Zeitzeugnis
Zeitzeugenaussage Peppino Camelliti
Deutsche Übersetzung des Zeitungsberichts mit Camellitis Erinnerungen an Gefangenschaft, Kahla und Befreiung.
Forschungsstand dokumentiert
Forschungsdatensatz
Dokumentierte Angaben
- Person
- Peppino Camelliti
- Rolle
- Zwangsarbeiter
- Ort
- Kahla; Walpersberg
- Zeitraum
- Januar bis April 1945
- Herkunft
- Italien
Überlieferung und Kontext
Artikel erschienen in “La Provincia” am Mittwoch, den 7. Mai 2003
Die Geschichte: Ein Überlebender aus Como fährt anlässlich der Wiederöffnung der Tunnel,
in denen die Nazis im Jahre 45 Geheimwaffen bauten, nach Kahla
“Ich, Sklave in Hitlers letztem Lager”
Eine dank den Recherchen des Instituts “Perretta” vor dem Vergessen gerettete Geschichte
von Pietro Berra
Als er zum Militärdienst aufbrach, wog er 59 Kilo, als die Amerikaner ihn befreiten, war er
auf 36 Kilo abgemagert. Diese Zahlen beschreiben die Tragödie des Peppino Camelliti, 78
Jahre alt, kalabresischer Herkunft, seit ´62 wohnhaft in Como. Aber andere Zahlen geben ihm
Anlass, sich glücklich zu schätzen: Er gehört nämlich nicht zu den 5-6.000 von ungefähr
10.000 Gefangenen, die in “seinem” Lager den Tod fanden; im Lager von Kahla, das Hitler
als eins der letzten im Frühling ´44 einrichten ließ, um Geheimwaffen zu bauen, insbesondere
die Jagdflieger Messerschmitt Me 262 mit Düsenantrieb, mit denen er hoffte, das
Kräfteverhältnis im zweiten Weltkrieg entscheidend verändern zu können. Morgen wird der
Überlebende zu der vom Land Thüringen organisierten Gedenkfeier nach Deutschland
zurückkehren, auch stellvertretend für seine vielen toten Kameraden. Aber die für Samstag
geplante Feier ist nicht nur eine einfache Zeremonie, sondern der Höhepunkt der
Aufarbeitung eines kleinen Stücks vergessener Geschichte. „Kahla gehörte zum Militärgebiet
des ehemaligen Ostdeutschlands. Also sind die Tunnel, in denen tausende von Internierten
unter unmenschlichen Bedingungen gearbeitet haben, für ein halbes Jahrhundert in
Vergessenheit geraten”, erklärt Valter Merazzi, Leiter des Instituts “Perretta” in Como, dem
der Verdienst zukommt, den Kontakt zwischen Camelliti und einer jungen deutschen
Forscherin, Ulriche Kaiser1, hergestellt zu haben, die auf einer CD-Rom die Geschichte des
berüchtigten Lagers rekonstruiert hat.
In Kahla kam Camelliti am 7. Januar 1945 an. Er hatte mehr oder weniger den gleichen Weg
hinter sich wie die anderen 640.000 italienischen Soldaten, die nach dem 8. September ´43
von den Deutschen gefangen genommen worden waren. Nach seiner Deportation nach
Deutschland, bekam er im Dezember im Konzentrationslager von Küstrin2 Besuch von
1 Vermutlich heißt sie in Wirklichkeit Ulrike
2 Im Originaltext Custrin = Küstrin an der Grenze zu Polen?
Mussolini, der alle fragte, wer sich der Republik von Salò anschließen wolle. Er weigerte
sich, aber nicht aus ideologischen Gründen, denn er hatte keine politische Erziehung genossen
und die Schule nach drei Grundschuljahren verlassen, um für den Unterhalt der Familie zu
sorgen, nachdem sein Vater als Invalide aus dem Afrikafeldzug zurückgekehrt war. “Ich
versuchte, der Masse zu folgen”, erzählt er; “ich wollte dort sein, wo die meisten anderen
waren.” Außerdem lebte er in dem Glauben, die Zwangsarbeit würde weniger schlimm sein
als der Krieg.
“Am Anfang habe ich in der Landwirtschaft gearbeitet”, erinnert sich Camelliti, “dann in
einer Panzerfabrik in Nordhausen. Am 20. Oktober ´43 fiel mir ein Teil eines Motors auf den
Fuß und ich wurde in ein zum Krankenhaus für italienische Gefangene umfunktioniertes Kino
eingeliefert. Während ich im Krankenhaus lag, wurden meine Kameraden gefragt, wer wieder
zu seinem Zivilberuf zurückkehren wolle. Diejenigen, die darauf eingingen, wurden nicht
mehr bewacht und bekamen einen Ausweis, mit dem sie überall passieren konnten, mich aber
fragte niemand und ich wurde zusammen mit denen, die sich geweigert hatten, nach Kahla
geschickt.” Woher dort der Wind wehte, verstanden alle am ersten Abend, “als wir in einen
dunklen, fensterlosen Schuppen gestoßen wurden, wo kein Stroh auf der Erde lag.”
Camelliti benutzt ein idyllisches Bild, um die Lage der Fabrik in Kahla zu beschreiben: “Es
war ein bisschen wie ein Brunate3”, sagt er; “auf gleicher Höhe mit dem See lagen die 35
Kilometer langen Tunnel, in denen die Teile der Düsenflugzeuge hergestellt wurden,
außerhalb waren Schuppen, in denen sie zusammengebaut wurden und dann gab es eine Art
Seilbahn, die dazu diente, die Teile zum Gipfel zu transportieren, auf dem sich eine
Abschussrampe befand.”
Das alles – die Tunnel, die Zahnradbahn und die Rampe – war unter unmenschlichen
Bedingungen von den Gefangenen errichtet worden: Am Körper trugen sie die gleiche
Sommeruniform, mit der sie Italien verlassen hatten, an den Füßen holländische Holzschuhe
und um sie herum war Eis; die Temperatur sank bis auf 27 Grad unter Null. Die Schichten
dauerten 12 Stunden, am Ende einer Schicht bekamen sie einen Bezugsschein für die einzige
Mahlzeit des Tages, die aus einer Kelle Brühe und 100 Gramm Brot bestand.
“Eines Tages” – erinnert sich Camelliti – “gab es noch einen zweiten Appell, während ich
oben auf dem Hügel gegraben4 habe. Sie trugen mich als fehlend ein und ich bekam keinen
Bezugsschein. Ich hatte Glück, weil einer von hier, ein Mann aus der Lombardei, der Santo
Colombo hieß und über das internationale Rote Kreuz Post erhielt, mir ein wenig von seinem
Reis abgab. Aber an den beiden folgenden Abenden hatte ich nichts zu essen. Am dritten
3 Ort am Comer See
4 minare hat zwei Bedeutungen: „(unter)graben“ und „verminen“
Abend bat ich den Dolmetscher, mich zu den SS-Wachen zu bringen: Es ist mir egal, wenn
sie mich umbringen, dachte ich, so kann ich nicht mehr weitermachen.” Nach einer Tracht
Prügel und dem Vorwurf, ein Faulpelz zu sein, bekam er seine Karte zurück. Auf Gewalt folgt
Gegengewalt, auch in der Erinnerung…
Camelliti erinnert sich an andere beispielhafte Vorfälle: “Ein Italiener, der sich der SS
angeschlossen hatte, tötete einen anderen, der im Abfall nach etwas Essbarem suchte.” Einmal
wurden alle Bewohner seiner Baracke dafür bestraft, dass zwei von der Arbeit weggelaufen
waren, um Kartoffeln zu stehlen: “An fünf Abenden ließen sie uns sinnlos Sandsäcke von
einem Fluss bis zum Lager und vom Lager zum Fluss tragen.”
Camelliti hat viele Menschen sterben sehen, an der Rampe, in den Tunneln, in den Baracken.
“Sie wickelten sie in Decken und ließen sie verschwinden.”
Eines Tages rief der Dolmetscher diejenigen, die noch am Leben waren, zusammen, um
ihnen zu sagen, dass die Deutschen entweder den Krieg gewinnen oder sie alle umbringen
würden. Ein Major der Luftwaffe hatte auch wirklich den Befehl bekommen, sie in die Tunnel
zu bringen und dann die Tunnel zu sprengen, bevor die Amerikaner kamen. Aber er führte
den Befehl aus Angst vor den Tribunalen der Alliierten nicht aus.
All das hat Hitler mehr als 40 Flugzeuge eingebracht. Nach Kahla wird Camelliti mit seinen
Kindern und außerdem mit einem achtjährigen Enkel zurückkehren. “Ab und zu” – erklärt die
Mutter des Kindes “fragt er mich, warum sein Opa nachhause zurückgekehrt ist. Die jungen
Leute von heute betrachten den Krieg wie ein Videospiel.”
Zur Person
Peppino Carmelliti wurde am 23. Juli 1924 in Giffone (Provinz Reggio Calabria) geboren. Er
wurde im August 1943 zum Militärdienst einberufen und der 7. Artillerie im Militärbezirk
Livorno zugeteilt. Nach seiner Gefangennahme durch die Deutschen am 12. September wurde
er nach Deutschland deportiert, wo er Zwangsarbeit verrichtete. Die Amerikaner befreiten ihn
am 3. April 1945 und schickten ihn am 24. Juli nachhause. “Wir kamen zufällig nach Como”,
erklärt er; “weil sie uns durch Frankreich nicht passieren ließen, also entschieden wir uns für
die Schweiz.” Nachdem er sich beim Militärbezirk gemeldet hatte, wurde er nach Mailand
verlegt, daraufhin nutzte er einen Urlaub, um nach Kalabrien zu fahren, wo er das Mädchen
heiratete, mit dem er sich vor dem Krieg verlobt hatte. Nach Como kehrte er im Jahre ´62
zurück, um dort als Maurer zu arbeiten. Seit 38 Jahren lebt er mit seiner Familie in Albate.
“Ich habe mich für diesen Ort entschieden”, erzählt er, “weil Leute aus meiner Gegend dort
lebten. Im Jahre ´45 bin ich hier nur so kurz gewesen, dass ich nicht einmal wusste, dass es
hier den See gibt”.
Spott statt Entschädigung
Kein Schadenersatz: Ehemaliger Häftling legt Berufung ein
“Wir bedauern, ihnen mitteilen zu müssen, dass wir ihrem Antrag auf Entschädigung
aufgrund des oben genannten Gesetzes nicht stattgeben können. Indem wir ihnen diese
Entscheidung mitteilen, möchte die Oim jedoch ihre Anerkennung und ihren Respekt für
jedes Opfer des Naziregimes zum Ausdruck bringen.” Mit diesen Worten hat die
Organizzazione internazionale delle migrazioni am 29. Januar den Antrag zurückgewiesen,
den Peppino Camelliti am 30. November 2001 gestellt hatte, um einen Anteil von den 10
Millionen Mark zu erhalten, die die Unternehmen und die Regierung Deutschlands
bereitgestellt hatten, um den Zwangsarbeitern des dritten Reichs eine Entschädigung
auszuzahlen. Aber das geltende Gesetz der Stiftung, die den Auftrag hat, das Geld zu
verteilen, hat die internierten italienischen Soldaten ausgeschlossen und sie den
Kriegsgefangenen gleichgestellt, auch wenn Hitler sie nicht als solche anerkannte, um sie
auszubeuten und so die Genfer Konvention zu hintergehen. Nur bei denjenigen, die in KZs,
Vernichtungslagern wie Auschwitz und Dachau, gefangen gehalten wurden, wird eine
Ausnahme gemacht. So haben von 130.959, die sie beantragt haben, nur 1698 unserer
italienischen Mitbürger eine Entschädigung erhalten. Am Freitag läuft die Frist ab, während
derer man Berufung einlegen kann. Das Institut “Perretta” hat davon hunderte gedruckt, um
gegen eine Entscheidung zu protestieren, die “unmoralisch und gegen die Geschichte” ist.
“Sie sagten uns, wir könnten entscheiden, ob wir arbeiteten oder nicht”, bemerkt der schon
genannte Carmelliti. “Aber wenn man nicht arbeitete, wurde man umgebracht.”
Die brutalsten Vorfälle
Eines Nachts wurde ich geschlagen, bis ich ohnmächtig wurde
Quellen und Nachweise
- Peppino Camelliti: Io, schiavo nell'ultimo lager di Hitler; La Provincia, 7. Mai 2003