Zeitzeugnis
Zeitzeugenaussage Nikolaj Fedorovic Baj
Fragebogen und Begleitschreiben über Verschleppung, Lager und Arbeit in Kahla.
Forschungsstand dokumentiert
Forschungsdatensatz
Dokumentierte Angaben
- Person
- Nikolaj Fedorovic Baj
- Rolle
- Zwangsarbeiter
- Ort
- Kahla
- Zeitraum
- 1945
- Herkunft
- Ukraine
Überlieferung und Kontext
• Baj, Nikolaj Fedorovič, Fragebogen vermittelt von der Belorusskij Respublikanskij
Fond „Vzaimoponimanie i Primirenie“ [Belarussischen republikanischen Stiftung
"Verständigung und Aussöhnung"].
Бай Николай Федорович
Ул. Лесная 23, д. Круки Свертлогорскии рн Гомельской обл.
Baj, Nikolaj Fedorovič
Straße: Lesnaja Nr. 23
Dorf: Kruki, Kreis: Svetlogorsk, Gebiet: Gomel’
1. (wann geboren, wo die Familie wohnte)
1. Januar 1930, im Dorf Morchovički, im Kreis Kirov, im Gebiet Mogilev
Außer mir lebten noch zwei Brüder und eine Schwester in der Familie.
2. (Umstände der Deportation)
Im Frühling 1944 - ich war Hirte - wurde ich tagsüber bei der Arbeit verhaftet, zunächst in
einen Schuppen eingesperrt, danach nach Bobrujsk gebracht und von dort schon nach
Deutschland.
3.-7. (Umstände des Transportes, Ankunft, welches Lager in Kahla, Lebensbedingungen,
Kleidung etc.)
Wir wurden in einem Zug transportiert, wo wir uns auf dem Boden und auf den Pritschen
verteilten. In Erfurt waren wir ungefähr zwei Wochen und danach wurden wir nach Kahla in
ein Lager gebracht, dessen Kommandant Schulz hieß. Von diesem Lager aus wurden wir zu
einer Fabrik gefahren; luden Steine, bauten eine Straße. Nach der Arbeit wurden wir unter
ständigen Bombenangriffen mit einem Fahrzeug zurückgebracht. Bei einem solchen
Bombenangriff kippte das Fahrzeug um und vier Menschen kamen ums Leben. Ich brach mir
dabei ein Bein und Rippen. Ich wurde in ein polnisches Lager gebracht und danach aus dem
polnischen Lager in das russische Zeltlager Bibra. Dort kam ich in ein russisches Hospital.
Die Verpflegung war nicht sehr gut. Wir lebten zu zehnt bis fünfzehnt in einem Zelt. In den
Zelten gab es kleine eiserne Öfen und jeder hatte eine Decke.
8. (Wurde Arbeitsbekleidung ausgegeben?)
Nur im Winter erhielten wir Strickjacken und Hemden.
9. (Verpflegung)
Morgens gab es einen Teller Suppe ohne Brot, mittags das gleiche und abends ein Stückchen
Brot mit Margarine. Es gab eine Kantine.
10. (Beginn und Ende des Arbeitstages, Weg zur Arbeit)
Der Arbeitstag begann zwischen fünf und sechs Uhr morgens und endete um 19 Uhr. Das
Lager befand sich zwei Kilometer von der Fabrik entfernt.
11. (Ob es Appelle gab)
Ja es gab Appelle. Manchmal wurden wir mit Stöcken geschlagen.
12. (Arbeitsnorm und Kontrolle)
Nein, es gab kein festgesetztes tägliches Arbeitspensum. Sie kontrollierten, damit sich
niemand ausruhte.
13. (Verhalten der „Meister“ etc., waren es Dt. o. andere)
Meister Adam war ein guter Mensch.
14. (Gab es Lohn, und konnte man sich dafür etwas kaufen?)
Im ersten und zweiten Monat erhielten wir jeweils 30 Mark, aber es gab ein Kartensystem und
wir konnten nichts kaufen, weil man uns keine Karten ausgab.
15. (Wurden sie zu anderen Arbeiten, z.B. in der LW, geschickt?)
Nein, wir wurden nirgendwohin geschickt.
[Rückseite:]
In Kahla im Zeltlager Bibra haben folgende Personen gearbeitet:
1. Der Leiter des Hospitals - der Oberst Herr Richter
2. Der Arzt Nikolaj Vasil’evič Poršnev
3. Der Arzthelfer Nikolaj Vasil’evič Popeliso (geb. 1925)
4. Die Krankenschwester Valentina Alekseevna Nasarovna (geb. 1925)
5. Die technische Assistentin Natal’ja Nasarova
Diese Personen sind alle in Stalin (heute Donetsk) geboren.
Jadviga Radčkovskaja aus Warschau - Übersetzerin
Krankenschwester aus Leningrad - Elsa
16. (Kontakt zur Heimat und Kontrolle des Kontaktes)
Uns hat keiner geschrieben und wir haben auch keine Päckchen erhalten.
17. (Kontakte zu Arbeitern anderer Lager)
Ich persönlich hatte Kontakte, weil ich Dokumente austrug, Meldungen über Getötete und
Verstorbene
18. (Wurden bestimmte Gruppen anders behandelt als andere?)
Mit mehr Brutalität wurden die Russen und die Italiener behandelt, während den anderen
mehr Nachsicht entgegengebracht wurde.
19. (Kontakte zwischen Arbeitern verschiedener Nationalitäten)
Ja es gab welche. Die Deutschen halfen uns manchmal mit Nahrungsmitteln aus (einmal kam
ich in ein Nachbardorf und die Bewohner gaben mir etwas zu essen). Und mit einem
italienischen Arbeiter spielte ich oft Schach und wir gingen ins Kino.
20. (Frage nach Kindern u. Familien in den Lagern)
Ich erinnere mich an eine Familie (Vater, Mutter und Tochter). Ihnen wurde erlaubt
zusammen zu wohnen, aber sie erfuhren genau die gleiche Behandlung wie alle anderen.
21. (Frage nach Nationalität der Wachen und ihrem Verhalten)
Die Wachmänner waren deutsche und sie behandelten die Arbeiter normal.
22. (Gab es Denunzianten unter den Arbeitern)
Ich erinnere mich an einen Denunzianten aus Leningrad, er hieß San’ka.
23. (Frage nach Korruption bei Essen und Post)
Wir erhielten keine Briefe und Päckchen und die Ration war immer dieselbe.
24. (ob er Zeuge von Misshandlungen oder Morden wurde, wer Täter und Opfer waren)
Ja, es gab einen Fall. Im Hospital gab es sehr viele Kranke. Die wurden lange nicht
gewaschen, was einen Läusebefall zur Folge hatte. Da kam der Lagerkommandant und fing an
zu schimpfen, dass niemand arbeiten könne, nahm einen Kranken (das war im Winter) und
führte ihn zum Fluss. Dort zog er ihn aus und begoss ihn mit Wasser. Der Kranke starb bald
darauf an Unterkühlung.
25. (Strafen im Lager)
Falls jemand versuchte zu fliehen, wurde er erschossen.
26. (Verhalten der deutschen Arbeiter und Lagerführung – vermutlich auf die Arbeiter
bezogen)
gut
27. (Kontakte zur Zivilbev.?)
ja, es gab welche
28. (Wie sich die Zivilisten verhielten)
freundlich, sie gaben uns Brot und Salz.
30. (Gab es Deutsche, die Arbeiter human behandelten u. ihnen halfen?)
ja, es gab welche
31. (Fluchtversuche und Strafe dafür)
Es gab nur sehr wenige, weil die Leute wussten, dass sie nirgendwo hin weglaufen konnten.
Wer versuchte zu fliehen, wurde erschossen.
32. (Medizinische Versorgung)
Die Kranken kamen ins Hospital, es gab viele Läuse, es gab nur sehr wenig Medizin,
hauptsächlich Jod, Zelenka (ein Desinfektionsmittel (?)) und Binden
33. (Frage nach der Sterblichkeit)
Es starben Verwundete und fast täglich Leute an Erschöpfung, überlebt haben nur die
Stärksten, weil die Bedingungen nicht sehr gut waren. Dmitrij Solonivič aus dem Dorf
Ljuboniči, im Kreis Kirov, im Gebiet Mogilev (geb. 1928) starb bei einem Bombenangriff.
34. (Frage nach Evakuierungen – die Todesmärsche)
Am 11. April 1945 wurden wir evakuiert und kamen nach mehreren Zwischenstationen nach
Gomelschnaj [?], wo wir auf ein Feld gebracht wurden. Von dort floh ich zusammen mit drei
Gefangenen, weil es nichts zu essen gab (Michail Sidorenko aus Dnepropetrovsk). Wir kamen
nach Tischandorf und begannen dort für den Bauern Bawor zu arbeiten, im Frühling halfen
wir Kartoffeln zu pflanzen und mähten Heu.
35. (Wo er befreit wurde, in welcher Verfassung er war)
Als die Befreier kamen, lagen wir bei dem Bauern in der Scheune.
Unser Befinden war normal, wir gingen öfter zu den amerikanischen Soldaten, um in ihrer
Küche zu essen.
36. (Frage nach Verhaftungen von Wachleuten nach der Befreiung)
Viele Wachmänner flohen vor den Befreiern.
37. (Frage nach der Heimkehr)
Im Herbst 1945 kam ich zur Brandstätte, alles war verbrand.
38. (Weiteres Schicksal)
Ich arbeitete in einer Kolchose. 1950 wurde ich in die Armee einberufen und diente auf der
Insel Sachalin in der Stadt Južnosachalinsk im 51. Ingenieur-technischen Regiment. Ich
wurde am Bein verwundet und lag fünf bis sechs Monate im Hospital. Danach trat ich aus der
Armee aus und verließ die Stadt. Nach der Armee besuchte ich in Bobrujsk die Mechaniker-
Schule, um Mähdrescher- und Traktorfahrer zu werden. Danach wurde ich über den
Komsomol (kommunistischer Jugendverband) zum Arbeiten nach Kasachstan ins östlich-
kasachische-Gebiet, in den Kreis Kirov in die Reparatur-technische-Station von Zaul'binsk
geschickt. Nachdem ich zwei Jahre dort gearbeitet hatte, kehrte ich in meine Heimat zurück.
Im Winter 1965 heiratete ich. Mit meiner Frau zog ich drei Söhne und drei Töchter groß.
Zwei von meinen Söhnen leben im Gebiet Archangelsk und die anderen Kinder in
verschiedenen Städten Weißrusslands. Meine Landsleute, die mit mir in Deutschland waren,
sind alle gestorben.
39. (Frage nach zusätzlichen Angaben, die ihm wichtig seien)
In der Zeitung „Belaruskaja niva“ (= Weißrussisches Getreidefeld) veröffentlichte die
Journalistin Ljubov' Kapustina einen Bericht über mich.
Quellen und Nachweise
- zeitzeugen_komplett_ocr.pdf