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Zeitzeugnis

Zeitzeugenaussage Herbert Römer

Erinnerungen an Krieg, Arbeit und das Ende der REIMAHG in Kahla.

Forschungsstand dokumentiert

Forschungsdatensatz

Dokumentierte Angaben

Person
Herbert Römer
Rolle
Angestellter
Ort
Walpersberg / Startbahn
Zeitraum
Februar 1945

Überlieferung und Kontext

Als letztes Aufgebot in Kahla 1945 Herbert Römer Vorgeschichte Wir wohnten in Düsseldorf, als der Krieg ausbrach. Das Wetterleuchten des Unheils begann bereits am 9. November 1938 mit der berüchtigten „Reichskristallnacht“: Bierärschige SA- Leute und fanatische Jugendliche wüteten wie die Berserker und zerstörten die Einrichtung und die Geschäfte jüdischer Mitbürger. Trümmerhaufen lagen vor ihren Häusern. Zwei Jahre später fielen die ersten Bomben. Nun sah es in den Straßen ähnlich aus. Die verängstigten Leute sagten hinter vorgehaltener Hand: „Das ist die Strafe für das, was sie den Juden angetan haben!“ Es wurde dunkel im Reich. Kein Lichtschein durfte nachts nach außen dringen. Die Scheinwerfer der Autos trugen Kappen mit einem Schlitz und schlichen durch die unbeleuchteten Straßen. Später gab es Leuchtplaketten, damit man im Dunkeln nicht aneinander stieß. Hell wurde es nur, wenn die Bombergeschwader Leuchtkugeln und die berüchtigten „Christbäume“ setzten und die bleichen Finger der Scheinwerfer nach den todbringenden Vögeln haschten. Oft war auch danach die Nacht „taghell gelichtet“ und der Tag in Rauch gehüllt. Wir verbrachten die Nächte meist im Luftschutzkeller und gewöhnten uns an ein unterirdisches Leben. Am 11. Juni 1943 wurde es besonders schlimm. Wieder eine Nacht im ausgebauten Luftschutzkeller der gegenüberliegenden Schule. Das Krachen der Sprengbomben und das Belfern der benachbarten Vierlingsflak war die Orchesterbegleitung des Lieds vom Tod. Es hörte nicht auf. Die Luft wurde stickig im gasdichteten Keller. Wir Kinder halfen mit, die Handkurbeln der Lüfter mit den großen Gasfiltern zu drehen. Mein Bewusstsein verengte sich auf starres Warten und unbestimmtes Hoffen. (Diesen Zustand habe ich später noch einige Male erlebt). Plötzlich krachte es dermaßen, das wir die Köpfe einzogen und glaubten, gleich stürzt die Decke auf uns, was dann, Gott sei Dank, ausblieb. Im Morgengrauen kam die erlösende „Entwarnung“. Ich ging mit hinauf in das Schul- gebäude, das innen von Scherben übersäht war. Im 2. Stock entdeckten wir in einem Klassenzimmer einen aufgerissenen Luftschacht, in dem eine Sprengbombe steckte, schätzungsweise eine 100-Kilo-Bombe. Blindgänger oder Zeitzünder? Nichts wie hinunter und hinaus! Draußen Feuersturm. Das Haus, in dem wir gewohnt hatten, und die beiden Nachbarhäuser: Feueröfen. Nichts zu retten! Mein Vater, der als Versehrter des ersten Weltkrieges nicht eingezogen worden war, ging mit uns (meiner Mutter und meinem jüngeren Bruder) durch die brennenden Straßen der Düsseldorfer Innenstadt zur Wohnung der Eltern meiner Mutter, die zur Erholung nach Vacha in Thüringen gereist waren. Ihre Wohnung war zwar nicht zerstört, aber kurzfristig nicht bewohnbar. Mein Vater brachte uns in einem leeren Mansardenzimmer im unbeschädigten Bürogebäude seiner Dienststelle unter. An einer der sonst kahlen Wände hingen drei Glaskästen mit einer Schmetterlingssammlung. Die Kästen mit den toten fragilen Schönheiten waren seltsamerweise unbeschädigt. Der Anblick von unversehrter Zartheit im Chaos beeindruckte mich sehr und ist bis heute nicht verblasst. Mein Vater telegraphierte unsere Lage an meine Großeltern. Diese besorgten uns ein Quartier im Gasthof „Goldener Engel“, wohin uns mein Vater brachte. Er selbst musste wieder zurück nach Düsseldorf und kam bei seiner Schwester unter. Ende Oktober 1943 besuchte er uns wieder in Vacha, musste aber seinen Kurzurlaub aus dienstlichen Gründen abbrechen. Am 13. November erhielten wir ein Telegramm, dass mein Vater und meine Kusine durch einen Bombenangriff am 3. November getötet und meine Tante aus dem verschütteten Keller lebend geborgen worden war. Sie starb ein Jahr später. In Thüringen Nun war an eine Rückkehr in den lebensgefährlichen Westen nicht mehr zu denken. Meine Großeltern und die Restfamilie blieben in Vacha. Das Leben war wieder friedlich. Die beschauliche kleine Stadt mit ihrem wunderschönen Rathaus und die sanften Kuppen des Rhöngebirges ringsum waren an sich schon eine willkommene Abwechslung für Großstadtkinder. (Dass man als Fremdling einige Prügeleien zumindest mit einer ehrenvollen Niederlage bestehen musste, um akzeptiert zu werden, gehört zu unserem steinzeitlichen Erbe). Mein Bruder und ich gingen zur dortigen Oberschule. Diese war im Unterschied zu unserem Gymnasium in Düsseldorf stärker ideologisiert und ritualisiert. Im Treppenhaus hing eine dreiteilige Tafel. Im oberen Teil stand die (Wochen-) „Parole“, im mittleren das „Wochenlied“ aus dem einschlägigen Liedgut, im unteren der „Kernspruch“, der monatlich wechselte. Der Klassensprecher hatte zu Beginn des Unterrichts die Anwesenheit bzw. Abwesenheit militärisch kurz dem Lehrer zu melden und anschließend nacheinander Parole, Wochenlied und Kernspruch sprechen bzw. singen zu lassen. Meine Familie hatte von dem grausamen Kriegsspiel die Nase gestrichen voll. Wir Söhne meldeten uns nicht zum Jungvolk, engagierten uns aber in der Kirche (katholische Diaspora). Ich war bald in meine Klasse integriert, war guter Schüler und wurde sogar zum Klassensprecher gewählt. Nach etwa einem Jahr, im Frühjahr 1944, rief mich der stellvertretende Schulleiter (der Direktor war an der Front) aus der Klasse und brüllte mich an: „Ich habe gehört, du gehst nicht zum Dienst (Jungvolk), du bist ein asoziales Element!“ Er ließ den zuständigen Fähnleinführer rufen und befahl ihm: „Steck den Kerl in deine Truppe!“ Meine Mutter beschwerte sich bei dem Schulleiter, wies ihn auf unsere Opfer im Kriege hin und drohte an, sie werde sich höheren Orts beschweren. Dem tapferen Schulleiter wurde die Sache mulmig. Er entschuldigte sich servil und kleinlaut bei mir, was aber meine Situation nicht veränderte. Ich wurde im Mai 1944, nunmehr 14 Jahre alt, in die Motor-HJ übernommen. (Bei Weigerung drohte Straf-HJ!). Das Schulgebäude wurde Lazarett, der Schulunterricht fand in der alten Volksschule, die um zwei Baracken auf dem Schulhof erweitert worden war, statt, im Schichtbetrieb mit der Volksschule. Die Rituale blieben erhalten, degenerierten aber, z.B. durch Falschsingen, wohl weniger aus ideologischen Gründen als vielmehr, um den Lehrer zu ärgern und den Beginn des Unterrichts hinauszuzögern. Kriegswichtige Einsätze. Briefträger. In den Sommerferien 1944 wurde ich zur Reichspost als Landbriefträger abkommandiert. Zwei Schüler übernahmen je die halbe Tour eines Landbriefträgers, sonst aber mit allen Rechten und Pflichten eines Postbediensteten: Außer Briefen und Päckchen auch Einschreibebriefe und sogar Zustellung von Bargeld („Geldbriefträger“). Entlohnung gab es nicht. Diese Aufgabe war interessant, verantwortungsvoll und sogar schön, z.B. wenn früh am Morgen die Störche in den Werraauen mit Futter für ihre Jungen auf den alten Wehrtürmen starteten. Verladearbeiter Im Herbst 1944 gab es eine Serie von Tageseinsätzen in Merkers, jedoch nicht um Kalisalz zu schaufeln, sondern wertvollere Sachen. In einer leeren Kalisalzhalle lagerten Berge von fabrikneuen Pelzmänteln für die Winterbekleidung von Soldaten, Filzstiefeln und Fallschirmjägermessern. Dies alles sollte unter Tage gebracht werden, weil man in dem bisher von Fernbombern der Alliierten verschonten Gebiet doch mit Angriffen rechnete. Die Berge waren abzutragen und das Material auf Loren zu laden. Mich erstaunte die Menge warmer Kleidung, während die Soldaten an der Ostfront froren. Die Fallschirmjägermesser übten einen unwiderstehlichen Reiz auf uns aus. Diebstahl wäre aber als Sabotage ausgelegt worden mit entsprechenden Folgen. Die Messer sollten dann doch lieber in die Grube fahren. Spätere Einsätze hatten etwas mit Kultur zu tun. In einem ausgedehnten Keller des Kaliwerkes lagerte eine Million Bände (so hieß es) der Preußischen Staatsbibliothek, jedoch nicht fein säuberlich in Regalen, sondern raumfüllend übereinander geschichtet. Der Abbau dieser Masse an Papier und Pergament erfolgte fast bergmännisch. Man watete in alten Folianten, Bibeln in Pergament und Leder gebunden. Ich liebte schöne alte Bücher. Mir tat ihr augenblickliches Schicksal weh. Aber vielleicht entgingen sie da unten den großen Feuerschlägen, deren Wirkung ich ja schon erlebt hatte. Alles musste schleunigst in die Loren und unter Tage. Immer wieder entstanden abseits des „Abbau-Gebietes“ kleine Bücherstapel mit der Anfangssignatur „XY“. Ich inspizierte diese „Separata“ und fand bald die Erklärung für das sonderbare Phänomen: Es handelte sich um Abenteuerromane oder ähnlich reizvolle Jugendliteratur, keineswegs von der Reichskulturkammer ausgewählt. In den Schultaschen oder Brotbeuteln war immer noch Platz. Dem Ende zu In den Folgemonaten wurde es eng im Reich. Am Goldenen Engel zogen endlose Kolonnen deutscher Soldaten vorbei. Die benachbarte Werrabrücke war ein Nadelöhr. Einmal sah ich einen seltsamen Trupp: Soldaten, die sich niederknieten und den Kopf bis auf den Boden neigten, alle in eine Richtung. Das war nicht das Kommando „Volle Fliegerdeckung!“. Als Karl-May-Leser wurde mir klar: Mohammedaner! Wo kamen die her? Ich dachte, der Großmufti von Jerusalem, der Freund Hitlers, habe sie geschickt. (Wahrscheinlich waren es aber Mohammedaner vom Balkan). Eines Tages wurden in den breiteren Straßen von Vacha und am Stadtrand brandneue Flugzeugmotoren mit Zubehör aufgereiht. Einsätze hatten wir hierbei nicht. Wäre auch für 14-16-Jährige etwas zu schwer gewesen. Letztes Aufgebot Ende Februar 1945 wurde es für uns Jungen wieder ernst. Wir wurden zum Rüstungseinsatz in einem unterirdischen Flugzeugwerk nach Kahla für 6 Wochen abkommandiert. Früh morgens ging es mit dem Zug los. Ein mulmiges, seltsam gespanntes Gefühl im Bauch. Ich hatte zwar schon einiges Ungewöhnliche erlebt, war aber nie von der Familie getrennt. Wenn der Zug eine Kurve machte, konnte man den langen Feuerschweif beobachten, den die mit Rohbraunkohle geheizte Lok hinter sich her zog. Im Hintergrund das Morgenrot. Die Erinnerungen an die Feuernächte in Düsseldorf wurden wach. Die Szenerie hatte etwas Unheimliches und verursachte wieder jenen Zustand der starren Erwartung und unbestimmten Hoffnung auf Überleben. In Kahla angekommen legten wir einen längeren Fußmarsch zurück und erreichten ein aufgewühltes Baugelände in Großeutersdorf, das rechts und links von noch im Rohbau befindlichen 2-geschossigen Bauten gesäumt war. Vor uns stand ein Ochsenkarren mit Küchenabfällen. Er wurde von unförmig gekleideten ausgemergelten Menschen umlagert, welche die Abfälle nach noch Essbarem durchwühlten. Sie trugen erdfarbene gesteppte Jacken, an den Füßen keine Schuhe oder Stiefel, sondern Stücke von Zementsäcken, die mit Kordel umwickelt waren. Auf die Jacken war ein blaues Quadrat mit der Aufschrift „Ost“ genäht. Ich hatte zwar schon „Fremdarbeiter“ in Vacha gesehen, der jetzige Anblick versetzte mir aber einen Schock. Wir trugen überwiegend die HJ-Winteruniform. Nach den üblichen Appellen und Instruktionen erhielten wir unsere Zusatzausrüstung: 3 graue Decken und ein Paar Filzstiefel, so weit der Vorrat reichte. Für mich reichte er nicht mehr. Mir blieben nur meine Schnürschuhe. Auf die Dauer gab es ja noch massenhaft Zementsäcke!. Wir wurden tatsächlich in die unwirtlichen Behausungen gesteckt, da wo noch Betten frei waren. Diese waren 3-stöckige roh gezimmerte Gestelle mit Papiersäcken undefinierten Inhalts als Matratze. Fenster mit Glas gab es zwar, aber keine Türen, weder innen noch außen. Ich erhielt mein Koje im obersten Bett am Fenster. Wieder Pech: Die Fenster hatten keine Verdunkelung. Der brutale „Stubenälteste“, der seine Koje an dem (noch) geheizten Ofen hatte, verdonnerte mich, eine Decke für die Verdunkelung des Fensters herzugeben. Die „Stuben“ waren für 19 Mann ausgelegt. In der ersten Nacht wurden wir Neuankömmlinge üblen Späßen („Heiliger Geist“) unterworfen. Es gab ja sonst nichts zu lachen. Am nächsten Morgen ging es zur Baustelle. Nach einer halben Stunde Fußmarsch kamen wir an einem Bergrücken an, der oben merkwürdig abgeplattet war. In etwa halber Höhe war eine relativ breite Terrasse geschaffen worden, wohl teilweise durch Abtragen der Bergflanke, aber überwiegend durch Abkippen von Abraum aus dem Berginnern. Der talseitige Abhang war nicht mehr bewachsen, sondern gelblich-weiß durch das abgekippte Material. Der Berg wirkte verletzt und geschunden. In die Bergflanke mündeten große halbrunde Tunnelöffnungen, an anderen Stellen lehnten sich gewaltige Bunker mit dicken Stahltoren an sie. Ich wurde mit einigen Kameraden am Bau eines weiteren Bunkers eingesetzt. Dieser hatte schon fast die Höhe der fertigen erreicht und war ringsum mit rohen Holzgerüsten umgeben, auf denen zahlreiche Arbeiter werkelten. Es wirkte auf mich wie die Bilder vom Pyramidenbau oder vom Turmbau zu Babel. Unsere Aufgabe war, einen Betonmischer zu füttern. Einen solchen Typ hatte ich allerdings noch nie gesehen. Die Mischtrommel, die ununterbrochen lief, befand sich oben in Höhe der obersten Gerüstbretter auf einem schachtartigen Turm, der aus mehreren kastenförmigen Abschnitten bestand. Diese wurden offenbar je nach Baufortschritt aufeinander gesetzt. Im Innern des Schachts liefen zwei Eimerbagger (Schöpfgefäße an Ketten), ähnlich wie bei den Kiesbaggern auf dem Rhein, die ich als Rheinländer kannte. Die Baggerketten mündeten unten in zwei große Trichter, die in die Erde eingelassen worden waren. Wir hatten nun in einen der Trichter unablässig Sand/Kies zu schaufeln. Die Schaufeln wurden uns zur Verfügung gestellt. Am gegenüberliegenden Trichter schlitzten Zwangs- arbeiter Zementsäcke auf und schütteten den Inhalt in den Trichter. Die Löffelbagger transportierten Sand und Zement aus den Trichtern in die Mischtrommel oben, zu der auch eine Wasserleitung führte. Die Transportgeschwindigkeit der Bagger war wohl so eingestellt, dass im Mischer das richtige Beton-Mischverhältnis eingehalten wurde. Oben fuhren Arbeiter grobe zweirädrige Eisenkarren, die eine halbzylindrische Form hatten und mit einer Griffstange versehen waren, unter die Mündung des Mischers, füllten die Karren und schoben sie auf der Gerüstplattform an die vorgesehene Stelle, wo sie den Inhalt in die Verschalung kippten. So ging es unablässig weiter. Wenn wir unten gestreikt oder zu langsam gearbeitet hätten, wäre das ganze System ins Stocken geraten. Die Arbeit an sich war nicht gefährlich, aber die Bedingungen: Niemand trug einen Schutzhelm, sie wurden uns nicht einmal angeboten. Wir arbeiteten unterhalb einer in großer Höhe befindlichen Maschine mit permanentem Materialumschlag und Fahrzeugbewegungen auf einem nicht gerade modernen Holzgerüst! Fangnetze gab es nicht. Die Zwangsarbeiter mit ihren dicken Fellmützen waren fast etwas besser geschützt als wir mit unseren HJ- „Schimützen“. Der Materialnachschub erfolgte durch die Werksbahn. Ein ganzes Schienensystem war gelegt. Es herrschte reger Verkehr. Die Luft war erfüllt vom Knattern der kleinen schwarzen Dieselloks und dem Dieselqualm. Züge mit Kipploren wurden rangiert. Einmal sah ich, wie einem Zwangsarbeiter ein Bein zertrümmert wurde, weil er dieses nicht rechtzeitig aus dem Bereich der Stoßstangen beim Ankoppeln einer Lorenreihe an einen Zug gehoben hatte. Kein schöner Anblick! (Gevatter Hein war wohl der Arbeitsschutz- beauftragte!). Der Einsatz an dieser Stelle dauerte mehrere Tage. Wir wurden immer wieder durch das Stollensystem geführt. Der Grund ist mir bis heute nicht klar. Kürzten wir so Wege um den Berg herum ab oder war es Propaganda gegenüber den dort schuftenden Zwangsarbeitern nach dem Motto: „Seht her, wir, die Herren, schonen nicht einmal unsere Kinder! Was beklagt ihr euch?“ Wir waren auch Zwangsarbeiter und zwar ohne einen Pfennig Lohn. Offiziell war es „Ehrendienst“, dem aber keiner entkam. Der Leiter des Jugendlagers war eine höhere HJ-Charge mit „Heimatschuss“. Er humpelte an zwei Stöcken meist brüllend durchs Lager und hieß Künast. Er hatte den Spitznamen „Der Vierbeinige“ und war gefürchtet. Nachts mussten Doppelposten (unbewaffnet) um das Lager gehen mit 2-stündiger Ablösung. Einmal wurde auch ich für diesen Wachdienst eingeteilt. „Keine besonderen Vorkommnisse!“ Wer weglief und nach Hause wollte, wurde spätestens am Bahnhof in Kahla wieder eingefangen. Die „Fahnenflüchtigen“ kamen nachts in die Strafbaracke und mussten auf einer Strohschütte schlafen. Mitfühlende Kameraden im oberen Stockwerk sollen Wasser durch die Ritzen gegossen haben, um den Sträflingen einen Gutenacht-Gruß zu senden. (Als ich nach dem Kriege TRAVENs „Totenschiff“ las, auf dem am Ende der Hackordnung die Elenden die noch Elenderen traktierten, wurde ich hieran erinnert). Meine Mutter versuchte vergeblich, unter Hinweis auf unsere personellen und materiellen Kriegsschäden, mich zurückzuholen. Bei den Passagen durch das Stollensystem wurde mir dessen Logik klarer. Tief im Innern des Berges hatten die Stollen etwa die Höhe und Breite eines durchschnittlichen Wohnzimmers. Einige waren noch im Vortrieb. Zwangsarbeiter bohrten mit schweren Bohrmaschinen Sprenglöcher in den Fels. Die Stollen waren nicht abgestützt, wohl, weil bei deren Abmessungen das Gestein selbsttragend war. In den fertigen Stollen wurde bereits technisch gearbeitet. Dieser schmalere Stollentyp mündete in höhere und breitere Stollen, die ausbetoniert waren. Dort wurde an größeren Bauteilen gearbeitet. Aus diesen Stollen gelangte man in eine Art unterirdische Halle, die natürlich auch ausgebaut war. In ihr wurde an großen Flugzeugteilen gearbeitet, Flügel, Leitwerke, Rümpfe. In einer solchen waren auch Triebwerke nebeneinander aufgereiht, schlanke Geräte von Röhren umschlungen. Sie sahen völlig anders aus, als die Kolbenmotoren, die ich in den Straßen von Vacha vorher gesehen hatte. Für kurze Zeit vergaß ich als technisch interessierter Junge die Lagerbedingungen und genoss es, diese wohl geheimen Dinger inspizieren und sogar anfassen zu können. Sie wurden „Turbinen“ genannt. Die fertigen Flugzeuge hießen „Turbinen-Jäger“, nach dem Hersteller Messerschmitt Me 262 bezeichnet. Die hallenartigen Stollen mündeten in die schon erwähnten großen Bunker, in denen die Endmontage der Teile zum fertigen Flugzeug erfolgte. Es hieß, acht solcher Stollensysteme (heute würde man sagen: Produktionsstraßen) seien geplant. Tatsächlich wurde aber nur in einem Strang produziert, andere waren noch im Bau. Aus einer nackten Felswand außen ragten die Mündungen einer Reihe von Rohren, offenbar zur Be- oder Entlüftung. (Nach dem Kriege las ich H.G. WELLS’ „Zeitmachine“ mit den unterirdischen Produktionsstätten und „Untermenschen“ , „Lemuren“, als Arbeitern, kenntlich nur an den Abluftschächten. Ich erinnerte mich an Kahla). Bewacher waren nur wenige zu sehen. Draußen und in den Stollen standen da oder dort „Goldfasane“, politische Leiter, in ihren langen gelbbraunen goldbetressten Mänteln wie stumme Götzen herum. Nur einmal sah ich, wie ein grober Mensch in Wattejacke mit einem Knotenstock auf einen Lorenschieber einschlug. Wahrscheinlich ein Kapo, der sich ein Zubrot verdiente. Bei meinen Arbeiten im Außenbereich am Mischer hatte ich schon einen Schrägaufzug gesehen. Ein normales Eisenbahngleis auf Holzschwellen führte von der Terrasse geradlinig und ziemlich steil zum Bergplateau nach oben. Der eigentliche Aufzug bestand aus dem Chassis eines zweiachsigen Reichsbahngüterwagens, auf das eine horizontale, die Steigung ausgleichende Plattform montiert war. Der so umgerüstete Güterwagen konnte mit einer Seilwinde auf das Bergplateau gezogen werden. Fertige Flugzeuge wurden damit auf die oben angelegte Startbahn befördert. Nach einigen Tagen war es dann so weit. Wir hörten oben auf dem Berg Motorengeräusch, das zunächst nicht besonders eindrucksvoll klang, eher wie ein Sachsmotor. Doch plötzlich röhrte und dröhnte es in der Luft. Als wir in den Himmel über uns blickten, zeigten einige von uns zum Horizont. Dahin raste mit nie gesehener Geschwindigkeit der neue Vogel, der „Turbinenjäger“. Ich war fasziniert. Ich hatte DOMINIKs „Treibstoff SR“, Atomgewicht 500 und ähnliches gelesen und dachte gleich an atomaren Antrieb. Bald erfuhren wir, dass die neue „Wunderwaffe“ 2000 Liter Sprit pro Stunde verpulverte. Die Knappheit dieses gewöhnlichen Treibstoffs war kein Geheimnis. Diese Wunderwaffe konnte das bereits seinem Untergang zu rasende 1000-jährige Reich wohl nicht mehr retten.. Der 2. Start, den wir noch erlebten, war wohl ein letztes Aufbäumen. Unser unwirtliches Quartier war die Realität. Nach 3 Tagen war der Kohlenbunker bis auf den letzten Krümel Rohbraunkohle geleert. Durch die Baracken fegte der kalte nachtfrostige Wind. Die Querbretter aus unseren Bettschragen wurden so weit verheizt, dass nur 3 oder 4 Bretter uns vor dem Durchplumpsen bewahrten. An Körperpflege war nicht zu denken. Ganze zwei Wasserhähne im morastigen Gelände dienten 600 oder mehr Menschen. Die natürliche kalte Zugluft dämpfte zu starke Konzentration menschlicher Ausdünstungen, an die man sich auf die Dauer wohl auch gewöhnen kann. Toiletten gab es in den Baracken nicht. Es gab eine „Toiletten“-baracke. Über einer Grube war eine Bretterplattform angebracht, auf der 12 normale Kloschüsseln („Plumps“-klos) standen. Die Anlage wurde daher 12-Zylinder genannt. Die Zylinder waren allerdings nicht so blitzblank, wie die der Flugzeugmotoren in den Straßen von Vacha. Zunehmend häufiger kam nachts Fliegeralarm. Luftschutzkeller oder wenigstens Splittergräben gab es nicht. Die sicheren Stollen waren weit weg. Wir liefen über einen Steg aus unserem 1. Stock direkt in den hinter den Baracken ansteigenden Wald. Es fielen, Gott sei Dank, keine Bomben, wohl aber machten wir im Dunkeln mit den im wahrsten Sinne des Wortes berüchtigten „Tretminen“ Bekanntschaft. Der „12-Zylinder“ reichte offenbar nicht aus und war zu weit weg. (Die hygienischen Verhältnisse waren typisch für die Frühform menschlicher Sesshaftigkeit. Man lebte in der Nähe seiner Ausscheidungen. Der Philosoph Peter SLOTERDIJK nennt dies vorherrschende soziologische Phänomen in „Sphären II“ „Merdokratie“!) Die Verpflegung war dürftig: Pro Mann und Tag 500g Brot, 50g Fleisch, 25g Fett sowie 2 mal 0,5 Liter Suppe. Letztere erfreute sich nicht allgemeiner Beliebtheit, meist blieben noch einige Liter in der 10-Literkanne übrig. Die Zwangsarbeiter sollen 350g Brot, 25g Fleisch und 15g Fett und ebenfalls die leckere Suppe bekommen haben. Es war bei 1000 RM Geldstrafe verboten, Holz von den Baustellen als Brennholz zu entwenden. Eines Abends kam ein Zwangsarbeiter mit einem Bündel Holz zur Baracke und bat um einen Schlag Suppe. Es war noch Suppe da. Die jungen Herrenmenschen nahmen dem Hungernden das Holz ab und jagten ihn weg. Es war ja bei Strafe verboten, mit den „Fremdarbeitern“ Geschäfte zu machen!? Kälte, Hunger und die Arbeitsbedingungen dämpften die Freude am „Ehrendienst“ zuneh- mend. Man hörte häufiger: „Wie in Buchenwald“. Die Alliierten standen bereits im Westen in Krefeld. Trotzdem ging der Einsatz weiter. Nach den Arbeiten am Betonmischer wurde ich mit einer Hacke ausgerüstet einer Gruppe zugeteilt, einen Weg am Berghang zu verbreitern. Andere hoben Kabelgräben aus. Mit der Elektrifizierung war die Firma Siemens beauftragt. Für kurze Zeit kam Freude auf. Es ging das Gerücht, BDM-Mädels kämen zur Verstärkung. Sie sollten in den gegenüber liegenden Baracken untergebracht werden! Der Gipfel war dann der Einsatz auf der Startbahn oben auf dem Berg. Diese soll 1,4 km lang gewesen sein, gerade lang genug, um den Start der Turbinenjäger zu ermöglichen, aber zu kurz für eine Landung. Landemöglichkeit bestand, so hörten wir, in Erfurt. Wir sollten die Startbahn verbreitern. Als Werkzeug wurden uns fabrikneue Koksschaufeln ausgehändigt. Nun grenzte die Betonpiste nicht etwa an lockeres Erdreich, sondern an gewachsenen Waldboden, der gerodet werden musste. Der Erfolg unserer Bemühungen war entsprechend. Die Erhabenheit des Ehrendienstes hatte jetzt den Höhepunkt der Lächerlichkeit erreicht. Wir waren inzwischen 2 von den 6 Wochen im Einsatz. Eines Morgens wurden wir zu einem Sonderappell befohlen. Es hieß, wir würden vorzeitig nach Hause geschickt. Dies war eine erfreuliche Nachricht. So einfach und schön war die Sache aber nicht. Der Appell fand auf einer Wiese nahe unserem Barackenlager statt. Eine dünne Eisschicht bedeckte das alte Grün. Wir mussten in Dreierreihen wie üblich antreten. Es dauerte einige Zeit in der Kälte bis HJ-Prominenz erschien. (Der HJ-Gebietsführer und der Gauleiter Sauckel sollen auch im Werk gewesen sein, erschienen aber nicht). Das Ritual begann mit Flaggenhissung und Fahnenlied. „Siehst du im Osten das Morgenrot...., vielleicht sind wir morgen schon tot!“ Es wurde tatsächlich verkündet, wir würden nach Hause entlassen, vorher sei aber noch die „Freiwillig“-meldung der Jahrgänge ab 1929 zur Waffen- SS vorzunehmen. Außerdem sollten sich mindestens 50 „freiwillig“ zum weiteren Verbleib im Einsatz melden. Auf diese Aktion hatte uns niemand vorbereitet. Dann kam das Kommando „Jahrgänge 1929 und älter raustreten!“ Ich gehörte zum Jahrgang 1930. Die so aufgeteilte Truppe (je etwa 300) musste sich wieder formieren. Nach dem Kommando „Stillgestanden“ erging die Kommando- Frage an den 29iger Block: „Wer sich zur Waffen-SS meldet, drei Schritte vortreten!“ Der Block trat drei Schritte vor! Nur zwei blieben stehen. Sie wurden nach vorne befohlen und nach den Gründen ihrer Weigerung gefragt. Der eine sagte, seine Eltern seien damit nicht einverstanden. Der andere gab eine klügere Antwort: Er fühle sich für den Elitedienst in der Waffen-SS körperlich nicht geeignet. (Die beiden Verweigerer wurden nicht zusammengeschlagen, wie es anderen Orts bei ähnlichen Gelegenheiten vorgekommen sein soll.) Die 50 zum Verbleib bekam die Führung auch noch zusammen. Eine Verpflichtung zur Geheimhaltung über den Einsatz wurde nicht vorgenommen. Die eigentlichen Helden dieser gespenstischen Szene waren die beiden Verweigerer und die 50, falls sie sich nicht aus verblendeter Hingabe für Führer, Volk und Vaterland gemeldet hatten. (Bei der Übermacht der Zwangsarbeiter konnte sich auch der Dümmste vorstellen, was passiert, wenn das System zusammenbrach.) Das war so ein Punkt, zu dem man sich später fragt: „Was hättest du gemacht, wenn du vor die Entscheidung gestellt worden wärest?“ (Ich war überdies schon einmal als „asoziales Element“ aufgefallen!). Von einem der 29iger-Gruppe wusste ich, dass er und seine Familie unter Druck standen, weil die arische Abstammung angezweifelt wurde. Er war auch drei Schritte vorgetreten. Später, nach der Eroberung Thüringens durch die Amerikaner, sah man den Vater als ´Verfolgter des Naziregimes´ in KZ-Kleidung. Während wir für Hitlers Wunderwaffe Me 262 arbeiteten, hatte man ihn zum schlimmen Schluss noch ins KZ gesteckt. (Im Zweifel gegen den Angeklagten!). Dem Sohn ging es wohl um einen letzten Versuch, das System zu überzeugen. (Spätere Pharisäer und Schriftgelehrte haben es leicht, nach erfrischender Dusche im gekachelten Bad, einem guten Frühstück mit Bio-Ei und duftendem Kaffee an ihrer bequemen Textverarbeitungsmaschine Stirnrunzelndes abzusondern. Nach dieser guten Tat, gönnt man sich einen Spaziergang im Park und sinniert über seinen oder ihren beeindruckenden Auftritt in der abendlichen Talkshow!). Das Ende In den nächsten Tagen, es war Mitte März, ging es in die Heimatorte. Der Zug Richtung Westen zog seinen langen Feuerschweif, und ich war wieder in Vacha. Die Truppenbewegungen nahmen zu. Kurz vor Ostern, Ende März, näherte sich das Kriegs- geschehen hörbar. Wohin? Vor dem Kabelwerk waren Unterstände, ein Stollensystem, das bis 16 Meter in die Tiefe ging. Die Restfamilie (meine Mutter, meine Großmutter, mein Bruder und ich – mein Großvater war 1944 gestorben) begab sich mit etwas Handgepäck vom Untertor zum Kabelwerk. Auf dem Weg dahin durch die Turmstraße kamen feindliche Tiefflieger. Wir nahmen Unterschlupf im Keller einer Schmiede. Dieser Keller schien uns nicht bombensicher. (Wir sollten recht behalten. Bei dem Artilleriebeschuss in den folgenden Tagen wurde die Schmiede getroffen, die Schmiedeleute getötet.) Nach Abklingen der Angriffswelle der Tiefflieger erreichten wir den Unterstand. Die Stollen waren eng und abgestützt wie im Kohlebergwerk. Dagegen waren die Stollen in Kahla Tanzsäle. Es gab zwar Beleuchtung aber sonst nur Höhlenleben. Wir kauerten auf dem Boden und hofften, lebend wieder herauszukommen. Unsere größte Befürchtung war, dass irgendwelche 150-prozentige Typen den Helden spielen und die Eroberer die Stollen ausräuchern würden. Die Befürchtung war nicht unbegründet. Streifen-HJ durchkämmte die Stollen, um Jugendliche für Meldegänge an die Front zu holen. Meine Mutter versteckte meinen Bruder und mich in einem schmalen Bewetterungstollen, den die Streife glücklicherweise übersah. Nach zwei Tagen sahen wohl auch die Führergläubigen, dass das Ende unabweisbar war. Sie takelten ab. Parteiabzeichen, Ordensspangen, alle Dekorationen dieser Art wurden im Stollenboden verscharrt. Gott sei Dank keine todesmutigen Helden! Am dritten oder vierten Tag unter der Erde – es war in den ersten Tagen nach Ostern – wurde Vacha erobert, und wir konnten den Unterstand von GI’s bewacht verlassen. Vor dem Ausgang feuerte eine PAK Richtung Öchsenberg. Im Ort amerikanische Soldaten, Panzer und Jeeps mit schweren Maschinen- gewehren. Im „Goldenen Engel“ angekommen wurden wir von GI’s empfangen. Ich wurde von einem furchterregenden Typ mit pechschwarzen Haaren, ebensolchen stechenden Augen nach Waffen durchsucht. Nicht geübt im „Hands up!“ ließ ich meine Arme wieder herunter; er riss sie mir energisch wieder nach oben. Nun wusste ich, wer jetzt das Sagen hatte. So fühlte sich also das Erobertwerden an. Da kannst du absolut nichts machen. Ob die neuen Herren Befreier oder nur Unterdrücker in anderen Uniformen waren, musste sich erst noch erweisen. Jedenfalls hielt mich mein Eroberer auch für wehrfähig, sonst hätte er mich nicht nach Waffen durchsucht. Die neuen Herren hatten große Angst vor „Werwölfen“. Ich war für mein Alter schon ziemlich groß und passte in diese Kategorie ihres Feindbildes. Schon wieder ´ein asoziales Element´? Er fand keine Waffe und ließ mich gehen. „Puuhh!“ Der Gasthof wurde requiriert. Wir Dauergäste (insgesamt acht Personen) mussten ins ehemalige Wehrertüchtigungslager mit vielen anderen Ausquartierten. Die Bedingungen waren im Vergleich zu den Baracken in Kahla luxuriös. Nach einigen Tagen durften wir in den Goldenen Engel zurück, aber nicht in unsere Zimmer, sondern in den Gewölbekeller mit einem Luftloch und einer eisernen Falltür. Wieder Höhlenexistenz. In der Gaststube wurden etwa 30 befreite ehemalige englische Kriegsgefangene untergebracht. Tagsüber waren die ganz nett. Wir konnten uns mit unserem Schulenglisch passabel unterhalten, was uns zeigte, dass wir nicht nur für die Schule gelernt hatten. Die Befreiten hatten inzwischen Alkoholisches entdeckt. Am Abend wollte ich hinaufgehen, um noch etwas aus unserem Zimmer zu holen. Vor der Gaststubentür stand ein Engländer, der bereits zu tief ins Glas geschaut hatte. Er sah mich, stürzte auf mich zu und wollte mir an die Kehle. Ich geriet in Schreckstarre. Kurz vor dem Zugriff, öffnete sich die Gaststubentür, ein US-Soldat, der offenbar als Wache postiert war, sah die Szene, riss den Angreifer am Kragen zurück, klopfte auf sein Pistolenhalfter und beruhigte mich: „Be quiet, I have a pistol“. Hätte ich mich gewehrt und den Angreifer sogar überwältigt, hätte der Soldat die Szene anders interpretieren können und seine Pistole nicht als beruhigenden Hinweis benutzt. Hier hatte sich das uralte Verhaltensmuster der Schreckstarre wieder einmal bewährt. Die Hypothek, die das Nazisystem durch Rekrutieren von Jugendlichen uns aufgebürdet hatte, wirkte auch in diesem Fall fort: „Werwölfe“! (Im Nachbarort Unterbreizbach war nach Hissen der weißen Fahne noch ein Schuss gefallen. Die Besatzer fackelten mindestens zwei Drittel des Ortes ab!). Nach einigen Tagen der Einquartierung der Engländer waren alle Abflüsse der Gästetoilette verstopft. Der Zugang war neben der Falltür zum Keller. Die Brühe suchte Gefälle und fand sofort den Weg in unser Verlies. Wir da unten erlebten „Merdokratie“ in Reinkultur ! Auch das ging vorüber. Die Engländer zogen in ihre Heimat. Wir durften in unsere Zimmer zurück. Die liegengebliebene Reichspost wurde zugestellt, einschließlich der Bestätigungen ihrer Meldungen zur Waffen-SS an die 29iger-Kameraden. Ein 16-Jähriger - wohl aus einer früheren Aushebung - war bei den Kämpfen auf dem Felde der Ehre gefallen. Die Nazigrößen wurden abgesetzt und für öffentliche Arbeiten herangezogen. Ein neuer Bürgermeister wurde eingesetzt, ein Stadtinspektor. Die Schule begann wieder mit dem Unterricht, ohne die gewohnten Rituale. Während der nächsten Wochen tauchten immer wieder Jeeps mit eigenartig Uniformierten an Bord auf. Sie trugen goldbetresste Schulterstücke, die so groß wie „Frühstücksbrettchen“ waren, Tellermützen und olivfarbenen Uniformstoff. Das ließ nichts Gutes ahnen. Es ging das Gerücht, die Russen kämen. Eines Morgens im Juli hörten wir im Goldenen Engel draußen Pferdegetrappel. Ein Blick aus dem Fenster genügte: Die Russen waren da. Panjewagen, einfache Fußsoldaten mit abgewetzten Stiefelabsätzen in groben ungesäumten Mänteln. Die Amerikaner hatten sich zurückgezogen. Der eiserne Vorhang war gefallen, noch ohne Mauer und Stacheldraht. Er bestand aus Rotarmisten mit klobigen Maschinenpistolen. Ihr Gebrauch war nicht zu überhören. Wir konnten nicht mehr nach Philipps-thal ins Schwimmbad gehen oder in Ziegenhain an den roten Felsen herumklettern. Ein beklemmendes Gefühl. Der „Goldene Engel“, nur 200 Meter von der Werrabrücke bzw. der „Demarkationslinie“ gelegen, bekam ständig Besuch sowjetischer Militärpolizei, Asiaten, die nach illegalen Grenzgängern und „nebenamtlich“ nach Schnaps suchten. Sie verbannten uns aber nicht in den Keller wie die Eroberer. Alle Einwohner Vachas ab 14 Jahren mussten sich bei dem einzigen alten Doktor auf Geschlechtskrankheiten hin untersuchen lassen; ob aus tatsächlicher Angst vor Ansteckung oder zur Demütigung der Besiegten, war unklar. Wahrscheinlich traf beides zu. Auf dem Marktplatz wurden rote Transparente mit kommunistischen Beglückungsparolen aufgehängt und für die, die nicht lesen konnten oder wollten, tönten Lautsprecher, allerdings ohne HiFi- Qualität. Eines Tages wurde ein Erlass des noch von den Amerikanern eingesetzten Bürgermeisters ausgehängt, alle deutschen „Zugereisten“ müssten kurzfristig die Stadt verlassen. Betroffen waren vor allem „Bombenflüchtlinge“ aus dem Westen. Es gab eine Protestversammlung auf dem Marktplatz. Der Stadtkommandant, ein Major, adrett in neuer Uniform, wohl aus Beutetuch, betrat die Treppe am Amtsgericht, schlug die Scheibe des Aushängekastens mit der Faust ein, riss den Aushang heraus und setzte den Bürgermeister ab. Darauf fragte er die Menge: „Wer will Bürgermeister werden?“ Neben mir wurde getuschelt und es meldete sich ein Arbeiter namens Schuh aus einer von Wuppertal nach Vacha verlagerten Bandwirkerfirma (u.a. Fallschirmgurte). Als einziger Bewerber wurde er sofort vom Kommandanten zum Bürgermeister ernannt. Nach 14 Tagen warf er das Handtuch mit der Bemerkung: „Der Teufel soll hier Bürgermeister sein!“ Die Besatzungsmacht fand Ersatz. Dies war das erste und letzte Mal, dass ich ein sofort wirksames Plebiszit erlebt habe. Fast klassisch: Der Marktplatz (Forum) ist Wahlstätte. Manchmal gelang es neugierigen GI’s, über die Werrabrücke zu kommen, um mal nachzusehen, was ihre östlichen Waffenbrüder so machten. Es kam zu Prügeleien vor dem Goldenen Engel. Kehlige Laute und das Scheppern von losgeschlagenen Plastikhelmen der mutigen GI’s übers Kopfsteinpflaster war der „Schlachtenlärm“. Der Schulbetrieb ging weiter, angereichert durch Russischunterricht. Russischlehrer waren erst ein abgesetzter Kalibergwerksdirektor, der noch in der zaristischen Armee gedient hatte und, nachdem dieser einem Herzschlag erlag, ein abgesetzter Amtsrichter, der wohl auch aus dem Baltikum kam. Unterrichtsmaterial war ein Lehrbuch von Alexejew, 24. Auflage 1945 (!), gedruckt in der Piererschen Hofbuchdruckerei in Altenburg/Thür. Es enthielt keine Spur kommunistischer Beispiel-sätze. Wichtige, gegebenenfalls lebenswichtige, Vokabeln oder Sätze, die nicht im Lehrbuch standen, waren: „Stoi! Ruk´ verh! Kuda idieœˆ?“ „Æ idu v gorod“. (Stoi! Ruki werch! Kuda idjosch? Ja idu w gorod. Halt! Hände hoch! Wohin gehst du?. Ich gehe in die Stadt.) Auch ohne Russischkenntnisse lernte man schnell, was Rotarmisten mit „Dawai, dawai!“ meinten, nämlich: „Voran! Los, los!“ (Wörtlich übersetzt: Gib!). Als Lektüre bot uns der Ex-Amtsrichter ein kleines Gedicht von LERMONTOW über ein „Ptitschka“, ein Vögelchen. Das Rätesystem wurde auch in der Schule eingeführt. Ich war im Schülerrat und nahm in dieser Eigenschaft an Konferenzen teil. Nachdem sich Grotewohl und Pieck die Hand gereicht hatten, und die SED gegründet war, gab es auch einen SED-Schulrat. Eines Tages visitierte dieser die Oberschule Vacha. Zunächst Konferenz. Ich war dabei. Der Schulrat ließ eingangs wissen, was er von der Schule hielt: Schule für Söhne und Töchter von Kalibergwerksdirektoren, nicht für die Kinder der Werktätigen! (Die Direktoren hätten jeweils einen Harem und Nachkommen wie Ölscheichs haben müssen, um eine große Schule auszulasten!). Ein Mathematiklehrer hatte sich mit Statistiken vorbereitet: Es seien doch immerhin 30 Prozent Arbeiterkinder an der Schule. Das hätte er lieber nicht sagen sollen. Der Schulrat brüllte: „Das wagen Sie mir entgegen zu halten? Das ist doch gerade der Beweis für meine Feststellung!“ Der Mathelehrer hielt den Mund. - Da war ich wieder nicht richtig programmiert. Ich war ja nur Facharbeiterenkel und das nur väterlicherseits, aber nicht Arbeiterkind. Dass wir inzwischen fast völlig mittellos waren, weil Witwen- und Waisengeldzahlungen nicht mehr aus dem Westen in die Sowjetzone kamen und die Sparguthaben „eingefroren“ waren, hätte die Einstufung als „Kapitalist“ im Ernstfall wohl nicht verhindert. Danach Nach zwei vergeblichen Versuchen gelang uns erst im Juni 1946 mit knapper Not über Heiligenstadt, Lager Friedland (mit den bekannten „Nissenhütten“ als Quartier, blanker Boden zum Schlafen), die Rückkehr nach Düsseldorf. Die Fahrt dauerte acht Tage in Güterwagen. In unserer Heimatstadt waren wir obdachlos, weil meine Großmutter nicht mehr in ihre Wohnung kam. Die war besetzt. Blieb nur der Bahnhofsbunker. Demokratische Parteien waren gegründet worden. Wir gingen zu einer Versammlung in einer halbwegs intakten Halle. Der Vorsitzende einer der neuen Parteien, CDU, wurde als Redner angekündigt. Ein älterer Herr mit Namen Konrad Adenauer betrat das Rednerpult. Er holte uns aber nicht aus dem Bunker. Das Leben unter der Erde erfuhr also eine Neuauflage. Nach drei Monaten gelang es mir, mit Hilfe des Vaters eines Klassenkameraden, ein Quartier über Tage für die Familie zu bekommen: Zwangseinquartierung im unversehrten Einfamilienhaus eines politisch belasteten Geschäftsmanns. Zwei ungeheizte Dachzimmer. Als Strandgut des verlorenen Krieges wurden wir von dem Herrenmenschen nicht geliebt, was für uns nichts Neues war. Auch dieses hatte einmal ein Ende. Ein Wiedersehen Die 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts trieb uns - Gott sei Dank- nicht wieder unter die Erde. Die Teilung Deutschlands währte noch lange. Immer drängte mich der Wunsch, bis in die Träume hinein, die Orte in Thüringen, in denen ich Geschichte hautnah erlebte, zu besuchen. Eine unrealistische Vorstellung. Vacha lag im 5-Km-Sicherheits-streifen an der Grenze, ganz zu schweigen vom Sperrgebiet in Großeutersdorf bei Kahla. Als wir Anfang der 90iger Jahre dorthin kamen: Keine Bunker, kein flacher Berg, aber ein Gittertor mit Kettenschloß und Schild „Militärisches Sperrgebiet! Zutritt verboten!“. In der kahlen Felswand sah man noch die Öffnungen der Lüftungsrohre von einst, die ich sofort wiedererkannte. Hinter einem vergitterten Fenster des im Hintergrund befindlichen Wachgebäudes blitzten bläulich die Objektive eines Feldstechers. Aha, jemand da! Ich formte die Hände zum Sprachrohr. „Hier Römer aus Bonn. Ist hier das Gelände, auf dem die Me 262 gebaut wurde? Ich gehörte zum letzten Aufgebot März 1945!“ Aus dem Hintergrund militärisch kurz: „Ja!“. Ich: „Gibt es die Stollen noch?“ - „Ja!“ - „Sind die Montagebunker noch da?“ – „Gesprengt!“ – „Ist oben noch die Startbahn?“ – „Gesprengt!“ Der nach wie vor geheimnisvolle Ort mit der Geisterstimme aus dem Hintergrund hatte etwas Gespenstisches. Da half auch die Flagge der Bundesrepublik Deutschland über dem Wachgebäude nicht. Ich verabschiedete mich von dem Geist mit Feldstecher in dessen Sprachstil: „Danke, das war’s!“ Pyramiden und Höhlen geben nicht

Quellen und Nachweise

  1. zeitzeugen_komplett_ocr.pdf