Zeitzeugnis
Zeitzeugenaussage Pieter Braaksma
Biografischer Erinnerungsbericht über Haft, Buchenwald, Kahla und Befreiung.
Forschungsstand dokumentiert
Forschungsdatensatz
Dokumentierte Angaben
- Person
- Pieter Braaksma
- Rolle
- Zwangsarbeiter
- Ort
- Kahla
- Zeitraum
- 1944
Überlieferung und Kontext
Pieter Braaksma
Quelle: http://vuurvink.ewi.utwente.nl:8080/Buchenwald/
23.02.2009 12.00 Uhr
Geboren am 2. August 1923 in Rotterdam
Männlichen Geschlechts
Beruf ?
Grund der Inhaftierung: Razzia
Datum der Inhaftierung: Anfang Oktober 1943
Aufenthalt in Buchenwald: April 1944 - ???
Herr Braaksma erzählt, dass er, nachdem er die Höhere Bürgerschule abgeschlossen hatte,
gerne zur See fahren wollte. Wegen seiner schlechten Augen wurde er aber ausgemustert. Er
beschloss daher, zu studieren, und entschied sich für die Richtung Architektur an der Höheren
Technischen Lehranstalt. Durch den Krieg ging es bergab. Um nicht den Deutschen in die
Hände zu fallen, arbeitete er in der Besetzungszeit ein paar Jahre bei der Modellbauerei des
Rotterdamer Lloyd. Auch machte er viel Musik. Er trat häufig mit einer Band auf.
Braaksma erinnert sich, dass er sich in der Innenstadt von Rotterdam, auf dem Goudse Singel,
aufhielt, als der Krieg ausbrach. Rotterdam wurde bombardiert. Er floh auf dem Fahrrad. Um
den Kugeln auszuweichen, duckte er sich auf den Boden. Es war schrecklich, aber er
überlebte.
Danach erzählt er von dem Tag, an dem er verhaftet wurde. Er hatte eine Verabredung mit
einem Mädchen; zusammen mit einem Freund und einer Freundin von ihr. Als die Mädchen
nicht auftauchten, gingen Braaksma und sein Freund weg. Als sie um eine Ecke bogen, sahen
sie, dass dort eine Razzia stattfand. Braaksma wurde angehalten und gefilzt. Er hatte zwei
Exemplare von Vrij Nederland bei sich. Er bekam immer mal welche von einem Freund und
gab sie an Familie und Freunde weiter. Aber gehörte nicht dem Widerstand an. Das war nichts
für ihn. Es schien ihm nicht sinnvoll: Eine Anzahl Widerstandsaktionen hatten zu
Repressionen geführt. Er erlebte die Besetzung als schlecht. Mit einer Clique hatte er sich ab
und zu mit NSB-Leuten geprügelt und war immer entkommen.
Es war Anfang Oktober 1943 als Braaksma bei der Razzia aufgegriffen wurde. Er wurde
verhört. Die Behandlung war grob und rau. Außer den beiden Blättern von Vrij Nederland
hatte er auch noch einen gefälschten Personalausweis in der Tasche. Darin stand, er sei 1925
geboren, statt 1923. Das kam heraus. Er wurde ins Gefängnis Haagse Veer und nach einer
Woche ins Lager Erica in Ommen gebracht. Das war ein schlechtes Lager. Beim Eintreten sah
Braaksma einen großen, mageren Mann, der mit einem Wachmann an der Seite Holz hackte.
Jedes Mal, wenn der Mann umfiel, bekam er einen Tritt, damit er weiter hackte. Auch bei der
Anmeldung wurde hart zugeschlagen. Glücklicherweise betraf das nicht Braaksma selbst. Er
musste dort furchtbar hart arbeiten: Bäume schleppen. Nach ungefähr zwei Wochen wurde er
ins Lager Amersfoort abtransportiert, zusammen mit einer Gruppe vom Grenzschutz. Er
kommt noch kurz auf das Lager Erica zurück. Derjenige, der dort die Leitung innehatte, war
ein ehemaliger Missionar. Abends beim Essen gab es erst eine Minute Stille für die
Gläubigen. Danach hatten die Gefangenen sehr wenig Zeit, um ein paar Bissen zu essen.
Danach wurden alle Teller eingesammelt und die Essensreste bekamen die Schweine.
Braaksma wusste das am ersten Tag noch nicht und hatte, als er seinen Teller abgeben musste,
noch kaum zwei Bissen gegessen. Das Essen war passabel, aber auf diese Weise bekam man
fast nichts runter. Die Wachen im Lager Erica bestanden aus dem so genannten KK –
Kommando Kontrolle – und das waren alles Niederländer. Es gab zwei Sorten Gefangene: die
Grünen, die auch wirklich grüne Gefangenenkleidung trugen, und die Zivilisten. Braaksma
gehörte zu den Zivilisten. Er sah, dass die Grünen von den Wachleuten misshandelt wurden.
Das geschah mit den Zivilisten nicht. Auch wenn ab und an Spielchen mit ihnen getrieben
wurden. Nachdem Braaksmas Mutter seinen Aufenthaltsort herausgefunden hatte, brachte sie
ihm Kleider. Später auf dem Transport von Amersfoort nach Buchenwald litt er darunter, weil
er damals schwach war und seine Koffer selbst schleppen musste.
Braaksma führt seine Erzählung weiter mit der Ankunft im Lager Amersfoort. Zuerst musste
er in den „Rosengarten“. Das war ein etwa zwei Meter breiter Raum vor dem Appellplatz, auf
den alle neuen Gefangenen geschickt wurden. Nach dem Eintreten wurde er desinfiziert und
kahl geschoren und bekam Kleidung. Die Kleidung in Amersfoort bestand unter anderem aus
Uniformen von der Post und der Armee. Wenn jemand Tabak dabeihatte, bekam er Schuhe
anstelle von Holzschuhen. Strümpfe gab es nicht, nur Lumpen. Während der ersten Tage war
das Rundlaufen auf dem Appellplatz die wichtigste Aktivität. Braaksma erzählt, dass er Glück
hatte, dass er in der Baracke neben Van Heek, einem Textilmagnaten, untergekommen war.
Van Heek war sein Bettnachbar und er freundete sich mit ihm an. Als Van Heek freigelassen
wurde, besuchte er die Familie von Braaksma. Er brachte sie auf den neuesten Stand.
Außerdem schrieb er Braaksma einen Brief – den dieser noch immer besitzt – unter anderem
über den Riga-Transport. Braaksma drohte der Transport an die russische Front, doch er
weigerte sich, das zu erkennen.
Braaksmas Erfahrungen im Lager Amersfoort waren schrecklich. Er arbeitete im „Kleinholz“-
Kommando. Mit einem Reisigbesen musste er im Wald kleine Äste zusammenkehren und
anschließend die Häufchen wieder zerstreuen. Seiner Meinung nach war diese Arbeit
ausschließlich dazu bestimmt, um die Menschen zu brechen. Der Wachmann war halb
verrückt. Er schlug, sprang herum und tobte. Auch Braaksma bekam Schläge ab. Aber er hatte
auch Glück. In seiner Baracke lebten Widerständler, die ihm einen Kurs in
Überlebensstrategien gaben. So lernte Braaksma, dass er nicht reagieren durfte, wenn seinem
Nebenmann etwas angetan wurde. Des Weiteren erinnert er sich, dass eines Mittags während
des Wachwechsels zwei Gefangene geflohen waren. Abends beim Appell stimmte die
Zählung nicht. Plötzlich wurden die Hunde auf sie gehetzt. Die geflohenen Gefangenen
wurden gefasst und zurück ins Lager gebracht. Dort wurden sie auf den Appellplatz gelegt.
Einer von ihnen war bereits tot, der andere lag im Sterben. Ein aus der Krankenbaracke
stürzender Arzt wurde zurückgestoßen. Nach dem Appell war auch der andere gestorben.
Dann erzählt Braaksma von einem Juden, der in der Krankenbaracke versteckt war. Er wurde
aufgespürt und in den „Rosengarten“ gesteckt. Mit einem Gewehr in den Händen musste er in
der Hocke sitzen, einen Wachmann an seiner Seite. Wenn er fiel, wurde er getreten bis er
wieder aufrecht war. Die anderen Gefangenen wurden gezwungen, vom Appellplatz aus
zuzuschauen. Auch dieser Mann starb. Das war sehr erschütternd.
Braaksma hatte das Glück, dass er eines Tages in das NSF-Kommando kam. Das war die
Niederländische Signalanlagen Fabrik von Philips. Er konnte in einer Baracke im Sitzen
arbeiten und bekam eine Extramahlzeit. Zuvor hatte er etwa zehn Tage im
Kartoffelkommando gearbeitet. Das war Knochenarbeit. Es musste ein Kartoffelfuhre
gelöscht werden. Weil das nicht schnell genug ging, musste er zum Schluss mit zwei Körben
voller Kartoffeln zur Grube laufen. Das war sehr anstrengend. Die NSF war ein viel besseres
Kommando. Leute aus den schwereren Kommandos, den so genannten Strafkommandos,
versuchten gelegentlich sich zu drücken, indem sie einfach auf der Toilette sitzen blieben.
Aber manchmal wurden die Toilettenblocks mit Knüppeln ausgeräumt. Braaksma hatte das
Pech, dass er einmal genau während einer solchen Ausräumaktion auf der Toilette saß. Auch
er wurde rausgeprügelt und war eine halbe Stunde lang bewusstlos, was man ihm nachher
erzählte. Das NSF-Kommando wurde von Martin, einem Limburger, angeführt. Er hatte einen
guten Kontakt zu den Deutschen und ließ denjenigen, der Braaksma so verprügelt hatte,
ausfindig machen und der wurde dann bestraft. Braaksma hatte noch eine ganze Weile
Schwierigkeiten durch seine Verwundungen. Er erinnert sich, dass er vor seinem Einsatz im
NSF-Kommando Dysenterie bekommen hatte. Er lag eine Woche in der Krankenbaracke. Er
konnte sich auch einmal ein paar Wochen vor der Arbeit drücken, indem er sich nach dem
Appell in den Baracken versteckte, in denen überzählige Betten und andere Dinge
aufgestapelt waren. Eines Tages wurden die Gefangenen auf dem Appellplatz
zusammengerufen und erfuhren, dass ein Transport von etwa tausend Mann nach Riga
zusammengestellt werden sollte, die dort als Frontarbeiter eingesetzt werden sollten. Einer
nach dem anderen wurden sie in ein kleines Büro zu Berg und Kotälla gerufen. Braaksma
sprach sich mit sieben anderen ab, dass sie sich weigern würden, zu unterschreiben. Der erste,
der sich weigerte, wurde heftig geschlagen und in den Bunker abgeführt. Braaksma war die
Nummer drei oder vier. Er musste einen Grund für seine Weigerung nennen. Er gab an, er
könne keine Bomben fertigen, die das Schiff seines Bruders treffen könnten. Sein Bruder fuhr
nämlich auf dem Pazifik. Er durfte gehen und wurde kurze Zeit später nach Buchenwald
transportiert.
Während des Transportes wusste Braaksma nicht, wohin es ging. Der Weg vom Lager
Amersfoort zum Bahnhof war durch die Schlepperei der beiden Koffer voller Winterkleidung
eine Plage. Der Zug war ein Personenzug. Abwechselnd konnten die Gefangenen sogar sitzen.
Der Zug hielt am Bahnhof Hengelo. Dort standen seine Mutter und sein Bruder mit einem
Koffer voll Essen hinter einer kleinen Mauer. Ein niederländischer Polizist nahm den Koffer
unauffällig und warf ihn durch das Fenster zu Braaksma in den Zug. Er verteilte den größten
Teil. Es war ein unvergesslicher Moment.
Mitten in der Nacht erreichten sie Buchenwald. Braaksma vermutet, dass es im April 1944
war. Sie wurden getreten und geschlagen, ausgezogen, völlig enthaart und in ein
Desinfektionsbad voll beißender Dreckbrühe gesteckt. Anschließend bekamen sie
Gefangenenkleidung und eine Nummer. Braaksmas Nummer lautete 47674; in Amersfoort
war seine Nummer die 2445 gewesen. Außerdem bekam er das rote Dreieck der politischen
Gefangenen auf seine Kleidung. Seine Kleidung bestand aus einer gestreiften Jacke und einer
gestreiften Hose und ein Unterhemd. Er wurde in einem Quarantänelager untergebracht. Da
schlief er mit acht Mann in einem Raum, der für vier Personen ausgelegt war. Sie schliefen
jeweils mit dem Kopf an den Füßen des Nebenmannes. Es wimmelte nur so von Flöhen. Sie
saßen auf seinem Kopf, an der Innenseite der Hände und sogar an den Fußsohlen. In den
ersten Tagen wurde er fast verrückt davon, aber später wurde er unempfindlicher. In der
ersten Nacht schlief er nicht, acht Mann in einer Kiste auf etwas Stroh liegend. Im
Quarantänelager musste man nicht arbeiten. Sie mussten nur ab und zu zum Appell antreten.
Nach der Zeit im Quarantänelager musste allerdings doch wieder gearbeitet werden.
Braaksma war im Kommando des Steinbruchs. Das war eine Grube von dreißig bis vierzig
Metern Tiefe. Es gab eine abschüssige Bahn mit Schienen. Die Loren mit den Steinen wurden
von den Juden über die Bahn nach oben geschoben; die anderen Gefangenen schoben die
Loren über den Weg nach oben. Braaksma wurde zu dieser Schieberei eingeteilt. In der Hitze
war diese Arbeit unmöglich.
Nach der Arbeit im Steinbruch arbeitete er an der Bahnstrecke und füllte Loren mit Sand.
Wenn sie vom Kommando zurückkamen, liefen sie durch das Tor mit der Aufschrift „Arbeit
macht frei“. Sie hatten immer einen oder mehrere Tote bei sich. Das waren Gefangene, die
während der Arbeit gestorben waren. Am Tor stand eine Musikkapelle, die fröhliche
Marschmusik spielte. Braaksma fand das äußerst bizarr. Im großen Lager lebte Braaksma in
einer niederländischen Baracke. An die Zeit in der Baracke erinnert sich Braaksma nicht mehr
genau. Aber er erinnert sich sehr wohl an die Toten beim Arbeitskommando, die vielen
Schläge und das Schreien.
Eines Tages wurde Braaksma zu einer Musterung gerufen. Er musste nackt in einen Raum
kommen, in dem ein Mann mit einem Rohrstock stand. Braaksma musste sich bücken, der
Mann betrachtete ihn und er wurde für tauglich befunden. Braaksma wusste anfangs nicht,
wofür. Doch kurze Zeit später wurde er ins Lager Wille bei Tröglitz in der Nähe von Jena
gebracht. Dort wurden Braaksma und die anderen in einer Art Festsaal untergebracht, in dem
hölzerne Betten standen. Sie bildeten ein Kommando, das aus fünfzig Holländern bestand.
Von diesem Lager aus bauten sie ein Zeltlager in der Nähe der Brabag-Fabrik. Zunächst
arbeiteten sie in dieser Fabrik und zogen Kabel. Das war Knochenarbeit. Danach bauten sie
das Lager. Sie mussten eine Große Fläche mit Stacheldraht umzäunen. Abends gingen sie
zurück zu dem Festsaal und bekamen dort Suppe. Einmal war diese Suppe verdorben.
Unterwegs bekam Braaksma davon Durchfall. Er musste weitergehen, durfte nicht anhalten
und ließ einfach alles laufen. Zurück am Schlafplatz konnte er seine Kleider ausspülen und
musste sie danach nass wieder anziehen. Er fühlte sich behandelt wie ein Stück Vieh. Er
erinnert sich auch, dass jemand, der offensichtlich ein Brot gestohlen hatte, von den
Wachmännern derartig verprügelt wurde, dass er ein Auge verlor. Er wurde heftig geschlagen
und Negativbeispiel hingestellt. Die anderen mussten zusehen.
Eines Tages waren dort Zelte hochgezogen worden. Drinnen waren hölzerne Kästen, die auf
Pfosten standen und darin lagen Matratzen. In einem dieser Zelte wurde eine Gruppe
untergebracht, zu der auch Braaksma gehörte. Später kamen viertausend ungarische Juden,
unter denen auch einige in Ungarn geborene Amsterdamer Juden waren. Während der
Bombardierungen begannen sie zu beten. Das fand Braaksma schrecklich. Es war ein
Spektakel wie an der Klagemauer. Er und auch andere konnten nicht zusehen, gingen aus dem
Zelt und setzten sich draußen hin. Braaksma und ein Freund hatten Kontakt zu dem
Blockältesten eines der Zelte. Sie übernahmen kleine Aufgaben für ihn. Da die Holländer
Arier waren, bekamen sie die etwas besseren Jobs. Eines gewissen Tages wurde Braaksma
Vorarbeiter in der Fabrik. Das dauerte nur zwei Wochen an, denn als Vorarbeiter wurde
erwartet, dass er Juden schlug und herumschrie. Das tat er nicht. Doch in diesen zwei Wochen
konnte er etwas Gutes tun. Die Fabrik war bombardiert worden, aber Teile waren verschont
geblieben. An einem Brunnen, wo ein Kommando bei der Arbeit war, gab es ein Labor mit
Glaskästen voller prächtiger kupferner Instrumente. Da dort wenig bewacht wurde, nutzte
Braaksma seine Chance und schlug das alles kurz und klein. Das fühlte sich herrlich an!
Braaksma erinnert sich, dass sie einmal beim Appell standen und dass dabei jemand vermisst
wurde. Es war ein vierzehnjähriger Junge, der sich in der Fabrik versteckt hatte. Er wurde
geschnappt und bekam auf dem Appellplatz fünfzig Stockhiebe. Dann war er tot. Auch
diesmal mussten die anderen zuschauen.
Aus dem Zeltlager mussten die Juden ein steinernes Barackenlager bauen. Als das fertig war,
wurde das gesamte Lager in dieses Barackenlager gebracht. Zu dieser Zeit bekam Braaksma
eine Ohrentzündung. Er erzählt, dass er nachts auch einmal furchtbare Zahnschmerzen hatte.
Er stand auf und lief zur Krankenbaracke. Da stand eine ganze Reihe Juden. Sie ließen
Braaksma vor, was er anfangs nicht wollte, bis der Schmerz zu heftig wurde. Mit einer
Beißzange wurde sein Zahn gezogen. Nochmals Bezug auf seine Ohrentzündung nehmend
erzählt er, dass es in den steinernen Baracken keine medizinische Versorgung gab. Er lag
nachts wach und hatte schreckliche Schmerzen. Es ging zwar vorbei, doch er hat heute noch
Beschwerden wegen seines Ohrs.
Nachdem sie einige Zeit in dem Barackenlager gehaust hatten, wurden die Niederländer nach
Buchenwald zurückgeschickt. Braaksma weiß nicht mehr viel von dieser Zeit. Aber er kann
sich erinnern, dass er für kurze Zeit mit einem Freund, Gerard Maisan (Schreibweise
unbekannt), in das Lager E geschickt wurde. Das war ein Erziehungslager. Er war damals
ziemlich krank, musste aber trotzdem arbeiten. Er war gerade dabei, Loren zu beladen, als er
zusammenbrach. Er kam auf einer Bahre wieder zu sich, aber sein Freund flüsterte ihm zu, er
solle liegen bleiben. Er kam in die Krankenbaracke, wo ein tschechischer Arzt Herzschwäche
diagnostizierte. Er wurde dann in einer Art kleiner Krankenbaracke untergebracht. Da gab es
mehr Läuse als Menschen. Die Kleider, die er trug, schienen lebendig vor Läusen. Es kam
niemand, außer seinem Freund, der ihm Essen brachte. Auch ein Pfleger kam gelegentlich,
um zu hören, wie es ihm ging. Braaksma war einer von wenigen, die antworteten, da er
Deutsch sprach. Auf diese Weise kam er ein wenig in Kontakt mit den Pflegern. Eines Tages
kam jemand von der Organisation Todt. Braaksma hörte, dass es ein Rotterdamer war, und
sprach ihn an. Der Mann musste die Leichen abholen und wegbringen und erzählte ihm, dass
diese in die Schlucht geworfen würden. Ein anderes Mal kam eine Art Krankenpfleger und
bat Braaksma, seine Decken zu nehmen und mitzukommen. Draußen stand ein Lastwagen mit
Stroh. Braaksma und einige andere kletterten auf den Laster. Dieser fuhr mit ihnen in die
Berge. Es war fürchterlich kalt. So kam er in eine echte Krankenbaracke mit Schwestern vom
Roten Kreuz. Das war in der Umgebung von Hummelshain. Es war ein Schloss mit Baracken
drum herum. Für Braaksma war das der Himmel. Er wurde entlaust, desinfiziert, in ein Bad
gesteckt, bekam andere Kleider und wurde in ein Bett gelegt. Er wurde von einem
holländischen Arzt behandelt und blieb hier einige Zeit.
Er vermutet, dass er nach seiner Genesung wieder in das kleine Lager zurückkam. Das war
kurz vor der Befreiung. Er erinnert sich, dass dort plötzlich keine Deutschen mehr waren. Die
Gefangenen wurden ihrem Schicksal überlassen. Braaksma weiß nicht mehr genau, wie er
zurückgekommen ist. Er vermutet mit einem Lastwagen. Unterwegs sah er militärische
Aktivitäten: Panzer, Wagen und den Volkssturm. Da steckte nicht mehr viel dahinter.
Braaksma und andere hatten das Lager verlassen, weil es dort nichts mehr zu essen gab.
Unterwegs gingen sie in eine Küche, um noch etwas zu essen zu suchen. Alles war verdorben.
Draußen wurde geschossen. Plötzlich sahen sie eine Reihe Amerikaner in ihre Richtung
kommen. Sie bekamen Zigarettenpäckchen und Kekse. Danach wurden sie in einem Lager
untergebracht. Aus dem Dorf wurden Menschen rekrutiert, um die Lager aufzuräumen.
Braaksma sah nun, dass genau das geschah, was ihm angetan worden war. Das machte nichts
wieder gut und er hatte keine gute Meinung mehr von der Menschheit. Eines Tages kam ein
Jeep angefahren und hielt. Weil Braaksma Englisch sprach, wurde er gebeten zu übersetzen.
So kam es, dass er zwei Wochen als Dolmetscher arbeitete. Er bekam Milch, zusätzliches
Essen und erholte sich. Es ist Ironie, dass er danach noch Flecktyphus bekam und ernstlich
krank wurde. Er blieb einige Wochen im Krankenhaus, um wieder gesund zu werden. Zurück
in den Niederlanden wog er nur noch neunundvierzig Kilo. Er fuhr mit einem Güterzug nach
Hause.
Der Empfang in den Niederlanden war anfänglich gut. Er gelangte zunächst in einen kleinen
Grenzort, von dem aus er nicht weiterkam. Er wurde erst in einer Kirche und danach bei einer
Familie untergebracht. Er besuchte dort die Familie eines Jungen, der in der Küche des
Judenlagers gearbeitet hatte und, eine Woche bevor Braaksma auf Transport ging, gestorben
war. Nach einer Woche konnte Braaksma nach Hause fahren. Er ließ sich einige Straßen von
seinem Zuhause entfernt vom LKW absetzen und ging zum Haus eines Freundes. Er wollte
nicht so unvermittelt hereinschneien. Sein Freund bereitete seine Familie vor und so wurde er
zu Hause fantastisch empfangen. Die Situation zu Hause war gut. Sie hatten immer genug zu
essen gehabt. Seine Brüder schienen im Widerstand aktiv gewesen zu sein. Der Hausarzt von
Braaksma, der mit der NSB kollaboriert hatte, weigerte sich, ihm zusätzliche Essensmarken
zu geben. Es dauerte ein Jahr, bis Braaksma wieder auf der Höhe war. Er lebte in der Zeit auf
einem Bauernhof. Danach nahm er sein Leben wieder in die Hand und ging wieder zur HTS
(Höheren Technischen Schule). Er schloss die Ausbildung nicht ab, sondern tat sich mit
einem Freund zusammen, der ein eigenes Geschäft aufmachte.
Durch seine Lagervergangenheit ist Braaksma sehr misstrauisch gegenüber anderen
Menschen geworden. Er sucht sich die Menschen genau aus, mit denen er gut umgehen kann
und denen er vertraut. Aber der Argwohn bleibt. Er fragt sich oft, wie der andere unter
bestimmten Umständen handeln würde.
Dann kommt er nochmals zurück auf seine Zeit in Buchenwald. Er bekam einmal den
Auftrag, die Wäsche auf Lastwagen zu laden und sie aus dem Lager zu bringen. Die Absicht
war, dass zwei Wachmänner und zwei Gefangene mitfahren sollten. Stattdessen nahmen die
Wachen vier Gefangene mit, von denen sich zwei versteckten. Die Wachmänner waren
Deutsche und hießen Heinz und Karl. Der eine hatte eine Augenklappe und der andere ein
kaputtes Bein, mit dem er schlecht laufen konnte. Sie hielten unterwegs bei Obstbäumen an,
um die Gefangenen etwas Zusätzliches essen zu lassen. Sie gaben ihnen auch Brot. Diesen
Wachen verdankt Braaksma, dass er ein paar Wochen aus dem Elend des Lagers heraus war.
Braaksma betont, dass nicht jeder Deutsche schlecht war. Diese beiden haben Braaksma
vielleicht die paar Wochen durchhalten lassen, die nötig waren.
Quellen und Nachweise
- zeitzeugen_komplett_ocr.pdf