Walpersberg Logo

Zeitzeugnis

Zeitzeugenaussage Andre Cools

Ausführlicher Erinnerungsbericht über Verhaftung, Deportation, Lager und Arbeit bei der REIMAHG.

Forschungsstand dokumentiert

Forschungsdatensatz

Dokumentierte Angaben

Person
Andre Cools
Rolle
Zwangsarbeiter
Ort
Kahla
Zeitraum
1944

Überlieferung und Kontext

Andre Cools An einem sonnigen Tag im Juli komme ich gegen 9 Uhr bei Andre Cools in Wingene an. Obwohl er immer noch viel Arbeit auf seinem Land zu erledigen hat, nimmt er sich Zeitfür mich. Andre denkt, dass es höchste Zeit ist, dass einige Zeugenaussagen über die Arbeiterlager von Kahla aufgeschrieben werden; die Tausenden von Toten sollten nicht vergessen werden. «Ich hatte für nun mehr als 18 Monate im Untergrund gelebt. Auch von mir wurde verlangt Zwangsarbeit in Deutschland zu leisten. Wie auch immer, ich ging nicht nach Deutschland. In diesen 18 Monaten schlief ich überall, nur nicht zu Hause.» «Bis zum 6. August. Ich erinnere mich immer noch sehr gut daran; es war die Nacht von Sonnabend auf Sonntag. Ich kam gegen 22.30 Uhr nach Hause ( nach Eegern, nahe Tielt); um 23.30 Uhr war der ganze Platz umstellt und ich wurde festgenommen. Zu dieser Zeit lebte ein Faschist in unserer Nachbarschaft, und ich bin mir ziemlich sicher, dass er mich verraten hatte.» Nach dem Krieg hörte Andre, dass der Mann tot war. Die Bestrafung Gottes würden wir sagen. «Sie brachten mich zum Gefängnis in Tielt. Von da aus transportierten sie mich den darauf folgenden Donnerstag nach Roeselaere, wo ich versuchte zu entkommen. Eine Frau und ihre Tochter, die in unserer Nachbarschaft gelebt hatten, besuchten mich und brachten einige Frauenkleider mit. Es war geplant, dass ich in diesen Kleidern fliehe, aber irgend jemand schlug Alarm, so dass es sehr schwierig war zu entkommen.» «Außer den Kleidern brachten sie mir auch 14 Kilogramm Tabak und eine Schuhbox gefüllt mit Zigarillos. Das rettete mir mein Leben in Kahla.» «In Roeselaere blieb ich vom 9. bis zum 11. August.» In Belgien erzählte ein deutscher Wachmann den Gefangenen, dass sie in die Umgebung von Weimar gebracht werden würden, in den Thüringer Wald, und dass es dort sehr schön wäre. Wie auch immer, ich bekam davon nichts mit, sagte Andre. «Anfang April sah ich, wie sie 27 tote Männer in die Todesbaracke brachten.» «Bei dieser Arbeit hatten wir einen deutschen Aufseher, der ohne einen Grund anfing Leute zu schlagen; von allen wurden die Russen am meisten geschlagen. Einmal versuchte er mich zu schlagen, aber er traf mich nicht und verletzte sich an seinem Lkw, der hartes Gestein transportierte. Ich fürchtete Vergeltung; wir mussten diesen Wachmann loswerden. Ein wenig später musste das Gerüst, das die Tunnel stützte, abgenommen werden. Ich hatte mich mit einer schweren Spitzhacke versorgt und bei einem „Unfall" fiel sie mir aus der Hand, gerade als der Wachmann vorbei kam. Die Spitzhacke fiel auf seine Schulter. Wir sahen ihn nie wieder und er tat mir nichts, denn ich hatte immer noch alle meine Werkzeuge. Ich konnte mich glücklich schätzen.» «Was wir in Kahla erlebten grenzte an Unglaublichen.» «Ich besaß 14 Kilo Tabak und eine Box voll Zigarillos. Sie retteten mich und trotzdem wog ich bei der Befreiung nur noch 46 Kilogramm, 51 bei meiner Rückkehr.» Bei seiner Abreise nach Kahla wog Andre 74 Kilogramm. Trotz des Tabaks, den er gegen Brot tauschen konnte, verlor er 28 Kilo in nur acht Monaten. Andre misst 1. 73 m. «Wenn man von seiner Ration leben musste, war man verloren. Wir bekamen nur einen Liter Wassersuppe und 150 Gramm Brot am Tag. » «In der Fabrik versuchte ich Tabak gegen Brot zu tauschen. In diesem Moment kam ein Lkw, um Beton zu liefern. Man musste seine Bitte äußern. Ich rauchte gerade eine Pfeife; so kroch ich in die Fahrerkabine und zündete die Pfeife so an, dass er den Tabak riechen konnte. Und ja, er rauchte auch, hatte aber keinen Tabak dabei. So konnte ich einmal mehr Tabak gegen Brot tauschen. Er gab mir ein ganzes Brot.» «In unserem Raum in der Baracke teilte ich das Essen. Es geht nicht, dass eine Person Essen hat, während die anderen hungern. Einmal konnte ich einige Brotkarten für Zivilisten bekommen, mit denen ich im Dorf Brot bekam. Auf dem Rückweg sah ich die Polizei näher kommen. Ich flüchtete in die Büsche; in diesem Moment befand ich mich bereits im Wald hinter Lager E. Dort rutschte ich aus, fiel und landete hinter der Baracke, in der ich schlief. Gerade als ich die Baracke betreten wollte, bemerkte ich, dass die Wachen ihre Runden drehten. Ich fand auf dem Dach der Baracke Schutz, an der Seite des Waldes. Meine Kameraden sagten, dass ich Nachtschicht hätte. Jeder war froh, dass es vorüber war und unser Raum konnte Brot und Würstchen essen.» Je länger wir dort waren, desto mehr Tote waren zu beklagen. Die schweren Wintermonate, der Mangel an Nahrung und Hygiene, die langen Arbeitstage und die Misshandlungen waren die Hauptgründe dafür. «Jemand der Typhus bekam, war in fünf Tagen tot. Man sah wie ein kräftiger Bursche zu einem Nichts wurden. » Andre Cools «Anfang April sah ich, wie sie 27 tote Männer in die Todesbaracke brachten.» «An einem Morgen erlebten wir, dass vier unserer Mitbewohner nicht mehr aufstanden;... sie waren tot.» «Anfang April ging ich einen Tag lang nicht in die Fabrik. Ich war nicht krank und da ich noch Brot hatte, brauchte ich meine tägliche Essensration nicht. Aber ein SKK-Mann kam, um zu kontrollieren, was ich noch hier machte. Ich konnte ihn mit Tabak bestechen. An diesem Tag sah ich wie sie 27 tote Männer in die Todesbaracke brachten. In der Nacht kamen sie, um 32 Tote aufzunehmen. Damals ging das Gerücht herum, dass sie die Toten zum Leubengrund nach Kahla brachten. Es war nicht sicher, wir hörten nie wieder etwas davon.» «Es gab auch eine Läuseepidemie. Wenn man die Läuse in der Kleidung loszuwerden wollte, musste man sich auf dem Boden wälzen und danach waschen; es war eine gute Methode. Dann wurde man für kurze Zeit Herr über sie. Aber niemand durfte etwas mitbekommen, sonst wurden die Sachen vom Boden gestohlen.» Allmählich rückte die Befreiung näher. «Um den 12. April herum mussten wir auf Befehl, in der Nacht zwischen acht und neun Uhr, in der Küche antreten. Wir erhielten Brot von vier Personen. Mit sieben Personen schafften wir es acht Brote zu erhalten. Durch drei Leute, die wir nicht kannten, traten wir als Nummer vier an und gingen mit dem Brot weg. Von diesem Moment an war jeder auf sich allein gestellt..» «Die Deutschen fuhren uns aus dein Lager heraus. Das Gerücht ging herum, dass sie uns an die Front bringen würden. Ich selbst und einige andere flohen von der Kolonne und gingen zurück ins Lager E. Der SS-Offizier, der mich zu den Zimmermännern gebracht hatte, sagte uns, dass wir ins Lager 3 gehen sollten.» «So gingen wir dort hin und blieben dort ein oder zwei Tage, bevor wir befreit wurden.» «Ohne Eskorte liefen wir zu Fuß nach Weimar. Auf unserem Weg mussten wir nur Bauern und Zivilisten um Essen bitten.» «In Weimar erreichten wir die Gustloffwerke; dort blieben wir eine Nacht.» «In Weimar luden sie uns auf Lkws und brachten uns zur früheren SS-Kaserne in Erfurt. Dort fand ich Schutz für 19 Tage im Block 4. Wir schliefen auf dem nackten Fußboden, aber das Essen war sehr gut.» « 19 Tage später luden sie uns wieder auf Lkws und brachten uns nach Koblenz.» Andre Cools «Anfang April sah ich, wie sie 27 tote Männer in die Todesbaracke brachten.» «Wir blieben drei Tage dort; dann transportierten sie uns zum Rhein, den wir per Boot über- querten. Mit dem Zug fuhren wir, im Rinderwaggon, nach Vervies. Die Rinderwaggons in denen wir befördert wurden, waren immer noch mit Schafdung verschmutzt. Wir mussten es erst reinigen, dann legten wir eine Pappe hinein, um nicht so im Dreck zu sitzen. Wir reisten einen Tag und eine Nacht.» «Über Erstahl kamen wir nach Vervies. In Vervies wurde jeder kontrolliert. Wir bekamen unsere Pässe zurück, die uns bei der Festnahme weggenommen wurden.» «In Vervies blieben wir zwei Tage in einer Pension; das Essen war ausgezeichnet.» «Von dort aus gingen wir zur Bahnstation in Liege. Über Landen und Brüssel erreichten wir Ghent. » «In Genth nahm mich ein Auto mit und brachte mich nach Hause; am 12. Mai war ich endlich wieder zu Hause. » Andre kann die Zeit in Kahla nicht vergessen. Er nahm bis jetzt an 16 Gedenkfeiern teil. Andre Cools «In Kahla wurden wir alle zu einer Zeit des Elends, der harten Arbeit, der Not und letztendlich - für viele von uns - des Todes verurteilt.» Frans De Geyndt Ich besuchte auch Frans De Geyndt bei ihm zu Hause. In der Nachkriegszeit bemühte er sich als ein früherer Gefangener des Lagers E Anerkennung für alle früheren Gefangenen des Lagers E zu erhalten. Er hatte Erfolg. Seine Akte war die Grundlage, auf der viele frühere Gefangene als solche anerkannt wurden. Auch hier wurde ich freundlich empfangen. Um mir meine Arbeit zu erleichtern, hatte er bereits seine ganze Geschichte, über seine Verhaftung und Befreiung, niedergeschrieben. Mit seinem Einverständnis kann ich seine Zeugenaussage glücklicher Weise schriftlich in meinem Buch aufnehmen. «Zum Jahrgang '24 gehörend fiel ich unter das Gesetzt vom 27. April 1944, das besagte, dass alle Männer die zum Jahrgang '20 bis '24 gehörten gezwungen waren freiwillige Arbeit für die Deutschen zu leisten, entweder in Belgien oder in Deutschland.» «In allen Zeitungen erschien die Anzeige mit dem letzten Termin bis zu dem sich jeder beim Arbeitsamt vorzustellen hatte. Für mich hieß das, dass ich nach Brüssel, Naamsestraat gehen musste.» «Von dem Augenblick an, als ich diesen Artikel las, entschloss ich mich nicht im Geringsten für den Feind zu arbeiten.» «Einige Tage nach der Überschreitung des festgelegten Termins schickte mir das Arbeitsamt einen Brief, in dem ich angewiesen wurde Zwangsarbeit in Belgien zu leisten und dass ich mich innerhalb von 48 Stunden vorzustellen hatte, um einige medizinische Tests durchführen zu lassen.» «Da ich all diesen Dingen kein Vertrauen entgegen brachte, beschloss ich nicht dort hin zu gehen um für den Feind zu arbeiten; ich musste mich verstecken. Razzien wurden eine nach der anderen durchgeführt und ich war in der Lage einige Male zu fliehen. Deswegen entschied ich mich zu gehen um mit meinen Großeltern in Jette zu leben.» «Am 2. August 1944 fuhr ich zusammen mit meinem Vater mit dem Fahrrad von Ternat nach Jette. Wir erreichten die Kreuzung von Gentse Steenweg und der Keizer Karel Straße in Saint Agatha Berchem, wo die Straße durch zwei Männer versperrt war.» «In Kahla wurden wir alle zu einer Zeit des Elends, der harten Arbeit, der Not und letztendlich - für viele von uns - des Todes verurteilt.» «'Halt deutsche, Polizei', riefen sie. Sie fragten mich nach meinen Papieren. Ich gab ihnen meinen Ausweis, den sie mir wegnahmen. In einem ärgerlichen Ton erzählte mir einer von ihnen, dass ich meine Hartnäckigkeit jetzt in Deutschland überdenken könne. Es war mir in diesem Moment nicht wirklich bewusst, was geschah. Ich nahm sie nicht ernst, bis mich einer von ihnen vom Fahrrad zog und es an den Straßenrand warf, während der andere meine Hände nahm und mich zum Auto, das etwas weiter weg stand, führte, als ob ich der größte Kriminelle wäre. Die zweite Person folgte uns, seine Pistole zielte auf meinen Rücken.» «Im Auto musste ich zwischen zwei Gestapos sitzen. Auf den ganzen Weg durch die Sant Agatha Berchem quälten sie mich und lachten mich aus. Sie sprachen deutsch mit mir, aber ich antwortete ihnen nicht, und einer von denen, die mich verhaftet hatten, sagte, dass ich ohne Zweifel Englisch besser als Deutsch sprechen würde. Er meinte, dass ich ein Mitglied des Widerstandes sein könne.» «Als erstes kamen wir im Naamsestraat in Brüssel an, ich musste mich einen Tribunal stellen. Sie forderten mich auf meine Taschen zu leeren und alles auf den Tisch zu legen. Eines der Dinge, die ich aus meiner Tasche holte, war ein englischer Text, der in meiner Manteltasche war. Es war eine Notiz meines letzten Schultests, den ich Ende Juni geschrieben hatte. Als sie diesen Text sahen - von dem ich wahrscheinlich kein Wort verstand - nahmen sie an, dass ich ein englischer Spion sei und sie sagten mir, dass ich zur Bestrafung nach Deutschland geschickt werden würde, um dort zu arbeiten.» «Nach der Befragung schickten sie mich zur Polizeikaserne über die Straße de la Couronne in Etterbeek, wo sie mich mit anderen jungen Männern einsperrten. Die Zeit vom 2. bis zum 8. August verbrachte ich in großer Unsicherheit; das Essen, das wir bekamen, war sehr schlecht und wir schliefen auf Stroh in einer Scheune.» «Am Nachmittag des 8. August 1944 mussten wir unter der Aufsicht deutscher Militärs zum Bahnhof nach Etterbeek, wo ein Zug . wartete, der uns zu einen unbekannten Ziel nach Deutschland bringen sollte.» «Am Bahnsteig gab uns das Rote Kreuz jedem ein Essenspaket. In jedem Waggon saßen deutsche Soldaten. Am Anfang und Ende des Zuges waren Maschinengewehre angebracht, um Ausbrüche zu vermeiden. Mehr als einmal wurden junge Männer, die versuchten zu fliehen, erschossen.» «So setzte sich der erste Konvoi in Bewegung und wir kamen in einer kleiner Stadt an, die Kahla genannt wurde.» «Nachdem wir einige Kilometer gelaufen waren, erreichten wir eine große Wiese am Dorf Eichenberg, nahe einem Wald. Die meisten Nächte musste wir draußen schlafen, denn es waren nicht genug Baracken da. Sobald sie fertig waren, wurden wir in Gruppen aufgeteilt, um für verschiedene Firmen zu arbeiten, wo wie verpflichtet waren die größte deutsche unterirdische Waffenfabrik zu bauen. Das war der Beginn einer langen Zeit voller Elend, harter Arbeit, der Not und letztendlich - für viele von uns - des Todes.» Franz De Geyndt «In Kahla wurden wir alle zu einer Zeit des Elends, der harten Arbeit, der Not und letztendlich - für viele von uns - des Todes verurteilt.» In diesem Text erwähnte Frans, dass die schreckliche Zeit in Kahla bekannt ist und schreibt über sie; er geht nicht all zu sehr ins Detail. Während meines Besuches erzählte er mir einige wichtige Dinge, die ich besonders herausstellen möchte. «Ich arbeitete als Zimmermann und als Angestellter eines Fußbodenlegers. Ich hatte nur an zwei verschiedenen Stellen gearbeitet.» «Als wir in verschiedenen Schichten eingeteilt wurden, wurde ich angestellt, um eine Eisenbahnstrecke von Orlamünde zum Berg Walpersberg zu bauen. Erst mussten wir einige Erdarbeiten erledigen und danach mussten Schienen verlegt, Steine und Spitzhacken zerschlagen werden... » «Während der Erdarbeiten mussten wir den Abfall auf 20 Waggons eines kleinen Zuges laden. Immer zwei Mann pro Waggon; ich bildete ein Paar mit einem jungen Mann aus West Vlaanderen. Nach zwei Tagen rann das Blut aus meinen Händen. Wir mussten in mörderischer Geschwindigkeit arbeiten, während deutsche Soldaten uns anschrien: „Loss, Mensch, arbeiten! Schneller, schneller! ! » «Wenn einer der Waggons gefüllt war, alle mussten voll sein, konnte der Zug sie wegfahren.» «Der Junge, mit dem ich arbeitete, schrie mich immer an, dass ich schneller arbeiten solle. Ich antwortete ihm, dass ich das wirklich wollte, aber ich konnte nicht schneller. Ich kam gerade von der Schule und war solche harte Arbeit nicht gewohnt.» «Der Junge bemerkte, dass ich Tabak besaß und versprach ein wenig härter zu arbeiten, wenn ich ihm etwas Tabak geben würde. So gab ich ihm welchen. Nun, dieser Junge hat sich hier zu Tode gearbeitet; er schaffte es bis Dezember.» «Die Arbeit an den Schienen war grauenhaft. Es waren 20 Grad Celsius unter Null und die Schienen froren an unseren Händen fest.» «Vom November bis zur Evakuierung des Lagers arbeitete ich in .den Bunkern. Zusammen mit vielen anderen Männern arbeitete ich an einer großen Betonmaschine; es war Akkordarbeit. Zwölf Stunden am Stück mussten wir Betonsäcke von einem zum anderen weitergeben; all dies lief unter der Aufsicht deutscher Wachmänner ab.» «Das Essen, das wir in Kahla bekamen, war nicht ausreichend: ein Liter Wassersuppe und 200 Gramm Brot am Tag. Die Leute starben wie Fliegen. » «Glücklicher Weise hatte ich eine gut gefüllte Tasche von zu Hause: zwei Boxen, von denen jede 50 Packungen Zigaretten enthielt und einige Packungen Tabak. Ich hatte auch zwei Kilogramm Zucker.» «Der Tabak rettete mein Leben in Kahla. Den größten Teil davon tauschte ich mit deutschen Soldaten gegen Brot. Das wenige Essen extra rettete mein Leben.» Franz De Geyndt «In Kahla wurden wir alle zu einer Zeit des Elends, der harten Arbeit, der Not und letztendlich - für viele von uns - des Todes verurteilt.» «Mit dem Zucker rettete ich einem anderen das Leben. Um Dezember herum hatte ich meinen Zucker kaum angerührt und versuchte ihn solange wie möglich aufzubewahren. Die Lebensumstände in Kahla waren sehr schlecht und ich dachte, dass die Situation, je länger der Krieg dauern würde, nicht besser werden würde.» «Um diese Zeit herum fing ein Kamerad, der in derselben Baracke wie ich schlief, an Blut zu spucken, was ihn zunehmend schwächte. Stück für Stück verabreichte ich ihm die zwei Kilogramm Zucker, die ihm seine Kräfte wiedergaben.» Frans kannte noch jemanden, der im Lager 0 überlebte. «Ich weiß, dass der Junge ins Lager 0 geschickt wurde; ich hörte lange nichts von ihm. Als ich zurück nach Hause kam, kam seine Familie um zu fragen, ob ich wüsste, ob er noch am Leben sei. In diesem Moment traute ich mich nicht zu sagen, wo er hingekommen war; ich sagte ihnen nur, dass er am Leben war, als ich ihn das letzte Mal sah, wir aber den Kontakt verloren hatten. Ich befürchtete, dass der Junge tot war. Einige Wochen nach meiner Rückkehr kam auch er nach Hause. Es gab nicht eine Stelle an seinem Körper, die nicht von Hundebissen verletzt worden war.» Allmählich kündigte sich die Befreiung an. «Zu dieser Zeit, am 7. April 1945, verließ eine Kolonne, zu der ich und mein Freund gehörten, das Lager E.» «Nachdem wir einige Kilometer gelaufen waren, schafften wir es unseren Führern zu entkommen. Wir ließen uns von einem Hügel rollen und taten so, als ob wir tot wären, bis die Kolonne an uns vorbei gezogen war. Während der ganzen Nacht versteckten wir uns im Wald. Am Morgen sahen wir kleine Gruppen von Menschen, die hier entlang gingen.» «Am nächsten Tag und den folgenden Tagen war die Umgebung Ziel schwerer Luftangriffe. Alliierte Flugzeuge schossen auf alles, was sich bewegte. Wir waren zu Tode erschrocken und baten um Schutz in einem nahegelegenen Bauernhof Sie hielten uns für Kriminelle und verboten uns eines der Häuser auf dem Gelände zu betreten. Nach Betteln und Drängen durften wir außerhalb des Hofes in einem offenen Gebäude bleiben, jedoch auf eigene Gefahr hin. Sie hofften, dass die Polizei uns bald verhaften würde.» «Wir blieben dort in größter Unsicherheit und in mitten der Grausamkeiten des Krieges für vier Tage und Nächte. Die Frau des Bauern oder seine Tochter versorgten uns im Geheimen mit Rüben, damit wir nicht an Unterernährung sterben würden.» «Am 14. April 1945 tauchten die ersten amerikanischen Panzer auf der Straße auf. Das bedeutete das Ende unseres Elends.» Franz De Geyndt «In Kahla wurden wir alle zu einer Zeit des Elends, der harten Arbeit, der Not und letztendlich - für viele von uns - des Todes verurteilt.» «Als wir unsere Befreier sahen, waren. wir überwältigt von Hoffnung und Freude. Wir verließen unser Versteck und rannten zu den amerikanischen Soldaten und erzählten ihnen was mit uns geschehen war.» «Sie gaben uns Brot und andere schmackhafte Sachen, aber sie hatten keine Zeit mehr, um auf uns aufzupassen.» «Unser Interesse bestand darin so schnell wie möglich nach Hause zurück zukehren. Aber wie sollten wir das machen? Wir begannen zu laufen.» «Nach drei Tagen erreichten wir eine Stadt, die Weimar genannt wurde, und 30 Kilometer weit weg von Kahla war.» «Von da aus fuhren uns Armeefahrzeuge zur SS-Kaserne nach Erfurt. Alle Belgier, die in den letzten Tagen herumgeirrt waren, wurden hier versammelt und erwarteten ihre Rückkehr in ihr Heimatland. Stück für Stück kamen Armeefahrzeuge, um die früheren Gefangenen einzu- sammeln.» «Nach drei Wochen waren wir an der Reihe. Ein Armeeflugzeug brachte uns nach Vervies, wo wir entlaust wurden. Von dort aus wurden wir zu einem Zug nach Nordbrüssel gefahren, wo ich am 12. Mai 1945 ankam.» Franz De Geyndt «Wenn man von- seiner Essensration überleben musste, war man im Voraus tot.» Karel Hermans Am Donnerstag, dem 3. August 2000 kam ich ungefähr 13.30 Uhr bei den Hermans 's an. Charles und Anna nahmen mich sehr nett auf Beide litten furchtbar unter Charles ` Inhaftierung in Kahla: Anna musste ihren Ehemann neun Monate entbehren. «In der Nacht vom 4. zum 5. August 1944 wurde ich von zwei belgischen SS-Leuten gefangen genommen. Bis dahin hatte ich mich seit September 1942 versteckt, da ich einberufen worden war, Zwangsarbeit in Deutschland zu verrichten. Ich kam dem nicht nach. Zwischen September 1942 und August 1944 hatte ich bei meinen Eltern gearbeitet und schlief bei meinem Bruder.» «In dieser speziellen Nacht schlief ich im Haus der Eltern meiner Frau.» Charles und Anna waren in jenen Tagen schon verheiratet. In der Nacht vom 4. zum 5. August schlief Charles im Haus der Eltern seiner Frau. Er dachte, er wäre dort sicher. Aber die Deutschen hatten den ganzen Block umstellt und rissen die Seitenfenster auf. Die Tür wurde geöffnet. Charles gelang es noch in die Scheune zu fliehen und sich hinter Stroh zu verstecken. Am Tag zuvor hatten sie Heu geholt und der Fußboden war mit Stroh bedeckt. Sein Schwiegervater machte viel Lärm, um die Deutschen aus der Scheune zu locken, aber es hatte keinen Zweck Sie fanden Charles unter dem Stroh liegend und inhaftierten ihn. «Ich wurde auf dem Fahrrad zu einem Lkw gebracht, der an der Bahnstation in Vlimmeren wartete.» «Sie brachten mich und einige andere nach Turnhout und schlossen uns in einer Amtsstube, im Gerichtshaus, ein.» «Nach einigen Tagen in Turnhout wurden wir mit der Bahn zur Vandiepenbeekstraat in Antwerpen gebracht. Wir waren vier Gefangene und paarweise mit Ketten gefesselt. Durch die Resistance waren wir informiert, dass der Schaffner den Zug an einer Stelle langsamer fahren lassen würde, so dass wir abspringen und fliehen könnten. Aber es kam nicht so weit. Und ich weiß auch nicht, wie wir hätten wegrennen sollen: wir waren mit Ketten gefesselt.» Anna erinnert sich an die Bahnfahrt als ob sie gestern gewesen wäre. Sie war informiert worden, dass ihr Mann mit dem Zug nach Antwerpen gebracht würde und auch sie war im Zug. «Ich blieb in Antwerpen bis zum 11. August. Anna besuchte mich dort und brachte einen Koffer mit Brot, Tabak und Sachen.» «Von Antwerpen brachte uns ein Zug nach Etterbeek. Beim Manövrieren im Schaerbeek verunglückte der Zug. Drei Waggons wurden beschädigt und einige Leute verletzt. Sie kuppelten den kaputten Waggon ab, danach setzten wir unsere Fahrt fort.» «Während der ganzen Fahrt nach Kahla bekamen wir nichts zu essen. Wir hatten nur das Brot, das wir von zu Hause mitgenommen hatten.» «Von der Bahnstation in Kahla mussten wir zu Fuß zum Lager gehen und hatten unsere Koffer zutragen.» Als Charles ankam, war das Lager E noch im Bau. Die Küche, die Baracken des Lagerführers und einige der Baracken waren schonfertig. Der Rest musste noch gebaut werden. «Bei unserer Ankunft bekamen wir zum ersten Mal Essen. Aber keiner der Neuankömmlinge aß dies. Unserer Meinung nach taugte es nicht einmal als Schweinefraß. Wir gaben es den, die schon länger im Lager waren. Sie stürzten sich wie die Löwen darauf und plötzlich wurde uns einiges klar.» «Am Anfang bekamen wir Lebensmittelkarten für zwei Wochen. Die Deutschen entwerteten sie sehr schnell, weil keinem danach war zur Arbeit zu gehen. Wir bekamen Suppe und ein Stück Brot. Zu Beginn war es ein gutes Stück Brot, aber je länger der Krieg dauerte, um so weniger bekamen wir. Schließlich blieben uns nur lausige 150 Gramm Brot.» Charles arbeitete an verschiedenen Orten. «Bis Weihnachten half ich bei dem Bau des russischen Lagers. Ich musste die Schienen abbauen, wenn ein Tunnel gegraben wurde. Wir waren dort unter der Aufsicht eines sehr brutalen Postens. Einmal schlug er mich mit seinem Knüppel. Er meinte, dass wir zu langsam arbeiten und sah dies als Sabotage an.» Die Zwangsarbeiter mussten die so genannten Berliner (kleine Karren) füllen, die die Tunnel mit Gestein hoch und runter fuhren,... Wenn ein Tunnel gegraben worden war, wurden die Schienen abgebaut und an einem anderen, zu bauenden Tunnel, wieder angebracht. Karel Hermans «Wenn man von seiner Essensration überleben musste, war man im Voraus tot.» «Danach war ich für kurze Zeit woanders eingesetzt: auf der anderen Seite des Berges. Ich musste Beton, Sand und Kies für den Bau hochziehen. Sobald die Arbeit beendet war schickten sie uns zurück zu den Schienen, zurück zu jenem unmenschlichen Aufseher. Wir wollten durchaus nicht dorthin zurück. Wir behaupteten, wir fänden diesen Aufseher nicht mehr und so kam ich zum Tunnelgraben.» Vom Wachposten hing viel ab. Manchmal hatte man einen menschlichen Aufseher, aber meistens schrien und fluchten sie wie die Hölle. «Die Arbeit war sehr schwer. Ich sagte einem deutschen Posten, dass ich die Arbeit nicht bewältigen könne, da das Essen nicht ausreichend sei. Er behauptete ich bekäme sogar soviel wie er, aber nach einer Weile kam er zu einer anderen Meinung. Letztendlich verstand er anscheinend und ich musste keine Tunnel mehr graben. Wir mussten die kleinen Karren füllen, die anschließend mit einer kleinen Maschine aus dem Tunnel gezogen wurden.» «Wir arbeiteten sieben Tage die Woche, Tag- oder Nachtschicht, der Walpersberg war beleuchtet. Wenn sich Flugzeuge näherten, wurden die Lichter gedämpft und nur die Tunnel selbst noch beleuchtet.» Das Essen war vollkommen mangelhaft. «Als der Krieg immer länger andauerte, wurden die Essensrationen auch immer weniger. Hätte man von dem, was man bekam überleben müssen, wäre man im Voraus schon ein toter Mann gewesen. Stück für Stück nahmen auch die Vorräte, von zu Hause, ab. Ich hatte nur noch einige trockene weiße Bohnen übrig, welche wir auf dem kleinen Feuer, das wir in der Baracke hatten, zubereiteten.» Obwohl in der Baracke eine kleine Feuerstelle war, bedeutete dies nicht, dass auch etwas zum Feuermach da war. Jeder versuchte einige Stückchen Holz zu sammeln. In der Zeit als Charles im russischen Lager arbeitete, gab es noch nicht einmal mehr genug Holz um die anderen drei Baracken zu bauen. Es muss in vielen Feuerstellen verschwunden sein und viele frierende Seelen in der kalten rauhen Winterzeit gewärmt haben. «Mit den Bauern tauschten wir Tabak und Schuhcreme gegen Lebensmittel. Immer wenn wir zur Arbeit gingen, versuchten wir die Kolonne zu verlassen. Die meisten dieser Gruppen waren unzureichend bewacht. Dann gingen wir bei den Bauern handeln oder betteln. Wenn man auf einen Feldgendarm gestoßen ist, konnte man ernste Probleme bekommen. Mit der Ausrede, dass man in der Nachtschicht arbeitet, konnte man sich nicht heraus reden. In den meisten Fällen wurde man zum Lager zurück geschickt. Sobald die Aufseher verschwunden waren, begannen wir zu rennen.» «Nach Weihnachten starben viele unserer Kameraden. Die Lebensmittel und Zigaretten, die wir von zu Hause hatten, waren aufgebraucht und so hatten die meisten von uns nichts mehr zum Handeln. Die Leichen wurden eingesammelt und mit einem Lkw weggebracht. Wir hörten nie mehr von ihnen.» Karel Hermans «Wenn man von seiner Essensration überleben musste, war man im Voraus tot.» «Die Räume einer Baracke waren jeweils mit zwölf Etagenbetten ausgestattet auf denen ein Strohsack lag. Das Stroh wurde niemals erneuert.» «Einmal wurden wir auch entlaust. Wir mussten zu einer Baracke vor dem russischen Lager gehen, wo wir uns waschen konnten, danach wurden wir mit Kreolin behandelt. Nur für etwa einen Tag waren wir frei von Läusen. Es half nicht länger, da das ganze Lager voll von Ungeziefer war.» «Die Toiletten waren in einer separaten Baracke und bestanden aus Löchern im Fußboden, aber die Exkremente waren überall im Lager. Wenn man Nachtschicht hatte, hatte man Glück, denn am Tag mussten wir die Exkremente beseitigen. Wenn man keine Werkzeuge dafür fand, musste man die bloßen Hände benutzen.» «Zu Beginn wuschen wir unsere Hände im Bach, weil es fließend Wasser war. Später wurde das Lager mit kleinen Wasserhähnen ausgestattet. Auch ließen wir unsere Wäsche gegen Bezahlung von Leuten aus Orlamünde erledigen. Jemand schmuggelte sich mit unserer Wäsche und etwas Seife von daheim aus dem Lager, um sie dort waschen zu lassen.» Allmählich näherte sich das Ende des Krieges. «Am Abend des 12. April mussten alle das Lager verlassen. Einige andere und ich blieben in der Baracke. Mitternacht wurden wir während eines Angriffs entdeckt. Wir konnten wählen: entweder weggehen oder eine Kugel zwischen die Augen.» «So verließen wir das Lager und verbrachten zwei Nächte im Wald. Deutsche Soldaten, die zurückwichen, gaben uns etwas Brot.» «Am Morgen sahen wir die ersten amerikanischen Truppen kommen. Wir rannten in ihre Richtung, aber sie schickten uns zurück ins Lager E, wo wir einen weiteren Tag blieben. Letztendlich kamen sie und holten uns mit ihren Lastern.» «Wir wurden zu einer Art Zentrum gebracht, wo sie jeden hinbrachten. Ich erinnere mich nicht, wo es war. Sie entlausten uns dort und gaben uns Essen. Das Essen machte mich krank: nach neun Monaten, praktisch ohne Nahrung und fast verhungert, ist die erste richtige Mahlzeit die man bekommt zu fett und zu reichhaltig.» «Diejenigen, die in einem Straflager gewesen sind, konnten das Zentrum zuerst verlassen. Sie brachten uns nach Koblenz, wo eine provisorische Brücke über den Rhein errichtet wurde. Koblenz verließen wir mit dem Zug nach Namen, wo sie das belgische Geld einstampften, was wir noch hatten, weil verschiedene Scheine nicht länger gültig waren.» Karel H «Wenn man von seiner Essensration überleben musste, war man im Voraus tot.» «Von Namen nahmen wir den Zug nach Brüsselsüd. Da die Verbindung Süd-Nord in jenen Tagen noch nicht existierte, mussten wir eine Straßenbahn nehmen oder in Richtung Brüssel Nordbahnhof zu Fuß gehen» «Da die Straßenbahn schon bis unters Dach überfüllt war, beschlossen einige meiner Kumpels und ich zu Fuß zu gehen. Wir liefen einen großen Boulevard entlang, als uns eine Dame in ihr Haus rief. Wir kamen in das Haus eines Rechtsanwalts. In unseren schmutzigen Sachen mussten wir hineinkommen und zum Mittag bleiben. Der Rechtsanwalt rief den Bahnhof an und fragte, wann der nächste Zug abführe und er brachte uns mit seinem Auto zum Bahnhof. Über Antwerpen fuhr ich nach Vlimmeren; viele Leute erwarteten mich dort.» Anna war schnell darüber informiert worden, dass Charles zurück war, weil man ihn irgendwo gesehen hatte. Aber immer wiederfalscher Alarm. Bis zum 22. April 1945. Auf den ersten Blick schien er für Anna in ordentlicher Verfassung zu sein. Aber er trug eine dicke Wollmütze und einen dicken Mantel. Erst als er sich seiner Sachen entledigte, sah sie, wie furchtbar dünn er war. Charles war 1, 83 m groß, wog aber nur 60 Kilo. «In Kahla hatte ich Glück, dass ich nicht ernsthaft krank wurde, weil das mein Tod hätte bedeuten können. Zu Hause wurde ich vom Essen krank; ich hatte einen ernsthaften Magen- Darm-Katarrh.» «14 Tage nach meiner Rückkehr nach Hause sagte mir mein Arzt, dass sich was ändern müsse, ansonsten würde ich sterben. Ich war ein Wrack und sehr schwach. » Wie viele andere denkt Charles noch an die furchtbare Zeit in Kahla. Er kann sie niemals vergessen. Seit 1986 nehmen er und seine Frau an der jährlichen Gedächtnisfahrt nach Kahla teil.

Quellen und Nachweise

  1. zeitzeugen_komplett_ocr.pdf