Zeitzeugnis
Zeitzeugenaussage Luigi Poggioli
Deutsche Übersetzung von Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend.
Forschungsstand dokumentiert
Forschungsdatensatz
Dokumentierte Angaben
- Person
- Luigi Poggioli
- Rolle
- Zwangsarbeiter
- Ort
- Kahla / Lager 7
- Zeitraum
- 1944
Überlieferung und Kontext
Luigi Poggioli
Lager 7
Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Aus dem Italienischen von Henriette Martin
Januar 2008
Mit Anmerkungen der Übersetzerin in den Fußnoten
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Die Rübe
Weniger als drei Tage nach der Ankunft in Lager 7 war der ohnehin schwache Optimismus,
der uns beim Abschied von Lager 1 überkommen hatte, restlos verschwunden. Wir stießen
auf die Widrigkeiten, die das neue Lager uns darbot und in uns allen machte sich eine quälen-
de Besorgnis über die unmittelbare Zukunft breit.
Es handelte sich nicht mehr nur um das bloße psychische und physische Leid durch die
schwere Arbeit, der wir ausgesetzt waren; auch den Gesündesten, zu deren Gruppe ich mich
zählte, wurde immer deutlicher, dass das Limit der Überlebenschancen fast erreicht war. Als
wir noch in Lager 1 waren, wurde die Rückkehr von der Arbeit von Flüchen und Schmähun-
gen gegen die Methoden unserer Folterknechte begleitet, woraus ein noch lebendiger Rebelli-
onsgeist sprach. Jetzt herrschte vor Erschöpfung bei der Rückkehr in Lager 7 Stille und nur
vereinzelt fiel die verhaltene Feststellung: „Sie wollen uns wirklich mit den Anstrengungen
und Entbehrungen umbringen“, die in meinen Ohren wie die letzte Rechtfertigung vor der
Kapitulation klangen.
Eines Abends – wir kamen gerade am Lager der ehemaligen I.M.I.1-Soldaten vorbei - be-
schloss ich, dass ich aufhören musste, mich meiner Müdigkeit hinzugeben. Mich immer nur
als Opfer zu sehen, würde mir keinerlei Vorteile bringen. Hatte sich die Situation schlagartig
verschlimmert, so war es unvermeidlich, dass ich mir etwas Neues einfallen ließ, um sie an-
zugehen und zumindest erträglich zu machen.
Als ich am See des Sägewerks ankam, schaute ich zum gegenüberliegenden Ufer hinüber, das
in diesem Moment etwas im Dunkeln lag; mit Hilfe der unterschiedlichen Höhen der empor-
ragenden Pinienwälder2, die sich vor dem Sternenhimmel abzeichneten, konnte ich seine Be-
schaffenheit ausmachen. Ich hatte am Morgen unserer Verlegung, als ich mich mit Blicken
der neuen Aussicht bemächtigte, das aufgewühlte Erdreich des Ackers bemerkt. Es deutete
darauf hin, dass die Ernte schon vorbei war (Kartoffeln oder Rüben), aber oben in einer Ecke
am Waldrand glitzerten einige vom Regen nasse Büschel breiter, grüner Blätter.
Nachdem ich die Suppe verzehrt hatte, setzte ich mich entfernt vom Ofen auf die Pritsche, um
nicht von der Wärme betäubt zu werden. So brachte ich etwa eine Stunde zu, dann steckte ich
mir eine Zimmermannskrampe in die Tasche und ging hinaus, ohne jemandem etwas zu sa-
Internati Militari Italiani (italienische Militärinternierte).
Poggioli erwähnt einige Male eindeutig Pinienwälder.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
gen. Nachdem ich um die letzte Baracke des Lagers herum gelaufen war, sprang ich über das
Bächlein und die einfache Stacheldrahtabsperrung und drang dann gebückt in den Wald vor,
in eine Richtung, die ich für richtig hielt. Ich kam nur mühsam voran, was an meinem einge-
schränkten Sehvermögen lag, das mich in der Dunkelheit behinderte, aber auch an dem ziem-
lich dornigen Unterholz. Mein Herz schlug schnell; nicht weil ich Angst gehabt hätte, es war
wohl eher die Aufregung – denn ich lief zum ersten Mal nachts davon, um zu stehlen – und
sicherlich die Sorge, dass die ganze Mühe umsonst sein könnte.
Nach weniger als zehn Minuten erreichte ich den ersehnten Ort und gratulierte mir zu meinem
guten Orientierungssinn. Der Mond erhellte nicht nur den See und das Sägewerk, sondern
auch einige Büschel Rübenblätter. Mit Hilfe der Zimmermannskrampe hackte ich fünf Rüben
aus der Erde: die erste war eine normale, ziemlich schrumpelige Futterrübe, die anderen –
wohl Kochrüben, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte – waren rundlich und von sehr hel-
ler gelb-brauner Farbe. Die kleinste verschlang ich an Ort und Stelle. Ihr kräftig gelbes, festes,
aber nicht hartes Fleisch schmeckte ausgezeichnet. Während ich zur Baracke zurückkehrte, aß
ich noch die Futterrübe, die süßer und saftiger schmeckte, zugleich aber hart und faserig war.
Beim Gehen ließ ich meine Hand ständig auf der Beule, die die größte Rübe mit ihrem Aus-
maß von mindestens 20 Zentimetern in meinem Tragenetz verursachte. Im Kopf überschlug
ich, wie viele Tage lang mir der Schatz, den ich in dieser Nacht gefunden hatte, das Überleben
sichern würde: sicher fünf Tage, vielleicht gar eine Woche.
Ich erinnere mich nicht mehr an seinen Namen, was auch daran liegt, dass ihn alle freund-
schaftlich Scopolo nannten. So hieß der Ort, aus dem er kam, im oberen Ceno-Tal in der Pro-
vinz Parma. Er war von kleiner Statur und sein Kopf wirkte auf dem sehr dünnen Hals über-
dimensional groß, so dass es jedem, der ihn zum ersten Mal traf, erst einmal die Sprache ver-
schlug. Sein Gesicht war rund mit hohen, hervorstehenden Backenknochen. Bart und Schnau-
zer waren ergraut und struppig, die Augen eng zusammen stehend, aber beeindruckend leben-
dig.
Er trug sehr robuste Schuhe und Kleidungsstücke, deren primitive Verarbeitung jedoch seine
ländliche Herkunft verriet - ein bäuerliches Leben, belastet durch rückständische Armut, wie
es für viele Familien typisch war, die damals in den mittleren Apenninen bei Piacenza und
Parma lebten.
Er war ein anständiger Kerl, sehr zurückhaltend, sehr vorsichtig den anderen gegenüber,
sprach sehr wenig, hörte dafür aber stets mit großem Interesse zu. Seine längste Rede hielt er
am Bahnhof von Verona, im Schatten der Güterwaggons, als wir auf unsere Abfahrt warteten
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
und so mancher eine wahnsinnige Reise in diesen Wagen befürchtete, die bereits für Deporta-
tionen von Juden und Kriegsgefangenen allgemein benutzt worden waren.
In seinem bedonischen Dialekt (aus Bedonia) erzählte er uns, dass er im ersten Weltkrieg
(1915-1918) Gefangener in Österreich gewesen war und dass die eigentliche Gefahr der Ge-
fangenschaft nicht die Unannehmlichkeiten der Reise, die schwere Arbeit, die Misshandlun-
gen oder die Bombardierungen waren, sondern einzig und allein der Hunger. In der Tat waren
über die Hälfte seiner Mithäftlinge verhungert. Er war durchgekommen und hoffte, durch die
Erfahrungen, die er damals gemacht hatte, auch diesmal mit dem Leben davon zu kommen.
Als wir in Lager 7 ankamen und unsere Pritschen in Beschlag nahmen, – Alte unten, Junge
oben – fragte er mich schüchtern, ob er die untere unter meiner haben könnte, da er es niemals
geschafft hätte, auf die obere zu klettern. Als ich mich – selbstverständlich – einverstanden
erklärte, zeigte er eine ungewöhnliche Freude, so als ob er sich durch meine Zustimmung ge-
ehrt fühlte.
Die beiden noch übrig gebliebenen kleineren Rüben verzehrte ich in den nächsten Tagen roh
und in kleinen Portionen. Aber es blieb mir ja noch die größte, die ich immer in eine Serviette
eingewickelt in meiner Netztasche bei mir trug und nie aus den Augen ließ. Abends vor dem
schlafen Gehen steckte ich die Tasche und meine anderen Sachen in den Jutesack, den ich als
Kopfkissen benutzte. Eines Nachts hatte ich einen Alptraum: ich träumte, bzw. ich glaubte zu
träumen, dass mein Nacken statt auf dem Kissen auf den nackten Brettern der Pritsche lag, in
einer sehr unnormalen Stellung viel tiefer als mein Körper, weswegen ich nur äußerst schwer
Luft bekam und zu ersticken glaubte.
Ein Traum? Von wegen! Mein Kopf lag tatsächlich auf dem Holz, denn die Rübe war ver-
schwunden.
Ich sprang von dem Klappbett und rannte los, um Licht zu machen. Alle schliefen, erschöpft
von der täglichen Anstrengung. Nur Scopolo war wach und blickte mich mit vor Angst weit
aufgerissenen Augen an.
Ich beschuldigte ihn heftig, dann flehte ich ihn an, durchwühlte sein Bett und beschimpfte
ihn. Aber alles war umsonst: weder schloss er die Augen, noch öffnete er den Mund. Sein
Gesichtsausdruck änderte sich nur, als ich es leid war, alle Ecken der Baracke abzusuchen und
zu ihm sagte: „Behalte die Rübe doch. Auf dass sie dir gut tue. Du bist ohnehin dazu be-
stimmt, eher zu sterben als ich“. Für diese Worte habe ich mich mein Leben lang geschämt.
Der arme Kerl kämpfte doch genauso mit allen Mitteln ums Überleben.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Bardugonis Tod
Bardugoni war der erste aus unserer Gruppe, der starb.
Eigentlich war der erste Giovanni Balderacchi aus Casa Ratti gewesen. Er starb in einem
Krankenhaus in Kahla, wo er es geschafft hatte, sich direkt in den ersten Tagen nach unserer
Ankunft in Kahla einliefern zu lassen. Tegoni war auch bei ihm und konnte uns im Nachhi-
nein alles erzählen.
Giovanni Balderacchi war einfach durch eine Injektion umgebracht worden, die ihm eine
Krankenschwester auf Anweisung eines Ärzteteams verabreicht hatte, nachdem sich dieses
am Krankenbett des Patienten beraten hatte. Tegoni vertraute sich mir erst etliche Tage nach
seiner Rückkehr unter der Bedingung größter Geheimhaltung an. Anfangs schien er tatsäch-
lich wie verstummt. Er war unruhig und misstrauisch und es gelang mir nicht, dieses sonder-
bare Verhalten mit seiner möglichen Krankheit in Verbindung zu bringen. Ich hatte nur ver-
standen, dass er sich aus dem Krankenhaus auf eigene Verantwortung hatte entlassen lassen,
oder vielmehr, dass er von dort geflohen war.
Bardugoni war Landwirt und wohnte in Cagregorio, wenige Kilometer von Farini3 entfernt.
Ich hatte ihn das erste Mal allerdings im Rathaus gesehen, wo uns die Deutschen versammelt
hatten, bevor sie uns weiter nach Bettola schickten.
Man konnte ihn nur schwerlich übersehen: er war ein großer und kräftiger Mann mit rotem
Haar und großem rotem Schnurrbart, die beide schon langsam ergrauten. Er war mit aufge-
schlagenen Hemdsärmeln und der Stoffjacke unterm Arm angekommen. Sein Gesicht war
trotz des Hutes mit der breiten Krempe von der Sonne verbrannt. Er hatte sofort eine unnor-
male Besessenheit an den Tag gelegt auf der Suche nach jemandem, der ihn wieder nach Hau-
se schicken würde, da seine Frau mit den kleinen Kindern jetzt allein war und nur er sich um
die angefangenen Mäharbeiten kümmern konnte.
Unser Schicksal verstand er nicht und nie verließ ihn sein übermäßiger Tatendrang, auch nicht
bei der Zwangsarbeit, zu der wir verurteilt waren.
Es halfen weder die guten Ratschläge, noch später die flehentlichen Bitten oder zum Schluss
die harten Vorwürfe der Gefährten, die alle darauf bedacht waren, seine Mühen zu bremsen,
die ihm sonst jegliche Hoffnung aufs Überleben zunichte gemacht hätten. Wenn er nicht sys-
tematisch kontrolliert wurde, widmete es sich der Arbeit mit einem Eifer und einer Verses-
Poggiolis Heimatort.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
senheit, die sogar Kapo Franz erschreckten, welcher Bardugoni mit bedeutungsschwerem
Kopfschütteln missbilligte.
Er hatte es immer eilig: eilig anzukommen, zu essen, die Arbeit zu beenden. Ganz so, als sei
er überzeugt, dass man, je eher man fertig war, umso schneller nach Hause zurück dürfe.
Eines Tages am zeitigen Nachmittag hantierte ich gerade an meiner Winde, als ich Kapo
Franz laut nach mir rufen hörte: „Poghioli4. Kommen, schnell.“
In der Hütte überreichte er mir die Erlaubnis, die Baustelle verlassen zu dürfen und sagte:
„Schick Bardugoni sofort in die Baracke. Schnell, er ist ja schon tot. Hoffentlich kommt er
noch dort an. Ich habe ihn nicht überzeugen können. Er fürchtet, dass er nichts zu essen be-
kommt. Ich kann mich ihm nicht verständlich machen.“ Ich stand einen Moment lag etwas
unentschlossen da, denn ich glaubte, ihn falsch verstanden zu haben. Aber er fügte unmittel-
bar hinzu: „Schau ihm in die Augen. In seinen Augen steht der Tod!“
Es kostete mich einige Zeit, bis ich Bardugoni überredet hatte: trotz der zustimmenden Be-
kundungen der Arbeitsgefährten willigte er erst ein, als ich ihm eine Lüge auftischte: „Zeige
diesen Schein in der Küche vor, sobald du in Lager 7 ankommst. Dann geben sie dir sofort
deine Brotration.“ Dann musste ich ihn noch bis zur Sperre der SS begleiten und dem Solda-
ten erklären, dass der „camarat“5 Bardugoni die Erlaubnis habe, eher ins Lager zurück zu keh-
ren, da er sehr krank sei.
Als sich die Schranke hob, ging er los, ohne uns anzusehen. Er lief mitten auf der Straße und
während er sich entfernte rief er immerzu: „Ich habe die Erlaubnis…, ich habe die Erlaub-
nis…“.
Am Morgen des Vortrages war er am Ende seiner Kräfte gewesen und man hatte ihn bei der
Visite notiert. Doch er war für tauglich erklärt worden, denn er war ja eigentlich nur müder
als sonst und ausgehungert wie sonst auch. Aus diesem Grund hatte er sich am Abend des
Vortages seine Brotration nicht abholen können und am nächsten Morgen durfte er auch seine
tägliche Suppe nicht verzehren.
Als wir am Abend in die Baracke zurückkehrten, stellten wir fest, dass er noch nicht da war,
glaubten aber, dass man ihn in der Krankenstation aufgenommen hätte.
Mit der falschen Schreibweise seines Namens versucht Poggioli, dessen falsche Aussprache seitens der Deut-
schen wiederzugeben. Die richtige (italienische) Aussprache lautet etwa Pòddscholi.
An einigen Stellen versucht Poggioli (mehr oder weniger korrekt), die jeweiligen deutschen Ausdrücke mit in
den Text einfließen zu lassen. Nicht immer sind diese in der vorliegenden Übersetzung in der von ihm Schreib-
weise übernommen worden.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Stattdessen erschien er wenige Minuten später, im Koma. Einige ehemalige IMI-Jungs trugen
ihn herein. Sie hatten ihn in der Nähe des Eingangs zu ihrem Lager gefunden, wo er am Ran-
de der Straße lag, die auch wir kurze Zeit vorher entlang gegangen waren ohne ihn zu sehen,
denn zu jener Zeit kehrten wir immer erst im Dunkeln zum Lager zurück.
Die armen Jungen waren erschüttert; zum Teil aus Müdigkeit, aber vor allem weil sie einen
Mann sterben sahen, der ihr Vater hätte sein können.
Oje, sie ahnten ja nicht, dass sie ihm fast alle innerhalb weniger Monate folgen sollten.
Wir hatten die IMI-Jungs etwa Ende August auf einer Baustelle auf dem Hügel kennen ge-
lernt. Sie kamen zu uns, denn sie hatten gehört, dass wir die Landsmänner waren, die zuletzt
in Kahla eingetroffen waren. Sie alle sehnten sich nach Neuigkeiten über die Lage in Italien
und stellten uns darüber unzählige Fragen, welche wir gar nicht immer beantworten konnten.
Doch jedes kleinste Detail freute und bewegte sie.
Nur wenige Tage später kamen sie erneut auf uns zu und entschuldigten sich beinahe. Wir
sollten sie doch bitte verstehen, wenn sie unterschrieben hatten, jetzt von Gefangenen zu Ar-
beitern zu werden, aber die Verpflegung in ihrem Lager sei so schlecht, dass sie dort alle ver-
hungert wären. Die meisten von uns zeigten Verständnis und versuchten, sie zu beruhigen,
indem wir versicherten, dass wir sogar unsere Seele dem Teufel verkauft hätten, um zu über-
leben. Doch einige waren von brutaler Aufrichtigkeit. Sie sagten ihnen, dass sie sich den fal-
schen Ort zum Arbeiten ausgesucht hätten, da das Essen hier das gleiche sei und ihre bereits
von einem Jahr Gefangenschaft geschwächten Körper die massakrierende Arbeit, der sie aus-
gesetzt sein würden, in der schon bevorstehenden feindlichen Jahreszeit nicht überstehen wür-
den, auch wenn ihre Kleidung (komplette Uniform mit graugrünem Wollmantel) für uns ein
Traum war.
Wir hatten sie nicht einmal gefragt, in welchem Lager sie untergekommen waren. Erst einige
Tage nach unserer Verlegung in Lager 7 belegten sie Lager 5, das einige Hundert Meter vor
unserer Unterkunft lag.
Noch nie hatte ich einen toten Erwachsenen aus der Nähe gesehen. Trotz des verwirrten Zu-
stands, in dem ich mich befand, nahm ich einen Schemel und setzte mich an sein Sterbebett.
Während ich seine Starrheit betrachtete, seinen großen Schnurrbart und sein Gesicht, das
schlagartig seine ganze Ausgezehrtheit verloren zu haben schien, fragte ich mich, was ich
seiner Frau sagen sollte, wenn ich wiederkam.
In der Baracke wurde inzwischen das tiefe Schweigen unterbrochen, das stets der Ankunft der
Brotrationen vorausging. Gallini hatte erfahren, wer an diesem Tag Essen holen sollte, und
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
äußerte und die Vermutung, dass die beiden den Anteil von Bardugoni schon aufgegessen
hätten.
Das Schweigen, was nun folgte, war noch bedrückender.
Sowie Baldi mit dem Brotbehälter in der Hand und gefolgt von Rossi, der das Essen trug, die
Baracke betrat, sagte er laut in seinem typischen Dialekt: „Leute, Bardugoni ist tot. Sein Rati-
on haben sie mir nicht gegeben.“ Ein fürchterlicher Faustschlag traf ihn mitten ins Gesicht,
der Brotkorb flog in die Luft und die Brotrationen verstreuten sich in jeden Winkel.
So entfachte sich ein unglaubliches Handgemenge, an dem sich fast alle beteiligten - die einen
mit Prügeln, die anderen, indem sie versuchten, die Streitenden zu trennen, aber alle glei-
chermaßen schreiend. Unter ihnen machte ich die Stimme von Capretti aus, der alle anbrüllte,
sie sollten aufhören, denn sie benähmen sich wie Tiere.
Als einer der wenigen, die nicht beteiligt waren, fiel mir der arme Rossi auf, der an der Wand
nahe der Eingangstür lehnte und haltlos weinte.
Ich war verstört und rührte mich nicht auf meinem Schemel. Ich dachte nur darüber nach, zu
was sie uns hier gemacht hatten.
Auch die Diskussionen verstummten völlig, als Tegoni sich Bartugoni näherte und dann fest-
stellte: „Jetzt ist er wirklich tot, ihr könnt nun aufhören. Er muss sofort weggeschafft werden.
Holt eine Leiter. Die Rationen verteilen wir später.“
Auf diese Weise löste sich alles auf, geordnet und in tiefster Stille.
Am nächsten Tag fragte ich Kapo Franz, ob wir dem Begräbnis des armen Bardugoni bei-
wohnen dürften, damit ich seiner Frau und den Kindern später das Grab zeigen könnte. Gleich
am frühen Nachmittag gab er mir eine schriftliche Genehmigung für mich, Gaio und Gallini.
Auf halbem Weg von Lager 7 nach Kahla verlangsamten wir unseren Schritt für kurze Zeit,
um das spektakulärste und zahlreichste Aufgebot an Flugzeugen zu bewundern, dessen Auf-
stellung wir uns je hätten vorstellen können: hunderte Formationen an Luftstreitkräften, in
schön geordnetem Flug und nach Farben von silbern bis schwarz sortiert, füllten innerhalb
weniger Minuten den Himmel von Süd nach Nord und über ihnen funkelten Unmengen an
Verfolgern.
Über Jena stand eine unbewegliche schwarze Rauchwolke, die beständig durch die Explosio-
nen der Flugabwehr erneuert wurde. Sie verdeckte die Bomber, die hinein flogen und von
denen wir mindestens vier in Flammen abstürzen sahen.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Unmittelbar nachdem alle Flugzeuge vorbei geflogen waren, ging das Schauspiel mit einer
dichten weißen Wolke zu Ende, die sich aus den Kondensstreifen bildete und den perfekt
blauen Himmel bedeckte.
Als wir dem grünen Wagen begegneten, der von Lager 7 kam (und der jeden Tag die Toten in
allen Lagern einsammelte), machten wir ihm ein Zeichen zum Halten, doch er verlangsamte
nicht einmal die Fahrt. So gingen wir weiter Richtung Kahla und naiv, wie wir waren, liefen
wir zum Friedhof. Als wir dort ankamen, fanden wir das Eingangstor natürlich verschlossen
vor und wurden uns unserer absurden Forderung bewusst.
Ich persönlich schämte mich meiner Dummheit, und das Gerede von einem Massengrab am
östlichen Stadtrand von Kahla schien mir plötzlich wahr zu sein.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Die „Ausflüge“
Schon während wir in Lager 1 waren, hatten so mancher von uns, nachdem wir von der Arbeit
zurückgekehrt waren, verschiedene Möglichkeiten ausprobiert, kurz aus dem Lager zu ent-
kommen. Auf dem Land versuchten wir ziemlich erfolgreich, irgendetwas Essbares zu be-
schaffen.
Damals waren die Tage allerdings auch lang und sogar wenige Stunden Tageslicht erlaubten
es uns, zu den nahen Bauernhöfen vorzudringen in der Hoffnung, etwas Beute machen zu
können, ohne des Raubes verdächtigt zu werden.
In Lager 7 steigerte jedoch der immer verbreitetere Kräfteverfall enorm die Häufigkeit unse-
rer Ausflüge, des „nach draußen Gehens“, wie das gewöhnlich in unserem Jargon hieß. Um
Aussicht auf Erfolg zu haben, musste man sehr weit von Kahla weg laufen – sowohl tagsüber,
um zu betteln oder etwas zu kaufen, als auch nachts, fast ausschließlich, um zu stehlen.
Um tagsüber nach draußen zu gelangen, musste man vortäuschen, bei der Visite bemerkt
worden zu sein,6 und so den Verlust der Essensmarke einkalkulieren, mit der man die Tages-
ration (Suppe und Brot) bekam. Daher konnte ein Tag, an dem etwas schief lief, einen ganzen
Tag Nulldiät bedeuten.
Auch nachts loszuziehen, war sogar dann ein Risiko, wenn man etwas an einer sicheren Ad-
resse beschaffen wollte, denn Gruppen der Hitlerjugend lagen ständig auf der Lauer und fa-
ckelten nicht lange.
Es war fast am besten, wenn man das Lager mit der festen Absicht verließ, etwas stehlen zu
wollen, doch natürlich brauchte man die genaue „Adresse“ eines noch unangetasteten Kartof-
fel- (oder Rüben-)Haufens, um mit gewisser Sicherheit sagen zu können, dass er nicht be-
wacht wurde. Die Bauern der Gegend hatten doch tatsächlich die Angewohnheit, einen Groß-
teil der Ernte (Rüben oder Kartoffeln) am Rand des Feldes zurück zu lassen. Sie formten dar-
aus einen ordentlichen trapezförmigen Haufen, den sie mit einer Schicht trockenen Strohs
bedeckten, worauf sie wiederum eine Schicht Tannenzweige legten und das Ganze zum
Schluss durch eine dicke Erdschicht abschlossen, die sie gut zurechtformten und mit der
Schaufel festklopften.
Diese Haufen ermöglichten es ihnen, die Ernte bis weit in den Frühling hinein frisch zu la-
gern.
Die Übersetzung dieses Satzes ist möglicherweise nicht ganz korrekt, da es mir nicht gelungen ist, herauszufin-
den, was genau die Gefangenen in Bezug auf die Visite vortäuschten.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Für einige von uns waren sie ausschlaggebend für das Überleben, für andere hingegen waren
sie der Grund eines zu frühen Todes.
Beim ersten Mal ging ich tagsüber allein fort und zwar an einem Sonntag, da ich sagen konn-
te, dass dieser kein Arbeitstag war, auch wenn das eigentlich nicht stimmte. Ich erschien in
allen Bauernhäusern mit zehn oder zwölf Mark in der Hand und fragte, ob ich Kartoffeln oder
irgendwelche anderen Nahrungsmittel kaufen konnte.
Alle klagten, dass zu viele Gefangene in der Gegend waren, die man satt bekommen musste,
aber nur wenige verscheuchten mich, ohne mir etwas zu geben, ein ganz dünnes Schmalzbrot
oder einige Kartoffeln. Und noch weniger akzeptierten Geld von mir.
Auf dem Rückweg ließ ich mich am Rande einer kleinen Ortschaft dazu verleiten, an einem
bürgerlichen Einfamilienhaus mit Garten zu klopfen.
Die alte Dame, die mir die Tür öffnete, beäugte mich lange misstrauisch und erst nachdem ihr
Blick auf meine Netztasche gefallen war, bat sie mich, einzutreten und fragte, wie viel diese
wert sei.
Es wurde ein weder einfaches noch kurzes Feilschen.
Mir gelang es, beinahe ein halbes Roggenbrot und ein Stück Speck herauszuschlagen sowie
natürlich einen alten Wanderbeutel aus Wachstuch, wo ich meine Sachen hinein tun konnte –
doch alles nur Dank der fast hysterischen Ermahnungen der Tochter, die Angst davor hatte,
von irgendeinem Nachbarn beim Verhandeln mit einem Lump von deportiertem Italiener ü-
berrascht zu werden.
Häufig fiel der Entschluss zu einem Ausflug völlig unvorhersehbar und unvernünftig, nur aus
einer momentanen Laune heraus. So ging es mir bei meinem ersten nächtlichen Diebstahl.
Alle zogen sich bereits in ihre Betten zurück, als Gallini uns alle anschnauzte, wir seien Feig-
linge, denn er sagte, er habe nicht weit vom Lager entfernt eine Kartoffelgrube entdeckt und
niemand hatte den Mut, ihm zu helfen. In die allgemeine Gleichgültigkeit hinein bat ich Te-
goni und Capretti, ein Auge auf meine Sachen zu haben und nachdem ich mir Pauls Winterja-
cke angezogen hatte, forderte ich Gallini auf, mir den Weg zu zeigen.
Bevor wir zum Sägewerk kamen, kletterten wir die Böschung neben der Straße hinauf und
drangen dann stetig bergan in den Wald vor. Zwei Tage zuvor hatte es geschneit und die
Pflanzen waren dick mit Schnee bedeckt. Glücklicherweise standen sie dort nur vereinzelt
und ziemlich hoch, sonst wäre es unmöglich gewesen, unter ihnen entlang zu laufen.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Nach etwa einer dreiviertel Stunde stetigen Anstiegs wurde das Gelände leicht abschüssig und
nach kurzer Zeit erreichten wir eine weite freie Fläche, die der Mond taghell erleuchtete.
Nicht einmal hundert Meter entfernt begannen auf der linken Seite Reihenhäuser. Gallini deu-
tete auf den Kartoffelhaufen, der etwa dreißig Meter vom Haus entfernt wie ein mit Schnee
bedeckter, undeutlicher Hahnenkamm ungefähr einen Meter über der vollkommenen, schrä-
gen Fläche aus unberührtem Schnee empor ragte.
Die Häuser lagen alle im Dunkeln, die Straße war leer und es herrschte absolute Stille.
Nachdem ich Gallini genaue Anweisungen gegeben hatte, wie er mich bei Gefahr zu warnen
hatte, ließ ich ihn etwa zwanzig Meter vom Haus entfernt zurück, wo er Schmiere stehen soll-
te. Dann stapfte ich durch den zwanzig Zentimeter hohen unberührten Schnee.
Es kostete mich unglaublich viel Mühe, die gefrorene Erdschicht zu durchbrechen und noch
schlimmer war es, durch die überkreuzten Tannenzweige hindurch zu gelangen.
Als es mir endlich gelang, eine Hand in das kleine Loch zu stecken und den Inhalt zu betas-
ten, erkannte ich die unverwechselbare Form einer Rübe. Doch ich bremste meine Enttäu-
schung schlagartig: der Schreck durchfuhr mich, als ich zwei Männer hörte, die sich - in ein
Gespräch vertieft - näherten.
Ich legte mich mit der rechten Seite auf das unbedeckte Loch und versuchte schnell, mit bei-
den Händen so gut wie möglich meine schwarze Jacke mit Pulverschnee zu bedecken. Ich sah
sie auftauchen und zwischen den letzten beiden Häusern haltmachen. Dabei unterhielten sie
sich immer noch.
Über den oberen Rand der Böschung konnte ich sie nur vom Oberkörper aufwärts sehen, aber
ich glaubte, dass sie mich von ihrer Position aus komplett ausmachen konnten, deshalb zählte
ich auf das Bier, das sie sicher getrunken hatten.
Ihr Gespräch zog sich sehr in die Länge und mir war, als erkenne ich die Stimme eines unse-
rer Gelegenheitsaufseher von den unterirdischen Baustellen am Tunnel. Er war ein anständi-
ger Kerl, aber mein Schweiß mischte sich trotzdem weiter mit dem Schnee, der entlang des
Halses schmolz.
Als ich mich endlich auf den Rückweg ins Lager machte, traf ich Gallini, der in der Nähe ei-
ner großen Tanne wartete. Ich war stinkwütend und überhäufte ihn mit Beschimpfungen. Er
schwor, mich gewarnt zu haben. Ich gab ihm dennoch einen Teil meiner mageren Ausbeute.
Eines Abends waren wir gerade dabei, das letzte Stück Brot aufzuessen, als einer unserer
Aufseher mit einem Stock und einem Zimmermannsnageleisen bewaffnet in der Baracke er-
schien. Höhnisch lachend ließ er den Tisch verschieben und klopfte mit der Spitze des Sto-
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
ckes an verschiedenen Stellen gegen die Deckenkonstruktion. Dann ließ er jemanden auf den
Tisch steigen und forderte ihn auf, das Nageleisen als Hebel an einem Verbindungsspalt zwi-
schen zwei Brettern anzusetzen. Es brauchte nicht viel Kraft, denn schon als die ersten Nägel
gelockert waren, löste sich ein Brett unter einer unglaublichen Lawine von Kartoffeln. Es wa-
ren sicher mehr als zwei Zentner. Der immer höhnischer lachende Aufseher ließ sie aufsam-
meln und in die Küche bringen.
Auf diese Weise entdeckten wir das geniale Versteck der Gruppe von Fredi, die nachts ge-
meinsam mit Landsmännern aus einer anderen Baracke nach draußen ging. Einige Abende
zuvor waren sie sofort nach der Arbeit aufgebrochen und gerade rechtzeitig zurückgekehrt,
um sich zur Arbeit zu begeben. Sie sagten, dass man mit Hin- und Rückweg sieben Stunden
laufen musste. Ein paar Tage später versuchte Fredi mit seiner Truppe, den Kartoffelvorrat
wieder aufzufüllen, doch auf dem Rückweg wurde sein Bruder, der als Letzter in der Reihe
lief, tödlich von einem Projektil in den Hinterkopf getroffen, dass ein Hitlerjunge aus einem
Karabiner abgefeuert hatte.
Nachdem Fredi von diesem tragischen Ausflug zurückkam, wurde er still und sprach nie über
das, was vorgefallen war. Nur bei der Arbeit ließ er sich manchmal etwas gehen und da wir
uns häufig allein außerhalb des Tunnels aufhielten, vertraute er mir an, dass er nur durchhielt,
damit er nach Hause zurückkehren und seiner Mutter erzählen könne, was passiert sei. Er en-
dete dabei stets mit einer Frage: „Wie mache ich es nur, ihr das zu sagen?“; „Was soll ich
bloß meiner Mutter sagen?“
Kurze Zeit später erwischte es Paolo, der auch aus den Apenninen bei Parma kam. Er war
einer der Jüngsten, bescheiden, aber so intelligent, dass er sich gut an die Zwangsarbeit hatte
gewöhnen können und darauf achtete, physisch und mental gut leistungsfähig zu bleiben.
Er hatte einen guten Charakter und für jeden einen scherzhaften Kommentar bereit, auch
wenn er bestimmte Unternehmungen stets isoliert in Angriff nahm.
Eines Abends ging er allein nach draußen und kam nie zurück.
Einige Tage später ging das Gerücht um, er sei von einem Schrotgewehr getroffen worden,
doch erst nach etlicher Zeit, als er in die Krankenstation von Lager 7 gebracht wurde, hatten
wir Gewissheit. So erfuhren wir, dass die zahlreichen Stahlkügelchen, die in seinem Fleisch
steckten, zu rosten begannen und so eine Infektion verursachten. Man sagte, dass das Entfer-
nen der Kugeln von dem „Arzt“ eine wahre Folter war, die er so lang wie möglich ausdehnte,
um seiner Überzeugung, dass er „überlegen sei“, Ausdruck zu verleihen. Paolo wurde Mitte
April aus der Krankenstation entlassen, gerade als wir von Lager 7 in Lager 1 umzogen. Er
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rief mich, direkt nachdem wir die Saale überquert hatten; ich hatte ihn überholt, denn er lief
sehr langsam und humpelte, doch sogar nachdem ich ihn gemustert hatte, erkannte ich ihn nur
mit Mühe.
Sein Gesicht war geschwollen und weiß, die Haut schien durchsichtig zu sein und war von
einem struppigen weißen Bart bedeckt. Das einst schwarze gewellte Haar war jetzt schütter
und stand wie Nägel vom Kopf ab. Mehr als nur weiß war es buchstäblich durchsichtig ge-
worden. Ich versuchte, ihm Mut zu machen, indem ich ihm sagte, dass das Schlimmste ja nun
überstanden sei und wir bald nach Hause zurückfahren würden. Da blieb er vollständig ste-
hen, breitete die Arme aus und fügte müde hinzu: „Du kehrst heim. Sieh mich an, in welcher
Verfassung ich bin. So fährt man nicht nach Hause.“
Mir und Gallini erging es besser. Vielleicht lag es daran, dass uns die Jungen von der Hitler-
jugend mitten in einem Wohngebiet überrascht hatten und es daher nicht wagten, ihr schmut-
ziges Spiel übermäßig weit zu treiben.
Wir waren vom Lager aufgebrochen, um zu einem Bauernhaus zu gehen, wo einige zuverläs-
sige Freunde von uns Kartoffeln, Roggenbrot und Speck hatten kaufen können - gegen Bezah-
lung in Mark zu einem für unsere Möglichkeiten verträglichen Preis. Der Ort war kaum mehr
als eine halbe Stunde Fußmarsch von unserem Lager entfernt und wir kannten das Dorf gut,
da wir dort schon einige Male tagsüber gewesen waren.
Wir waren am Anfang der Siedlung angelangt, etwa bei der Hälfte der Außenmauer um das
Krankenhaus, und das einzige Geräusch war das Knirschen des vereisten Schnees unter unse-
ren Schuhen. Ich lief neben Gallini her, als mich ein furchtbarer Schlag auf den Rücken lähm-
te und mir einen Moment lang, während er noch in meinem Kopf dröhnte, die Stimme und
den Atem verschlug.
Als ich es schaffte, mich umzudrehen, sah ich zwei Jungen, die sich mit zwei Gummirohren
über Gallini hermachten. Der lag wimmernd am Boden und versuchte, den Kopf mit Händen
und Armen zu schützen. Erst als es mir gelang, einen unglaublichen Schrei auszustoßen, hör-
ten die beiden Helden mit der Prügelei auf und Gallini erhob sich. In der Zwischenzeit war
allerdings in den Händen meines Angreifers eine kleine Automatikpistole aufgetaucht, mit der
er herumfuchtelte und uns so zum Weitergehen aufforderte, während weitere drei oder vier
Helden aus dem Dunkeln erschienen waren und sich aufstellten, um uns zu eskortieren.
Sie brachten uns zum Dorfpolizisten, der sich die Version „meines“ Schlägers anhörte (die
Pistole hatte dieser inzwischen wieder verschwinden lassen), uns danach mit Drohungen und
allerlei Beschimpfungen überschüttete und unsere Begleiter dann entließ, um das Geschehene
niederzuschreiben.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Nachdem er uns mit mürrischem polizeilichen Stirnrunzeln drei oder vier Fragen zugebrüllt
hatte, folgte ein fast einstündiges freundschaftliches Gespräch voller Ermahnungen, in Zu-
kunft doch besser aufzupassen, da diese Hitlerjungen sehr gefährlich seien – sie seien zu sie-
bent und auch bewaffnet. Die Polizei hatte mit ihnen mehr Scherereien als mit allen Depor-
tierten aus Kahla zusammen.
Er sagte uns, er sei natürlich verpflichtet, den Bericht an Lager 7 zu übermitteln. Als er uns
frei ließ, warteten die Jugendlichen noch auf uns und begleiteten uns bis zum Wald, wo der
Weg Richtung Lager 7 begann.
Ein paar Mal zog ich mit Tegoni los – mit wechselndem Erfolg - und zweimal verliefen wir
uns. Beim ersten Mal hatte es noch nicht geschneit, aber dafür wurden wir im Wald von Ne-
bel überrascht. Wir waren nicht weit vom Lager entfernt und bemerkten nach einem langen
Fußmarsch in ziemlich unangenehmer Atmosphäre, dass wir im Kreis gegangen waren, denn
wir fanden uns auf einer Lichtung wieder, auf der aus Holzstämmen ein Tisch mit Bank stand
und die sich durch eine eigenartige, felsige Oberfläche auszeichnete. Dort waren wir bereits
eine gute Stunde zuvor vorbeigekommen.
Beim zweiten Mal lag Schnee. Nachdem wir uns schon weit entfernt hatten und noch an kei-
nem Haus vorbeigekommen waren, begann es erneut zu schneien. Wir liefen auf einer weiten
geraden Straße durch einen offensichtlich angepflanzten Wald, dessen Ende nicht zu sehen
war, auch weil der fallende Schnee nur eine eingeschränkte Sicht gewährte. Plötzlich begeg-
neten wir zwei alten Leuten, vielleicht einem Ehepaar, beide mit weißem Haar und vom Alter
gebückt. Sie sägten Stämme von exakt der Größe ab, dass sie sie auf einen großen Handschlit-
ten verladen konnten. Als wir vorüber kamen, richteten sie sich auf und grüßten uns freund-
lich mit „Guten Morgen“, was wir ebenso freundlich erwiderten. Es rührte mich, sie so zu
sehen und ich dachte mir, dass sie sicher allein lebten, wenn sie bei diesem Wetter arbeiteten.
Vielleicht kämpften ihre Söhne gerade irgendwo auf der Welt oder waren - wie ich – Gefan-
gene in irgendeinem unbekannten Land. Ich hätte gern angehalten, um ihnen zu helfen, doch
ich sagte Tegoni nichts davon. Er machte sich bereits genug Sorgen, weil wir uns verirrt hat-
ten.
An diesem Tag trieben wir herzlich wenig auf, wenn man den langen Fußmarsch durch den
Schnee bedenkt. Als wir an eine Gabelung kamen - wir waren überzeugt davon, dass wir in
Richtung Kahla liefen und es also maximal noch drei Kilometer bis zu Lager 7 waren -, zeigte
der rechte Wegweiser an, dass wir uns zehn Kilometer vor Jena befanden. Auf dem anderen
stand Hundedorf; er wies geradeaus auf eine Ansiedlung, die man wenige hundert Meter ent-
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
fernt ausmachen konnte. Ich sagte zu Tegoni, dass das eine Schild meine, wir seien zum Dorf
der Hunde unterwegs, und das andere, dass es noch mindestens acht Kilometer bis zum Lager
waren. Er antwortete mit einem Fluch.
Als wir das kleine Dorf erreichten, war es bereits dunkel. Die dicht stehenden Häuser und die
kleinen, engen Straßen, die in das Dorf hineinführten, beeindruckten mich. Vor jeder Tür oder
am Hofeingang war ein wilder Hund angekettet, der wütend bellte, während wir vorübergin-
gen. Die Bauern, die einer nach dem anderen hervorkamen, um zu sehen, wer die Hunde auf-
schreckte, zeigten genauso wenig ermutigende Gesichter. Als wir erschöpft in unserer Bara-
cke ankamen, sagten uns die wenigen Gefährten, die sich noch nicht schlafen gelegt hatten,
sie hätten schon geglaubt, wir seien irgendwo festgenommen worden.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Babboni
Ich lernte Babboni (vom Sehen) im Lager von Bibbiano kennen. Niemand kannte ihn, außer
vielleicht Palladini (vom Sehen).
Er war ein junger Mann, kaum älter als zwanzig und hatte keinen Wehrdienst geleistet, viel-
leicht seines nicht sonderlich begeisternden Körperbaus wegen. Er war in der Tat von angebo-
rener Schmächtigkeit und aschfahler Blässe, die noch durch seine pechschwarzen Haare be-
tont wurde, welche er für jene Zeit ungewöhnlich lang trug und mit einem Haarreifen auf dem
Hinterkopf zusammenhielt.
Nicht nur durch seine Figur, auch durch seine Kleidung erregte er die Aufmerksamkeit aller.
Sie bestand aus einem gut geschnittenen Zweireiher aus feinstem Stoff, einem weißem Hemd,
Krawatte und sehr leichten, glänzenden schwarzen Schuhen.
Seine zarten und sehr feinen Hände ließen vermuten, dass er nie irgendeine körperliche Arbeit
verrichtet hatte; andererseits hatte ich nicht die Gelegenheit, ihn je Italienisch sprechen zu
hören.
Während der Gefangenschaft schloss er nie Freundschaft oder bildete mit anderen eine Grup-
pe, was wohl von seinem allgemeinen Groll gegen alle herrührte, seit er zu Beginn unserer
Deportation stets der Einzige gewesen war, der mir zuvorkam, die verschiedenen Entwürfe
der mehr als wahrscheinlichen Fortgänge unseres Schicksals zu formulieren.
Sowohl in der Baracke als auch bei der Arbeit war er nicht sehr beliebt, denn er zeigte nie
auch nur den geringsten Gruppengeist, oder zumindest die Bereitschaft, sich an neue Situatio-
nen anzupassen, die sich einstellten und die alle in gleichem Maße betrafen.
Sein Benehmen war häufig der Auslöser, wenn sich bestimmte Aufseher mit grausamer Ver-
bissenheit vieler aus der Gruppe „annahmen“. Ich war vielleicht der Einzige, der ihn verstand,
da ich – mit ihm – auch der Einzige war, der noch nie anstrengende körperliche Arbeit ver-
richtet hatte. Aus diesem Grund ging ich ihn häufig, wenn ich an der Winde arbeitete, im
Tunnel ablösen, so wie ich es auch mit Palladini machte. An der Winde handelte er mehr als
jeder andere stets zuverlässig und gewissenhaft. Es war klar, dass er sich hier anstrengte, weil
er die körperlichen Vorteile erkannte, die er aus dieser Arbeit zog. Daher gestattete er mir
auch ein paar Mal, ihm Ratschläge zu erteilen, wie er sein Verhalten zu seinen eigenen Guns-
ten verändern könnte. Er antwortete mir dann jedes Mal, dass ich Recht hätte, doch sein Ver-
halten änderte er nie.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
In Sachen Kleidung und Sauberkeit war er eine Katastrophe und schaffte es nie, sich das Nö-
tigste zu besorgen oder herzustellen. Brannte die Sonne, verknotete er ein Taschentuch an den
vier Ecken und setzte es auf den Kopf, wenn es anfing zu regnen, war er der Erste, der sich
eine Decke über den Kopf zog. Wie ich hatte auch er Holzschuhe, doch das einzige Mittel,
das er ergriff, um sie sich zu erhalten, war, dass er immer still stand – auch bei der Arbeit,
womit er den Zorn der Aufseher auf sich zog.
Kurz gesagt: in Sachen Verhalten war er der Vorläufer für diejenigen, die später den Punkt
erreichen sollten, von dem aus es kein Zurück mehr gab, diejenigen, die für den Tunnel nahe
der Krankenstation von Lager 7 bestimmt waren.
Eines Abends, es war vielleicht Ende Januar, kam er viel später als alle anderen in die Bara-
cke zurück, gerade noch rechtzeitig, um seine Brotration abzuholen. Bei sich trug er ein ei-
genartiges Mehl, was er in seinem inzwischen allseits bekannten, verdreckten Taschentuch
dicht verpackt und verknotet hatte. Er brachte einen halben Blechkanister Wasser zum Ko-
chen, welches er aus dem Bächlein hinter der Baracke geschöpft hatte, und schüttete dann
vorsichtig den ganzen Taschentuchinhalt ebenfalls zum Kochen hinein. Dabei rührte und kos-
tete er in einem fort, wirkte sehr zufrieden und reagierte nicht auf die vielen Anfragen und
Vermutungen zu dieser unerwarteten Suppe. So ging es über einen Monat weiter, im Durch-
schnitt kam er aller drei Tage mit seiner Beute an, ohne je deren Herkunft preiszugeben. Erst
beim zweiten oder dritten Mal, als er zurückkehrte und einige Gefährten zur Erpressung sämt-
liche Behälter belegten in der Hoffnung, ihm irgendeinen Hinweis zu entlocken, platze er wü-
tend heraus, dass er sich nie in die Essensangelegenheiten der anderen eingemischt habe, da-
her sollten sie ihn in Ruhe lassen. Er habe einfach vor einem Schuppen zwei große Säcke mit
„schlechtem Mehl“ gefunden (Kleie mit Ausschuss von Getreidemehl und Eicheln), das der
Bauer brauchte, um sein Schwein zu mästen. Wenn er der einzige bliebe, der sich an diesem
Vorrat bediente, würde dieser bis zum Ende des Winters reichen und er, Babboni, würde ganz
sicher überleben – auch wenn ihn alle bereits abgeschrieben hätten. Würde er aber verraten,
woher er sein Mehl habe, würde es nicht mal für eine Woche reichen und auf diese Weise
niemandem helfen, seine Haut zu retten.
Seine wütende, aber durchaus logische Rede überzeugte einige, die sofort, als das Wasser in
ihren Behältern zu Kochen begann, ihre Kleidungsstücke voller – inzwischen toter – Flöhe
und Nissen herausnahmen und den leeren Behälter Babboni gaben, damit er sich darin seine
einsame und wertvolle Abendsuppe zubereiten konnte.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Ein paar ganz Unerschütterliche aus unserer Gruppe stellten Babboni auf dem Rückweg von
der Arbeit weiterhin unter genaueste Beobachtung, doch niemand kam je seinem Geheimnis
auf die Spur.
Ende Februar kehrte Babboni eines Abends gebrochen und ohne sein Bündel zurück.
Als ich ihn fragte, ob er entdeckt worden sei, antwortete er mir einfach, dass der große halbe
Sack, der zwei Tage zuvor noch dagestanden habe, vor dem Schuppen verschwunden und
nirgendwo auffindbar sei.
Ich dachte mir, dass das Schwein wohl fett genug geworden war und der Bauer, wie es Sitte
war, es zu Würsten und geräuchertem Speck gemacht hatte. Für den armen Babboni war das
ein schwerer Schlag und es verging nicht viel Zeit, da ließ er sich in die Krankenstation ein-
liefern.
Erst nach meiner Rückkehr nach Hause erfuhr ich, dass er genau in den Tagen der Befreiung
gestorben war.
Ghelfi aus Colletta sagte mir, dass er ihn selbst in einem Massengrab direkt in Lager 7 begra-
ben habe und sich ganz sicher sei, dass es sich um Babboni handelte. Er habe ihn an seinen
einprägsamen Gesichtszügen erkannt, auch wenn die, die in der Krankenstation starben, ir-
gendwie alle gleich aussahen: nur Knochen mit ein klein bisschen Haut darüber.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Die Brücke
Hinter dem Tal, hinter dem letzten Lager, wo die ehemaligen italienischen IMI-Gefangenen
untergebracht waren und welches wohl Lager 5 hieß, teilte sich die Straße, auf der wir von
Lager 7 zur Arbeit gingen. Links kam man zu einer nahen landwirtschaftlichen Siedlung und
dann zur großen Baustelle auf dem Hügel. Rechts verlief die Hauptstraße zum südlichen
Stadtrand von Kahla und dann zur kleinen, weit entfernten Baustelle nordwestlich des Bau-
stellenhügels.
Beide Straßen überquerten die Saale auf je einer sehr eigenartigen Brücke. Die weiter im Tal
gelegene, am Stadtrand von Kahla, war eine Steinkonstruktion, aber mit einer stark geboge-
nen Straßenfläche, die - wie bei den Brücken im alten Rom - beinahe der Außenkrümmung
der Brückenbögen selbst entsprach.
Die höher gelegene Brücke war dagegen eine ellenlange Hängebrücke, deren Fahrbahn kaum
breiter als einen Meter war und sich daher nur als Gehweg eignete oder höchstens noch für
einen der sehr typischen Handkarren aus Holz, die damals in der Stadt wie auf dem Land viel
genutzt wurden für Einkäufe und zum Transport kleinerer Gegenstände.
Diese Brücke stellte zweifelsfrei technisch und architektonisch eine bewundernswerte Leis-
tung dar: mit den zwei großen, an den beiden Metallpfeilern eingehakten Drahtseilen, welche
wiederum auf den gegenüberliegenden Ufern verankert und an welchen die elastischen Halte-
leinen der Brücke eingehakt waren, bot sie nicht nur eine geniale technische Lösung, sondern
auch eine schöne Gesamtansicht. Sie wirkte wie eine ausgezeichnete Miniatur der berühmtes-
ten amerikanischen Hängebrücken.
Leider rief das Gehen darüber ganz andere Gefühle hervor und besonders in heiklen Situatio-
nen schien uns die Brücke ein Monster zu sein, welches schreckliche Ängste entfesselte.
Denn in der Tat begann die Brücke mitzuschwingen, wenn wir in einer Reihe und im Gleich-
schritt liefen. Die elastischen Haken der Halteseile unterstützen besonders in der Mitte der
Brückenspanne den Aufwärtsschwung knarrend immer stärker. Die Unglückseligen, die sich
gerade dort befanden, waren gezwungen, sich an jedem Geländergriff festzuklammern oder
das nächstliegende Halteseil mit den Armen zu umklammern und dabei zu versuchen, so gut
es ging aus den Knien mitzufedern, um nicht in den Fluss geschleudert zu werden.
Nur wenn alle - nach einer Reihe Rufe und Flüche derjenigen, die am meisten in Bedrängnis
waren - ein paar Minuten still standen, konnte man vorsichtig weiterlaufen.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Bei Wind war die Lage noch schlimmer; oder auch, wenn jeder Querbalken der Hängebrücke
mit einer beständigen Eisschicht bedeckt, abgerundet und wie glatt poliert war. Und am
schlimmsten war es, wenn uns die Kolonne der Gefährten entgegen kam, die zur Nachtschicht
gingen. Richtig dramatisch wurde die Situation dann, wenn zwei oder mehr dieser Umstände
zusammen kamen. Mehr als einmal hatte ich Angst, die Hängebrücke würde sich umdrehen
und ihre „Ladung“ in der Mitte in den darunter liegenden eisigen Fluss verteilen.
Sobald wir allerdings die Hängebrücke überquert hatten, waren alle Unannehmlichkeiten und
Ängste sofort vergessen und wir setzten unseren Weg im Lärm der Holzschuhe auf dem Pflas-
ter der steilen Gasse fort, die zum großen Platz des kleinen ländlichen Dorfes führte.
Seit unserem Umzug ins Lager 7 übernahm ich fast immer gemeinsam mit den anderen kräf-
tigeren Gefährten die Aufgabe, meinen Anteil an Brennmaterial für den Ofen in der Baracke
zu tragen. Das waren einige Holzscheite, Kohlebriketts oder Torf, die wir auf den Baustellen
bei den Hütten unserer Aufseher „besorgten“. Persönlich waren mir die Kohlebriketts am
liebsten, denn sie waren nicht so sperrig und so konnte ich sie leichter entwenden und verste-
cken. Allerdings drückten unsere Kontrolleure bei Holzverschnitt eher ein Auge zu. Meine
Ladung waren zwei bis vier Briketts: bei zweien steckte ich mir je eins in die Taschen der
Jacke, die mir Paul geschenkt hatte. Waren es mehr, schnürte ich sie zu einem langen und
flachen Paket zusammen, das ich vor dem Bauch trug. Unter Pauls Jacke hatte ich dann alles
mit dickem Stromkabel eng zu einer Art Gürtel zusammengebunden, und eine Schlaufe um
den Hals hielt das Ganze.
Dies war eine stille, aber feste Abmachung, unabhängig davon, auf welcher Baustelle wir
arbeiteten oder welchen Weg wir gingen. Wir liefen immer schweigend und stets mit gesenk-
tem Kopf. Die Augen suchten beim Gehen die Straße und deren Ränder ab: nach einem noch
so unwahrscheinlichen Fund von Lebensmitteln oder einer Zigaretten- oder Zigarrenkippe,
deren Auffinden uns Dank des Markts der Verzweifelten zumindest für einige Tage das Über-
leben sichern würde.
Und die Gedanken waren immer schon auf die abendliche Ration gerichtet, die wir dann in
der wohligen Wärme der Baracke verzehrten.
Mit der Zeit wurden die beiden Brücken immer stärker unsere Bezugspunkte. Wenn wir über
die gebogene Richtung Kahla gingen, wussten wir, dass wir die Hälfte der Strecke geschafft
hatten und waren nur etwas müde, weil wir bestimmt einen Kilometer mehr als sonst gegan-
gen waren. Hatten wir die Hängebrücke überquert, fühlten wir uns ebenfalls, als hätten wir
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
schon die Hälfte geschafft (auch wenn das nicht stimmte), denn die Erleichterung darüber,
dieses Hindernis überwunden zu haben, war bemerkenswert und zählte genauso viel wie ein
weiterer Stück Weg.
Je weiter die kalte Jahreszeit voranschritt, umso schwerer wurden die Fußmärsche für uns und
das Schweigen beim Laufen wurde zur Notwendigkeit, da Unterhaltungen eine unnütze
Kraftverschwendung gewesen wären. So war es beinah natürlich, dass wir den Atem anhiel-
ten, um den Kälteschauern entgegen zu wirken, die der eisige Wind verursachte, wenn er
durch unsere abgewetzten Kleider pfiff, oder schlimmer noch, wenn der Schneeregen uns
vom Hinterkopf den Hals herunter zu laufen begann. Auch meine Holzschuhe waren inzwi-
schen hinüber - trotz der Blechteile, die ich systematisch immer wieder an Ferse und Spitze
festnagelte. Das Holz der Sohle und das dazugehörige Oberleder waren so abgenutzt, dass der
Mix aus Schlamm, Sand, Wasser und Schnee zur Schuhspitze hereinkam und an der Ferse
wieder austrat. Da ich keine Strümpfe besaß, suchte ich mir tagsüber auf der Baustelle einen
leeren Papiersack für Trockenzement, aus dem ich dann den Boden und die vom Zement
staubige innere Papierschicht heraustrennte. Wenn wir dann aufbrachen, um zum Lager zu-
rückzukehren, faltete ich ihn auf die richtige Größe zurecht und stopfte ihn in Bauchhöhe un-
ter die Jacke des Anzugs, um mich vor der Feuchtigkeit und vor dem eisigen Wind zu schüt-
zen. Morgens verband ich Füße und Knöchel bis zur Hälfte des Schienbeins, bedeckte sie mit
den Hosenbeinen und verschnürte alles schön fest mit dem „Universalband“ Stromkabel. Bei
schönem Wetter, wenn die Straße trocken war und ich keinen Mörtel anrühren musste, dann
hielt dieser Schutz sogar bis in den zeitigen Nachmittag. Regnete es jedoch, oder schneite
sogar, hatte ich schon nach wenigen hundert Metern nasse Füße, auch wenn ich noch so vor-
sichtig ging.
Der Dorfplatz des kleinen landwirtschaftlichen Orts in der Nähe der Hängebrücke wurde im-
mer schmaler und mündete zum Schluss in die Straße zum Lager 7 ein, wo der Gehweg etwa
anderthalb Meter unterhalb der bewirtschafteten Felder lag. Es gab dort auch ein paar Gemü-
segärten, die mit metallenen Netzen eingezäunt waren.
Am Fuße der Böschung stand ein Schaukasten, den man aus Stämmen und unbehandelten
Brettern gefertigt hatte und den ein kleines Dach – ebenfalls aus Holz - schützte. Rechts da-
von befand sich etwas abseits eine Art Tribüne. Auch diese war aus Tannenbrettern herge-
stellt, die drei Ebenen bildeten, auf denen in der ersten Zeit unseres abendlichen Vorbei-
marschs etwa zwanzig kleine Milchkannen aufgereiht waren. Ihr Fassungsvermögen schätzte
ich auf fünf bis zwanzig Liter.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Als ich diese Aufstellung zum ersten Mal sah, dachte ich daran, wie lecker Milchsuppe (mit
gerösteter Gerste) war. Meine Mutter hatte mich daran gewöhnt, sie seit meiner Kindheit je-
den Morgen zu essen. Und ich dachte auch, die Bauern des Ortes müssten sehr optimistisch
sein, wenn sie so mit unserer Unterernährung spielten.
Eines Abends versuchte ich, etwa zwanzig Meter hinter dem Schaukasten einigen Gefährten
auszuweichen, die mir sehr lebhaft diskutierend in meine Marschspur gerieten. Da hielt ich
plötzlich eine kleine, schon halb leere Kanne in den Händen. Der unsagbare Genuss zu
schmecken, wie frisch, süß und kräftig diese Milch war, dauerte nur wenige Sekunden, denn
die Kanne wurde mir sofort wieder aus den Händen gerissen und hinterließ in mir ein enor-
mes unbefriedigtes Verlangen.
Etwas weiter vorn sah ich eine weitere Kanne am Straßenrand liegen. Ich erwartete eine hefti-
ge Reaktion seitens der Bauern, doch stattdessen waren sie sehr verständnisvoll und be-
schränkten sich darauf, die Aufstellung am nächsten Tag zu verzögern.
Es hatte schon geschneit, als wir an einem anderen Abend bei dem Schaukasten vorbeikamen.
Tegoni, der neben mir lief, flüsterte mir ins Ohr: „Pogioli, der Brocul“7 und zeigte dabei auf
die höher liegenden Gemüsegärten. Ich hatte keine Ahnung, was Broccoli war, aber da ich
seine Aufregung sah, blieb ich neben ihm und wir wurden so langsam, dass wir beinah still-
standen. Dabei tat ich so, als würde ich mir die Schnürsenkel der Holzschuhe zubinden.
Als der letzte Trupp der Kolonne vorbeigezogen war, sprangen wir die Böschung hinauf und
gingen über den unberührten Schnee zurück zu den Gärten. Dort machte ich es Tegoni nach
und grub ein paar eigenartige Stöcke mit komischen Auswüchsen daran aus. Als ich Richtung
Lager zurückging, begann ich, diesen stockartigen Minikohl zu säubern und kostete einen. Er
schien mir wie eine unerwartete Himmelsgabe an Mannabrot. Ich stopfte zwei Taschen voll
damit und rechnete aus, dass mir der Kohl mehr als drei Tage lang das Überleben sichern
würde.
Im Dezember hatte sich die Holzsohle meiner Schuhe auch in der Länge auf ein Minimum
reduziert. Eine war sogar von der Spitze bis zur Ferse längs durchgebrochen und um die bei-
den Hälften zusammenzuhalten, hatte ich vier Blechstücke daran festnageln müssen: zwei
unter der Sohle und zwei im Schuh drinnen. Die Reparatur war nicht einfach, obwohl Tegoni
mir half, doch die Auswirkungen für meine ohnehin geschundenen Füße waren noch schlim-
mer.
Ich habe hier versucht, den dialektalen Ausruf Tegonis ins Deutsche zu übertragen.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Zum Glück kamen Mitte Dezember neue Schuhe an für diejenigen, die am dringendsten wel-
che benötigten. Sie waren uns schon seit langem versprochen worden.
Die Verteilung wurde nach dem Essen in der Baracke durchgeführt und natürlich ging ihr die
übliche Predigt des wohlbekannten Dolmetschers Chiesa voraus, der erst einmal das gute
Herz der Deutschen besang, die allseits bereit seien, unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Da-
nach rühmte er die Qualität des Produkts, das besonders geeignet sei für die Wintermonate
und uns bis in den Frühling hinein trockene und warme Füße garantieren würde.
Es handelte sich in der Tat um Filzstiefel russischer Herkunft (zumindest wurde das allgemein
über sie gesagt). Allerdings waren sie schon sehr abgewetzt und vermutlich den toten Solda-
ten an der russischen Front abgenommen worden.
Mir wurden zwei nicht zusammen passende Stiefel zugeteilt: der rechte hatte die richtige
Größe, saß daher perfekt, war aber doch sehr abgenutzt; der linke war hingegen in gutem Zu-
stand, dafür aber mindestens drei Fingerbreit höher und drei Nummern zu groß, so dass ich
beim Gehen herausrutschte. Ich versuchte, ihn mit Papier auszustopfen – mit den viel genutz-
ten Zementsäcken -, doch das bot nur eine sehr eingeschränkte Abhilfe und mittags schlurfte
ich erneut. Um die Abnutzung der Sohle einzuschränken, begann ich, den linken Fuß mehr als
nötig zu heben, so dass ich beinah selbstverständlich humpelte.
Doch im Vergleich zu den Holzschuhen sah ich die Stiefel als wahre Gottesgabe und sie be-
einflussten auch merklich meinen Gemütszustand.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Der Hangar und seine Umgebung
Die Ankündigungen von Chiesa, wie wichtig die große Baustelle im Süden Kahlas für den
Krieg war, wurden sofort von den anderen Deportierten bestätigt, die vor uns dort gearbeitet
hatten und sie fanden auch nach und nach Bestätigung durch die Vorkommnisse auf den Bau-
stellen, auf denen wir tätig waren.
Schon als man uns die ersten Male zum Arbeiten auf den Hang des Hügels schickte, bemerk-
ten wir unter uns den kleinen Zug, der unbeweglich an der Böschung der Schmalspurbahn-
strecke stand. Er hatte mehrere offene Hänger, die mit den unterschiedlichsten Materialien
beladen waren, aber auf dem uns am nächsten stehenden Waggon glänzte der silberne Rumpf
eines Jagdflugzeugs mit eleganten und neuartigen Konturen. Der Rumpf des Fliegers war ab-
gerundet und wurde allein durch das Richtungssteuer vollendet.
Später, es war wohl Anfang September, wurden wir fast alle immer weiter oben zum Arbeiten
eingesetzt, allerdings auf einer Baustelle weiter südlich, wo ein großer Hangar entstehen soll-
te. Dazu wurde einer der steilsten Abhänge des Hügels genutzt. Mit einem fast vertikalen Ein-
schnitt in den felsigen Untergrund war eine Art Stufe geschaffen worden, die über zehn Meter
hoch und über achtzig Meter lang war. Darüber befand sich eine über zwanzig Meter breite
Ebene.
Unsere Aufgabe war es, die äußere Verschalung hoch zu bauen für die Ausschüttung des Be-
tons an der hohen Stufe. Der Beton floss ohne Unterbrechung aus etwa zehn Betonmischern
am Fuße des Hügels. Senkrechte Schienen waren direkt an der Verschalung angebracht und
auf ihnen fuhren Betonloren an den großen Mischern vorbei. Sie standen nur ab und an still,
damit Tischler und Schmiede die Anlage immer weiter bauen konnten. Unser Sektor war drei
jungen deutschen Tischlern anvertraut worden, die uns Jüngere sofort zu ihren direkten Hel-
fern beförderten und die Älteren losschickten, um uns das weit entfernt aufgeschichtete Holz
zu besorgen.
Die Ebene stellte die natürliche Verschalung für den Beton für die Bodenabdeckung dar. Hier
arbeiteten die russischen Deportierten. Ihre Aufgabe war es, die riesigen Doppel-T-Träger
(etwa sechzig Zentimeter hoch und über zwanzig Meter lang) auf den Schultern heranzutra-
gen und abzulegen (in einem Abstand von etwa sechzig Zentimetern zueinander). Sie stellten
das Gerüst für das Fundament dar. Die Arbeit dieser jungen Russen war an sich schon an-
strengend und gefährlich, dazu wurden sie noch von einem uniformierten „Chef“ beaufsich-
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
tigt: braunes Hemd mit Hakenkreuzarmbinde. Er bestand nur aus Muskeln und sehr wenig
Gehirn und wir tauften ihn sofort „Energumeno“, den Besessenen.
Eben dieser hatte auch beschlossen, dass die Eisenträger von der Herkunftsseite beginnend
nebeneinander gelegt werden sollten, weshalb die armen Jungs mit jedem Mal über einen
Träger mehr steigen mussten. Obwohl sie immer mehr als fünfzig Mann waren, so dass einer
den anderen berührte, und obwohl der Chor der Stimmen den Schritt angab, damit die Last
gleichmäßig verteilt war, passierte es manchmal, dass jemand stolperte, was alle ins Schleu-
dern brachte und deutlich mehr Gewicht auf weniger Schultern verteilte. Mehr als einen sahen
wir mit Knochenbrüchen oder eingequetschten Wirbeln zusammenbrechen. Und jeder Fallen-
de musste – egal in welchem Zustand er war - systematisch den ganzen Abschaum an Be-
schimpfungen des Energumeno über sich ergehen lassen, welche dieser oft noch mit Tritten
und Stockschlägen bekräftigte. Seine Lieblingswaffe war ein Gummirohr mit Eisenring darin,
doch wenn er besonders rasend war, bevorzugte er es, den Stiel einer Schaufel oder einer
Spitzhacke zu schwingen, da das für seine bestialische Theatralik besser geeignet war.
Am Hangar waren wir nur wenige Tage. Wir folgten dem Arbeitsrhythmus der drei jungen
Deutschen, der keineswegs anstrengend war und Pausen beinhaltete, welche es uns sogar er-
laubten, ein wenig Freundschaft zu schließen.
An diese Erfahrung habe ich also eine recht angenehme Erinnerung, auch wenn ich ein Zu-
sammentreffen mit Energumeno hatte, was mich um ein Haar teuer zu stehen gekommen wä-
re.
An jenem Morgen (es war wohl schon der zweite Tag am Hangar) musste ich, nachdem ich
mich bei den jungen deutschen Tischlern gemeldet hatte, noch einmal zur Lagerbaracke zu-
rück, um einige Arbeitsutensilien zu holen.
Auf dem Rückweg traf ich Cavanna aus Colletta und Costantino Rossi, denen der „Chef“ ei-
nen enormen runden Träger auf die Schultern geladen hatte. Cavanna bebte, doch weniger
wegen der Anstrengung, als viel mehr aus Angst. Denn Rossi war wesentlich älter und sehr
schmächtig und hatte nicht genügend Kraft, weshalb er breitbeinig da stand und wankend
versuchte, das unstabile Gleichgewicht zu halten. Begleitet wurde das Ganze von den Aufhet-
zungen und Schreien des muskulösen „Chefs“. Ich weiß nicht, was mich in diesem Moment
packte, doch auch ich begann, meine Gefährten anzuschreien, sie sollten den Träger fallen
lassen und dass sie diesem Chef nicht gehorchen mussten, weil wir für andere Arbeiten einge-
teilt waren.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Als der ängstliche Cavanna begann, in seinem Dialekt die übliche flehentliche Bitte zu wim-
mern („Schweig, Junge, schweig! Du bringst uns noch alle um“), warf ich meine Arbeitsgerä-
te zu Boden und versetzte dem großen Stamm mit meinen geöffneten Handflächen einen
Stoß, so dass er meinen Gefährten von der Schulter rollte und mit einem dumpfen Schlag auf
dem Boden landete. Energumeno rannte los, zückte eine Spitzhacke und warf sich mir brül-
lend entgegen, die ungewöhnliche Waffe hoch erhoben. Ich zitterte, und zwar nicht so sehr
aus Angst, als vielmehr aus grenzenloser Wut darüber, dass ich nicht stark genug war, um
dieses Muskelpaket auszulöschen, dieses Sinnbild der Gewalt und der Unterdrückung, die ich
in diesem Moment nicht ertragen konnte. Ich glaubte mich schon verloren. Ich erwartete ihn
unbeweglich und warf ihm eine letzte Provokation zu, indem ich ihn ermunterte, mich zu
schlagen und sich dann bei meinem Aufseher Hermann Franz dafür zu rühmen.
Ich weiß nicht, ob es diese Worte waren oder die ungewöhnliche Stille auf der ganzen Bau-
stelle, die zum ersten Mal eine seiner Untaten begleitete, aber die Spitzhacke flog weit weg
und ein markiges „Raus!“ befahl uns, zu verschwinden. Gleichzeitig war das die Anweisung,
wieder an die Arbeit zu gehen.
Einige Wochen später kamen wir erneut zum Hangar, um dort wieder die gleiche Arbeit mit
den gleichen drei deutschen Tischlern zu verrichten. Die erste Betonschicht, die die Träger
bedeckte, war schon fertig und man arbeitete nun an der zweiten Schicht, um die runde Eisen-
einfassung zu bedecken, welche dicht verlegt zum Aufbau vertikaler Wände dienen sollte.
Diese kreuzten sich so, dass sie viele aneinandergrenzende Wannen von über einem Meter
Seitenlänge bildeten. Auf diesen Käfigen lagen Tannenholzbretter. Sie wurden als Laufgang
benutzt, um zu den verschiedenen Gruppen von Tischlern zu gelangen. Außerdem befanden
sich auf ihnen Schienenteile, auf denen kippbare Wägelchen fuhren, die den Beton transpor-
tierten.
Es waren immer noch die Russen, die diese Arbeit verrichten mussten und sie wurden natür-
lich von Kapo Energumeno kommandiert. Wenn ich in seiner Nähe vorbeikam, verpasste er
es nie, mir böse Blicke zuzuwerfen. Ich tat, als ignoriere ich sie, doch wenn ich ehrlich sein
soll, war mir recht bang dabei.
Täglich passierten den Russen, die gezwungen waren, mit unstabilem Gleichgewicht zu arbei-
ten, irgendwelche Unfälle und die unsinnige Gewalt ihres Aufsehers verfestigte sich systema-
tisch. Eines Tages kam eine Betonlore zu schnell am Schienenende an und der junge Mann an
der Bremse stellte sich wohl etwas ungeschickt an, als er sie anhalten wollte: das Vorderrad
sprang aus der Schiene, wodurch ein Teil der sehr flüssigen Ladung überlief und den armen
Russen übergoss. Der Zorn des „Chefs“ kam schnell und effizient und der ungeschickte Russe
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
fand sich plötzlich halb in Beton getaucht wieder, ein Brett am Hals, das ihn herunterdrückte,
so dass er zu ertrinken drohte. Während dessen erhob sich ständig lauter werdend der Befehl,
den gesamten Inhalt des Karren über ihm auszukippen. Nur die Unentschlossenheit seiner
Gefährten, die sich untereinander stritten, was nun zu tun sei, gab dem Jungen die Möglich-
keit, sich am Eisen festzuklammern und sich von dem Brett an seinem Hals zu befreien.
Wir sind nie wieder zum Arbeiten an den Hangar zurückgekehrt.
Erst nach sehr langer Zeit gingen wir noch einmal einen halben Tag lang dahin, um die Bret-
ter der Verschalung (von Teilen der Mauer und der Bodenplatte) zu holen, die abgebaut und
in der Nähe aufgeschichtet worden waren.
So hatten wir die Möglichkeit, den riesigen Kabelbagger in Aktion zu sehen, der bereits un-
terhalb der großen Bodensohle über dreißig Meter tief gegraben und oben so präzise in den
Felsen geschnitten hatte, dass dieser aussah wie eine exakt senkrechte Mauer. Dabei war ein
großer Hohlraum entstanden. Im Moment war er über zwanzig Meter breit und mindestens
fünfzehn Meter hoch. Es war für mich ein Schauspiel ohnegleichen, diesem Monstrum bei der
Arbeit zuzusehen und so blieb ich einige Minuten stehen, um den riesigen Greifer zu beo-
bachten. Von erfahrenen Händen gesteuert, löste er beinah vorsichtig die Bretter der Verscha-
lung, die ich gemeinsam mit den drei deutschen Arbeitern angebracht hatte.
Als sich der Herbst näherte, sollte kein Tageslicht mehr verschwendet und keine Zeit mehr
verloren werden, um eine Kelle heiße Suppe zu essen. So wurden die wichtigsten Baustellen
mit enormen Töpfen ausgestattet, die stets mit einem faden, bräunlichen Gebräu gefüllt wa-
ren. Es wurde Tee genannt und sollte unsere Mägen wärmen, bis wir in der Baracke unsere
Suppe bekamen.
So wurde der Zeitraum des Fastens von morgens bis abends auf zwölf Stunden am Stück aus-
gedehnt, was ein harter Schlag für unsere ohnehin schon geschwächten Körper war.
In Abstimmung dazu wurde auch die Mittagpause auf fünfzehn bis zwanzig Minuten ver-
kürzt, (denn zumindest unsere Aufseher mussten ja etwas essen).
Mit Beginn dieser neuen Regelung entfernte ich mich immer zusammen mit vielen Russen
auf einem Pfad - auch um den Anblick der gewohnten Butter- oder Wurstbrote zu vermeiden,
der genauso wie der warme Tee bestimmt nicht das Verlangen meines Magens gestillt hätte.
Nach einigen hundert Metern erreichten wir die riesige Öffnung eines Tunnels, der von den
laufenden Arbeiten nicht berührt wurde und den die kosmopolitische Vielzahl an Deportierten
in Kahla in einen unwirklichen Markt verwandelt hatte. In dieser runden Höhle mit einem
Durchmesser von einigen dutzend Metern, gingen langsam Russen jeglicher Art umher und
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
dazu Polen, Tschechoslowaken, Franzosen, Italiener und Belgier, die alle ihre ärmliche Ware
Feil boten. Nur selten war der Preis in Mark angegeben, sondern meistens in möglichen
Tauschwaren. Eine dünne Scheibe Brot, eine Zigarette, eine Tüte mit weichem belgischem
Tabak, ein Päckchen „Maciorca“8 (russischer Tabak, der aussah wie große gelbe Sägespäne),
ein abgenutztes und dreckiges Päckchen komischer Zigaretten, eine alte Uhr, ein Stück geräu-
cherte Wurst, ein von wer weiß welchem Mund feuchter Zigarrenstummel, ein gefeilter Ring
aus Stahl und viele andere kleine, unnütze Dinge.
Ein Tausch fand selten statt, aber das Gemurmel der Angebote brach nie ab, ganz so, als wäre
es ein Ritus oder ein Grundbedürfnis, um den Überlebensgeist am Leben zu halten und das
ärmliche Dasein weiterzuführen.
Als das Wetter immer schlechter wurde, wurde der Weg, auf dem das Material nach oben
transportiert wurde, immer schwerer begehbar und die beiden Bubba-Raupenfahrzeuge blie-
ben endgültig stehen. Die Materiallieferungen wurden zum Problem. Daher entschieden die
Techniker der großen Baracke, entlang der stärksten Neigung des Hügels eine ansteigende
Betonrampe zu bauen. Auf ihr sollten dann, von einer Winde gezogen, Karren hochfahren. So
schickte man uns los, hier und da Teile des Grundbaus zu graben. Diese Aufgaben wurden
uns täglich ohne erkennbare Logik übertragen, nachdem wir im Tunnel gewesen waren. Es
war fürchterlich anstrengend.
Aber wir hatten schon längst aufgehört, wie Menschen zu „denken“, denn unser Gehirn über-
kam oft eine Art mentale Faulheit, die uns dazu brachte, ganz langsam und wie Automaten zu
handeln. Passiv akzeptierten wir alles, was um uns herum geschah. Mir hatten jegliches Zeit-
gefühl verloren: eine Stunde war so lang wie ein Tag, ein Tag war eine Woche und ein Monat
war eine Ewigkeit.
Schon Mitte Dezember musste ich, wenn ich eine mehr als zwanzig Zentimeter hohe Stufe
steigen wollte, das rechte Bein mit beiden Händen unterm Knie fassen und es hochziehen, um
den Fuß auf die höhere Stufe zu setzen. Von dort konnte ich auch das linke Bein nachziehen.
Ich war nicht einer der Schwächsten und der Abhang des Hügels hatte viele, sehr hohe Stufen.
Sie waren mit glitschiger Erde bedeckt und wurden bei Frost nicht weniger rutschig.
Dezember war ein sehr langer Monat und Januar ebenfalls - und sogar noch schlimmer, da es
in der Zwischenzeit geschneit hatte und der kalte Nordwind fast den ganzen Monat lang den
feinen Schneestaub in der Luft hielt. So wurde uns sogar der Anblick eines noch so kleinen
Stück Himmels verwehrt.
Sprich: Matschorka.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Weihnachten
In den letzten zehn Dezembertagen gingen die Fälle akuter Nierenentzündung langsam zu-
rück, die alle mehr oder weniger schwer ergriffen hatte.
Es hatte eines Morgens begonnen, als sich Antonio Balderacchi beim Wecken von seiner Prit-
sche erhoben und einen Schrei ausgestoßen hatte: „Kinder, seht mal her, wie dick ich gewor-
den bin!“ Er sagte es, als wäre das ein geistreicher Witz, doch seine Stimme zitterte merklich
und er wirkte total geschockt. Er war komplett aufgedunsen, es war beängstigend: seine Au-
gen waren nur noch zwei Schlitze und die Tränensäcke hingen ihm die halben Wangen herun-
ter. Die Wangen wiederum reichten drei Finger breit unters Kinn. Die Hände sahen aus wie
zwei aufgeblasene Gummihandschuhe und die Waden waren deutlich in der Hose des Ar-
beitsanzugs zusammengepresst und schwabbelten bei jeder Bewegung wie zwei Schläuche
voll Wasser. Am selben Morgen zeigte sich diese neue Krankheit auch bei anderen, vor allem
bei den Älteren, und innerhalb weniger Tage waren wir alle angesteckt, wenn auch mehr oder
weniger schlimm und teilweise mit anderen Symptomen.
Mir schwoll der ganze Körper an, aber nur die Waden drückten unangenehm in den Hosen
des Arbeitsanzugs. Abends ging die Schwellung zurück und ließ mir so ein wenig Erholung.
Morgens kam sie wieder.
Nach einer reichlichen Woche war alles vorbei, ohne dass ich mich an die Krankenstation
gewandt hatte, denn es waren schon etliche abgewiesen worden, denen es sichtlich schlechter
ging als mir und auch, weil ich keine guten Erinnerungen an diese Einrichtung hatte.
Viele, denen die Einlieferung in die Krankenstation verwehrt worden war, mussten beträchtli-
che Stücke der Nähte an ihren Hosen auftrennen, da diese die dick angeschwollenen Beine
nicht mehr fassten. Und andere mussten tagelang mit offenen Schnürsenkeln laufen, weil die
Füße so dick waren.
Das Herannahen von Weihnachten hob unseren Gemütszustand jedoch enorm, denn Weih-
nachten ist seit eh und je das Fest der Höflichkeit und der Fröhlichkeit. Hinzu kam, dass wir
ganz sicher nicht arbeiten würden und wir spannen uns eine ganz besondere Mahlzeit aus, die
uns, so hatte es uns der Dolmetscher Chiesa vorausgesagt, auf direkte Anweisung von Musso-
lini serviert werden sollte.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Es war ein traumhafter Tag, auch wenn es draußen furchtbar kalt war und uns die aus der
Nachbarbaracke, als sie von der Nachtschicht zurückkehrten, erzählten, dass die Temperatur
auf der Baustelle beim Tunnel auf -30°C gesunken war.
Wie alle Deutschen in ihren Büros und Wohnungen hatten auch wir unseren Weihnachts-
baum. Capretti und Tegoni stellten ihn an der Rückseite der Baracke am Fenster auf. Wir
konnten ihn nicht mit Gänsedaunen oder Wattebäuschen schmücken, dafür aber mit dem
Schnee, der zu fallen begann: mittags wurde es recht gemütlich.
Am frühen Morgen hatten wir uns gewaschen, den Ofen angefeuert und die Baracke aufge-
räumt. Während ich auf das Essen wartete, dachte ich an die heitere Freude der Weihnachts-
feste, die ich mit meiner Familie verbracht hatte, und daran, wie uns Kindern in bunten
Schachteln das Mandelgebäck gezeigt wurde, das wir von Verwandten geschenkt bekommen
hatten. Ich fand ein Stück Papier und zeichnete mit Bleistift einen Friedensengel, den ich im
Geiste gern nach Hause gesandt hätte und in die ganze Welt, die vom Krieg erschüttert wurde.
Es war wie ein Friedensgebet, denn mein sinnloses und schreckliches Sklavendasein konnte
nur mit Frieden enden.
Mittags servierte man uns das Essen in dem üblichen Napf, doch die Kelle wurde nicht ganz
voll gemacht, denn es handelte sich nach Ansicht des Kochs um eine qualitativ höherwertige
Speise, die man genießen sollte: die Suppe war einfach etwas dickflüssiger als sonst und es
trieben einige zerkochte Bandnudeln darin. Der Geschmack war keineswegs besser als der
sichtbar dürftige Inhalt.
Es folgte in dem gleichen Napf, den wir aus diesem Anlass ausleeren, auswaschen oder ausle-
cken mussten, eine Süßspeise von hoher kulinarischer Kunst, die nur von unserem „geliebten“
Duce kommen konnte.
Es handelte sich dabei um eine Art Gelatinepudding, der vielleicht die Farben der italieni-
schen Flagge darstellen sollte: er bestand aus einer halben knallroten Kugel von wenigen Zen-
timetern Durchmesser, welche in einer dickflüssigen Gelatine schwamm, deren Farbe irgend-
wo zwischen grünlich gelb und eierweiß war. Begeistert hatten wir den Nachtisch erwartet,
misstrauisch verzehrten wir ihn und enttäuscht fällten wir unser Urteil, doch vielleicht war
unsere fehlende Wertschätzung auch einzig auf den Geschmacksverlust unserer Gaumen zu-
rückzuführen, der sich immer deutlicher zeigte.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Sofort am nächsten Morgen wiesen ein paar aus unserer Gruppe Symptome von Ruhr auf.
Einige führten es auf diesen Pudding zurück, andere kamen zu der Ansicht, man habe uns
absichtlich vergiften wollen.
Als in den folgenden Tagen durchsickerte, dass sich die Krankheit praktisch im ganzen Lager
ausgebreitet und sämtliche Gruppen aller Herkunft befallen hatte, brach überall große Angst
aus, denn uns wurde klar, dass die Infektion niemanden verschonte.
Wurde es nicht innerhalb weniger Tage besser, zehrte es jeden zu einem völlig dehydrierten
Schatten seiner selbst aus. Nach einem physischen und psychischen Zusammenbruch landete
man nach wenigen Tagen in der Krankenstation und dann fast immer im Leichentunnel.
Der grüne Kleinlaster mit seinen üblichen fünf Särgen auf der Ladefläche erhöhte in dieser
Zeit erheblich die Zahl seiner Pendelfahrten zwischen den verschiedenen Lagern.
Bei mir brach die Krankheit in den frühen Morgenstunden aus. Es war ungewöhnlich, dass ich
auf einen Schlag erwachte, und während ich mich noch nach dem Grund dafür fragte, spürte
ich einen unmissverständlichen stechenden Schmerz, der mich gewissermaßen aus dem
„Hochbett“ warf. Ich schlüpfte in meine Stiefel und war nach wenigen Sekunden im Ein-
gangsbereich, wo ich über etwas Hartes stolperte und so an die gegenüberliegende Wand fiel.
Nur mit zusammengebissenen Zähnen erreichte ich den Querbalken der Latrine, wo bereits
einige Kameraden aus dem Nebenraum „saßen“.
Als ich in die Baracke zurückkehrte, entdeckte ich, dass das Hindernis, was mich ins Stolpern
gebracht hatte, nichts anderes war, als gefrorene Kothaufen. Die Ältesten oder eben die
Schwächsten hatten sie unterwegs „verloren“, nachdem sie zu langsam aufgewacht waren.
Tagsüber wurden diese Haufen natürlich weggeräumt, aber viele Tage hintereinander fanden
wir den Eingangsbereich jeden Morgen von derartigen Hindernissen verschmutzt vor. An der
Stelle, wo die beiden „Reihen“ aus den jeweiligen Zimmern aufeinander trafen, waren sie fast
handbreit hoch.
Zum Glück war zu dem seit Monaten voranschreitenden Geschmacksverlust mit Beginn der
ersten Kälteeinbrüche auch ein merkliches Nachlassen des Geruchssinns hinzugekommen.
Damals war ich davon überzeugt – vielleicht fälschlicherweise (aber das glaube ich nicht) -,
dass es sich dabei um eine natürliche Reaktion unserer Körper auf bestimmte Ausnahmesitua-
tionen handelte. Kurz gesagt: indem Mutter Natur diese Sinne schwächt, gibt sie einem Hung-
rigen die Möglichkeit, auch unangenehm schmeckendes oder riechendes Essen zu verschlin-
gen und sich daran anzupassen, auch an Orten oder in Umgebungen zu leben, die er sonst
meiden würde.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Die Ruhrattacken verschonten niemanden und einige erlitten mehrere Rückfälle, die erst auf-
hörten, als die große Kälte vorüber war. Alle alten Gefangenen mussten sich in die Kranken-
station einliefern lassen und viele kehrten nicht mehr zur Arbeit zurück.
Auch Gigino Dragoni war auf der Krankenstation und einmal ging ich abends auf dem Rück-
weg von der Arbeit bei ihm vorbei. Er sagte zu mir: „Was willst du hier? Ich warte genau wie
alle anderen hier drinnen nur darauf, in den Tunnel auf der anderen Straßenseite geschafft zu
werden. Die einzige „Behandlung“, die sie an uns durchgeführt haben, seit wir hier sind, war,
unsere Brot- und Suppenration zu halbieren. Wenn wir Durst haben, müssen wir abwechselnd
das Wasser aus dem Waschraum holen gehen, aber nur wenige schaffen das noch.“
Als ich draußen war, bestätigte mir der Krankenpfleger Balderacchi die Situation und er wies
mich auch auf die katastrophalen hygienischen Zustände hin.
Am nächsten Abend erlaubte mir Kapo Franz, die Arbeit eine halbe Stunde früher zu been-
den, damit ich in Kahla zur Apotheke gehen konnte. Um Auseinandersetzungen mit den bei-
den Verkäufern in der Apotheke zu vermeiden, die mich schon mit gewollt angewiderter Hal-
tung empfangen hatten, beschränkte ich mich darauf, auf die zwei Schachteln in der Regal-
wand zu zeigen, die ich brauchte. Sie reichten mir nur eine davon und ich gab mich damit
zufrieden. Als ich einmal meinetwegen dort gewesen war, hatte ich versucht, eine Medizin
speziell gegen „diarrea“ - Durchfall - zu bekommen. Die deutsche Übersetzung hatte ich in
einem geborgten Heftchen nachgeschlagen, aber meine wiederholten Anfragen wurden immer
mit einem trockenen „nein“ abgetan, welchem verschiedenste Beschimpfungen folgten. So
hatte ich mich mit zwei Schachteln aus grober brauner Pappe abfinden müssen mit einem
groben grauen Pulver darin, das leicht nach Kastanien schmeckte. Das gleiche Pulver hatte
ich im August schon einmal auf Empfehlung von jemandem genommen, nachdem ich ver-
sucht hatte, meinen anhaltenden Hunger mit zu vielen Pflaumen zu stillen.
Ich habe nie erfahren, wofür dieses Pulver eigentlich gedacht war, aber Dragoni half es, wie
es auch mir geholfen hatte.
Als ich ihn einige Tage später besuchte, schien sein Zustand gut zu sein, auch wenn er noch
abgemagerter war. Er drückte mir all seine Dankbarkeit aus und sagte, dass er ohne diese
„Medizin“ niemals mehr nach Hause zurückgekehrt wäre. Er zählte mir die Namen derer auf,
die in diesen Tagen gestorben waren und fügte an, dass sie gerade am Abend zuvor den Pen-
ner von Montereggio (Giovanni Figoni) „weggebracht“ hatten, der auf der nebenstehenden
Pritsche gelegen hatte.
Nicht einmal eine Woche später kam Jean Balderacchi in die Baracke und sagte, dass Gigino
Dragoni im Sterben lag.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Auf meine ungläubigen Worte erwiderte umgehend in aller Deutlichkeit: „Du weißt doch, wie
dein Landsmann9 ist. Er hatte sich wunderbar erholt, aber er hatte sich in den Kopf gesetzt,
den Dreck abzuwaschen, der ihm am Leib klebte. Ich dachte, ich hätte ihn davon überzeugt,
das zu unterlassen, aber als er dann einen Moment allein war, ist er duschen gegangen. Und
zwar mit dem kalten Wasser aus dem Waschraum. Tödliche Lungenentzündung. Man kann
nichts mehr für ihn tun.“
Ich folgte ihm in die Krankenstation. Gigino lag im Koma, aber eigenartiger Weise hatte er
wieder Farbe bekommen, wie in Farini. Er war ruhig und auf seine Wangenknochen war das
feine Netz aus Blutgefäßen zurückgekehrt, genauso wie damals, als ich ihn mit einem be-
freundeten Kunden aus der Gaststätte kommen sah, wo er ein Glas Weiswein ausgegeben und
genossen hatte.
Diese Freunde und Kunden würde er nun nie mehr wieder sehen, denn er hatte stets mehr an
die Vorsehung geglaubt als an den gesunden Menschenverstand.
Mehr als nur „aus dem gleichen Land“ ist hier „aus dem gleichen Ort“ (also Farini d’Olmo in der Nähe von
Piacenza) stammend gemeint.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Die kleine Baustelle südöstlich von Kahla
Wir waren im August bereits gelegentlich einige Tage auf dieser kleinen Baustelle gewesen.
Damals waren wir noch in Lager 1 und der Weg zur Baustelle war daher recht kurz.
Dort wurde ein zweistöckiges Gebäude gebaut, nicht sehr breit, aber etliche dutzend Meter
lang.
Unsere Arbeit bestand darin, Mörtel anzurühren und ihn zusammen mit Ziegeln und anderen
Baumaterialien den Maurern zu bringen. Es waren vier oder fünf Maurer, alle Deutsche, die
sehr schnell arbeiteten, aber ebenso häufig Pausen einlegten, weshalb unser Arbeitsaufwand
erträglich war. Auch der alte Aufseher quälte uns nicht und nachdem er uns Anweisungen
gegeben hatten, verschanzte er sich fast die ganze Zeit in seiner Hütte. Nur selten kam er her-
aus, um uns zurechtzuweisen, indem er unverständlich irgendetwas nuschelte und ein paar
mal den Kopf schüttelte, so als wollte er vor sich selbst rechtfertigen, dass er von uns wirklich
nicht mehr verlangen konnte.
Ende Januar gingen wir wieder dort arbeiten; jeweils für einige Tage und abwechselnd mit
den anderen Baustellen oben auf dem Hügel.
Wir bekamen wieder dieselbe Aufgabe und auch denselben alten Meckeraufseher. Leider wa-
ren wir durch die Arbeit und den weiten Weg von Lager 7 immer abgemagerter und zerlump-
ter. Und die ohnehin ungeeignete und inzwischen zerfetzte Kleidung konnte uns in keiner
Weise vor der andauernden und furchtbaren Kälte schützen. Der alte Kapo tat so, als bemerke
er nichts, wenn wir uns im Erdgeschoss des ersten Gebäudetrakts, der schon überdacht war,
ein kleines Feuer anzündeten. Und er war stets nachsichtig, obwohl wir uns dort abwechselnd
kurz aufwärmten. Nie standen mehr als zwei oder drei auf einmal am Feuer. Zu dieser Zeit
arbeiteten wir ständig draußen im Schnee, der entweder wenig und in kleinen Flocken fiel
oder ständig und in einem blind machenden Schneegestöber und den der eisige Wind von den
nahe gelegenen verschneiten Pinienwäldern herüberwehte. Dieses kleine Feuer war für uns
alle ein ständiges Objekt der Begierde; unsere Gedanken waren stets darauf als einzigen Ret-
tungsanker gerichtet. Doch es war oft sehr schwer, die Schwächsten unter uns vom Feuer
wegzubekommen, die sich von seiner molligen Wärme betäuben ließen. So begann ein Krieg
unter Verzweifelten, der uns oft dazu brachte, uns gegenseitig mit extremer Härte zu behan-
deln.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Einmal hatte ich mich gerade dem Feuer genähert und tadelte Alfredo und einige andere und
wies sie an, die abgemachten Zeiten einzuhalten, damit sich alle etwas wärmen könnten.
Plötzlich hob eine fürchterliche Explosion ein rundes Stück des Fußbodens hoch, genau dort,
wo sich das Feuer befand, und schleuderte brennende Glut und Holzstücke überall umher.
Nachdem wir hastig mit den Händen die Unmengen an Brandstellen erstickt hatten, die sich
nun auch auf unsere Kleidung ausbreiteten, sammelte ich allein die Holzstücke zusammen
und entfernte die größten Glutherde, die unseren wertvollen Holzvorrat in Brand zu stecken
drohten.
Als der alte Kapo erschien, erklärte ich ihm, was geschehen war. Er murmelte etwas Unver-
ständliches, doch nachdem er sich alles aufmerksam angeschaut hatte, kam er mit mir überein,
dass die Ursache für die Explosion das Gas sein musste, was sich aus dem Frostschutzmittel
bildete, das dem Zement beigemischt worden war. Er zeigte mir eine sicherere Stelle ganz in
der Nähe auf gestampfter Erde, wo ich ein neues Feuer anzünden konnte.
Alfredo war ein schlanker und aufrechter junger Mann von 24 Jahren, wirkte aber jünger. Er
war erst vor Kurzem angekommen, um einen der vielen freigewordenen Plätze in der Baracke
einzunehmen von jemandem, der in die Krankenstation eingeliefert oder schon in den Tunnel
hinter der Straße von Lager 7 geschafft worden war.
Er kam aus einem anderen Lager in der Gegend, aber es war offensichtlich, dass er erst vor
Kurzem deportiert worden war, denn er trug gute Schuhe und saubere Kleidung, die noch
nicht abgenutzt war, und darüber einen so gut wie neuen einteiligen, haselnussbraunen Ar-
beitsanzug aus feiner Baumwolle.
Sofort erwies er sich allen gegenüber als sehr höflich, erzählte allerdings nichts über sich.
Und wir stellten gewöhnlich nicht viele Fragen.
Auf der Baustelle wurde sofort deutlich, dass er zu jeglicher handwerklicher Tätigkeit zu un-
geschickt war. Er konnte dies aber durch seine lockeren Bewegungen ausgleichen, da er we-
niger geschwächt war als wir.
Später vertraute er mir an, dass er aus der Romagna kam, aus der Provinz Forlì, und von Be-
ruf Rennradfahrer war. Er war verheiratet und Vater zweier Töchter, von denen er mir sogar
ein Foto zeigte.
Als ich glaubte, er habe bereits den schlimmsten Teil der Anpassungsphase überstanden, ver-
lor er seine gute Laune, wurde apathisch und sonderte sich mehr und mehr ab. Wir versuchten
auf alle möglichen Arten, teilweise auch sehr direkt, ihn wach zu rütteln, doch nie reagierte er
auf unsere Provokationen. Nur während der Pausen, wenn wir uns ausruhen konnten, hörten
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
wir ihn manchmal – in seinem Dialekt und mit dem Foto seiner beiden Töchter in der Hand –
vor sich hin reden: „Meine Töchter werde ich nicht wieder sehen.“
Eines Morgens weigerte er sich, von der Pritsche aufzustehen. Er sagte bloß zu mir, dass er
sich in die Krankenstation einliefern lassen würde, von wo er nie zurückgekehrt ist.
Einmal, als wir auf eine Baustelle oben auf dem Hügel gehen sollten, hielt Kapo Franz mich,
Tegoni und ein paar andere im Schutztunnel zurück. Er meinte, wir müssten noch die Innen-
einrichtung fertig stellen.
Mich ließ er allerdings herzlich wenig arbeiten, sondern rief mich in seine Bürobaracke, wo er
lange mit mir sprach. Er beschrieb mir die Lage an den Kriegsfronten und berichtete von dem
mittlerweile zusammenbrechenden deutschen Heer und von der Flucht der Bevölkerung im
Nordosten, die sich vor den Vergeltungsschlägen der russischen Armee fürchtete, mit denen
diese Rache üben wollte für die Gräueltaten der SS an den Menschen.
Er erzählte mir Vorkommnisse von solcher Grausamkeit, dass ich sie niemals wiedergeben
könnte, und beendete seinen Bericht damit, dass er hoffe, die Engländer und Amerikaner
würden bald eintreffen.
Ich muss nicht extra betonen, dass dieses Gespräch die kleine Flamme meines Überlebenswil-
lens deutlich anfachte. Ich dachte sofort daran abzuhauen, sobald der wenige Schnee ge-
schmolzen sein würde. Ich würde von den Bauern etwas zu essen erbetteln oder kaufen oder
klauen, um bis zur ersten Frühjahrswärme zu überleben.
Da meine Kleidung durch und durch zerschlissen und dreckig war, so dass ich sicher gleich
am ersten Bauernhof weggescheucht oder bei der Polizei angezeigt worden wäre, machte ich
mich auf die Suche nach einem Arbeitsanzug. Das war das einzige gebrauchte Kleidungs-
stück, das auf dem Lagermarkt zu einem erträglichen Preis aufzutreiben war. Nach einigen
vergeblichen Anläufen wurde mir ein Anzug versprochen – von zwei recht zwielichtigen Gäs-
ten, die eines Abends zum Handeln ins Lager 7 kamen. Sie versicherten mir, dass sie ihn mir
am nächsten Abend vorbei bringen würden, und zwar schön und fast neu, genau wie ich ihn
wollte. Preis: fünfzig Mark und eine Brotration.
Ich erhielt ihn fast eine Woche später und bezahlte vierzig Mark dafür und eine halbe Brotra-
tion, denn unterm Knie hatte er zahlreiche kleine Brandlöcher. Ein paar davon gab es sogar im
Brustbereich.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
An diesem Abend wurde mir klar, dass Alfredo viel länger ausgehalten hatte, als wir es vor-
ausgesagt hatten, aber dass er seine „putine“10 nun niemals wieder sehen würde.
Als die Tage heller zu werden begannen, hatten wir auf dieser Baustelle die Möglichkeit, den
enormen technischen Fortschritt des Flugzeugs zu bestaunen, das in den Tunneln montiert
wurde und sich dann auf der Piste erhob, die auf der Hochebene des Hügels südlich von Kah-
la gebaut worden war.
Bereits im Herbst hatten wir die ersten, scheinbar langsamen Flüge in beachtlicher Höhe ge-
hört.
Ab Ende Januar 1945 wurden die Flüge an den Tagen, an denen es nicht verboten war, wieder
aufgenommen. Die Fughöhe wurde beständig verringert und damit nahm die Geschwindigkeit
der Flieger scheinbar zu.
Eines sonnigen Tages überflog uns bei der gewohnten Arbeit ein enormer schneller Schatten,
der sofort alle unserer Blicke in die Höhe lenkte. Und erst, als wir die scharfen und eleganten
Umrisse eines zweimotorigen Flugzeugs ohne Propeller unter den Tragflächen ausmachten,
das mit beeindruckender Geschwindigkeit flog, ertönte ein fürchterliches Krachen. Da wurde
mir deutlich, dass die Gerüchte, die Kahla kurz zuvor erreicht hatten und von einer der be-
rüchtigten sieben Geheimwaffen Hitlers erzählten, die angeblich in den Tunnelwerkstätten
südlich von Kahla fabriziert wurde, eine erheblichen Teil an Wahrheit enthielten.
Diese Erkenntnis erschütterte mich sehr, doch im Hinblick auf den Kriegsverlauf machte ich
mir nicht allzu viele Sorgen, denn die Anzahl der Flugzeugrümpfe, die die kleine Schmal-
spurbahn zur Tunnelöffnung auf den Hügel hoch transportierte, war recht begrenzt. Sie hätten
also, wenn überhaupt, nur unwesentlich Einfluss auf die Flugmacht der Alliierten haben kön-
nen. Des Öfteren hatten wir nämlich Gelegenheit zu beobachten, wie sich der klare Himmel
durch die Kondensstreifen bewölkte, die das gleichzeitige Überfliegen vieler hundert Bomber
hinterließ, die von etlichen hundert Jägern begleitet wurden. Nie sahen wir dabei einen Flie-
ger der Deutschen, der sie dabei gestört hätte.
Auch auf den Baustellen am Hang des Hügels dröhnten oft kleine Formationen englischer
Spitfires im Tiefflug über uns hinweg, ohne dass es je eine Reaktion von Seiten der Deut-
schen gab. Aber auch ohne dass je Schüsse auf uns abgegeben wurden.
Stattdessen sahen wir häufig, wie Piloten uns zum Gruß zuwinkten. Sie wollten uns zeigen,
dass sie über unsere Lage informiert waren und uns respektierten.
„Töchter“ in Alfredos Dialekt.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Beim ersten Mal hatte ich sie nicht kommen hören, da ich gerade dabei war, einen laufenden
Betonmischer zu befüllen, der sehr viel Lärm machte. Plötzlich starrte unser Gelegenheitsauf-
seher (ein alter Nazi mit dümmlichem Auftreten und bösartigem Charakter) hingerissen in
Richtung Bergrücken und kündigte uns die heranfliegenden deutschen Flugzeuge an: „Deut-
sche fliger kommenn!“11 Aber die frontale Ansicht des letzten Fliegers, der sich noch vor dem
Himmel abzeichnete, ließ den unverwechselbaren, unsymmetrisch angebrachten Lufteinzug
unter der Maschine erkennen12. Ich schrie: „Englische Spitfires!“ und warf mich hinter den
Betonmischer. Aus meiner Deckung heraus sah ich bloß ein Flugzeug, das den Grat, kaum
mehr als zehn Meter unter mir, streifte. Der Pilot grüßte uns fröhlich, indem er mit der Hand
wedelte.
Unser Kapo war als einziger stehen geblieben und wirkte trotz meines Warnrufs wie gelähmt.
Er verzieh es mir keineswegs, dass ich ihn doppelt lächerlich gemacht hatte und bedrohte
mich den ganzen Tag über mit seinem Stock und überhäufte mich mit Beschimpfungen und
vulgären Widerlichkeiten.
An dieser Stelle wurde Poggiolis originaler Wortlaut übernommen.
Gemeint ist der rechteckige Kühler, der sich bei der Spitfire nur unter einem der Flügel befindet.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Kapo Fritz, der Gemeine
Wir nannten ihn so, um ihn von dem anderen Fritz, dem Verstümmelten, zu unterscheiden,
welcher fast täglich auf die Tunnelbaustelle kam, uns aber nur selten zur Hand ging, wenn
Kapo Franz nicht da war.
Der Gemeine war ein kleiner Mann, der immer recht elegant gekleidet war, sogar, wenn er die
Winterarbeitssachen trug: steife und glänzende schwarze Stiefel, Reiterhosen, kurze warme
Jacke aus dicker Wolle mit Pelzkragen und Barett sowie ein Paar Ohrenschützer, ebenfalls
aus Fell.
Er trug eine Brille und hatte einen breiten Mund, der nie geschlossen blieb und nur dafür ge-
macht zu sein schien, Gemeinheiten auszuspucken. Nie hörte er auf zu brüllen. Er schrie jeden
Arbeiter an, zeigte aber eine besondere Verachtung uns Italienern gegenüber. In keinem sei-
ner Sätze, die uns betrafen, fehlte je das Wort „Scheiße“.
Er erinnerte mich an einen dieser kleinen Mistköter, die nur dazu da zu sein scheinen, jeden
wütend anzubellen und anzuknurren, aber erst dann versuchen, nach deinem Knöchel zu
schnappen, wenn du ihnen den Rücken zudrehst. Er legte tatsächlich eine ungewöhnliche
Feigheit an den Tag, denn er verbiss sich bevorzugt in die Schwächsten, beschimpfte sie ohne
jede Hemmung und schubste sie in seinen behandschuhten Händen herum.
Seine Bosheit erreichte ihren Höhepunkt, als er begann, denen, die laut seinem unanfechtba-
ren Urteil bei der Arbeit nicht genug geleistet hatten, den Essensschein vorzuenthalten, mit
welchem man sich seine Ration abholen konnte.
Wir waren ohnehin bereits extrem geschwächt durch die mangelhafte Ernährung und die täg-
liche unmenschliche Anstrengung, so dass ein Tag ohne Essen fast immer einen psychophysi-
schen Zusammenbruch bedeutete und damit die Gefahr eines vorzeitigen Todes.
Babboni und Palladini waren die ersten, die diese Art der Bestrafung zu spüren bekamen und
es folgten noch weitere. Über mich verhängte er sie gleich am Morgen. Wir waren auf einer
Baustelle auf dem Bergrücken und ich steckte mit einer Spitzhacke ein Rechteck auf dem
harten, gefrorenen Sandboden der engen Ebene ab. Er stand am Fuße des Damms der Schmal-
spurbahn und sagte mir, es stünde außer Frage, dass ich bis zum Abend bis in das nicht gefro-
rene Erdreich vorzudringen hätte. Zu dieser Zeit schwankten die Temperaturen von minus
sechs Grad tagsüber bis unter minus zwanzig Grad in der Nacht. Und der Bodenfrost reichte
dort, wo wir arbeiteten, immer über einen halben Meter tief. Daher gab es auch keinen einzi-
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
gen Deutschen, der keine Ohrenschützer trug und darüber eine passende gefütterte Kopfbede-
ckung. Viele hatten sogar regelmäßig einen Nasenschützer auf.
In der gegebenen Situation hätte ich eigentlich jede Anstrengung vermeiden und auf Spar-
flamme arbeiten können, denn die Strafe war ja ohnehin schon verhängt worden. Doch ein
wenig hoffte ich, dass es sich der Kapo noch einmal überlegen würde, und zum anderen war
da noch mein persönlicher Stolz. So hackte ich den ganzen Tag, wie ich es noch nie getan
hatte.
Die erfahreneren Freunde gaben mir Hinweise, wie ich am besten vorankam und möglichst
dem gefrorenen Sand ausweichen konnte, der bei jeder Hackbewegung aufflog, mir das Ge-
sicht verschmierte und mich fast blind machte. Auch wenn ich die anderen Kameraden in Sa-
chen „Voranschreiten der Arbeit“ abgehängt hatte, war alle Anstrengung umsonst. Am Abend
war ich erschöpfter denn je, mit vom Sand halb erblindeten und schmerzenden Augen und
dem Gedanken, dass ich mir irgendetwas zu essen beschaffen musste.
Zu unserem Glück wurde Kapo Fritz krank.
Es war wohl Ende Januar und wir waren seit einigen Tagen auf die kleine Baustelle südwest-
lich von Kahla zurückgekehrt. Es war ein besonders kalter Tag und wir rührten mit der Hand
Mörtel an, dem bereits Frostschutzmittel beigemischt worden war. Denn die Temperatur lag
weit unter null Grad, wie uns der stetig wachsende Eisblock unter dem Wasserhahn zeigte.
Morgens hatten wir schwere Zementblöcke ausgeladen und weggeschafft und ein Großteil
meiner Handschuhe war daran kleben geblieben, zusammen mit viel Haut der Fingerkuppen.
Beides hing dann an der scheuernden, gefrorenen Fläche des Steins. Kapo Fritz brüllte in ei-
nem fort. Er stand ein klein wenig abseits, bei der Mauer des Gebäudes, gerade weit genug
weg, um Mörtelspritzer auf seinen Stiefeln zu vermeiden. Er war deutlich irritiert von unseren
fortwährenden Versuchen, uns davon zu machen (mit der Ausrede, auf die Toilette zu müs-
sen). Wir rannten dann abwechselnd zu dem kleinen Feuer in einer versteckten Ecke des sich
im Bau befindlichen Gebäudes, um uns dort ein wenig zu wärmen. Somit war er gezwungen,
draußen in der Kälte stehen zu bleiben, um uns zu überwachen.
Andererseits waren wir auch nicht weniger genervt, denn seine sinnlose Gemeinheit hatte
unsere kurzen „Pausenschichten“ durcheinander gebracht, die der alte Aufseher, der für die
Baustelle zuständig war, stets stillschweigend geduldet hatte.
Ich war ja ohnehin nicht geneigt, jegliche Art von Arroganz und Unterdrückung zu ertragen,
und nun bemerkte ich außerdem, dass sich das beständige Planschen in dem sandigen
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Schlamm des Mörtels auf den Zustand meines einzigen noch intakten Stiefels auswirkte. Und
so stand ich da, beide Füße nass und verklebt.
Und so passierte es, dass ich auf die x-te Beschimpfung von Kapo Fritz, bei der er sarkasti-
sche Anspielungen auf die Unterlegenheit der Italiener machte, ebenso gemein reagierte. Ich
warf ihm ins Gesicht, dass es einfach war, einen auf Angeber zu machen, wenn man so wohl-
genährt war wie er und solche armen Hungerleider gegenüber hatte, wie wir es waren. Er
schlug zurück, indem er mich angriff und meinte, dass er zum Essen einen Ausweis besitze,
der genauso viel wert sei wie unsere Tagesration. Ich ließ mich daraufhin laut und sehr iro-
nisch über seine warme Kleidung aus, die ihn vor der Kälte schützte und setzte jedem seiner
Kleidungsstücke unsere armseligen Lumpen entgegen. Und ich brüllte ihn weiter sehr spitz-
findig an, da alle meine Kameraden, angespornt durch Capretti, Tegoni und Gallini, begonnen
hatten, vor Fritz’ Augen wie Wahnsinnige zu arbeiten. Dieser zog sich jetzt aus und legte sei-
ne Kleidungsstücke auf einer nahen Fensterbank ab, bis er schließlich mit nacktem Oberkör-
per dastand, mit geschwellter Brust und die Hände zu Fäusten geballt in den Hüften. Höh-
nisch lachend betrachtete er seine Sklaven, von denen er glaubte, sie endlich bezwungen zu
haben.
Am nächsten Tag kam er etwas zu spät auf die Baustelle, doch nachdem er uns heiser ein paar
Anweisungen erteilt hatte, entfernte er sich hustend in Richtung des Büros des alten Aufse-
hers. Dort kam er erst am Nachmittag wieder heraus, um auf seinem eleganten Fahrrad nach
Hause zu fahren.
Zu unserem Glück kam er nie zurück.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
SS-Freiwilliger
Wir hatten ihn zum ersten Mal gesehen, als es auf dem Weg zur Arbeit und zurück noch hell
war. Er stand an einer Kreuzung am Stadtrand von Kahla und es war klar, dass er auf jeman-
den wartete. Mit seiner großen Gestalt in einer grau-blauen Uniform, einem sehr langen Über-
zieher und einem Schiffchen ohne Abzeichen, seinem hageren und entschlossenen Gesicht
und den stark grau melierten Haaren hatte er unglaubliche Ähnlichkeit mit dem Marschall
Graziani, der ein bereits „recycelter“ Mythos der republikanischen Mussolini-Regierung war.
Und so begannen wir, ihm diesen Namen zu geben, auch wenn er bei unserem zweiten Zu-
sammentreffen auf der Straße ein ganz und gar nicht kriegerisches Bild abgab: er trug zwei
riesige Schuhe und lief mit großen Schritten. Dabei schwankte er wie ein Bergbauer, hatte den
Kopf gesenkt und hob ihn nur in dem Augenblick, als unsere Wege sich kreuzten.
Als ich ihn dann öfter auf der Straße bei dem Tunnel vorbeigehen sah, dachte ich, er sei eine
Art Beauftragter zum Schutz der Italiener. Aber andere widersprachen meiner wohlwollenden
Vermutung und sagten mir, dass dieser Herr mit dem alleinigen Ziel durch die Lager streifte,
Freiwillige für das Heer der Italienischen Sozialrepublik13 zu rekrutieren, die in Deutschland
ausgebildet und dann nach Italien geschickt würden. Da erinnerte ich mich plötzlich an die
verschiedenen Militärzüge italienischer Militärinternierter, die wir während unserer Zugreise
getroffen hatten. Ihre Uniformen waren ganz unterschiedlicher Art und sie waren mit den ver-
schiedensten Waffen ausgerüstet. Besonders ein unheimlich langer Militärzug aus offenen
Waggons offenbarte zahlreiche Artilleriegeschütze und schwere Maschinengewehre.
Ins Lager 7 kam „Graziani“ zum ersten Mal im November, doch er hatte kein Glück, denn
viele forderten ihn auf, aus Respekt vor unserem elendigen Zustand seine heimtückische Rede
abzubrechen und zu verschwinden. Ich hatte mich aber ein wenig abseits gehalten und hatte,
fasziniert von seinem toskanischen Akzent, den ganzen Ausführungen zugehört: von da an,
wo er sich vorgestellt und sich als Florentiner offenbart hatte, bis zu dem Punkt, wo er sagte,
er komme wie ein guter Vater, denn er sei extrem besorgt über unsere Situation und wolle uns
helfen, da heraus zu kommen.
Er kam etwa Mitte Dezember wieder, in einem Augenblick, als wir von der Arbeit und dem
langen Fußmarsch völlig erschöpft waren. Zudem bemerkten wir zu dieser Zeit am eigenen
Faschistischer Staat in Norditalien unter militärischer Protektion Deutschlands von 1943 bis 1945
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Leib, wie ungeeignet unsere Kleidung war, um dem Winter zu begegnen, der sich uns immer
fürchterlicher zeigte.
Ich war der erste, der auf seinen Appell reagierte, auch wenn ich mich noch bezüglich der
Verpflegung, der sofortigen Verlegung nach Italien nach unserer Ausbildung, usw. absicherte.
Die Zusicherungen waren derart überzeugend und wurden mit einer solchen Ergriffenheit
vorgetragen, dass sie sofort den Beitritt der halben Kameradschaft auslösten – trotz der wü-
tenden und harten Reaktion der üblichen Besserwisser Tegoni, Capretti und Freddi.
Um ehrlich zu sein, waren fast alle vorgesehenen Freiwilligen in einem erbärmlich ge-
schwächten Zustand, der ihr logisches Denkvermögen in Mitleidenschaft gezogen hatte.
Bei den täglichen Einschränkungen, durch welche meine Lebensbedingungen ohnehin bereits
auf die eines Tieres reduziert worden waren und mit einer Hirntätigkeit, die sich nur darauf
beschränkte, in spontanen Entscheidungssituationen zu improvisieren und mit dem einzigen
Ansinnen, mich lebend bis zum Abend durchzuschlagen, vergaß ich diesen Beitritt sehr
schnell.
Erst gegen Mitte Februar drehte ein Beauftragter, begleitet vom üblichen Dolmetscher, eine
Runde durch sämtliche Baracken des Lagers und rief alle Freiwilligen zum Appell. In unse-
rem Schlafsaal wurden nur zwei Namen aufgerufen, weil die anderen zu alt oder anderweitig
für untauglich erklärt worden waren. Nur ich antwortete auf den Appell, denn der andere war
schon vor langer Zeit in die Krankenstation gebracht worden und vielleicht ja auch schon im
Tunnel auf der anderen Straßenseite gelandet.
Es hieß, wir sollten unsere Decken, den Blechnapf unserer Ausrüstung und nur die nötigsten
persönlichen Dinge mitnehmen. Und nachdem das ganze Lager zur Arbeit gegangen war,
versammelten sie uns vor dem „Büro“ und verlegten uns umgehend ins nahe gelegene Lager
neben dem Sägewerk, das von den wenigen Überlebenden geräumt worden war. Bei unserer
Ankunft stand bereits eine große Gruppe neu Angeworbener aufgereiht auf dem weiten Platz
zwischen den Baracken, am Rand des kleinen Baches und auf der kleinen Straße, die zu Lager
7 führte. Es war ein ebenso deprimierendes wie trostloses Schauspiel, diese armen Christen-
menschen zu sehen, die nur mit einigen Uniformteilen bekleidet waren und ansonsten noch in
ihren eigenen dreckigen Lumpen steckten. Sie hätten den härtesten zusammengestoppelten
und widerlichen Penner erschreckt. Zum anderen belebten auch die Ausbilder – einige Unter-
offiziere und Feldwebel sowie ein paar einfache Soldaten – das Umfeld ganz sicher nicht;
weder durch ihre ausgebesserten Uniformen noch durch ihre alles andere als kriegerische Hal-
tung. Nachdem uns unsere Schlafstätten zugeteilt worden waren, wurden auch wir auf dem
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Platz aufgestellt, wo uns ein Oberleutnant, simultan von dem Dolmetscher übersetzt, will-
kommen hieß und sofort zu den ersten Grundlagen der Ausbildung überging. Eingedenk der
bis knapp ein Jahr zuvor gewohnten Militärparaden der „typischen Zenturien“14 von San Vin-
cenzo kam ich damit ganz gut klar, auch wenn es mir die sperrigen und unbequemen Filzstie-
fel, die ich trug, bestimmt nicht erleichterten, Schritt zu halten.
Am Morgen darauf wurden mir die ersten zwei Teile der Uniform überreicht. Es handelte sich
hierbei um ein Paar lange Unterhosen, die bis zum Knöchel herunter reichten, und ein lang-
ärmeliges Oberteil, das ich bis hoch zum Hals mit drei Knöpfen schließen konnte. Beides war
aus sehr dünner weißer Baumwolle.
Am folgenden Tag gab man mir eine Jacke. Sie hatte einige Flicken, war aber sauber. Dazu
bekam ich ein Schiffchen. Beides ähnelte den Uniformen der in San Damiano stationierten
Flieger, allerdings ohne irgendwelche Verzierungen oder Abzeichen.
Daraufhin folgten auch noch Hosen und schwarze Gummistiefel, die bis unter die Knie reich-
ten.
Die Ausbildung wurde ohne Pause fortgeführt, aber auch ohne allzu große Anstrengungen.
Wir machten kurze Märsche und regelmäßig wiederkehrende Rasten entlang der Straße nach
Kahla. Ich nahm diese geringere Kräfteverschwendung mit großer Erleichterung auf, auch
wenn ich mein ohnehin schon zerfetztes Hemd in zwei Teile hatten zerreißen müssen, um mir
anstelle der Strümpfe, die wir noch nicht erhalten hatten, die Füße zu verbinden.
Es war noch keine Woche vergangen, als wir eines Abends in der Dämmerung auf dem gro-
ßen Platz versammelt wurden. Wir mussten uns in drei Gruppen aufstellen, die ein Quadrat
mit einer zur Straße hin offenen Seite bildeten. Die ganzen Ausbilder und die anderen deut-
schen Militärs waren vor uns oder an den Straßenrändern aufgereiht. Nach vollendeter Auf-
stellung erschien mit langsamem Schritt, erhobenem Kopf und hinter dem Rücken ver-
schränkten Händen in Handschuhen ein sehr eleganter SS-Major. Begleitet wurde er von sei-
nem Offiziersburschen, der eine wunderschöne langhaarige Wolfshündin an der Leine hielt,
und von dem Dolmetscher. Jemand meinte, der Offizier sei unser Kommandant und hinter mir
fügte einer an, der Hund sei ein Sibirischer Wolfshund, doch ein Dritter hielt dagegen, es
handele sich um einen Belgischen Schäferhund.
Als sich die eben angekommene Gruppe in der Mitte des Quadrats aufbaute, standen alle wie-
der absolut unbeweglich und schweigend da. Nur der große Offizier machte ein paar Schritte
oder federte nervös auf den Zehenspitzen.
Es handelt sich hierbei vermutlich um spezielle Hundertschaften einer Militärparade.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Da kamen nacheinander die ersten Gruppen der Deportierten aus Lager 7 an. Sie wurden an-
gehalten und von dem Platz zu den Straßenrändern geleitet. Nach und nach wurden sie dann
so aufgestellt, dass sie die vierte Seite des Quadrats schlossen. Nachdem alle angekommen
und aufgestellt worden waren, liefen zwei Soldaten in die Aufstellung hinein und kamen nach
wenigen Sekunden wieder mit einem jungen Mann heraus, den sie unter den Achseln hielten.
Ich kannte ihn nur vom Sehen. Er war bekannt für seine abgewetzte und unanständige Klei-
dung. In diesem Moment trug er allerdings neue Militärhosen.
Er wurde auf Knien vor den Major geschleift. Dieser würdigte ihn keines Blickes und begann
umgehend eine Rede aus wenigen und kurzen Sätzen, die er mit einer fast weiblich anmuten-
den Stimme vortrug; der Dolmetscher hingegen übersetze simultan mit lauter Stimme. Er sag-
te, dass dieser Mann ein Dieb sei und dass die Streitkräfte des Großen Deutschlands keine
Diebe duldeten. Deshalb verdiene dieser Mann eine exemplarische Strafe.
Als die Ansprache beendet war, gab er seinen Untergebenen einige barsche Anweisungen und
von einem Moment auf den anderen stürzte sich die Hündin auf die Hände des Unglückseli-
gen und begann, diese systematisch zu zerfleischen. Sie ging vor wie eine Expertin, während
die beiden Soldaten die Arme des Opfers festhielten, damit sie besser arbeiten konnte.
Das alles lief ohne Zwischenfälle ab und wies, wenn nicht auf die Professionalität seitens aller
Protagonisten, so doch sicher auf eine gewisse Erfahrung darin hin, diese horrende Untat zur
Vollendung zu bringen.
Als die Hände nur noch zwei bluttriefende Fetzen waren, ertönte ein weiteres trockenes
Kommando, dass den Hund zurückpfiff. Der Offiziersbursche übernahm sogleich wieder die
Herrschaft über die Leine. Ein eigenartiges Zeichen der beiden steifen, behandschuhten Hän-
de ließ dann sämtliche Militärs abtreten, damit sich alle die in der Ansprache des obersten
Kapos angeordnete Bestrafung anschauen konnten. Erst da wurde mir bewusst, dass die bei-
den behandschuhten Hände nichts anderes waren als zwei Prothesen.
Wie in einem Alptraum und schweigend kehrte ich wie alle anderen in die Baracke zurück.
Das Bild des jungen Mannes, der sich weinend und unter Schmerzen das ansah, was von sei-
nen Händen übrig geblieben war, begleitete mich.
Am nächsten Morgen brauchte ich keinen Wecker. Als der Feldwebel erschien, war ich be-
reits auf den Beinen. Ich trug wieder meine alten Lumpen und während ich auf meine noch
unvollständige und jetzt sauber auf dem Bett zusammengelegte Uniform zeigte, sagte ich ihm,
dass ich mir nicht zutraute, Soldat zu werden und wieder in Lager 7 zurückkehren wollte.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Ich ging nicht mit den anderen zum Appell hinaus und wartete etwas ängstlich auf den Mar-
schall, der etwa eine halbe Stunde später kam. Mit gütigem Auftreten und leiser Stimme rich-
tete er einige Worte an mich, kontrollierte gewissenhaft jedes Kleidungsstück, das ich ihm
überreichte und nach dem x-ten „gut“ gab er mir eine ausgefüllte Genehmigung mit all mei-
nen Daten darauf, damit ich aus dem Lager herausgehen konnte und die ich dann im Büro von
Lager 7 abzugeben hatte.
Im Büro hielt mir der Dolmetscher Chiesa eine Standpauke voller Vorwürfe über meinen
Verzicht, eingezogen zu werden. Doch abends empfingen mich die von der Arbeit zurückkeh-
renden Kameraden in der Baracke mit großer Freude und es rührte mich, als sie mir innerhalb
weniger Minuten meine wenigen, zwar armseligen, aber doch stets wertvollen Kleidungsstü-
cke zurückgaben, die ich vor meinem Weggang den Bedürftigsten überlassen hatte.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Die Strafkolonne
Es war März, wohl während der letzten Tage des Winters, der klimatisch gesehen für uns
schon seit fast einem Monat vorüber war, als der Schnee geschmolzen war und die fürchterli-
che Kälte, die uns gequält und dezimiert hatte, konstant nachgelassen hatte.
Morgens und abends herrschten noch strenge Temperaturen, doch auf der Baustelle schien die
Welt wie ausgewechselt, denn die wärmere Sonne und die längeren Tage verführten uns zu
dem vorsichtigen Optimismus, das Schlimmste überstanden zu haben. Zu diesen zarten
Wahrnehmungen eines möglichen Überlebens trugen natürlich auch die Nachrichten über den
Kriegsverlauf an den verschiedenen Fronten bei, die durch das plötzlich sanftere Betragen
vieler unserer Aufseher, welche als Despoten bekannt waren, indirekt bestätigt wurden. Die
plötzliche Reduzierung unserer Tagesration auf ein sechstel statt eines viertel Roggenbrots
und eine immer ärmlichere und wässerigere Suppe wurde von uns als deutliches Zeichen der
germanischen Zerbröckelung gesehen, aber auch als letzte Gefährdung unseres Überlebens.
Und so planten Tegoni und ich einen „Ausflug“. Wir kamen überein, dass wir sehr weit über
Kahla hinaus vorstoßen mussten, damit er auch sicher ertragreich sein würde. Denn alle um-
liegenden landwirtschaftlichen Unternehmen waren bereits geschröpft, nicht nur durch die
Raubzüge, sondern auch durch die andauernden Verkäufe und Schenkungen an die Deportier-
ten.
Am Morgen eines schönen Tages verließen wir, noch bevor wir aus dem Tal, in dem unser
Lager lag, heraus kamen, unsere zur Arbeit gehenden Kameraden. Wir gingen in den Wald
rechts der Straße und wandten uns nach Norden, Richtung Jena. Nach etlichen Kilometern –
wir hatten die ersten landwirtschaftlichen Zentren links liegen gelassen – gingen wir auf einen
kleinen, einzeln stehenden Bauernhof zu, auch weil eine Frau, die uns ganz sicher entdeckt
hatte, an der Tür stehen geblieben war und uns beobachtete. Als wir etwa zehn Meter vom
Haus entfernt an einem Bogengang vorbeigingen und ich schon zu einem ehrerbietigen Gruß
ansetzte, spürte ich, wie Tegoni mir ins Ohr wisperte: „Pogiolo, al pisulai dal gogn!“15, ohne
dass ich dabei verstand, was er meinte, noch den Grund für seine große Aufregung ausmachen
konnte.
Die Eheleute waren sehr freundlich, sie baten uns ins Haus und boten jedem von uns beiden
eine Scheibe Roggenbrot mit Schmalz an, die wir unter ihren amüsierten Blicken verschlan-
gen. Als wir das Haus wieder verließen, hatten wir vier Eier und ein paar Kilo kleiner Äpfel
Der Satz, den Tegoni im Dialekt von sich gibt, ist für mich ebenso unverständlich wie für Poggioli. Erst im
weiteren Verlauf wird deutlich, dass Tegoni hier als potenzielles Beutestück einen Schweinepenis entdeckt hat.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
im Rucksack. Sie hatten weniger als die Hälfte des Geldes genommen, dass ich ihnen angebo-
ten hatte und sie hatten sich sogar entschuldigt, dass ihnen bei all den Gefangenen, die vor-
beikamen und etwas erbettelten, herzlich wenig übrig geblieben war.
Tegoni stieß mich an und wir gingen um den Bogengang herum, der als eine Art Hof neben
dem Eingang lag. Dort sah ich, wie er geschickt etwas, das wie eine Schweinespeckschwarte
aussah, abnahm und in die Tasche steckte. Es hatte an einem Nagel gehangen, der in einen
Balken des niedrigen Dachs geschlagen worden war. Erst in einer gewissen Entfernung von
dem gastfreundlichen Bauernhof zeigte er mir das Objekt der Begierde und erklärte mir, dass
es sich um den Penis eines Schweins handelte, das im Winter geschlachtet worden war, und
dass er wohl im Rahmen irgendeines Versöhnungsrituals oder eines primitiven Brauchs so
hingehängt worden war.
Nachdem er die Borsten von der Schwarte rasiert und das Ganze ein wenig abgeschabt hatte,
schnitt er es in kleine Stücke, die wir gerecht aufteilten. Schlecht und vergeblich gekaut, kos-
teten und verschlangen wir sie dann schnell. Der enorme Fettmangel zwang uns, unser Ver-
langen zu stillen und mit unendlichem Genuss die unglaublichsten Speisen zu uns zu nehmen.
Am frühen Nachmittag waren wir mehr als zufrieden mit dem glücklichen Verlauf des Tages.
Wir hatten ausreichend gegessen und in unseren Rucksäcken hatten wir noch mindestens
sechs Eier, über anderthalb Kilo Schwarzbrot, vier Kilo kleine Äpfel, einige Stückchen geräu-
cherten Speck und gut vier getrocknete Schweinepenisse, die wir noch vor der Rückkehr in
die Baracke gerecht aufteilen würden.
Wir waren an einem Punkt angelangt, wo die Kuppe des Hügels schwacher gewellt war. Es
war ein riesiges Anbaugebiet, das zu einem gewaltigen Großunternehmen gehörte. Dieses
wiederum bestand eigenartigerweise aus einem einzigen mindestens dreistöckigen Gebäude-
komplex komplett aus Stein, den wir in etwa fünfhundert Metern Entfernung sahen.
Als wir näher kamen, erblickten wir linker Hand die Drachenballons der Flugabwehr von Je-
na. Man konnte alle Einzelheiten klar erkennen, was bedeutete, dass wir über zehn Kilometer
von Kahla entfernt waren und ein Fußmarsch von über vier Stunden zurück zu Lager 7 auf
uns wartete.
Leider weckte das große Gebäude zu sehr unsere Neugier, so dass die Sache fatal endete. Be-
vor wir zum Eingang kamen, trafen wir einen Slawen, zwei Polen und einen Tschechoslowa-
ken, der dann endlich unsere Anfragen verstand und uns zu einem Deutschen brachte, der im
Innenhof handelte. Dieser sagte, er wolle kein Geld von uns, könne uns aber leider außer Kar-
toffeln nichts geben. Ich glaubte, nicht recht verstanden zu haben, denn den ganzen Tag über
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
hatten wir nicht eine einzige Kartoffel zu Gesicht bekommen. Doch er führte uns zu einer Tür
des Kartoffellagers und wies eine alte Frau an, uns einzudecken. Dann begann er, uns nach
dem Verlauf der Arbeiten in Kahla zu befragen. Als die Frau einen großen Korb neben uns
abstellte, damit wir unsere Rucksäcke füllen konnten, schafften wir es aber nicht einmal, die
Kartoffeln zu berühren, denn das hysterische Geschrei einer anderen Frau lähmte uns. Sie war
jung, ihrem Auftreten und ihrer Kleidung nach kam sie aus der Stadt und stand offensichtlich
noch unter Schock nach den Luftangriffen: „Bomber kommen! Alles, alles kaputt!“, waren
die einzigen verständlichen Worte ihres Geschreis, das sie unter Tränen und mit sabberndem
Mund hervorstieß, bevor sie entschieden befahl, uns zum „Polizisten“ zu bringen. Der nette
Deutsche, der uns Kartoffeln angeboten hatte, versuchte vergeblich, die hysterische Frau um-
zustimmen, doch er musste sich bald geschlagen geben. Er breitete die Arme aus als Zeichen
der Entschuldigung und übergab uns zwei deutschen Arbeitern und dem Tschechoslowaken,
damit sie uns zum örtlichen Sicherheitsbeauftragten brachten.
Wir fanden ihn, nachdem wir etwa zehn Minuten lang schweigend über trockenes Land ge-
gangen waren; er pflügte mit seinem Zugpferd einen Acker. Nach dem Rapport und einem
erhitzten Wortgefecht zwischen den vieren brachte der, der vermutlich der Aufseher war, die
anderen mit einer barschen Anweisung zum Schweigen. Dann ging er eine große Pistole in
einem Lederhalfter mit Gürtel holen, das sich der Tschechoslowake umbinden sollte. Darauf-
hin leistete dieser einen Schwur und nahm uns in seine Obhut.
Erst als wir weit von dem Betriebsgebäude entfernt waren und damit auch sicher vor den Bli-
cken aller Beteiligten, nahm der Tschechoslowake eine kriegerische Haltung an und tischte
uns laut eine Reihe unverständlicher Wörter – vielleicht Drohungen, vielleicht Ratschläge –
auf, die uns aber nur noch einen feuchten Kehricht interessierten, denn wir hatten uns schon
mit dem schlimmen Ende eines so schönen Tages abgefunden, als die verrückte Irre die ersten
hysterischen Schreie von sich gegeben hatte.
Nach einem etwa einstündigen, schweigenden Marsch erreichten wir ein großes Dorf. Hinter
einigen Fenstern und offenen Türen wurden schon die Lichter eingeschaltet. In der Mitte einer
langen Häuserzeile entlang der Hauptseite eines riesigen trostlosen Platzes drückte der Tsche-
che auf eine laute Klingel. Sofort kam lächelnd eine ordentlich gekleidete ältere Frau herbei-
geeilt und begrüßte uns höflich.
Nach einem längeren Wortwechsel ging die Alte wieder hinein und sofort trat ein Mann,
wahrscheinlich ihr Mann, auf die Schwelle. Er war gewiss der größte Mensch, den ich je in
meinem Leben gesehen hatte, und zudem dürr und knochig. Er trug Pantoffeln, an den Waden
aufgeschnürte Hosen und eine grün gesäumte, aufgeknöpfte graue Weste.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Nach einem kurzen Blick versuchte er, seine hässlichen schlaffen Gesichtszüge wieder zu
ordnen und brachte unseren Begleiter, der versucht hatte Bericht zu erstatten, mit einem bar-
schen „einen Moment“ zum Schweigen. Dann zog er sich ins Haus zurück.
Er kam erst nach über einer Viertelstunde wieder heraus. Nun er war er perfekt gekleidet, trug
seine Polizeiuniform mitsamt der typischen Kopfbedeckung, die ihn zu einer unnatürlichen
Verbeugung zwang, als er aus der Tür trat und die zwei Stufen herunterging. Er ignorierte
unsere Begrüßung und befahl dem Tschechen erneut zu schweigen. Dann baute er sich vor
mir auf und musterte mich einige Augenblicke. Plötzlich verpasste er mir mit seiner riesigen
knöchernen Hand eine schallende Ohrfeige. Ich war etliche Minuten wie benommen und es
verschlug mir zum Glück auch die Sprache. Er wiederholte die gleiche heldenhafte Geste so-
fort bei Tegoni, die dieser zwar zähneknirschend, aber schweigend wegsteckte. Dann folgte
das übliche Rederitual mit dem Polizisten, der die Fragen stellte und dem verwirrten Tsche-
choslowaken, der die Erklärungen abgab. Er blieb dabei offensichtlich bei der Wahrheit, denn
nach reichlichen zehn Minuten entließ der Polizist unseren Begleiter und brachte uns in die
Mitte des Platzes. Nachdem er uns unsere Ausweise16 abgenommen hatte, schloss er uns in
einen Abstellraum ein, ohne noch ein Wort an uns zu richten und sogar, ohne in unsere Ta-
schen geschaut zu haben.
Als sich unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnten wir unser Gefängnis näher
betrachten. Es war eine etwa zwei mal drei Meter große Kammer, ungefähr zwei Meter hoch.
Belüftet wurde sie durch ein kleines Fenster (etwa dreißig mal vierzig Zentimeter groß), vor
dem ein offenes Eisengitter befestigt war. Gegenüber befand sich die nicht einmal anderthalb
Meter hohe Tür. Der Toiletteneimer war aus Konservenblech gezimmert worden und stand
neben der Tür. Die etwa 1,3 Meter breite Pritsche befand sich dagegen in der von der Tür am
weitesten entfernten Ecke. Der Boden war komplett mit Stroh bedeckt und überall lagen Alt-
papier und verschiedenster Müll herum. Als Tegoni das alles sah, hoffte er, dass zumindest
keine Chemikalien dabei waren, weil wir dann nicht hätten schlafen können.
Am nächsten Morgen kam der Polizist noch im Dunkeln vorbei, um uns abzuholen und zur
Bahnstation zu eskortieren. Dort übergab er uns zwei deutschen Aufsehern. Einer von ihnen
war Assistent auf einer der Baustellen direkt unter dem Tunneleingang auf dem Hügel. Ich
hatte ihn als einen anständigen Menschen kennen gelernt.
Poggioli spricht von dem „ausweiss“, benutzt also das deutsche Wort, was darauf schließen lässt, dass er nicht
etwa seinen Personalausweis o.ä. meint, sondern ein Dokument, das den Häftlingen im Lager ausgestellt wurde
und sie als Zwangsarbeiter identifiziert.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Während der etwa halbstündigen Fahrt würdigte uns keiner unserer Begleiter oder deren red-
seliger Kollegen eines Blickes oder eines Wortes, ganz so, als ob wir gar nicht existierten o-
der durchsichtig wären.
Wir erreichten die Technikerbaracke vor unserem Tunnel und ich hoffte, dass wir nun Kapo
Franz übergeben würden, doch stattdessen wurden wir über die kleine Brücke zu der Straße
geführt, auf der es zu den oberen Baustellen ging. Kurz hinter der Baracke der belgischen SS
blieben unsere Begleiter an einem unbewachten Eingang stehen und unterhielten sich. Dahin-
ter begann durch ein mit Stacheldraht eingezäuntes Gebiet eine ebene, geradlinige Straße,
deren Ränder von Steinen und vor kurzer Zeit gepflanzten Sträuchern eingefasst waren.
Tegoni wurde mit einem Schlag bewusst, dass unser Ziel die berüchtigte „Strafkolonne“17
war, von der man als gebrochener Mann zurückkehrte. Er befahl mir, alles aufzuessen, denn
sonst würden sie uns gewiss des Diebstahls bezichtigen. Er fügte an: „Erst die Eier, dann den
Rest!“
Wir hatten gerade den mit großen, entrindeten Tannenstämmen eingefassten Eingang passiert,
da hatte ich meine beiden Eier ausgeschlürft. Nach der Hälfte des Weges, also etwa 50 Me-
tern, hatte ich das ganze Brot verschlungen und dazu alles an geräuchertem Speck und Bauch-
speck. Es kostete viel mehr Zeit, den getrockneten Schweinepenis zu kauen und die letzten
anderthalb Kilo kleiner Äpfel zu verspeisen, die nach dem Abendessen in unserer Zelle noch
übrig geblieben waren. Ehrlich gesagt, hätten wir das nie geschafft, wenn unser anständiger
Begleiter nicht absichtlich etwas langsamer gegangen wäre. Er wusste nur zu gut, was auf uns
zukam.
Die Baracke, die das SS-Büro darstellte, stand drei, vier Meter vor einer Felswand des Berges,
welche von einer Reihe künstlich angelegter Höhlen durchlöchert war. Diese waren unterein-
ander durch längs in den Felsen gegrabene Gänge verbunden. Jedes ovale Loch entsprach
einer Höhle und war bis in zwei Meter Höhe mit einem dichten Netz aus Stacheldraht ver-
schlossen. Der Eingang zu diesen Höhlen befand sich gleich hinter der zweiten Ecke der Ba-
racke und war damit direkt von der Barackentür einzusehen, welche auf der uns abgewandten
Seite offen stand. Gleich nach unserer Ankunft befahl uns ein SS-Mann, in die Höhle hinein
zu gehen. Dazu mussten wir an einem riesigen Wolfshund vorbei, der vor einem Wachhäu-
schen lag, und dann durch einen etwa sechzig Zentimeter schmalen Durchgang zwischen zwei
Pfeilern hindurch, die ein dichtes Stacheldrahtgewirr stützten. Dahinter führte ein steiler Weg
zu der Haupthöhle hinunter.
Wörtlich spricht Poggioli von der „Colonna di Disciplina“ (Disziplinkolonne).
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Im Halbdunkel hatten sich etwa fünfzehn Deportierte verschiedenster Herkunft im Halbkreis
aufgestellt. Sie alle verbanden der Kräfteverfall, die Kleidung und ihre ausgezehrten, aus-
drucklosen Gesichter. Unterwürfig harrten sie der Dinge, die da kommen sollten. Zu ihren
Füßen lag eine Leiche, halb zusammengekrümmt, barfuss, Hände und Füße stark abgemagert,
Kopf und Gesicht geschwollen und insgesamt unglaublich schwarz, was nicht nur vom Dreck
kam.
Sobald wir näher kamen, erhob sich ein Chor unterdrückter, aber verzweifelter Stimmen in
allen möglichen Sprachen. Sie fragten, ob wir denn wirklich gar nichts zu essen für sie hätten
und waren doch alle taub für unsere Fragen bezüglich der Todesumstände des jungen Mannes.
Nach und nach erkannten wir ihn: an den grau-grünen Hosen einer der unzähligen Uniformen
der Sozialen Republik, obwohl er stark abgemagert und entstellt war. Auch er war „Gast“ in
Lager 7 gewesen. Er war vielleicht zwanzig, oder ein wenig älter, und war immer in guter
körperlicher Verfassung gewesen.
Erst nachdem der SS-Mann die Leiche von zwei Russen wegbringen ließ, erzählte uns ein
älterer, sehr redegewandter Italiener, dass der junge Mann von einer „Tagesration“ an Prügel
umgebracht worden war. Der Alte habe ihn schon in der Strafkolonne vorgefunden, als er
selbst vor zwei Wochen hier angekommen sei.
Er informierte uns auch kurz über die Regeln und Abläufe, die in diesem Gefängnis galten;
allem voran darüber, dass die Mindesthaftzeit sechs Tage betrug. Dem neuen Häftling wurde
entsprechend der gegen ihn erhobenen Vorwürfe und je nach Laune des diensthabenden
Schlägers eine Portion Prügel verpasst. Des Weiteren erzählte er uns, dass wir erst am vierten
Hafttag etwas zu essen bekommen würden. Und am Tag unserer Entlassung würden wir er-
neut verprügelt werden. Da er ein großer Experte war, sagte er noch, dass es uns beiden viel-
leicht besser ergehen würde als allen anderen, denn vor uns seien drei oder vier junge Polin-
nen angekommen und daher warte dort gerade ein größeres Vergnügen auf unsere Wärter. Er
fügte zudem an, dass unsere Arbeit darin bestand, eine Baracke zu bauen, damit wir irgendwie
beschäftigt waren. Aber es war weitaus wichtiger, das ganze Restholz zu sammeln und in die
Höhlen zu bringen, damit man nachts ein paar kleine Feuer anzünden konnte. Denn nachts
war der Frost noch unerträglich und es gab keine Möglichkeit, sich vor der Zugluft zu schüt-
zen.
Als der SS-Mann zurückkam, ließ er uns alle in einer Reihe aufstellen und hielt an Tegoni
und mich gewandt eine kurze Ansprache, von der ich absolut nichts verstand. Dann schickte
er uns alle los, um eine neue Baracke zu errichten.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Tegoni übernahm bei der Arbeit sofort die Initiative, entfernte falsche Teile und brachte die
richtigen dann wieder an der entsprechenden Stelle an. Ich war der Einzige, der ihm half. Die
anderen liefen wie verblödet umher und brachten fast immer die falschen Bauteile an. Unsere
Aufseher zeigten sich nur flüchtig ab und zu; sie warfen von der Bürotür aus einen kurzen
Blick auf uns. Das lebhafte Lachen der Polinnen erreichte uns hingegen wesentlich öfter.
Am Nachmittag wies mich Tegoni an, einen Haufen kleiner Hölzer in die Höhle zu bringen,
den er aufgeschichtet hatte, und er zeigte mir, wo ich durchschlüpfen konnte, denn der Ein-
gang der Höhle schien komplett mit Stacheldraht verschlossen zu sein. Nur die Vorsicht, mit
der ich vorgehen musste, um nicht vom Stacheldraht zerrissen zu werden, und die Fäkalien,
die den Weg verschmutzten, verhinderten, dass ich auf den Leichnam des jungen Mannes trat,
den wir am Morgen tot vorgefunden hatten. Wie zum Zeichen einer letzten Beleidigung hatte
ihn der Vertreter der überlegenen Rasse im Scheißhaus der Inhaftierten abladen lassen. Ich
war dermaßen verschreckt, dass ich nach reiflicher Überlegung beschloss, den Rückweg
durch den Haupteingang zu nehmen, auch wenn ich so ein Zusammentreffen mit den Zähnen
des Hundes heraufbeschwor und eventuell auch einem unserer Folterknechte über den Weg
lief.
Zum Schlafen musste sich jeder Häftling einen Platz seiner Wahl suchen. Der feuchte Natur-
boden aus Sandstein, den nur eine dünne Schicht Sand von zerbröselnden Steinen bedeckte,
war ohnehin für alle gleich.
Normalerweise legte man sich jedoch in Gruppen um kleine Feuer, von denen ich vermutete –
da sie viele schwarze Kohleflecken hinterließen –, dass sie von unseren Wärtern toleriert wür-
den. In dieser Nacht hatte ich allerdings großes Glück, denn ich erwachte, als ich plötzlich
eine starke Hitze im Rücken spürte, und war sofort auf den Beinen, wodurch auch Tegoni
geweckt wurde. Die beiden Höhlen waren hell erleuchtet, weil sich zwei völlig betrunkene
SS-Männer ein neues Spiel ausgedacht und die Rollen mit den Tarnnetzen angezündet hatten.
(Das war ein dünnes Metallnetz, in dessen Maschen gefärbte Jutestücke steckten.) Und zwar
sowohl die, die als Schlafgelegenheit genutzt wurden, als auch die unbenutzten, die lichterloh
brennend in der Haupthöhle auf die Langsamsten geworfen wurden, die noch ihre Benom-
menheit abschüttelten.
Am nächsten Tag, es war ein Dienstag, kamen nach der Arbeit die zwei schlimmsten Beses-
senen unserer Wärter: der einfache Soldat trug einen Holzschemel, der Feldwebel einen neuen
Schaufelstiel. Nachdem sie uns in der Mitte der Höhle, gegenüber dem Eingang, hatten auf-
stellen lassen, positionierten sie sorgfältig den Schemel und dann begann der Feldwebel, uns
mit geheimnisvoller Miene zu mustern. Ich hatte das Gefühl, als hätten sie ihr Hauptaugen-
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
merk auf mich gerichtet und dachte mir, es würde wohl darauf hinauslaufen, dass ich meine
Prügel einstecken würde, der ich am Vortag entronnen war.
Als ich den Zeigefinger direkt auf mich zeigen sah, spürte ich ein starkes Unwohlsein im
Bauch. Aber ich trat einen Schritt vor, wurde jedoch sofort von einem kräftigen „nein!“ an-
gehalten. Daraufhin stieß mich der einfache Soldat zu Seite und zog einen jungen Russen,
groß und dürr, am Jackenkragen hervor, den er vor sich her schubste und über den Schemel
beugte. Bei dem ersten Hieb, der auf den Rücken niederfuhr, zerbrach der Schaufelstiel in
zwei Teile. Das machte den Feldwebel derart wütend, dass er nach dem längeren Ende griff
und ohne Pause weiterprügelte, bis seine Kräfte ihn verließen. Als sie dem armen Jungen be-
fahlen zu verschwinden und dabei auf den Ausgang deuteten, dachte ich, dass er das nie
schaffen würde. Doch stattdessen lief er so abrupt los, dass er über den Schemel stolperte und
der Länge nach hinstürzte. Dabei fiel aus seiner Jackentasche eine Handvoll kleiner weißer
Knochen. Die konnte er nur dem Wachhund gestohlen haben.
Nun begann ein weiteres grausames Spiel. Einer stieß ihn mit Tritten in Richtung Ausgang,
der andere hatte sich extra an dem kleinen Durchgang aufgestellt und stieß ihn mit Tritten
zum Ausgangspunkt zurück. Dieser „Ballwechsel“ dauerte eine ganze Weile. Erst dann erhielt
der Russe die Erlaubnis, zu gehen. Und er rannte davon, obwohl er sich vor Schmerzen
krümmte und bei jedem zweiten Schritt stolperte.
Völlig unerwartet wurden Mittwochabend auch Tegoni und ich aufgefordert, uns Suppe zu
nehmen. So begann ein hektisches Feilschen mit den Schüsselbesitzern, die auch noch ganz
vorn in der Schlange stehen mussten (die sich bereits gebildet hatte, als der Kessel gebracht
wurde), denn sie mussten genügend Zeit haben, um die Suppe zu verschlingen, bevor der
Letzte der Schlange bedient wurde. Ansonsten wären die Essensverteiler mit dem Topf und
seinem restlichen Inhalt wieder gegangen. Ich musste mich der Erpressung des Ältesten beu-
gen, den wir den „Intellektuellen“ getauft hatten: ein Drittel Suppe für mich, zwei Drittel für
ihn. Es war wohl nicht mal Böswilligkeit von seiner Seite, sondern einfach die einzige Mög-
lichkeit für ihn, in dieser Hölle zu überleben, wo er schon seit zwei Wochen ausharrte. Sein
Napf war wie viele andere auch nichts weiter als ein fürchterlicher Nachttopf aus emailliertem
Eisen. Er war zerkratzt und verrostet, hatte vier Löcher, die mit ebenso primitiven Pfropfen
verschlossen waren. Die Pfropfen waren noch mit Stoffresten umwickelt, damit auch nichts
auslief.
Als ich mein vereinbartes Drittel aß, musste ich den Nachttopf mit aller Kraft festhalten, denn
sein Besitzer fing gleich beim ersten Löffel an, daran zu zerren.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Am nächsten Tag gewährte mir der Intellektuelle allerdings die halbe Ration – wohl aus
Angst, ich könne ein anderes Gefäß auftreiben.
Freitagabend rief der Feldwebel Tegoni und mich gleich nach der Arbeitszeit zu sich, gab uns
unsere Habe zurück und händigte uns auch die schriftliche Genehmigung aus, um ins Lager 7
zurückzukehren. Und er befahl uns, schleunigst zu verschwinden. Diese unerwartete Befrei-
ung erfreut uns keineswegs. Im Gegenteil, wir waren geschockt, denn wir glaubten, dass bei
uns die Berechnung durcheinander gebracht wurde, so wie es bereits bei der ersten Suppenra-
tion der Fall gewesen war. Wir waren seit fünf Tagen in der Kolonne und nicht seit sechs und
daher befürchteten wir, dass unsere Wärter uns wie üblich für ihren Fehler büßen lassen wür-
den. Wir glaubten so viel Glück zu haben, dass wir zu diesem Zeitpunkt gar nicht bedachten,
dass wir ja tatsächlich schon Sonntag verhaftet und eingesperrt worden waren! Daher drehten
wir uns ständig um, während wir eilig die Straße Richtung Ausgang entlangliefen, aus Angst,
man würde uns verfolgen. Erst als uns der Aufseher an der Schranke bei der Technikerbara-
cke passieren ließ, wurden wir etwas heiterer und gewannen dann auch unser klares Denk-
vermögen zurück.
In Lager 7 angekommen, meldeten wir uns im Büro, wo uns der Dolmetscher Chiesa den
Wegzettel abnahm und uns eine gewaltige Standpauke hielt. Er meinte, dass wir bei dem
nächsten Verstoß nicht mehr so leicht davon kommen würden wie in der Strafkolonne. Be-
sonders ich, der ich ja schon zwei Verstöße hatte (den ersten, als die Hitlerjungen mich und
Gallini aufgegriffen hatten), würde dann in das Hauptlager in Weimar verlegt werden (Bu-
chenwald), aus dem man nicht mehr lebend herauskam.
Die unbekannte Zuversicht, die mich überkam, nachdem ich die Strafkolonne überlebt hatte
und nun auch der Frühling nahte, bewirkte, dass mich Chiesas Ausführungen nicht sonderlich
berührten; obwohl ich seit langer Zeit wusste, dass es in Weimar ein furchtbares Lager gab.
Es war in den dreißiger Jahren errichtet worden und über zwanzigtausend Deutsche, Gegner
des Nationalsozialismus, waren dort eingesperrt. Viele von ihnen waren dort umgekommen.
Die Feststellung, dass meine Kameraden meinen gesamten Besitz geplündert hatten und auf
meiner Pritsche nur die nackten Bretter übrig geblieben waren, schmerzte mich hingegen
weitaus mehr. Erst nach peniblen und entschiedenen Nachforschungen konnte ich meine alten
Schuhe zurückbeschaffen. Ihre Sohlen waren stark zerlöchert. Zudem bekam ich meine Decke
wieder, die ich daran erkannte, dass ich sie um ein Drittel gekürzt hatte, um mir aus dem Stoff
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
eine Kappe, Schal und Handschuhe zu machen. Die unrechtmäßigen Besitzer dachten, wir
seien beide umgebracht worden.
Tegoni hatte mehr Glück mit seinen Sachen, denn es war Capretti, seinem Bettnachbarn, ge-
lungen, jeden Raubversuch zurückzuschlagen.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
Die Rückkehr ins Lager 1
Eines Morgens Mitte April ertönte der Weckruf über eine Stunde zu spät. Und der übliche
Aufseher bat uns mit ungewöhnlich freundlicher Stimme, zusätzlich zu den Decken unserer
Ausrüstung unsere Sachen zusammenzupacken, damit wir ins Lager 1 umziehen konnten. Die
Kranken und auch die, die sich nicht in der Lage fühlten zu laufen, konnten bleiben, denn in
Lager 7 würden auch bald die Kranken der anderen Lager eintreffen. Wir brachen ohne Eile
auf, als die Sonne schon hoch am Himmel stand. Bei der Mündung des kleinen Tals schlossen
sich uns die wenigen IMI (Italienische Militärinternierte) an, die überlebt hatten. Sie waren
dort in dem Lager (wohl Lager 5) untergebracht gewesen.
Wir waren guter Laune. Weil es zurück ins Lager 1 ging. Weil vor uns ein kompletter Ruhe-
tag lag. Aber vor allem weil wir fühlten, dass sehr bald etwas Wichtiges geschehen sollte.
Noch vor der gekrümmten Saalebrücke verließen wir die Straße nach Kahla und gelangten
über die Felder zum Fluss, der extrem wenig Wasser führte. Dort waren zwei primitive Fuß-
gängerbrücken errichtet worden, die aus Tannenbrettern bestanden, welche man über Steine
gelegt hatte, die aus dem Wasser ragten.
Genau in dieser Furt trafen wir auf eine lange Reihe Soldaten; sie gingen auf der Brücke
flussaufwärts, wir auf der flussabwärts. Ihr Gang war unbeholfen, ihre Uniformen passten
ihnen nicht wirklich und sie trugen schwer an der Last aus nagelneuen Waffen und Muniti-
onsbehältern.
Zum größten Teil waren es alte Männer, die sehr besorgt aussahen. Unter ihnen machten wir
viele der Kapos und Facharbeiter aus, mit denen wir auf den verschiedenen Baustellen zu-
sammengearbeitet hatten. Aber wir sahen auch viele junge Männer, die triefend vor Schweiß
voranschritten, aber sehr heiter waren, so als freuten sie sich über ein neues Spiel.
Unter ihnen befanden sich auch die ganzen jungen Zimmermänner, mit denen wir am Hangar
gearbeitet hatten und so tauschten wir ein paar freundschaftliche Worte aus. Von den ver-
schiedenen Waffen, die sie trugen, beeindruckte mich vor allem eine kleine Maschinenpistole,
deren Verzierungen zwar sehr roh gearbeitet waren, die ihrer Form nach aber stark der Ma-
schinenpistole ähnelte, mit der einige italienische Armeeeinheiten erst weniger als zwei Jahre
zuvor ausgestattet worden waren. Während wir schon wieder das linke Ufer hinaufstiegen,
sagte ich zu Tegoni, dass mit der Einführung ebendieser Waffe in Italien die Zersetzung des
Faschismus begonnen hätte. Und daher könne dieser Anblick nichts anderes bedeuten als die
Vorankündigung des Endes des Nationalsozialismus in Deutschland.
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
In Lager 1 ließ man uns frei die Baracken wählen, die wir wollten. Und so folgten Gallini und
ich mit einigen anderen Tegoni und wir richteten uns in der letzten Baracke der vorletzten
Reihe ganz oben ein. Der Eingang war ebenfalls nach oben gerichtet und die Außenkante war
nur zwei Schritte vom Lagerzaun entfernt. Diesen hatten sie am oberen Rand einer Senke er-
richtet, auf der zwei große Esel weideten. Später erklärte mir Tegoni, dass dies der am weites-
ten von Eingang und Büro entfernte Ort war und somit auch am wenigsten von den Aufsehern
kontrolliert wurde. Von dort könnten wir uns jederzeit davonmachen. Wir müssten dann nur
über die nahe Umzäunung springen und in die Senke hinunterlaufen. Das war der am besten
verdeckte Fluchtweg des ganzen Lagers.
Am Vormittag wurde der untere Teil Kahlas bombardiert, wahrscheinlich im Industriegebiet,
denn aus dem Rauch und den Flammen ragten etliche Schornsteine empor. Einige Jagdbom-
ber streiften beim Vorbeifliegen unsere Baracken. Und ein SS-Mann, der am Abzweig des
Weges zu unserer Baracke Aufsicht hatte, schoss mit seiner Maschinenpistole auf sie. Ein
paar Piloten winkten uns zum Gruß zu.
Am Nachmittag erschien dann ein Jagdbombergeschwader aus fünf oder sechs Fliegern.
Nachdem sich diese ungefähr auf die Höhe von Lager 1 hatten absinken lassen, begannen sie,
recht langsam über der Ebene zwischen der Saale und dem Tal von Lager 7 ihre Kreise zu
drehen. Nach einigen Runden zielte der Masterbomber im Sturzflug auf das Lager der ehema-
ligen IMI. Alle anderen folgten ihm in einer Reihe hintereinander, doch nur der letzte warf
eine Bombe ab und zerstörte eine Baracke.
Nach einigen Minuten begann der individuelle und methodische Angriff. Jedes Flugzeug
wählte sich sein eigenes Ziel und die beste Flugbahn und mit ein paar Überflügen wurde das
Lager dem Erdboden gleich gemacht. Natürlich ergriffen wir Partei für die Flieger, doch es
schien uns, als habe es keinerlei Abwehr von Seiten der neuen Soldaten gegeben, die das La-
ger erst am Morgen bezogen hatten. Im Gegenteil, wir hatten den Eindruck, als seien das
langsame Kreise Ziehen und der erste Sturzflug eine Art Warnung gewesen, damit die Anwe-
senden die Baracken räumten.
Nur eines war gewiss: die Alliierten verfügten über einen exzellenten Informationsdienst,
denn am zeitigen Vormittag war das Lager noch mit ehemaligen italienischen Häftlingen be-
legt gewesen.
Die offenkundige Euphorie, mit der wir alle draußen vor den Baracken die Bombardements
verfolgten, störte letztendlich spürbar die Aufsicht führenden Militärs, die an den Weggabe-
lungen einer jeden Barackendoppelreihe ihren Dienst taten. Am nächsten Tag wurde der Be-
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
fehl verhängt, dass es verboten war, während des Fliegeralarms die Baracken zu verlassen. So
beschränkten wir uns darauf, dass Ganze etwas gedrängter von den Fenstern und den breiten
Barackeneingängen aus zu verfolgen.
Am Tag unserer Ankunft gab man uns mittags die übliche Ration Suppe, die jedoch um die
Hälfte reduziert worden war und etwas wässeriger war als sonst. Abends gab es eine Scheibe
Roggenbrot, die etwa einem Sechstel eines Brotes entsprach. Das war nicht viel und war zu-
dem wenig nahrhaft, aber ohne zu arbeiten und in guter Stimmung konnten wir es schaffen zu
überleben, auch wenn die Suppe nach drei Tagen nur noch aus einer halben Kelle voll unge-
salzener Brühe bestand, in der einige wenige Gemüsestücke schwammen, und die Brotration
auf einen achtel Laib reduziert wurde.
In diesen Tagen gingen wir am zeitigen Morgen und dann noch einmal am Nachmittag zu den
Bauernhöfen westlich von Kahla, hinter der kleinen Baustelle, auf der wir gearbeitet hatten.
Die Bauern waren alle begierig darauf, uns zu empfangen, um Nachrichten aus der Stadt und
ihrer Umgebung zu bekommen, von wo der Lärm der Bomben kam, aber kein einziger
Mensch. Allerdings waren sie uns gegenüber sehr misstrauisch und noch zurückhaltender,
wenn es darum ging, uns etwas zu essen zu geben.
Das Wenige, das sie uns gaben, erhielten wir nur dank unserer Katastrophenschilderung, die
sowohl durch die Luftangriffe überhöht ausfiel, als auch durch die im Lager herrschende A-
narchie, nachdem die meisten Verantwortlichen geflohen waren.
Ehrlich gesagt war der wahre Grund dieser „Ausflüge“, vorausschauend auf unsere eventuelle
Flucht, Streichhölzer aufzutreiben. Diese würden unerlässlich sein, um die gerade gesäten
Kartoffeln zu kochen, die wir leicht ausgraben konnten. Als es Tegoni gelang, vier „schwedi-
sche“ Streichhölzer zu bekommen, war er ein glücklicher Mensch. Auch wenn ihm der dum-
me Bauer die Schachtel verweigerte (die unverzichtbar war zum Anzünden), aus Angst wir
könnten ihm den Heuschober in Brand stecken. Doch die Schachtel erhielten wir bei unserem
zweiten „Ausflug“ von einem anderen dummen Bauern, der uns die Schachtel aushändigte,
aber nicht die Streichhölzer.
Wir waren natürlich nicht die Einzigen, die das Lager verließen, denn trotz des offiziellen
Verbots kam es schon bald zu einer starken Nachlässigkeit seitens der Wachsoldaten und so
beachteten sie diejenigen kaum, die diskret über den niedrigen Stacheldraht sprangen. Einige
Gefangene waren sogar bis nach Kahla hinuntergelaufen in der Hoffnung, etwas zu Essen
kaufen zu können. Sie kehrten jedoch verstört zurück und erzählten uns, dass sie die aus Kah-
la herausführende Hauptstraße überfüllt mit einer langen Reihe Inhaftierter vorgefunden hät-
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
ten, deren Zustand noch schlechter sei als unserer: sie trügen quer gestreifte Häftlingskleidung
aus grün-weißem Stoff und würden von SS-Männern mit Hunden eskortiert. Die Berichtenden
schworen, zum Schluss gesehen zu haben, wie ein SS-Mann Einem, der erschöpft zusammen-
gebrochen war, den Gnadeschuss erteilt und ein gut abgerichteter Hund ihn dann in den nahen
Straßengraben geschleift habe.
Die Luftangriffe der Jagdbomber der Alliierten gingen ohne Pause jeden Tag weiter. Einer
überraschte uns auf dem Rückweg unseres zweiten „Ausflugs“, als wir gerade bei dem großen
gläsernen Gewächshaus waren, das direkt an der Straße stand. Wir befanden uns also schon
fast am Fuße der Steigung, die uns zu Lager 1 führte. Ein plötzliches, starkes Geschossfeuer
aus einer Vielzahl an Waffen versuchte vergeblich, einen Flieger aufzuhalten, der im Sturz-
flug zwei gekoppelte Bomben auf das Dach einer riesigen und wunderschönen mehrstöckigen
Villa abwarf. Sie stand nur reichliche hundert Meter von uns entfernt. Nach wenigen Sekun-
den war es wie bei einem großem Feuerwerk; Schuttteile flogen hoch durch die Luft. Und
dann gab es anstelle der Villa nur noch Staub. Als wir das Lager erreichten, erfuhren wir, dass
in dieser Villa seit wenigen Tagen das Militärkommando der Gegend stationiert gewesen war.
Von Lager 1 aus verfolgten wir auch die Bombardierung der Eingänge des Montagetunnels
auf dem Bergrücken. Um ehrlich zu sein hatten wir gar keine direkte Sicht darauf, aber da wir
die Gegend gut kannten, urteilten wir, dass die Ziele getroffen worden waren. Denn wir konn-
ten die riesigen vielfarbigen Stichflammen beobachten, die auch nach der Explosion noch
andauerten.
Wir verfolgten diese Luftangriffe mit besonderer Genugtuung, denn sie linderten zumindest
unsere Angst, die durch die Gerüchte geschürt worden war, man wolle uns in diese Tunnel
einsperren und dort umbringen.
Eines Abends saßen Tegoni und ich in der Baracke und prüften die Gegebenheiten für einen
erneuten „Ausflug“, als ein Freund von uns ganz außer Atem angerannt kam und sagte: „In
der Baracke von Diversi haben sie einen Esel geschlachtet und essen ihn gerade!“ Wir liefen
sofort nach draußen und zu der Weide, wo wir feststellten, dass in der Mitte der Einzäunung
tatsächlich nur der gräulich weiße Umriss eines einzigen Esels aus dem Dunkel auftauchte.
Daraufhin rannten wir sofort weiter zu der Baracke, wo die Missetat verübt worden war; es
war gleich die dritte hinter unserer. Als wir den Schlafsaal betraten, sahen wir inmitten von
dichtem Rauch eine Unzahl an Bittstellern, die ein Stück frisches Fleisch erflehten. Endlich
fand ich Bruno Diversi, aus Maiolo, der gerade an seiner Portion schlecht gegrillten Fleischs
nagte, und brachte meine zu Herzen gehende Bitte vor, obwohl ich schon wusste, dass er ab-
Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend
lehnen würde. Er sagte mir, dass es ja nicht einmal für ihn selbst reiche, denn das sei ohnehin
fast alles nur Knochen. Als er sah, dass wir unter keinen Umständen wieder gehen wollten,
fügte er an, es seien kurz vorher die Bewohner einer gewissen anderen Baracke nach draußen
gegangen, um auch den anderen Esel zu schlachten. Ohne weitere Zeit zu verlieren, rannten
wir zum Zaun zurück, wo wir feststellten, dass auch der andere Esel verschwunden war. Ab-
gesehen von einigen Enttäuschten, die aus Diversis Baracke kamen, war das restliche Lager
dunkel und still.
Nachdem wir ziemlich verzagt in unsere Baracke zurückgekehrt waren, war es nötig, die La-
ge, die sich uns in Lager 1 darbot, neu zu überdenken und natürlich tauchte da die Aussicht
auf eine Flucht wieder auf. Tegoni und Gallini waren erfahrener als ich, da sie bereits im
Krieg gewesen waren, und sie fragten mich, ob ich mir zutraute, das Risiko einzugehen, die
Fronten zu überqueren. Ich antwortete ihnen, dass ich – mit ihnen zusammen oder auch ohne
sie – bei Sonnenaufgang des nächsten Tages schon mindestens zehn Kilometer von Kahla
entfernt sein würde. Und zwar in die Richtung, aus der in den ruhigen Augenblicken der Ka-
nonendonner zu hören war.
Quellen und Nachweise
- zeitzeugen_komplett_ocr.pdf