Zeitzeugnis
Zeitzeugenaussage Janina Przybysz
Rolle: Zwangsarbeiterin | Herkunft: Polen | Zeitraum: 1944 | Ort: Kahla | Quelle: zeitzeugen_komplett_ocr.pdf
Forschungsstand dokumentiert
Forschungsdatensatz
Dokumentierte Angaben
- Person
- Janina Przybysz
- Rolle
- Zwangsarbeiterin
- Ort
- Kahla
- Zeitraum
- 1944
Überlieferung und Kontext
Erlebnisbericht der ehemaligen polnischen Zwangsarbeiterin JaninaPrzybysz,
Am schwersten ist es, sich an vergangene Jahre zu erinnern, die man wie eine furchtbare
schwarze Nacht durchlebte.
Nach dem Warschauer Aufstand 1944 wurde ich mit meinem Mann und meinem Sohn in
das Zwangsarbeiterlager des Ortes Kahla in Deutschland gebracht. Wie ich dort hinkam, ist
schnell gesagt. Nach der Kapitulation des Aufstandes wurden wir in den Sammelpunkt
Ursus bei Warschau eingewiesen. Von dort aus brachte man uns nach Szczakowa bei
Czestochowa und weiter nach Erfurt. Von Erfurt wurden wir Anfang November in das
Zwangsarbeiterlager bei Kahla befördert.
Die Lebensbedingungen in diesem Lager waren furchtbar. Wir wurden in verschiedenen Ba-
racken untergebracht, in denen die einfachsten hygienischen Einrichtungen fehlten. Ein
Raum beherbergte 30 Personen, Frauen und Männer. Es fehlte an Wasser und an Öfen zum
Erwärmen der Räume, es fehlte an Brennmaterial, an Scheiben in den Barackenfenstern, an
Strohsäcken und Decken auf den Pritschen. In den Räumen waren keine Tische und Bänke.
Von dem Aufsichtspersonal wurden die Insassen auf jede nur denkbare Art sowie durch
beleidigende Äußerungen erniedrigt. Weder auf Alter noch auf Geschlecht wurde Rücksicht
genommen. In diesem Lager bedeutete der Mensch nichts, er war eine Null.
Früh um 4 Uhr standen wir auf zum Appell, um dort 1/2 1 bitteren Kaffee und ein Stück
Brot zu erhalten und danach in einer Kolonne um 6 Uhr zur Arbeit zu gehen.
Anfangs arbeitete ich ungefähr einen Monat beim Entladen von Waggons mit Ziegelsteinen
und Kies bei der Firma Kobeke. Im Dezember wurde ich zum Auslesen von Kartoffeln in
die Lager der Orte Kahla und Orlamünde versetzt. Unter diesen Bedingungen legte ich
täglich etwa 16 km Weg zur Arbeit und Heimweg ins Lager zurück, neben den 12 Stunden
Arbeit und 2 Stunden Morgenappell.
Ich sah, wie eine meiner Mitinsassinnen durch den uns beaufsichtigenden Deutschen
furchtbar dafür geschlagen wurde, dass sie einige Kartoffeln für ihren kranken Sohn
mitnahm, der auf Grund seiner Krankheit täglich nur eine halbe Lebensmittelration erhielt.
Wir mussten die Frau auf einer Tragbahre ins Lager bringen, da sie nicht mehr gehen
konnte. Wir wurden durch Deutsche auch denunziert. Zum Beispiel erlaubte uns einer der
uns beaufsichtigenden Deutschen, einige Kartoffeln für die geleistete Arbeit mitzunehmen.
Nach unserem Weggang verständigte er die Polizei, dass wir die Kartoffeln gestohlen
hätten. Auf der Polizeiwache wurden wir nach einer persönlichen Durchsuchung in einer
uns in unserer Würde als Frau und Mensch erniedrigenden Art und Weise beleidigt. Einige
von uns, die mehr Kartoffeln hatten als andere, wurden ins Gesicht geschlagen. Als wir
hinausgingen, sagte uns einer der Polizisten, dass wir im Wiederholungsfalle erschossen
würden.
Durch die Arbeit und mangelnde Ernährung erschöpft, verloren wir dennoch nicht die
Zuversicht, dass der Augenblick der Befreiung nicht mehr fern sei. Trotz dieser Freude und
sichtbarer Merkmale zunehmender Nervosität der Deutschen brach der Mensch zusammen.
Ich erinnere mich, wie mein Mann von Aufsichtsführenden Deutschen geschlagen wurde,
als er bei der Firma Kobeke eine Lokomotive fuhr. Der Grund dafür war die Fahrlässigkeit
eines Aufsichtsführenden Deutschen, der ihm befohlen hatte, eine zu große Ladung auf den
kleinen Waggon zu nehmen und diese bergab auf ein Nebengleis zu fahren, was zum
Entgleisen des Zuges und dem Einbruch einer kleinen Brücke führte. Ich glaubte, dass mein
Mann nicht mehr ins Lager zurückkehren würde. Ich weis nicht, wie es kam, dass es nur bei
diesem empfindlichen Schlagen blieb, nach welchem er eine Woche krank im Krankenhaus
liegen musste.
Ich kenne auch einen anderen Fall, der zeigt, wie Polen im Lager behandelt wurden. Einer
unserer Bekanten, der beim Ausschachten eines Tunnels arbeitete, zerschlug zufällig mit der
Schaufel eine Glühlampe. Das wurde von dem Aufsichtsführenden Deutschen beobachtet.
Der Mann, der die Glühlampe zerschlagen hatte, wurde geprügelt und danach zur Strafe in
einen Bunker gebracht. Als dieser Mensch nach 10 Tagen ins Lager zurückkam, war er
physisch und psychisch gebrochen. Seinem Bericht zufolge hatte er während der ganzen
Zeit seines Aufenthaltes im Bunker im Wasser gestanden und nur ein wenig heißen Kaffee
und etwas Brot als Nahrung erhalten. Er schlief stehend, an die feuchte Bunkerwand
gelehnt.
Es ist mir auch ein Fall von Selbstmord infolge psychischen Zusammenbruchs bekannt. An
den Namen des Selbstmörders erinnere ich mich nicht mehr.
Während ich das alles schreibe, sitzt mein Mann neben mir und erinnert sich an viele
Einzelheiten aus dieser Zeit. Er erzählt mir z. B., dass er selbst Augenzeuge gewesen war,
wie ein Deutscher namens Ebel oder Abel (genau erinnert er sich nicht mehr), der Arbeiter
der Firma Kobeke war, drei Italiener in eine auf dem Gelände der Firma befindliche
Baracke führte und mit einem hölzernen Schaufelstiel schlug. Nach ein paar Minuten kamen
die Italiener fürchterlich blutig geschlagen herausgelaufen. Mein Mann war Zeuge von
vielen ähnlichen Fällen, an denen dieser Deutsche beteiligt war. Besondere Beachtung
verdient der Mord an einem Italiener, vollzogen auf der Arbeitsstelle durch einen
Pistolenschuss in den Hinterkopf, einzig und allein deshalb, weil er zu langsam ging. Dieser
Vorfall ereignete sich auf dem Gelände der Firma Kobeke und wurde vom politischen
Leiter am hellen Tage vor den Augen vieler Menschen ausgeführt.
Ich sah täglich beim Weggehen von der Arbeit, wie Dutzende von Toten auf Bahren in die
Lager getragen wurden, Dort wohnten nur Ausländer. Am häufigsten starben Italiener,
Slowaken sowie Polen aus dem Gebiet Kielce. Die körperlich und seelisch
zusammengebrochenen Menschen wurden „Muselmänner" genannt. Ich sah viele, denen die
sie umgebende Welt gleichgültig geworden war und die nur den Wunsch hatten, sich einmal
im Leben Sattessen zu können.
Mein Mann und mein Sohn machten ebenfalls eine solche Krise durch und nur dank eines
Zufalls konnte ich selbst diesem Zustand vorbeugen. 1945 wurde ich zur Arbeit in die
Lagerküche kommandiert. Durch diese Tätigkeit konnte ich ein paar Reste oder einige
Kartoffeln mit Heimnehmen und so meine Angehörigen ernähren. Im März 1945 wurde ich
von SS-Männern aus mir nicht näher bekannten Gründen in das Lager hinter dem Fluss
eingewiesen, die so genannte Station des ,,Fertigmachens". Zusammen mit mir wurden in
dieses Lager noch einige andere polnische Frauen eingewiesen. Unsere Baracke war durch
Draht von den anderen Baracken, wahrscheinlich ein Italiener-Lager, isoliert. Wir wurden
nicht aus dem Lager herausgelassen, und jeder Kontakt zu anderen war uns verboten. Alle
in diesem Lager lebenden Personen erhielten nur eine halbe Lebensmittelration am Tage. Im
Baum stand ein Kübel, in dem wir unsere Bedürfnisse verrichteten. Seine Entleerung
erfolgte einmal täglich. Bei unserer Einweisung in diese Baracke traf ich dort keinerlei
Personen an; die Pritschen waren ohne Strohsäcke und Decken. Aus diesem Lager lief ich
eine Woche vor der Evakuierung fort. Nach mir, am folgenden Tage, flüchteten die übrigen
Frauen. Bis zum Zeitpunkt der Evakuierung versteckte ich mich im Lager, die übrigen
Ausreißerinnen versteckten sich ebenfalls. Mein Sohn und mein Mann teilten ihre
Lebensmittelkarten mit mir.
Ich habe bisher ganz vergessen, einen wichtigen Umstand mitzuteilen. Sehr oft wurden wir
nachts von dem auf Aufsichtsführenden Deutschen geweckt. Sie hielten dann in den
Baracken Durchsuchungen ab nach Lebensmitteln, Brennmaterialien sowie Flugblättern in
deutscher Sprache, die auf dem Gelände der REIMAHG gefunden worden waren. Bei
diesen Durchsuchungen vergewisserte man sich auch, ob jemand Schwellungen aufwies und
ob Sterbefälle aufgetreten waren. Bei solchen Besuchen wurde bei niemand mit Schlägen
und Beschimpfungen gespart.
Bemerkenswert sind auch die Schikanen, die die politischen Leiter im Flussgebiet auf die
Fremdarbeiter ausübten. Abgearbeitet, ermüdet und hungrig kehrten wir von der Arbeit in
die Lager zurück. Der Weg, der zum Lager führte, zog sich unterhalb eines Berges entlang.
Es: suchte deshalb jeder den kürzeren und bequemeren Weg, um schneller ins Lager zu
kommen und sich ausruhen zu können. Man konnte den Weg abkürzen, indem man einen
Steg über den nahe gelegenen Fluss benutzte, der unmittelbar am Lager vorbeifloss. Gerade
unter diesem Steg versteckten sich die politischen Leiter und schossen in die
vorbeikommenden Fremdarbeiter. Sie schossen aus Karabinern und zwar sehr gezielt. Diese
List wurde nicht täglich angewendet, was den Sadismus der Henker besonders deutlich
macht.
Nach dieser Unterbrechung komme ich zurück auf das, was ich während der Evakuierung
erlebte. Als die Evakuierung begann, stellte ich fest, dass unsere Gruppe von SS-Leuten mit
Hunden umstellt war. Für mich und alle anderen Menschen, die in diesem Lager lebten, war
die Evakuierung das größte und schrecklichste Erlebnis. Beim Schreien der SS, Stöhnen
geschlagener Menschen und Hundegebell wurden wir in Gruppen zu 200-300 Personen
eingeteilt und in Richtung Orlamünde getrieben. Das geschah am 9. April um 22 Uhr. Es
spielten sich höllische Szenen ab. Hunde sprangen die aus der Reihe Geratenen an. SS-
Männer schlugen mit Karabinern auf Zurückgebliebene ein. Ungefähr 4 km hinter
Orlamünde begann man, auf die Zurückgebliebenen zu schielten. Erst gegen Morgen, als
die SS-Leute, wie wir feststellten, nicht mehr zugegen waren und uns der Volkssturm
führte, erlaubte man uns, auszuruhen. Im Laufe des Tages gelangten wir zu dem Dorfe,
Knau. Hier machte ich furchtbare Augenblicke durch. Mein Mann war sehr entkräftet und
konnte nicht weitergehen. Er fiel einfach auf die Strasse und wurde ohnmächtig. Der uns:
beaufsichtigende Deutsche legte den Karabiner an und wollte meinen Mann erschießen. Die
(deutsche) Zivilbevölkerung ließ es jedoch nicht zu diesem Mord kommen. In diesem Dorfe
wurden wir zurückgehalten und in einer Baracke ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener
untergebracht. Hier wurden wir auch am 13. April von der amerikanischen Armee befreit.
In der zweiten Hälfte des Monats April kehrten wir ins Lager zurück, um
Personalangelegenheiten zu erledigen. Auf dem Rückweg stellten wir an der Strasse hinter
Orlamünde sehr viele Gräber fest. Mein Mann öffnete eines der Gräber mit den Händen, um
festzustellen, wer dort begraben lag. Wir stellten fest, dass es ein Mann in Zivilkleidung und
Holzpantoffeln und mit einem Rückenschuss war. Wahrscheinlich handelte es sich bei
diesem Manne um ein Mitglied unseres Evakuierungstransportes. Den Namen konnten wir
nicht feststellen, da wir keinerlei Papiere bei ihm fanden.
Es lässt sich daraus folgern, dass in vielen dieser Gräber Menschen aus dem Lager
REIMAHG lagen. Wenn ich das Leben im Lager REIMAHG analysiere, komme ich zu dem
Ergebnis, dass es eine organisierte Widerstandsbewegung unter den Fremdarbeitern nicht
gab.
Quellen und Nachweise
- zeitzeugen_komplett.pdf (Original, 845 Seiten)