Zeitzeugnis
Zeitzeugenaussage Mario Fazio
Rolle: Zwangsarbeiter | Herkunft: Italien | Zeitraum: 1944 | Ort: Kahla | Quelle: zeitzeugen_komplett_ocr.pdf
Forschungsstand dokumentiert
Forschungsdatensatz
Dokumentierte Angaben
- Person
- Mario Fazio
- Rolle
- Zwangsarbeiter
- Ort
- Kahla
- Zeitraum
- 1944
Überlieferung und Kontext
= > a
Die Erlebnisse unserer Mitbürger in Deutschland waren mehr oder
weniger für alle gleich, Wir wollen hier Signor Mario Fazio
anhören, der Uber seine Erlebnisse folgendes Verichtete:
In Mlinchen (Bayern) wurde unser langer Transportzug geteilt,
Mit vielen anderen wurden zwei Garessiner, Vincenzo Ghiotti und
Armando Tersiglio und besonders unsere Landsleute aus Bagnaeco,
in die Nähe von Köln am Rhein weiterzeloitet. Die Zurtickgebliebenen
wurden nach Weimar/Thüringen ( jetzt Ostdeutschland) trans-
portiert. Für zwei Tage waren wir dort skr schlecht in einen
Theater untergebracht worden, Von hier aus erfolgte der Weiter
transport nach der са. 60 km entfernten Stadt Kahla,
Wie ioh mich erinnere, wurden wir ab München wie Geriek oder
Stüokgut transportiert, An unsoren Waggons war gro mit Kreide
die Adresse angeschrieben, an die wir * gu senden * waren.
Unterwegs kamen wir neben einen Waggon Zwiebeln su atehen, der
auf einem toten Gleis abgestellt war, Die Entbehrungen waren
bereits so grof, daß diese Zwiebeln ffir uns zu einem Luxusessen
wurden, wovon wir noch lange Zeit geträumt haben,
Als erste Arbeit mußten wir cine elaktrische Leitung zu elnem
sehr steilen Berg hinauf legen, Bei ArbetteunfÆllen wurde nicht
etwa erste Hilfe geleistet, sondern es wurden Schläge verteilt,
Diese Beschäftigung dauerte nicht lange, und wir wurden dann
einer anderen Arbeit zugeteilt, Wir mußten eine unterirdische
Pabrik mit aufbauen, wo man Plugzeusteile fr die Luftwaffe oder
auch Teile für die V 1 und Y 2 produzierte, In vielen Stollen у
in einer Tiefe von са, 250 Meter, wurde schon produziert, Die
Ausschachtungsarbeiten äleser Stollen warden bereite im ersten
Weltkrieg 2% in der Zeit zwischen 1915 - 1918,von Kriegsge-
fangenen begonnen, Es wurden weitere Stollen laufend ausge—
schachtet. Diese wurden mit den modarnsten technischan Mitteln
aungeristat, No entstand in dar Tat eine richtige unterirdische
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Stadt. Wan sorach von 45 km Gesamtlänze und von einer Fabrik,
die die ausgeschachtete Erde zu Steinzut ( maiolica ) verar-
beitete,
Wir mußten in Schichten von 10 - 12 Stunden arbeiten, Bis zu
Weihnachten erhielten wir zwei Mahlzeiten am Tag, dann wurde
uns aber nur noch eine verabreicht, Ein Brot mußte bei einer
Mahlzeit unter acht Personen aufreteilt werden. Auferund des
herrschenden Hungers, wurde diese Teilung zu einer feierlichen
Handlung. Man versuchte diese acht Stlicke ao gleich wie nur
irgend möglich zu teilen, Wenn sich jemand benschteiligt fihlte,
wurde wie folgt verfahren : Einer von uns drehte sich herum,
während ein anderer auf ein Sttick Brot zeigte, mußte der erstere
den Namen der Person nennen, die dieses Stück Brot erhalten
sollte. Nach dieser Operation versuchte man noch die restlichen
Kriimel mit angefeuchtetet Finger aufzulesen, denn so kam kein
einziger Brotkrumen um, Als Zugabe zum Brot gab es sine Suppe,
die aus Kraut, Rübeñblätter und Hafer gekocht war, = Einmal
erhielten wir soger eine Bezahlung, Daraufhin aber nicht mehr,
da angeblich bei, einem Bombenanzriff unsere Unterlagen ver=
nichtet wurden. Es gab allerdines auch Grursen, denen es besser ere
ging. Diese warden regelmifig bezahlt und konnten somit wenigstens
ab und zu einmal etwas Brot oder ein warmes Essen kaufen,
Der lagerfihrer, wir nannten ihn " Hündehen " (cagnolino) , hatte
89 seine besondere Art mit uns umzugehen, Wir mußten uns mili=
tärisch aufstellen und in Richtung Kleineutersdor? sur Arbeit
marschieren, An der Arbeitsstelle angekommen, mußten wir unsere
Ausweise vorzeigen, die wir schon rechtzeitig in die Hand nehmen
mußten und wurden von SS-Leuten in Uniform kontrolliert. Dag
waren entweder ehemalige verwundete oder uek. gestellte SS -Solda=
ton, Bekleidung haben wir die ganze Zeit keine erhniten, Wir
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| kehrten mit denselben Bekleidungsstlicken,nach 9 - monatiger
furchtbareter Arbeit im Bergwerk „ in die Heismat zurtiokr
Als ich Pieber hatte, wurde ich von einem italienischen und dem
deutschen Arzt untersucht. Die italienische Arzt stellte eine
Riprenfellentziindung fest, während der deutsche Arzt von einer
leichten Bronchitis serach. Der deutsche Arzt wien an, da? ich |
mich vollkommen ausziehen mutte, Ich hängte mir aber die Decke
um, die mir die Signora Lepetit in Sesto San Giovanni zegeben
hatte. Daraufhin wurde ich ohne Erbarmen geschlagen, weil ich
mich anzeblich von der Arbeit drilcken wollte. Dann wurde ich
bei 22° unter Null vollkommen unbekleidet in die sogenannte
Krankenstube geschickt, Dort befand sich weiter nichts als
Stroh, Ich hatte aber die Decke mitgenommen, Ein Kolektiv-
eimer für die Notdurft war allerdings vorhanden, Ea gab nichts
zu essen, denn " wer nicht arbeitet, verbraucht auch ke ne
Énergie und hat demzufolge auch keinen Hunger". So wurde es
gesagt. Später bekamen wir ein Brot fir 12 Personen,
Eine Gruppe von Ttalienemm war in einem Theater untergebracht,
Die anderen Italiener waren in sehr verschiedenen Unterkünften
einguartiert worden, Wir mußten täglich arbeiten, auger Yeih-
nachten und 5, Stefan, Bei diesen Gelegenheiten bekamen wir auch
ein mutes Essen, Es wurden gleichzeitig Getränke verabreicht,
Diese Getränke jedoch waren ein ganz ekelhaftes Gemisch, das
Krankheiten verursachte. Daraufhin hatten wir die ersten Toten,
vor allen Dingen unter den schon sehr geschwächten Menschen,
Diese geschwiichten Wenschen wurden offenbar von den Deutschen als
зат же Last empfunden und man wollte sich dieser entledigen,
Am 14, April 1945 warden wir in ein Konzentrationslager von
russischen Kriegsgefangenen in der Nähe von Bibra eingeliefert,
Die alliierten Trurren befanden sich nicht mehr weit von uns.
Im Lager befanden sich Peläklichen, Tir hahan Ata Алый tet
м - IV =
befindlichen Reste ausgetrunken, denn ws waren nunmehr schon
7 - 8 Tage vercangen, ohne daß jemand uns irgenl etwas zu essen
rogeben hatte,
Ich erinnere mich noch ganz sensu, daß ich fünf Sohnecken ge-
funden hatte, die mir versehentlich dann in das Wasser eines
Kanals fielen. Unter groter Gefahr habe ich diese wieder heraus-
geholt, Unser Aufseher, der uns in das Lager begleitet hatte,
war verschwunden, Wir und die zussischen Gefangenen mußten eine
Kolonne bilden und mußten in Richtune Osten merachieren (wahr-
scheinlich sollten wir in die Tschecheslowakei evakuiert werden),
Als wir uns in der Nacht in einem Kiefernwald befanden, sind
mehr viele von uns gefliichtet. Es waren aber auch viele, dte
schon unterwegs em Tag zuvor in den Straßengräben liegenge-
blieben sind, de sie absolut nicht mehr weiter laufend konnten.
Am übernächsten Tag bezegnete ich meinen Landsmann Carlo Gallo,
der such gefliichtet war. Wir hielten uns für са, 12 Tage
zusammen mit etlichen Frenzosen und Belgiern in dieser Gerend
auf. “ir heben in dieser Zeit nur Gras gegessen, Die Straßen
waren mit militärischen Kolonnen Überfüllt,und diese wurden
bombardiert. Wir waren deshalb gezwungen, aus dieser Gegend
zu fllichten, Fir fanden einen Lastkraftwagen mit Marmelede,
auch dieser war getroffen worden, So hatten wir wenigstens
einmal etwas Besseres zu essen gefunden. Das erste Dorf , was
wir erreichten, hatte auch Kartoffeln. Ich wei? noch genau,
Gallo hatte 32 Stück gegessen und ich B Stück, Von einem Laste
kraftwagen aus wurde und eine geschlachtete Henne geschenkt,
Wir flichteten dann weiter, Allerdinegmußten wir jedesmal nach
бо - 60 Meter eine “suse einlegen, der allzemeine Erschinfungs-
zustand war mu groß, Wir erreichten dann eine Ortschaft, wo uns
qeflichtete russische Kriegagefangene max etwas zu essen geben
konnten, was sie vordem den Deutschen wegnehmen konnten, Trotz
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höchstens 25 - 30 km von unserem ersten Arbeitslager entfernt,
Nach dieser Zeit des Umherirrens kamen endlich Ende April die
Amerikaner an, Diese haben uns auf ihre Lastwagen aufsenommen
und une bei Bauern, die Arbeitskräfte ben tigten, untergebracht,
Mech brachten sie in ein Krankenhaus, da ich von der Ruhr be-
fallen wer und außerdem verletzt war, da ich kurz zuvor von
ein/Housohober gefallen war, Im Krankenhaus wurde ich als
erstes mit carbone vegetale behandelt und wurde nach drei
Monaten mit 72 kg entlassen, eingeliefert wurde ich mit nur
48 kg. Wir konnten dann sofort nach Italien zurilokkehren,
Ich erreichte Garessio um Mitternacht dos 14. Juli, Ich hatte
nur einen Schuh, den anderen hatte ich verloren, Dia Bekleidung
war noch diesselbe, die ich enhatte, als wir deportiert wurden.
Es war fast der Jahrestag dieser Denortation und die vielen
Leiden waren gliieklich tiberstanden,
Quellen und Nachweise
- zeitzeugen_komplett.pdf (Original, 845 Seiten)