Zeitzeugnis
Zeitzeugenaussage Hendrik Peeters
Erinnerung einer Orlamünder Familie an Hendrik Peeters und seine Aufnahme im Januar 1945.
Forschungsstand dokumentiert
Forschungsdatensatz
Dokumentierte Angaben
- Person
- Hendrik Peeters
- Rolle
- Zwangsarbeiter
- Ort
- Kahla
- Zeitraum
- 1945
- Herkunft
- Niederlande
Überlieferung und Kontext
1945 - der schreckliche Krieg wurde unerträglich. Mit tiefer
Betroffenheit erlabten wir auch in Orla m Dnde ,wie viele Familien
ihre Söhne und Väter verloren, wie die Menschen des Ostens flüch-
ten mußten, die Städte zerbo1nbt wurden, Wir hörten das Dröhnen
der Bomber, die Dresden m it Tausenden von Flüchtlingen in Schutt
und Asche legten ..... .
In dieser schweren Zeit,die man nicht schildern kann, wie sie uns
belastete, gab es viele Ausländer in Gasthöfen, Barackenr ältere,
deutsche Handwerker wurden eingewiesen in Familien Orln m ünder
Bürger und in um l ie gende Ortschaften . Tausende von M§nnern
arbeiteten in einem neuen werk: "REIMAG" .Mitten im Wa ld , im
Berg, unter Tage. Alles diente dem Krieg, mit "V 2" sollte es
eine Wende zu m "Endsieg" geben!
Ein junger Man n , damals 2o Jahre alt, arbeitete in diesem Werk.
Sein Name ??? HENORIK PEETERS
•
Von der Stadtverwaltung Orlamünde wurde er am 2.Januar 1945 in
m ein Elternhaus eingewiesen.
Obwohl die Ernährung schwierig war, gab es gerade an dem Tag
etwas Gutes zu m Mittagstisch: Rotkohl,K a rtoffeln und Rinder-Rou-
laden, wozu wir Hendrik Peeters einlude n . In meinen Stichwort-
aufzeichnungen steht der Satz, den Hendrik aufgeregt zu uns sp ach:
"Sie vergessen, ich bin Ausländer!"
Lieber Heinrich, so ist m ir Dein Kommen in Erinnerung!
Ab 2.J a nuar 1945 gehörtest Du zu uns. Sehr schlimm war Deine Bein-
verletzung, lange in ärztlicher Behandlung. Mitte Januar 1945
kam Frau Andersen mit Töchtern und Rudi, geflüchtet vor den Russen
aus der Nähe von Posen/Polen,Bekannta meiner Schwester. Sie fanden
Bleibe bei- urH;, Küche u,nd Herd wurdl'tn "geteilt"!
e,i-1'\e·
Unserer Mutter w a r es selbstverständlich, fDr Deine Ernährung m it
zu sorgen.Alles wurde mit Lebensmittel-Karten zugeteilt, die Rationen
wurden immer kleiner ... der Hunger immer größer. Aber wir• haLLen
Zwerghühner, deren Ernährung schwierig, aber die Eierproduktion frei
w a r , sie unterlag keiner Abliefer,,ngspflicht!
In unserer Küche nähte Mutter Tag und Nacht. Dein Platz war unweit
•
ihrer Nähmaschine.Stil! und bescheiden hast 0 Dich eingefügt. n i e m a l s
gestört.Ich war so jung und h a be Dich bestimmt nie nach Deinen Sorgen
und Nöten befr a gt . Mir ist in Erinnerung,daß Du einmal im Monat eine
Karte nach Hause schreibe,, durftest. Das feine.saubere Schriftbi l d
ist mir in bester Erinnerung. Aber eine Antwort Deiner Eltern be-
ka m st Du wohl n i e ?
Während Deiner Zeit bei uns wurden von Frauen für Soldaten Strü m pfe
und Hands huhe gestrickt, Wolle dazu gab es zugeteilt. Irgendwie
wurden dje Strümpfe kleiner, die Handschuhe kürze1· - und di e übrige
Wolle verwendeten wir für Dich. Deine Strü m pfe hatten keine • ße"
m ehr und die Hosen waren zerschlissen, mit Sicherheitsn a deln gehalten.
Alte Sch11he und Unterhosen bP,kamst Du von u11se1·em Vater - ob das alles
paßte,hat niemand gefragt!!!!!
Oer 14.März ka m , Mutter's 4B.Geburtstag. Mit Mühe besorgten wir etwas
Mehl in Kleiribucha,dank der fleißigen Zwerghühner gab es einen Kuchen.
Du schriebst einen rührenden Glückwunsch für Mutter, aber auch
• der Bäcker hat keine Hefe, der Gärtner keine Blu m e n" .... ,
Es war ein wunderschöner Frühling - sonnig, warm - Entschädiguny für
alle anderen Übel?
Oer Krieg wurde schlimmer, die "Fronten" rückten näher und nahe r .
Eines Tages lm April erging ein Auftrag a n mich von meinem Chef,
Bürgermeister und Ortsgruppenleiter, im Rathaus allerlei Akten xu
vernichten. Den "Feind" fast vor Augen geschah di e ses Vernich-
tungswerk im Heizkessel des Rathauskellers. Dieser war nicht ge-
eignet für solche Papiermassen, es entstand dicker Qualm. Es war
uns in der Aufregung nicht bewußt, daß wir gesundheitliche Schä-
den erleiden k5nnten. Mit dabei waren Grete FischMr und Gerda Kolb,
beide auch im Rathaus tätig. Hilfe kam von H e rta u11d Dir --- - und
dann passierte es, daß Du als einziges,männliches Weaen eine kurze
Ohnmacht erlittest. Du fielst uns förmlich in die Arme, a b e r sonst
ge schah Di r kein Unheil! Mutter hatte inzwischen daheim mit der
Einwohner-Kartei den Badeofen a11yaheizt, d<1mit wir uns a.lie einer
uründlichßn Reinigung unterziehen ko11n1;en.
Oiese verbrannte Ka r tei "durfte" ich, nachdem die Amerikaner das
•
Sagen hatten, aus dem Gedächtnis während der Pfingslfeiertage 1945,
mit Gerda Kolb, unter militärischer Aufsicht der Amerikaner neu
erstellen ....
Nachdem mitte April 1945 die amerikanische Armee in Orlomünde Einzug
hielt, folyte am 8.M a i 1945 endlich das Kriegsende.
Wir wa en so an Deine Anwesenheit gewöhnt und ich konnte nicht be-
greifen, daß Du uns •so schnall" verlassen mußtest. Eine kleine
Notiz lautet :"lo.5.1945, Heinrich zum Heimtransport nach Belgien.''
Himmelfahrt 1946 schriebst Ou einen Brief, daß Du gesund nm 21,-Mai
1945 bei Deinen Eltern angekommen wa rst . Herta schickte davon eina
Absch r ift , denn Mutter und Vater waren inzwischen in Essenhalm -
ich hatte mit Willi die Heimat varlassen,nachdem am 2 Juli 1945 die
Amerikaner gingen und Thüringen von den Russen besetzt wurde.
Rei schllm it tsorgüng in dRr trwrrzüsisCh besetLtcn Zonn iiberwand
ich mich schämend, Dich um die ersten Schuh'chen fDr Ursula zu bitten.
Bei all Deiner Jugend und eigener Probleme hieltest Du besten Kon-
takt zu unserer Familie mjt verschiedener Hilfe und dankbaren Briefen.
Im Juni 1947 hielten wir hocherfreut ein Päckct,en von Oi1· in der Hand!
Mit Herzklopfen auf11epsckt, mi·t Enttäuschung den '.[uhalt entnommen.
•
Es war "ausgeraubt", a ngefüllt mit a lten Holzstücken und einigen
Kartoffeln, ein Rest der Lierer Zeitung und herrlicher Duft edler
Seif!:!!
Im Juli 1947, es ylng·um Eigentum in Orlamünde, bekamer, meine Eltern
von Dir eine Er klärung über Deine Zeit bei uns. Selbstverständlich
hast Du das fü r uns getan, diese Bereitschaft hat uns sehr berührt.
Ja hrzehnte lang empfingen wir von Dir, lieber Hein r ich , viele herzlic
und dank b are Oriefe,Familiennachrichten -freudige, trau r ige und
Päck'chen.
Mia, sie war uns nahe wie Du, obw9hl wir sie nicht kannten. Eure Kinde
wurden geboren - aber es kam auch das Jahr 19671 Vom 23.-29.8. gab es
ein lang ersehntes Wiedersehen mit Dir, lieber Heinrich und Kennen-
lernen von Mia in Essenheim.Mutter kam Euch b e iden vorm Haus e ntgegen .
Noch heute hören wir De ine ersten Worte: "Mia, das ist Frau Hädrich,
gäbe es kein e Frau Hädrich, gä b e es keine Frau Peetcrs."
Wir waren alle sehr, sehr bewegUund ich schöme mich eben der Tränen
ni h b i der Erinnerung an diesen_Tag. Ich sehe Dich und meiner Mutter
gluckliches Gesicht, umrahmt von ihrem scho__ nen w e ißen Haar.
Es folg en schö e Ta e, Mia als "Kapellmeisterin
Vater.mit Euch n Heidelberg bei viel Regen '' lm"Oberhoyern",
mit eiskalten Fußen! und Mia ohne SLrümpfe
• •
1958 - Weltausstellung in Brüssel und Essenhcimer Belager1ing in
Licr! Was haben wir Euch zugemutet, was habt Ihr, hast Du für
uns getan! Zuerst Mutter,Vater,Ursula, Harro -dle Kinder blieben
allein bei Euch- dann wir mit Weikinger's und Gretchen. Tante
Klara zog um und Du sprachit ein großes, unvergessenes Wort aus:
"Deine Freunde sind auch meine Freunde". Alles, was wir von Euch
so großzügig und von Olr vorzüglich organisiert geboten bekamen,
ist uns eine bleibende Erinnerung.
Immer wieder gab es Besuche von uns zu Euch, von Euch zu uns.
Fester und inniger wuchsen wir in all den Jahren zusammen.
Quellen und Nachweise
- zeitzeugen_komplett_ocr.pdf