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Zeitzeugnis

Zeitzeugenaussage Jan Stec

Ausführlicher Erinnerungsbericht über die Deportation seiner Familie nach Kahla und das Leben im Lager II.

Forschungsstand dokumentiert

Forschungsdatensatz

Dokumentierte Angaben

Person
Jan Stec
Rolle
Zwangsarbeiter
Ort
Kahla; Umgebung Orlamünde
Zeitraum
April 1945
Herkunft
Polen

Überlieferung und Kontext

• Steć, Jan, Fragebogen vermittelt von der Fundacja "Polsko-Niemieckie Pojednanie" [Stiftung „Polnisch-Deutsche Aussöhnung“]. Antwort von Jan Steć, Słupsk 21.III. 2007 Verehrter Herr Marc Bartuschka Am heutigen Tag, 6.3.2007, besuchte ich meine Schwester Teresa Wyka, wohnhaft in Zielinia Mastecki, und erfuhr von ihr, dass sie von der Stiftung „Polnisch-Deutsche Aussöhnung“ einen von Ihnen erarbeiteten Fragebogen mit der Bitte um Bearbeitung erhalten hat. Nachdem ich mich mit dem Inhalt des Schreibens bekannt gemacht habe, beschloss ich, das von der Schwester erhaltene Befragungsschreiben an mich zu nehmen und die darin enthaltenen Fragen zu beantworten. Es freut mich sehr, dass Ihre Doktorarbeit die Rüstungswerke der NS-Industriegruppe „Reichsmarschall Hermann Göring“ REIMAHG und auch die Schicksale der Zwangsarbeiter, die während des II. Weltkrieges zur Arbeit in dieser Fabrik gezwungen wurden, zu Thema haben wird. Hierzu muss ich bemerken, dass meine Schwester diese Befragung in Anbetracht ihres Alters sowie des Gesundheitszustandes (sie ist 77 Jahre) nicht ausfüllen kann. Meiner Meinung nach ist es schließlich egal, wer die Befragung ausfüllt. Es geht letztlich darum, dass man Sie mit den allermeisten Informationen für Ihre Doktorarbeit versieht. Die Schwester bittet Sie daher um Verständnis. Ich heiße Jan Steć. Ich wohne in Słupsk, am 8. April werde ich 74 Jahre alt. Ich beschloss somit nach Maßgabe all meiner Fähigkeiten und in Anlehnung an die eigenen Erlebnisse jenes Zeitabschnittes sowie auf Grundlage dessen, worüber meine Eltern und Geschwister Gespräche geführt haben, die maximal glaubhaftesten Aussagen auf Ihre Fragen zu geben. Ich übersende Ihnen mit der ausgefüllten Befragung zugleich Aufnahmen und Dokumente, die uns als Andenken erhalten geblieben sind. Wenn ich Ihnen damit helfen kann, würde ich mich sehr darüber freuen. Ich wünsche Ihnen, dass Ihre Arbeit hohe Anerkennung finden möge. Gemeinsam mit Ihnen würde ich mich über den erreichten Erfolg freuen und wäre Ihnen außerordentlich dankbar, wenn ich von Ihnen eine Information über die Verteidigung Ihres Doktortitels erhalten würde. Mit diesen wenigen einführenden Worten möchte ich schließen und wünsche Ihnen von ganzem Herzen das Allerbeste. Hochachtungsvoll mgr. Jan Steć Seite 1/27 I. Vor der Wegfahrt 1. Wann wurden Sie geboren und wer gehörte zu Ihrer Familie? Meine Familie bestand aus sechs Personen: - der Vater Władysław Steć, geboren 1.11.1900 in Uśiług - die Mutter, geboren 19.03.1899 in Stary Zamościu - der Bruder Stanisław Steć, geboren 08.05.1928 in Włodzimierz Wołyński - die Schwester Teresa Steć, gegenwärtig Wyka, geboren am17.01.1930 in Włodzimierz Wołyński - Ich, Jan Steć, geboren am 08.04.1933 in Włodzimierz Wołyński - die Schwester Maria Steć, gegenwärtig Oryszko, geboren 22.10.1941 in Włodzimierz Wołyński Der Vater starb am 06.07.1979 Die Mutter starb am 01.09.1989 Der Bruder starb am 09.08.2002 Bemerkung: Einige Daten in den von den deutschen Behörden ausgestellten Dokumenten verzeichnen geringfügige Ungenauigkeiten. Unterschrift unter dem Photo: Meine Familie im Jahr 1937. Von links: Schwester Teresa, Mutter, Bruder Stanisław, Vater Władysław und ich auf den Knien des Vaters S. 2/27 Photo der Familie von 1942 – von links: (vermutlich hinten) Bruder Stanisław, Schwester Teresa, (vermutlich vorne) Mutter mit der Schwester auf den Knien und ich in weißer Kleidung. Seite 3/27 – 4/27 II. Die Wegfahrt 2. Wann und unter welchen Umständen wurde die Familie zu Zwangsarbeitern? Die grausamen Tage des 2. Weltkrieges begannen für mich und meine Familie am 01.09.1939. Wir wohnten in Włodzimierz Wołyński. Der Vater arbeitete in einer Mühle als einfacher Arbeiter. Die Mutter befasste sich mit der Erziehung der vier Kinder und der Arbeit im Hause. Man lebte wie die Mehrheit der Einwohner dieser für mich für immer herrlichen Stadt. Der Ausbruch des Krieges stürzte uns in die Verarmung, aber dieses Schicksal traf alle. Von 1939 an lebten wir unter der Okkupation der UdSSR bis zum Jahr 1941. Während der beiden Jahre der sowjetischen Okkupation verlief das Leben in ständiger Furcht vor dem Abtransport nach Sibirien. Unsere Nachbarn wurden dorthin verbannt. Im Jahre 1941 kam es infolge des Überfalls der Hitler-Deutschen auf die UdSSR zu einer Veränderung, es folgte eine neue Besatzungsmacht. Es kamen die Deutschen, und das Schicksal aller verblieb ohne Veränderungen. Das Leben aller vollzog sich in ständiger Angst vor Verschleppung nach Deutschland zur Zwangsarbeit, wenn nicht der gesamten Familie, so doch von einzelner Familienangehöriger. Als Kind erlebte ich den Zweiten Weltkrieg und die damit verbundenen Leiden, Unbequemlichkeiten, Hunger, Verfolgungen und die ungeheuren materiellen sowie moralischen Verluste. Im Jahr 1941 war ich sieben Jahre alt. Es war an der Zeit, die Schule zu besuchen. Eine Schule jedoch gab es nicht. Ich sollte demzufolge ein Analphabet bleiben. Mein Bruder beendete nur 6 Klassen der Grundschule und Schwester Teresa lediglich 3 Klassen. Im Jahr 1944 zogen sich die Deutschen westwärts zurück. Die Russen befanden sich sehr nahe zu unserer Stadt Włodzimierz. Unsere Existenz war gefährdet. Wir durchlebten von Tag zu Tag Ungewissheit und eine Bedrohung unseres Daseins. Am 14 Juli 1944 verkündeten die deutschen Behörden, dass eine Evakuierung der Bewohner erfolgte und drohten mit der Todesstrafe, falls ganz gleich wer sich dieser Aufforderung zu entziehen beabsichtigte. Es wurden Güterwagen auf den Eisenbahngleisen an der Kowelska-Straße abgestellt. In diese Güterwagen wurden die Bewohner aus der ganzen Stadt hineingetrieben. Der Bahnhof war zu dieser Zeit bereits nicht mehr in Betrieb, denn die Deutschen hatten, als sie sich westwärts zurückzogen, alles hinter sich zerstört. In Włodzimierz befand sich in diesem Zeitraum bereits sehr wenig an Bevölkerung, denn ein erheblicher Teil war schon vor der nahenden Front geflohen. Angesichts dieser Situation waren wir gezwungen, unser familieneigenes Wohnhaus zu verlassen. Die Mutter bereitete daher Verpflegung für die Wegfahrt vor. Sie packte einiges unbedingt notwendiges Geschirr zusammen, Bettwäsche und Kleidung für jedes Familienmitglied, einfach die notwendigsten Dinge fürs Leben. Als Kind erinnere ich mich, dies war ein Schreckensbild für uns alle. Denn die mehrfach zuvor eingepackten Sachen mussten vielfach wieder ausgepackt werden, weil es abzusehen war, dass wir nicht dazu imstande waren, dieses Gepäck zur Transportstelle zu tragen. Die Transportstücke waren allzu schwer und die Kräfte unserer Familie nicht hinreichend. Ich war damals 11 Jahre alt, der Bruder war 16, die Schwester 14 und die allerjüngste kaum ganze 3 Jahre. Schließlich war unser Gepäck entsprechend den vorhandenen Möglichkeiten eines jeden zurechtgepackt. Einen Teil von Dingen haben die Eltern im Keller untergebracht, andere Dinge wurden im Garten vergraben, um auf diese Weise das im ganzen Leben erworbene Gut zu retten. Das zusammengepackte Gepäck nahm jeder von uns auf den Rücken und so begaben wir uns zur angewiesenen Transportstelle. Die Menschen wurden zu etwa 40 Personen in einen Güterwagen hineingeschoben. Gegen Abend wurden die Waggons in Lublin verschlossen, wo ein Teil der von Familien den Transport mit Erlaubnis der Konvoibegleiter verlassen durfte. Wie ich nach dem Krieg erfuhr, konnten diese Familien nach Aushändigung einer bestimmten Quote dies vollziehen? (Geld? Personen?) Nach Erledigung dieser erwähnten Formalität begab sich der Zug auf den weiteren Weg. Nun war die Reise schon etwas erträglicher, denn die Waggons blieben nicht mehr verschlossen und während eines längeren Aufenthaltes auf Stationen konnten die Menschen sich mit Wasser versorgen und auf provisorischen Feuerstellen eine warme Mahlzeit zubereiten aus den Vorräten, die sie mitgenommen hatten. Auf der Route von Włodzimierz bis Poznań bekamen wir nichts zu essen. Ich erinnere mich daran, dass während des Aufenthaltes in Warschau und Bydgoszcz Bewohner dieser Städte sporadisch für Kinder Milch brachten. Die Fahrt bis Poznań dauerte zwei Wochen. Nach stundenweisen Aufenthalten auf einigen Stationen fuhr der Zug mit den Waggons in Richtung Uściługa. Niemand hielt es in diesem Augenblick für möglich, dass diese Reise für uns alle eine Reise in nur eine Richtung sein wird. Für immer verließen wir die heimatlichen Gegenden, das Haus der Familie, den Garten, Obstgarten, das tote und lebende Inventar sowie alles, was mit Mühsal über Jahre erschaffen worden war. Wir waren frei, aber wir wurden Zwangsarbeiter. Karte eines Teils der Reise aus Wolhynien (eingefügtes Blatt) S. 4/27 – 5/27 3. Wie verlief der Transport nach Kahla? Welche Zustände herrschten während des Transportes? Die Reise von Włodzimierz nach Kahla verlief in Etappen. Erste Etappe – von Włodzimierz Wołyński – Poznań Zweite Etappe – von Poznań – Erfurt Dritte Etappe – von Erfurt – Kahla Die Zustände während der Fahr waren schrecklich. In den Waggons, in denen wir transportiert wurden, befanden sich ganze Familien – Männer, Frauen, Jugendliche, ganz kleine Kinder und alte Menschen. Es war sehr eng in den Waggons und es herrschte ein Gestank ungewaschener Körper und der Unsauberkeit. Es gab keine Möglichkeit sich hinlegen zu können. Wir schliefen sitzend auf unserem eigenen Gepäck. Physiologische Bedürfnisse wurden in Papier erledigt, auch in Tuchlappen, und diese Angelegenheit warf man dann nach draußen durch das vergitterte Fensterchen des Waggons. Der Urin wurde unmittelbar durch die Spalten an den Türen des Waggons entsorgt. Das Allerschwierigste war der Beginn der Reise. Der Zug fuhr uns ins Unbekannte. Ungewiss waren die Tage, und unbekannt war das Schicksal. Der Zug bewegte sich schleppend, blieb stehen, fuhr nach einigen Kilometern zurück, um nach kurzer Zeit wieder nach vorne zu fahren. Zum ersten Mal nach zwei Tagen und Nächten hielt er für längere Zeit in Lublin, dort wurden die Waggons geöffnet, und es wurde erlaubt Wasser zu holen und die Waggons vom angehäuften Dreck zu säubern. An dieser Stelle erwähne ich, dass während des Transportes es nicht allzu viel an Eskorte zu sehen war. Die Verantwortlichen für den Transport verkündeten während der Aufenthalte, dass es nicht erlaubt sei, sich von den Waggons zu entfernen, des weiteren wurden auch weitere unerlässliche Informationen erteilt, wenn eine entsprechende Notwendigkeit dies erforderte. In Lublin erfolgte eine Selektion. Menschen, die lebendes Inventar mit sich führten (Ziegen, Kühe, Pferde, Hunde und Katzen) mussten diese dort zurücklassen. Wahrscheinlich erhielten sie darauf auch eine Empfangsbestätigung. Dabei sah ich, wie sehr diese Menschen darüber in Verzweiflung verfielen. Es kam dann auch vor, dass der Zug nach einigen Stunden Fahrt wieder anhielt, ziemlich lange stehen blieb, nachfolgend wieder zur Station zurückkehrte aus der er gekommen war, denn Vorrang hatten die Militärtransporte. Hier erwähne ich, dass sich in Bydgoszcz ein Unglücksfall ereignete. Ein zwölfjähriger Junge, der während des Verrichtens seiner physiologischen Notdurft unter irgendeinen Güterwagen als der Zug plötzlich losfuhr nicht rechtzeitig rausgesprungen ist, hat von den Waggonrädern die Beine abgetrennt bekommen. Er wurde in das Krankenhaus nach Bydgoszcz gefahren. ? Die Menschen verrichteten ihre Notdurft halt auch unter solchen Gegebenheiten. S. 5/27, 8/27 und 9/27 III. 4. S. 5/27 III. Die Ankunft in Kahla und die Lager der REIMAHG 4. Ist Ihnen in Erinnerung in welches Lager Sie zu Anfang gelangten? Wurden Sie danach in ein anderes verlegt? Nach einer zweiwöchigen Reise gelangten wir zunächst in ein Übergangslager in Poznań. Einquartiert wurden wir in Baracken mit mehreren Familien in einem Saal (Stube). Jeder Person wurde eine Holzpritsche ohne Strohsack und ohne Bettzeug zugeteilt. In diesem Lager erhielten wir warme Speisen in Form von schwarzem Kaffee ohne Zucker (seinerzeit war Sacharin aktuell), eine Portion Brot, ein Achtel mit 250 Gramm, einen Würfel Margarine bzw. Marmelade, als Mittagsmahlzeit eine sehr dünne Suppe. Die mitgeführten Vorräte an Lebensmitteln gingen zu Ende. Zum ersten Mal erlebte ich, was Hunger bedeutete. Im Lager in Poznań wurde eine weitere Selektion durchgeführt. Soweit ich mich aus Gesprächen mit Erwachsenen erinnere, ging es um die Unterzeichnung eines Schriftstückes der Loyalität im Verhalten zu deutschen Behörden. Nach einem einwöchigen Lageraufenthalt in Poznań wurden wir in ein ähnliches Lager nach Erfurt gebracht. Dort wurden alle in eine Badeanstalt geführt (ein erstes Bad nach drei Wochen), wo allen männlichen Personen eine Glatze geschnitten wurde, sie gebadet und die Kleidung aller desinfiziert wurde. Hierzu erwähne ich noch, dass das Bad darin bestand: wir schritten im nackten Zustand unter die Brausen und während des Aufrückens nach vorne stand an einem engen Durchgang irgendein Arbeiter und bekleckste die Vorbeigehenden mit einer grauen Seifenflüssigkeit. Diese Flüssigkeit schmerzte beißend in den Augen, aber es gab kein Wasser. Erst nach einigen Minuten kam kaltes Wasser auf uns aufgedreht, jedoch lediglich für eine Dauer von wenigen Sekunden. Während dieses kurzen Zeitraumes spülte man gerade mal diese stinkende und beißende Seifenlösung aus dem Gesicht. Zu diesem geschilderten Baden begaben sich die Männer mit ihren Söhnen und die Frauen jeweils mit ihren Töchtern: es ereigneten sich aber auch solche Fälle, dass wenn eine alleinstehende Frau einen Sohn besaß und angesichts des Badevorgangs befürchtete von ihrem Sohn getrennt zu werden, nahm sie ihn ins Bad einfach mit. Er nahm somit das Bad zusammen mit den bis zur Nacktheit entblößten Frauen. Von jedem Erwachsenen ab vierzehn Jahren aufwärts wurde ein Photo angefertigt und mit Nummer und Datum versehen. Danach wurden die notwendigen Dokumente ausgehändigt. S. 6/28 Photos: Mein Vater, 44 Jahre, Władysław Steć Meine Mutter, 46 Jahre, Jósefa Steć Meine Schwester, 14 Jahre, Teresa Steć Mein Bruder, 16 Jahre, Stanisław Steć Alle mit Fotos AEL Erfurt (vermutlich Ausländererfassungslager Erfurt) – der Vater und Bruder mit Datum 8.8.44 und den Nummern 33/434 und 33/439, die Schwester u. vermutlich auch die Mutter mit Datum 9.8.44 und den Nummern 33/576 u. 33/575 – also vermutlich größerer Transport/ Erfassung in dieser Zeit S. 7/27 Abgelichtete Arbeitskarte für ausländische Arbeitskräfte in den besetzten Ostgebieten auf den Namen Stez, Jusefa, beschäftigt als Metallhilfsarb., 23 A5 Arbeitsbuch-Nr. A 230/Ka.4189 Arbeitsstelle Reimahg Kahla Personalst. Großeutersdorf Eingestellt am 14.8.44 Ausgestellt am offenbar Dez. 44 Arbeitsamt Jena S. 8/27 Arbeitskarte für meinen Bruder Stanisław Steć, 16 Jahre (Pol.Präs.Erfurt) S. 8/27 Im Übergangslager in Erfurt waren wir nur vier Tage und Nächte. So lange wie ich leben werde, solange wird mir dieses Lager in Erinnerung bleiben, dem im Vergleich zum Posener Lager herrschte hier ein unbeschreiblicher Schmutz. Wir schliefen auf einstöckigen Pritschen. Nach Erlöschen der Beleuchtung attackierten die Wanzen die Schlafenden in der Baracke, indem dieses Ungeziefer sich von der Decke auch das Gesicht und den ganzen Körper herabließ. Aus Erinnerung weiß ich noch, dass wir deshalb vor der Baracke nach draußen unter freiem Himmel schlafen gingen. Das Wetter war und glücklicherweise gnädig. Die nachfolgende Etappe der Reise, es war die letzte, die Reise in das Lager der Reimahg2 (Baulager 2) in Orlamünde, Kreis Stadtroda. Im Umkreis von einigen Kilometern um das Dörfchen Orlamünde befanden sich Zwangslager, in welchen polnische Zwangsarbeiter sowie auch Zwangsarbeiter anderer Nationalitäten untergebracht waren. Lager Nr. 3 – Ukrainer. Über die Reise in das Lager, in welchem wir gezwungen waren, neun Monate zu leben, erinnere ich mich in so weit, dass wir von Erfurt nach Kahla, der Stadt, die dem Lager am nächsten war (5 Kilometer) wurden wir mit Personenwaggons befördert und von Kahla zum Lager gingen wir zu Fuß. Unser Gepäck wurde auf Fahrzeuge verladen und am darauffolgenden Tag zu uns ins Lager gefahren. Nichts war verloren gegangen. Als wir in das Lager eintrafen, war es bereits dunkel geworden. Niemand wusste, wo wir uns befanden. Man zeigte uns die Baracken, in denen wir nun wohnen sollten. Das Lager 2 Reimahg war im Walde am Hang eines nicht allzu hohen Berges 1 km vom Dorf Orlamünde entfernt gelegen. Erbaut worden war das Lager kurz vor unserer Ankunft mit der Bestimmung als Unterkunft für etwa 3000 Zwangsarbeiter. Wir wurden in den neuen Baracken untergebracht, die auch mit neuen Pritschen zum Schlafen ausgestattet waren. S. 9/27 Zu den wichtigsten Punkten auf dem Gelände des Lagers gehörten die Wohnbaracken, die Verwaltungsbaracke, das Krankenzimmer, ein riesengroßer Speiseraum neben der Küche, die Wirtschaftsbaracke, gemeinsame Waschräume mit nur kaltem Wasser aus den Hähnen, lange Korridore und die Aborte als zunächst nur ausgehobene Vertiefungen und eine Sitzstange darüber. Das Lager besaß eine Toreinfahrt, blieb aber bis zum Ende seines Bestehens nicht völlig eingegrenzt. Der Blick aus dem Lager auf die unmittelbare Umgebung war wunderschön – Wälder, Berge. Eine über dem Saalefluss hängende Brücke, kleine Dörfer an den Hängen der Berge mit Gebäuden, die mit roten Ziegeldächern gebaut waren und von einer Anhöhe, schaute man in Richtung Kahla, war ein herrliches Schloss zu sehen, ein Anblick, der nicht nur einen jeden von uns in Entzücken versetzte. Zwei Abdrucke von Photos der Leuchtenburg bei Kahla Wie sehr hätte ich seinerzeit gerne in der Nähe dieses Schlosses verweilen wollen. S. 10/27 5. Welcher Art waren die Einquartierungen in den Lagern? In welchem Zustand waren die Quartiere? In den Barackenräumen (Stuben) ebenso auch in den Durchgangslagern von Poznań, Erfurt wohnten mehrere Familien zusammen – Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Ein jeder der Bewohner erhielt eine Pritsche. Meine Familie war im Besitz von zwei in segmentartiger Anordnung stehenden drei Pritschen (eventuell gemeint zwei dreisegmentige Pritschen? M.B.). Der Durchgang zwischen ihnen betrug nicht mehr als 1 m. Die Quartiere in den zuvor erwähnten Lagern waren in einem sehr schlechten Zustand. Durch diese Lager wurden sehr viele verschiedene Menschen hindurch geschleust. Infolge einer derartigen Dichte war es schwierig, die notwendige Sauberkeit aufrecht zu erhalten, insbesondere auch auf Grund der Tatsache, dass außer den Schlafstellen kein weiteres Mobiliar vorhanden war (Tisch, Hocker, Schrank). Das fehlen entsprechender Bedingungen zur Aufrechterhaltung von Ordnung war auch die Ursache dafür, dass sich Wanzen und Läuse ausbreiten konnten (Erfurt). Im letzten Lager Reimahg 2 war alles, wie ich bereits ausgeführt habe, neu – Die Baracken, die Schlafpritschen, die gemeinsamen Waschräume, die Latrinen und im späteren Aufenthalt auch die Klosetts. Nach Ankunft in unserem Aufenthaltsort waren wir demzufolge angesichts derartiger Bedingungen angenehm überrascht. S. 10/27 6. War die Baracke in hinreichendem Maße mit Brennmaterial versehen? Gab es die erforderliche Anzahl an Decken bzw. andere Materialien. In welchem Zustand waren sie? Im Herbst erhielt jeder von uns eine Wolldecke. Diese waren keineswegs abgenutzte aber auch keine neuen Decken. Ausser diesen Decken erhielten wir nichts Weiteres zum schlafen. Wir erhielten für jede Pritsche Holzhobelspäne auf denen wir schliefen. Es gab weder Stroh noch einen Strohsack. Im Winter, der in diesem Jahr ausnahmsweise mild war, bedeckte man sich zusätzlich mit den eigenen Sachen der getragenen Kleidung (Mantel, Jacke, Schal). Die Baracken waren nicht mit Brennmaterial versehen. In der Mitte des Raumes stand ein eisernes Öfchen, in welchem mit im Wald gesammeltem Holz geheizt wurde. Mehrere Male habe ich persönlich eine vertrocknete dünne Kiefer abgeholzt, und auf diese Weise verschafften wir uns Brennmaterial. S. 10/27 – 11/27 7. Wie war die Verpflegung? Gab es eine abwechslungsreiche? In welcher Weise und wann erfolgte die Zuteilung der Lebensmittel? Die Ernährung war nahezu immer die gleiche. Eine warme Mahlzeit in Form von Malzkaffee und eine Suppe vorwiegend aus Kohlrüben wurde im Lager täglich verabreicht. Frühmorgens gab es nur schwarzen heißen Kaffee, abends nach der Arbeit Suppe, Brot, Margarine oder Marmelade für den nächsten Tag. Die Nahrungsrationen bestanden im Folgenden: 800 Gramm für sechs arbeitende Personen, für Kinde oder Kranke für zwanzig Personen. So war es am Anfang. Im Dezember 1944 kamen im Lager neue Zwangsarbeiter an (nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes) und die Situation der Verpflegung verschlechterte sich erheblich, denn dieselbe Menge Brot wurde für zehn und für Kinder und Kranke auf zwölf aufgeteilt. Ein halber Liter schwarzer Kaffee für eine Person, ein Liter Suppe zum Mittag, Kinder und Kranke einen halben Liter. Ein Würfel Margarine wurde für 8 Personen aufgeteilt (250 Gramm). Zu Ostern erhielten wir eine Suppe aus roten Rübenblättern, einige Male erhielten wir Erbsensuppe, aber nicht jeder fand ein Kartoffelstückchen darin. Die Zuteilung der Lebensmittel erhielt der Arbeiter nach Rückkehr von der Arbeit. Die Karte für die Lebensmittel bekam der Arbeiter auf der Arbeitsstelle. Falls jemand nicht auf der Arbeit anwesend war, bekam er keine Karte und hungerte am darauffolgenden Tag. Während einer Erkrankung erhielt man eine um die Hälfte verringerte Portion. Das Brot und Margarine hat dann der Brigadeleiter einbehalten und anschließend im Speiseraum an einzelne Personen zugeteilt. IV.Die Zwangsarbeiter der Reimahg. S. 11/27 8. Wann begann die Arbeit für Zwangsarbeiter? Wieviel Zeit benötigten Sie, um zur Arbeitsstelle zu gelangen? Wie sah der eventuelle morgendliche bzw. Abendappell aus? Zur Arbeit wurde früh um sechs Uhr aufgebrochen. Vor dem Speiseraum wurde sich versammelt und nach erhaltenem schwarzen Kaffee und der Anwesenheitskontrolle durch den Leiter der Gruppe wurde zur Arbeit losmarschiert. Die Dauer des Hinmarsches hing von der jeweiligen Entfernung ab. Die einen Arbeiter hatten feste Arbeitsplätze, andere jeweils abhängig von den Erfordernissen am gegebenen Tag. Mein Vater und der ältere Bruder arbeiteten auf dem Gelände des Firma „Links“ (eventuell Lintz? M.B.). Die Mutter arbeitete an verschiedenen Stellen, abhängig von den Erfordernissen. Zuerst arbeitete sie beim Ausbreiten der Erde der Erde aus den Waggons, die von den Bauern auf ihre Ackerbaufelder gebracht wurden, ein anders Mal arbeitete sie auf dem Gelände der Fabrik bei Aufräumungsarbeiten. Die Schwester arbeitete in der sogenannten „Aufbewahrung“ für kleine Kinder im Lager, ein anderes Mal hat sie beim Kartoffelschälen in der Stadt Kahla geholfen (5 Kilometer Anmarschweg in eine Richtung). Zur Fabrik marschierte man etwa 1 Stunde als Marsch über Treppenstufen auf dem Berg. Morgenappelle sowie Abendappelle gab es nicht. Das Terrain auf dem Lagergelände erwies sich als ungeeignet, es fehlte ein geeigneter Appellplatz, es gab auch keine Notwendigkeit dafür. 9. Welcher Abteilung der Reimahg wurden Sie zugeteilt? Änderten sich im Verlauf der Arbeit die Aufgaben, die von Ihnen verrichtet werden mussten? Die Aufgaben wurden entsprechend der Erfordernisse zugeteilt. Dies traf für die Arbeiter ohne Qualifikation zu. Die Spezialisten wurden in anderen Betrieben eingesetzt. S. 11/27 – 12/27 10. Wie groß war der mit der Arbeit verbundene Stress? Inwieweit wurde die Arbeit kontrolliert? Wie mein älterer Bruder die Arbeit in Erinnerung hatte, verschaffte einem die Arbeit nicht die geringste Annehmlichkeit oder Befriedigung. Sie erforderte vom Arbeiter eine enorme physische Anstrengung, dabei ließen die Kräfte immer mehr nach, sie erforderte Geschicklichkeit, war schwierig auszuführen und von einer vorbereitenden Schulung war keine Rede. Der Arbeiter war demzufolge an der Verrichtung der Arbeit wenig interessiert, er dachte ständig an das Essen oder daran, wie man sich ausruhen kann und die Kräfte regenerieren könnte. Der Hunger ließ keine Leistungssteigerung aufkommen. All diese erwähnten Faktoren führten bei den Zwangsarbeitern zu einer verstärkten Wachsamkeit. Angestrengt beobachteten sie die um sie sich vollziehenden Veränderungen und waren auf sicheres Verhalten bedacht. Sie nahmen eine abwehrende Haltung ein und waren darauf bedacht, keineswegs den Zorn der Arbeitgeber herauszufordern oder Gelegenheiten für eine kurze Erholungsphase in einem seitlich stillen Plätzchen aufs Spiel zu setzen. Im Endresultat waren sie gegen allem, was um sie herum geschah, gleichgültig. Wie mein Bruder berichtete, waren so manche Arbeiter wenig gesprächig und verhielten sich völlig gleichgültig, was mit ihnen geschah. Eine jede Arbeitsgruppe hatte ihren Leiter beziehungsweise Brigadeleiter, die von ihren Untergebenen durch ein jeweils mehr oder weniger rigoroses Handeln die erforderliche Ausführung erzwangen. 11. Welchen Eindruck machten auf Sie die ihrer Herkunft nach deutschen Brigadeleiter oder die von anderer Herkunft? Wie behandelten die Brigadeleiter von nicht deutscher Herkunft die Menschen aus ihrem eigenen Land? Mein älterer Bruder berichtete, dass er einen deutschen Brigadeleiter hatte, der den Bruder mochte und ihm häufig von zu Hause belegte Brötchen zum Essen mitbrachte. Nie hörte ich, dass er auf ihn geschimpft hätte. Die Schwester berichtete, das, wenn der Lagerführer ihr erlaubte, Holz zum Beheizen der „Aufbewahrung“ für die kleinen Kinder zu sammeln und ein anderer dies beobachtete haben sollte, sie dann das Holz wegwerfen musste. Die Mutter berichtete, dass der deutsche Meister in seinem Verhalten zu den Arbeitern in Ordnung war, er war vernünftig, gestattete sich während der Arbeit auszuruhen und hat seine Arbeiter nie beleidigt oder erniedrigt. In unserem Lager hatten Deutsche und Ukrainer die Aufsicht. Die Ukrainer übten die Rolle als Aufseher im Lager aus, der Pflegerinnen in der Krankenstube und der Hauswarte für Ordnung. Sie verhielten sich unterschiedlich zu den Arbeitern. Die einen waren wohlwollend, andere feindselig. Nach der Befreiung der Lager wollte man einige durch Selbstjustiz bestrafen. Wie es halt auch im Leben ist, es gibt gute und schlechte Menschen. Dies sind die Erinnerungen meiner Allernächsten. Beachtenswert wäre noch die Tatsache, dass die Lageraufseher nicht auf dem Terrain des Lagers wohnten, sondern kamen zur Arbeit aus dem Lager Nr. 3 oder aus der Stadt Kahla. 12. Welche Vergütung erhielten Sie? Konnten Sie sich davon etwas kaufen? Ich kann mich nicht entsinnen, und es kann sich auch meine ältere Schwester nicht daran erinnern, ob den Arbeitern für die Arbeit im Lager etwas gezahlt wurde. Besaß man etwas Geld, konnte man es ohnehin nirgendwo ausgeben, und wofür sollte man es eigentlich auch tun. Im Lagergelände gab es nicht einen Verkaufsladen. In der Nähe des Lagers gab es ein Restaurant, aber nicht für die Zwangsarbeiter. Es ist mir auch nicht bekannt, dass irgendwer jemals Einkäufe in Kahla gemacht hätte. V.Das tägliche Lagerleben S. 12/27 – 13/27 13. Konnten die Zwangsarbeiter der einzelnen Lager persönliche Kontakte unterhalten? Inwieweit konnte man sich frei bewegen? Das Leben im Lager vollzog sich in gleichförmiger Weise. Von Montag bis Samstag herrschte der zwölfstündige Arbeitstag. Den freien Sonntag nutzte man zur Erholung und zur persönlichen Hygiene. Meine Eltern mussten sich wie auch andere mit den Kindern beschäftigen, das ganzkörperliche Waschen unter schwierigen Bedingungen bewerkstelligen, die Leibwäsche auswaschen und entlausen – alle hatten Läuse. Für die Eltern war es auch die einzige Gelegenheit mit den Kindern zu sprechen, ihnen Ratschläge für das Verhalten in den jeweils darauffolgenden Wochen zu erteilen. Im anfänglichen Zeitabschnitt musste ich, während die Eltern auf Arbeit waren, die Betreuung der jüngsten Schwester (4 Jahre) übernehmen, obgleich ich eigentlich noch selbst Betreuung bedurfte. Später war die Schwester in der sog. „Aufbewahrung“ für die Kleinsten untergebracht. Hier muss ich ausführen, dass der Sonntag als einziger Tag der Woche den Eltern für den Kontakt mit ihren Kindern verblieb, denn wenn sie zur Arbeit aufbrachen, schliefen die Kinder noch, und wenn sie von der Arbeit zurückkehrten, schliefen sie bereits. Am schwierigsten ging es jenen Menschen, die einsam ohne Familienangehörige leben mussten. Sie konnten auf keinerlei Hilfe seitens anderer Personen rechnen, hinsichtlich des Wäschewaschens, des Zusammenflickens ihrer Kleidung und des sich mit Teilen der Nahrung Aushelfens. Betreffs von Besuchen aus anderen Lagern möchte ich zum Ausdruck bringen, ein solches Bedürfnis lag keineswegs vor. Es gab zwar kein rigoroses Verbot hinsichtlich des sich außerhalb des Lager Begebens, aber außerhalb des Lagers Angetroffene konnten bestraft werden – in welcher Weise ist mir nicht bekannt, denn von einem solchen Vergehen habe ich keine Kenntnis erfahren. Es bestand auch deshalb kein Bedürfnis, ein anderes Lager aufzusuchen, denn in den anderen Lagern lebten Menschen anderer Nationalitäten (Ukrainer, Russen, Belgier oder Italiener). Sich in die umliegenden Dörfern außerhalb des Lagers zu begeben, dazu hatte man keinen Mut, denn erstens war man der Sprache nicht mächtig, zweitens war es gefährlich angesichts der deutschen Jugend, die von der Hitlerjugend organisiert war und imstande war, einen mit Steinen oder Dreck zu bewerfen (derartige Vorfälle gab es). Drittens gestatteten die besessenen Dokumente nur die jeweils ausgewiesene Erlaubnis und viertens mussten die Ausländer die auf der Kleidung aufgenähte Kennzeichnung tragen – wodurch man in unserem Fall mit dem Buchstaben „P“ gekennzeichnet war. Betreffs meiner bescheidenen Person (11 Jahre) und meiner Wanderungen außerhalb des Lagers, darüber werde ich später ausführlich schreiben. S. 13/27 Ausdruck des für das Lagers verbindlichen Dokuments für Jósefa Steć (Geburtsjahr offenbar falsch – auf dem Dokument (19)00, Name Jusefa Stes Reimahg Stelle 0 1347, gültig bis 1.6.45 S. 14/27 Dieses Zeichen mussten die Polen auf ihrer Kleidung aufgenäht tragen. 14. Haben Sie beobachtet, ob irgendwelche Gruppen von Zwangsarbeitern schlechter oder besser behandelt wurden? Auf diese Frage gab meine Schwester folgende Antwort. In unserem Lager waren nur Polen. Die leitenden Personen waren vorwiegend von Ukrainern oder Volksdeutschen aus Schlesien besetzt. Polen haben ebenfalls einige Funktionen ausgeübt, z.B. die eines Gruppenleiters, wenn sie insbesondere die deutsche Sprache beherrschten. Angesichts dieser Sachverhalte kann eingeschätzt werden, dass die Ukrainer jene Gruppe darstellten, die unter den Deutschen das größte Vertrauen und Achtung genossen. VII.Das Verhalten der Aufseher, Funktionäre und der Zivilbevölkerung S. 14/27 15. Haben Sie Erinnerungen an Aufseher und Wärter? Welcher Nationalität waren die Wärter in Ihrem Lager? Wie war im Allgemeinen ihr Verhalten? Hinsichtlich der Nationalität der Wärter und Lager-Funktionäre habe ich bereits auf die Frage unter 14 Ausführungen gemacht. Was ihr Verhalten anbetraf, so war es verschieden. Es hing von der Person ab, die eine solche Funktion ausübte. Die einen waren verständnisvoll, andere feindselig und überreagierend. Die einen bemühten sich irgendwie mit den Untergebenen zusammen zu leben, andere wollten ihre Macht demonstrieren. Wie es eben auch im Leben zugeht. An Namen von Aufsehern und Funktionären erinnert sich meine Schwester nicht mehr. Ich war Augenzeuge eines Vorfalls, als es einem der Zwangsarbeiter nicht mehr gelang, den Abort zu erreichen und er daher seine Notdurft unter einem Baum verrichtete. Er muss wohl krank gewesen sein und das Aufsuchen des Abortes bereitete ihm Schwierigkeiten. Die Entfernung vom Ort des Geschehens bis zum Abort betrug etwa 300 Meter. Während des Verrichtens seiner physiologischen Tätigkeit wurde er von einem Lageraufseher gesehen. Daraufhin hielt er ihn fest und befahl ihm seine Exkremente wegzuräumen. Das wäre keineswegs tadelnswert gewesen, hätte er ihm erlaubt, dies auf menschliche Art und Weise zu beseitigen, hätte geheißen, irgendein Hilfsmittel zur Beseitigung zu benutzen. An eine Kehrschaufel war im Lager nicht zu denken, aber er hätte ein Stück Papier oder Holzstückchen benutzen können. Das jedoch erlaubte ihm der Aufseher nicht indem er ihn in den Hintern trat und befahl seine Ausleerung in die Hände zu nehmen und zum Abort zu tragen. Diese Szene blieb mir für immer im Gedächtnis haften. Vorkommnisse unmenschlicher Misshandlungen, physischer, moralischer und psychischer Quälerei von Zwangsarbeitern durch Aufseher gab es zweifelsfrei recht häufig. S. 15/27 16. Bestand die Gefahr der Denunziation von Seiten der anderen Zwangsarbeiter? Derartige Vorfälle sind mir nicht bekannt. 17. Waren Sie Zeuge physischer Quälerei oder von Mordtaten? Sind Ihnen Opfer in Erinnerung? Wer waren die Täter? Ich erinnere mich persönlich an einen Vorfall, wo einer der Arbeiter sich nicht normal verhielt. Er konnte nicht in Ruhe an einer Stelle sitzen bleiben. Er riss sich immerfort los und wollte nach irgendwohin weglaufen. Die Menschen hielten ihn fest und beruhigten ihn. Wie ich aus einem belauschten Gespräch von Erwachsenen erfuhr, wurde dieser Mensch mächtig verprügelt wegen gestohlener Äpfel aus einem Garten. Ich weiß aber nicht durch wen – ob durch den deutschen Besitzer des Gartens oder irgendeinen Lagerfunktionär. Was mit diesem Menschen weitergeschah? Ich weiß es nicht. 18. Wie verhielten sich im Umgang mit Ihnen und anderen Zwangsarbeitern die deutschen Arbeiter und Vorgesetzten? Niemand aus meiner Familie beklagte sich jemals über sie, sie sprachen über deren Verhalten zu den Arbeitern eher positiv. Umfassender habe ich auf diese Frage im Punkt 11 geantwortet. S. 15/27 – 18/27 19. Hatten Sie Kontakt mit der dortigen Bevölkerung? Wie verhielt sich die Zivilbevölkerung? Gab es einen Tauschhandel mit der Außenwelt? Wenn ja, inwieweit und in welcher Weise wurde dann Handel betrieben? S. 15/27 – 16/27: Von Anbeginn des Eintreffens im Lager Reimahg-2 im Jahr 1944 begab sich niemand von Angehörigen meiner Familie innerhalb der neun Monate bis zur Befreiung des Lagers nach außerhalb des Lagers, wobei hier der Ausmarsch zur Arbeit unberücksichtigt bleibt. Lediglich mein Vater war infolge des erlittenen Arbeitsunfalls, worüber ich noch zu sprechen komme, im Krankenhaus in Jena. Meine Mutter war seinerzeit einmal in Jena, um ihn zu besuchen. Ich war damals auch mit meiner Mutter in Jena. Ich dagegen habe die umliegenden Dörfer recht häufig bewandert. Ich habe ja nicht gearbeitet, wurde nur gelegentlich zu Aufräumungsarbeiten innerhalb des Lagergeländes „hinzugebeten“. Seinerzeit habe ich nachfolgende Orte wie Orlamünde, Unistad (Dienstädt? M.B.), Reistadt (?), Neusitz, Teichel, Lugete, Kahla besucht. Meine Kontakte mit der deutschen Bevölkerung möchte ich angesichts einiger Vorkommnisse darstellen, die ich selbst erlebt habe. Sie vermitteln eine ausgiebige Antwort auf die gestellte Frage. Mit jedem Tage vollzog sich das Leben im Lager immer schwieriger. Zu allem Überfluss des Bösen erlitt mein Vater einen Unfall während der Arbeit. Seine Hand wurde von einem Steinbrocken getroffen, und infolge von nicht hinreichend vorhandenem Verbandmaterial sowie entsprechender sanitärer Gegebenheiten entstand daraus eine Entzündung. Mein Vater wurde daraufhin in das Krankenhaus nach Jena gebracht, wo ihm der Zeigefinger der rechten Hand amputiert wurde. Nach Rückkehr in das Lager konnte mein Vater nicht mehr arbeiten, das geschah auf ärztliche Arbeitsbefreiung hin, und damit wurde mein Vater auf nur die Hälfte der Lebensmittelration gesetzt. Von nun an waren wir gezwungen, mit dem Vater unsere gemeinsame Lebensmittelration zu teilen. Der Mangel einer entsprechenden Menge der Nahrungsration führte beim Vater zu einem Anschwellen des Körpers. Als elfjähriger Junge brauchte ich nicht zur Arbeit zu gehen, und das gab mir die Möglichkeit, Nahrung herbeizuschaffen. Dazu gab es nicht allzu viele Möglichkeiten. Am ergiebigsten erwies sich das Bettelngehen. Gemeinsam mit meinem Freund, meinem Altersgefährten Kazimierz Grzesiuk begaben wir uns in Dörfer, die fünf und auch mehr Kilometer weg vom Lager entfernt waren. In den am Lager näher gelegenen Dörfern konnte man nichts bekommen, denn es gab zu viele bedürftige in ihrer Nähe, und außerdem war es den Deutschen verboten, Zwangsarbeitern Unterstützung zu gewähren, zum anderen erhielten die Deutschen ihre Lebensmittel nur auf Zuteilungskarten. Wir gingen je nach gegebenen Möglichkeiten recht weit weg, um etwas zu erbetteln, insbesondere etwas zum Essen zu erbitten. Es war dies ein großes Risiko, denn wir ängstigten uns vor der Gendarmerie wie auch vor der deutschen Jugend, die uns häufig aus den Dörfern hinausgetrieben hat. Der Hunger war jedoch stärker als die Angst. S. 16/27 Ereignis 1 Einmal bekamen wir in unsere Brotbeutel einige Brotscheiben, einige abgekochte Kartoffeln und sogar ein Stückchen Kuchen. Wir begaben uns mit der Hoffnung in das Lager zurück, dass unsere Eltern und Geschwister von unserem erfolgreichen Ausflug profitieren werden. Unser Lager befand sich, wie bereits geschildert, im Walde, was uns eine gewisse Sicherheit vor gefahrvollen Personen der Lageraufsicht gab. In einem gewissen Moment trat hinter einem Baum ein bewaffneter Lageraufseher hervor, er hielt uns an und wies uns an, alles aus den Beuteln auf die Erde auszuschütten und sich ins Lager zurück zu begeben. Ungeachtet inständiger Bitten erlaubte er nicht, irgendetwas mitzunehmen. Wir weinten. S. 16/27 – 17/27 Erlebnis 2 An einem anderen Mal betraten wir ein Dorf, das einige Kilometer vom Lager entfernt war. Das Dorf war herrlich auf einem hohen Berg gelegen, aber irgendwie war uns das Glück nicht beschieden, demzufolge beschlossen wir, in das nächste Dorf weiterzugehen, da wir nichts hatten, um ins Lager zurückzugehen. Als wir im Dorf ankamen, tauchte ein deutscher Gendarm auf der Straße auf, rief uns zu sich und los ging das Gespräch. Die deutsche Sprache beherrschten wir nur insoweit wie wir sie benötigten um Brot, Kartoffeln oder Äpfel zu erbitten. Wir konnten in deutscher Sprache bitten, begrüßen und danken. An nichts anderem war uns gelegen. Während wir die Straße entlang gingen, erfasste eine Deutsche unsere Situation und, wie wir vermuteten, wandte sie sich an den Gendarmen, er möchte den Kindern kein Unrecht antun und womöglich die Eltern bestrafen. Unsere Mutmaßungen waren zutreffend. Der Gendarm war angestrengt bemüht herauszubekommen, wie unser Vater heißt, in welcher Firma er arbeitet und in welchem Lager er wohnt. Wir wussten recht gut, welche Konsequenzen unseren Eltern drohten. Mit Mühe antworteten wir auf die gestellten Fragen. Unsere Antworten waren allesamt ausgedacht – erdacht waren Name und Vorname, die Firma, in welcher der Vater arbeitete und auch die Lagernummer, in welchem wir wohnten. Der Gendarm ließ uns davonlaufen. Wir betraten daraufhin keinen weiteren Bauernhof mehr, kehrten schnell ins Lager mit der Befürchtung zurück, der Gendarm möge uns nicht „bitten“ den Weg zu zeigen. In den Brotbeuteln befand sich somit nichts, und ebenso verspürten wir es auch in unseren Mägen. Ich schreibe unter anderem deshalb darüber, weil wir infolge dieses Zwischenfalles am ganzen darauffolgenden Tag im Lager ohne Nahrung verblieben und zwar deshalb, weil dieser Gendarm unter Benutzung der von uns erhaltenen Informationen in dem von uns angegebenen Lager keine Personen mit derartigen Personalien ausfindig machen konnte. Offenbar beschloss er daraufhin, uns in unserem Lager aufzuspüren, indem er die Essensausgabe überwachte. Als wir nämlich den Speiseraum betraten, bemerkten wir am Ausgabefenster, wo die Lebensmittel ausgegeben wurden, den uns bekannten Gendarm. Er stand dort und beobachtete die an das Ausgabefenster Herantretenden. Zu unserem eigenen Schutz und auch unserer Familien von drohenden Konsequenzen mussten wir daher auf unsere Mahlzeiten verzichten. Dieses Geschehen muss ich als dramatische und für mich schreckliche Vorfälle benennen. Nicht immer war es so tragisch. Damit die Erinnerungen an die damaligen furchtbaren Tage objektiv sein sollen, gehört es sich auch, von den besseren Situationen zu berichten. S. 17/27 Ereignis 3 Wir begaben uns in das Dörfchen Unistadt (Dienstädt?) Als wir an den ersten Wirtschaftsgebäuden ankamen, hatten wir das Glück auf einen Gendarmen zu stoßen. Es bot sich keinerlei Chance für eine Flucht. Gehorsam gingen wir daher hinter ihm zu seiner Dienststelle. Die Angst lähmte unser Verhalten. Uns überkamen die schlimmsten Befürchtungen, dass dies das Ende unserer Ausflüge bedeuten würde. Auf dem Hof der Gendarmerie zeigte uns der Vorangehende einen niedrigen Haufen gehackter Holzstücke. Er wies uns an, die Holzstücke an die Wand des Wirtschaftsgebäudes zu stapeln. Er begab sich dann in sein Dienstzimmer und betrachtete uns, wie wir arbeiteten. Wir trugen die Holzscheite, stapelten sie längs der Wand und wagten es nicht uns eine Pause zu gönnen. Nachfolgend fegten wir den Hof zusammen und begaben uns in das Dienstzimmer in Erwartung des Allerschlimmsten. Welch ein Erstaunen ergriff uns, als er uns nichts Schlimmes antat und uns von seinem Frühstück mit belegten Brötchen mit Mettwurst zum Essen ermunterte. S. 17/27 Vorkommnis 4 An einem anderen Mal kehrten wir aus einem Dörfchen heimwärts, in welchem man nichts erbetteln konnte, weil dort deutsche Soldaten untergebracht waren. In unseren Brotbeuteln hatten wir nichts. Unser Heimweg ins Lager führte an einem Feld vorbei, auf dem Deutsche Kartoffeln ernteten. Nein, nein – keineswegs hier etwas ergattern. Für Diebstahl von landwirtschaftlichen Früchten konnte es einem schwer zu stehen kommen. Beim Stehlen ertappte Arbeiter wurden verprügelt. Wir grüßten die arbeitenden Deutschen und ohne, dass wir darum gebeten wurden, nahmen wir uns Körbe und halfen beim Kartoffeln einsammeln. Die Deutschen beobachteten uns. Es rückte die Vesperbrotzeit heran. Die Arbeitenden setzten sich auf ein Strohbündel, verspeisten Gebäck „Kuchen“ und tranken dazu süßen Milchkaffee. Ich und mein Kollege, wir befassten uns weiterhin mit dem Einsammeln von Kartoffeln. In einem bald darauf folgenden Augenblick hörten wir, dass man uns herbeirief. Wir näherten uns ihnen. Man reichte jedem von uns ein Stück Kuchen und einen Becher herrlichen Kaffees mit Milch. Das fanden wir als ein wunderbares Gastmahl. Nach dem Verspeisen des Kuchens und ausgetrunkenem Kaffee wollten wir noch weiter arbeiten, der Landwirt jedoch belohnte uns mit einem vollen Brotbeutel Kartoffeln und sagte, wir sollten nun ins Lager heimgehen. Im Lager kochte die Mutter von diesen Kartoffeln für die ganze Familie eine schmackhafte Kartoffelsuppe. S. 17/27 – 18/27 Vorkommnis 5 In einem Dorf betraten wir ein Haus, in welchem ein deutscher Soldat auf Urlaub war. Er saß am Tisch und verspeiste eine Mittagsmahlzeit. Beim Anblick auf uns, sprang er vom Tisch auf, und mit lautem Geschrei trieb er uns aus dem Haus. Während wir wegrannten und noch auf dem Hof waren, hörten wir eine Frauenstimme. „Kinder, Kinder kommt mal her.“ Auf diesen Zuruf hin kehrten wir zurück. Dies rief uns die Mutter des Soldaten zu. Die Sprache kannten wir natürlich nicht, aber wir begriffen, dass ihr Verhalten zu uns von freundlicher Gesinnung war. Wir bekamen von ihr Äpfel, einige Kartoffeln und ein Stück Kuchen. Und obendrein bekamen wir von ihr auch noch einen Teller Rindfleischsuppe mit Nudeln. Wir saßen in einem Vorzimmer an einem kleinen Tisch und aßen etwas, wovon im Lager nicht einmal geträumt werden konnte. Die ganze Zeit sprach die Deutsche auf ihren Sohn ein. Ich kann mir nur denken, dass ihre Worte eine mütterliche Erziehung darstellten. Der Soldat saß dabei ganz ruhig. S. 18/27 Vorkommnis 6 Die Belieferung der Kantine für die Versorgung des Lagers erfolgte von der Stadt Kahla aus. Der deutsche Belieferer der Kantine war eines Tages augenscheinlich gezwungen, die Wurstwaren aus dieser Stadt mit einem Handwagen durchzuführen. Das war ein kleiner vierrädriger Wagen, wie er in dieser Region üblicherweise genutzt wurde. Vier Räder, Sprossenleitern an den Seiten, eine Deichsel und zwei Gurte für die Personen zum Ziehen des Wagens. Der Deutsche erwählte mich und meinen Kollegen, dass wir diesen Wagen in die Stadt Kahla ziehen sollten. Darüber waren wir sogar sehr erfreut. War es doch immer eine Abwechslung und eine Möglichkeit, die Stadt sehen zu können. Der Deutsche ging vorneweg, wir beide mit dem Wagen hinter ihm her. Die Straße war ganz eben, asphaltiert, die Aussichten herrlich. Auf unserer linken Seite war ein Berg, in dessen Tunnel die Fabrik untergebracht war, auf der rechten verliefen Eisenbahnschienen, dann ein Fluss, und weiter weg lag ein Dorf. Als wir in Kahla an irgendeiner Straße ankamen, ließ er uns beim Wagen stehen und ging allein die notwendigen Formalitäten zu erledigen. Wir standen und warteten auf seine Rückkehr. In einem bestimmten Augenblick hörten wir eine Frauenstimme. Diese rufende Stimme galt uns. Als wir in die Richtung schauten, aus der der Ruf kam, erblickten wir eine Deutsche, die bemüht war, mit uns in Blickkontakt zu kommen. Nach Erlangung der Gewissheit, dass wir sie sehen, warf sie uns ein kleines Päckchen zu und schloss sehr schnell ihr Fenster. Im Päckchen befanden sich zwei große mit Blutwurst belegte Brötchen. Wir aßen sie ganz schnell auf. Waren es doch einige Kalorien mehr für unseren ausgehungerten Organismus. Der Wagen wurde sodann mit Wurstwaren beladen. Die Rückfahrt war für uns anschließend außerordentlich angenehm. Mit meinem Kollegen verabredeten wir, dass wir uns beim Ziehen des Wagens abwechseln werden. Einer wird ziehen, der andere hinterherschieben. Der von hinten Schiebende befand sich in der günstigen Situation, denn begünstigt durch dem Umstand, dass der Deutsche immer vorneweglief und sich nicht nach hinten umschaute, konnte der hinten Schiebende, keineswegs zum Nachteil des Reiches – so nehme ich an – feststellen, von welchem Geschmack die Wurst jeweils war. Jeder Tag des Lagers war reich an Ereignissen, einige waren wichtig, andere waren es weniger, einige unangenehm, andere angenehm – in der Summe meine ich, habe ich wohl die wichtigsten, die man niemals vergessen wird, dargestellt. Betreffs des Austauschhandels kann ich nichts niederschreiben. Offenbar gab es diesen gar nicht, denn womit sollte man schon handeln? S. 18/27 20. Gab es Fluchtversuche aus dem Lager? Mit welchen Maßnahmen wurden die eingefangenen Flüchtlinge bestraft? Uns sind derartige Vorkommnisse nicht bekannt. VII.Medizinische Versorgung und Tod S. 18/27 – 19/27 21. Was geschah im Erkrankungsfall und bei körperlichen Verletzungen? Welche Erfahrungen haben Sie mit der medizinischen Versorgung insbesondere in den Krankenstuben der Lager gemacht? In unserem Lager gab es eine Krankenstube, es gab einen Arzt und Krankenschwestern. Wie meine Schwester aus Erinnerung weiß, waren Ukrainerinnen als Krankenschwestern tätig, welcher Nationalität der Arzt war, kann meine Schwester nicht sagen. In den Krankenstuben konnte man erste Hilfe erhalten. Im Fall einer Erkrankung erhielt man eine Arbeitsbefreiung. Bei einer geringfügigen Erkrankung kehrte der Erkrankte in die Baracke zurück und verblieb dort bis zur Widergenesung. Wenn der Organismus die Krankheit besiegte, überlebte man, wenn nicht, dann kannte man alles Weitere. Mein Vater erhielt nach dem erlittenen Arbeitsunfall im Anfangsstadium nicht das entsprechende Medikament, aber vielleicht hat er sich auch zu gar keinem Arzt anfangs begeben, weil er annahm, es sei nur eine geringfügige Verletzung und später, als die Wunde nicht verheilte und es zu einer Entzündung kam, war es für die Ausheilung bereits zu spät? Er erlitt eine Einweisung in das Krankenhaus nach Jena, wo bei ihm, wie ich bereits berichtet habe, eine Amputation des Zeigefingers der rechten Hand vorgenommen wurde. Heute denke ich, dass mein Vater diese Verwundung auf die leichte Schulter genommen hat und selbst vorhatte, die Heilung Zustandebringen zu können, denn er wollte auf keinen Fall die volle Lebensmittelration einbüßen und beabsichtigte lieber zur Arbeit zu gehen. Es ist mir in Erinnerung, dass in unserem Barackenraum eine Frau ein Kind zur Welt brachte ohne die Hilfe eines Arztes in Anspruch zu nehmen. S. 19/27 – 20/27 22. Ist Ihnen etwas über die Sterblichkeit im Lager bekannt? Haben Sie einen Ihnen nahe stehenden oder bekannten Menschen verloren? Es ist heute schwierig, die Anzahl oder den prozentualen Anteil derjenigen Personen zu bestimmen, die verstorben sind. Die Menschen verstarben im Allgemeinen nach mehreren Monaten Zwangsarbeit infolge Überforderung, aus Hunger und auf Grund unzureichender ärztlicher Betreuung. Wenn man erkrankte, erhielt man eine sofortige erste Nothilfe – es war zwar eine Art von Hilfe, der Erkrankte überlebte jedoch meistens nicht. Woran sich meine Schwester erinnert, es starben die Menschen in den Baracken, auf dem Weg zur Arbeit, während der Arbeit – eigentlich überall. Je näher das Ende dieser Knechtschaft herankam, umso mehr häuften sich die sterbenden Menschen. Sogar in den ersten Tagen der Befreiung verstarben einige Menschen infolge ungeeigneter Ernährung. Sie verschafften sich Fleisch, und mit Verzehr dieses bekamen sie eine Darmverschlingung. Die Verstorbenen beerdigte man außerhalb des Lagers, ohne Sarg, der Leichnam wurde in ein von Mitgenossen ausgehobenes Erdloch unter niedergelegt. Diese Gräber existieren noch bis in die Gegenwärtige Zeit unter dem Verlauf einer Starkstromleitung. Neben dem Lager verlief eine solche Stromleitung. Heute ist dort eine Gedenktafel zu sehen. S. 19/27 Abbildung der Gedenktafel: Ihre Opfer mahnen Unseren Toten zum Gedenken Ihren Mördern zu Schande Den Lebenden zur Mahnung Ob eine Exhumierung nach der Befreiung vorgenommen wurde, weiß ich nicht, aber ich könnte die Stellen der dort Begrabenen aufzeigen. Meine Familie kehrte in ihrer Gesamtheit glücklich nach Polen zurück. Die allernächsten Bekannten kehrten ebenfalls aus dem Lager zurück. VIII.Die Entlassung – Befreiung S. 20/27 23. Wurden Sie von den Deutschen in den letzten Kriegstagen aus dem Lager evakuiert? Wenn ja, welche Zustände herrschten während des Marsches? Es kam das Jahr 1945. Der Winter war für uns alle ein recht milder, denn es gab keine starken Fröste. Von einer Beendigung des Krieges war im Lager nichts zu hören. Das Leben war weiterhin schwierig. Allein die sich häufenden Luftangriffe auf die deutschen Städte konnten in einem die Vermutung aufkommen lassen, dass sich das Ende des Krieges nähern würde. Es war zu hören, wie Weimar und Jena bombardiert wurden, im März gab es zwei Luftangriffe auf den Berg, wo die Gefangenen aus den umliegenden Lagern arbeiteten. Nach dem zweiten Luftangriff, einem sichtbar erfolgreichen, verfiel die Arbeitsdisziplin in eine Unordnung, es gab sogar Tage, an denen die Gefangenen nicht zur Arbeit geführt wurden. Am 11. April wurde verkündet, dass das Lager evakuiert wird. Es sollten die persönlichen Sachen mitgenommen werden – eigentlich gab es kaum etwas mitzunehmen, und gegen Abend sollten sich alle vor dem Ausgangstor einfinden. Es bildete sich eine mächtige Marschkolonne. Erwachsene, Alte und Kinder und wir marschierten in Richtung des Dörfchens Orlamünde. Es gab allerhand Konvoibegleiter. Sie waren bewaffnet und wirkten genervt. Die außerordentlich große Marschkolonne bewegte sich nur langsam, die Menschen hatten nicht hinreichend Kraft für einen schnelleren Marsch. Das rief bei den Konvoibegleitern Wut hervor, es waren Schreie zu hören, Antreibergebrüll und es fielen sogar Schüsse. Alle überfiel große Angst vor der Ungewissheit. Kinder weinten verängstigt vor Dunkelheit und angesichts einer Situation, in welcher sie sich bislang noch nie befanden. Die erwachsenen Menschen orientierten sich ziemlich schnell, dass es nicht mehr allzuviel Konvoibegleiter mehr gab und sich mit dem Eintritt der Dunkelheit die Möglichkeit der Flucht ergäbe. Herr Naglik, ein Mitzwangsarbeiter, schlug meinen Eltern und anderen ihm gut Bekannten die Flucht aus der Marschkolonne in den Wald vor. Wir marschierten auf einem Feldweg in Richtung auf den Wald zu. Wir flüchteten in eine dichte Schonung und verblieben dort zwei Tage und Nächte. Niemand suchte uns und, wie sich später erwies, waren die Konvoibegleiter nach einigen Stunden des Marsches bereits geflüchtet und überließen die Menschen der Straße. Die meisten Familien kehrten in das Lager zurück. Im Wald, wo wir uns versteckt hatten, ging es uns einigermaßen gut. Wir schliefen auf der trockenen Waldbodenschicht und bedeckten uns mit der eigenen Kleidung. Beim Herausführen aus dem Lager erhielten wir von den Deutschen nicht einmal ein Stück Brot. Nach den beiden Tagen und Nächten waren wir bereits so hungrig, dass wir beschlossen, in das Lager zurückzukehren. Im Lager waren schon keine Deutschen mehr. Gleich an der Küche fanden die Menschen Kohlrüben, und von diesen Kohlrüben ernährten sich nun alle. S. 21/27 – 23/27 24. Wo wurden Sie befreit? In welcher physischen Verfassung befanden Sie sich damals? Am 13. April 1945 erblickten wir gegen Abend Panzer, die sich dem Lager näherten. Dies waren Panzer der amerikanischen Armee. Die amerikanischen Soldaten fragten nach den Deutschen, zugleich versicherten sie uns, dass wir nunmehr frei wären und uns vor nichts mehr zu fürchten brauchten. Über die Freude, die seinerzeit unter uns herrschte, werde ich keine Ausführungen machen, denn dazu fühle ich mich nicht hinreichend befähigt. Unsere physische Kondition war damals die miserabelste, die man sich vorstellen kann. Die Schwester weiß heute noch, dass sie vom Bruder aus dem Wald geführt wurde, denn infolge Entkräftung war sie nicht imstande, ohne seine Hilfe ins Lager zu gehen. Die Mehrheit der Mitgenossen dieses Zwangsdaseins befanden sich in einer ähnlichen Situation. Nach der Befreiung des Lagers begann für uns ein neuer Lebensabschnitt. Vom ersten Augenblick an begann für uns die Betreuung. Bis Ende Juni 1945 wohnten wir in den Baracken auf dem Lagergelände. Niemand ging mehr zur Arbeit. Man hat uns verpflegt, und es wurde uns dringend notwendige Kleidung sowie ganz neue Schuhe zugeteilt. Von nun an wurde uns auch eine ständige ärztliche Betreuung zuteil. Ende Juni fuhren wir in das Polnische Lager in Ansbach in Bayern. Im Interesse des Verständnisses unserer Entscheidung, das Lager Reimahg verlassen zu wollen, füge ich hinzu, dass man uns informiert hatte über die Aufteilung Deutschlands in Einflusszonen und das Thüringen der Verwaltung der Sowjetunion unterstellt werden soll. Die Russen kannten wir, daher entschlossen wir uns dieses Terrain zu verlassen. Wir wurden auf einem Terrain von Kasernen untergebracht. Dort erfuhr unser Leben eine weitere Verbesserung. Wir wohnten jetzt schon in Blockhäusern und nicht in Baracken, man behandelte uns medizinisch, es gab hervorragendes Essen, wir erhielten materielle Hilfe verschiedener Art, deutsche D-Mark (wohl eher R-Mark, M.B.), Kleidung. Kleine Kinder erhielten eine Betreuung in Vorschuleinrichtungen und Kinder, die der Schulpflicht unterlagen, konnten die Öffentliche Allgemeine Schule besuchen, die im Lager eingerichtet wurde. In die einzelnen Klassen wurde auf der Grundlage des Alters aufgenommen, nicht entsprechend dem vorhandenen Wissenstand. Damals hatte ich das 12. Lebensjahr beendet und kam somit in die vierte Klasse. Nach einer gewissen Zeit bemerkte der Lehrer, dass ich keinen Buchstaben kannte und auch das Lesen sowie ebenfalls das Schreiben nicht beherrschte, demzufolge wurde ich in die dritte Klasse zurückversetzt. S. 21/27 Dokument für Steć Józefa (Identification Card Nr. 181/II. Des Polish Commitee, Mai 1945 Kahla S. 22/27 Zur Ausreise nach Polen erhielt ich nachfolgende Bescheinigung Bescheinigung Es wird hiermit bescheinigt, dass der Schüler Steć Jan geboren am 8. April 1933 im Kreis Włodzimierz, Wolynien in der Zeit vom 1.07.1945 bis zum 1.09.1945 die 5-Klassenschule der Allgemeinen Schule von Ansbach (Bayern) besucht hat. Der Betreffende war zuletzt Schüler der III. Klasse und erhielt nachfolgende Benotungen: 1.Aufmerksamkeit und Fleiss – gut 2.Verhalten – sehr gut Stempel Klassenleiter Öffentliche Allgemeine Schule des Polnischen Lagers Ansbach Ansbach den 1.9.1945 Leiter der Schule (Unterschrift) S. 23/27 Im Lager Ansbach erhielt jeder ein von der Lager-Behörde ausgehändigtes Dokument A.E.F. D.P. Registration record (hier als Ziel noch Włodzimierz angegeben) Ein weiteres in Ansbach ausgehändigtes Dokument (Camp Bleidorn, DP Ansbach für Steć Jozefa vom 13. Juli 1945 IX.Rückkehr in die Heimat 25. Wann kehrten Sie in die Heimat zurück? Nach einigen Monaten seit der Befreiung des Lagers fassten wir die schlimmste im Leben getroffene Entscheidung, in die Heimat zurückzukehren. In Ansbach schlug man uns vor, nach Kanada auszureisen. Die Liebe zum eigenen Vaterland, zum eigenen Haus und zur heimatlichen Landschaft war der Grund für die obengenannte Entscheidung. Die Eltern wussten nicht, dass unser Włodzimierz nicht mehr zu Polen gehört, dass unser väterliches Haus von Ukrainern bewohnt wird, dass es keine Chance mehr dafür gibt, all das, was wir zum Zeitpunkt der Aussiedlung im Jahr 1944 aufgeben mussten, wieder zu erlangen. Der Zweite Weltkrieg hat meine Familie in Armut gestürzt und war für immer der Grund für den Verlust unserer materiellen Güter und der Gesundheit. Gegen Ende September 1945 brachen wir nach Polen auf. Damit verbunden erlebten wir eine ungeheure Enttäuschung. Meine Familie erhielt von der Staatlichen Behörde für Repatriierung in Katowice ein Dokument, mit dem nichts erledigt werden konnte. Daher entschlossen sich meine Eltern nach einem Aufenthalt in Zamość von 1945 bis 1948 zu einer Reise in die wiedererlangten Gebiete, wo nach einer Ansiedlung in Zielin Miastecki (Zielin und Zamość Z mit Querstrich, M.B.) der Vater eine Beschäftigung im Staatlichen Landwirtschaftsbetrieb fand. Bis zum Tode der Eltern kam uns niemand zu Hilfe, und bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt erhielten wir keine Wiedergutmachung für unsere in Włodzimierz Wołyński zurückgelassene Habe. S. 24/27 Bescheinigung: Staatliches Amt für Repatriierung Abteilung in Katowice Str. Kobylinski 5 Katowice 8.9.1945 An den Reg. Insp. Ansiedlung in Zamość

Quellen und Nachweise

  1. Jan Steć: Erinnerungsbericht, Ausstellung Nebenan: Zwangsarbeit