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Zeitzeugnis

Zeitzeugenaussage Paul Baert

Überlieferte Berichte und Unterlagen Paul Baerts über Haft, Lager und Arbeit bei der REIMAHG.

Forschungsstand dokumentiert

Forschungsdatensatz

Dokumentierte Angaben

Person
Paul Baert
Rolle
Zwangsarbeiter
Ort
Eichenberg
Zeitraum
1944

Überlieferung und Kontext

Paul Baert Am 14. Juli kam ich am frühen Nachmittag bei Paul Baert in Stekene an. Paul ist der Gründer und Sekretär des „Kreises der von Lager E geflohenen Freunde ". Für viele Jahre haben er und seine Frau ziemliche viele Anstrengungen für den„ Kreis der Freunde" unternommen. Wie immer wurde ich herzlich empfangen. Um seine mündliche Zeugenaussage zu vervollständigen, gab mir Paul die Erlaubnis, die Geschichte, die er vor wenigen Jahren selbst geschrieben hatte, zu benutzen, worüber ich mich freue, einzelne Teile völlig entnehmen zu dürfen. d943 wurde ich gezwungen für die Friedrich Krupp Gesellschaft in Magdeburg zu arbeiten, wo Panzer für die Kriegsproduktion hergestellt wurden. Ich arbeitete an einer Drehbank. Im Oktober 1943 kam ich mit gefälschten Papieren nach Hause um zu heiraten. Für diesen Anlass wurden mir 14 Tage gewährt. Ich habe nicht geheiratet und ich kehrte auch nicht nach Deutschland zurück.» «Am 28. Juli 1944 wurde ich am frühen Morgen bei einer großen Razzia in Stekene eingeschlossen und sie brachten mich in das Gefängnis von St. Niklaa. Die deutsche Kommandantur verurteilte mich zu einem Jahr Haft in einem Erziehungslager. Ich ging in Berufung; sie lehnten sie am folgenden Tag ab.» «Sie brachten mich mit dem Zug zur staatlichen Polizeistation Etterbeek; während des Zweiten Weltkrieges wurde sie in ein Gefängnis umgebaut. Ich wurde dort mit 700 anderen Männern eingesperrt.» «Am Nachmittag des 8.August 1944 setzten sie uns unter strenger Bewachung von deutschen Soldaten in einen wartenden Zug mit unbekannten Ziel. In der Nacht reisten wir langsam per Eisenbahn durch den westlichen Teil Deutschlands. In der Morgendämmerung passierten wir Dortmund und am späten Nachmittag Kassel. Diese beiden Industriestädte waren total zerstört von deutschen und amerikanischen Luftangriffen.» «Am Abend des 9.August erreichten wir den Bahnhof von Kahla, ein unbekannter Name für jeden von uns.» «Jeder von uns war gezwungen den Zug im Marsch und eskortiert von Soldaten zu verlassen, wir gingen auf eine Wiese nahe des Dorfes Eichenberg zu, welche wir nach zwei Stunden Marsch erreichten. Ein Bauer kam mit einem Fass entrahmter Milch auf die Wiese, von welcher jeder von uns einen gefüllten Holzlöffel erhielt.» Du wirst arbeiten bis zu stirbst «Auf der äußeren Wiese, wo wir standen, sollte Lager E aufgestellt werden. Bei unserer Ankunft gab es noch keine einzige Baracke. Während der ersten Tage schliefen wir unter freiem Himmel. Obwohl es schon ziemlich kalt in dieser Nacht war, waren wir froh, dass es so ein schöner Herbst war.» «Am folgenden Tag mussten wir alle auf Befehl antreten und sie teilten uns verschiedenen Firmen zu, die an der Konstruktion an einer der größten Untergrundfabriken für geheime Waffen in Deutschland teilnahmen. Einige von uns wurden in die Lagerkolonne eingeteilt und wir wurden für den Bau der Baracke und der anderen Einrichtungen eingesetzt; so hatten wir nach wenigen Tagen eine Behausung, obwohl es für die ungefähr 1500 Gefangenen erbärmlich war. Die Lagerkolonne musste die Baracke in Hermsdorf einreißen und in Kahla wieder aufbauen.» «Am ersten Arbeitstag mussten wir auf Befehl auf dem Apellplatz antreten. Ein hoher SS- Offizier hielt die Rede und erklärte uns, dass wir in einem Umerziehungslager gelandet waren, weil wir dem Reich geschadet haben und unter den aktuellen Umständen - das Reich war in einen Kampf um Leben und Tod mit seinen Feinden verwickelt - sollten wir bis zu dem Tag, an dem wir sterben, arbeiten. In diesem Moment - wir waren alle jung und gesund - dachten wir, dass dieser Mann verrückt sei und nur Blödsinn erzählt hatte. Jedoch sollten für viele von uns diese Worte wahr werden.» In Zusammenarbeit mit den Gustloff-Werke-Weimar hatte das Kommando der Naziarmee 95 Kompanien befohlen einen Plan aufzusetzen, welchen sie sehr streng ausführen mussten. Die Vorarbeiter, alle deutsche Bürger, alle Spezialisten in ihrer Tätigkeit wurden vom Militärdienst befreit. Sie wurden von der Reimahg-Leitung unter Druck gesetzt: wenn sie die geforderten Arbeitsnormen nicht erzielen, würden sie an der Ostfront eingesetzt werden. Das war einer der Gründe die Gefangen zu hohen Arbeitsleistungen zu zwingen. Das oberste Ziel der Reimahg- Operation war es eine produktive Luftfahrtindustrie auf Kosten von allem zu errichten, mit dem Befehl die russischen und alliierten Kräfte zu stoppen und den Krieg mit den Mitteln von neuen geheimen Waffen noch zu gewinnen. «Zuerst war ich bei der Baufirma „Ernst Linss" von Gerstungen beschäftigt, für welche wir Tunnel bohren mussten. Mit einer schweren Bohrpresse bohrten wir Löcher in die Felsoberfläche. Wir stopften diese Löcher mit Dynamit, welches Teile des Felsen wegsprengte. Es war unmenschlich harte Arbeit.» «Ab Februar war ich bei der „Tagmann" Firma von Leipzig angestellt. Unsere Arbeit bestand darin die Spitze des Walpersberges für den Bau der Startbahn abzutragen. Der Schutt wurde von Kippern weggebracht, die sog. „Berliner". Eines Tages fiel ich unter solch einen Lastwagen; er kippte auf eine Seite und ich landete unter ihm. Sie schlängelten mich aus ihm heraus. Meine Hand war verletzt, aber die Deutschen gaben mir den Befehl meine Arbeit fortzusetzen.» Paul Baert Du wirst arbeiten bis du stirbst Trotz des strengen Winters - das Thermometer erreichte 20 Grad Celsius unter 0 und die Landschaft war bedeckt von einem halben Meter Schnee - mussten sie Tag und Nacht und Tag für Tag arbeiten. Auf der Spitze des Berges machten die Arbeiter die schlimmste Anstrengung durch. Bäume wurden ausgerissen und die Spitze des Berges wurde ausgegraben für den Bau der Startbahn. Die italienischen Gefangenen, welche dort beschäftigt waren und solche strengen Wetterbedingungen nicht gewohnt waren, starben einer nach dem anderen. Diese armen Seelen wurden ersetzt durch Russen, Holländer und Belgier, welche die kalten Temperaturen besser verkrafteten. «Seitdem die Essenversorgung für die schwere Arbeit ungenügend war (3/a Liter Kohlrabisuppe, rote Beete und rote Beeteblätter und 150 Gramm Brot mit einem Löffel Fett oder Marmelade), waren die hölzernen Baracken fast unbewohnbar, es gab keine Wascheinrichtungen und es gab eine Läuseepidemie; besonders die Leute die dieses unmenschliche Leben nicht aushalten konnten, starben zuerst.» «Der Winter von 1944 - 1945 war sehr kalt. Schlechte Bekleidung und Unterernährung förderten ihren Tribut: Durchfall gefolgt von Typhus, lange Tuberkulose und Ruhr, genauso wie das Hungern bis in den Tod waren die Hauptgründe für den Tod.» «Tage und Monate vergingen; Kameraden in den Baracken starben. Die Unterernährung und die Krankheiten zerfraßen die abgekämpften Körper. Die höllische Arbeit jedoch ging weiter.» «Derjenige, der die Arbeitsanforderungen nicht erfüllen konnte, bekam nur die Hälfte der Essenskarte und ging zugrunde.» Wegen der hohen Sterblichkeitsrate im Lager E, brachten die Deutschen regelmäßig Gefangene aus Buchenwald herein. Buchenwald war ein Konzentrationslager in der Nachbarschaft von Weimar. Am 20. Dezember kamen wieder einige Franzosen aus Buchenwald ins Lager E. In dem Moment als sie herausfanden, dass die Lebensbedingungen im Lager E schlechter waren als in Buchenwald, forderten sie ihre Rückfahrt nach Buchenwald. Als Bestrafung und Beispiel für andere potentielle widerwillige Arbeiter mussten sie die ganze Nacht unter strenger Bewachung der SS draußen auf dem Appellplatz stehen bleiben. Die meisten Männer überlebten diese Nacht nicht; sie froren sich zu Tode. «In der Zwischenzeit war die erste Me262 fertig. Mit einem betäubenden Lärm und einer unglaublichen Geschwindigkeit hob das Flugzeug ab, überflog Lager E und verschwand in der Atmosphäre. Das deutsche Armeekommando hatte hohe Erwartungen an diesen Jet, der eine Geschwindigkeit von 850 km/h erreichte.» «Gegen Ende des März 1945 hörten wir das Dröhnen von Kanonen, ein Zeichen, dass sich unsere Befreier näherten." Paul Baert Du wirst arbeiten bis du stirbst «Am 1. April war Ostern und die Arbeit stand still. Das Lager war von der SS abgeriegelt. Weil wir nicht mehr arbeiteten, bekam jeder Häftling nur noch eine halbe Ration am Tag.» «Am 10. April musste sich Lager E auf dein Appellplatz versammeln. Jeder, der noch irgendwie laufen konnte, wurde aus den Baracken getrieben und musste an der Küche anhalten. Jeder erhielt eine Nahrungsration und würde von der SS an ein unbekanntes Ziel gebracht werden. Julies Saeless, belgischer Meister im Laufen (100 Meter) stand auch in der Schlange. Er machte eine falsche Bewegung und wurde in den Rücken geschossen. Er starb auf der Stelle.» «Nach diesem Vorfall wurde die Kolonne unter strenger Bewachung der SS in Bewegung gesetzt. Nach wenigen Tagen des herumwasderns im zusammengebrochenen Deutschland wurden sie von der ankommenden amerikanischen Armee befreit.» «Für mich und meine Kameraden hatte jede unserer Geschichten ein verschiedenes Ende. Weil ich zu schwach war um alleine zu laufen, hatte ich mich mit einigen anderen beim Ausweisungsbefehl versteckt, in der Hoffnung, dass wir im Lager selbst befreit würden.» «Am frühen Morgen des folgenden Tages wurde das Lager von der SS durchkämmt, die jeden brutal zum Tor trieben, den sie fanden. Am Tor lud die SS nervös alle ernsthaft kranken und sterbenden Leute auf zwei Klapperkisten, die von Bauern beschlagnahmt wurden. Der Marsch begann sofort. Ich schleppte mich selbst mit zwei Krücken weiter, weil ich zu weit Hang abwärts war. Auch die anderen, die ein Teil dieses Unglücks waren, machten wahre unmenschliche Momente durch. Es war ein Kampf gegen den Tod. Diejenigen, die nicht folgen konnten und zurückblieben, wurden von der SS, die uns begleitete, ohne Erbarmen erledigt.» «Nach einem Marsch von drei Stunden erreichten die Überlebenden ein Lager, von dem mir später erzählt wurde, dass es Lager 7 war. An diesem Ort hatten sie alle kranken und sterbenden Leute der anderen Lager von Reimahg versammelt. Im Lager E hatte ich schon erkannt, dass ein menschliches Leben in den Augen der SS nichts bedeutet, aber was ich in Lager 7 sah, war unglaublich: Hunderte von Leuten lagen auf den Boden und waren tot oder am Sterben. Es war April und es wurde schon langsam warm, was einen Geruch der Verwesung über das Lager brachte. Die Männer von Lager E verschwanden in der Masse. Die meisten von ihnen starben.» «Am 14. April wurden wir von der Armee von General Patton befreit. Es wurde jede Hilfe vom amerikanischen Roten Kreuz angeboten.» «Sie brachten mich zum Schloss von Hummelshain, das- von- den- Amerikanern- zu- einem Krankenhaus umgewandelt wurde. Bei meiner Ankunft wurden ich und die anderen Überlebendes von Krankenschwestern gepflegt und nach einer allgemeinen Untersuchung sah es - so aus als ob ich nur noch 32 Kilo wog. Ich war wie ein lebendes Skelett.» Paul Baert Du wirst arbeiten bis du stirbst In den Wochen, in denen Paul und seine Kameraden im Krankenhaus von Hummelshain blieben, waren sie immer hungrig. Sie bekamen nur eine halbe Ration; zu viel und zu fettiges Essen konnte sie ihr Leben kosten. Sie hielten immer nach etwas Ausschau. Wenn jemand gestorben war, aßen sie dessen Ration. Der Doktor hatte sie gewarnt, dass es gefährlich sein könnte, weil einige Leute Typhus gehabt hatten. Aber Paul hatte selbst eine leichte Form des Typhus als er in Lager E Wasser aus einen Fluss getrunken hatte, seitdem in Dienstädt, dem nächsten Dorf, die Exkremente einer Gänsekolonie in diesem Fluss gelandet waren. «Ich blieb fünf Wochen in Hummelshain. Von dort aus wurden wir in offenen Autos zur SS- Kaserne von Erfurt gebracht. Am anderen Tag starteten wir mit dem Zug in Viehwaggons.» «Es dauerte fünf Tage um Namur zu erreichen, von wo ich und jemand aus Antwerpen in einem Bus nach Brüssel gebracht wurden; von Brüssel fuhren wir mit dem Zug nach Antwerpen.» «Ich ging mit diesem Mann aus Antwerpen nach Hause; auch mit der Hoffnung dort etwas Essbares zu bekommen. Das war nicht der Fall und dann ging ich zu Fuß durch den kleinen Tunnel am linken Ufer des Flusses Schelde.» «Dort nahm ich den Zug nach St. Niklaas und von dort brachte mich das Rote Kreuz mit dem Auto nach Stekene. Am späten Nachmittag des 31. Mai erreichte ich meine Heimat.» Für Paul kam die Befreiung zur richtigen Zeit. Er wog nur noch 32 Kilogramm und hätte es nicht viel länger überstanden. Bei seiner Ankunft zu Hause hatte er sein dazu gewonnenes Gewicht auf 50 Kilogramm geschätzt, was immer noch nicht viel war. Paul Baert «Am 16. März 1945 starb mein Bruder Andre aufgrund von Unterernährung im Lager E.» Etienne Bauduin Auch nach all den Jahren belastet es Etienne sehr über seine Zeit in Kahla zu sprechen. Schließlich wurden er und sein Bruder zusammen aufgegriffen; jedoch kehrte nur Etienne zurück. Andre starb am 16. März 1945 an Unterernährung. «Wir beide, mein Bruder (Andre) und ich, lehnten es ab in Deutschland zu arbeiten; wir lebten bereits eine beträchtliche Zeit lang im Untergrund. Während dieser Zeit arbeiteten wir beide für meinen Vater. Er war Bauunternehmer für öffentliche Betriebe und zusammen mit ihm kümmerten wir uns um Straßenbauten.» «Die Gestapo war damals bereits zehnmal bei uns zu Hause gewesen, aber sie hatten uns nicht gefunden.» «Bis am 1. August drei Fahrzeuge an unserem Arbeitsplatz hielten. Gabriel, ein Mitarbeiter, und ich wurden nach unseren Papieren gefragt, ich sagte, dass meine in meinem Mantel, der auf dem Fahrrad läge, seien und nahm meine Beine in die Hand, um dort wegzukommen. Aber ich stolperte und fiel auf dem Gehweg hin.» «Der Gestapo-Mann richtete seine Waffe auf mich und wollte jeden Moment schießen, aber eine Dame, die gerade dort vorbeikam stellte sich zwischen uns. Trotzdem schlugen sie mich grün und blau.» «Wir drei ( Andre, Gabriel und ich) wurden festgenommen. Nebenbei, es waren Belgier, die uns inhaftierten.» «Wir wurden mit dem Auto zum Gestapo-Hauptquartier in Doornik gebracht. Sie sperrten uns in eine Art Herrenhaus im Boulevard Leopold. Es war nicht empfehlenswert auch nur irgendeinen Versuch zu unternehmen um zu fliehen. Die Wände waren alle mit Blut beschmiert und in der ersten Etage standen jederzeit schussbereite Maschinengewehre.» «Wir blieben dort etwa vier Tage; später brachten sie uns in die Kaserne in der Avenue de la Cuoronne in Etterbeek.» «Am 8. August, um 5 Uhr morgens, brachten sie uns zur Eisenbahnstation. Auf dem Weg dorthin standen alle 10 Meter ein Deutscher mit dem Gewehr in der Hand. Im Zug selbst saß ein Deutscher neben jeder Tür.» Am 16. März 1945 starb mein Bruder Andre aufgrund von Unterernährung im Lager E «Ich trug einen Koffer mit einigen Kleidungsstücken und etwas zu Essen. Auf dem Bahnsteig waren Leute vom Roten Kreuz, die uns jeder ein paar Tomaten und zwei Scheiben Brot gaben.» «Im Moment, als wir den Bahnsteig verließen, sangen wir noch, denn die Amerikaner waren fast in Paris. Wir waren der festen Überzeugung, dass unser Zug nicht mehr sehr weit kommen würde. Wenn wir damals gewusst hätten, was noch auf uns wartete...» «Die Männer, die während des Weges versuchten zu fliehen, wurden jedes Mal zurückgebracht.» «Wir fuhren im Zug für zwei Tage und eine Nacht; spät am Nachmittag des 9. August 1944 erreichten wir die Zugstation Kahla.» Ein Brief, von Andre geschrieben, nach seiner Ankunft in Kahla beschreibt: „ Wir wurden behandelt, als wären wir die größten Verbrecher Europas. " «Das erste, was wir in Kahla sahen, waren Russen, die um Lebensmittel bettelten. Zu diesem Zeitpunkt dachten wie noch, diese Männer wären verrückt, doch schon nach nur einem Monat bettelten wir ebenfalls wie sie.» «Ich schuftete die ganze Zeit über in den Tunneln; bis Januar arbeitete ich noch mit meinem Bruder. Ich hatte mit dem Bohren der Tunnel zu tun. Wir bohrten etwa neun Löcher in den Fels. Ein Deutscher bestückte sie mit Dynamit und ein Teil des Felsens wurde gesprengt. Wir mussten die Stücke abtransportieren. Dazu mussten wir mit dem Schutt die Tunnel rein und raus fahren, einmal um Staub zu mindern und auch wegen der Luftzirkulation.» «Am Anfang - zu dieser Zeit waren wir noch kräftig genug - sabotierten wir so viel wir nur konnten. Später dann waren wir viel zu geschwächt, um unsere Pläne fortzusetzen.» Für alle Überlebenden des Lagers E - Kahla ist Essen die kostbarste Sache überhaupt. Etienne würde niemals eine Diät machen. Denn wenn man fast an Hunger gestorben wäre, dann will man den Rest seines Lebens genau das essen, was man möchte. «Wir bekamen einen Liter wässrige Suppe und ein Stück Brot. Anfangs bekamen wir ein Brot für vier Männer, dann eines für sechs, eines für acht und schließlich eines für zwölf. In jedem Raum musste immer einer das Brot schneiden. Derjenige, der das an diesem Tag machte, bekam immer das Stück, das übrig blieb, nachdem jeder seines ausgesucht hatte. Diese Methode sollte ausschließlich dazu dienen, zu vermeiden, dass er bevorzugt wird.» «Hätte man ausschließlich mit diesen Rationen überleben wolle, wäre man verloren gewesen. Im Lager E tat ich fast alles, um irgendwie etwas Nahrung zu bekommen. Ich habe Kartoffeln gestohlen, die unterhalb der Küche gelagert wurden, ich habe sogar Frösche gegessen...» Etienne Bauduin Am 16. März 1945 starb mein Bruder Andre aufgrund von Unterernährung im Lager E «Von Zeit zu Zeit versuchten wir sogar etwas zusätzliches Essen abends in der Küche zu bekommen. Dort musste man all seinen Mut zusammennehmen. An einem Tag jagten uns die Deutschen weg, an einem anderen war es sogar möglich, dass man etwas bekommen konnte.» Für Etienne ist es besonders schwer, etwas über Kahla auszusagen, seit er seinen Bruder dort verlor. «Mein Bruder starb am 16. März 1945. Er starb an Unterernährung, den Misshandlungen, Schlägen und den schlechten Arbeitsumständen. Ein Menschenleben war in Kahla nicht von großer Bedeutung.» «Andre war noch sensibler, als ich es war. Ich stahl Essen, um zu überleben, ich traute mich mehr. Andre tat das nicht.» «Er blieb eine Weile krank in seinem Bett in der Baracke und blieb dann für einen oder fünf Tage in der Krankenbaracke, bevor er schließlich starb.» «Der Krankenpfleger hatte mich bereits informiert, dass es nicht mehr lange mit Andre gehen würde. Ich besuchte ihn noch einmal in der Krankenbaracke; zu der Zeit lebte er noch, aber er war sich nicht mehr meiner Gegenwart bewusst. Er lag im Koma und hatte ein Ödem...» «Am 16. März, um 11 Uhr, starb Andre. An diesem Tag arbeitete ich in der Nachtschicht, so dass ich tagsüber in meinem Zimmer in der Baracke war. Der Krankenpfleger kam, um nach mir zu sehen. » «Am Abend musste ich zur Arbeit in die Nachtschicht gehen. Ich weinte und einer aus unserer Schicht erklärte einem Deutschen, dass mein Bruder gerade gestorben war. Dieser Deutsche stellte sich als ganz anständig heraus, denn er schrieb ein Dokument, das mich dazu befähigte, wieder ins Lager zurückzugehen und das mich trotzdem zu meiner Tagesration berechtigte.» «In dieser Nacht kehrte ich zu der Totenbaracke zurück. Ich suchte so lange unter den Toten, bis ich Andre fand und schnitt einige Locken seines Haares ab.» Etienne verlässt den Raum und kommt mit einem kleinen braunen Paket zurück. 55 Jahre lang hat er Andres Haare aufbewahrt. «Andres Leiche wurde mit dem letzten Laster, der Leichen abholte aus dem Lager geschafft. Dieser Laster fuhr immer mit leeren Särgen ins Lager und mit vollen wieder raus. Die Särge wurden jedes Mal wieder verwendet.» Etienne Bauduin Am 16. März 1945 starb mein Bruder Andre aufgrund von Unterernährung im Lager E Direkt neben dem Gedenkstein auf dem Massengrab des Friedhofs Kahla stellte Etienne einen Gedenkstein in Erinnerung an seinen Bruder auf Zusammen mit hunderten von Kameraden fand er dort Frieden nach der langen unmenschlichen Zeit im Lager E. «Und was mich betraf, ich hatte schon seit Januar fortlaufend die Ruhr; aber ich musste trotzdem immer zur Arbeit ins Werk gehen.» «Im Werk fiel jeden Tag irgendwo irgendjemand tot um. Einmal stürzte ein Tunnel ein. Nur die ersten zehn Meter waren abgestützt, der Rest nicht. An diesem Tag gab es dort sehr viele Opfer.» «Während der Wintermonate war es eisig kalt dort. Ich hatte keine warmen Sachen mehr; ich ging zur Arbeit eingewickelt in einer Decke. » «Die Männer, die Tabak besaßen, konnten sich dort wahrhaft reich nennen. Ich hatte keinen Tabak, also musste ich erfinderisch sein. Einmal drehte ich eine Zigarette aus getrockneten, gepressten Blättern für eine deutsche Wache in dem Werk. Im Austausch für die Zigarette bekam ich Brot. Am nächsten Tag teilte mir ein Kamerad mit, dass die Wache nach mir suche. Ich war furchtbar erschrocken, ich fürchtete, dass mein Schwindel aufgeflogen war. Aber nichts dergleichen. Ihm hatte meine Zigarette geschmeckt und er fragte mich nach einer weiteren. » «Die Nazis wollten jegliche Form von Solidarität und Kameradschaft unterbinden. So mussten wir alle drei Wochen die Zimmer wechseln. Aber je länger wir in dem Lager E blieben, verschwand die Solidarität ganz einfach von selbst. Wenn man ums Überleben kämpfen muss, dann ist jeder auf sich selbst gestellt.» «Es war einfach unmenschlich dort. Im September sah ich, wie jemand erschossen wurde, weil er eine Birne von einen Baum gepflückt hatte.» «Ich, ich bekam einmal 25 Streiche mit einem Stock, weil sie mich mit einem Stück Brot erwischten. Die Deutschen ließen einen mit nackten Oberkörper über eine Holzbank beugen; mit einem Knüppel schlugen sie dann auf einen ein. Nach dieser „Behandlung" bekam man dann die Erlaubnis, wieder in seine Baracke zu gehen, zumindest wenn man noch lebte...» Etienne erwähnt auch eine auffallende Sache an der Lagerleitung. «Der Lagerleiter, der Bereitschaftsdienst im Lager E um Weihnachten hatte, war Boxer. Zwei Gefangene im Lager waren ebenfalls professionelle Boxer. Am 25. Dezember organisierte der Lagerfiihrer einen Boxkampf: er gegen die anderen beiden. Wir, die Gefangenen, wurden gezwungen den Kampf anzusehen. » Langsam näherte sich die Befreiung. Etienne Bauduin Am 16. März 1945 starb mein Bruder Andre aufgrund von Unterernährung im Lager E «Am Ende hatten wir nicht einmal mehr etwas zu Essen. Die Schwerkranken wurden mit kaltem Wasser bespritzt, um sie schneller zu liquidieren.» «Am Tag der Befreiung wog ich 36 Kilo. Jemand der das nicht selbst erlebt hat, kann sich unmöglich diese Hölle vorstellen. Um den 10. April wurden wir aus dem Lager gefahren. Die Deutschen wollten uns im März freilassen, aber unser Zimmer wollte die Baracke nicht verlassen. » «Im Moment, als jemand aus unserem Raum mal pinkeln musste, wurde er von ein paar SS- Leuten gesehen. Sie kamen in die Baracke und jagten uns raus. Wir mussten gehen, sonst wären wir erschossen worden.» Es schien als seien Etienne und Valere im selben Raum. «Mit einigen anderen kamen wir frei. Bevor wir Lager 7 erreichten, versteckten wir uns in den Wäldern in der Nachbarschaft eines Bauernhofes.» «Wir blieben dort für vier Tage. Die Deutschen, die vorbei kamen taten uns nichts.» «Dann kam der Moment, in dem wir uns mitten zwischen den beiden Armeen wieder fanden, in einer Art Niemandsland. (Die deutsche Armee zog sich gerade zurück, die Amerikaner waren jedoch noch nicht eingetroffen.) Das hielt für zwei Stunden an.» «In dieser Zeit gingen wir zu dem Bauernhof, um nach etwas zu Essen zu suchen: Einem Schwein und einem Huhn. In Lager 7 fielen wir über das Huhn und das Schwein her; eine Viertelstunde später starben zwei Polen, die zu viel gegessen hatten auf der Stelle.» «Wir sind von Amerikanern befreit worden. Sie ließen uns nach Kahla in den Ort gehen, wo sie uns mit DDT entlausten und wir neue Kleidung bekamen. Sie gaben mir eine Jacke einer russischen Uniform und das Hemd und die Hosen einer italienischen Uniform. Sie hielten uns aber weiterhin in Quarantäne.» «Wir drei gingen schließlich, wir gingen ein Stück die Hauptstraße entlang und dann durch die Wälder. Wir aßen das, was die amerikanische Armee zurückließ, wir schliefen in Scheunen auf Bauernhöfen. Unser Weg endete, sobald wir in Fulda ankamen.» «Dort griffen uns einige kanadische Soldaten auf und brachten uns in ein Lager, dessen Namen ich vergessen habe.» «Von dort brachten sie uns mit dem Laster nach Liege und von dort nach Brüssel.» «Ich blieb eine Nacht in Brüssel; am nächsten Tag brachten sie mich mit dem Auto nach Ottinies. Ich hatte meine Eltern nicht vorgewarnt, dass ich auf dem Nachhauseweg war. Mein Bruder war tot und ich wusste nicht, ob sie das schon wussten.» Etienne Bauduin Am 16. März 1945 starb mein Bruder Andre aufgrund von Unterernährung im Lager E Nach seiner Rückkehr aus der Hölle nahm Etienne sein Leben wieder selbst in die Hand Wie auch immer, es vergeht kein Tag, an dem er nicht an Andre und Kahla denkt. Etienne Bauduin Am 16. März 1945 starb mein Bruder Andre aufgrund von Unterernährung im Lager E Nach seiner Rückkehr aus der Hölle nahm Etienne sein Leben wieder selbst in die Hand Wie auch immer, es vergeht kein Tag, an dem er nicht an Andre und Kahla denkt. Etienne Bauduin «Dank der zwei Scheiben Brot pro Tag, die ich von Franz Meyer erhielt, konnte ich die Lager, in denen ich lebte, überleben.» «Ich konnte nicht mehr in Veurne bleiben. Einer meiner Bekannten brachte mich nach Tielt und auf den Weg dorthin, an einer Kontrollstelle, wurde ich festgenommen. Ich hatte noch meinen Pass, aber das war auch das einzige an Papieren, was mir blieb.» «Sie brachten mich zur Feldgendarmerie von Diskmuide, die am Marktplatz lag, in der ich die Nacht im Gefängnis verbrachte.» In der Feldgendarmerie von Diskmuide wurde Valere mit der Grausamkeit der Besetzungsmacht konfrontiert. Während der Vernehmung wurde er zum ersten aber sicherlich nicht zum letzten mal von der Gestapo verdroschen. Sie behaupteten, dass er lügen würde, und dass er eine Nacht lang in einer Zelle über seine Lügen nachdenken solle. «Natürlich log ich; ich konnte ihnen unmöglich erzählen, dass ich mich die ganze Zeit bei meiner Schwester versteckte.» «Am nächsten Morgen holte mich einer von der Gestapo, den ich noch von der Zeit vor dem Krieg kannte, aus der Zelle und sagte: „Ich lasse dich gehen", er hielt seinen Revolver hoch und sagte: „und bevor du 5 Meter gerannt bist, werde ich dich wie einen Hund erschießen." Also gab es keinen Fluchtweg. Sie brachten mich von Diskmuide mit der Straßenbahn nach Brügge zur Feldgendarmerie, von wo aus ich in das Gefängnis von Kruispoort gebracht wurde.» In der Straßenbahn von Diksmuide mach Brügge waren 5 Mitglieder der Gestapo; eigentlich viele. Sie konnten nicht nur wegen Valere da sein. Was sich später als falsch herausstellte. Innerhalb dieser Zeit wurden 17 junge Männer in Beernem inhaftiert. Warum? Nun, ein Mitglied der Gestapo hatte nach den Papieren eines jungen Mannes für eine Routineuntersuchung gefragt. Der junge Mann hatte eine Schublade des Küchentischs geöffnet, packte einen Revolver und erschoss das Mitglied der Gestapo. Er selbst konnte fliehen; als Vergeltungsmaßnahme inhaftierten sie 17 junge Männer. «Nach 8 Tagen in Brügge wurden wir mit dem Zug in die Kaserne von Eterbeek an den Kroonlaan gebracht. Nach etwa 3 Tagen ging es mit dem Zug weiter nach Deutschland. Über Erzohenrath, Düsseldorf, Kassel erreichten wir am Abend Weimar. Dort angelangt, sahen wir zum ersten Mal Sträflinge bei der Arbeit; sie gruben Löcher aus. Es war sehr merkwürdig, alle Männer hatten „Pyjamas" an. Es dauerte nicht lang, bis wir wussten, was dies zu bedeuten hatte.» «In Weimar wurden wir für eine Woche im Theater untergebracht, in dem Hitler 1933 eine Rede hielt. Es war die zweite Hälfte im Juli. Sie fragten schon einmal in Brügge und in Brüssel, ob wir nicht der Gestapo beitreten wollten. Wir beachteten es nicht weiter. In Weimar fragten sie uns erneut und drei einer Gruppe von 30 Männern verpflichteten sich dazu. Nach dieser Woche wurde unsere Gruppe in zwei Gruppen unterteilt; ein paar wurden nach Kahla geschickt, einige nach Suhl und der Rest nach Oschersleben.» Valere Braet «Dank der zwei Scheiben Brot pro Tag, die ich von Franz Meyer erhielt, konnte ich die Lager, in denen ich lebte, überleben.» «Ich ging nach Suhl, wo ich in einem Camp bis Ende August - Anfang September arbeitete. Wir mussten Nahrung ausladen, andere Arbeit erledigen und Straßen erhalten. Von da an wurde ich nach Oschersleben geschickt. Wir wurden ausgebildet um an den Flugzeugen zu arbeiten.» In Oschersleben wurde die Focke Wulf gebaut. «Anfang Oktober wurde ich nach Quedlinburg versetzt. Vielleicht 90 Gefangene wurden in der Kaserne der Luftwaffe untergebracht. Im Vergleich zu den anderen Lagern war Quedlinburg wie der Himmel. Jeden Monat wurden 250 Focke Wulf montiert. Ich arbeitete am Abflug.» Am Abflug wurde das Flugzeug aufgebockt und kontrolliert. (Die Räder wurden zusammen und auseinander gelegt.) «In Suhl bekam ich nach wie vor zwei Pakete von zu Hause: in Kahla kam dies nicht mehr in Frage. In einem Paket, das ich in Quedlinburg erhielt, war eine Schachtel „Speckkies" enthalten (eine Art Süßigkeit). Im beigefügten Brief stand: Der Boden ist meistens das Beste. Im Boden der Schachtel befand sich weißer Leinen als kleiner Beutel zusammengeheftet, in dem ich Kaffeebohnen fand. Auf Arbeit fragte ich Franz Meyer, ob er Kaffee gebrauchen könnte. Er bejahte und gab mir für den Kaffee jeden Tag zwei Scheiben Brot solange wir zusammen waren. Dieses Brot rettete mein Leben.» Franz Meyer war ein Deutscher, der in Quedlinburg arbeitete. Das Gerücht ging herum, dass er ein Anti-Nazi sei; Valere und Franz Meyer arbeiteten zusammen. So riskierte Valere es, ihn zu fragen, ob er etwas mit dem Kaffee anfangen könne. Meyer fragte, was er im Gegenzug dafür wolle. Brot, sagte Valere. Nun, sagte Meyer, ich werde dir 20 Kilo Brot geben. Valere entgegnete, dass er von 20 Kilo keinen Gebrauch machen könne, wenn er alles auf einmal bekommen würde, weil er keine Möglichkeit hatte es zu verstecken oder zu lagern. Auch war das Risiko zu hoch, dass er zu viel essen und davon krank werden würde. Valere schlug Franz Meyer vor in der Zeit, in der sie zusammen waren, ihm jeden Tag eine Scheibe Brot zu geben. Franz Meyer erklärte sich bereit, ihm zwei Scheiben zu geben. Sie hatten eine Vereinbarung. In dein Moment als sie Quedlinburg verlassen mussten, musste auch Franz nach Oschersleben gehen und später nach Kahla. Bis zu dem Tag vor Ostern (Samstag, 1. April) erhielt Valere jeden Tag zwei Scheiben Brot. Am Ostertag konnte Franz Meyer Urlaub machen und zu seiner Ehefrau gehen. Während der gesamten Kriegszeit sah in Valere ihn nie wieder. «Ende Januar verlegten sie uns wieder von Quedlinburg nach Oschersleben. Nach einem kurzen Aufenthalt dort gingen wir nach Kahla.» «Über Magdeburg, Halle, Weißenfels hielt der Zug in Kahla an. Als wir dort ankamen, stand die Bahnstation in Flammen. Also fuhr der Zug zurück und wir mussten hinaus in die Wiesen gehen. Von Jena aus fuhren wir mit dem Zug zurück nach Kahla.» Valere Braet «Dank der zwei Scheiben Brot pro Tag, die ich von Franz Meyer erhielt, konnte ich die Lager, in denen ich lebte, überleben.» «In Kahla blieb ich zuerst im Lager 7 im Leubengrund; später wurde ich in Lager E versetzt.» «Dort arbeitete ich an der Spitze des Berges an der Start- und Landebahn, ich half beim Starten der Flugzeuge. Mit Hilfe eines Traktors wurden die Flugzeuge aus dem riesigen Montagebunker gezogen. Sie wurden auf die Plattform gehoben, dann dauerte es 20 Minuten bevor sie über den Zahnrad - Bahngleis zur Spitze des Berges ankamen. An der Spitze des Berges mussten wir (zwei Belgier und vier Russen) die Maschine von der Plattforen nehmen und das Flugzeug zum Start der Startbahn schieben.» «Dann befestigten zwei Personen ein Zusatztriebwerk an jedem Flügel. Die Deutschen machten den Zündungsmechanismus fest.» «Die kleinen Motoren liefen mit normalen Benzin. Wir starteten den Motor wie einen Rasenmäher. Als der Motor lief, startete der Pilot das Flugzeug. Dann wurden die Zusatz- triebwerke abgefeuert und die ME262 ging ab wie ein Schuss. (Die Zusatztriebwerke wurden eingeschaltet, nachdem das Flugzeug eine gewisse Geschwindigkeit und die Mitte der Startbahn erreicht hatte.) Die Zusatztriebwerke wurden abgeworfen, die Russen mussten sie aufsammeln.» «In Kahla starteten 14 Flugzeuge während der Zeit, in der ich dort war.» 14 Flugzeuge starteten vom Walpersberg, 7 von diesen würden Zerbst erreichen, wo die Artillerie und die Munition platziert wurde. Jahre später traf Valere zufällig einen deutschen Piloten bei einer Luftflugschau in Koksöde, der Zerbst während des 2. Weltkrieges mit einer ME262, hergestellt in Kahla, verließ. Er hatte bei der Luftattacke auf Prag teilgenommen. «Das Essen in Lager 7 und in Lager E war viel zu wenig, um am Leben zu bleiben. Wir bekamen einen Liter Wassersuppe und wir mussten uns ein Brot mit sechs anderen teilen. Sehr außergewöhnlich war, dass wir ein kleines Stück Wurst zum Brot bekamen. » Valere wog 51 Kilo als er zu Hause ankam. «Ich war froh, dass ich dort nicht krank geworden bin. Diejenigen, die ernsthaft krank geworden sind, waren schon im Voraus tot. Aber ich zog mir dort eine Funktionsstörung zu, weil ich immer den Abgasen der Flugzeuge ausgesetzt war. Im kalten Winter wärmten wir uns mit diesen Abgasen; es waren 20 Grad Celsius unter null.» «Am 1. April ab wurde die Arbeit niedergelegt. Die einzige Arbeit, die nach Ostern getan wurde, war die Abmontierung der Flugzeuge, die bereit waren, nach Zerbst abtransportiert zu werden. Ich und einige andere mussten die Flügel, die Körper und die anderen Teile zur Startbahn von Orlamünde bringen.» «Am 14. April wurde Lager E befreit. Einige Tage zuvor wurde das Lager •evakuiert. Wir sollten bei einem Marsch Richtung Neustadt an der Orla teilnehmen. Aber unser Zimmer in der Kaserne verließen wir nicht. Wir sahen schon die Artillerie.» Valere Braet «Dank der zwei Scheiben Brot pro Tag, die ich von Franz Meyer erhielt, konnte ich die Lager, in denen ich lebte, überleben.» «In dem Augenblick, als jemand aus dein Zimmer pinkeln musste, rannte er nach draußen in die Arme der SS. Sie betraten die Kaserne und trieben uns nach draußen. Wir mussten gehen, oder wir wären erschossen worden. Ich und zwei andere gingen.» «Wir gingen Richtung Kahla, aber wir hatten das Gefühl, dass wir die Brücke nicht überqueren sollten. Wir hatten Angst, dass die Brücke hätte bombardiert werden können. In der Nähe der Brücke krochen wir in ein Loch und schliefen ein. Die Polizei weckte und begleiteten uns auf die andere Seite der Brücke. » «Wir hatten gerade die andere Seite der Brücke erreicht, als diese in die Luft gejagt wurde.» «Dann gingen wir in Richtung eines Dorfes, von dem mir während der Gedenkfeier erzählt wurde, dass es Hummelshain war. Die deutschen Soldaten, an denen wir vorbeiliefen, gaben jeden von uns ein Brot.» «Als wir Hummelshain erreichten, gingen wir auf den Friedhof; wir wollten die Nacht im Todeshaus verbringen. Aber dieses war verschlossen, so dass wir in den Wäldern schliefen.» «Am anderen Tag hielt ein Lkw mit drei deutschen Soldaten neben uns an. Sie gaben uns Zigaretten und den Rat, in die Wälder zu gehen und auf die Amerikaner zu warten.» «So verbrachten wir auch diese Nacht in den Wäldern.» «Dies setzte sich bis zur Spitze dieses Berges fort. Es gab dort auch noch andere Belgier, Franzosen,... Wir hörten die Alliierten; als wir die Amerikaner ankommen sahen, winkten wir ihnen mit einem weißen Hemd und wir kamen aus den Wäldern.» «Die Amerikaner gaben uns Kaugummi und Zigaretten und sagten, wir sollen in die Richtung gehen, aus der wir gekommen sind. Diese Nacht schliefen wir in einer Sägemühle.» «Am Morgen überquerten wir die Saale erneut und ein Elsässer schickte uns zurück zu Lager E; ein Lkw würde kommen und uns mitnehmen.» «Am anderen Tag kamen Lkws mit französischen Fahrern. Vierzig Mann wurden in einen Lkw gesteckt. Der, in dem ich saß, hatte einen platten Reifen. So stieg ich aus dem Lkw, um dem Fahrer zu helfen. Unterdessen stahl mir jemand meinen Platz im Träger, so dass ich den Rest der Reise auf der Motorhaube des Lkws verbringen musste.» «Sie fuhren uns zu einem Feld, auf dem die Faschisten separat von der Gruppe standen. Von da an wurden wir durch die GMCs (die, welche die Munition an die Front brachten) nach Eisenach gebracht, immer noch mit vierzig Mann pro Lkw. Wir blieben dort zwei Tage. Dann brachten sie uns nach Mainz in die Kaserne der deutschen Panther. Wir durften diese nicht verlassen, bevor wir nicht die gesamte Kaserne gesäubert hatten, wobei die Aufgabe ziemlich schwierige war wenn man kein Wasser hatte.» Valere Braet «Dank der zwei Scheiben Brot pro Tag, die ich von Franz Meyer erhielt, konnte ich die Lager, in denen ich lebte, überleben.» «Wir wurden dort auch mit Puder bestäubt. Jeder, der desinfiziert war, erhielt eine rote Karte.» «Sie transportierten uns zu einer anderen Kaserne.» «Von da aus brachten sie uns mit dem Lkw zu einem Bahnhof. Sie platzierten uns mit vierzig Mann in einem Viehwaggon. Es war unmöglich, dass alle zur gleichen Zeit zu lagen, also wechselten wir alle zwei Stunden. » «Auf diese Weise fuhren wir zwei Tage und zwei Nächte ohne Essen und Trinken. Über Frankreich, kamen wir in Metz an. In Arlon bekamen wir etwas zu Essen. » «In Jambes wurden wir von der Staatssicherheit verhört und mussten zum Arzt gehen. Jeder bekam 200 Frances um nach Hause zu kommen.» «In Brüssel wurden wir dann alle verhaftet. Wir erzählten ihnen, dass wir Freiwillige seien und verschwanden. » «Ich nahm die Straßenbahn zu meiner Familie nach Schaerbeek, von wo aus ich in Tielt anrief» «Am 24. April 1945 um etwa 20 Uhr erreichte ich Tielt. Eine riesige Menschenmenge wartete dort auf mich.» Bis zum heutigen Zeitpunkt kann Valere diesen Abschnitt in seinem Leben nicht vergessen. Wenn er jemanden in einem gestreiften Shirt sieht, versetzt ihn sein Geist in diese schreckliche Zeit zurück.

Quellen und Nachweise

  1. zeitzeugen_komplett_ocr.pdf