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Zeitzeugnis

Zeitzeugenaussage Sergio Mussone

Zusammengeführter Quellenblock aus Erinnerungsbericht und Fragebogen über Rosengarten und REIMAHG.

Forschungsstand dokumentiert

Forschungsdatensatz

Dokumentierte Angaben

Person
Sergio Mussone
Rolle
Zwangsarbeiter
Ort
Lager Rosengarten; Kahla
Zeitraum
1944 bis April 1945
Herkunft
Italien

Überlieferung und Kontext

• Mussone, Sergio: L’allucinante testimonianza di un ex deportato biellese, Sergio Mussone. Reimahg: fabbrica della morte sulle pendici del Walpersberg [Der verstörende Augenzeugenbericht eines Ex-Deportierten aus Biellese. REIMAHG: Die Todesfabrik auf dem Hang des Walpersberges], Teil 1, in: Baita, 20.06.1985 – 24.10.1985, übermittelt mit Hilfe der Associazione Nazionale Ex Internati (A.N.E.I.) [Nationale Vereinigung der ehemaligen Internierten]. • Mussone, Sergio: L’allucinante testimonianza di un ex deportato biellese, Sergio Mussone. Reimahg: fabbrica della morte sulle pendici del Walpersberg [Der verstörende Augenzeugenbericht eines Ex-Deportierten aus Biellese. REIMAHG: Die Todesfabrik auf dem Hang des Walpersberges], Teil 2, in: Baita, 20.06.1985 – 24.10.1985, übermittelt mit Hilfe der Associazione Nazionale Ex Internati (A.N.E.I.) [Nationale Vereinigung der ehemaligen Internierten]. • Mussone, Sergio: A Rosengarten-Reimahg, lager nazista. Ogni alba poteva portare il giorno della condanna a morte [In Rosengarten-Reimahg, einem nationalsozialistischen Lager. Jedes Morgengrauen konnte den Tag der Todesstrafe ankündigen], Teil 3, in: Baita, 20.06.1985 – 24.10.1985, übermittelt mit Hilfe der Associazione Nazionale Ex Internati (A.N.E.I.) [Nationale Vereinigung der ehemaligen Internierten]. • Mussone, Sergio: Drammatica testimonianza sui lager nazisti (2). Obbligato a mangiare a forza riacquistai la speranza di vivere [Dramatischer Augenzeugenbericht über die nationalsozialistischen Lager (2). Zum Essen gezwungen schöpfte ich neuen Lebensmut], Teil 4, in: Baita, 20.06.1985 – 24.10.1985, übermittelt mit Hilfe der Associazione Nazionale Ex Internati (A.N.E.I.) [Nationale Vereinigung der ehemaligen Internierten]. Erster Zeitungsartikel (1) Der verstörende Augenzeugenbericht eines Ex-Deportierten aus Vigliano Biellese REIMAHG: Die Todesfabrik auf dem Hang des Walpersberges Der Komplex (Reichsmarschall Hermann Göring) produzierte Düsen-Jagdflugzeuge für die nationalsozialistische Luftwaffe und wurde zu einem regelrechten Vernichtungslager für 15.000 Deportierte aus neun Nationen, einschließlich Italiens - Drei Episoden von unerhörter Grausamkeit: Zwangsarbeit in provisorischen Stollen - Die "Suppe" [sic! Anm. d. Übers.] - Weihnachten in der Hölle. Wir veröffentlichen über die nationalsozialistischen Konzentrationslager einen eindringlichen Augenzeugenbericht von SERGIO MUSSONE aus Vigliano. Der Komplex der REIMAHG (Reichsmarschall Hermann Göring) war eine der wichtigsten Fabriken für die nationalsozialistische Kriegswirtschaft. Dort wurden die ersten Düsen-Jagdflugzeuge hergestellt (ME 262 Schwalbe). Mit diesem Namen sind Ausbeutung, Unterdrückung und Vernichtung von zu Zwangsarbeit Verurteilten verbunden. Noch heute finden sich auf dem Hang des Walpersberges und in dessen Inneren nahe Kahla die Ruinen dieser Todesfabrik, in der neben den Gefangenen aus dem Vernichtungslager Buchenwald gut 15.000 Deportierte aus neun Nationen arbeiteten (Italiener, Russen, Belgier, Franzosen, Holländer, Polen, Slovaken, Jugoslawen und antifaschistische Deutsche). Die Italiener hatten die meisten Todesopfer zu beklagen, zumal sie auf Hitlers persönlichen Befehl einer besonders repressiven Behandlung unterworfen waren. Fast alle arbeiteten nämlich an dem Bau und der Vergrößerung der Stollen, wo dann die Werkstätten eingerichtet wurden, und am Bau der Startbahn für die Flugzeuge, die sich auf dem Rücken des Walpersberges befand. *** Die REIHMAG unterstand direkt dem Kommando von FRITZ SAUKEL, dem Verantwortlichen für alle Internierten des Reichs, der infolge der Urteils im Prozess gegen die verbrecherischen Nazi-Führer in Nürnberg erhängt wurde. HERMANN GÖRING (Reichsmarschall, in der Hierarchie direkt unter HITLER), dessen Namen die Werkstätten trugen, besuchte den Komplex oft, um dessen Leistung zu überprüfen und zu vergrößern. Auch Göring wurde in Nürnberg zum Tod durch Erhängen verurteilt, aber er entfloh dem Strick, indem er sich mit einer Zyanid-Kapsel das Leben nahm. *** Ich kam mit dem ersten Transport ausländischer Zwangsarbeiter am späten Vormittag des 10.4.1944 aus dem Lager von Erfurt nach Kahla. Ich war von der faschistischen italienischen Polizei festgenommen worden, weil ich mich des Verbrechens schuldig gemacht hatte, mich geweigert zu haben, dem faschistischen Befehl zur Fortführung des Krieges zu gehorchen, und war dann zur Zwangsarbeit nach Deutschland geschickt worden. Ich lebte ein Jahr und einen Tag in Kahla, bis in der Dämmerung des 11.4.1945 die Internierten des Lagers Rosengarten Kahla in Richtung Osten räumten. Am 12. oder 13. April 1944 stiegen ein Dutzend Italiener und ich als erste von Großeuterdorf auf den Hang des Walpesberges und rissen eine alte Tür nieder, die in einige ehemalige Stollen der Steinbrüche für die in der Gegend ansässige Porzellanherstellung führte. Nie hätte ich gedacht, dass in dem kurzen Zeitraum eines Jahres in diesen Stollen und der Umgegend gut 6.000 von 15.000 Deportierten, also 33% der der REIMAHG zugewiesenen, sterben würden. Ich werde drei Episoden erzählen, die ich selbst erlebt habe: Zwei handeln von Grausamkeit, eine von dem Verständnis und der Liebe einer Mutter aus Kahla. *** Gegen Ende Juni arbeitete meine Abteilung in den Stollen der REIHMAG an dem ersten zentralen Vorstoß, dem Stollen Nr. 1. Es herrschte eine äußerst strenge Disziplin, wenn die SS an den Arbeitsplatz kam. Unsere Abteilung aus dem Rosengarten war die dienstälteste mit der meisten Erfahrung mit den gefährlichen Erdrutschen, die die Stollen bereithielten; die Erdrutsche kamen nicht immer unvorhergesehen (die Arbeiten gingen ohne jedweden Unfallschutz voran), manchmal kündigten sie sich durch herabfallenden Schotter an. Wenn dies geschah, erlaubten sie uns und den deutschen Zivilisten, die unter ihrer Aufsicht standen, die gefährdeten Stollen zu räumen, um den Fall näher zu untersuchen. In einer traurigen Nacht ließen wir viele Sprengladungen hochgehen, viel mehr als gewöhnlich, die Befehle kamen direkt von der SS. Es dauerte bereits einige Stunden, dass wir uns ohne eine einzige Unterbrechung zum Klang von Stockhieben beim Sprengen der Ladungen und beim Wegräumen des Schutts abwechselten. Die zeitgleiche Explosion so vieler Sprengladungen in den Seitenstollen ließ die Kreuzungen fürchterlich erzittern; bis zum Hauptstollen lösten sich kleine Steinchen von den Decken; unseren Einwänden, dass eine Katastrophe geschehen könnte, schenkten sie nicht die geringste Beachtung. Auch einige Deutsche Arbeiter verbündeten sich mit uns in dem Bemühen, der SS die Gefahr vor Augen zu halten, der wir unterlagen. Die Antwort der SS lautete: Immer weiter und noch schneller. Unter den Hieben der Reitpeitsche fuhren wir mit der hektischen Arbeit fort: Ein kleiner Stollen riss schlagartig an der Decke, andere rissen teilweise an den Seiten bis zur Hauptkreuzung, es gab viele Verletzte, doch vier oder fünf Kameraden wurden von meterhohen Gesteinsmassen begraben, ihren Körper wurden zu Brei zerdrückt. Auf der allgemeinen Flucht wurden einem 16- oder 17jährigen die Füße zwischen einem Felsblock und den Schienen der kleinen Lore für den Abtransport des Gesteins abgetrennt. Ich schleppte ihn bis zum Ausgang des Stollens, umwickelte ihm die Beinstümpfe mit ein paar Lappen und lud ihn mir, nachdem ich die Erlaubnis der SS bekommen hatte, auf die Schultern und trug ihn bis zu seinem Lager. Es regnete heftig: Mehrmals fiel ich mit diesem armen, zu Tode geängstigten Jungen in den Schlamm. Als ich an seiner Baracke ankam, waren wir zwei Masken, unkenntlich vor Blut und Schlamm. Er lebte noch. Aber am Morgen, als seine Kameraden im Lager ankamen, war er nicht mehr zu sehen, und man hat nie wieder etwas von ihm gehört. Das alles war nur die Schuld der faschistischen SS-Schergen gewesen. ___________________________________________________________________ Ende des ersten Teils - Fortsetzung folgt in der nächsten Ausgabe Zweiter Zeitungsartikel 2) Der verstörende Augenzeugenbericht eines Ex-Deportierten aus Vigliano Biellese REIMAHG: Die Todesfabrik auf dem Hang des Walpersberges "Unter Stockschlägen trieben sie uns auf einen engen Hof" - "Sie ließen uns in der Kälte der Nacht draußen stehen" - "In den folgenden Tagen stieg die Zahl der Todesopfer schlagartig an" - "Das Herz einer Mutter, einer der Abermillionen Mütter in Europa" Eines Abends gegen Mitte Januar, während der Hunger immer deutlicher vernehmbar wurde und mit der Kälte die Schwächeren unter uns wie Fliegen wegstarben, wurden wir im Lager Rosengarten für eine Zusatzverpflegung zusammen gerufen. Die Ankunft eines Zuges mit neuen Lagerinsassen war erwartet worden, und da dieser nicht gekommen war, sollte die "Suppe", die für sie bestimmt gewesen war, uns zugeteilt werden. Das würde ein Fest werden, eine Schüssel "Suppe" mehr konnte für die Schwächsten sogar das Leben bedeuten. Wir stellten uns für die Verteilung der Suppe hintereinander an. Ich stand am Ende der Schlange und habe nie erfahren, was zwischen den Ersten, die nahe der Küche standen, passiert war. Ich hörte nur Schreie und Flüche auf Deutsch, dass wir keine "Suppe" verdient hätten, sondern nur Schläge. Die Polizei, die für unsere Beaufsichtigung im Lager zuständig war, stürzte sich auf die Schlange und trieb uns unter Stockschlägen auf den engen Hof, der sich noch heute links vom Rosengarten befindet. Es war kalt, die Schläge hörten auf, die Polizei zog sich zurück und wir wurden plötzlich mit einer wahren Wasserflut eingedeckt: Mit Pumpen überströmtem sie uns über eine Viertelstunde, ein Großteil derer, die in der Nähe der Küche geblieben waren, rund 50 Personen, war total durchnässt. Sie ließen uns über eine Stunde in der Kälte der Nacht draußen stehen. In den folgenden Tagen stieg die Zahl der Todesopfer schlagartig an. Die Niederträchtigkeit der grausamsten Nazi-Faschisten, die für unsere Beaufsichtigung zuständig waren, war der einzige Grund für diese unschuldigen Toten. *** Im Lager Rosengarten konnten nur drei oder vier Gefangene genug Deutsch, um etwas zu verstehen und sich in ihrer Sprache verständlich zu machen, und das nicht mal sehr gut, darunter der Verfasser. Gegen Ende Oktober bekam ich wegen des bisschens Deutsch, das ich konnte, in der REIMAHG den Auftrag, am Ende der Schicht das Werkzeug im Magazin wieder einzusortieren. Oft musste ich noch in den Stollen bleiben, nachdem meine Kameraden bereits in Reih und Glied den Rückweg nach Kahla angetreten hatten. So konnte ich mit einem besonderen Passierschein alleine ins Lager. Am Abend vor Weihnachten 1944 schleppte ich mich müde und durchgefroren in meinen Holzschuhen voran, in Gedanken an meine Lieben, an Italien und an den Krieg, der nie endete. Als ich die ersten Häuser von Kahla erreichte, hörte ich, wie ich von einer lieblichen Frauenstimme gerufen wurde: "Italiener, komm her". Ich blieb wie angewurzelt stehen, man hatte nie mit soviel Freundlichkeit auf Deutsch nach mir gerufen. Eine Frau um die Fünfzig stand in ihrer Tür und machte mir mit der Hand Zeichen, mich leise zu nähern. Als ich in ihrer Nähe war, sagte sie: "Ich höre dich so oft abends vorbeigehen mit deinen Holzschuhen; ich habe einen Sohn, der so alt ist wie Du, er ist Soldat in Italien. Nach der Schlacht bei Cassino habe ich nichts mehr von ihm gehört. Morgen ist Weihnachten, das ist das Stück Torte, das ihm zustehen würde, wenn er hier, bei sich zu Hause, wäre. Ich hoffe, dass er noch am Leben ist, und dass ihm in Italien jemand helfen kann, wie ich Dir gern helfen würde." Sie verbarg ein Päckchen unter meinem Mantel und während sie mir übers Gesicht strich, sagte sie: "Verschwinde jetzt schnell, sage zu niemandem ein Wort, die Polizei könnte uns sehen oder etwas erfahren." Im Lager angekommen, öffnete ich das Päckchen: Darin war ein schönes und großes Stück Apfelkuchen. Ich teilte es mit meinem Zimmergenossen, ich sagte ihm nicht, woher ich es hatte, sondern nur, dass es auch in Kahla Menschen gäbe, die uns wohlgesonnen wären. Dank dieser Mutter feierten auch wir das Weihnachtfest. Ich sah diese Frau nie wieder, sosehr ich auch nach ihr Ausschau hielt, wenn ich an ihrem Haus vorbeikam. Aber die Erinnerung an sie ist mir unvergesslich geblieben. Ihre Stimme höre ich noch wie an jenem Abend in dem traurigen Jahr 1944. Nach Monaten des Leidens gab mir eine tröstende Stimme die Gewissheit, dass viele Deutsche Arbeiter um unsere Qualen wussten und sich uns verbunden fühlten. Es war das Herz einer Mutter gewesen, das zu mir gesprochen hatte, einer der Abermillionen Mütter in ganz Europa, denen das zerstörerische Wüten des Nazi-Faschismus die Söhne entrissen hatte, um sie überallhin zu verstreuen und im Feuer des grausamsten Krieges, den die Welt je gesehen hat, zu zerstören. Ich werde Dich nie vergessen, liebste unbekannte Mutter aus Kahla. Dritter Zeitungsartikel (3) In Rosengarten-REIMAHG, einem nationalsozialistischen Konzentrationslager, galt: Jedes Morgengrauen konnte den Tag der Todesstrafe ankündigen Dramatischer Augenzeugenbericht eines Bürgers aus Vigliano über seine Erfahrungen in nationalsozialistischen Konzentrationslagern während des Zweiten Weltkriegs. Wir veröffentlichen diesen dramatischen Augenzeugenbericht, in dem Sergio Mussone aus Vigliano einige Episoden aus dem Leben der Internierten des deutschen Konzentrationslagers REIMAGH in Kahla während des Zweiten Weltkriegs und über die nationalsozialistische Unterdrückung wieder in Erinnerung ruft. Für die Italiener, die in Rosengarten interniert waren, waren nicht alle Tage gleich. Aber man konnte beim Wecken an dem Weckruf "Aufstehen" und an den ohrenzerreißenden Trillerpfeifen der Wachen erkennen, was im Verlauf des Tages passieren könnte. Manch seltener Tag verging in größter Ruhe, anstelle der Schläge für Verspätungen wurde man nur leicht angetrieben. An anderen Tagen reichte es aus, ein wenig eifrig zu sein, um das Schlimmste zu vermeiden. Aber manchmal wurde das "Aufstehen" zu einem Schrei der Wut und des Hasses, neben den ohrenzerreißenden Trillerpfeifen hörte man Stöcke auf die Bettgestelle der Zimmergenossen niedergehen oder auf die Körper derer, die noch nicht aufgestanden waren, dazu kam noch das wilde Gekläff der Hunde, die die Polizisten begleiteten. Halb bekleidet erreichte, wer es schaffte, im Laufschritt die Ausgänge des Schauplatzes und wir stellten uns für das Appellritual auf dem Platz in fünf Reihen auf. Irgendjemand musste naturgemäß der Letzte sein und unvermeidlich waren es immer die Gleichen: Die Schwächsten und vom Hunger am meisten Erschöpften. Diese Unglückseligen wurden, zusätzlich zu den Stockschlägen, die sie im Innern des Lagers einstecken mussten, an den Türen, die auf den Hof führten, mit dem Klang von Latten empfangen (Reste alter Verpackungskisten), die man auf ihrem Rücken zerschlug wie dünne Zweige. Aber die schlimmste Strafe würden diese Verlorenen bei der Verteilung der Marken für die tägliche Verpflegungsration erhalten. Leider waren immer die Selben zu spät dran, ihre Erschöpfung wurde von den diensthabenden SS-Leuten fehlgedeutet und als Sabotage interpretiert, und für diesen Tag würden sie keine Essenmarken erhalten. Ihr Todesurteil war somit gesprochen. In kürzester Zeit würden sich diese armen Jungen bei dem Ruf "Aufstehen" nicht mehr von ihrem Lager erheben können, der Tod durch Hunger und Erschöpfung würde sie der Welt der Lebenden entführen. Dies geschah in der REIMAHG meistens während der häufigen Kontrollen, wenn jemand nicht zum Appell erschien oder von irgendeinem nazi-faschistischen Befehlshaber als zu uneffektiv bei seiner Arbeit eingeschätzt wurde. Wie bereits gesagt, nicht alle Tage waren gleich, Vieles hing von der Laune ab, mit der der Lagerführer aufwachte, ein anderes Mal vom Grad der Grausamkeit der diensthabenden SS-Leute oder von einem fanatischen Aufseher bei der Arbeit, der aus Übermaß an Eifer nazi-faschistisch war (zu unserem Glück gab es von Letzteren nur wenige). Der Großteil der Todesfälle wurde durch Erschöpfung aufgrund von Hunger verursacht. Um vom Arbeitsdienst befreit zu werden und als Patient auf die Krankenstation zu kommen, musste man Fieber, Brüche oder schlimme Verletzungen haben, alles andere wurde nicht anerkannt. Wer also begann, vor Hunger einzugehen, hatte keine Hoffnung mehr je herauszukommen, dessen Todesurteil war gesprochen und endgültig. Diesen bedauernswerten Unglückseligen wurde geholfen, oder vielmehr wurden sie von stärkeren Kameraden zur Arbeit geschleppt, in der Hoffnung sie würden sich wieder erholen; oftmals flehten sie, ihrem Schicksal überlassen zu werden, damit der Tod früher einträte und sie von den unmenschlichen Qualen befreite, welche sie nicht mehr in der Lage waren zu ertragen. So gut wie nie kamen sie wieder zu Kräften, der Tod kam für sie wie eine Befreiung. Von Januar 1945 an ereigneten sich im Rosengarten jeden Tag Todesfälle aufgrund von Hunger. Wir waren mittlerweile alle von einem mehr oder weniger hohen Grad an Unterernährung betroffen. Mitte Februar bekam ich plötzlich Typhus, ich glaubte bereits, auch mir habe das letzte Stündlein geschlagen; vielleicht war es aber auch meine Rettung. Ich wurde ins Lazarett von Hummelshain aufgenommen. Auf einem LKW inmitten von Säcken verschiedenen Inhalts hatte ich über 40° Fieber. Sergio Mussone (Fortsetzung in der nächsten Ausgabe) Bildunterschrift: Das Lager nach einer Zeichnung eines nach Theresienstadt deportierten Kindes. Vierter Zeitungsartikel (4) Dramatischer Augenzeugenbericht über die nationalsozialistischen Konzentrationslager (2) Zum Essen gezwungen schöpfte ich neuen Lebensmut Die Erfahrungen Sergio Mussones aus Vigliano in den Konzentrationslagern in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs. Nachdem ich in Hummelshain ausgeladen worden war, stellte man mich unter eine Dusche, unterzog mich einer ausführlichen Desinfektion (wir waren alle über und über mit Läusen bedeckt), zog mir einen ziemlich langen, groben Kittel an und lieferte mich in eine Baracke ein, wo ich die ganze Zeit der einzige Italiener blieb, die anderen waren alle Belgier oder Franzosen. Als ich mich umsah, bekam ich beinahe die Gewissheit, dass ich nicht mehr lange leben würde, alle Patienten waren nur noch menschliche Gespenster. Es verging kein Tag, an dem nicht einige Patienten als Leichen herausgetragen wurden. Trotz allem lebte ich weiter. Von einer russischen Ärztin ermutigt und von ihr zum Essen auch der wenigen Brühe gezwungen, die für diejenigen gedacht war, die bald sterben würden, schöpfte ich die Hoffnung zu überleben. Im Verlauf meines Aufenthalts schloss ich Freundschaft mit zwei sehr jungen Krankenschwestern des Deutschen Roten Kreuzes. Diese beiden jungen Mädchen und die russische Ärztin erschienen mir wie drei Engel. Ihre Hilfe, ihre Ermutigungen, ihr Verständnis werde ich nie vergessen können. Währenddessen ging es mir nicht in den Sinn, dass es in Kahla entsetzliche SS-Leute und ruchlose Nazi-Faschisten gab, die uns auf Befehl ihrer faschistischen Kommandanten zu lebenden Skeletten gemacht hatten. Während hier diese tapferen zwei jungen deutschen Krankenschwestern alles in ihren Möglichkeiten Stehende taten, uns unsere Leiden zu erleichtern und uns viel Hoffnung zu geben, dass wir eines Tages unsere Lieben wieder in die Arme schließen und unser Heimatland wiedersehen würden. Genauso langsam, wie das Fieber verschwand, kam ich wieder zu Kräften, es waren die letzten Tage im März. Eines Morgens um sechs Uhr während der täglichen Visite wurde mir gesagt, dass ich innerhalb einer Stunde das Lazarett verlassen müsse, um nach Kahla zurückzukehren. Mehr als 40 Tage waren vergangen, ohne dass ich den großen Raum verlassen hatte, draußen gab es ein leichtes Schneegestöber. Ich fragte, ob ich wieder mit dem LKW zurückgebracht würde, sie sagten mir, dass ich zu Fuß zurückgehen müsste, dass ich mich darauf einrichten sollte, es wäre egal, wann ich in Kahla ankäme, ich müsste nur, bei meiner Unversehrtheit, vor Anbruch der Nacht da sein. Sie gaben mir Kleidung von Soldaten verschiedener Herkunft. Bevor ich Hummelshain verließ kamen die beiden jungen Krankenschwestern zu mir und wünschten mir Glück, und vor allem sagten sie, ich solle guten Mutes sein, mich nicht unterkriegen lassen und mich aufmuntern, sie gaben mir ein kleines Bündel, das Brot, Butter und Marmelade enthielt, es war Monate her, dass ich solch eine Fülle gesehen hatte. Ich machte mich auf den Weg nach Kahla, eine beißende Kälte und das anhaltende Schneegestöber ließen mir Zweifel darüber kommen, ob ich es bis Rosengarten schaffen würde, die Angst vor möglichen SS-Leuten, die mir auf der Straße hätten begegnen können, mit unbekannten Absichten was mich anging, erleichterte mir den Weg nicht gerade. Der Wille meine Lieben in Italien wiederzusehen und die zwei lächelnden Gesichtchen der beiden deutschen Rot-Kreuz-Helferinnen, die mir im Lazarett von Hummelshain so sehr geholfen hatten, kamen mir zur Hilfe. Währenddessen begann die Sonne wieder zu strahlen. Noch vor Sonnenuntergang erreichte ich die Krankenstation von Rosengarten. Nach zwei Wochen und nicht wenigen aufreibenden Erlebnissen kam der Morgen der Befreiung! Sergio Mussone Bildunterschrift: Zeichnung eines in Theresienstadt gefangenen Kindes. • Mussone, Sergio, Fragebogen übermittelt mit Hilfe der Associazione Nazionale Ex Internati (A.N.E.I.) [Nationale Vereinigung der ehemaligen Internierten]. 1. Schreiben Sergio Mussone, übersandt über den A.N.E.I. Sergio Mussone Brief Vigliano Biellese, 19.7.2007 Ich, der Unterzeichner SERGIO MUSSONE, ehemaliger Internierter im Luftfahrts-Industriekomplex REIMAHG, gelegen in Kahla in Thüringen, übergebe der Redaktion von "Noi del Lager" ("Wir waren im Lager") meine Erinnerungen zu dem Zweck, dem deutschen Forscher Marc Bartuschka von der Universität Jena antworten zu können, der eine entsprechende Anfrage gestellt hat. Es handelt sich um vier Kopien meiner Texte aus einer Zeitung von vor einigen Jahren. In der Hoffnung, dass sie von Nutzen sein können, damit die Jugend nicht vergisst. Mit den allerherzlichsten Grüßen, SERGIO MUSSONE Sergio Mussone Via della Spanna, 1 13856 VIGLIANO BIELLESE (BI) Lieber Herr Bartuschka, ich grüße Sie und hoffe, so gut es geht auf Ihre Fragen antworten zu können. Es hat mich sehr gefreut, dass Sie sich für meine Erinnerungen an das, was ich in Ihrem Land erlebt habe, interessieren. Deutschland hat in historischer Hinsicht schon immer eine starke Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Ich bin immer wieder zurückgekehrt, solange es meine Gesundheit noch erlaubte. Ich habe immer große Herzlichkeit und Freundschaft erlebt und habe die schnelle und bedeutende Erholung von den Wirren des Krieges feststellen können. Wie alt sind Sie eigentlich? Ich werde mich immer an die Hilfe erinnern, die mir durch Zivilisten und die deutsche Bevölkerung bei meiner Rückkehr nach Italien zuteil wurde. Ich bitte Sie, mir ein Kopie Ihrer Forschungsarbeit zuzuschicken, wenn Sie sie abgeschlossen haben. Die ehemaligen Gefangenen des Lagers “Rosengarten” wussten absolut nichts von den anderen Lagern oder den anderen Arbeitsstellen der REIMAHG. Was wissen Sie darüber? Ich würde mich freuen, wenn meine aktuellen Angaben für Ihre Forschungsarbeit bei Ihnen verblieben. Hochachtungsvoll, Sergio Mussone via della Spanna 1 13856 Viellano Biellese BI Italien 29.11.2007 Die Antworten Herrn Mussones auf den Fragebogen: 1. Die Zeitung, in welcher meine Artikel veröffentlicht wurden, hieß “Baita”, eine wöchentlich in Viellano Biellese und “Valsesiano” erscheinende Zeitung. Mittlerweile gibt es sie aber seit mehreren Jahren nicht mehr. Meine Artikel wurden in vier Ausgaben zwischen dem 20.06.1985 und dem 24.10.1985 veröffentlicht. 2. Die Deportation begann in Mailand und führte über Erfurt und Kahla. Die Umstände waren der Zeit entsprechend normal. 3. Ich erinnere mich nicht mehr genau daran, was es zu den zwei mal täglich im Lager ausgegebenen Mahlzeiten gab, und auch nicht, wie groß die Tagesration war. Ich erinnere mich nur daran, dass im Laufe der Zeit alles weniger und die Rationen immer kleiner und schlechter wurden. 4. Wenn es wirklich dringend war, wurden Decken und Kleidung austeilt. Deren Zustand war der damaligen Zeit entsprechend. Es gab keine Möglichkeit, seine Kleidung zu waschen. 5. Die Wachen wandten nur selten Gewalt an. 6. Die Wachen im Lager “Rosengarten” und bei der Arbeit waren alles Deutsche. 7. Ja, ich habe auch mit Angehörigen anderer Nationen zusammengearbeitet: Russen und Franzosen. Die Russen machten den Eindruck armer aber gutmütiger Menschen. Die Franzosen wirkten ein wenig überheblich. 8. Ja, ich hatte den Eindruck, die Russen und wir Italiener würden am Schlechtesten behandelt. Auch die Art der Arbeit war unterschiedlich. Wer für den Bau der Startbahn auf dem Walpersberg zuständig war, wurde schlechter behandelt als die Tunnelbauer. 9. Ja, sie zahlten uns ein gewisses Gehalt. Das reichte aus, um sich etwas davon zu kaufen. Im Lager gab es allerdings nur wenig zu kaufen. 10. Zwischen uns Gefangenen und der Bevölkerung fand praktisch kein Handel statt. Während der ersten zwei Monate unserer Gefangenschaft gingen einige von uns, auch ich, für ein paar Stunden bei den Bauern der Gegend arbeiten. Sie bezahlten uns dafür in Naturalien oder anderen nützlichen Dingen. 11. Die meisten Deutschen reagierten gleichgültig. Ich habe selten gewalttätige Übergriffe mitbekommen. 12. Ja, ich war auch bei anderen Gelegenheiten Zeuge von Gewalttätigkeiten der Wachen, aber mittlerweile habe ich die Einzelheiten vergessen. 13. Zwischen uns Italienern vom “Rosengarten” gab es ein starkes Gefühl von Solidarität. Es bestand nur eine minimale Gefahr, von den Mitgefangenen verraten zu werden. 14. In den ersten zwei Monaten gab es nur wenige Fluchtversuche. Wer erwischt wurde, wurde soweit ich weiß einen ganzen Tag lang mit erhobenen Händen an eine Pfahl gebunden und dann in das Lager “O” gebracht, wo eine eiserne Disziplin herrschte und man während der Arbeit geschlagen wurde. Nur Wenige sind aus dem Lager “O” zurückgekehrt. 15. Im “Rosengarten” gab es Versuche, Gefangene als Soldaten für Deutschland zu rekrutieren, doch das Ergebnis fiel äußerst mager aus. 16. Zum Glück verbrachte ich die letzten rund 40 Tage mit Typhus im Lazarett Hummeslhain, ich vermute auf Veranlassung eines alten Marschalls des Deutschen Roten Kreuzes, der auf der Krankenstation der Baustelle arbeitete. Eines morgens gegen sechs Uhr sagten sie mir, ich müsse allein zum “Rosengarten” zurückkehren. Ich machte mit Sorgen, da ich mich noch sehr schwach fühlte. Ich fragte sie, wie ich die zehn, zwölf Kilometer alleine zu Fuß schaffen sollte. Sie antworteten mir, ich hätte den ganzen Tag Zeit (vgl. meinen Bericht in der Zeitung über die beiden Krankenschwestern). Ich habe es geschafft. Die Verhältnisse im “Rosengarten” hatten sich grundlegend geändert, die Gefangenen waren vollkommen erschöpft, halb verhungert und sehr viele waren krank, nicht wenige bereits gestorben. Siehe auch Krankenlisten 17. Nein. (Frage nach gewaltsamer Evakuierung) 18. Die in Kahla internierten italienischen Zivilisten wurden aus dem Tal von Bleiloch in einer Kolonne von etwa 3.000 Arbeitern evakuiert, die zum größten Teil aus Italienern bestand. Am zweiten Tag wurden wir auf unserem Marsch in der Dämmerung gerade in dem Moment von amerikanischen Jagdbombern angegriffen, als der deutsche Armeelaster kam, von dem aus Brot an uns verteilt werden sollte. Viele von uns wurden getroffen. Ich nutzte das entstandene Durcheinander aus und floh von der Kolonne in den Wald. Nach ungefähr einer halben Stunde traf ich zwei Gefährten, mit denen ich schon im Lager befreundet gewesen war: Wir blieben zusammen, bis wir in Italien ankamen. Zwei Tage liefen wir durch die Wälder Richtung Süden und wagten uns nur manchmal in die Nähe von Bauernhäusern, um nach etwas zu Essen zu fragen. Wir wurden immer freundlich empfangen. Am dritten Tag trafen wir auf einen Zug deutscher Zivilisten, alles alte Frauen und Kinder. Wir schlossen uns ihnen an und versuchten denen zu helfen, denen es noch schlechter ging als uns. Sie waren auf dem Weg nach Saalfeld. Nach einem Tag verließen wir sie wieder und machten uns auf Richtung Hof. Wir hatten bereits die ersten amerikanischen Panzerfahrzeuge gesehen, die Befreiung war da! Mein Gesundheitszustand war einigermaßen gut im Vergleich zu allen Anderen aus dem “Rosengarten”. Das war nur eine Folge meiner Typhuserkrankung und der damit verbundenen Erholungszeit im Lazarett von Hummelshain, zumal ich in der Zeit nicht arbeiten musste und das wenige Essen, das wir im Lazarett bekamen, garantiert besser war als die Verpflegung im “Rosengarten”. 19. Nein. (Bekannte o. Verwandte im Lager, Tote unter diesen) 20. Die Befreiung durch die Amerikaner lief ziemlich chaotisch ab, jedenfalls in Thüringen, wo ich damals war. In den ersten ein, zwei Tagen sah man keine deutschen Zivilisten mehr auf den Straßen. Dann ließen sich die ersten Frauen und Kinder wieder blicken, denen die Amerikaner Lebensmittel und Süßigkeiten zuwarfen. Die Deutschen benahmen sich äußerst würdevoll. Sie schienen überzeugt, dass es für sie bald wieder bergauf gehen würde. 21. Nein. (Verhaftung von Wachleuten) 22. Am 16.6.1945 kehrte ich in meine Geburtsstadt Biella 70 km nördlich von Turin zurück, die glücklicherweise nicht bombardiert worden war. Ich konnte endlich wieder meine Familie in die Arme schließen, die sich bester Gesundheit erfreute. Vigliano Biellese, 3. 7. 2008 Werter Herr Bartuschka, Auf Ihr Schreiben vom 11. 2. antworte ich mit einiger Verspätung, die den Heften geschuldet ist, die sie mir geschickt haben; durch sie habe ich von einer Realität erfahren, die mir nur zum Teil bekannt war. Obwohl ich zu der ersten, ungefähr 20 Mann zählenden Gruppe von Italienern gehört habe, die für die REIMAHG in Kahla bestimmt waren und wir für eine kurze Zeit soviel Freiheit genossen, dass wir auch ins Zentrum von Kahla laufen konnten, habe ich nie erfahren, dass dort bereits andere Italiener lebten, dass es den „Thüringer Hof“ gab, der vielleicht Italiener beherbergte, die vor dem Fall des faschistischen Italien in Deutschland gearbeitet hatten. Von den anderen Lagern in der Nähe des Walpersbergs und des Leubengrunds wusste ich. Ich habe immer im Lager „Rosengarten“ gelebt, vom Nachmittag des 11. April 1944 bis zum Abend des 11. April 1945, des Tages der Evakuierung, ausgenommen die Zeit, während der ich wegen Flecktyphus in Hummelshain behandelt wurde. Aus dem, was Sie mir geschickt haben, habe ich viel darüber erfahren, wie die in den anderen Lagern internierten behandelt wurden, viel strenger und grausamer als wir im Lager Rosengarten. Ich glaube, das lag an der großen Nähe zum Zentrum Kahlas. Wir aus dem Lager Rosengarten haben immer in den Tunneln gearbeitet, die verbreitert werden sollten oder in ihrer Nähe; am meisten hatten wir mit ein paar kleinen Gruppen von Russen Kontakt, die Internierten aus den anderen Lagern kannten wir überhaupt nicht. Danke, dass Sie sich für meine Gesundheit interessieren. Leider verschlechtert sie sich seit ein paar Monaten ein wenig, seit 30 Jahren bin ich vollkommen taub und jetzt leide ich an einem beidseitigen Meniere-Syndrom, also bin ich nicht mehr in der Lage, alleine zu laufen. Ich bin 85 Jahre alt und kann mich nicht beklagen, zumal mir meine Frau hilft und mich pflegt, die sehr fähig ist und sich zum Glück einer guten Gesundheit erfreut. Wenn Sie mir noch Fragen stellen möchten, würde ich mich freuen, Ihnen zu antworten. Ich danke Ihnen für alles und grüße Sie herzlich. Ich füge ein Foto bei, das ich gemacht habe; es zeigt die Berge und die Landschaft, wo ich geboren bin. Sergio Mussone Brief Sergio Mussone Vigliano Biellese; 25.7.2008 Lieber Herr Bartuschka, Ich antworte Ihnen auf Ihre vier Fragen, die Sie mir in dem Brief gestellt haben, über den ich mich gefreut habe: 1) Ich erinnere mich, dass der Leiter des Lagers Rosengarten während der ersten beiden Monate unserer Gefangenschaft sehr tolerant war, was die Disziplin betraf, die er von uns erwartete, aber mit der Zeit und nach dem Attentat auf Hitler wurde er strenger und war nicht mehr so nachsichtig. 2) Ja, es gab innerhalb des Lagers einen Schwarzmarkt, es wurde mit allen möglichen Sachen gehandelt, aber ich hütete mich, da mitzumachen. 3) Nach einem zwei Tage dauernden Marsch, auf dem wir uns von Kräutern ernährt und das Wasser aus den Pfützen getrunken hatten, ließ man die lange Kolonne von Evakuierten aus dem „Rosengarten“ und anderen Lagern in der Nähe einer großen Freifläche anhalten und aus einem Militärlastwagen sollte an jeden ein Stück Brot ausgegeben werden. Kaum hatte die Verteilung bekommen, wurden wir von tief fliegenden amerikanischen Jagdbombern angegriffen. Ein junger deutscher Soldat riss mich mit sich in einen tiefen Seitengraben, die Kugeln flogen in zwei Metern Entfernung an uns vorbei. In dem allgemeinen Tumult, der in der Kolonne herrschte, dachte ich nur daran, zu fliehen, ich habe dem jungen deutschen Soldaten nicht einmal gedankt, der mir vielleicht das Leben gerettet hat. Während der ersten Tage unseres Marsches habe ich gesehen, wie einige deutsche Wachen erschöpfte Gefangene schlugen, vielleicht haben sie sie auch getötet. Ich muss aber auch sagen, dass andere, wenn auch wenige, uns ermutigten und uns halfen, soweit sie konnten (viel konnten sie nicht ausrichten). 4) Ich hatte nie Kontakt mit der Hitlerjugend Leider hat sich meine Gesundheit nicht verbessert, an einem Tag geht es einigermaßen gut, am nächsten schlechter, mein Leiden ist nicht heilbar. Meine Frau erwidert Ihre freundlichen Grüße. Auch ich grüße Sie herzlich und wünsche Ihnen alles Gute. Sergio Mussone Saale-Holzland-Kreis Landratsamt Kreisarchiv Jugendwerkhof Hummelshain Auszug Brief Sergio Mussone, Via per Ronco 27 – Vigliano Biellese, 16. Okt. 1979 Lieber Manfred! …Ich kam in Kahla am 10.4.1944 mit der ersten Gruppe der italienischen Deportierten an. Im März 1945 erkrankte ich an Typhus und wurde in Hummelshainer Spital eingeliefert. Der Aufenthalt in Hummelshain war viel angenehmer als der in Kahla. Wir mussten da in den Tunnels der REIMAHG in Grosseutersdorf zwangsarbeitern. Täglich starben die Kranken im Spital, aber man wollte trotzdem so lange wie nur möglich da bleiben, um nicht wieder in Raimahg zurückzumüssen. Von hier aus wurde man nämlich auch bei einer geringen Nichteinhaltun (sic) der Disziplin zur Zwangsarbeit nach Buchenwald verschickt, wo die Internierten bekanntlich vernichtet wurden. Auszug Brief Sergio Mussone, Via per Ronco 27 – Vigliano Biellese, 29. 12. 1979 Lieber Manfred! …Während meines Aufenthaltens in Kahla konnte ich feststellen, dass viele deutsche Frauen, Männer und Soldaten nichts zu tun hatten mit dem Nazismus und mit den SS und diesbezüglich kann ich dir erzählen, was mir zu Weihnachten 1944 passiert ist. Ich sprach schon damals etwas deutsch; es waren damals nur drei Italiener unter 700-750, die im Lager von Kahla etwas deutsch sprachen. Ich wurde deshalb im Werkzeuglager eingesetzt und musste manchmal auch eine Stunde länger arbeiten, als die anderen, um die Werkzeuge in Ordnung zu bringen. Ich ging also oft nicht in der Reihe mit den anderen zurueck nach Kahla, sondern etwas spaeter, ganz allein. An so einem Abend, als ich ganz allein auf dem Weg nach Kahla war, hörte ich eine Frauenstimme, die mich leise rief und mir sagte: „Du, italienischer, komm, nimm diesen Apfelkuchen. Es ist ja Weihnachten! Mein Sohn ist Soldat in Italien, er war in Montecassino und nach den schweren Kämpfen dort unten habe ich gar keine Nachricht mehr von ihm erhalten. Vielleicht wird er auch einen guten Menschen finden, der ihm hilft, wenn er noch am Leben ist. Verstecke den Kuchen unter den Mantel und verschwinde, bevor uns die Polizei sieht!“ Die Frau liebkoste mich zärtlich und wünschte mir viel Glück. …Er schreibt er habe bei seinem Besuch in Kahla vor 4 Jahren versucht (leider vergeblich), das kleine Haus wo sie damals wohnte zu finden um sie und ev. ihren Sohn wieder zu sehen. Er habe andere Deutsche wiedergesehen, die damals freundlich zu ihm gewesen sind und ihm mit Kleinigkeiten (viel konnten sie natürlich nicht für uns tun) geholfen haben.

Quellen und Nachweise

  1. Fragebogen und Erinnerungsbericht Sergio Mussone im Quellenbestand Zwangsarbeiter