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Zeitzeugnis

Zeitzeugenaussage Balilla Bolognesi

Deutsche Übersetzung des autobiografischen Berichts Die Deportation: das Dunkel.

Forschungsstand dokumentiert

Forschungsdatensatz

Dokumentierte Angaben

Person
Balilla Bolognesi
Rolle
Zwangsarbeiter
Ort
Walpersberg
Zeitraum
August 1944
Herkunft
Italien

Überlieferung und Kontext

Balilla Bolognesi Zweites Buch: „Die Deportation: das Dunkel“ (5. Mai 1944 bis 6. April 1945) Übersetzerin Isabella Schwaderer (wenn nicht anders vermerkt) bzw. Berit Brünning (gekennzeichnete Stellen) Vorwort (S. 1-4): Historischer Hintergrund der Deportationen und des Einsatzes von Kriegsgefangenen in Arbeitslagern Erzählung: S. 5-7 5. Mai 1944: Deutsche Soldaten dringen in Esanatoglia ein und kommandieren die Jahrgänge 1914-1927 zum Arbeitseinsatz ab. Fußmarsch nach Matelica von ca. 50 Männern aus E. im Alter zwischen 17 und 30 Jahren. Unterbringung in einem mit Stroh ausgelegten Raum, Ration 1 Brötchen mit Mortadella „5. Mai: Es war etwa 5:30 morgens, wir werden von Kanonendonner und Maschinengewehrfeuer geweckt. Wir stehen auf, ich gehe ans Fenster und sehe deutsche Soldaten, die von Haus zu Haus gehen und die Männer herausholen; diese sollen sich uf dem Marktplatz versammeln. Die Deutschen hatten unser Dorf umzingelt mit Hilfe einiger Faschisten. Wir wurden alle an der Porta S. Andrea zusammengetrieben; sie hatten alle unsere Namen und Adressen am 1. April von der Gemeinde Esanantoglia bekommen, als sieeine Strafexpedition in unser Dorf unternommen hatten; sie hatten Häuser in die Luft gesprengt und zwei unschuldige Geiseln auf der Piazza Cavour erschossen. Sie sagten uns, wir würden zum Arbeitseinsatz nach Macerata in unserer Region gebracht, für Straßenbauarbeiten. sie riefen die jungen Männer der Jahrgänge 1914 – 1927 auf und sagten uns, wir hätten eine Stunde Zeit, unsere Sachen zu packen. Es war warm und wir nahmen nur wenig mit. Wir versammelten uns wieder, mit unseren Angehörigen um uns herum, und sie verabschiedeten uns in der Überzeugung, dass wir bald zurückkehren würden, und dass all dies, im Vergleich zur Front, kein Unglück sei. Um 12 Uhr begann der Fußmarsch nach Matelica in Reih und Glied, flankiert von Soldaten. Es gab kein verzweifeltes Schmerzensgeschrei, höchsten ein paar Tränchen unserer Eltern und der Aufschrei von Mariano Chiappa, dessen Sohn Italo unter uns war: „Ich werde dich niemals wiedersehen, mein Sohn!“, die Hände zum Himmel erhoben. Tatsächlich kehrte der arme 17-jährige Junge nicht zurück, er starb in Kahla. Aus Esanatoglia waren wir etwa 50 Mann, die ältesten waren 30 Jahre alt, die jüngsten 17, und von diesen hatten einige das 17. Jahr noch nicht vollendet. Wir marschierten langsam und kamen um 13.30 nach Matelica und wurden ins Erdgeschoß des Palazzo Ottoni gebracht; dort gab es dunkle Räume ohne Möbel, nur etwas Stroh am Boden. Gegen 17 Uhr brachten sie uns ein Brötchen mit Mortadella. Wir verbrachten die Nacht auf dem Stroh ausgestreckt mit anderen jungen Männern aus Macerata, die bereits dort waren, unterhielten uns und machten die verschiedensten Vermutungen. S. 7 - 11 6. Mai: (bis 9.Mai) Transport in Lastwagen nach Sforzacosta. Unterbringung in einem ehemaligen Lager für alliierte Gefangene, schlafen auf den Resten der Betten der Gefangenen, Wanzen. Gefangene verfassen einen ironischen „Kriegsbericht“. Ca. 900-1000 Mann aus Esanatoglia, Matelica, Castelraimondo, San Severino, Tolentino, Cingoli u.a. (Provinz Macerata), aus Razzien auf Befehl des Gauleiters Fritz Saukel in dieser Gegend (um die Partisanen zu schwächen). Leben wie im KZ: 2 Mahlzeiten pro Tag, 12 und 18 Uhr, bestehend aus Suppe, 50g Brot mit Salami oder Marmelade. Keine Löffel, nur ein Wasserhahn auf dem Gelände. Nach einer Woche wächst die Zahl auf ca. 1500 Gefangene. Samstag 6. Mai: Am Vormittag gaben sie uns das übliche Brötchen. Ein paar Verwandte kamen um sich von mir zu verabschieden, auch meine kleine Verlobte, die süße Bianca. Kurz darauf kamen die Lastwagen und um 15.00 mussten wir Lebewohl sagen, weil wir nach Sforzacosta fuhren, wo wir gegen 16.15 ankamen. Ich habe vergessen zu erwähnen, dass mit mir auch mein Bruder Giuseppe, mein Cousin Walter und mein Cousin Aminta dabei waren; letzterer wurde nach einigen Tagen heimgeschickt, weil er krank war. Kaum waren wir angekommen, empfingen uns ein „Nazikomitee“, deutsche Soldaten, die uns mit den Rufen „schnell, schnell, raus!“ aus dem LKW aussteigen ließen und uns in Reih und Glied aufstellten. Sie bedrohten uns mit dem Gewehrgriff und brachten uns ins Lager. Dies war ein ehemaliges Gefangenenlager für alliierte Soldaten, es bestand aus unbenutzten Holzbaracken, einigen Zementbaracken und natürlich den gemauerten Soldatenunterkünften. All diese hatten vergitterte Fenster und war mit Maschendrahtzaun umgeben. Wir fanden uns in der Hölle wieder; drohendes Gebrüll begleitete uns bei jeder Bewegung. Unsere Gruppe wurde in einer alten Baracke mit Zementboden untergebracht. Jeder suchte sich einen Winkel an den Außenwänden, aber da es klar war, dass wir nicht die Nacht auf dem nackten Zementboden verbringen konnten, machten wir uns auf die Suche nach irgendetwas. Wir fanden viele Holzbretter, die einmal Teile der Stockbetten der Alliierten gewesen waren und jeder nahm sich einige davon, um sie nebeneinander auf den Boden zu legen. Währen der Nacht bemerkten wir jedoch zahllose Wanzen, die sich tagsüber in den Ritzen des Holzes versteckten und sich nachts auf unsere Glieder stürzten. Es war unmöglich, so zu schlafen und so verbrachten wir diese erste Nacht mit Geschichten, Witzen und Unsinn, um die Spannung zu lindern... wir waren jung. [ironischer „Kriegsbericht“, den der Besitzer der Bar von Esanatoglia in sein Fenster hängen sollte, dieser weigerte sich aber] In diesem Lager von Sforzacosta waren wir zu 900/1000 zusammengepfercht, Leute, die aus Razzien Esanatoglia, Matelica, Castelraimondo, San Severino, Tolentino, Cingoli u.anderen Dörfern der Provinz Macerata kamen, aus den Gebieten, wo die Partisanen besonders stark waren. Mit diesen Razzien verfolgten die Nazifaschisten zwei wichtige Ziele: zu vermeiden, dass diese ungehorsamen und renitenten Leute die Reihen der Partisanen verstärkten, und zweitens, sehr wichtig für die Nazis, sich mit kostenloser Arbeitskraft zu versorgen, die sie auf deutschem Boden ausnutzen wollten; dies auf Befehl des Gauleiters Fritz Saukel. Das Leben im Lager glich dem eines KZs. Zwei Mahlzeiten am Tag, um 12 und um 18 Uhr; eine Suppe, 50g Brot mit Salami oder Marmelade. Für die Suppe gaben sie uns eine Tonschüssel, aber den Löffel mussten wir uns selbst herstellen, aus den bereits erwähnten Brettern, die wir geduldig mit dem Messer bearbeiteten. Um diese Schüssel zu waschen, um sich das Gesicht zu waschen, um zu trinken, musste man sich in langen Schlangen anstellen, denn es gab nur einen Wasserhahn, keine Toiletten und Wächter am Eingang. Jeden Tag kamen neue und nach einer Woche war unsere Zahl auf 1500 angewachsen.“ S. 11 - 12 10. Mai: Ärztliche Untersuchung S. 12 - 13 15. Mai: Brief der Mutter S. 13-15 16. Mai: Auslese von 170 Personen, darunter der Autor, sein Bruder Giuseppe, sein Cousin Walter. Fluchtversuch des Autors und Cannelli Antonio; kehren bald zurück, um die Verwandten nicht im Stich zu lassen. Gegen 18.00 Abtransport nach Floren in alten Bussen. Merkwürdige Route: Sforzacosta – Chieti-Tal – Colfiorito – Nachts aber in Umbertide, Pause. Città di Castello – Villa San Lucia. Alliiertes Flugzeug, alle steigen aus und verstecken sich in einem Weinberg, einigen gelingt die Flucht. S. 15-16 17. Mai Ankunft in Florenz gegen 10 Uhr. Piazza Santa Maria Novella, 10, ein Ursulinenkoster, ist einer von 33 Sammelplätzen. Unterbringung in sauberen Zimmern, 2 Mahlzeiten. Formulare für die freiwillige Meldung zum Arbeitsdienst in Deutschland tauchen auf; nicht alle unterschreiben, was aber keinen Unterschied macht. S. 17 20. Mai: Verteilung auf Lastwagen mit 2 bewaffneten Soldaten pro LKW als Eskorte. Zum Auswahllager in Suzzara (Provinz Modena). Gut ausgerüstetes Lager mit Stockbetten, regelmäßigen und ausreichenden Mahlzeiten. Es wird klar, dass sie auf den Transport nach D warten; gefangene aus den Marche, Toscana, Umbrien u.a. Regionen. S. 17-19 24. Mai 1944: Ansprache des Monsignore Antonio Giordani, der durch seine Verbindungen zu den Faschisten Karriere gemacht hatte. S. 19-20 25. Mai 1944: Ein LKW Fahrer nimmt einen Brief an die Eltern mit. S. 20 26. Mai 1944: Abfahrt am Bahnhof von Suzzara in Personenwagen. Verona – Brenner – Innsbruck. Halt, Übernachtung. S. 21 27. Mai: Weiterfahrt nach München – Erfurt. S. 21 - 23 28. Mai: B.B. trifft russische Gefangene im Lager in armseligen Zustand, sie betteln um Essen. Zug nach Weimar – Jena – Kahla – Orlamünde – Zeutsch. [Liste der Gefangenen aus Esanatoglia: Antonini Nello Buldrini Angelo Cingolani Marino Bini Americo Buldrini Livio Crescentini Nello Bolognesi Balilla Buldrini Lorenzo Dipiero Angelo Bolognesi Guiseppe Calisti Marino Dolce Celeste Bolognesi Walter Cannelli Antonio Mariotti Mario Bottaccio Gino Casciani Francesco Micheli Nicola Brugnola Anacleto Chiappa Guiseppe Pedica Armando Bufarini Antonio Chiappa Italo Strinati Palmero Tozzi Colombo ] Zu Fuß nach Niederkrossen. Unterbringung in Festhalle auf benutztem Stroh (Flöhe) „Sonntag 28. Mai 1944. Geweckt am frühen Morgen gehe ich in die Gemeinschaftsbaderäume und mir bleibt fast das Herz stehen, als ich bis zum Skelett abgemagerte Männer sehe, die mit dem Putzen der Toiletten beauftragt sind, alle zerlumpt. Sie bitten uns um etwas Nahrung. Es waren russischen Gefangene, die vom Hunger so zugerichtet waren, da sie schon vor langer Zeit nach Deutschland deportiert worden waren. Gegen 10 Uhr vormittags wieder im Zug in den Süden Thüringens via Erfurt - Weimar – Jena – Kahla – Orlamünde bis in das kleine Dorf Zeutsch. Zu Fuß geht es ca. 6 km nach Niederkrossen. Seit unserer Abfahrt aus Suzzara bis nach Niederkrossen hatte uns niemand gesagt, wohin es ging und wir reisten völlig orientierungslos ohne unser Ziel zu kennen. Glücklicherweise waren wir alle aus Esanatoglia zusammen. [Liste der Gefangenen aus Esanatoglia] Niederkrossen war kaum mehr als ein Bauerndorf, es gab ein Lokal, wie eine Bierstube mit einer Bühne und einer hufeisenförmigen Loge, das aber nicht mehr in Benutzung war. Nun diente es als Unterkunft für uns. In der Loge gab es etwas Stroh und so machte sich jeder sein Lager, den Rucksack als Kissen oder das Köfferchen, ohne Decke. Wir schliefen halb bekleidet, es war warm. Das Stroh war alt, schon benutzt, denn schon in der ersten Nacht war an Ruhe nicht zu denken wegen der zahllosen Flohbisse. S. 23 - 24 29 Mai: Neues Stroh, Waschen in der Saale, Desinfektion der Kleider in Kesseln. Einzelbefragung nach Herkunft und Beruf durch zwei Funktionäre; am Ende der Notizen immer der gleiche Stempel: „Landarbeiter“. Bis Ende Oktober zwei Mahlzeiten pro Tag aus Gemüsesuppe, Brot und Salami. [Bis hierher Schilderung aufgrund von Notizen, die sich B.B. damals gemacht hatte; im Folgenden Bericht aus der Erinnerung] Montag 29. Mai 1944: Wir hatten uns beschwert und so brachte man uns neues Stroh. Wir wurden an die Saale gebracht, ganz nackt, und sollten uns waschen, während alle unsere Kleider in einer Art Metallfässer mit Dampf desinfiziert wurden. Als wir aus dem Fluss stiegen, mussten wir unsere Lumpen aus dieser dampfenden Masse heraussuchen und, noch nass, anziehen. Vor dem Mittagessen mussten wir uns auf dem Platz in einer Reihe aufstellen vor einem Tisch, an dem zwei ein Blatt ausfüllten, allgemeine Angaben, Herkunft, ausgeübter Beruf, aber am Ende versahen sie alle Blätter mit dem Stempel „Landarbeiter“, egal, welchen Beruf wir angegeben hatten. Wir bekamen eine Schüssel und einen Löffel, zu Mittag gaben sie uns eine Gemüsesuppe, recht passabel, Brot und Wurst, am Abend ebenso. Ja, denn bis zum Oktober 1944 bekamen wir zwei Mahlzeiten am Tag, danach nur noch eine; aber darüber später. S. 25 - 31 Walpersberg Präzise Beschreibung der Lage von W. Umliegende Dörfer, Straßen. Kurzer Historischer Abriss über das Saaletal. Leimsiederei, Porzellanfabrik in Kahla. Anlage des Quarzsandbergwerkes. Notwendigkeit unterirdischer Fertigungsanlagen wegen alliierter Bombenangriffe. Saukel entwickelt „Jäger-programm“. Fiktiver Brief von Saukel an Göring, in dem er um die Einwilligung für das Programm bittet. Die Arbeitskräfte stammen aus Massenverhaftungen der Wehrmacht, der S.S. und den Faschisten in Italien nach Einwilligung Mussolinis in Klesseheim (April 1944), 1 500 000 Arbeiter nach D zu schicken. er folgen andere Nationalitäten. Jägerprogramm Groß angelegtes Projekt, das riesige Baumassnahmen erforderlich machte (Beschreibung) 95 ansässige Firmen arbeiteten mit. S. 32 - 34 Zwangsarbeit 30. Mai 1944: Antreten in Niederkrossen um 6.00, zu Fuß nach Zeutsch über Orlamünde und Großeutersdorf nach Kahla. Deutsche Vorarbeiter lassen Gräben / Fundamente ausheben. Schläge, Beschimpfungen. Täglicher Kampf um die besten Werkzeuge. Konstruktion der Baracken für die Arbeiter, Lager 1. Arbeit für die Gruppe von B.B. dauert 15 Tage [...] Dienstag 30. Mai: Niederkrossen; Wecken um 6 Uhr, nach einer halben Stunde zu Fuß zum Bahnhof Zeutsch, etwa 5 km, dann ließen sie uns in den Zug einsteigen und nach dem Städtchen Orlamünde kamen wir nach Großeutersdorf. Dann marschierten wir etwa 1,5 km zum Walpersberg zum nord-östlichen Abhang Richtung Kahla. Es empfingen uns die deutschen Meister, die uns, mit Stöcken bewaffnet, in dieser uns damals unverständlichen Sprache anbrüllten und uns mit den Händen anwiesen, aus dem Haufen einen Pickel oder eine Schaufel zu nehmen. Sie zeichneten Striche auf den Boden und bedeuteten uns, dort zu graben, Gräben oder Fundamente entlang der Linie auszuheben. Es gab einige, die wie ich an diese Art von Arbeit nicht gewöhnt waren; ich schaufelte langsam und der Capo unserer Gruppe begann zu fluchen und zu brüllen: „Los, los, Schwein, badoghlio!“ usw. Unterdessen umkreisten uns die Polizisten, die SS, und hielten uns in Schach. Es wäre zum Lachen, wäre die Situation nicht so tragisch gewesen. Unter uns waren Hochschulabsolventen, Angestellte und Studenten, die nicht verstanden, warum sie diese Arbeit machen sollten, und vor allem unter der ständigen Bedrohung, für nichts verprügelt zu werden. Aus Angst, oder weil sie es gewöhnt waren, schaufelten viele schnell, die meisten von uns arbeiteten jedoch langsam, und dann hagelte es Flüche, und für die die Pech hatten, auch ab und zu Stockschläge. Mittags 45 min Pause um eine Rübensuppe zu essen, dann wieder an die Arbeit bis um 18 Uhr, zu Fuß zum Zug, und dann nach Niederkrossen, ebenfalls zu Fuß, wo wir wieder eine Rübensuppe bekamen sowie Brot und Wurst oder Marmelade.“ S. 34 - 36 12. Juni: Fotos für Ausweise werden in Kahla gemacht. Festakt mit Musik und Ansprachen. Suche nach Freiwilligen für die italienische S.S. Zusammentreffen mit einer Gruppe der Hitlerjugend, Beschimpfungen, kleine Prügelei. Scharführer weist die Jungendlichen wegen der Provokation zurecht. „Montag 12. Juni 1944: Sie bringen uns im Zug nach Großeutersdorf und dann zu Fuß nach Kahla, wo wir für den Ausweis fotografiert werden. Auf dem Rückweg nach Großeutersdorf ließen sie uns auf einer von Feldern umgebenen Wiese rasten, wo ein LKW mit offener Ladefläche stand. Hier war ein Xylofon, ein Schlagzeug und eine Ziehharmonika mit den dazugehörigen Spielern. Wir mussten uns in U-Form hinsetzen, die Harmoika begann mit Begleitung zu spielen, ausgerechnet das Stück „Verlorene Hoffnung“. DAS FÄNGT JA GUT AN! Die Musik spielte weiter und es erschienen deutsche Soldaten mit einem faschistischen Hauptmann (Gerarch), der eine Rede begann über die Deutsch-Italienische Freundschaft, den siegreichen Krieg, der gewiss zur Zerschlagung der alliierten Kräfte führen würde, „denn unser Wille, unser Glaube und unsere Geheimwaffenwerden werden uns zum Endsieg führen und zum Triumph der Achsenmächte.“ Er fuhr fort und fragte, ob sich Freiwillige für die italienische SS oder die aufzustellenden Truppen der Republik von Salò melden wollten. Niemand rührte sich und so ermahnte uns der Hauptmann, sorgfältig mit unserer Arbeit beizutragen; wir würden wie die deutschen Arbeiter behandelt, usw. usf. Wir gaben zu bedenken, dass wir Kleider, Schuhe und eine vernünftige Unterkunft benötigten. Er antwortete, dass er unsere Anfragen weiterleiten würde. Wir waren auf dem Weg nach Großeutersdorf, als unsere Kolonne auf eine Gruppe der Hitlerjugend mit einer Fahne traf, und als sie an uns vorbeimarschierten, begannen sie zu schreien: „Scheiße, Badoghlio, Macaroni, Banditen“ und hielten sich die Nase zu. Zwei oder drei aus unserer Gruppe stürzten sich auf den Anführer und schlugen ihn mit den Fäusten; die Fahne fiel zu Boden. Als der Kommandant der Truppe kam, der gesehen hatte, was vorgefallen war, wusch er seinen Jungs den Kopf wegen der Provokation.“ S. 36 - 42 Taktik, wie man sich von der Arbeit fernhalten konnte. Begegnung mit einer Frau, die ihnen Brot schenkt. Ende Juni haben alle kaputte Schuhe. Umzug in Baulager 1. Beschreibung der Anlage. Lazarettbaracke als Sterbeunterkunft. Wohnbaracken. Organisation der Arbeit: zunächst 10 Stunden pro Tag, am September 1944 Tag- und Nachtschicht mit jeweils 12h. Ausrüstung der Arbeiter mit Holzschuhen. Beschimpfungen gebräuchlich wie: Badoghlio, Schweine, Verräter, Scheisse, Makkaroni, Zigeuner, Katzmacher, verfluchter Italiener Ab Juli 1944: Arbeiter aus ganz Europa. Arbeit im Straßenbau bei jedem Wetter. [Übersetzung Berit Brünning <36> Ich habe mit meinem Bruder und der gewohnten Gruppe bis Mitte Juni bei den …1 gearbeitet, dann haben wir das ebene Gelände trockengelegt, wo Straßen entstehen sollten; wir haben dazu immer Hacken, Schaufeln oder Spaten benutzt. Abends kamen wir dann immer zurück nach Niederkrossen. Aber Carbonaro Elio aus Matelica und ich suchten eine Möglichkeit, uns der Arbeit zu entziehen; es war riskant, wenn man unbedacht war, aber es war möglich, weil jeder der deutschen Überwacher morgens, wenn wir am Arbeitsplatz ankamen, die Aufsicht über 20 oder 30 Arbeiter übernahm, die dann bis zum Abend die Arbeit verrichten mussten, die er ihnen zuteilte. Es konnte sich jedoch ergeben, dass an dieser Stelle auch noch viele andere Gruppen die gleiche Arbeit machten, daher konnte der Aufseher seine Wort nicht lesbar <37> Männer nicht erkennen und dann reichte es aus, wenn man sich bei der Ankunft ganz hinten in der Reihe anstellte und sich kein Werkzeug geben ließ, weil der Chef seine Männer nicht kannte, aber verstand, dass jemand fehlte, wenn er ein Werkzeug, das niemand benutzte, herumliegen sah. Abends, eine halbe Stunde vor Arbeitsschluss mischten wir uns unter die anderen und die Sache war geritzt. Ab und zu passierte es, dass der Chef uns fragte: Wo warst du heute, ich habe dich nicht bei der Arbeit gesehen! Und ich antwortete dann: Ich war hier bei den anderen und habe gearbeitet. Dieses Spielchen haben wir öfter gemacht, auch wenn es regnete, dann suchten wir Schutz unter den Bäumen und wenn die Sonne schien, legten wir uns an irgendeiner abgelegenen Stelle hin. Es war gefährlich, denn es reichte aus, dass ein Vorübergehender misstrauisch wurde und die Polizei rief und schon war man in Schwierigkeiten. Eines Morgens Ende Juni – es war ungefähr neun Uhr morgens – liefen mein Freund aus Matelica und ich mit gesenktem Kopf die Landstraße entlang, die von Kahla nach Rudolstadt führt; wir liefen einer auf der linken und einer auf der rechten Seite; wir suchten Zigarettenkippen. Auf einmal überholte uns eine Frau auf dem Fahrrad, hielt an und kam wieder zu uns zurück. Wir glaubten uns schon <38> in Gefahr; was kann sie von uns wollen? Dieses gutherzige Geschöpf hielt an, zog einen Laib Brot aus der der Tasche und gab ihn uns. Dann stieg sie wieder auf ihr Fahrrad und fuhr weiter, während wir ihr erstaunt dankten. Ende Juni 1944 hatten wir fast alle kaputte Schuhe. In jenen Tagen wurden wir in die Baracken des neuen „Baulager 1“ am Walpersberg verlegt. Dieses Lager hatte man auf lehmigem Boden an einem Hang errichtet; oben waren die Kommandobaracken und das Büro des Lagerführers, die Küche und die Warenlager, an den Seiten, beim Lagereingang, waren die Unterkünfte der SS-Wachen und weiter unten all die Baracken für uns. Am Anfang verlegten sie ein Rohr mit mehreren Wasserhähnen im Freien, an denen wir trinken und uns waschen konnten, irgendwann im November wurde dann eine Baracke errichtet, in der es eine Reihe von Wasserhähnen gab, aus denen das Wasser in Becken lief, sie waren wie Tröge. WCs, also Toiletten hat es nie gegeben; für die körperlichen Bedürfnisse gab es ein großes, rechteckiges Loch unter freiem Himmel mit einem Lattenzaun an den Seiten, auf den man sich stützen und das Gleichgewicht halten musste, während man seine Notdurft verrichtete. Von Duschen <39> war nicht die Rede, es gab nicht einmal ein Rohr unter freiem Himmel. Dann gab es eine Baracke, die den hochtrabenden Namen Krankenstation trug; sie war mit einem Tisch, einem Stuhl und einem Regal eingerichtet, das dazu bestimmt war, Medikamente zu enthalten, wenigstens die notwendigsten, aber es war immer leer. Es gab kein Aspirin, kein Mittel gegen Zahnschmerzen, es gab ein paar Verbände aus Papier, Jod und Schwefelsalbe gegen Krätze, die im Sommer viele Arbeiter befiel, weil es in der Enge zu viel Körperkontakt kam und die hygienischen Verhältnisse schlecht waren. Der Arzt vom Dienst war ein Deportierter aus Perugia, der einen untersuchte, wenn man ihn brauchte, aber einem nur Ratschläge geben konnte, weil es keine Medikamente gab. Dann gab es die Baracke Nr. 9, die Baracke der Sterbenden, die vom Herbst an immer voller wurde; dorthin kamen die „unfähigen“, die völlig am Ende waren, sie waren nur noch Skelette, die meisten von ihnen waren von schwerstem Durchfall, TBC und Ödemen ausgezehrt, ihre Organe funktionierten nicht mehr; sie waren für den Krieg des großen Reichs nicht mehr von Nutzen und weil sie nichts mehr leisteten, behandelte man sie nicht, sondern ließ sie langsam, ohne eine Spur von Mitleid, sterben. <40> Unsere Baracken waren alle aus Holz, mit geteerten Dächern, an einer Seite war eine Außentür, die zu einem kleinen Eingangsflur führte, es gab nur ein Fenster; drinnen standen sechs Doppelstockbetten aus Holz, in jedem konnten vier Personen schlafen (zwei oben und zwei unten), es gab insgesamt also 24 Schlafplätze. Jeder Schlafplatz hatte einen hölzernen Lattenrost, man lag auf Säcken aus synthetischer Jute, die mit Papierstreifen gefüllt waren, es gab Kissen aus dem gleichen Material und um uns zuzudecken hatten wir jeder eine Militärdecke bekommen. Der Fußboden in der Baracke war aus Holz, die Wände waren einfach, nicht doppelt, also kann man sich vorstellen, wie eisig es im Winter war, wenn die Kälte durch die Ritzen drang. Was die Einrichtung betraf: ein rechteckiger Tisch, zwei kleine Schränke, keine Stühle, ein runder Ofen, den man nur ab und zu heizen konnte. Während meiner Deportation musste ich dreimal in eine andere Baracke umziehen: Die erste war die Nr. 6, die zweite Nr. 15, die dritte Nr. 27a. Mein Bruder war immer bei mir, in derselben Baracke. Am Anfang hatten wir die Möglichkeit, mit Leuten aus dem gleichen Ort oder sonstigen Bekannten zusammen zu wohnen; wir waren also in unserer Baracke zwanzig aus unserem Dorf und außerdem noch zwei <41> aus Tolentino und zwei aus Sanseverino, in der Provinz Macerata; nach einigen Monaten wurde dann mehr als die Hälfte der Männer aus meinem Dorf - vielleicht, weil sich der Arbeitsplatz geändert hatte - in andere Lager verlegt, die ebenfalls zur Reimahg gehörten. Ab Dezember 1944 waren mein Bruder und ich zusammen mit Soldaten, I.M.I2 in der Baracke 27a, bis April 1945. Wie ich bereits erwähnt habe, war ich ab Ende Juni im Baulager 1 am Walpersberg und von da an gab es eine Regelung der Arbeits- und Erholungszeiten. Während der ersten Monate dauerte eine Arbeitsschicht 10 Stunden am Tag, aber ab September 1944 wurden es 12 Stunden am Tag oder 12 Stunden in der Nacht, mit einer Pause, die am Anfang eine Stunde dauerte, dann nur noch 45 Minuten; einmal im Monat hatte man eine Schicht lang frei. Sie gaben uns ein paar Latschen aus Holz; diese Schuhe waren die einzigen Kleidungsstücke, die wir bekamen und sie waren das Erkennungszeichen für uns Sklaven; an diesen Holzschuhen konnte uns nämlich jeder Deutsche erkennen und daher konnten wir nirgendwo hingehen, wir wurden sofort aufgehalten. <42> Und ab Anfang Juli 1944 begannen wir zu verstehen, wie viel Arbeit es gab und wie schwer sie sein würde; eine Masse Deportierter aus ganz Europa war gezwungen, bedingungslos zu gehorchen, wenn man ihnen in einer für uns nicht verständlichen Sprache, nie in einer anderen, Befehle gab. Die Kapos, die Meister gaben einem ihre Befehle auf Deutsch und man musste sie sofort verstehen, sonst setzte es Stockschläge; das war natürlich schwierig, besonders am Anfang. Die häufigsten Schimpfwörter waren: Badoglio, Schweine, Verräter, Scheiße, Makkaroni, Zigeuner, Katzmacher, Verfluchter Italiener! Im Juli habe ich in der Nähe des Walpersbergs gearbeitet, am westlichen Hang; wir hatten die Aufgabe, den Boden zu hacken, damit Straßen gebaut werden konnten. Eines Morgens in jenem Juli zog ein furchtbares Gewitter auf, wir waren im Freien und hatten keine Möglichkeit, uns unterzustellen und am Anfang wollte der Meister nicht, dass wir aufhörten zu arbeiten, aber irgendwann waren wir so durchnässt und vom Schlamm verdreckt, dass er Istituto Militare Italiano uns in die Baracke ins Lager zurückbrachte. Am Nachmittag wollte er, dass wir an die Arbeit zurückkehrten, wir kamen in Unterhosen zum Appell, weil unsere wenigen Kleidungsstücke noch vollkommen nass vom Regen waren und da ließen sie uns zurück in die Baracke gehen; aber das war nicht nur ein seltener Fall, sondern einmalig, weil wir im Folgenden bei jedem Wetter arbeiten mussten, im Sommer in der sengenden Hitze, ohne Wasser trinken zu können, im Herbst und besonders im Winter bei Regen und Schnee und bei furchtbarer Kälte, von der einem der ganze Körper wehtat, mit vom Frost rissigen Händen und Füßen. Ende Übersetzung Brünning ] S. 43-44 10. Juli: Ansprache von Sauckel an 6-7000 Arbeiter. Anschließen Prügelei um Suppe. „10. Juli 1944: Der berüchtigte Gauleiter Fritz Sauckel ließ uns zusammenkommen, in der Nähe der Stollen, auf der Ostseite des Walpersberg; wir waren viele, vielleicht 6-7000 Personen. Von einer kleinen Anhöhe aus begann er eine sehr pathetische rede, die in etwa so lautete: „Liebe Arbeiter, ihr seid hier, um für das große Deutschland zu arbeiten und um zum Endsieg beizutragen, den wir, auch mit Hilfe neuer Waffen, sicher erringen werden. Ich verstehe euer Heimweh und eure Sehnsucht nach eurer Familie, denn auch ich war Kriegsgefangener im Ersten Weltkrieg. Ich bitte euch, fleißig und willig zu arbeiten, usw.“ Am Ende der Rede ließ er große Kessel mit Gemüsesuppe und Kartoffeln bringen, (ich weiß nicht mehr, wie viele). Wir hatten alle unsere Schüsseln für die Mittagsmahlzeit dabei, die wir damals noch bekamen. Es war die Hölle los, nur ein paar Dutzend Leute bekamen ihre Suppe, denn irgendwann war es unmöglich, sie auszuteilen; eine riesige Menge von Leuten begann zu drängeln, um an die Suppe zu kommen, diejenigen, die sie austeilen sollten, flohen, und die nachrückende Menge ließ die Kessel umstürzen und war von oben bis unten voller Suppe, einige steckten ihren Kopf in den Kessel, um ihn auszulecken.“ S. 45-48 B.B. arbeitet mit Bruder Giuseppe; Cousin Walter muss Gleisarbeiten machen. Dieser hatte Familie Hubl aus Kahla kennen gelernt, für die er gegen Lebensmittel kleinere Arbeiten erledigt. Später geht B.B. heimlich zu ihnen. Sehr gute Beziehung. [Übersetzung Berit Brünning <44> 19. Juli 1944 - Ich habe an meine Kriegspatin nach Turin geschrieben - Ich habe an meine Familie in den Marken geschrieben, habe aber wenig Hoffnung, dass Nachrichten von uns bei ihnen ankommen 20. Juli 1944, in den frühen Nachmittagstunden; die Nachricht vom Attentat auf Hitler verbreitet sich; ein paar Minuten lang schien es, als würde die Welt stillstehen; die Aufseher und die Meister schweigen, als ob sie auf ein <45> außergewöhnliches Ereignis warten würden… Es passierte etwas sehr Trauriges: Als wir von dem Attentat auf Hitler erfahren hatten, während wir mit Hacke und Spaten an den Hängen des Walpersbergs arbeiteten, verbreiteten wir die Neuigkeit, indem sie jeder den Kameraden weiter sagte, die in seiner Nähe arbeiteten; mein Freund Getullio Bonapasta aus Matelica flüsterte die Neuigkeit gerade einem Kameraden ins Ohr, als der deutsche Meister das Gespräch hörte, einen großen Stock nahm und diesen armen Mann ein paar Mal heftig auf den Rücken schlug, wobei er ihm ein paar Wirbel brach und für immer Schaden zufügte; er lebt noch und kann sehr schlecht laufen. Sie reden uns noch immer zu, dass wir den neuen faschistischen, militärischen Vereinigungen oder der italienischen SS beitreten sollen; nur sehr wenige treten bei. Obwohl mein Bruder Giuseppe in der gleichen Baracke untergebracht ist wie ich, arbeitet er nicht immer mit mir zusammen; das gleiche ist mit meinem Cousin Walter passiert, der seit über einem Monat dem Transport von Schienen für die Eisenbahnlinien zugeteilt ist; eine entsetzlich schwere Arbeit, die einen kaputtmacht, weil er den ganzen Tag lang zusammen mit einem Anderen ein furchtbar schweres Stück Schiene auf der Schulter <46> tragen muss, er muss es zu seinem Bestimmungsort bringen und hinlegen, dann das nächste hochheben, tragen und hinlegen und so weiter. Er war völlig erschöpft und ausgezehrt, der arme Kerl. Also sagte er zu mir: Ich habe in Kahla eine deutsche Familie kennen gelernt, die sehr freundlich ist, sie haben mir als Gegenleistung für ein paar kleine Arbeiten, die ich für sie machen wollte (Sortieren und Einräumen von Waren und ähnliches) Brot oder andere Lebensmittel gegeben; ich kann nicht mehr nach Kahla gehen, weil ich mich nicht gut fühle; geh du zu dieser gutherzigen Frau. Sie heißt Margarethe und ihr gehört der Laden in der Rossstraße 8“. Bei der nächsten Gelegenheit ging ich zu diesem Laden, wartete einen Moment ab, in dem niemand da war und sagte der freundlichen Frau Margarethe, dass ich Walters Cousin war und an seiner Stelle gekommen war, weil es ihm gesundheitlich nicht gut ging; das tat ihr sehr Leid. Ich fragte, ob es etwas zu tun gäbe, verlud ein paar Waren und dann gab sie mir Brot und andere Lebensmittel für mich, meinen Cousin und meinen Bruder. Jetzt könnte jemand sagen: Wie war es möglich, ohne Erlaubnis in die Stadt zu gehen? Wenn man vorsichtig war, konnte man das tun; man muss bedenken, dass es in der Umgebung Kahlas in den verschiedenen Lagern tausende von ausländischen Arbeitern gab, die fast alle <47> für die Reimahg arbeiteten, aber es gab auch Leute, die bei Privatpersonen arbeiteten, also…: wenn man das Lager unbemerkt verließ (in unserem Lager gab es keine Wachttürme und auch keinen Elektrozaun), einen kleinen Weg hinunterlief, der vom Hügel zum Ortseingang von Kahla führte und sich dicht bei den Mauern hielt, damit einen niemand sah, konnte man beim Laden der Familie Hubl ankommen, der sich am Eingang des historischen Zentrums befand. Natürlich musste man Glück und ein wenig Geschick haben, weil jeder Dorfbewohner, auch ein Jugendlicher, einen aufhalten konnte; die Jungen riefen dann sogar die Polizei. Natürlich fielen wir auf, wir trugen zerrissene Kleider und Holzschuhe an den Füßen, aber wenn man versuchte, sich ein wenig zurechtzumachen, sich so gut wie möglich zu waschen, konnte man einen etwas besseren Eindruck machen. Außerdem durfte man nicht – wie es manche taten – an die Türen klopfen und sagen: Ich habe Hunger, Brot… weil die meisten Leute einem dann die Tür vor der Nase zuschlugen und einen beschimpften, aber man konnte Leute ansprechen, ohne zu klagen und fragen, ob es etwas zu tun gab. Man musste also nicht um Almosen bitten, sondern um <48> Arbeit. So sah ich also gegen Ende Juli, als ich gerade in die Rossstraße eingebogen war, eine junge, rothaarige Frau, die Holz trug; ich fragte, ob ich ihr helfen könne. Sie bat mich auf den Hof und zeigte mir einen Haufen Holz, das ich hacken sollte; nach ein paar Stunden hatte ich diese Arbeit erledigt, sie freute sich und lud mich ein, bei ihr zuhause Mittag zu essen, dann schenkte sie mir noch einen Laib Brot. Später lernte ich auch ihren Mann kennen, er war Funktechniker und hatte eine kleine Werkstatt. Ende Übersetzung Brünning] S. 48 - 52 August 1944: Vernichtung durch Arbeit. Schichten zu 12h mit 45 min Pause. Aufstehen um 4, ca. 1h für Waschen und Aufräumen. Nur Lindentee. Zurückbleiben darf nur jemand mit mehr als 39 Fieber. Marsch zu den Baustellen. Baufirmen wählen die Sklaven für den jeweiligen Tag. Arbeit von 7-19.00 uhr. Hierarchie der Lagerleitung Wascheinrichtungen ärmlich, Krätze Ital. S.S. essen gut, gut gekleidet, dennoch meldet sich kaum jemand. „August 1944: Vernichtung durch Arbeit Die Rede von Sauckel, die er am 10. Juli gehalten hatte, entpuppte sich als eine große Lüge, denn einige Tage später diktierte er den folgenden Befehl: Man muss so viel als möglich produzieren, mit möglichst wenig Aufwand für uns. – Graben, graben, und wenn die Maschinen kaputt gehen, wird mit den Händen gegraben. Es begannen die Schichten zu 12 Stunden, nachts und tagsüber, die Ruhepause bei der Hälfte der Schicht schrumpfte von einer Stunde auf 45 Minuten. Der Tagesablauf war wie folgt: Wir wurden um 4 Uhr morgens geweckt von den Aufsehern mit Schäferhunden. Sie machten das Licht in der Baracke an und brüllten Aufstehen, los, los, schnell! und schlugen diejenigen, die nicht sofort von ihrer Pritsche sprangen auf Arme und Beine; sie hatten große Knüppel oder Gummischläuche. Wir hatten wenig mehr als eine Stunde um uns zu waschen und für die Toilettengang und für das Aufräumen der Baracke, denn diese musste in Ordnung und sauber sein. Währenddessen gab es für die, die wollten, außerhalb der Baracke ein Behälter mit Lindentee. Er war ekelhaft. Dann kamen der Appell und das Abzählen; wenn jemand fehlte, gingen sie ihn sofort suchen. Man durfte nur dann in der Baracke bleiben und nicht arbeiten, wenn man mehr als 39° Fieber hatte. Wer nicht arbeitete, produzierte nicht und bekam natürlich auch nur die halbe Essensration. Dann stellte man uns auf in Reih und Glied und wir marschierten zu den Baustellen. Dort war der Sklavenmarkt. Die Beauftragten der verschiedenen Firmen, die die Aufträge von der „Reimahg“ bekommen hatten, wählten aus dem Haufen der Sklaven diejenigen aus, di sie für den Tag benötigten und nahmen sie entgegen. Die Arbeit begann morgens um 7 oder abends um 19.00 für die Nachtschicht. Zu Beginn der Schicht mussten wir dem Meister unseren Ausweis geben, den wir am Ende der Schicht zusammen mit dem Essensbon zurückbekamen. Wenn man nicht arbeitete, oder vergaß, den Essensbon entgegenzunehmen, musste man am nächsten Tag hungern. Die Kolonnenführer begleiteten uns vom Lager zur Arbeit; während der Arbeit wurden wir kontrolliert und auch grundlos gepeinigt, und zwar von allen; neben dem Meister gab es die SS, die Gendarmen, die Braunhemden, die Hitlerjugend die Gestapo, usw. Dann gab es die „Polileiter“ (?), die sowohl die Meister als auch uns bei der Arbeit kontrollierten. Nach 12 Stunden ging es wieder zurück ins Lager, immer in Reih und Glied und begleitet von den Arbeitkolonnenführern; dieses konnte, je nach dem, wo die Baustelle sich befand, auch mehr als 6-7 km entfernt sein. Kurz darauf war die Austeilung der Essensration. Die Kommandohierarchie im Lager war wie folgt: [vgl. S. 50 und Abb. 12] Wir sind noch immer im Monat August 1944; bis zur Mitte des Monats habe ich in den unterirdischen Gängen gearbeitet, dann auf dem Walpersberg, für die Startpiste. Es ist heiß, es gibt wenige Möglichkeiten, sich zu waschen. Wir haben eine lange Wasserleitung, unter freiem Himmel, mit einigen Wasserhähnen, aber es gibt wenig Wasser. Es beginnen die Infektionskrankheiten, die mit der mangelnden Hygiene zusammenhängen. Auch sich zu rasieren ist schwierig, es gibt keine Rasierklingen, nur wer ein Rasiermesser hat, ist auf der sicheren Seite. Ich habe Glück, da mein Bruder Barbier ist und seine Messer mitgebracht hat, er kann mir Haare und Bart schneiden, wenn es nötig ist, aber es rasiert mich nicht nur dort, sondern auch im Schambereich und in den Achselhöhlen, als eine kleine Krätzeepidemie ausbricht. Einer aus unserm Dorf, Nicola Micheli, kam ins Lager zurück, nachdem er mehr als zwei Monate in der Strafkompanie verbracht hatte. Er ist in einem erbarmungswürdigen Zustand, dürr, zerlumpt, ausgehungert, die Arme und Beine voller Verletzungen, die ihm die Bisse der Schäferhunde zugefügt haben. Dass er sich gerettet hat, ist ein Wunder, denn aus dieser Hölle kehrt man nicht lebend zurück, oder man wird wahnsinnig. Die Freiwilligen, die sich für die SS oder das neue faschistische Heer gemeldet haben, sind in einer anderen Baracke untergebracht, getrennt von uns durch einen Metallzaun. Sie präsentieren sich stolz und zeigen sich mit schönen Lederstiefeln, einer schönen Uniform, gut rasiert und sauber; sie lassen uns zusehen, wenn sie gutes Essen und genügend Zigaretten haben. Das alles hatten natürlich die Nazis organisiert als Propaganda, um uns Lust zu machen. Nicht viele hatten sich gemeldet, in unserem Lager waren es vielleicht 15.“ Mitte August: Ankunft von ital. Kriegsgefangenen aus dem Rheinland – Hinweis auf das Näherkommen der Alliierten. S. 52 - 55 Familie Hubl: liebevolle Beschreibung, B.B. halt viel Hilfe erhalten. Besucht sie 1979. B.B. arbeitet auch für einen Sattler (sein eigentl. Beruf), näht Handtaschen. S. 56 - 58 Giuseppe verschwindet für einen Tag bei der Polizei, Misshandlung wegen angebl. Diebstahls einer Rübe. Strafarbeit, Bisse durch Schäferhunde. S. 58 - 60 September 1944: Hunger, Läuse. Arbeit an der Startpiste, Bäumefällen mit der Hand. Unter den Arbeitern auch Frauen aus der Ukraine. Versammlungsverbot, keine Freizeit, kein Priester. [Übersetzung Berit Brünning <52> Gegen Mitte August treffen in unserem Lager I.M.I.s, internierte italienische Soldaten ein, die aus einem Stammlager im Rheinland kommen, das aufgelöst wurde, weil die Alliierten näher kommen. Es gibt ein paar Veränderungen; aus unserer Baracke werden mehrere Männer aus unserem Dorf in die Lager 6 und 7 verlegt, an ihrer Stelle kommen I.M.I.s aus der Toskana, der Lombardei und Emilien zu uns, aber mein Bruder und mein Cousin bleiben bei mir. In Kahla, wo ich ab und zu hingehe, schaffe ich es, Frau Margarethe zu erklären, dass wir nicht freiwillig zum Arbeiten nach Deutschland gekommen sind, weil die Leute bei uns verhungern (so hieß es in der Propaganda der Nazis), sondern in Italien eine Arbeit und eine Familie haben, die sich in unserem Falle <53> große Sorgen um ihre beiden Söhne macht, weil sie keine Nachrichten von uns empfangen kann. Sie versteht das, auch weil ihr Mann Alfred in Frankreich in Gefangenschaft geraten ist und ihr Sohn Lothar an der Front ist. Sie sagt, dass sie uns gern hilft und hofft, dass irgendeine mildtätige Seele ihrem Mann in Gefangenschaft und ihrem Sohn, der Soldat ist, hilft. Die Mitglieder dieser Familie waren: Alfred Hubl, Familienoberhaupt (in französischer Gefangenschaft) Margarethe Hubl, geborene Weise, Ehefrau, ungefähr 44 Jahre alt Lothar Hubl, Sohn, Soldat bei den Panzerfahrern, 19 Jahre alt Hilmar Hubl, Sohn, Schüler, ungefähr 13 Jahre alt Heide Hubl, Tochter, 6 Jahre alt Anna (???), Mutter von Frau Margarethe, ungefähr 75 Jahre alt Trotz des polizeilichen Verbots haben diese Frau, ihr Sohn Hilmar und Frau Anna mir geholfen, mir Lebensmittel gegeben, mir Trost gespendet und nicht nur mir, sondern auch Poggi Mario aus Gubbio, einem anderen Italiener, meinem Cousin Walter und vielen anderen, aus reiner Menschlichkeit. Als ich im Jahre 1979 nach Kahla zurückgekehrt bin, um diese Familie noch einmal zu sehen (meine Tochter Beatrice begleitete mich), wurde ich von der ganzen Familie <54> sehr herzlich empfangen, auch von Herrn Alfred, wir haben 5 Tage lang in ihrem Haus gewohnt. Leider fehlten der Sohn Lothar, Zahnarzt, im Jahre 1969 verstorben und Frau Anna, die kurz nach Kriegsende gestorben war. Bei diesem Besuch in Kahla fand ich im Haus der Familie Hubl einen Dankesbrief, den die Familie von Poggi Mario damals an Frau Margarethe geschickt hatte und eine Karte, die mein Cousin Walter 1945 geschrieben hatte, um sich zu bedanken, ich füge eine Fotokopie bei. Dies sei erwähnt, um deutlich zu machen, wie großzügig diese Familie war. Am Ende der Rossstraße, kurz vor dem Marktplatz, war rechts ein kleines Geschäft, in dem Schweinefleisch, Speck und Wurstwaren verkauft wurden; die Inhaberin war eine weißhaarige, alte Dame, die sehr gutherzig und mildtätig war; eines Tages betrat ich den Laden, vergewisserte mich, dass keine Kunden da waren und fragte, ob sie Hilfe brauchte, ob es irgendwelche Arbeit zu erledigen gab; diese liebe Frau gab mir ein paar Stückchen Salami und sagte, ich sollte ruhig ab und zu vorbeikommen. Ich half dann auch eines Tages ihrem Mann, mit einem Karren Holz vom Bahnhof bis zu ihnen nachhause zu transportieren. Sie luden mich zum Mittagessen ein; sie wollten wissen, Bildunterschrift: Meine Tochter Beatrice, Ich, Frau Margarethe. Wir haben uns 1979 nach 34 Jahren wiedergesehen. <55> wie ich nach Kahla gekommen war und wunderten sich, als sie hörten, dass ich nicht freiwillig, sondern unter Zwang gekommen war. Sie fragten, ob ich etwas über den Verlauf des Kriegs in Italien wisse; sie hatten einen Sohn, der in Cassino an der Front kämpfte. Von diesem Tag an gab mir diese freundliche Frau jedes Mal, wenn ich dort vorbeikam, ein paar Stücke Speck, Wurst oder etwas anderes. Ich werde mich immer voller Dankbarkeit an sie erinnern. Als Frau Margarethe gehört hatte, welchen Beruf ich in Italien ausgeübt hatte (ich hatte in Varese Lederwaren hergestellt), nahm sie für mich Kontakt mit einem Sattler in Kahla auf; er hatte eine Werkstatt bei der Margarethenstraße, in der Nähe der „Saaltur“, in der er Sättel, Geschirre und andere Lederwaren herstellte. Wie vereinbart ging ich dort eines Morgens hin (ich hatte in der Nacht gearbeitet) und brachte Zeichnungen von Damenhandtaschen verschiedener Art mit, die ich in der Baracke auf Postkarten angefertigt hatte, um zu zeigen, dass ich auch selbst Modelle entwarf. Er zeigte mir eine Arzttasche und gab mir zu verstehen, dass ich ihre Form studieren und genau so eine anfertigen sollte. Er gab mir Leder, Werkzeug und was sonst noch nötig war. Ich machte mich an die <56> Arbeit und schnitt den Nachmittag lang Leder zu und stellte das Modell her, um das er mich gebeten hatte. In der Mittagspause lud mich dieser Herr zu sich nachhause zum Essen ein. Meine Arbeit gefiel ihm sehr; er sagte „Bravo, prima“ und dass ich wiederkommen sollte. An einem anderen Tag fertigte ich eine Tasche für eine Frau an, die in einem Haus am Marktplatz wohnte. Sie schenkte mir einen Laib Brot. Ich hätte sehr gerne bei diesem Sattler gearbeitet, ich bat ihn, bei der „Arbeitsfront“ nachzufragen, dann wäre ich aus dem Lager gekommen und sein Arbeiter geworden. Dazu kam es nicht und ich ging nicht mehr zu ihm, weil es mir unmöglich war, in der Nacht 12 Stunden auf den Baustellen der Reimahg und am Tag in dieser Werkstatt zu arbeiten. Der Monat August neigte sich seinem Ende zu; eines Morgens, als ich von der Arbeit zurückkam, fand ich meinen Bruder Giuseppe nicht mehr. Ich erkundigte mich überall nach ihm und erfuhr dann von Arbeitskameraden, dass man ihn zur Polizei gebracht hatte. Obwohl ich überall nachfragte, bekam ich nicht heraus, wo genau er war und warum er von der Polizei festgehalten wurde. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, aber ich konnte ihm in keiner Weise helfen. Er kam am Abend des nächsten Tages in die Baracke zurück und sah sehr schlecht aus; seine Nase war verletzt und blutete noch immer. <57> Folgendes war passiert: Als mein Bruder Giuseppe auf dem Rückweg von der Arbeit an verschiedenen Baustellen vorbeikam, sah er zwischen den Abfällen einer Küche der Deutschen eine große Rübe, hob sie auf und steckte sie unter seine Jacke. Ein Aufseher hatte ihn dabei beobachtet, nahm ihn mit und übergab ihn der SS, damit sie ihn als Dieb bestrafen konnten. Man bedenke, dass die Leute in der Küche die Rübe weggeworfen hatten, weil sie angefault war. Aber diese Sadisten von der SS, denen er in die Hände gefallen war, ließen keine Rechtfertigung gelten. Mein Bruder musste zusammen mit vier anderen große Löcher ausheben und sie dann wieder zuschaufeln, dann wieder ein neues Loch graben, so ging es ewig weiter, ohne dass sie den Kopf heben durften, und das alles nur zum Vergnügen der SS- Wachen, die je nach Laune auch dazu imstande waren, jemanden einen ganzen Tag lang arbeiten zu lassen und ihm nur zu essen und zu trinken gaben, wenn es ihnen einfiel. Dabei ließen sie die Wolfshunde von der Kette und hetzten sie auf diese armen Kerle, die sich nicht gegen sie wehren konnten. Mein Bruder, hinter dem ein Hund war, der ihn beißen wollte, drehte sich um; da schlug der SS-Mann ihn mit einer Reitpeitsche ins Gesicht und verletzte ihn an der Nase. Glücklicherweise waren unter den SS-Männern auch einige, die Mitleid hatten und so konnte ich nach fast zwei Tagen meinen Bruder wieder <58> in die Arme schließen. September 1944 – Das übliche triste Dasein; wir spüren den Hunger immer mehr, wir sind sehr schwach und dabei ist doch erst Herbst. Immer mehr Leute werden krank und es gibt immer mehr Läuse; wir müssen uns ständig absuchen, um diese Biester zu töten, die uns das wenige Blut aussaugen, das uns noch geblieben ist. Ich mache mir Sorgen um meinen lieben Cousin Walter, dem es noch viel schlechter geht als mir. Ich muss ihm helfen, wo ich nur kann und meinem Bruder auch, der sich nicht wehren kann, er gibt sich schnell geschlagen. Bei meinen Streifzügen nach Kahla versuche ich immer, ein paar Lebensmittel für alle beide aufzutreiben. Mit ein paar anderen aus der Baracke bin ich sogar nachts in der Nachbarschaft Kartoffeln stehlen gegangen, auf die Gefahr hin, dass man auf uns schoss; aber der Hunger wird immer stärker, also müssen wir etwas wagen. Seit Ende August arbeite ich auf dem Walpersberg, wo die Startpiste gebaut wird. Wir sind dort sehr viele Arbeiter, vielleicht 1000. Zuerst mussten wir Bäume (Birken?) fällen, damit sind wir immer noch beschäftigt und müssen alles mit der Hand machen, ohne Motorsägen oder <59> andere mechanische Hilfsmittel. Ein paar Gruppen sind zum Fällen der Bäume eingeteilt, sie werden unten von zwei Personen abgesägt; andere Arbeiter entlauben die gefällten Bäume und machen die Äste ab, wieder andere zersägen die Stämme in ca. zwei Meter lange Stücke. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen von Menschen aus ganz Europa; es sind auch bedauernswerte ukrainische Frauen dabei, die die gleiche Arbeit machen müssen wie wir; sie wurden zusammen mit ihren gesamten Familien deportiert. Oben auf dem Hügel ist es kalt, besonders die Frauen frieren; wir machen mit den Zweigen und Blättern ein paar kleine Feuer, damit sie sich aufwärmen können; ein SS-Feldwebel, der uns beaufsichtigt, kommt und schießt mit seiner Pistole ins Feuer, dann tritt er es aus und brüllt dabei „Sabotage“ und dieses Ritual wiederholt sich ab und zu. Unterdessen bauen tausende anderer Zwangsarbeiter Verbindungsstraßen zu den umliegenden Ortschaften (es sind ordentliche Straßen mit einer dicken Schicht Kies oder Rollsplitt als Bettung), andere arbeiten in den Tunneln, um die alten Stollen zu verbreitern und neue anzulegen; es werden Schienen von normaler Breite und Schmalspurschienen verlegt. Die Arbeit geht ohne Unterbrechungen vor sich, niemand hat Mitleid mit denen, die bei der Arbeit oder in der Baracke sterben oder krank sind. <60> Auch wenn die Aufzeichnungen und Zeugenaussagen der Offiziere in unseren „Oflagern“3 über die Zeit der Gefangenschaft etwas anderes überliefern, hatten wir keine Freizeit und keine Möglichkeit, uns zu versammeln, es gab keine Schriftsteller, Dichter oder Künstler, die unsere Tage aufhellen und uns unterhalten konnten. Es gab keine Priester, nicht einmal Lagerprediger, die denjenigen, die an Hunger und Erschöpfung starben und dann ohne ein Kreuz oder einen Grabstein in die Massengräber geworfen wurden, geistlichen Trost spenden konnten. Ende Übersetzung Brünning] S. 60 - 61 Ende September: Walter im Lazarett wg. Tuberkulose. Über Familie Hubl erhält B.B. Medizin und Lebensmittel Deutsch im Original; Bedeutung unklar „Ende September 1944: Ich kam in die Baracke zurück und vermisste meinen Cousin Walter und wie immer erhielt ich keine Auskunft über ihn. Am nächsten Tag erfuhr ich, dass er in ie berüchtigte traurige Baracke 9 verlegt worden war. Am nächsten Abend ging ich zu ihm, ich fand ihn fiebernd auf einer Holzpritsche zwischen lebenden Skeletten. Als er mich sah, sagte er weinend: ‚Bring mich hier fort, sonst sterbe ich auch vor meiner Zeit!’ Er hatte Blut gehustet! Ich begriff, dass er Tuberkulose hatte. Ich umarmte ihn und versprach, alles zu tun, was ich konnte. Es war bereits Nacht und ich umwickelte meine Holzschuhe mit einigen Lappen, kletterte über den Stacheldrahtzaun und lief Richtung Kahla, wobei ich acht gab, von niemandem gesehen zu werden. Ich klopfte an die Tür unserer Wohltäterin Frau Margarethe Weise Hubl, die ich um Hilfe für Walter bat, nachdem ich ihr die Geschichte erzählt hatte. Diese engelsgute Frau sprach sofort mit einem Arzt in der Nähe; dieser gab mit einen Sirup als Medizin; er können nicht mehr machen, ich solle ihn auf dem Laufenden halten. Die gute Margarethe gab mit Weißbrot, Honig und Marmelade, die ich Walter am nächsten Tag brachte. Am selben Tag verlangte ich entschlossen, den Lagerführer zu sprechen; er empfing mich und ich sagte ihm furchtlos in etwa Folgendes: ‚Ihr Nazis habt uns zur Arbeit nach Deutschland verschleppt und habt in die Welt hinausposaunt, wir würden wie die deutschen Arbeiter behandelt, mit allen Privilegien; hier ist mein Cousin Walter Bolognesi, er ist krank und hat Blut gespuckt, ich kann ihn nicht so sterben sehen, also bitte ich Sie, Mitleid zu haben und ihn umgehend nach Hause zu schicken.’ Der Lagerführer hörte mich an, notierte sich den Namen und schickte mich fort ohne etwas zu sagen. Am folgenden Tag war mein Cousin nicht mehr in der Baracke 9. Einige Monate lang lebte ich in der Hoffnung, er sei nach Hause zurückgekehrt. [...] [Am 27. Mai erhalten sie eine Karte von Walter, der in Schöngleina bei einer Familie ist; es geht ihm vergleichsweise gut. Er schafft es, nach Italien zurückzukehren, stirbt dort jedoch an der Tuberkulose.] S. 62 - 64 2. Okt. 1944: 23. Geburtstag von B.B. Feiert bei Fam. Hubl. Neuigkeiten im Lager: Waschbaracke, die gleichzeitig zum Aufbahren der Toten dient. Latrine mit Holzverschlag Arbeit an der Starpiste: etwa 1000 Arbeiter. Bäume fällen, Fläche begradigen bis zu 1km. [Übersetzung Berit Brünning <62> 2. Oktober 1944. Heute ist mein 23. Geburtstag. Ich bin, wie ich es ab und zu tue, nach Kahla gegangen, zur Familie Hubl; Frau Margarethe, die wusste, dass ich Geburtstag habe, hat mir eine Tüte selbstgebackener Kekse geschenkt. Ich habe sie mitgenommen, um sie mit meinem Bruder zu essen; auf dem Rückweg ins Lager – ich hatte den Ort Kahla gerade erst verlassen – hielt mich ein Deutscher an und fragte, was ich da in meiner Papiertüte habe; ich zeigte ihm die Kekse; er fragte, wer sie mir gegeben habe oder wo ich sie hergenommen habe, ich antwortete, jemand habe sie mir geschenkt; er wollte, dass ich den Namen der Person nannte und als ich mich weigerte, sagte er, ich hätte sie gestohlen und er würde die Polizei holen. Ich protestierte, er bedrohte mich und zwang mich, ihm die Kekse zu geben und ging dann ganz ruhig weg. Von da an schickte Frau Hubl, wenn sie mir etwas für meinen Bruder oder für uns beide mitgab, immer Fräulein Elisabetta, eine junge Verkäuferin, die mich ein Stück begleiten sollte. Es gibt Neuigkeiten in unserem Lager; eine Waschbaracke wird gebaut, sie ist aus Holz, drinnen gibt es eine Reihe Wasserhähne (aus denen nur kaltes Wasser kommt) und <63> darunter einen langen hölzernen Trog, der dazu dienen soll, auch Kleidungsstücke zu waschen. Unter dem gleichen Dach, etwas abseits, stand ein Holztisch, der genutzt werden wird, um nachts Tote darauf abzulegen, die ins Massengrab geworfen werden sollen. Es gibt noch mehr Neuigkeiten: Sie haben über der Stelle (der Grube), die als Toilette unter freiem Himmel diente, ein Dach aus Holz und Blech errichtet; nun konnten wir wenigstens unsere Notdurft verrichten, ohne nass zu werden, wenn es regnete. Sie fordern uns immer noch auf, den Vereinigungen beizutreten, Hunger und Erschöpfung machen sich bemerkbar und wir müssen viel Überzeugungsarbeit leisten, um besonders die jüngsten unter uns davon abzubringen, sich erpressen zu lassen. Die Arbeit an der Startpiste auf dem Walpersberg geht fieberhaft voran; es sind vielleicht 1000 Personen, die für diese Aufgabe abkommandiert wurden und inzwischen sind wir schon ein Stück weit vorangekommen: Alle Bäume sind gefällt und die Stümpfe beseitigt; nun haben wir angefangen, den Gipfel des Hügels abzutragen, das Gelände musste auf einer gewissen, vorher festgelegten Höhe verbreitert und eingeebnet werden. Das alles wurde per Hand gemacht, es gab keine Bagger oder ähnliches; wir hatten nur unsere Arme. An den Längsseiten des Hügels waren Schmalspurgleise (so genannte decauvilles) verlegt worden, die <64> ins Leere ragten und von Pfählen gestützt wurden, die im Gelände darunter verankert waren. Die abgetragene Erde wurde auf kleine, kippbare Waggons geladen, diese Waggons wurden dann von zwei Personen bis ans Ende der Bahn geschoben, dann bremste man mit einem Holzklotz, der die Räder stoppte, um nicht herunter zu fallen und den Waggon fallen zu lassen, kippte den Inhalt aus und lud den Waggon dann wieder voll. Das war viel Arbeit; der Hügel wurde immer niedriger und die Bahn proportional dazu länger, bis sie die eingeplante Länge von 1000 Metern erreichte. Manchmal haben wir diese Arbeit sabotiert; wenn der vollgeladene Waggon auf der bergab führenden Bahn immer schneller wurde, sprangen wir ab, ohne zu bremsen und der Waggon fiel mit Inhalt herunter, wodurch Zeit verloren ging, weil man ihn erst wieder hoch holen musste. Ein paar Mal haben wir auch eine kleine Diesellokomotive hinunterstürzen lassen, die, wenn es geradeaus ging, die Waggons bis zum Rand schob, wo wir sie dann anhalten mussten; das taten wir nicht und dann stürzte auch die Lokomotive ab. Die Aufseher schrieen: Sabotage, Sabotage! Bildunterschrift: Man musste bis zum Ende der Schienen schieben, die ins Leere ragten und mit einem Klotz bremsen; wenn man es schaffte, anzuhalten, musste man den Inhalt, die Erde, auskippen. Ende Übersetzung Brünning] S. 65 - 66 10. Okt: Besuch des Reichsmarschalls Göring. Verteilt 1 Päckchen Zigaretten. „10. Oktober 1944: Der Reichsmarschall Göring stattet den Arbeiten einen Besuch ab. Es folgt ihm seine Entourage aus Militärs und Zivilisten; er inspiziert auch die zukünftige Startpiste zu Fuß, geht langsam an uns Arbeitern vorbei und mustert uns. Am Ende des Besuchs ließ er ein Päckchen Zigaretten verteilen. Er trug eine Uniform und einen weiten hellen Mantel.“ Deportierte Frauen aus Polen Einrichtung des Krankenhauses Himmelshain Bildung von Friedhofkommandos aus Gefangenen aus der SU. Bestattung in Gräben. S. 66 20. Okt: Post aus Italien S. 66 - 69 Nov. 1944: Arbeit an Starrampe geht weiter, Kürzung der Lebensmittelrationen, Anstieg der Fälle von Krankheit und Tod. Hoffnung auf Ende des Krieges wird genährt von der Nervosität der Kapos und gelegentlichem Aufschnappen von Nachrichten Verstärkung durch Freiwillige (?) aus der HJ für 14 Tage. Kälte, keine angemessene Kleidung, Benutzung der Öfen in den Baracken verboten – Feuergefahr. Läuse, Ratten. [Übersetzung Berit Brünning <65> 10. Oktober 1944: Der Reichsmarschall Goering stattet uns bei der Arbeit einen Besuch ab; ein bunter Haufen von Personen, in militärischer und ziviler Kleidung, begleitet ihn. Er läuft auch die künftige Startpiste ab, geht langsam zwischen uns hindurch und beobachtet, wie die Arbeit vorangeht. Am Ende seines Besuchs ließ er ein Päckchen Zigaretten unter uns verteilen. Er war in Uniform und trug einen hellen Mantel. Im Laufe dieses Monats passierten die folgenden Dinge: - Es trafen junge, aus Polen deportierte Frauen ein - Das Krankenhaus in Himmelshain wurde eingerichtet, weil immer mehr Unfälle bei der Arbeit passierten und immer mehr Arbeiter der Reimahg krank wurden. Man hatte es beim Schloss aufgebaut, irgendwo in der Nähe, ich glaube im Park, es bestand aus Baracken und auch aus Zelten, glaube ich. Ich weiß nicht, wie viele Deportierte dort behandelt wurden und wie; vielleicht gab es dort auch eine chirurgische Abteilung. Die Kreisleiter Kohler und Schau wiesen ungefähr 50 aus der UdSSR deportierte Männer und Frauen dem „Friedhofskommando“ zu. Diese Leute hatten die Aufgabe, Gruben auszuheben, sie holten die Toten ab, warfen sie in diese Gruben, bedeckten sie mit Kalk und dann mit Erde (Siehe Teghillos Brief). <66> Es regnet jetzt öfter und es ist kalt; sie geben uns andere Decken. Am 20. Oktober habe ich einen langen Brief von meiner Kriegspatin Teresa bekommen, die mir ihre Liebe gesteht, aber gleichzeitig bedauert sie, dass es nun zu spät ist; ich bin mit einem lieben Mädchen aus meinem Dorf zusammen, sie heißt Bianca, ein paar Jahre später werde ich sie heiraten. Der Brief war am 15. September in Turin abgeschickt worden und es war der erste Brief aus Italien, den ich erhielt. November 1944 – Die Arbeit an der Startpiste muss um jeden Preis vorangehen, trotz Regen und Wind; wir sind vollkommen nass und schlammverschmutzt, während wir unter dem wachsamen Blick des Meisters arbeiten, der unter einem schützenden Dach steht und von seinem wasserdichten Soldatenmantel geschützt wird; er ist wütend, weil er gezwungen ist, bei diesem schlechten Wetter draußen zu bleiben und lässt seinen Ärger an uns „verfluchten Italienern“ aus. Nachdem wir den Hügel abgeflacht haben, um die Piste zu verlängern, müssen wir den Boden festigen; wir planieren ihn mit Walzen und bereiten ihn so für die Asphaltierung vor, die im Dezember erfolgen soll. Sie verkleinern unsere tägliche Essensration und proportional <67> dazu steigt die Zahl der Kranken und der Toten. Die deutschen Chefs haben es geschafft, dass wir unsere Individualität verloren haben und man muss sich sehr darum bemühen, immer einen klaren Kopf zu behalten und die Hoffnung nicht zu verlieren, dass all das bald zu Ende sein wird. Die Zeichen standen nicht gut; unsere Kapos, unsere politischen Bewacher, die wussten, dass der Krieg zu ihren Ungunsten verlief und die sahen, wie wir uns beharrlich weigerten, mit ihnen zu kollaborieren, sagten ständig zu uns: „Egal was passiert, ihr werdet nicht mehr nach Italien zurückkehren“ und bedachten uns mit Flüchen. Ich habe in jenen Monaten versucht, die Bedeutung der Wörter zu verstehen, mir diese für uns so schwierige Sprache zu eigen zu machen; ich lernte also mehr als die üblichen drei oder vier Wörter, die wir alle kannten, weil sie notwendig waren: „Brot, Hunger, krank, Los, schnell, langsam“ etc. Meine Kenntnisse, so dürftig sie auch waren, waren nützlich, um Gespräche zu belauschen, Bemerkungen der Deutschen zu verstehen und ein paar Sätze in ihren Zeitungen zu lesen; das alles, ohne dass es jemand bemerkte. In diesem Monat kommen für ungefähr zwei Wochen Jungen von der Hitlerjugend, um beim Bau der Startpiste mitzuarbeiten – ob sie dazu verpflichtet wurden? Sie pfeifen darauf, wie es uns geht, sie beschimpfen uns, weil wir langsam arbeiten; sie <68> haben gute Kleidung, Schuhe, Hüte und vor allem gutes, warmes Essen in Mengen, das sie in der Pause vor uns armen Hungernden verzehren, ohne auf uns zu achten. Es wird immer kälter, es hat auch schon geschneit; unsere wenigen Kleidungsstücke sind zerrissen, wir flicken sie mit jedem Material, das wir in die Hände bekommen, Schnürbändern, Bindfaden oder Draht. Wir fangen an, das Papier von den Zementsäcken zu verwenden, um es uns unter die Kleidung zu stecken oder unsere Füße darin einzuwickeln. Den Soldaten (I.M.I.), die mit uns in der Baracke untergebracht sind, wird zwar noch mehr abverlangt als uns, weil sie schon seit dem letzten Jahr in Gefangenschaft sind, aber sie sind ein bisschen besser dran als wir, weil sie eine Uniform aus gutem Stoff haben, auch wenn sie zerlumpt ist, außerdem haben sie noch ein paar persönliche Kleidungsstücke dabei, während wir im Mai deportiert wurden und nur leichte Sommerkleidung tragen, die inzwischen in Fetzen hängt. Wie schon erwähnt gab es in der Baracke einen kleinen, runden Ofen, für den wir nie Brennstoff bekommen haben; es war sogar verboten, ihn am Abend anzuzünden, weil wir – so sagten sie – mit den Funken den Flugzeugen Zeichen geben konnten (wer weiß, was für welche). Wir fanden aber bei der Arbeit Holzstücke, die wir <69> aufsammelten und mitnahmen, so konnten wir abends trotz des Verbotes den Ofen heizen, um unsere nassen Kleider ein wenig zu trocknen und um eine in dünne Scheiben geschnittene Kartoffel oder Rübe zu rösten; wir hielten sie an die Wände des Ofens und nahmen sie wieder ab, wenn sie ganz braun waren oder wir kochten höchst merkwürdige Suppen, in die wir alles hineintaten, das irgendwie essbar war. Und außerdem war der Ofen nicht nur dazu da, den Raum ein wenig aufzuwärmen, wir konnten so auch die Läuse töten; wir kochten unsere Kleidungsstücke in einem Behälter aus Blech, auf diese Weise starben die Läuse; problematisch war es nur wegen der Schichten, es war schlimm, dass wir am nächsten Morgen die Kleider anziehen mussten, die meistens noch nass waren. Ach, diese Läuse, diese unerwünschten Untermieter, die man so schwer loswurde! Es gab mindestens sechs verschiedene Arten, wir hatten sie katalogisiert: Es gab durchsichtige mit einer kleinen Blutblase in der Mitte, gestreifte, solche mit einem Kreuz auf dem Rücken, rautenförmige, längliche usw. Dann gab es auch noch ein paar Mäuse, die in der Baracke umherstreiften, sie waren so ausgehungert wie wir und auf der Suche nach Essen. Wie ich schon erwähnt habe, mussten wir den Ofen oft gleich wieder ausmachen. Ende Übersetzung Brünning] S. 70 - 72 Dezember 1944: 12h Arbeit im Freien, die Gefangenen leiden an Kälte, T.B.C, Durchfall, Herzversagen, Ödemen, Typhus, usw. Die Meister, meist aus dem Rheinland, sind kriegsmüde und ermuntern die Arbeiter zum Durchhalten. Asphaltierung der Piste. Arbeitsunfälle: ein belgischer Arbeiter gerät mit den Beinen in eine Maschine; damit die Maschine keinen Schaden nimmt, werden ihm die Beine abgesägt. „Es gab tagtäglich Arbeitsunfälle, aber in der Nacht des 24.12. geschah einer, der uns im Gedächtnis blieb. Während der Nachtschicht geriet ein belgischer Arbeiter, der für das Teeren der Piste eingeteilt war, mit seinen Beinen in einen Betonmischer (? eine Maschine jedenfalls). Der Arbeitsaufseher Rehring der Firma ‚Ando..’ [nicht lesbar, weil am Ende der Zeile; müsste man nochmal nachsehen] befürchtete sofort, die Maschine habe durch den Unfall Schaden genommen; dann wurden dem armen Mann die Beine mit einer Säge und einem Schreinerbeil abgehackt. Schrecklich! Der arme Belgier starb ein paar Stunden später.“ S. 73 - 74 Weihnachten 1944: 20cm Schnee, -20°C. Sonderration für 2 Tage: 7 gekochte Kartoffeln, 2 Weizenbrötchen, 2 Würstchen, Butter und Marmelade. Ruhetag. B.B. und seine Barackengenossen fällen eine kleine Tanne und schmücken sie mit Stanniolpapier und den Fotos ihrer Lieben. „Weihnachten 1944: Ich erinnere mich sehr gut an jenen Tag, er war sehr hell und der Himmel klar, fast wie in Italien, etwa 20cm Schnee und -20°. Ruhetag und eine Mahlzeit bestehend aus einem Lunchpaket: 7 gekochte Kartoffeln, 2 Weizenbrötchen, 2 Würstchen, Butter und Marmelade, neben der üblichen dünnen Suppe. Wir aßen alles gierig auf, weil wir nicht wussten, dass all das auch für den nächsten Tag reichen musste. Wir fällten eine kleine Tanne, stellten sie in der Baracke auf den Tisch und schmückten sie mit Stanniolpapier. Jeder von uns hing eine Postkarte oder ein Foto seiner Lieben daran; für uns war es der schönste Baum der Welt geworden, und dieser Tag berührte uns alle sehr tief. Wir dachten an unsere Familien und wir hatten Heimweh. Ich dachte an die vielen Weihnachtsfeiern, die ich mit meinen Eltern verbracht hatte, 1938, 1939, 1940 in Varese, wohin ich mit kaum 17 Jahren gekommen war um zu arbeiten, dann 1941, 1942 war ich bei der Armee, 1943 war ich endlich zuhause, aber ich hatte immer Angst, denn ich war ein Ex-Soldat und ohne Aussichten. Und jetzt, dieses Weihnachten mit diesem Schmerz im Herzen, denn ich konnte mir vorstellen, wie sehr sich unsrer Eltern um uns beide Söhne sorgten. Würden wir sie wieder in die Arme schließen? Würden wir das kommende Weihnachtsfest zuhause verbringen? Jedenfalls verstrich dieser Tag angenehm mit allen Erinnerungen und Hoffnungen, die ein jeder erzählte; außerdem war ich bei meinem Bruder und das war schon ein großer Glücksfall.“ S. 74 - 75 Danach arbeiten B.B. und sein Bruder am Bunker 0. Anzahl der Todesfälle wächst, keine Begräbnisse. Erinnerungen an das Gottvertrauen des Pasquale Caron, der im Lager stirbt. [Übersetzung Berit Brünning <74> Von der letzten Dekade des Monats an werden mein Bruder und ich bei der Erbauung des Bunkers O eingesetzt. Immer mehr Leute sterben, manchmal auch bei der Arbeit. Wir können nichts für sie tun, auch wenn jemand auf einmal bei der Arbeit zusammenbricht, kannst du ihm nicht helfen und auch für die, die in den Baracken sterben, gibt es keine Beerdigung wie in den Lagern für Kriegsgefangene, es gibt auch keinen Gottesdienst. Aber jetzt macht sich die Verzweiflung überall breit; abends in der Baracke wird diskutiert, es werden Prognosen verkündet, die fast immer pessimistisch sind und dann wird heftig geflucht und geschimpft, weil es wirklich so aussieht, als habe Gott uns verlassen. In dieser Situation tauchte eine freundliche, gütige Figur auf, an die ich mich gerne zurückerinnere; unter den I.M.I.s, die mit mir in der Baracke waren, war ein Mann aus Venetien, nicht besonders groß, so ausgemergelt wie ein Großteil von uns <75> und abends, während fast alle Flüche und Verwünschungen ausstießen, holte er einen Rosenkranz aus der Tasche und begann zu beten. Er sagte zu mir: „Wir müssen unsere Hoffnung bewahren, nicht wahr? Was sagst du dazu, Bolognesi? Wir dürfen nicht fluchen, sondern müssen uns in Gottes Hut begeben, damit er uns hilft, wieder nachhause zu kommen!“ Und er zeigte uns ein Foto von seiner Familie (er hatte eine Frau und kleine Kinder), sagte zu mir: „Wer weiß, ob ich sie bald wieder sehen kann?“ und küsste das Foto. Und genau dieser gerechte Mann, der uns wieder hoffen ließ und der sich so nachhause sehnte, ist am 3. April 1945 gestorben, eine Woche vor der Ankunft der Truppen der Alliierten. Eines Morgens beim Aufstehen haben wir ihn tot auf seiner Liege gefunden. Noch heute frage ich mich: Ist Gott gerecht? Er hieß Pasquale Caron. Ende Übersetzung Berit Brünning] S. 75 - 76 5. Jan. 1945: Paket mit Lebensmitteln kommt per Post von Verwandten aus Varese. Post kommt nur aus dem Norden, der noch nicht von den Alliierten besetzt ist. „Januar 1945: Am 5. erhielten mein Bruder und ich ein Paket mit Lebensmitteln von unsren Verwandten aus Varese. Für uns war das ein großes Ereignis, denn neben dem Vergnügen, etwas Gutes zu essen, war es etwas Unerhofftes, denn für uns aus Mittelitalien, war es unmöglich, Nachrichten und Pakete an unsere Familien zu schicken, noch welche zu erhalten, denn wir waren durch den Verlauf der Deutsch-Alliierten Front von unseren Familien, die auf dem von den Alliierten besetzten Gebieten lebten, abgeschnitten. Die Deportierten hingegen, deren Familien im Norden lebten, erhielten, wenn auch selten, Post und ab und zu ein Paket von ihren Verwandten; daher war dies für uns ein großes Ereignis. Am 9. Januar schrieb mein Bruder eine Postkarte in unser beider Namen an die Verwandten in Varese, in der wir uns bedankten. Am 10. schieb ich eine Karte an meinen Onkel Pietro Giordani, der in Stuttgart lebt.“ S. 76 - 81 Bunker 0: präzise Beschreibung der Bauweise mit Massen von Zement. Eisige Kälte, der Bruder von B.B. ist kurz vor dem Zusammenbruch. B.B. bittet bei der Lagerleitung um eine andere Arbeit für ihn; er arbeitet als Barbier für ein paar Tage in der Kommandobaracke und wird dann in der Nähe von Bibra bei Maurerarbeiten eingesetzt. Nach der Arbeit die einzige Mahlzeit des Tages eine dünne Gemüsesuppe mit wenigen Kartoffeln und kaum Margarine. Anstehen mit der Schüssel, die Suppe wird in einer Kelle aus der Küchenbaracke verteilt, wer meckert, wird geschlagen. Außerdem zwei Scheiben Salami oder Blutwurst oder Marmelade, zudem 1 Päckchen Margarine (aus Erdöl) zu acht pro Woche. Sorgfältige Aufteilung mit einer selbst gebauten Waage. Brot besteht zur Hälfte aus Sägemehl, meisten schimmlig. Hunger, Hoffnungslosigkeit. Bei den seltenen Besuchen in Kahle erhält B.B. immer Essen von Frau Margarethe. „Nach der harten Arbeit wartet im Lager abends die einzige Mahlzeit der Tages auf uns: zu etwa drei Vierteln schmutziges Wasser, in dem Stücke von Rüben schwimmen, ein paar Kohlblätter, rote Futterrübe und nur sehr selten ein Stück Kartoffel und sehr wenig Margarine. Die Essensverteilung im Lager lief folgendermaßen ab: Wir standen in einer Reihe an, mit unserer Schüssel in der Hand. An der rechten Seite der Küchenbaracke stieg man auf einen Holzsteg und ging einzeln an einem Fenster vorbei, aus dem der Verteiler, der in der Küche stand, sich herauslehnte und dir die Brühe in die Schüssel goss; man musste schnell sein und durfte sich nicht beschweren, neben unserer Reihe stand immer ein SS-Mann namens Gustav, der sehr böse war und der seinen Schäferhund auf dich hetzte. Am Ende der Schlange war ein alter Deutscher, der einen Knüppel in der Hand hielt und der dich unbarmherzig schlug, wenn du dich nicht beeiltest. Die Tagesration enthielt auch zwei Scheiben Wurst, Blutwurst oder etwas Marmelade, und, einmal in der Woche ein Stück Margarine, das in acht Teile aufzuteilen war. Es war synthetische Margarine, die aus Erdöl hergestellt wurde. Dann gab es dieses undefinierbare Zeug, das sie als Brot bezeichneten: ein quaderförmiges Brot, musste in acht Rationen aufgeteilt werden; diese Operation wurde von uns allen aufmerksam verfolgt. Einer von uns schnitt das Brot in acht Teile, dann hatten wir eine selbst gebastelte Waage (vgl. Skizze auf S. 79) aus einem Stäbchen, an deren beide Enden mit etwas Schnur zwei kleine spitze Holzkeilchen befestigt waren. Jede einzelne Scheibe wurde mit den anderen verglichen und wir versuchten, die Rationen mit den Krümeln auszugleichen. Dann wurde ausgezählt, wer als erster das seiner Ansicht nach größte Stückchen auswählen durfte, und dann nacheinander die anderen. Wir aßen nur einen Teil dieses Brots und hoben uns das zweite Stück für den nächsten Morgen auf, denn bis zum Abend darauf bekamen wir nichts zu Essen. Das Brot, wenn man es überhaupt so nennen konnte, bestand zu etwa 50 oder 60 % aus Pappelsägemehl, dann aus etwas Roggenmehl und anderen, undefinierbaren Mehlsorten. Es war fast immer schimmlig am Rand, was die Aufteilung schwierig machte.“ S. 81 - 87 Februar 1945: Die Alliierten kommen, aber wann? Ab 20. Jan: B.B. arbeitet in einer Baustelle in Bibra; Unterkünfte für das Personal der Luftwaffe oder der Reimahg. Beim Mauern gefriert der Zement, so dass die Wand wieder einstürzt, trotzdem weiter arbeiten. Schmerzhafte Verletzungen an den Händen. Sympathie für einen dt. Vorarbeiter, der Esperanto für die Lösung für die Völkerverständigung hält. Lässt die Gefangenen langsam arbeiten und hin und wieder Feuer machen, um die Hände zu wärmen. Arbeit bis zum 15. Feb. Durchfall, Zahnfleischbluten wegen Vitaminmangel und Ödeme. Tagesrationen haben max. 500 Kalorien statt der benötigten 2500-3000 pro Tag. Arbeiten im Bergwerk: Vorhandene Stollen werden genutzt und ausgebaut von den Gefangenen; Böden, Verputz, Elektrik, Belüftung etc. werden von Spezialisten gemacht. Zum Erweitern der Stollen werden mit dem Pressluftbohrer Löcher für den Sprengstoff gemacht, das gesprengte Material wird mit der Schaufel auf Wägen auf Schienen geladen und von 4 abtransportiert. Keine Sicherheitsvorkehrungen. End Feb. startet das erste Flugzeug (M262) vom Walpersberg; Krieg ist jedoch schon verloren. HUNGER, KÄLTE, KRANKHEIT, TOD, dennoch besteht der Widerstand der Gefangenen darin, nicht nachzugeben. S. 87 - 89 März 1945: Die Alliierten rücken näher. B.B. bei Ausbau der Stollen. Nachrichten von den Verwandten und von Walter, der bei einer Familie in Schonkleina (sic) untergekommen war. Kehrt zwar nach IT zurück, stirbt bald darauf aber an TBC, woran er in Kahla erkrankt war. Exodus der Bewohner Thüringens in die von den Alliierten kontrollierten Gebiete, Bombardierungen. [Übersetzung Berit Brünning <81> Februar 1945 – Es ist bekannt, dass die Alliierten dabei sind, Westdeutschland einzunehmen; aber warum machen sie nicht schneller? Wann werden sie hier sein?! Ich arbeite seit dem 20. Januar auf einer Baustelle in der Nähe von Bibra. Morgens gehe ich zusammen mit zehn weiteren Kameraden zu Fuß bis zu dieser <82> Stelle, in der Umgebung von Bibra; dort werden Unterkünfte für das Personal der Luftwaffe oder der Reimahg errichtet, ich weiß das nicht mehr genau. Wir müssen die Außenmauern dieser einstöckigen Häuser aufbauen. Dazu nehmen wir Ziegel; den Mörtel, den wir dazu brauchen, rühren wir mit der Hand an, eine Mischmaschine gibt es nicht. Die Maurer (ich weiß nicht, ob es Deutsche sind oder nicht), legen flink einen Stein über den anderen, aber es ist sehr kalt und der Mörtel gefriert und so stürzt die Mauer immer wieder ein, wenn sie einen oder anderthalb Meter hoch ist. Aber wir haben den Befehl, weiterzumachen, also fangen wir wieder von vorne an. Ich musste den Mörtel anrühren und ihn, wenn wieder eine bestimmte Menge fertig war, zusammen mit einem anderen auf einer Art Trage zum Maurer bringen. Wenn wir die Ziegel transportieren sollten, war das sehr schmerzhaft, weil wir uns breitbeinig hinstellen und warten mussten, dass uns jemand die Ziegel einen nach dem anderen zuwarf, den mussten wir auffangen und ihn dem nächsten zuwerfen; so gaben wir sie von Hand zu Hand weiter, aber das Problem war, dass unsere Hände ganz steif gefroren waren und wir uns an den Ziegeln verletzten, was sehr schmerzhaft war. Das einzig positive war ein deutscher Meister; ein kleiner, älterer Mann mit einem leichten Buckel, den wir im Scherz Rigoletto <83> nannten; er war sehr anständig, er sprach immer vom Esperanto, was seiner Meinung nach die Sprache der Zukunft war, weil sich so alle Völker verständigen konnten und es keine Kriege mehr geben würde. Ein großartiger, kleiner Mann, er sagte immer zu uns: „Arbeitet langsam, aber wenn ihr einen Aufseher kommen seht, muss er euch arbeiten sehen, sonst komme auch ich in Schwierigkeiten.“ Es war sehr kalt und es arbeiteten auch zwei ukrainische Frauen mit uns zusammen, sie machten die gleiche Arbeit wie wir; er ließ uns ab und zu eine Pause machen, dann mussten wir große Holzplatten zerhacken, wie sie Zimmerleute benutzen und ein schönes Feuer anzünden, an dem wir uns wärmen konnten, besonders unsere steif gefrorenen Hände. Diese Arbeit dauerte bis zum 15. Februar. Es sterben immer mehr Leute, es ist beängstigend; die meisten von ihnen sind Italiener. Wir leiden fast alle an Durchfall; nachts schaffen es manche Leute nicht rechtzeitig …4 und es kommt alles heraus, während sie noch in der Baracke sind. Aufgrund des Vitaminmangels leiden viele an Zahnfleischbluten und haben Ödeme am Körper. Die von den Verantwortlichen aufgehängten Tabellen besagten zwar, dass unsere täglichen Rationen durchaus annehmbar waren, aber wir haben später erfahren, dass sie nicht mehr als 800 Kalorien enthielten, während wir bei der schweren Arbeit, die wir leisteten, am Tag <84> mindestens 2500-3000 Kalorien gebraucht hätten. - Die Arbeit im Tunnel – Wie bekannt nahm die Reimahg die bereits existierenden Stollengänge in Besitz, die bisher von der Porzellanfabrik in Kahla genutzt worden waren, um quarzhaltige Erde zu fördern, die sie für ihre Arbeit brauchten. Diese Stollen mussten nun verbreitert und verbessert werden, damit man in ihrem Inneren die Teile der neuen Flugzeuge herstellen und zusammensetzen konnte. Wir hatten die Aufgabe, in den alten Tunneln zu graben, um sie zu verbreitern. Zusätzlich zu den bereits existierenden Tunneln mussten neue gegraben und gleichzeitig miteinander verbunden werden. Wir machten die Tunnel nur breiter; die Feinarbeit, das Verputzen, die Befestigung des Fußbodens, die Verlegung von elektrischen und Wasserleitungen und die Belüftung wurde von spezialisiertem Personal besorgt, nicht von Zwangsarbeitern, weil das Innere der Tunnel geheim war. In unserem Falle höhlten ein oder zwei Männer die Wände des Stollens aus, machten dann mit einem Presslufthammer tiefe Löcher hinein, füllten die Löcher mit Sprengstoff und zündeten ihn. Den dabei entstehenden Schutt luden wir mit der Schippe auf Schmalspurwaggons und schoben die Waggons auf Schienen nach <85> draußen, wo der Schutt von einer Gruppe Arbeiter abgeladen wurde, die ihn in der Gegend verteilte5; wir luden wieder neuen Schutt auf und so ging es immer weiter. Man musste auf der Hut sein, wenn der Sprengstoff gezündet wurde, weil die Meister einen nicht warnten, aber wenn wir sahen, dass sie wegrannten, drückten wir uns an die Wände, weil wir Angst hatten, bei einem eventuellen Einsturz unter Schutt begraben zu werden. Eines hier verdeckt ein weißer Fleck ein oder zwei Wörter; vermutlich „zum Abort“ einige Wörter sind schlecht lesbar, daher ist die Bedeutung des Satzes nicht ganz sicher Tages kam es in einem dieser zahllosen Tunnel zu einem anderen Vorfall, der von menschlicher Grausamkeit zeugte; wie ich bereits erwähnt habe, litten wir alle an Darmkoliken und hatten deshalb Durchfall und wenn man auf einmal ein derartiges Bedürfnis verspürte, ging es nicht anders, man musste einen Platz finden, an dem man sich erleichtern konnte: einer unserer Kameraden aus Tolentino rennt fort, in einen abgelegenen Gang eines anderen Tunnels; zufällig gehen dort gerade Hitlerjungen entlang, sie finden ihn in dieser Haltung und trotz der flehentlichen Bitten des armen Kerls zwingen sie ihn, zu „kosten“, was er gemacht hat und lachen ihn aus. <85-86> Ich glaube, gegen Ende Februar ist das erste Flugzeug vom Walpersberg geflogen; es war ein sonniger Tag, daran erinnere ich mich gut; man hörte ein lautes Pfeifen und wir, die unten außerhalb der Tunnel waren, sahen das neue Düsenflugzeug ME 262 vom Gipfel abheben und schnell aufsteigen; es flog Richtung Saaletal, dann konnten wir es nicht mehr sehen. Die Deutschen waren trunken vor Euphorie und das zu Recht, weil dieses Flugzeug allen anderen Flugzeugen, die es damals gab, weit überlegen war. Das Problem war nur, dass es mittlerweile zu spät war, der Krieg war für das Großreich verloren. Dennoch glaube ich, dass es bis zum Ende des Krieges noch mindestens 300 von diesen Flugzeugen gegeben hat, die der Luftwaffe der Alliierten schwere Verluste zufügten. Dieser Flugzeugtyp wurde auch noch in anderen unterirdischen Fabriken hergestellt. Für uns dreht es sich um das Übliche: KÄLTE, HUNGER, ELEND, KRANKHEITEN, TOD!, aber wir bleiben standhaft und es ist merkwürdig, dass junge Leute, die unter dem faschistischen Regime aufgewachsen sind und an Gehorsam gewöhnt sind, die außer dem Antifaschismus, den uns unsere Väter gelehrt haben, keine politische Kultur kennen - es ist merkwürdig, dass wir fast alle gleichzeitig begriffen haben, dass die Diktatur bekämpft werden musste, auch mit der Waffe der Weigerung, und dass wir alle zu den Schmeicheleien, zu der Möglichkeit, heil und gesund nach Italien zurückkehren zu können „NEIN“ gesagt haben und genau wussten, dass uns diese Weigerung vielleicht das Leben kosten würde, wie es vielen unserer Kameraden passiert ist, die wir nie vergessen werden. Das war die erste demokratische Abstimmung, es war unsere Art, <87> Widerstand zu leisten und er war nicht weniger nützlich als der „große“ Widerstand, aber er wurde von den …6 Regierungen, die in unserem Land aufeinander gefolgt sind, nicht anerkannt. Es war eine Volksabstimmung, einer sagte es dem anderen weiter; ohne dass sie irgendwelchen Kontakt zueinander gehabt hätten, haben die nach Norddeutschland oder Polen deportierten I.M.I.s „NEIN“ gesagt, genauso wie die I.M.I.s und die zivilen Zwangsarbeiter in den restlichen Teilen Deutschlands. Als wir nun also unsere Wahl getroffen hatten, unsere Lebensbedingungen schlechter und die Misshandlungen schlimmer wurden, war unsere Losung, um zu überleben: zu versuchen, unsere schwachen Kräfte zu schonen und unsere spärlichen Tagesrationen streng zu …7. März 1945 – Gute Neuigkeiten: Die Truppen der Nazis werden in die Zange genommen, von den alliierten Streitkräften vom Westen und den Truppen der Russen vom Osten her. Meine Arbeit besteht noch immer darin, den Schutt aus den Tunneln nach außen zu transportieren; der Frühling fängt an, sich bemerkbar zu machen, es gibt schon ein paar Tage ohne Regen und wenn ich an diesen Tagen den Wagen schiebe, bekomme ich Lust, vor mich hin zu singen. Ein Aufseher hört mich und sagt zu mir: „Was hast du zu singen, weißt du nicht, dass es an der Front schlecht läuft?“ Ich antwortete: „Es läuft schon seit einer ganzen Weile schlecht!“ Zur Strafe musste ich den vollen Waggon <88> alleine schieben, bis zum Abend. Auf den Feldern kommen ein paar Grasbüschel aus der Erde, wir reißen sie schnell mitsamt den Wurzeln aus; wenn es Zichorie ist, essen wir es roh, andere Pflanzen kochen wir und essen sie dann, um den Bauch ein bisschen zu füllen. Wir machen uns sorgen, weil uns die „Männlichkeit“ fehlt, seit einiger Zeit fühlen wir da nichts mehr, was auch an unserer Schwäche liegt; man munkelt, die Deutschen, hätten mit Absicht gewisse Substanzen in die Suppe getan, damit wir in dieser Hinsicht keine Kraft mehr haben, aber das glaube ich nicht. 24. März; Es kommt ein Brief vom meinem Onkel in Italien, aus Varese; er freut sich, dass mein Bruder Giuseppe und mein Cousin Walter eine bessere Arbeitsstelle gefunden haben. 25. März; Es kommt eine Karte von Onkel Pietro, aus Stuttgart. 27. März; Endlich haben wir Nachricht von unserem Cousin Walter, der uns in einer Karte schreibt, dass er bei einer Bauernfamilie in Schonkleina ist und es ihm da recht gut geht. Gott Wort nicht lesbar Wort nicht lesbar sei gelobt. Dieser arme Kerl hat es geschafft, im Juli 1945 nachhause zu kommen, aber er ist nach ein paar <89> Monaten an Tuberkulose gestorben, die er sich in Kahla geholt hat. Seit ein paar Monaten hat Hitler den „Volkssturm“ eingerichtet, der aus Alten und ganz Jungen besteht, sie sind mit allem bewaffnet, was sie so finden konnten: Jagdgewehre, Pistolen, Revolver, Werkzeuge für die Arbeit; sie müssen bereit sein, den heiligen Boden, das „Vaterland“ vor den Truppen der Alliierten und allen anderen Ausländern zu verteidigen. Der Exodus der Bewohner Thüringens in Richtung Westen beginnt, der schon von den alliierten Truppen besetzt ist; sie wollen der Besatzung durch die Rote Armee entgehen; die Propaganda der Nazis hat sie in schreckliche Angst versetzt, also flieht jeder, der es schafft, sie laden ihre …8 auch auf kleine Handwagen. Die Bombenangriffe werden immer schlimmer, zum Glück nicht in Kahla; Tag und Nacht drehen Bomber, eskortiert von Jagdflugzeugen, am Himmel über uns ihre Runden. Es sterben immer mehr Leute. Mein Bruder hört gegen Ende des Monats auf, als Friseur zu arbeiten; es war ein Glück für ihn, dass er fast zwei Monate vor der Kälte geschützt war. Abbildungen zwischen S. 88 - 89 Abb. 26 Varese, 24. 3. 45 Meine lieben Neffen, Vor ein paar Tagen habe ich eine Karte von euch bekommen, vom 9. Januar. Auch Stefania hat eine Karte von euch bekommen, die am selben Tag geschrieben wurde. Wir haben uns sehr gefreut, nach langem Warten von euch zu hören, wir hatten uns so sehr gewünscht, etwas von euch zu erfahren, besonders jetzt in der schwierigsten Zeit, im Winter, wenn die harten Seiten des Lebens viel stärker spürbar sind. Als wir euer kurzes Schreiben bekamen, in dem ihr versichert, dass ihr jetzt unter besseren Bedingungen lebt – außer Balilla, der noch die gleiche Arbeit macht - , waren wir sehr erleichtert und die große Sorge um euch, die wir immer gespürt haben9 Wort nicht lesbar Der Satz wird – zumindest auf dieser Seite – nicht fortgesetzt Uns geht es recht gut und wir sind froh darüber. In der Fabrik gibt es immer noch viel Arbeit und alle erinnern sich mit freundlichen Gefühlen an Balilla.10 Fühlt euch von uns umarmt […]11 Abb. 27 […] euer Onkel spricht immer davon, seit wir keinen Kontakt mehr zueinander haben, hat er versucht, ihnen über das Radio von Mailand und über das Rote Kreuz ein paar Nachrichten zukommen zu lassen, um ihnen Bescheid zu geben. Wir hoffen, dass Nachrichten von euch und uns aus Esanatoglia ankommen, aus Rom12 nichts. Eure Tante grüßt euch und ich von hier nachhause, viele Küsse von eurer Tante Paolina und Onkel Pietro Giordani.13 Abb. 2814 Meine Lieben, Wie ich euch schon geschrieben habe, verrichte ich jetzt Bauernarbeit, das ist vielleicht nicht der Lebensweg, von dem ich geträumt habe und ich hätte es auch nie geglaubt, aber was will man machen? Was das Essen und Schlafen angeht, kann ich nur wiederholen, es geht einem gut hier, aber die Arbeit ist natürlich recht anstrengend. Die Krankheit beeinträchtigt mich nicht mehr, so scheint es, ich fühle mich jedoch ein bisschen schwach, aber seit dem Tag, an dem ich mit dieser Arbeit angefangen15 habe, sind es mehr Stunden geworden. Wie geht es euch? Ich hoffe gut, wenn ihr von Onkel Pietro hört, sagt mir, was er schreibt und erzählt mir auch von euch, so bald wie möglich. Hier in der Gegend arbeiten viele Italiener. Wenn ich kann, werde ich euch einmal besuchen kommen, aber wer weiß wann? In der Hoffnung, euch bald wieder zu sehen, grüße ich euch herzlich, euer Cousin Walter Ende Übersetzung Brünning] Diese Sätze sind kaum lesbar. Ich habe sie so interpretiert: In fabbrica si lavora sempre e Balilla è ricordato sempre con affetto. Rest nicht lesbar Dieses Wort könnte man als „Roma“ oder „Bonn“ lesen Da der Anfang des Textes fehlt, einige Worte nicht lesbar sind und der Schreiber kaum Satzzeichen verwendet, ist der Inhalt sehr schwer verständlich. Die Seite, auf der die Adresse geschrieben steht, ist die Fortsetzung des Textes auf der folgenden Seite Hier sind ein oder mehrere Wörter nicht lesbar, ich habe „angefangen“ ergänzt S. 90 - 92 1. April 1945: Ostern. Anzeichen von Nervosität bei der SS. 3. u. 4. Apr.: Großes Chaos in der Stollen, am 5. verschwinden die SS, am 6. kein Arbeitseinsatz. Gef. erbeuten einige Kartoffeln und ein Pferd der SS. „1. April 1945: Ostern. Das Wetter ist schön, es beginnt der Frühling und mit ihm wird die Hoffnung stärker. Man hört die unterschiedlichsten Gerüchte über den Frontverlauf. Unsere Wächter, die SS, zeigen Anzeichen von Nervosität. Die Nachrichten scheinen gut für uns zu sein, die Alliierten scheinen nach Thüringen vorzurücken. 3. April 1945: Am Morgen finden wir diesen herzensguten Mann, der immer gebetet hatte und sich so sehr nach seiner Familie und seinen Kindern gesehnt hatte, in unserer Baracke tot auf, Pasquale Caron, aus Solesino, Provinz Padua. 3.4. April 1945: Es herrscht Aufruhr innerhalb und außerhalb der Stollen; Befehle und Gegenbefehle. Man hatte gesehen, wie Flugzeugteile und anderes Material verladen wurden, es hieß, um es in Sicherheit zu bringen. Konfuse Nachrichten von der Kriegsfront, es schien, dass sie Alliierten bereits bei Eisenach stünden und auf dem Einmarsch nach Thüringen waren. Wir beginnen, uns Sorgen zu machen. Es sind seltsame Gerüchte im Umlauf, wir wissen nicht, was mit uns geschehen wird. ab dem 5. sieht man keine Wach-SS mehr, es hieß, sie seien geflohen, aber die Wärter, die Kapos, waren noch da. Ab dem 6. werden wir nicht mehr zur Arbeit gebracht, man weiß nicht, ob es Essen geben wird. Es hieß, Maschinengewehre seien auf dem Gelände installiert worden, usw. Am 6. und 7. wussten wir nicht, was wir tun sollten. Die Alliierten schienen [.... nicht lesbar] zu sein und wir erwarteten voller Erregung den Zeitpunkt unserer Befreiung, waren uns aber der Möglichkeit bewusst, dass unsere Gefängniswärter sich an uns rächen könnten. Unser Mut wuchs und viele von uns machten sich auf, um auf den umliegenden Feldern ein paar Kartoffeln zu erbeuten, trotz der großen Gefahr, von Mitgliedern des Volkssturms erschossen zu werden. Aber der Hunger ist groß; einige erbeuteten Pferde der SS und nachdem sie sie mit Knüppeln niedergestreckt hatten, schnappten sie sich ein Schnitzel und verschlangen es roh. Samstag 7. April: Außer einigen Ausgängen zur Nahrungsbeschaffung ziehen wir es vor, in der Baracke zu bleiben und wir diskutieren unser weiteres Vorgehen: fliehen? Aber wie und wohin? Vielleicht war das Lager der sicherste Ort? (Und das, obwohl uns viele lieber tot als lebendig gesehen hätten; dies jedoch erfuhren wir erst nach dem Krieg).“ „Flucht aus dem Lager“ geschildert im 3. Band.

Quellen und Nachweise

  1. Balilla Bolognesi: Die Deportation: das Dunkel; deutsche Übersetzung im Quellenbestand Zwangsarbeiter