Zeitzeugnis
Zeitzeugenaussage Georg Potzler
Bericht des früheren Luftwaffenmajors und Volkssturmkommandeurs über die letzten Kriegswochen in Kahla.
Forschungsstand dokumentiert
Forschungsdatensatz
Dokumentierte Angaben
- Person
- Georg Potzler
- Rolle
- Volkssturm-Kommandeur
- Ort
- Kahla
- Zeitraum
- 1945
- Herkunft
- Deutschland
Überlieferung und Kontext
Bericht des ehemaligen Majors der deutschen Luftwaffe Georg Potzler über
seine Tätigkeit als Kommandeur des Volkssturmbataillons REIMAHG
Meine letzte Dienststelle, das IX. Fliegerkorps, war nach dem dramatischen Rückzug am
27. Februar 1945 in Neu Bihg bei München angekommen. Die Einsatzmöglichkeit der uns
angeschlossenen Verbände war durch den inzwischen geradezu katastrophal gewordenen
Kraftstoffmangel nicht mehr möglich. Die sowjetischen Kräfte hatten Schlesien und
Westpreußen erreicht. Die englisch-amerikanischen Streitkräfte hatten den Rhein
überschritten.
Es war jedem von uns klar, dass der Krieg seinem Ende entgegenging. Anfang März wurde
meine Dienststelle aufgelöst, und ich bat den Chef des Stabes um meine vorläufige
Beurlaubung nach meiner Heimatstadt Kahla. Dies wurde mir zunächst unter Hinweis auf
die vorliegenden Befehle verweigert, schließlich aber doch mit Rücksicht auf meine
absolute Überflüssigkeit dort genehmigt. Ich wurde am 7. März 1945 mit der Auflage, mich
bei der nächsten Fliegerdienststelle aller paar Tage zu melden, nach Kahla in Marsch
gesetzt. Eintreffen in Kahla am 9. März 1945, zunächst beurlaubt.
Meldung in Jena-Rödigen aller drei Tage und Nachfrage, ob vom Luftwaffenpersonalamt
neue Verwendung eingegangen.
Gegen Ende des Monats März war der bisherige Kommandant des Volkssturmbataillons
REIMAHG wegen unfähigen Verhaltens seines Postens enthoben worden. Er hatte auf
Grund eines Gerüchts Alarm ausgelöst, der um ein Haar zur Sprengung der Saalebrücke
geführt hätte.
Ein Bekannter von mir, wer es war, weis ich nicht, hatte dem Kampfkommandanten in Jena
meinen Namen als möglichen Nachfolger genannt. So wurde ich zum Führer des
Volkssturmbataillons REIMAHG bestimmt.
Ich ging anschließend nach der REIMAHG, um mich über Stärke, Bewaffnung und
Aufgaben dieser Einheit zu unterrichten.
Was ich erfuhr, war katastrophal. Stärke etwa 500 Mann, die zu der Zeit im Flugzeugbau
beschäftigt waren. Ausrüstung mit Waffen und Munition völlig ungenügend, Dem Auftrag,
die Saalelinie mit dieser Einheit zu halten, war jedenfalls damit nicht nachzukommen.
Meine zweite Sorge galt den bei den Bauarbeiten im Berg beschäftigten etwa 15 000 auslän-
dischen Arbeitskräften. Es waren dies Dienstverpflichtete aus Italien, Polen, Serbien und
der Sowjetunion. Für diese 15 000 Menschen war Verpflegung für nur ein paar Tage
vorhanden. Was sollte werden, wenn diese Zeit verstrichen war? Ich besprach diese Dinge
mit dem Betriebszellenobmann des Werkes, dem SS-Brigadeführer Pflomm. Dieser sah das
Prekäre der Lage ein, und wir beschlossen, eine Meldung darüber an den
Kampfkommandanten in Jena zu machen. Die Amerikaner waren inzwischen in die Gegend
von Gotha vorgestoßen. Es war nur noch eine Frage von Tagen, und sie würden in Kahla
sein.
In der Nacht kam an mich der Befehl von Jena die 15 000 Fremdarbeiter wegen der
Bedrohung der eigenen Front unschädlich zu machen. Auf meine Frage, wie ich dies
machen solle, bekam ich zur Antwort, dies sei meine Sache. Es war mir, wie auch dem
Brigadeführer Pflomm klar, dass man diesen Wahnsinnsbefehl nicht ausführen konnte.
Da der Volkssturm ja. immer noch dem Gauleiter Sauekel unterstand, wurde vereinbart,
dass Pflomm diesem mündlich die Lage unterbreiten und ihm nahe legen sollte, die 15 000
Ausländer ernährungsmässig auf einen größeren Distrikt zu verteilen.
Diesem Vorschlag von uns wurde durch den damals auf der Köppe in Hermsdorf
befindlichen Gauleiter zugestimmt. Wir ließen die Fremdarbeiter davon unterrichten, dass
sie in Trecks von etwa 1 500 Personen nach Osten zu in Marsch gesetzt würden und dass
alle vorhandene Verpflegung sowie die Küchen auf den Fahrzeugen dann mitgegeben
würden. Etwa am 15. März 1945 brachen diese Trecks auf und marschierten gen Osten. Den
größten Teil meiner Volkssturmmänner gab ich ihnen zur Aufrechterhaltung der Ruhe und
Ordnung mit. Es gelang so, etwa die Hälfte der Fremdarbeiter von hier zu entfernen. Die
anderen weigerten sich mitzugehen. Inzwischen waren die Amerikaner bereits in Weimar.
Ich bezog mit den mir verbliebenen Männern, es waren etwa 80 Mann, eine Stellung
zwischen Löbschütz über den Dohlenstein bis zur Suppischen Höhe. Ein wirksamer
Widerstand war bei der Bewaffnung völlig aussichtslos. Die Amerikaner besetzten Kahla,
und ich kam am 14. April im Leubengrund in Gefangenschaft.
In das Flugzeugwerk selbst hatte ich keinen Einblick.
Quellen und Nachweise
- zeitzeugen_komplett_ocr.pdf