Zeitzeugnis
Zeitzeugenaussage Julia Lenczewska
Bericht über Deportation, Lager II, Sanitätsarbeit, Gewalt, Evakuierung und Befreiung.
Forschungsstand dokumentiert
Forschungsdatensatz
Dokumentierte Angaben
- Person
- Julia Lenczewska
- Rolle
- Zwangsarbeiterin
- Ort
- Kahla
- Zeitraum
- 1945
- Herkunft
- Polen
Überlieferung und Kontext
Frau Julia Lenczewska berichtet folgendes:
Nach Deutschland wurde ich gemeinsam mit meinem Mann gebracht. Warschau verließ ich
am 07.Oktober 1944, nach Kahla kamen wir am 06.November. Unterwegs durchliefen wir die
Durchgangslager in Pruszkow, Landsdorf und Erfurt. Der Transport wurde von Funktionären
der SS begleitet. Wir ernährten uns von Zwieback, den wir noch von zu Hause mitgebracht
hatten. Man ließ uns nicht einmal hinaus, um unsere natürliche Notdurft zu verrichten,
obwohl Frauen und Männer gemeinsam reisten. In den Durchgangslagern ordnete,
fotografierte und entlauste man uns. Bei der Ankunft in Kahla zeigte ich eine Bescheinigung,
dass ich von Beruf Krankenpflegering bin, im Ergebnis dessen erhielt ich Arbeit zugeteilt in
der Sanitätsstelle des Baulager IV. Ich wohnte gemeinsam mit meinem Mann in einer
Gemeinschaftsbaracke im Lager II und zur Arbeit hatte ich 4 km. Die Baracke war noch nicht
fertig, nicht heizbar und hatte ein schlechtes Dach. Zur Erreichung der Baracke mussten wir
durch Morast, angesichts dessen hatten wir schon in den ersten Tagen ständig feuchte Schuhe.
Wir arbeiteten in unserer eigenen Kleidung, nicht den Verhältnissen auf dem Bau angepasst,
was bei den Menschen ständig Katarrh und Untertemperatur verursachte. Wir arbeiteten 12
Stunden. Es wurde früh aufgestanden, gegen 4 – 5 Uhr, dann wurde zum Appell gerannt.
Unsere Ernährung zweimal täglich: morgens Kaffe, 250 Gramm Brot und 50 Gramm Fett
(meist Margarine), sowie abends 1 Liter Suppe (Runkelrüben, Kohlrüben oder Möhren mit
Zutaten). Aber diese Mahlzeiten konnten wir Aufgrund von Fliegeralarm oft nicht einnehmen.
Weihnachten erhielten wir 7 Kartoffeln, von welchen 2/3 verfault waren. Die Lagerordnung
war eine Qual. So ein Dasein verursachte schon nach einigen Wochen Krankheiten.
Meine Arbeit in der Sanitätsstelle des Lager IV:
Leiter der Sanitätsstelle war der Sanitäter Hermann Kupera. Zur Hilfe hatte er Anfangs einen
Gefangenenarzt, einen Franzosen (Medizinstudent), später einen Italiener. An seinen Namen
erinnere ich mich nicht. Das Hilfspersonal bildeten 3 polnische Krankenpflegerinnen und eine
Estin. Die Arbeit in der Sanitätsstelle war folgendermaßen organisiert: die angemeldeten
Kranken besichtigte Kupera flüchtig, ordnete sie, warf die hinaus, welche in ihm den
Verdacht erweckten, dass sie simulierten, registrierte und assistierte danach bei den
Untersuchungen durch den Arzt. Nach dem diagnostischen Behorchen teilte er allein die
Arznei zu und verschrieb Erleichterungen. Er entschied auch allein über die Einweisungen der
Kranken in das Krankenhaus Jena Kupera besuchte auch die Kranken in den Baracken.
Arznei war nur in sehr begrenzter Anzahl vorhanden. Der französische Arzt war sehr gut zu
den Zwangsarbeitern. Er beeinflusste die Sanitäter zur Arbeitsbefreiung und zur Ausgabe von
Arznei. Wahrscheinlich kam er in den SS Bunker, jedenfalls weiß ich nicht, was aus ihm
wurde. Der italienische Arzt war strenger Kupera konnte sich auf ihn verlassen und hob seine
selbständigen Entscheidung auf. Kupera war in meinen Augen ein rücksichtsloser Mensch,
der blindlings die Verfügungen der Vorgesetzten ausführte. Er war emsig und verlangte das
auch von seinem Personal. Er hasste die Russen deshalb, weil er 4 Söhne an der Ostfront
hatte. Er hörte nichts von ihnen, wenigstens konnte er den Schwerkranken tödliche
Einspritzungen geben. Die Zwangsarbeiter des Lager IV waren den Misshandlungen weniger
ausgesetzt als in den anderen Lagern. Sie hatten ein wenig bessere Ernährung, ein Bad das in
Betrieb war, sie bekamen auch Arbeitskleidung. Die Kranken dieses Lagers waren in besseren
Verhältnissen im Vergleich zu anderen. Läuse gab es in diesem Lager nicht.
Die Sterblichkeit war gering, desto mehr starben Belgier und Russen. Italiener waren im
Lager wenig. Die Ursache der Sterblichkeit war meistens allgemeiner Vitaminmangel.
Dagegen starben in anderen Lagern die Zwangsarbeiter an Wassersucht infolge Hungers und
Durchfall. Die Italiener litten sehr schwer unter dem Klima. Kurz vor der Evakuierung
versteckte ich mich in der Krankenstube des Lagers II, wo ich freiwillig arbeitete. Der
Zustand der Stube war tragisch: Überfüllung, die Infektionskrankheiten inmitten der anderen
Kranken, schreckliche Verlausung und Hunger. Es fehlten Arzneimittel und die Sterblichkeit
war sehr groß. Nach Ankunft der amerikanischen Armee verblieb ich in der Krankenstube als
Diplomschwester. Die Ärztemannschaft der amerikanischen Armee handelte planmäßig: sie
versorgten das Lager schnell mit Desinfektionsmitteln, Arznei und Lebensmitteln. Ich gab
allein über 100 Traubenzucker Einspritzungen täglich. Leider starben trotz dieser Hilfe viele
unter den kranken nach der Befreiung. Groß war auch die Sterblichkeit außerhalb der
Krankenstube, besonders infolge der Veränderung der Ernährung. Ich erinnere mich dass ich
leider erfolglos einen Menschen rettete, welcher am ersten Tag der Freiheit 1 kg Brot aß. Die
Toten des Lagers II wurden in Massengräbern beerdigt in der Nähe der Baracken, auf einer
Anhöhe.
Hinweis:
Julia Lenczewska war im Besitz von Fotos dieses Friedhofs.
Quellen und Nachweise
- zeitzeugen_komplett_ocr.pdf