Zeitzeugnis
Zeitzeugenaussage Herbert Römer
Erinnerungen an Krieg, Arbeit und das Ende der REIMAHG in Kahla.
Forschungsstand dokumentiert
Forschungsdatensatz
Dokumentierte Angaben
- Person
- Herbert Römer
- Rolle
- Angestellter
- Ort
- Walpersberg / Startbahn
- Zeitraum
- Februar 1945
Überlieferung und Kontext
Als letztes Aufgebot in Kahla 1945
Herbert Römer
Vorgeschichte
Wir wohnten in Düsseldorf, als der Krieg ausbrach. Das Wetterleuchten des Unheils begann
bereits am 9. November 1938 mit der berüchtigten „Reichskristallnacht“: Bierärschige SA-
Leute und fanatische Jugendliche wüteten wie die Berserker und zerstörten die Einrichtung
und die Geschäfte jüdischer Mitbürger. Trümmerhaufen lagen vor ihren Häusern. Zwei Jahre
später fielen die ersten Bomben. Nun sah es in den Straßen ähnlich aus. Die verängstigten
Leute sagten hinter vorgehaltener Hand: „Das ist die Strafe für das, was sie den Juden angetan
haben!“ Es wurde dunkel im Reich. Kein Lichtschein durfte nachts nach außen dringen. Die
Scheinwerfer der Autos trugen Kappen mit einem Schlitz und schlichen durch die
unbeleuchteten Straßen. Später gab es Leuchtplaketten, damit man im Dunkeln nicht
aneinander stieß. Hell wurde es nur, wenn die Bombergeschwader Leuchtkugeln und die
berüchtigten „Christbäume“ setzten und die bleichen Finger der Scheinwerfer nach den
todbringenden Vögeln haschten. Oft war auch danach die Nacht „taghell gelichtet“ und der
Tag in Rauch gehüllt. Wir verbrachten die Nächte meist im Luftschutzkeller und gewöhnten
uns an ein unterirdisches Leben.
Am 11. Juni 1943 wurde es besonders schlimm. Wieder eine Nacht im ausgebauten
Luftschutzkeller der gegenüberliegenden Schule. Das Krachen der Sprengbomben und das
Belfern der benachbarten Vierlingsflak war die Orchesterbegleitung des Lieds vom Tod. Es
hörte nicht auf. Die Luft wurde stickig im gasdichteten Keller. Wir Kinder halfen mit, die
Handkurbeln der Lüfter mit den großen Gasfiltern zu drehen. Mein Bewusstsein verengte sich
auf starres Warten und unbestimmtes Hoffen. (Diesen Zustand habe ich später noch einige
Male erlebt). Plötzlich krachte es dermaßen, das wir die Köpfe einzogen und glaubten, gleich
stürzt die Decke auf uns, was dann, Gott sei Dank, ausblieb.
Im Morgengrauen kam die erlösende „Entwarnung“. Ich ging mit hinauf in das Schul-
gebäude, das innen von Scherben übersäht war. Im 2. Stock entdeckten wir in einem
Klassenzimmer einen aufgerissenen Luftschacht, in dem eine Sprengbombe steckte,
schätzungsweise eine 100-Kilo-Bombe. Blindgänger oder Zeitzünder? Nichts wie hinunter
und hinaus! Draußen Feuersturm. Das Haus, in dem wir gewohnt hatten, und die beiden
Nachbarhäuser: Feueröfen.
Nichts zu retten! Mein Vater, der als Versehrter des ersten Weltkrieges nicht eingezogen
worden war, ging mit uns (meiner Mutter und meinem jüngeren Bruder) durch die
brennenden Straßen der Düsseldorfer Innenstadt zur Wohnung der Eltern meiner Mutter, die
zur Erholung nach Vacha in Thüringen gereist waren. Ihre Wohnung war zwar nicht zerstört,
aber kurzfristig nicht bewohnbar. Mein Vater brachte uns in einem leeren Mansardenzimmer
im unbeschädigten Bürogebäude seiner Dienststelle unter. An einer der sonst kahlen Wände
hingen drei Glaskästen mit einer Schmetterlingssammlung. Die Kästen mit den toten fragilen
Schönheiten waren seltsamerweise unbeschädigt. Der Anblick von unversehrter Zartheit im
Chaos beeindruckte mich sehr und ist bis heute nicht verblasst.
Mein Vater telegraphierte unsere Lage an meine Großeltern. Diese besorgten uns ein Quartier
im Gasthof „Goldener Engel“, wohin uns mein Vater brachte. Er selbst musste wieder zurück
nach Düsseldorf und kam bei seiner Schwester unter.
Ende Oktober 1943 besuchte er uns wieder in Vacha, musste aber seinen Kurzurlaub aus
dienstlichen Gründen abbrechen. Am 13. November erhielten wir ein Telegramm, dass mein
Vater und meine Kusine durch einen Bombenangriff am 3. November getötet und meine
Tante aus dem verschütteten Keller lebend geborgen worden war. Sie starb ein Jahr später.
In Thüringen
Nun war an eine Rückkehr in den lebensgefährlichen Westen nicht mehr zu denken. Meine
Großeltern und die Restfamilie blieben in Vacha.
Das Leben war wieder friedlich. Die beschauliche kleine Stadt mit ihrem wunderschönen
Rathaus und die sanften Kuppen des Rhöngebirges ringsum waren an sich schon eine
willkommene Abwechslung für Großstadtkinder. (Dass man als Fremdling einige Prügeleien
zumindest mit einer ehrenvollen Niederlage bestehen musste, um akzeptiert zu werden, gehört
zu unserem steinzeitlichen Erbe). Mein Bruder und ich gingen zur dortigen Oberschule. Diese
war im Unterschied zu unserem Gymnasium in Düsseldorf stärker ideologisiert und
ritualisiert. Im Treppenhaus hing eine dreiteilige Tafel. Im oberen Teil stand die (Wochen-)
„Parole“, im mittleren das „Wochenlied“ aus dem einschlägigen Liedgut, im unteren der
„Kernspruch“, der monatlich wechselte. Der Klassensprecher hatte zu Beginn des Unterrichts
die Anwesenheit bzw. Abwesenheit militärisch kurz dem Lehrer zu melden und anschließend
nacheinander Parole, Wochenlied und Kernspruch sprechen bzw. singen zu lassen. Meine
Familie hatte von dem grausamen Kriegsspiel die Nase gestrichen voll. Wir Söhne meldeten
uns nicht zum Jungvolk, engagierten uns aber in der Kirche (katholische Diaspora). Ich war
bald in meine Klasse integriert, war guter Schüler und wurde sogar zum Klassensprecher
gewählt. Nach etwa einem Jahr, im Frühjahr 1944, rief mich der stellvertretende Schulleiter
(der Direktor war an der Front) aus der Klasse und brüllte mich an: „Ich habe gehört, du gehst
nicht zum Dienst (Jungvolk), du bist ein asoziales Element!“ Er ließ den zuständigen
Fähnleinführer rufen und befahl ihm: „Steck den Kerl in deine Truppe!“ Meine Mutter
beschwerte sich bei dem Schulleiter, wies ihn auf unsere Opfer im Kriege hin und drohte an,
sie werde sich höheren Orts beschweren. Dem tapferen Schulleiter wurde die Sache mulmig.
Er entschuldigte sich servil und kleinlaut bei mir, was aber meine Situation nicht veränderte.
Ich wurde im Mai 1944, nunmehr 14 Jahre alt, in die Motor-HJ übernommen. (Bei Weigerung
drohte Straf-HJ!).
Das Schulgebäude wurde Lazarett, der Schulunterricht fand in der alten Volksschule, die um
zwei Baracken auf dem Schulhof erweitert worden war, statt, im Schichtbetrieb mit der
Volksschule. Die Rituale blieben erhalten, degenerierten aber, z.B. durch Falschsingen, wohl
weniger aus ideologischen Gründen als vielmehr, um den Lehrer zu ärgern und den Beginn
des Unterrichts hinauszuzögern.
Kriegswichtige Einsätze.
Briefträger.
In den Sommerferien 1944 wurde ich zur Reichspost als Landbriefträger abkommandiert.
Zwei Schüler übernahmen je die halbe Tour eines Landbriefträgers, sonst aber mit allen
Rechten und Pflichten eines Postbediensteten: Außer Briefen und Päckchen auch
Einschreibebriefe und sogar Zustellung von Bargeld („Geldbriefträger“). Entlohnung gab es
nicht.
Diese Aufgabe war interessant, verantwortungsvoll und sogar schön, z.B. wenn früh am
Morgen die Störche in den Werraauen mit Futter für ihre Jungen auf den alten Wehrtürmen
starteten.
Verladearbeiter
Im Herbst 1944 gab es eine Serie von Tageseinsätzen in Merkers, jedoch nicht um Kalisalz zu
schaufeln, sondern wertvollere Sachen. In einer leeren Kalisalzhalle lagerten Berge von
fabrikneuen Pelzmänteln für die Winterbekleidung von Soldaten, Filzstiefeln und
Fallschirmjägermessern. Dies alles sollte unter Tage gebracht werden, weil man in dem bisher
von Fernbombern der Alliierten verschonten Gebiet doch mit Angriffen rechnete. Die Berge
waren abzutragen und das Material auf Loren zu laden. Mich erstaunte die Menge warmer
Kleidung, während die Soldaten an der Ostfront froren. Die Fallschirmjägermesser übten
einen unwiderstehlichen Reiz auf uns aus. Diebstahl wäre aber als Sabotage ausgelegt worden
mit entsprechenden Folgen. Die Messer sollten dann doch lieber in die Grube fahren.
Spätere Einsätze hatten etwas mit Kultur zu tun. In einem ausgedehnten Keller des
Kaliwerkes lagerte eine Million Bände (so hieß es) der Preußischen Staatsbibliothek, jedoch
nicht fein säuberlich in Regalen, sondern raumfüllend übereinander geschichtet. Der Abbau
dieser Masse an Papier und Pergament erfolgte fast bergmännisch. Man watete in alten
Folianten, Bibeln in Pergament und Leder gebunden. Ich liebte schöne alte Bücher. Mir tat ihr
augenblickliches Schicksal weh. Aber vielleicht entgingen sie da unten den großen
Feuerschlägen, deren Wirkung ich ja schon erlebt hatte. Alles musste schleunigst in die Loren
und unter Tage. Immer wieder entstanden abseits des „Abbau-Gebietes“ kleine Bücherstapel
mit der Anfangssignatur „XY“. Ich inspizierte diese „Separata“ und fand bald die Erklärung
für das sonderbare Phänomen: Es handelte sich um Abenteuerromane oder ähnlich reizvolle
Jugendliteratur, keineswegs von der Reichskulturkammer ausgewählt. In den Schultaschen
oder Brotbeuteln war immer noch Platz.
Dem Ende zu
In den Folgemonaten wurde es eng im Reich. Am Goldenen Engel zogen endlose Kolonnen
deutscher Soldaten vorbei. Die benachbarte Werrabrücke war ein Nadelöhr. Einmal sah ich
einen seltsamen Trupp: Soldaten, die sich niederknieten und den Kopf bis auf den Boden
neigten, alle in eine Richtung. Das war nicht das Kommando „Volle Fliegerdeckung!“. Als
Karl-May-Leser wurde mir klar: Mohammedaner! Wo kamen die her? Ich dachte, der
Großmufti von Jerusalem, der Freund Hitlers, habe sie geschickt. (Wahrscheinlich waren es
aber Mohammedaner vom Balkan). Eines Tages wurden in den breiteren Straßen von Vacha
und am Stadtrand brandneue Flugzeugmotoren mit Zubehör aufgereiht. Einsätze hatten wir
hierbei nicht. Wäre auch für 14-16-Jährige etwas zu schwer gewesen.
Letztes Aufgebot
Ende Februar 1945 wurde es für uns Jungen wieder ernst. Wir wurden zum Rüstungseinsatz
in einem unterirdischen Flugzeugwerk nach Kahla für 6 Wochen abkommandiert. Früh
morgens ging es mit dem Zug los. Ein mulmiges, seltsam gespanntes Gefühl im Bauch. Ich
hatte zwar schon einiges Ungewöhnliche erlebt, war aber nie von der Familie getrennt. Wenn
der Zug eine Kurve machte, konnte man den langen Feuerschweif beobachten, den die mit
Rohbraunkohle geheizte Lok hinter sich her zog. Im Hintergrund das Morgenrot. Die
Erinnerungen an die Feuernächte in Düsseldorf wurden wach. Die Szenerie hatte etwas
Unheimliches und verursachte wieder jenen Zustand der starren Erwartung und unbestimmten
Hoffnung auf Überleben.
In Kahla angekommen legten wir einen längeren Fußmarsch zurück und erreichten ein
aufgewühltes Baugelände in Großeutersdorf, das rechts und links von noch im Rohbau
befindlichen 2-geschossigen Bauten gesäumt war. Vor uns stand ein Ochsenkarren mit
Küchenabfällen. Er wurde von unförmig gekleideten ausgemergelten Menschen umlagert,
welche die Abfälle nach noch Essbarem durchwühlten. Sie trugen erdfarbene gesteppte
Jacken, an den Füßen keine Schuhe oder Stiefel, sondern Stücke von Zementsäcken, die mit
Kordel umwickelt waren. Auf die Jacken war ein blaues Quadrat mit der Aufschrift „Ost“
genäht. Ich hatte zwar schon „Fremdarbeiter“ in Vacha gesehen, der jetzige Anblick versetzte
mir aber einen Schock.
Wir trugen überwiegend die HJ-Winteruniform. Nach den üblichen Appellen und
Instruktionen erhielten wir unsere Zusatzausrüstung: 3 graue Decken und ein Paar Filzstiefel,
so weit der Vorrat reichte. Für mich reichte er nicht mehr. Mir blieben nur meine
Schnürschuhe. Auf die Dauer gab es ja noch massenhaft Zementsäcke!. Wir wurden
tatsächlich in die unwirtlichen Behausungen gesteckt, da wo noch Betten frei waren. Diese
waren 3-stöckige roh gezimmerte Gestelle mit Papiersäcken undefinierten Inhalts als
Matratze. Fenster mit Glas gab es zwar, aber keine Türen, weder innen noch außen. Ich erhielt
mein Koje im obersten Bett am Fenster. Wieder Pech: Die Fenster hatten keine
Verdunkelung. Der brutale „Stubenälteste“, der seine Koje an dem (noch) geheizten Ofen
hatte, verdonnerte mich, eine Decke für die Verdunkelung des Fensters herzugeben.
Die „Stuben“ waren für 19 Mann ausgelegt. In der ersten Nacht wurden wir Neuankömmlinge
üblen Späßen („Heiliger Geist“) unterworfen. Es gab ja sonst nichts zu lachen.
Am nächsten Morgen ging es zur Baustelle. Nach einer halben Stunde Fußmarsch kamen wir
an einem Bergrücken an, der oben merkwürdig abgeplattet war. In etwa halber Höhe war eine
relativ breite Terrasse geschaffen worden, wohl teilweise durch Abtragen der Bergflanke, aber
überwiegend durch Abkippen von Abraum aus dem Berginnern. Der talseitige Abhang war
nicht mehr bewachsen, sondern gelblich-weiß durch das abgekippte Material. Der Berg wirkte
verletzt und geschunden. In die Bergflanke mündeten große halbrunde Tunnelöffnungen, an
anderen Stellen lehnten sich gewaltige Bunker mit dicken Stahltoren an sie. Ich wurde mit
einigen Kameraden am Bau eines weiteren Bunkers eingesetzt. Dieser hatte schon fast die
Höhe der fertigen erreicht und war ringsum mit rohen Holzgerüsten umgeben, auf denen
zahlreiche Arbeiter werkelten. Es wirkte auf mich wie die Bilder vom Pyramidenbau oder
vom Turmbau zu Babel. Unsere Aufgabe war, einen Betonmischer zu füttern. Einen solchen
Typ hatte ich allerdings noch nie gesehen. Die Mischtrommel, die ununterbrochen lief, befand
sich oben in Höhe der obersten Gerüstbretter auf einem schachtartigen Turm, der aus
mehreren kastenförmigen Abschnitten bestand. Diese wurden offenbar je nach Baufortschritt
aufeinander gesetzt. Im Innern des Schachts liefen zwei Eimerbagger (Schöpfgefäße an
Ketten), ähnlich wie bei den Kiesbaggern auf dem Rhein, die ich als Rheinländer kannte. Die
Baggerketten mündeten unten in zwei große Trichter, die in die Erde eingelassen worden
waren. Wir hatten nun in einen der Trichter unablässig Sand/Kies zu schaufeln. Die Schaufeln
wurden uns zur Verfügung gestellt. Am gegenüberliegenden Trichter schlitzten Zwangs-
arbeiter Zementsäcke auf und schütteten den Inhalt in den Trichter. Die Löffelbagger
transportierten Sand und Zement aus den Trichtern in die Mischtrommel oben, zu der auch
eine Wasserleitung führte. Die Transportgeschwindigkeit der Bagger war wohl so eingestellt,
dass im Mischer das richtige Beton-Mischverhältnis eingehalten wurde. Oben fuhren Arbeiter
grobe zweirädrige Eisenkarren, die eine halbzylindrische Form hatten und mit einer
Griffstange versehen waren, unter die Mündung des Mischers, füllten die Karren und schoben
sie auf der Gerüstplattform an die vorgesehene Stelle, wo sie den Inhalt in die Verschalung
kippten. So ging es unablässig weiter. Wenn wir unten gestreikt oder zu langsam gearbeitet
hätten, wäre das ganze System ins Stocken geraten.
Die Arbeit an sich war nicht gefährlich, aber die Bedingungen: Niemand trug einen
Schutzhelm, sie wurden uns nicht einmal angeboten. Wir arbeiteten unterhalb einer in großer
Höhe befindlichen Maschine mit permanentem Materialumschlag und Fahrzeugbewegungen
auf einem nicht gerade modernen Holzgerüst! Fangnetze gab es nicht. Die Zwangsarbeiter mit
ihren dicken Fellmützen waren fast etwas besser geschützt als wir mit unseren HJ-
„Schimützen“. Der Materialnachschub erfolgte durch die Werksbahn. Ein ganzes
Schienensystem war gelegt. Es herrschte reger Verkehr. Die Luft war erfüllt vom Knattern der
kleinen schwarzen Dieselloks und dem Dieselqualm. Züge mit Kipploren wurden rangiert.
Einmal sah ich, wie einem Zwangsarbeiter ein Bein zertrümmert wurde, weil er dieses nicht
rechtzeitig aus dem Bereich der Stoßstangen beim Ankoppeln einer Lorenreihe an einen Zug
gehoben hatte. Kein schöner Anblick! (Gevatter Hein war wohl der Arbeitsschutz-
beauftragte!). Der Einsatz an dieser Stelle dauerte mehrere Tage. Wir wurden immer wieder
durch das Stollensystem geführt. Der Grund ist mir bis heute nicht klar. Kürzten wir so Wege
um den Berg herum ab oder war es Propaganda gegenüber den dort schuftenden
Zwangsarbeitern nach dem Motto: „Seht her, wir, die Herren, schonen nicht einmal unsere
Kinder! Was beklagt ihr euch?“ Wir waren auch Zwangsarbeiter und zwar ohne einen Pfennig
Lohn. Offiziell war es „Ehrendienst“, dem aber keiner entkam. Der Leiter des Jugendlagers
war eine höhere HJ-Charge mit „Heimatschuss“. Er humpelte an zwei Stöcken meist brüllend
durchs Lager und hieß Künast. Er hatte den Spitznamen „Der Vierbeinige“ und war
gefürchtet. Nachts mussten Doppelposten (unbewaffnet) um das Lager gehen mit 2-stündiger
Ablösung. Einmal wurde auch ich für diesen Wachdienst eingeteilt. „Keine besonderen
Vorkommnisse!“ Wer weglief und nach Hause wollte, wurde spätestens am Bahnhof in Kahla
wieder eingefangen. Die „Fahnenflüchtigen“ kamen nachts in die Strafbaracke und mussten
auf einer Strohschütte schlafen. Mitfühlende Kameraden im oberen Stockwerk sollen Wasser
durch die Ritzen gegossen haben, um den Sträflingen einen Gutenacht-Gruß zu senden. (Als
ich nach dem Kriege TRAVENs „Totenschiff“ las, auf dem am Ende der Hackordnung die
Elenden die noch Elenderen traktierten, wurde ich hieran erinnert).
Meine Mutter versuchte vergeblich, unter Hinweis auf unsere personellen und materiellen
Kriegsschäden, mich zurückzuholen.
Bei den Passagen durch das Stollensystem wurde mir dessen Logik klarer. Tief im Innern des
Berges hatten die Stollen etwa die Höhe und Breite eines durchschnittlichen Wohnzimmers.
Einige waren noch im Vortrieb. Zwangsarbeiter bohrten mit schweren Bohrmaschinen
Sprenglöcher in den Fels. Die Stollen waren nicht abgestützt, wohl, weil bei deren
Abmessungen das Gestein selbsttragend war. In den fertigen Stollen wurde bereits technisch
gearbeitet. Dieser schmalere Stollentyp mündete in höhere und breitere Stollen, die
ausbetoniert waren. Dort wurde an größeren Bauteilen gearbeitet. Aus diesen Stollen gelangte
man in eine Art unterirdische Halle, die natürlich auch ausgebaut war. In ihr wurde an großen
Flugzeugteilen gearbeitet, Flügel, Leitwerke, Rümpfe. In einer solchen waren auch
Triebwerke nebeneinander aufgereiht, schlanke Geräte von Röhren umschlungen. Sie sahen
völlig anders aus, als die Kolbenmotoren, die ich in den Straßen von Vacha vorher gesehen
hatte. Für kurze Zeit vergaß ich als technisch interessierter Junge die Lagerbedingungen und
genoss es, diese wohl geheimen Dinger inspizieren und sogar anfassen zu können. Sie wurden
„Turbinen“ genannt. Die fertigen Flugzeuge hießen „Turbinen-Jäger“, nach dem Hersteller
Messerschmitt Me 262 bezeichnet. Die hallenartigen Stollen mündeten in die schon
erwähnten großen Bunker, in denen die Endmontage der Teile zum fertigen Flugzeug
erfolgte. Es hieß, acht solcher Stollensysteme (heute würde man sagen: Produktionsstraßen)
seien geplant. Tatsächlich wurde aber nur in einem Strang produziert, andere waren noch im
Bau. Aus einer nackten Felswand außen ragten die Mündungen einer Reihe von Rohren,
offenbar zur Be- oder Entlüftung. (Nach dem Kriege las ich H.G. WELLS’ „Zeitmachine“ mit
den unterirdischen Produktionsstätten und „Untermenschen“ , „Lemuren“, als Arbeitern,
kenntlich nur an den Abluftschächten. Ich erinnerte mich an Kahla). Bewacher waren nur
wenige zu sehen. Draußen und in den Stollen standen da oder dort „Goldfasane“, politische
Leiter, in ihren langen gelbbraunen goldbetressten Mänteln wie stumme Götzen herum. Nur
einmal sah ich, wie ein grober Mensch in Wattejacke mit einem Knotenstock auf einen
Lorenschieber einschlug. Wahrscheinlich ein Kapo, der sich ein Zubrot verdiente.
Bei meinen Arbeiten im Außenbereich am Mischer hatte ich schon einen Schrägaufzug
gesehen. Ein normales Eisenbahngleis auf Holzschwellen führte von der Terrasse geradlinig
und ziemlich steil zum Bergplateau nach oben. Der eigentliche Aufzug bestand aus dem
Chassis eines zweiachsigen Reichsbahngüterwagens, auf das eine horizontale, die Steigung
ausgleichende Plattform montiert war. Der so umgerüstete Güterwagen konnte mit einer
Seilwinde auf das Bergplateau gezogen werden. Fertige Flugzeuge wurden damit auf die oben
angelegte Startbahn befördert. Nach einigen Tagen war es dann so weit. Wir hörten oben auf
dem Berg Motorengeräusch, das zunächst nicht besonders eindrucksvoll klang, eher wie ein
Sachsmotor. Doch plötzlich röhrte und dröhnte es in der Luft. Als wir in den Himmel über
uns blickten, zeigten einige von uns zum Horizont. Dahin raste mit nie gesehener
Geschwindigkeit der neue Vogel, der „Turbinenjäger“. Ich war fasziniert. Ich hatte
DOMINIKs „Treibstoff SR“, Atomgewicht 500 und ähnliches gelesen und dachte gleich an
atomaren Antrieb. Bald erfuhren wir, dass die neue „Wunderwaffe“ 2000 Liter Sprit pro
Stunde verpulverte. Die Knappheit dieses gewöhnlichen Treibstoffs war kein Geheimnis.
Diese Wunderwaffe konnte das bereits seinem Untergang zu rasende 1000-jährige Reich wohl
nicht mehr retten.. Der 2. Start, den wir noch erlebten, war wohl ein letztes Aufbäumen.
Unser unwirtliches Quartier war die Realität. Nach 3 Tagen war der Kohlenbunker bis auf den
letzten Krümel Rohbraunkohle geleert. Durch die Baracken fegte der kalte nachtfrostige
Wind. Die Querbretter aus unseren Bettschragen wurden so weit verheizt, dass nur 3 oder 4
Bretter uns vor dem Durchplumpsen bewahrten. An Körperpflege war nicht zu denken. Ganze
zwei Wasserhähne im morastigen Gelände dienten 600 oder mehr Menschen. Die natürliche
kalte Zugluft dämpfte zu starke Konzentration menschlicher Ausdünstungen, an die man sich
auf die Dauer wohl auch gewöhnen kann. Toiletten gab es in den Baracken nicht. Es gab eine
„Toiletten“-baracke. Über einer Grube war eine Bretterplattform angebracht, auf der 12
normale Kloschüsseln („Plumps“-klos) standen. Die Anlage wurde daher 12-Zylinder
genannt. Die Zylinder waren allerdings nicht so blitzblank, wie die der Flugzeugmotoren in
den Straßen von Vacha. Zunehmend häufiger kam nachts Fliegeralarm. Luftschutzkeller oder
wenigstens Splittergräben gab es nicht. Die sicheren Stollen waren weit weg. Wir liefen über
einen Steg aus unserem 1. Stock direkt in den hinter den Baracken ansteigenden Wald. Es
fielen, Gott sei Dank, keine Bomben, wohl aber machten wir im Dunkeln mit den im wahrsten
Sinne des Wortes berüchtigten „Tretminen“ Bekanntschaft. Der „12-Zylinder“ reichte
offenbar nicht aus und war zu weit weg. (Die hygienischen Verhältnisse waren typisch für die
Frühform menschlicher Sesshaftigkeit. Man lebte in der Nähe seiner Ausscheidungen. Der
Philosoph Peter SLOTERDIJK nennt dies vorherrschende soziologische Phänomen in
„Sphären II“ „Merdokratie“!)
Die Verpflegung war dürftig: Pro Mann und Tag 500g Brot, 50g Fleisch, 25g Fett sowie 2
mal 0,5 Liter Suppe. Letztere erfreute sich nicht allgemeiner Beliebtheit, meist blieben noch
einige Liter in der 10-Literkanne übrig. Die Zwangsarbeiter sollen 350g Brot, 25g Fleisch und
15g Fett und ebenfalls die leckere Suppe bekommen haben. Es war bei 1000 RM Geldstrafe
verboten, Holz von den Baustellen als Brennholz zu entwenden. Eines Abends kam ein
Zwangsarbeiter mit einem Bündel Holz zur Baracke und bat um einen Schlag Suppe. Es war
noch Suppe da. Die jungen Herrenmenschen nahmen dem Hungernden das Holz ab und
jagten ihn weg. Es war ja bei Strafe verboten, mit den „Fremdarbeitern“ Geschäfte zu
machen!?
Kälte, Hunger und die Arbeitsbedingungen dämpften die Freude am „Ehrendienst“ zuneh-
mend. Man hörte häufiger: „Wie in Buchenwald“.
Die Alliierten standen bereits im Westen in Krefeld. Trotzdem ging der Einsatz weiter. Nach
den Arbeiten am Betonmischer wurde ich mit einer Hacke ausgerüstet einer Gruppe zugeteilt,
einen Weg am Berghang zu verbreitern. Andere hoben Kabelgräben aus. Mit der
Elektrifizierung war die Firma Siemens beauftragt.
Für kurze Zeit kam Freude auf. Es ging das Gerücht, BDM-Mädels kämen zur Verstärkung.
Sie sollten in den gegenüber liegenden Baracken untergebracht werden!
Der Gipfel war dann der Einsatz auf der Startbahn oben auf dem Berg. Diese soll 1,4 km lang
gewesen sein, gerade lang genug, um den Start der Turbinenjäger zu ermöglichen, aber zu
kurz für eine Landung. Landemöglichkeit bestand, so hörten wir, in Erfurt. Wir sollten die
Startbahn verbreitern. Als Werkzeug wurden uns fabrikneue Koksschaufeln ausgehändigt.
Nun grenzte die Betonpiste nicht etwa an lockeres Erdreich, sondern an gewachsenen
Waldboden, der gerodet werden musste. Der Erfolg unserer Bemühungen war entsprechend.
Die Erhabenheit des Ehrendienstes hatte jetzt den Höhepunkt der Lächerlichkeit erreicht.
Wir waren inzwischen 2 von den 6 Wochen im Einsatz.
Eines Morgens wurden wir zu einem Sonderappell befohlen. Es hieß, wir würden vorzeitig
nach Hause geschickt. Dies war eine erfreuliche Nachricht. So einfach und schön war die
Sache aber nicht. Der Appell fand auf einer Wiese nahe unserem Barackenlager statt. Eine
dünne Eisschicht bedeckte das alte Grün. Wir mussten in Dreierreihen wie üblich antreten. Es
dauerte einige Zeit in der Kälte bis HJ-Prominenz erschien. (Der HJ-Gebietsführer und der
Gauleiter Sauckel sollen auch im Werk gewesen sein, erschienen aber nicht). Das Ritual
begann mit Flaggenhissung und Fahnenlied. „Siehst du im Osten das Morgenrot...., vielleicht
sind wir morgen schon tot!“ Es wurde tatsächlich verkündet, wir würden nach Hause
entlassen, vorher sei aber noch die „Freiwillig“-meldung der Jahrgänge ab 1929 zur Waffen-
SS vorzunehmen. Außerdem sollten sich mindestens 50 „freiwillig“ zum weiteren Verbleib
im Einsatz melden.
Auf diese Aktion hatte uns niemand vorbereitet. Dann kam das Kommando „Jahrgänge 1929
und älter raustreten!“ Ich gehörte zum Jahrgang 1930. Die so aufgeteilte Truppe (je etwa 300)
musste sich wieder formieren. Nach dem Kommando „Stillgestanden“ erging die Kommando-
Frage an den 29iger Block: „Wer sich zur Waffen-SS meldet, drei Schritte vortreten!“ Der
Block trat drei Schritte vor! Nur zwei blieben stehen. Sie wurden nach vorne befohlen und
nach den Gründen ihrer Weigerung gefragt. Der eine sagte, seine Eltern seien damit nicht
einverstanden. Der andere gab eine klügere Antwort: Er fühle sich für den Elitedienst in der
Waffen-SS körperlich nicht geeignet. (Die beiden Verweigerer wurden nicht
zusammengeschlagen, wie es anderen Orts bei ähnlichen Gelegenheiten vorgekommen sein
soll.) Die 50 zum Verbleib bekam die Führung auch noch zusammen. Eine Verpflichtung zur
Geheimhaltung über den Einsatz wurde nicht vorgenommen. Die eigentlichen Helden dieser
gespenstischen Szene waren die beiden Verweigerer und die 50, falls sie sich nicht aus
verblendeter Hingabe für Führer, Volk und Vaterland gemeldet hatten. (Bei der Übermacht
der Zwangsarbeiter konnte sich auch der Dümmste vorstellen, was passiert, wenn das System
zusammenbrach.) Das war so ein Punkt, zu dem man sich später fragt: „Was hättest du
gemacht, wenn du vor die Entscheidung gestellt worden wärest?“ (Ich war überdies schon
einmal als „asoziales Element“ aufgefallen!). Von einem der 29iger-Gruppe wusste ich, dass
er und seine Familie unter Druck standen, weil die arische Abstammung angezweifelt wurde.
Er war auch drei Schritte vorgetreten. Später, nach der Eroberung Thüringens durch die
Amerikaner, sah man den Vater als ´Verfolgter des Naziregimes´ in KZ-Kleidung. Während
wir für Hitlers Wunderwaffe Me 262 arbeiteten, hatte man ihn zum schlimmen Schluss noch
ins KZ gesteckt. (Im Zweifel gegen den Angeklagten!). Dem Sohn ging es wohl um einen
letzten Versuch, das System zu überzeugen. (Spätere Pharisäer und Schriftgelehrte haben es
leicht, nach erfrischender Dusche im gekachelten Bad, einem guten Frühstück mit Bio-Ei und
duftendem Kaffee an ihrer bequemen Textverarbeitungsmaschine Stirnrunzelndes
abzusondern. Nach dieser guten Tat, gönnt man sich einen Spaziergang im Park und sinniert
über seinen oder ihren beeindruckenden Auftritt in der abendlichen Talkshow!).
Das Ende
In den nächsten Tagen, es war Mitte März, ging es in die Heimatorte. Der Zug Richtung
Westen zog seinen langen Feuerschweif, und ich war wieder in Vacha. Die
Truppenbewegungen nahmen zu. Kurz vor Ostern, Ende März, näherte sich das Kriegs-
geschehen hörbar. Wohin? Vor dem Kabelwerk waren Unterstände, ein Stollensystem, das bis
16 Meter in die Tiefe ging. Die Restfamilie (meine Mutter, meine Großmutter, mein Bruder
und ich – mein Großvater war 1944 gestorben) begab sich mit etwas Handgepäck vom
Untertor zum Kabelwerk. Auf dem Weg dahin durch die Turmstraße kamen feindliche
Tiefflieger. Wir nahmen Unterschlupf im Keller einer Schmiede. Dieser Keller schien uns
nicht bombensicher. (Wir sollten recht behalten. Bei dem Artilleriebeschuss in den folgenden
Tagen wurde die Schmiede getroffen, die Schmiedeleute getötet.) Nach Abklingen der
Angriffswelle der Tiefflieger erreichten wir den Unterstand. Die Stollen waren eng und
abgestützt wie im Kohlebergwerk. Dagegen waren die Stollen in Kahla Tanzsäle. Es gab zwar
Beleuchtung aber sonst nur Höhlenleben. Wir kauerten auf dem Boden und hofften, lebend
wieder herauszukommen. Unsere größte Befürchtung war, dass irgendwelche 150-prozentige
Typen den Helden spielen und die Eroberer die Stollen ausräuchern würden. Die Befürchtung
war nicht unbegründet. Streifen-HJ durchkämmte die Stollen, um Jugendliche für
Meldegänge an die Front zu holen. Meine Mutter versteckte meinen Bruder und mich in
einem schmalen Bewetterungstollen, den die Streife glücklicherweise übersah. Nach zwei
Tagen sahen wohl auch die Führergläubigen, dass das Ende unabweisbar war. Sie takelten ab.
Parteiabzeichen, Ordensspangen, alle Dekorationen dieser Art wurden im Stollenboden
verscharrt. Gott sei Dank keine todesmutigen Helden! Am dritten oder vierten Tag unter der
Erde – es war in den ersten Tagen nach Ostern – wurde Vacha erobert, und wir konnten den
Unterstand von GI’s bewacht verlassen. Vor dem Ausgang feuerte eine PAK Richtung
Öchsenberg. Im Ort amerikanische Soldaten, Panzer und Jeeps mit schweren Maschinen-
gewehren. Im „Goldenen Engel“ angekommen wurden wir von GI’s empfangen. Ich wurde
von einem furchterregenden Typ mit pechschwarzen Haaren, ebensolchen stechenden Augen
nach Waffen durchsucht. Nicht geübt im „Hands up!“ ließ ich meine Arme wieder herunter;
er riss sie mir energisch wieder nach oben. Nun wusste ich, wer jetzt das Sagen hatte. So
fühlte sich also das Erobertwerden an. Da kannst du absolut nichts machen. Ob die neuen
Herren Befreier oder nur Unterdrücker in anderen Uniformen waren, musste sich erst noch
erweisen. Jedenfalls hielt mich mein Eroberer auch für wehrfähig, sonst hätte er mich nicht
nach Waffen durchsucht. Die neuen Herren hatten große Angst vor „Werwölfen“. Ich war für
mein Alter schon ziemlich groß und passte in diese Kategorie ihres Feindbildes. Schon wieder
´ein asoziales Element´? Er fand keine Waffe und ließ mich gehen. „Puuhh!“
Der Gasthof wurde requiriert. Wir Dauergäste (insgesamt acht Personen) mussten ins
ehemalige Wehrertüchtigungslager mit vielen anderen Ausquartierten. Die Bedingungen
waren im Vergleich zu den Baracken in Kahla luxuriös. Nach einigen Tagen durften wir in
den Goldenen Engel zurück, aber nicht in unsere Zimmer, sondern in den Gewölbekeller mit
einem Luftloch und einer eisernen Falltür. Wieder Höhlenexistenz. In der Gaststube wurden
etwa 30 befreite ehemalige englische Kriegsgefangene untergebracht. Tagsüber waren die
ganz nett. Wir konnten uns mit unserem Schulenglisch passabel unterhalten, was uns zeigte,
dass wir nicht nur für die Schule gelernt hatten. Die Befreiten hatten inzwischen
Alkoholisches entdeckt. Am Abend wollte ich hinaufgehen, um noch etwas aus unserem
Zimmer zu holen. Vor der Gaststubentür stand ein Engländer, der bereits zu tief ins Glas
geschaut hatte. Er sah mich, stürzte auf mich zu und wollte mir an die Kehle. Ich geriet in
Schreckstarre. Kurz vor dem Zugriff, öffnete sich die Gaststubentür, ein US-Soldat, der
offenbar als Wache postiert war, sah die Szene, riss den Angreifer am Kragen zurück, klopfte
auf sein Pistolenhalfter und beruhigte mich: „Be quiet, I have a pistol“. Hätte ich mich
gewehrt und den Angreifer sogar überwältigt, hätte der Soldat die Szene anders interpretieren
können und seine Pistole nicht als beruhigenden Hinweis benutzt. Hier hatte sich das uralte
Verhaltensmuster der Schreckstarre wieder einmal bewährt. Die Hypothek, die das
Nazisystem durch Rekrutieren von Jugendlichen uns aufgebürdet hatte, wirkte auch in diesem
Fall fort: „Werwölfe“! (Im Nachbarort Unterbreizbach war nach Hissen der weißen Fahne
noch ein Schuss gefallen. Die Besatzer fackelten mindestens zwei Drittel des Ortes ab!). Nach
einigen Tagen der Einquartierung der Engländer waren alle Abflüsse der Gästetoilette
verstopft. Der Zugang war neben der Falltür zum Keller. Die Brühe suchte Gefälle und fand
sofort den Weg in unser Verlies. Wir da unten erlebten „Merdokratie“ in Reinkultur !
Auch das ging vorüber. Die Engländer zogen in ihre Heimat. Wir durften in unsere Zimmer
zurück. Die liegengebliebene Reichspost wurde zugestellt, einschließlich der Bestätigungen
ihrer Meldungen zur Waffen-SS an die 29iger-Kameraden. Ein 16-Jähriger - wohl aus einer
früheren Aushebung - war bei den Kämpfen auf dem Felde der Ehre gefallen. Die Nazigrößen
wurden abgesetzt und für öffentliche Arbeiten herangezogen. Ein neuer Bürgermeister wurde
eingesetzt, ein Stadtinspektor. Die Schule begann wieder mit dem Unterricht, ohne die
gewohnten Rituale. Während der nächsten Wochen tauchten immer wieder Jeeps mit
eigenartig Uniformierten an Bord auf. Sie trugen goldbetresste Schulterstücke, die so groß
wie „Frühstücksbrettchen“ waren, Tellermützen und olivfarbenen Uniformstoff. Das ließ
nichts Gutes ahnen. Es ging das Gerücht, die Russen kämen. Eines Morgens im Juli hörten
wir im Goldenen Engel draußen Pferdegetrappel. Ein Blick aus dem Fenster genügte: Die
Russen waren da. Panjewagen, einfache Fußsoldaten mit abgewetzten Stiefelabsätzen in
groben ungesäumten Mänteln. Die Amerikaner hatten sich zurückgezogen. Der eiserne
Vorhang war gefallen, noch ohne Mauer und Stacheldraht. Er bestand aus Rotarmisten mit
klobigen Maschinenpistolen. Ihr Gebrauch war nicht zu überhören. Wir konnten nicht mehr
nach Philipps-thal ins Schwimmbad gehen oder in Ziegenhain an den roten Felsen
herumklettern. Ein beklemmendes Gefühl. Der „Goldene Engel“, nur 200 Meter von der
Werrabrücke bzw. der „Demarkationslinie“ gelegen, bekam ständig Besuch sowjetischer
Militärpolizei, Asiaten, die nach illegalen Grenzgängern und „nebenamtlich“ nach Schnaps
suchten. Sie verbannten uns aber nicht in den Keller wie die Eroberer.
Alle Einwohner Vachas ab 14 Jahren mussten sich bei dem einzigen alten Doktor auf
Geschlechtskrankheiten hin untersuchen lassen; ob aus tatsächlicher Angst vor Ansteckung
oder zur Demütigung der Besiegten, war unklar. Wahrscheinlich traf beides zu. Auf dem
Marktplatz wurden rote Transparente mit kommunistischen Beglückungsparolen aufgehängt
und für die, die nicht lesen konnten oder wollten, tönten Lautsprecher, allerdings ohne HiFi-
Qualität. Eines Tages wurde ein Erlass des noch von den Amerikanern eingesetzten
Bürgermeisters ausgehängt, alle deutschen „Zugereisten“ müssten kurzfristig die Stadt
verlassen. Betroffen waren vor allem „Bombenflüchtlinge“ aus dem Westen. Es gab eine
Protestversammlung auf dem Marktplatz. Der Stadtkommandant, ein Major, adrett in neuer
Uniform, wohl aus Beutetuch, betrat die Treppe am Amtsgericht, schlug die Scheibe des
Aushängekastens mit der Faust ein, riss den Aushang heraus und setzte den Bürgermeister ab.
Darauf fragte er die Menge: „Wer will Bürgermeister werden?“ Neben mir wurde getuschelt
und es meldete sich ein Arbeiter namens Schuh aus einer von Wuppertal nach Vacha
verlagerten Bandwirkerfirma (u.a. Fallschirmgurte). Als einziger Bewerber wurde er sofort
vom Kommandanten zum Bürgermeister ernannt. Nach 14 Tagen warf er das Handtuch mit
der Bemerkung: „Der Teufel soll hier Bürgermeister sein!“ Die Besatzungsmacht fand Ersatz.
Dies war das erste und letzte Mal, dass ich ein sofort wirksames Plebiszit erlebt habe. Fast
klassisch: Der Marktplatz (Forum) ist Wahlstätte. Manchmal gelang es neugierigen GI’s, über
die Werrabrücke zu kommen, um mal nachzusehen, was ihre östlichen Waffenbrüder so
machten. Es kam zu Prügeleien vor dem Goldenen Engel. Kehlige Laute und das Scheppern
von losgeschlagenen Plastikhelmen der mutigen GI’s übers Kopfsteinpflaster war der
„Schlachtenlärm“.
Der Schulbetrieb ging weiter, angereichert durch Russischunterricht. Russischlehrer waren
erst ein abgesetzter Kalibergwerksdirektor, der noch in der zaristischen Armee gedient hatte
und, nachdem dieser einem Herzschlag erlag, ein abgesetzter Amtsrichter, der wohl auch aus
dem Baltikum kam. Unterrichtsmaterial war ein Lehrbuch von Alexejew, 24. Auflage 1945
(!), gedruckt in der Piererschen Hofbuchdruckerei in Altenburg/Thür. Es enthielt keine Spur
kommunistischer Beispiel-sätze. Wichtige, gegebenenfalls lebenswichtige, Vokabeln oder
Sätze, die nicht im Lehrbuch standen, waren: „Stoi! Ruk´ verh! Kuda idieœˆ?“
„Æ idu v gorod“. (Stoi! Ruki werch! Kuda idjosch? Ja idu w gorod. Halt! Hände hoch!
Wohin gehst du?. Ich gehe in die Stadt.) Auch ohne Russischkenntnisse lernte man schnell,
was Rotarmisten mit „Dawai, dawai!“ meinten, nämlich: „Voran! Los, los!“ (Wörtlich
übersetzt: Gib!). Als Lektüre bot uns der Ex-Amtsrichter ein kleines Gedicht von
LERMONTOW über ein „Ptitschka“, ein Vögelchen.
Das Rätesystem wurde auch in der Schule eingeführt. Ich war im Schülerrat und nahm in
dieser Eigenschaft an Konferenzen teil. Nachdem sich Grotewohl und Pieck die Hand gereicht
hatten, und die SED gegründet war, gab es auch einen SED-Schulrat. Eines Tages visitierte
dieser die Oberschule Vacha. Zunächst Konferenz. Ich war dabei. Der Schulrat ließ eingangs
wissen, was er von der Schule hielt: Schule für Söhne und Töchter von
Kalibergwerksdirektoren, nicht für die Kinder der Werktätigen! (Die Direktoren hätten
jeweils einen Harem und Nachkommen wie Ölscheichs haben müssen, um eine große Schule
auszulasten!). Ein Mathematiklehrer hatte sich mit Statistiken vorbereitet: Es seien doch
immerhin 30 Prozent Arbeiterkinder an der Schule. Das hätte er lieber nicht sagen sollen. Der
Schulrat brüllte: „Das wagen Sie mir entgegen zu halten? Das ist doch gerade der Beweis für
meine Feststellung!“ Der Mathelehrer hielt den Mund. - Da war ich wieder nicht richtig
programmiert. Ich war ja nur Facharbeiterenkel und das nur väterlicherseits, aber nicht
Arbeiterkind. Dass wir inzwischen fast völlig mittellos waren, weil Witwen- und
Waisengeldzahlungen nicht mehr aus dem Westen in die Sowjetzone kamen und die
Sparguthaben „eingefroren“ waren, hätte die Einstufung als „Kapitalist“ im Ernstfall wohl
nicht verhindert.
Danach
Nach zwei vergeblichen Versuchen gelang uns erst im Juni 1946 mit knapper Not über
Heiligenstadt, Lager Friedland (mit den bekannten „Nissenhütten“ als Quartier, blanker
Boden zum Schlafen), die Rückkehr nach Düsseldorf. Die Fahrt dauerte acht Tage in
Güterwagen. In unserer Heimatstadt waren wir obdachlos, weil meine Großmutter nicht mehr
in ihre Wohnung kam. Die war besetzt. Blieb nur der Bahnhofsbunker. Demokratische
Parteien waren gegründet worden. Wir gingen zu einer Versammlung in einer halbwegs
intakten Halle. Der Vorsitzende einer der neuen Parteien, CDU, wurde als Redner
angekündigt. Ein älterer Herr mit Namen Konrad Adenauer betrat das Rednerpult. Er holte
uns aber nicht aus dem Bunker. Das Leben unter der Erde erfuhr also eine Neuauflage. Nach
drei Monaten gelang es mir, mit Hilfe des Vaters eines Klassenkameraden, ein Quartier über
Tage für die Familie zu bekommen: Zwangseinquartierung im unversehrten Einfamilienhaus
eines politisch belasteten Geschäftsmanns. Zwei ungeheizte Dachzimmer. Als Strandgut des
verlorenen Krieges wurden wir von dem Herrenmenschen nicht geliebt, was für uns nichts
Neues war.
Auch dieses hatte einmal ein Ende.
Ein Wiedersehen
Die 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts trieb uns - Gott sei Dank- nicht wieder unter die Erde.
Die Teilung Deutschlands währte noch lange. Immer drängte mich der Wunsch, bis in die
Träume hinein, die Orte in Thüringen, in denen ich Geschichte hautnah erlebte, zu besuchen.
Eine unrealistische Vorstellung. Vacha lag im 5-Km-Sicherheits-streifen an der Grenze, ganz
zu schweigen vom Sperrgebiet in Großeutersdorf bei Kahla. Als wir Anfang der 90iger Jahre
dorthin kamen: Keine Bunker, kein flacher Berg, aber ein Gittertor mit Kettenschloß und
Schild „Militärisches Sperrgebiet! Zutritt verboten!“. In der kahlen Felswand sah man noch
die Öffnungen der Lüftungsrohre von einst, die ich sofort wiedererkannte. Hinter einem
vergitterten Fenster des im Hintergrund befindlichen Wachgebäudes blitzten bläulich die
Objektive eines Feldstechers. Aha, jemand da! Ich formte die Hände zum Sprachrohr. „Hier
Römer aus Bonn. Ist hier das Gelände, auf dem die Me 262 gebaut wurde? Ich gehörte zum
letzten Aufgebot März 1945!“ Aus dem Hintergrund militärisch kurz: „Ja!“. Ich: „Gibt es die
Stollen noch?“ - „Ja!“ - „Sind die Montagebunker noch da?“ – „Gesprengt!“ – „Ist oben noch
die Startbahn?“ – „Gesprengt!“ Der nach wie vor geheimnisvolle Ort mit der Geisterstimme
aus dem Hintergrund hatte etwas Gespenstisches. Da half auch die Flagge der Bundesrepublik
Deutschland über dem Wachgebäude nicht. Ich verabschiedete mich von dem Geist mit
Feldstecher in dessen Sprachstil: „Danke, das war’s!“ Pyramiden und Höhlen geben nicht
Quellen und Nachweise
- zeitzeugen_komplett_ocr.pdf