ich Ihnen im Brief beschrieben habe. Den Brief schicke ich Ihnen auch zu). 4. Die Menschen wurden von Anfang an missbraucht: Frauen und Kinder mussten alle möglichen Arbeiten ausführen, Männer arbeiteten in Tunneln, wo man Flugzeuge produzierte. 5. Ja, man brachte uns zuerst in das eine Lager und nach eine gewissen Zeit wurden wir in ein anderes versetzt. Das zweite lag in gleich neben dem ersten, schön war es dort - Bäume, Wiesen... Warum wir versetzt wurden weiß ich nicht. 6. Die Wohnbedingungen in beiden Lagern waren gleich: Mehrfamilienbaracken und die „Kohlrübensuppe.“ 7. Ich denke, es gab solche kleinen Gusseisenanlagen in der Mitte jeder Baracke, aber ob sie funktionierten und wer sich darum kümmerte weiß nur Gott. Wenn man diese Wischlappen als Decken bezeichnen kann, dann hatten wir Decken und jeder, Fragebogen International Organization for Migration (IOM) der solch eine „Decke“ hatte, hatte Schwein. Öfter grenzte sich eine Familie von der anderen mit solch einer „Decke“ ab. 8. Keiner gab uns Uniformen, so trugen wir das, was wir noch von Zuhause anhatten. 9. Morgens war es eine Scheibe Brot durch vier, abends – „Suppe“ aus Kohlrüben. Vielleicht änderten sich die Bedingungen für andere Leute, aber ich kann nicht sagen, dass sich für uns etwas verbessert hatte. Ich kann mich noch an einen Fall erinnern, der meinem Vater und meiner Schwester passierte. Einst gruben wir den ganzen Tag Gruben und am Ende des Tages trieb man uns zum Tunnel, aus dem unsere erschöpften, bleichen/blassen, hungrigen Männer nach der Arbeit herauskamen. Es waren Hunderte von ihnen. Draußen, vor dem Tunnel wurden Kesseln mit der „Suppe“ eingerichtet. Männer sollten sich in die Schlange zu den Kesseln anstellen und der Reihe nach ihre „Suppe“ bekommen. Einige Frauen aus unserer Gruppe, auch meine Schwester, mussten die „Suppe“ einschenken. Als unser bleicher, erschöpfter Vater dran war, schenkte sie ihm statt eines Löffels dieses Spülwassers zwei, obwohl gesagt wurde, dass jeder nur einen Löffel davon bekommen darf. Ein deutscher Wachsoldat sah das, schlug ihr den Teller aus den Händen, schrie meine Schwester lange an und verprügelte sie mit der Knute. 10. Wir arbeiteten den ganzen Tag durch, von früh an bis in die Nacht, Anfang und Ende jedes Tages wurde durch eine Sirene signalisiert. Den Berg, unter dem Flugzeuge produziert wurden, konnte man aus dem Lager sehen. Wir Frauen wurden dorthin nicht gelassen, Männer wurden dorthin unter Überwachung gebracht. 11. Es heulten Sirenen. 12. Unser Tagesarbeitsumfang war das, was uns gesagt wurde wir machen müssen. Es musste unabhängig von der Größe geschafft werden. Da ein deutscher Wachsoldat uns immer überwachte, hatten wir keine andere Wahl. Sie trieben uns und schrieen uns ständig an. Es waren bestimmt alles Schimpfwörter. Wir fingen an zu vergessen, wie man redet und lächelt, alles was wir noch kannten war ARBEIT. Wir waren immer dreckig und ungepflegt. 13. Die Deutschen, die uns überwachten behandelten uns sehr schlecht und erniedrigend, aber wir hatten den Eindruck, dass sie den Befehl, sich so zu verhalten, von Oben hatten. Fragebogen International Organization for Migration (IOM) 14. Keiner bezahlte uns und ich habe nie irgendwas darüber gehört. Ich habe nie gesehen, dass man im Lager etwas kaufen konnte. Das ist das erste Mal, dass ich irgendwas darüber höre. 15. Öfters, als es schon kalt war und der Boden schon festgefroren war, mussten wir auf einem Feld Kohlrüben sammeln. 16. Wir konnten keine Briefe schreiben und haben auch keine bekommen. Ich glaube, dass die Polen nach Hause schreiben konnten. Einmal sah ich, dass sie von Zuhause Zwiebäcke geschickt bekamen. Sie starben aber trotzdem zahlreich, genau so wie die Belgier. 17. Nein, wir hatten keine Kontakte und wir kannten auch niemanden aus anderen Lagern. 18. Alle Nationen lebten im Lager friedlich. Ich sah nie, dass Gefangene unter einander stritten oder sich prügelten. Uns einigte das gleiche Schicksal, dadurch fühlten wir uns einander nah, sogar verwandt. Wir redeten nicht viel miteinander, weil keiner von uns damals Italienisch oder Belgisch konnte. 19. Wir redeten mit Polen oder Russen, weil wir diese Sprachen verstehen oder reden konnten. Wir sprachen über das Wetter oder darüber, dass wir essen wollten. Wir zeigten einander Eitergeschwüre oder sonstige Erkrankungen, die auf unserer Haut mit der Zeit erschienen. Wir wünschten uns, dass ein Wunder passiert und diese Deutschen verschwinden. Wir wünschten uns, dass wir lebendig da heraus kommen. Wir wollten noch leben, wir wollten noch essen. 20. Ja, das Lager, wo wir uns befanden, war ein Familienlager. Wie ich schon gesagt habe, waren wir dort alle zusammen: Vater, Mutter, meine Schwester, mein Bruder und ich. 21. Wir wurden nur von Deutschen überwacht. Wie es in anderen Lagern aussah, weiß ich nicht. Sie überwachten uns, schrieen und trieben uns an. Man fühlte, dass sie solch einen Befehl hatten. 22. Mir ist über Zuträger nichts bewusst. 23. Wir bekamen sehr wenig Essen. Wir wollten immer essen. Wir bekamen keine Briefe oder Pakete, keiner gab uns was. Wir hungerten. 24. Ich sah nie einen Mord. Ich sah aber, als meine Schwester für einen extra Löffel „Suppe“ von einem Deutschen verprügelt wurde, genau so wie Anja aus Smolensk für ein Stück Kohlrübe. Ich sah öfters wie Menschen starben... Es passierte oft, dass ein Mensch ging, dann beugte er sich zum Boden und starb dann... Fragebogen International Organization for Migration (IOM) 25. Ich weiß nicht, ob jemand im Lager körperlich bestraft wurde. Vielleicht wurde auch jemand bestraft, aber so, dass es keiner sehen konnte. Ich weiß nichts darüber. 26. Ich sah keine deutschen Zivilbürger als Arbeiter. Die einzigen Deutschen, die ich sehen konnte, waren die Soldaten, die uns täglich zur Arbeit begleiteten und von der Arbeit abholten. Sie brachten uns ins Lager, verteilten das „Süppchen“ und wir gingen in unseren Baracken. Es gab auch keine Bücher, wir konnten nichts lesen. 27. Nein, wir trafen und kannten keine deutschen Zivilbürger. 28. Als wir uns im Lager befanden, hatten wir einfach keine Möglichkeit Zivilbürger zu treffen. Deutsch kannten zu der Zeit nur wenige von uns, wir hatten auch nichts, womit wir handeln konnten. 29. Ich habe irgendwie die Frage nicht gut verstanden. Ich würde sie gern beantworten aber verstehe sie nicht. 30. Es gab sicherlich gute Deutsche, die die Gefangenen human und gut behandelten, die ihnen halfen, aber ich weiß darüber nichts. Gute Menschen gibt es in jeder Nation, Deutsche sind bestimmt auch gut. 31. Ob Leute zu fliehen versuchten? So was ist mir auch nicht bewusst. Vielleicht probierte es irgendjemand, aber ich weiß darüber nichts. Wir versuchten gar nicht zu fliehen. Wohin sollten wir fliehen? Wir konnten kein Deutsch, kannten das Land nicht und deshalb wussten wir auch nicht wohin wir fliehen und wo wir uns verstecken konnten. Alles war fremd. Außerdem war unsere ganze Familie im Lager. 32. Wir hatten Eitergeschwüre auf unserer Haut und Wunden auf den Lippen, aber wir gingen trotzdem nicht zum Arzt, weil wir während unserer Zeit im Lager keinen sahen. 33. Sehr viele Menschen sind im Lager an der Schwerstarbeit gestorben und noch mehr vor Hunger. Ich weiß nicht, ob irgendjemand ins Krankenhaus gebracht oder gerettet wurde. Keiner aus unserer Familie ist im Lager gestorben. Das auch nur, weil wir dort weniger als ein Jahr verbrachten, uns hat die Zeit gerettet. Wären wir dort länger geblieben, wären wir bestimmt alle dort gestorben. Mein Vater aber war vom Hunger geschwollen, bekam Nierenkomplikationen und starb kurze Zeit nach der Befreiung. Ich hatte irgendwelche Eitergeschwüre und sonstige Hauterkrankungen, die ziemlich lange eiterten aber mit der Zeit verschwanden. Nach dem Krieg ging ich noch zur Schule in Bamberg und Bayreuth. Fragebogen International Organization for Migration (IOM) 34. Sofort, als das Gerücht über Deutschlands Kapitulation umging, verschwanden alle Deutschen irgendwohin. Seit diesem Moment hatten wir keine Überwachung mehr und dann kamen einige Familien zusammen, um eine Entscheidung zu treffen, was man weiter machen und wohin man gehen soll. Wir entschieden, in das nächstliegende Dorf zu gehen und dort um Essen zu betteln. 35. Wir kamen nach Bamberg, wo sich schon sowjetische und amerikanische Truppen befanden. Uns fanden Amerikaner. Zuerst saßen wir zwei Tage draußen auf der Strasse, dann wurden wir in ein altes Haus versetzt. Es erschienen auf einmal Tausende von Menschen. 36. Die sowjetische Armee verlangte von den Amerikanern, dass sie uns der sowjetischen Seite übergeben. Uns wurde gesagt, dass sich um uns gekümmert wird, aber Tausende von Menschen sind trotzdem auf der amerikanischen Seite geblieben. Später wurden wir wieder versetzt, diesmal in die ehemalige Militärkaserne, wo wir länger wohnten. Amerikaner gaben uns Essen und gebrauchte Klamotten. Sie erlaubten uns, eine Schule und eine Kirche zu bauen. In Bamberg fing ich an zur Schule zu gehen. 37-39. Wir kehrten in die liebe Ukraine nie zurück, weil alles was wir dort besaßen verbrannt wurde. Wir erinnerten uns oft daran, weinten und beteten. Meine Mutter, mein Vater und meine Geschwister sahen die Ukraine niemals mehr, sie starben im Ausland. 1992 besuchte ich zum ersten Mal nach langer Zeit die Ukraine. Ich fiel auf meine Knie und küsste die heilige Erde, wo unser Haus stand, ich betete um meine Eltern. 55 Millionen von guten, unschuldigen Menschen kostete dieser Krieg. Millionen von Soldaten sind spurlos verschwunden. Sehr viele Menschen sind unschuldig gefallen, ich beuge meinen Kopf auf die Brust vor ihnen. Die unglücklichsten Opfer des Krieges waren meiner Meinung nach die Juden und die Geschichte darf das nicht verschweigen. Ich wünsche mir, dass ein Mensch eines Tages eine geschichtliche Erzählung über alle Kriegsverbrechen schreibt, über alles, was Hitler getan hat, grausam sind seine Taten! Ich wünsche mir, irgendjemand schreibt eine Erzählung darüber! Ich träume davon, dass ich meinen Eltern ein Denkmal in unserem Dorf, an der Stelle wo unser wunderschönes Haus stand, errichte. Ein Denkmal mit der Inschrift: „Hier lebten glücklich Ivan und Irina Demjantschuk.“ Ihr, gelehrte Menschen, sollt arbeiten und schreiben, damit die heutige Generation weiß, wie die unschuldigen Menschen missbraucht wurden. Gott bewahre Sie! Fragebogen International Organization for Migration (IOM) Mit Hochachtung, Tonja Demjantschuk-Schalapaj Der Brief 16.02.2007 Sehr geehrter Herr Bartuschka, ich habe Ihren Brief und dementsprechend auch den Fragebogen bekommen, ich werde sehr gern darauf antworten. Nur werden meine Antworten in meiner Muttersprache sein, weil es mir am leichtesten fällt. Ich kann zwar auf Russisch gut lesen, aber schreiben kann ich am besten auf Ukrainisch. Ich war also, als minderjähriges Mädchen, in diesen Konzentrationslagern, die in der Nähe von Kahla lagen. Diese Lager waren nummeriert: 1, 2, 3. Das waren Holzbaracken, sie waren klein und dreckig. In jeder Baracke wohnten drei bis vier Familien. Die Landschaft um Kahla ist hügelig, unter einem von diesen Bergen befand sich ein unterirdisches Flugzeugwerk. Dort arbeiteten nur Männer, auch mein Vater Iwan und mein Bruder Igor. Frauen und Kinder, auch mich, zwang man zu anderer Arbeit. Jeden Tag war es eine neue Arbeit, aber am häufigsten mussten wir Leichen begraben. Öfter, im Winter, als schon Schnee lag und der Boden festgefroren war, wurden wir auf ein Feld getrieben, wo wir Kohlrüben sammeln und mit Schubkarren in Keller schaffen mussten. Wir waren alle sehr durchgefroren, aber noch unerträglicher als die Kälte war für uns Hunger. Wir wollten essen. Ich entsinne mich gut eines Falls, der meiner Bekannten Anja passierte. Anja war ukrainisch aber dadurch, dass sie aus Smolensk kam, sprach sie meistens Russisch und nur selten Ukrainisch. Eines Tages versteckte diese Frau ein Stück Kohlrübe im Büstenhalter und ein Wachsoldat bemerkte es. Er sagte sie sollte die Kohlrübe in die Hand zu nehmen und die Hand vor sich ausstrecken. Sie machte es und er schlug sie mit der Knute. Die Kohlrübe fiel heraus. Wir konnten ihr nicht helfen und arbeiteten gebückt unter Tränen. Fragebogen International Organization for Migration (IOM) Zur Arbeit trieben uns bewaffnete deutsche Wachsoldaten. Wir wurden erniedrigend und unmenschlich behandelt, obwohl wir nur Frauen und Kinder waren, unschuldige Menschen, die niemandem was angetan hatten. Wir mussten früh zum Morgenappell aufstehen, danach gingen wir unter Überwachung zur Arbeit. Morgens bekamen wir ein Scheibe Brot, die ungefähr so groß war wie ein Toast, wie wir ihn uns heutzutage machen. Damals mussten wir diese Scheibe durch vier teilen. Abends hatten wir dreckiges Wasser aus Kohlrüben, man nannte es „Suppe.“ Männer wurden noch schlechter behandelt. Sie wurden unter bewaffneter Aufsicht ständig mit „schnell, schnell“ getrieben und wurden sogar als „Schweine“ bezeichnet. Uns plagte der Hunger. Wir wollten essen. Es gab Menschen aus verschiedenen Ländern im Lager: Russen, Polen, Ukrainer, Belgier, Italiener und Juden. Wir alle mussten auf der Brust genähte Litzen tragen. Wir hatten Litzen mit Buchstaben „OST,“ die Juden trugen entweder den Davidsstern oder eine einfache runde Litze. Häufig starben Menschen einfach wie Fliegen im Herbst sterben. Am zahlreichsten starben die Belgier und die Polen, obwohl Polen manchmal Zwieback aus Polen bekamen und wir, Ukrainer, Russen und Juden nichts bekamen. Öfters wurden wir in den Keller einer Kneipe getrieben, um dort schon verfaulte, stinkende Möhre auszusortieren. Die Luft war sehr stickig dort. Man wollte diese Möhre essen aber wir durften nicht, weil uns immer ein deutscher Soldat überwachte. Das Lager war umzäunt. Die Landschaft außerhalb des Lagers war besonders malerisch: die Saale floss vorbei, rund um das Lager waren Wald und Berge. Die Deutschen, die jetzt dort wohnen, können bestimmt genau zeigen wo dieses Lager lag. Ich war dort niemals mehr, obwohl ich diesen traurigen Ort sehr gern besuchen würde, um auch eine Kerze in der nächstgelegenen Kirche für diejenigen anzuzünden, die dort gestorben sind. Ich weiß nicht wo ihre Knochen ruhen und ob sie überhaupt begraben sind. 2000 besuchte ich heilige Orte Israels, betete für mich und für diejenigen, die damals unschuldig gestorben sind... Sehr geehrter Herr Bartuschka, wenn es schon die Zeit ist, Ihre Arbeit zu veröffentlichen, erlaube ich Ihnen alle meine Zeugnisse zu veröffentlichen. Alles was ich Ihnen geschrieben habe, jedes einzelne Wort dieses Schreibens ist ein wahres Wort. Ich habe mein ganzes Leben von meiner Jugend bis Deutschland... bis Kahla beschrieben. Ich habe vor, diese Periode meines Lebens detaillierter zu beschreiben. Ich habe sehr viele Fragebogen International Organization for Migration (IOM) unveröffentlichte Gedichte, man muss sie doch veröffentlichen. Nach dem Krieg, nach der Kapitulation ging ich noch zur Schule in Bamberg und Bayreuth. Ich schreibe Gedichte... Ich denke sehr oft über das ganze Geschehen nach und weine... Im Konzentrationslager waren wir alle zusammen, unsere ganze Familie war dort. Sie bestand aus fünf Personen: meinem Vater Iwan, meiner Mutter Irina, meiner Schwester Katrussya (Katarina), meinem Bruder Igor und aus mir, Tonja. Ich war die kleinste in der Familie. Vom ersten Tag meines Lebens nannte man mich immer Tonja. Tonja ist die Abkürzung für Antonina, ich wurde immer Tonja genannt. Wenn die Zeit kommt, Ihre Arbeit zu veröffentlichen und es vielleicht dazu kommt mich zu erwähnen, bitte ich Sie, mich nur als Tonja zu erwähnen. Nach der Kapitulation schwoll mein Vater sehr stark am Hunger, bekam Nierenkomplikationen und konnte nicht mehr lange leben, er starb kurze Zeit nach der Befreiung. Zu der Zeit war keiner von meiner Familie da. Sie waren alle schon gestorben. Ich selbst bin in England aufgewachsen und mittlerweile schon alt geworden. Es kommt auch bald meine Zeit... Ich erinnere mich immer noch gut daran, als wir am Morgen eines Tages zur Arbeit getrieben wurden, sah ich einen Mann. Er war polnisch und noch relativ jung, aber er starb. Keiner von den Deutschen achtete mehr auf ihn und er flehte: „Ich sterbe, bitte, schreibt meiner Mutter, dass ich gestorben bin, lasst sie für mich beten...“ Das ist mein Brief, Sie können ihn sehr gern nutzen. Mit Hochachtung zu Ihnen und Ihrer Arbeit Tonja Demjanchuk-Schalapaj Tonja Demjantschuk-Schalapaj

Quellen und Nachweise

  1. Fragebogen und Brief Tonja Demjantschuk-Schalapaj im Quellenbestand Zwangsarbeiter