Zeitzeugnis
Zeitzeugenaussage Philemon Loddewijckx
Ausführliches Interview über Verhaftung, Lager E, Schweißarbeiten und Befreiung.
Forschungsstand dokumentiert
Forschungsdatensatz
Dokumentierte Angaben
- Person
- Philemon Loddewijckx
- Rolle
- Zwangsarbeiter
- Ort
- Walpersberg / Kahla
- Zeitraum
- 1944–1945
Überlieferung und Kontext
«Die Zeit in Kahla war kein richtiges Leben gewesen, sondern eher ein
Kampf ums Überleben.»
P h i l e mo n L o d d e w i j c k x
An einem sonnigen Nachmittag habe ich mich mit Philemon Loddewijckx in Holsbeek getroffen.
Er ist ebenfalls ein Gefangener des Lager E gewesen.
Philemon verfügt über ein phänomenales Gedächtnis; er spricht über seine Gefangennahme, als
ob es erst gestern gewesen wäre. Diese unmenschliche Zeit wird er wohl nie aus seinem
Gedächtnis streichen können.
«Am 24. Juli 1944 wurde ich inhaftiert. Etwa 1 % 2 Jahre zuvor wurde ich einberufen, um in
Deutschland Zwangsarbeit zu leisten. Wie auch immer, ich bin nur einmal in einer
Werbestelle in Leuven erschienen, ich bin niemals nach Deutschland weggegangen. Ich habe mich
versteckt. Von diesem Zeitpunkt an ging ich als Saisonarbeiter in Soiguy arbeiten.»
«Am 21. Juli 1944 schickte mein Chef mich zu einer Farm. Es war ein Freitagabend und ich
sprang auf mein Fahrrad. Ich fuhr direkt durch das Zentrum von Brüssel; kein einziger
Deutscher war zu sehen und ich wusste noch nichts von den Problemen und dem Schicksal, das
mich erwartete. »
«Am folgenden Montag, dem 24. Juli kehrte ich zurück. In Haacht musste ich mit der
elektrischen Straßenbahn fahren, welche von den Deutschen in Brüssel angehalten wurde. Jeder
musste aussteigen. Alle Männer wurden gegen eine Wand gestellt, ihre Namen aufgelistet und
kontrolliert. Weil man mich für die letzten 1 %2 Jahre als Flüchtling angegeben hatte, stand auch
mein Name mit auf dieser Liste.»
«Wir wurden zum Gestapo Hauptquartier, in der Louisenstraße, in einem schwarzen Auto
abtransportiert.»
«Einen Tag später wurde ich nach Etterbeek gebracht, wo ich vom 25. Juli bis zum 8. August
verweilte.»
«Wir kamen am Nachmittag des folgenden Tages an. Von der Eisenbahnstation in Kahla aus
liefen wir auf die Wiese, auf welcher Lager E gebaut war. Ich hatte einen Koffer bei mir.»
«Am nächsten Tag mussten wir zur Baustelle gehen. Fischer, der Ingenieur der Gustoffwerke, ist
auch dort gewesen. Er suchte einige von uns (mich eingeschlossen) aus, wir sollten mit einigen
anderen Personen mitgehen.»
«Die Zeit in Kahla war kein richtiges Leben gewesen, sondern eher ein Kampf ums
Überleben.»
«In einem Lagerhaus, in welchem Arbeitstische standen, mussten wir das Schweißen lernen.
Dort sind wir etwa sechs Wochen geblieben.»
«Nach diesem Zeitabschnitt schickte man uns in Tunnel um Rohrleitungen für Druckluft,
Elektrizität und Gas zu legen. »
Auf dem Walpersberg garantierten unterschiedliche Arbeitsschichten die Kontinuität der Arbeit.
Zuerst wurde ein gesamtes Labyrinth von Korridoren durchbohrt und die Trümmer wurden
aufgeräumt. Die nächste Arbeitsschicht musste Mörtel an die Wände sprühen, nach welchen die
Gruppe, in welcher Philemon arbeitete, die Pipelines bauen musste.
«Ich habe in den Tunnel immer geschweißt. Wir begannen an der Stelle 0, nach welcher wir 1,
2 und 3 erledigten.»
«Sobald die ersten Rohrleitungen fertig gestellt waren, mussten wir testen, ob keine Löcher in
ihnen sind. Besonders wenn diese Pipelines für Gas vorgesehen waren, sind diese Tests von
sehr großer Bedeutung gewesen. Einmal führten wir einen Test mit Seife durch. Wenn
Bläschen aus den Rohrleitungen vordrangen, mussten wir die Löcher flicken. Es kostete uns
viele Wochen Zeit, diese Arbeit fertig zu stellen.»
«Die Halle, in der die Flugzeuge gebaut wurden, musste ebenfalls mit Rohrleitungen versorgt
werden. Das ist die unheimlichste Zeit gewesen, die ich je erlebt habe: Es war der harten
Arbeit und dein Mangel an gutem und gesundem Essen zuzuschreiben, dass wir alle bereits
recht schwach waren; und in diesen extremen Zustand mussten wir trotzdem über hohe
Leitern klettern. Ich band mich stets mit einem Seil an den Leitern fest.»
Für einen Tag wurde Philemon für einen anderen Job eingesetzt.
«An einem Tag, einem Sonntag, arbeitete ich an der Spitze des Walpersberges. Alle Truppen
mussten bei der Konstruktion der Startbahn mithelfen. Wir erklommen den Berg mit Hilfe
einer Zahnradbahn und mussten die abgesägten Bäume den Berg hinab transportieren. Zu
diesem Zeitpunkt hatten die Konstruktionsarbeiten bereits eine Verspätung von einigen
Wochen, aber die Deutschen erwarteten zu Weihnachten eine Fertigstellung der Startbahn. So
wurde jede einzelne Arbeitskraft ausgerufen, um auszuhelfen.»
Die Lebensmittelportionen, welche die Arbeiter in Kahla erhielten, waren zu gering um damit zu
überleben.
«Wir bekamen Wassersuppe und ein Stück Brot.»
«Die erste Schüssel Wassersuppe, die ich bei unserer Ankunft in Kahla erhielt, habe ich nicht
angerührt. Sie war voll von Kartoffelschalen; ich habe nur kurz probiert und gab sie dann
schließlich einem russischen Mitgefangenen. Das war das erste und letzte Mal, dass ich einen
Teil meines Essens weggab.»
Philemon Loddewijckx
«Die Zeit in Kahla war kein richtiges Leben gewesen, sondern eher ein Kampf ums
Überleben.»
«Je drei Männer erhielten einen halben Laib Brot; etwas weniger als 200 Gramm pro Person. Je
länger unsere Zeit in Deutschland andauerte, um so weniger Brot bekamen wir.»
«Anfangs bekamen wir gelegentlich ein Stück Wurst, etwas Marmelade oder Butter; wie auch
immer... das hat nicht lange angedauert.»
«Nur ein einziges Mal, an Weihnachten, bekamen wir einige Pellkartoffeln und einen Leib
Weißbrot, uns war beinahe zum Feiern zumute.»
«Wenn man wirklich mit den winzigen Portionen, die von den Deutschen zugeteilt wurden,
überleben sollte, wäre man vorher schon tot gewesen. Ich zögerte also nicht, zu versuchen, mir
zusätzliches Essen zu organisieren. »
«Die Tunnel, in welchen wir arbeiteten, hatten Durchgänge zu anderen. In einem dieser
Durchgänge befanden sich hölzerne Trennwände. An diesem Platz lagerten die Deutschen
Kartoffeln für ihre Küche. Einmal habe ich 20 Kartoffeln gestohlen: Wenn man den Sand von der
hölzernen Platte entfernt hatte, konnte man die Kartoffeln erreichen. Ich habe mich niemals
getraut, mehr als 20 Stück zu stehlen - aus Angst erwischt zu werden.»
«In einem Rohr, welches ich von einer Seite geschlossen hatte, bereitete ich die Kartoffeln vor.
Ich erwärmte das Rohr mit einem Lötkolben bis es glühte' und die Kartoffeln fertig waren.»
«Unser Gruppenverantwortlicher war ein guter Mensch. Einige Male nahm er uns mit in das Cafe
im Zentrum von Kahla, wo die Deutschen zum Essen hingingen.»
In Lager E ist es eher ein Kampf ums Überleben gewesen.
«Das Leben in Lager E war die Hölle. Die Unglücklichen, die krank geworden sind, hatten
keine Chance. Nur einer, unter einer großen Anzahl von Kranken, wurde wieder gesund.
Personen vom Lager selektierten die Kranken in Baracken. Etwa die Hälfte der Menschen, die in
Lager E leben mussten, ist gestorben. Im Laufe der Monate fielen immer mehr Menschen dem
Tod zum Opfer.»
«Ich kann mich glücklich schätzen, nicht ernsthaft krank geworden zu sein. Das einzige
unbedeutende Problem, mit dem ich leben musste, war ein Geschwür am Kehlkopf, welches
aber im Jenaer Krankenhaus entfernt wurde.»
«Man hatte Anspruch auf einen Krankenschein, mit welchem man nach Jena fahren konnte.»
Glücklicher Weise war die Befreiung nah.
Philemon Loddewijckx
«Die Zeit in Kahla war kein richtiges Leben gewesen, sondern eher ein Kampf ums
Überleben.»
«Um den 10. April sammelten die Deutschen diejenigen zusammen, die noch laufen konnten.
"Der Volkssturm" würde diese wegbringen. Zusammen mit zehn anderen Männern konnte ich
durch den Zaun fliehen und wir konnten verschwinden, bevor sich die Kolonne in Bewegung
setzte.»
Oberhalb von Kahla verlief eine Hochspannungsleitung. Bei der Arbeit fragte Philemon einmal,
wohin dieses Hochspannungskabel verlaufe. Sie schien von Leipzig nach Frankfurt zu führen.
Zu dieser Zeit hatte Philemon noch immer die Absicht aus dem Lager E zu flüchten, diese
Hochspannungsleitung sollte ihm als Kompass dienen.
Wie auch immer, in der Zwischenzeit erlebte er, wie viele seiner Mitgefangenen, die bei
Fluchtversuchen erwischt worden waren, in Lager 0 gesteckt wurden, welches einem Bunker
glich. Viele von ihnen kamen völlig verändert heraus und lebten nicht mehr sehr lange. Dies
führte Philemon zurück zur Realität. Aber dieser spezielle Tag im April prägte sich für immer sehr
intensiv in seinem Gedächtnis ein.
«Hinter dem Lager rannten wir durch ein Feld von Kohlrübensamen, die Hochspannungs-
leitung führte uns in Richtung Eichenberg, Dienstädt, Gumperda und Milda, wo wir Wälder
anstrebten. Letztendlich haben wir bis zum Morgengrauen in einem Tannenwald gelegen. »
«Am nächsten Tag bewegten wir uns bis zum Rand des Waldes und hörten Schüsse von
Panzern, die bis Mitternacht andauerten.»
«Kurz nach 12 Uhr sahen wir einige Panzer neben einem Kornfeld. Einige von uns steuerten auf
sie zu. Es waren Amerikaner. Wir erzählten ihnen, dass sich drei von uns noch im Wald
versteckt hielten und fragten, ob wir sie holen könnten. Warum auch immer, es wurde uns
verboten. Die Amerikaner wussten nicht genau, wer wir waren und wollten nicht das Risiko
eingehen, dass wir Verräter sein könnten.»
«Sie brachten uns in die Kirche von Milda, wo bereits das gesamte Dorf versammelt war.
Gegen 11 Uhr Abends schlief ich am Altar ein.»
«In dieser Nacht wachte ich durch das Geschrei einer Frau auf, die gerade ein Mädchen
geboren hatte.»
«In der Kirche bekamen wir einige Würstchen und wir setzten unsere Wanderung nach
Weimar, Eisenach und Eisfeld fort. In der Nacht mussten wir die Strasse verlassen und
schliefen auf einen Bauernhof.»
«Letztendlich wurden wir per Auto in eine Kaserne in Frankfurt gebracht. In Wiesbaden
nahmen wir den Zug nach Jambers; wir wurden in Frachtcontainer transportiert, in welchen wir
unter starker Kälte litten. In unserer Abteilung waren viele unterschiedliche Menschen: Frauen,
die freiwillig in Deutschland arbeiteten, aber auch Kinder ...»
Philemon Loddewijckx
«Die Zeit in Kahla war kein richtiges Leben gewesen, sondern eher ein Kampf ums
Überleben.»
«Von Jambes wurden wir nach Brüssel gebracht, von dort setzte ich mich in die Straßenbahn nah
Leuven und von dort aus fuhr ich nach Haacht.»
«Nach Keerbergen gelangte ich schließlich zu Fuß, wo eine Tante und zwei meiner Nichten
lebten. Sie gaben mir ein Fahrrad, mit dem ich den letzten Teil meines Weges in die Heimat
anstrebte. Ich sah unser Haus, ich war aber zu erschöpft, um weiter zu fahren. Ich legte mich an
den Straßenrand, wo ich später gefunden wurde.»
«Bei meiner Ankunft wog ich nur noch 45 Kilo.»
Philemon hat die Jahre 1944-1945 nie vergessen.
Philemon Loddewijckx
«Eines Nachts war ich sicher, dass ich sterben würde.»
Rene Mous
Am Donnerstag den 20. Juli 2000 kam ich um 13.19 Uhr auf dein Bahnhof in Essen an. Nach 5
Minuten erreichte ich das Haus von Amandina Mous-Fabri, der Witwe von Rene Mous. Rene
hielt Vorträge über seine Zeit im Nazideutschland. Die Notizen seiner Vorträge sowie die, die
Rene in einem kleinen Terminkalender während seiner Zeit in Kahla aufgeschrieben hatte (die
mir Frau Mous überreichte), ermöglichten es mir seinen Aufenthalt in Deutschland zu
rekonstruieren. Rene war sehr beschäftigt mit seinen Vorlesungen. Aufgrund meines Respekts
für seine Arbeit werde ich versuchen, so viel wie möglich seine eigene Aussagen zu verwenden.
«Am 2. Juli 1944 wurde eine Razzia in Essen durchgeführt. Sie kamen auch in unser Haus. Es
waren sechs Soldaten und ein Zivilist. Sie kamen sogar bis zum Dach hoch. Wie auch immer, sie
konnten mich nicht finden, denn ich schlief immer an verschiedenen Stellen.»
«Mittwoch, den 5. Juli 1944... Um 5 Uhr abends trug ich meinem Vater etwas Holz hinein, als ich
plötzlich Geräusche hinter mir hörte. Zwei Meter von mir entfernt stand ein Feldgendarm, der eine
Waffe auf mich richtete; an Flucht war nicht zu denken.»
«Der Feldgendarm brachte mich zu einem wartenden Taxi. Es waren noch zwei andere
Gefangene im Taxi; sie wurden von zwei Feldgendarmen und einem Mitglied der Gestapo
bewacht. Ich schüttelte dem Gestapo-Mitglied die Hand, was die anderen Mitgefangenen
überraschte. Der eine war ein alter Schulfreund. Schon zu dieser Zeit machten Diskussionen
über den „neuen Befehl" die Runde. Ich war dagegen, er war dafür. Er ging sogar bis zur
Ostfront, von der er schlimm verletzt zurückkehrte und sich nach seiner Genesung mit der
Gestapo in Antwerpen beschäftigte.»
«Sie brachten uns nach Antwerpen und ließen uns im Hauptquartier am Katelijne Vest
zurück. Nach der Vernehmung wurden wir zur Vandiepenbeekstraat gebracht, wo ich andere
Mitgefangene sah, die ebenfalls während der Razzia am 2. Juli geschnappt wurden.»
«Wir verließen Antwerpen am 13. Juli um 2 Uhr nachts und wurden auf großen Lastern nach
Etterbeek gebracht, wo ein Zug wartete. In jedem Abteil saß ein bewaffnetes Gestapo-
Mitglied. Vorn und hinten am Zug waren Abteile mit Maschinengewehren und Kanonen unterge-
bracht.»
«Eines Nachts war ich sicher, dass ich sterben würde.»
«Um 8 Uhr fuhr der Zug ab. Die Reise dauerte die ganze Nacht und der Zug fuhr durch
Leuven, Liege, Mönchengladbach, Düsseldorf, Hagen, Kassel und Eisenach in Richtung
Gotha nach Weimar, wo wir am Morgen ankamen. Wir wussten nicht, ob das unsere
Endstation war. Sie brachten uns zu den dortigen Baracken und zum ersten Mal seit unserer
Abfahrt in Belgien bekamen wir etwas zu essen. Zuerst mussten wir die Produktionshalle
besuchen, dann die Varieteeshow 'Freunde und Arbeit'. Sie wollten uns damit wahrscheinlich
bewusst machen, dass wir glücklich sein sollten, dass wir für das Deutsche Reich arbeiten
konnten.»
«Nach fünf oder sechs Tagen wurden wir nach Kahla gebracht. Ich blieb nacheinander in
Jägersdorf, Thüringer Hof, Rosengarten und Lager E.»
«Vom ersten Moment an musste ich am Bau der Zugstrecke von Orlamünde nach
Großeutersdorf mitarbeiten. Diese Strecke würde für den Transport von Material genutzt
werden; sie war eine Nebenlinie der Strecke München - Berlin. »
«Von Jägersdorf aus musste ich jeden Tag einen Weg von 24 Kilometer zurücklegen (12
Kilometer hin und 12 Kilometer zurück).»
In Jägersdorf lebte er in einer Scheune und schlief im Stroh.
«Auf den anstrengenden und ermüdenden Weg folgten zehn Stunden unmenschlich harte
Arbeit. Wir mussten Steine, Querbalken und Schienen von den Waggons abladen, Löcher in die
Querbalken bohren, die Schienen obenauf platzieren und die Steine darunter mit einer
Spitzhacke klopfen. Und dies alles unter brennender Sonne und einer Flut von
Beschimpfungen und Flüchen seitens der Aufseher. Um ihrer Schimpferei Nachdruck zu
verleihen schlugen sie jeden zu jeder Zeit, die man sich nur. vorstellen konnte, mit ihren
Schlagstöcken. Wir waren sechs flämische Männer, einige wallonische und französische, etwa 50
polnische und hundert italienische und russische Männer und Frauen.»
«Eine Woche später wurden wir in das Lager Thüringer Hof verlegt. Dort arbeitete ich
ebenfalls an der Zugstrecke weiter.»
Das Lager Thüringer Hof bestand aus einem kleinen Raum, einer Art Gemeinderaum. Die
Etagenbetten waren so eng nebeneinander gestellt, dass man sich nur fortbewegen konnte, wenn
man zur Seite trat. Wenn zwei Männer sich in einem engen Durchgang entgegenkamen, musste
sich einer der beiden auf das Bett setzen; es gab keine andere Alternative.
In Thüringer Hof, weit weg von zu Haus, schrieb Rene dieses Lied:
«Eines Nachts war ich sicher, dass ich sterben würde.»
Vaterland, deine Sterne ...
In der Stille der Nacht
Wenn die Sterne in der Dunkelheit glitzern
Gibt ein leichter Wind leise deine Grüße bekannt
Und ich flüstere leise und melancholisch
Dort in der Ferne in dem kleinen Haus
Ihr alle, die ich anbete,
Sendet eurem Jungen einen Gruß, einen Kuss, ein Zeichen vom Kreuz
Das ihn in seiner Einsamkeit trösten wird
Weit weg in einer fremden Nachbarschaft denke ich immer an euch.
Tage und Wochen sind langsam vorüber gezogen
Es ist lange her, seitdem ich gehen musste
Immer wieder bricht ein neuer Morgen an, der einen neuen Morgen bringt
Bringt einen neuen Tag voller Sorgen und Not
Und lässt mich nach Flandern sehnen, meinem Land.
In der Stille des Abends ...
Wenn ich allein bin in der eiskalte Nacht
Fürchte ich mich und weine sehr leise
Ich habe meinen ganzen Mut verloren
Aber ich sehe immer noch dich vor meinen Augen
Denk auch an mich, oh Flandern, mein Land.
In der Stille des Abends ...
«Um den 20. August herum wurde ich krank. Ich hatte wahrscheinlich eine ernsthafte Grippe,
aber es stand überhaupt nicht zu Frage sich auszuruhen, geschweige denn einen Arzt zu
konsultieren. Krank oder nicht, die harte Arbeit ging weiter. Fieber oder nicht, die Arbeit
musste getan werden, in Hitze und Regen; sonst bekamen wir kein Essen.»
«Um den 20. Oktober herum war ich total erschöpft. Sie brachten mich zum Krankenlager des
italienischen Lagers (Rosengarten). Die Zustände dort waren menschenverachtend. Ich blieb
dort drei Wochen. Ich hatte eine Infektion im Gehirn infolge dessen meine Beine gelähmt
waren und ich auf einem Auge blind wurde. Mein Kopf war furchtbar geschwollen. Es gab
nur eine italienische Krankenschwester, die nichts weiter konnte als unsere Temperaturen zu
messen (ich hatte 42,5°C Fieber) und einen jungen Doktor aus Litauen. Er rettete mir das
Leben, indem er meine Nase brach und den Eiter mit Hilfe von kleinen Röhrchen aus meinem
Kopf heraus holte.»
«Als es mir besser ging musste ich wieder arbeiten, obwohl ich noch immer krank war und
Fieber hatte.»
Rene Mous
«Eines Nachts war ich sicher, dass ich sterben würde.»
Nicht nur die medizinische Versorgung, auch das Essen war sehr dürftig. In den ersten
Monaten bekamen Rene und seine Kameraden zum Frühstück nur ein Brot, das für acht Mann
reichen musste; zu Mittag bekamen sie Kohlsuppe und zum Abend ebenfalls Kohlsuppe oder
Kartoffeln. Sie arbeiteten sechs von sieben Tagen, neun bis zehn Stunden am Tag. Ab Oktober
wurde das Essen reduziert; ein Brot musste jetzt für zehn Mann reichen. Sie arbeiteten 13 von
14 Tagen, zehn bis elf Stunden täglich.
Als Rene im Lager E ankam (Ende Dezember, Anfang Januar), gab es ein Brot für zwölf
Mann, nichts zum Mittag und abends nur etwas Wassersuppe, in der manchmal eine Kartoffel lag.
Sie arbeiteten sieben Tage die Woche, 11 bis 13 Stunden am Tag.
«Ende Dezember oder auch Anfang Januar kamen ich und einige andere vom Lager
Rosengarten ins Lager E, das Todeslager. Als wir ankamen, mussten wir alle zum Haare
schneiden; unser Haar wurde so geschnitten, dass jeder gleich erkennen konnte, dass wir
Gefangene des Lager E waren. Als wir die Baracken betraten, mussten wir unsere Schuhe
ausziehen. Vor mir stand eine Wallone mit nackten Füßen; wie so viele andere hatte er keine
Socken mehr. Ein SS-Mann kam herein und brüllte: „In die Reihe und Ruhe." Der Wallone
drehte sich um und fragte mich, was der Mann gesagt hätte. Daraufhin trat ihm der Deutsche mit
seinen Stiefeln auf seinen nackten Füße.»
«In Lager E gab es für das kleine Verbrechen eine Bestrafung von 25 Stockschlägen. Zum
Beispiel wenn nachts eine Durchsuchung der Baracke gemacht wurde und jemand gefunden
wurde, der eine Kartoffel versteckt hielt, wurde dieser als Dieb betrachtet und jeder wusste,
welche Strafe nun folgte. Einmal musste ich bei so einer Bestrafung zuschauen; man wurde
gezwungen dabei zu lachen oder einen ereilte das selbe Schicksal. Die zu bestrafende Person lag
nackt und gekrümmt auf einem Hocker und einer der Wärter verdrosch ihn vor den Augen des
Lagerführers. Die Exkremente des Mannes spritzten bis zu einem Meter hoch. Er gab keinen
Laut von sich; ich weiß nicht, ob er überlebt hatte.»
«In Walpersberg bestand meine Arbeit darin, Steine mit Hilfe eines Karrens aus einem Tunnel zu
transportieren und zur Seite zu schaffen. Einmal als ich mit meinem Wagen aus dem Tunnel
kam, sah ich einen SS-Mann, der mit seinem Hund einen Gefangenen angriff. Der Mann fiel
bewusstlos zu Boden, nachdem der Hund ihm einige Male an die Kehle gegangen war. Der SS-
Soldat holte einen Eimer voll Wasser und schüttete ihn über seinem Opfer aus. Dies bedeutete
den sicheren und meist unmittelbaren Tod, da das Wasser bei - 22°C sofort gefror.»
In seinen Vorlesungen sprach Rene über weitere ähnliche Zwischenfälle, die beweisen, dass die
Grausamkeit der SS-Soldaten keine Grenzen kannte. Zum Beispiel sah er eines Tages im
Oktober, wie ein Italiener auf seinem Weg zum Lager erschossen wurde, weil er einen Apfel von
einem Baum gepflückt hatte. Ein Apfel war mehr wert als das Leben eines Menschen... Im Lager
Rosengarten wurde er Zeuge, wie ein SS-Soldat einen Italiener verfolgte, zu Boden schlug und mit
seinen Stiefeln, an denen Spikes waren, auf dessen Schädel einstampfte. Rene hörte die Schreie
des Jungen und das Bersten seines Schädels bis dieser starb; danach war Todesstille. Das alles
passierte nur zwei Meter entfernt von der Latrine, in der Rene war.
Rene Mous
«Eines Nachts war ich sicher, dass ich sterben würde.»
«Im März 1945 bekam ich Flecktyphus. Eines Tages wachte ich im Krankenlager auf, wo nur
wenige lebend wieder heraus kamen. Ein Wächter hatte mich dort hin gebracht; ich wusste
nicht wie lange ich dort schon gelegen hatte. Eines Nachts war ich sicher, dass ich sterben
würde. Der Pfleger war wohl ebenfalls davon überzeugt, da er noch am selben Abend meinen
Namen von seiner Liste strich, was soviel hieß wie: verstorben. Zum Glück waren wir beide im
Irrtum. »
Allmählich kam der Krieg doch noch zum Ende.
«Einige Tage vor der Befreiung wurde das Lager E evakuiert. Alles und jeder wurde zum
linken Ufer der Saale geschafft. Alle die, die noch laufen konnten, wurden Richtung
Orlamünde getrieben. Diejenigen, die sich nicht mehr aufrecht halten konnten, mussten unter
Bewachung der Wärter in den Leubengrund laufen. Diejenigen, die nicht mehr auf ihren
Füßen stehen konnten, wurden in ein Krankenlager nach Hummelshain geschafft.»
«So schleppten wir uns in den Leubengrund. Der Weg betrug vier Kilometer und ich brauchte
dafür den ganzen Tag. Von dort an waren wir der Hölle des Lagers E entkommen. Anfang
Januar waren wir noch 1400 Mann, Anfang April konnten nur 675 Überlebende das Lager
verlassen.»
«Am 14. April um 11 Uhr früh musste ich nach draußen, da ich mich erleichtern musste und sah
einen Amerikaner aus dem Wald kommen. Er schaute nach rechts und links und verschwand
wieder in den Wald. Ich ging wieder zu Bett. Am Nachmittag war kein einziger Deutscher mehr
da; khakifarbene Silhouetten bewegten sich zwischen den Baracken.»
«Am nächsten Tag desinfizierten und entlausten amerikanische Soldaten den größten Teil des
Lagers 6. Sie richteten eine Küche ein und eine Dusche von vier mal sechs Meter. Wir
wurden ebenfalls entlaust. Wir mussten duschen, je 25 Personen gemeinsam, und bekamen von
nun an drei Mahlzeiten am Tag. Wir bekamen anfangs nur Reis gegen Durchfall; danach aßen wir
alles, was eine Armeeküche zu bieten hatte.»
«Zwei Tage später war ein großer Aufruhr im Lager. Die Bürger aus Kahla wurden von den
Amerikanern gezwungen, sich die Lager anzuschauen, um mit ihren eigenen Augen zu sehen, in
welch schrecklicher Verfassung die Gefangenen waren. Wir hörten sie des öfteren sagen: "Das
haben wir nicht gewusst."»
Nur in den ersten Tagen hatten wir kurzen Kontakt zu den Einwohnern, aber dies dauerte
nicht lange an. Die Leute wurden mit allen Drohmitteln schwer unter Druck gesetzt. Sie
mussten dem fremden Abschaum, der ohne jegliche Kultur war, gegenüber feindselig sein.
Trotzdem gaben uns einige deutsche Arbeiter etwas zu Essen.
Aber die Leute wussten, was wirklich in Reimahg los war, denn viele von ihnen, vor allem
Ältere, arbeiteten in der unterirdischen Flugzeugproduktionshalle. Es gibt keinen Zweifel
daran, dass sie gewusst haben müssen, was in den Lagern los war; aber wie auch immer, sie
verleugneten es. Es war aber offensichtlich - sogar ein Blinder konnte sehen, wie russische
Gruppen immer wieder Massengräber aushoben.
Rene Mous
«Eines Nachts war ich sicher, dass ich sterben würde.»
«Wir blieben eine weitere Woche oder auch vier in dem Lager, schliefen viel und aßen
manchmal sogar sechs mal am Tag. Danach wurden wir zu den SS-Kasernen in Erfurt
transportiert und einige Tage später befanden wir uns auf den Weg nach Hause. Am 31. Mai
1945 kamen wir zu Hause an.»
Nach seiner Ankunft nahm Rene sein tägliches Leben wieder auf. Seine schrecklichen
Erinnerungen an die Monate in Nazideutschland aber konnte er nicht aus seinem Kopf
verdrängen.
«Am Bahnhof stand eine Gruppe von Russen, so dreckig und
zerknittert. Wir gingen um sie herum, ohne zu wissen, dass wir in
weniger als einer Woche genauso enden würden.»
Rene Roell
Durch eine Liste von Adressen, die ich von Paul Baert und ebenfalls aufgrund der Hilfe der Familie
Quellen und Nachweise
- zeitzeugen_komplett_ocr.pdf