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Zeitzeugnis

V. S. Sinyak – Walpersberg

Als ich in Orlamünde im Lazarett war, habe ich einmal die Tür aufgemacht und da ging ein Polizist mit Hund. Er forderte mich auf eine Schüssel zu bringen und gab mir die Schüssel voller Suppe – die war so gut, dass ich sie nicht vergessen kann. Was die Sterblichkeit angeht, so weiß ich von zwei toten Leuten aber sonst nichts Genaueres. Ich habe in Kahla zwei Tage gearbeitet, aber wann das war weiß ich nicht. Wir waren 30 bis 40 Leute und haben Erdlöcher gegraben um Tote zu beerdigen. Diese wurden einfach hineingeworfen (Massengräber). Sie waren schon ganz grün und verfault und die Läuse waren so groß, dass mir schlecht wurde und ich bin umgefallen. Der Meister schrie und jagte mich weg und ich wurde nicht mehr in Kahla eingesetzt. In den letzten Kriegstagen wurde unser Lager unter Waffen evakuiert. Wir sollten zu Fuß gehen unter der Drohung, erschossen zu werden – die Leute sind weggelaufen und haben sich gerettet wie sie konnten. Wir waren auf amerikanischem Gebiet, und die Amerikaner haben uns an die sowjetische Regierung geschickt nach Wolkenhain, wo wir 2 Woche in Quarantäne waren. Ich war in sehr schlechter physischer Verfassung. Ob jemand vom Lagerpersonal verhaftet wurde weiß ich nicht mehr. Im Oktober 1945 kehrte ich in die Heimat zurück. Zuhause in meiner Siedlung herrschte Hunger. Ich arbeitete später in der MTS (Traktorenstation). Zu Hause war meine Mutter und meine zehnjährige Schwester. Ich stelle mir vor wie das Werk heute aussieht… • Sinâk, V. S., Fragebogen vermittelt von der Belorusskij Respublikanskij Fond „Vzaimoponimanie i Primirenie“ [Belarussischen republikanischen Stiftung "Verständigung und Aussöhnung"]. В. С. Синяк – Ssinjak Sinâk, V.S. Ich bin geboren im Dorf Šanovka am 29.01.1927. Meine Eltern haben 7 Kinder, ich selber 6, meine Frau ist Invalidin der 2. Klasse. Während der Blockade (gemeint ist vermutlich eine Kesseloperation während eines deutschen Partisanenjagd-Unternehmens, M.B.) wurde ich am 3. Juni 1944 im Wald gefangen genommen und nach Deutschland deportiert. Ich war zwei Wochen in einem Quarantänelager, dann kam ich nach Kahla – Freienorla. Ich arbeitete beim Bau der Eisenbahn, Tunnelbauten. Ich wurde mit dem Zug nach Kahla transportiert und gleich zur Arbeit eingesetzt. Ich war die ganze Zeit in Freienorla, wurde aber für verschiedene Arbeiten eingesetzt. Die Bedingungen waren sehr schwer, ich war damals gerade 17 Jahre alt. In der Baracke war es warm, es gab einen großen Heizkessel. Wir hatten auch warme Decken und schliefen in zweistöckigen Betten. An Kleidung mussten wir unsere eigene verwenden, es wurde keine ausgeteilt. Als meine Hosen kaputt gingen, habe ich einem alten Deutschen beim Holzstapeln geholfen und dafür eine Hose bekommen. Am Ende wurden auch Schuhe ausgeteilt. Das Essen war schlecht und wir waren ständig hungrig. Es gab Suppe und 1 Kilo Brot für 4 Personen. Unsere Arbeit begann Frühs mit dem Hellwerden und ging bis Abends. Einmal im Monat gab es einen freien Tag. Der Weg zur Arbeit wechselte, je nach dem wo wir arbeiteten. Mal waren es drei Kilometer bis zur Arbeit, mal mehr, mal wurden wir auch irgendwohin transportiert. Es gab keine Apelle, aber es gab Deutsche, die aufpassten. Wir standen ständig (bei der Arbeit) unter Kontrolle, und man achtete, dass wir gut arbeiteten. Einmal, als der Fels gebrochen wurde und die Reste in Loren verladen wurden hatte ich möglicherweise weniger Steine als die anderen – dafür wurde ich verprügelt. Monatlich erhielt ich 70 bis 80 Mark, aber wegen des Kartensystems gab es kaum etwas zu kaufen – im Gasthof Bier und im Herbst das Gemüse und Obst aus den Gärten, dass die Polen hatten, die bei Deutschen gearbeitet haben. In der Landwirtschaft wurde ich selber nicht eingesetzt. Mit der Heimat hatten wir keinen Kontakt, auch nicht mit anderen Lagern. Im Lager waren alle Gefangene gleich. Bei uns im Lager waren nur Weißrussen, und es waren ausschließlich Männer und Jugendliche. Wachen waren Deutsche. Die Strafen, etwa für Diebstahl beim Essen, waren Schläge. Von Denunzianten weiß ich nichts. Von Unterschlagungen ist mir nichts bekannt – das Essen war ohnehin schon wenig genug. Wir haben selbstgefertigte Wagen gemacht aus einem Stock an einem Faden, damit alle das gleiche bekamen. Für Diebstahl wurde man von den Wachen mit der Peitsche verprügelt. Das war eine sehr brutale Strafe, denn man schlug die Leute bis zur Bewusstlosigkeit. Für die Anzahl der Schläge sollte man auch noch bezahlen – 1 Schlag 1 RM. Die hauptsächlich verwendete Strafe war die Peitsche. Die deutschen Arbeiter und die Verwaltung verhielten sich relativ normal. Die älteren deutschen Frauen in der Zivilbevölkerung gaben uns manchmal Essen, wenn wir sie baten, aber sie hatten Angst, selber bestraft zu werden. Frauen, besonders jene die Männer oder Söhne an der Front oder in Gefangenschaft hatten, haben uns geholfen – vielleicht hofften sie, dass ihren Verwandten dasselbe geschieht. Manchmal arbeitete man für das Essen, aber offen hat keiner Hilfe gezeigt, sie waren alle vorsichtig. An Bestrafungen nahm die Zivilbevölkerung nicht teil. An Deutsche die uns besonders halfen erinnere ich mich nicht, alle behandelten uns gleich. Keiner von uns versuchte zu fliehen – wir wussten nicht wohin, oder wo man sich hätte verstecken können. Wenn jemand krank war, dann kam er in ein anderes Lager – ich weiß nicht mehr welches. Keiner kam zurück. Ein Krankenrevier oder dergleichen gab es im Lager nicht. Viele Menschen starben im Lager, und eine gewisse Zeit habe ich auch selber die Leute aus meinem Lager begraben. Wir kamen nicht zurecht, weil so viele starben, am meisten aber die Italiener. Einmal wollten wir einen Landsmann in einem Sarg begraben, aber wir erhielten keine Erlaubnis und so gab es nur Gemeinschaftsgräber – 30 Menschen in einer Reihe. In den letzten Tagen des Krieges wurden wir alle abends irgendwohin gejagt, doch ich konnte unterwegs fliehen und versteckte mich im Wald. Dort blieb ich fünf Tage, dann wollten wir zurück zum Lager. Unterwegs trafen wir auf Amerikaner, die uns sagten, wir seien frei, und uns Essen gaben. Ich kam dann für einen oder zwei Monate ins Lager zurück. Ob nach der Befreiung Leute verhaftet wurden, weiß ich nicht, da ich zu der Zeit nicht im Lager war. Ich wurde am 14. April 1945 befreit, arbeitete dann in (Grachenberg, Drakenberg) o.ä. in einer Zuckerfabrik vom Juli bis Oktober 1945. Ich war auch bei der Ernte im Einsatz. Dann kehrte ich nach Weißrussland zurück, aber nicht gleich nach Hause, sondern erst in die Bergwerke am Donbass, wo ich fast ein Jahr war. Ende 1946, kurz vor Neujahr, kam ich dann nach Hause.

Forschungsstand dokumentiert

Forschungsdatensatz

Dokumentierte Angaben

Person
V. S. Sinyak
Rolle
Zwangsarbeiter
Ort
Walpersberg
Zeitraum
1944

Überlieferung und Kontext

Als ich in Orlamünde im Lazarett war, habe ich einmal die Tür aufgemacht und da ging ein Polizist mit Hund. Er forderte mich auf eine Schüssel zu bringen und gab mir die Schüssel voller Suppe – die war so gut, dass ich sie nicht vergessen kann. Was die Sterblichkeit angeht, so weiß ich von zwei toten Leuten aber sonst nichts Genaueres. Ich habe in Kahla zwei Tage gearbeitet, aber wann das war weiß ich nicht. Wir waren 30 bis 40 Leute und haben Erdlöcher gegraben um Tote zu beerdigen. Diese wurden einfach hineingeworfen (Massengräber). Sie waren schon ganz grün und verfault und die Läuse waren so groß, dass mir schlecht wurde und ich bin umgefallen. Der Meister schrie und jagte mich weg und ich wurde nicht mehr in Kahla eingesetzt. In den letzten Kriegstagen wurde unser Lager unter Waffen evakuiert. Wir sollten zu Fuß gehen unter der Drohung, erschossen zu werden – die Leute sind weggelaufen und haben sich gerettet wie sie konnten. Wir waren auf amerikanischem Gebiet, und die Amerikaner haben uns an die sowjetische Regierung geschickt nach Wolkenhain, wo wir 2 Woche in Quarantäne waren. Ich war in sehr schlechter physischer Verfassung. Ob jemand vom Lagerpersonal verhaftet wurde weiß ich nicht mehr. Im Oktober 1945 kehrte ich in die Heimat zurück. Zuhause in meiner Siedlung herrschte Hunger. Ich arbeitete später in der MTS (Traktorenstation). Zu Hause war meine Mutter und meine zehnjährige Schwester. Ich stelle mir vor wie das Werk heute aussieht… • Sinâk, V. S., Fragebogen vermittelt von der Belorusskij Respublikanskij Fond „Vzaimoponimanie i Primirenie“ [Belarussischen republikanischen Stiftung "Verständigung und Aussöhnung"]. В. С. Синяк – Ssinjak Sinâk, V.S. Ich bin geboren im Dorf Šanovka am 29.01.1927. Meine Eltern haben 7 Kinder, ich selber 6, meine Frau ist Invalidin der 2. Klasse. Während der Blockade (gemeint ist vermutlich eine Kesseloperation während eines deutschen Partisanenjagd-Unternehmens, M.B.) wurde ich am 3. Juni 1944 im Wald gefangen genommen und nach Deutschland deportiert. Ich war zwei Wochen in einem Quarantänelager, dann kam ich nach Kahla – Freienorla. Ich arbeitete beim Bau der Eisenbahn, Tunnelbauten. Ich wurde mit dem Zug nach Kahla transportiert und gleich zur Arbeit eingesetzt. Ich war die ganze Zeit in Freienorla, wurde aber für verschiedene Arbeiten eingesetzt. Die Bedingungen waren sehr schwer, ich war damals gerade 17 Jahre alt. In der Baracke war es warm, es gab einen großen Heizkessel. Wir hatten auch warme Decken und schliefen in zweistöckigen Betten. An Kleidung mussten wir unsere eigene verwenden, es wurde keine ausgeteilt. Als meine Hosen kaputt gingen, habe ich einem alten Deutschen beim Holzstapeln geholfen und dafür eine Hose bekommen. Am Ende wurden auch Schuhe ausgeteilt. Das Essen war schlecht und wir waren ständig hungrig. Es gab Suppe und 1 Kilo Brot für 4 Personen. Unsere Arbeit begann Frühs mit dem Hellwerden und ging bis Abends. Einmal im Monat gab es einen freien Tag. Der Weg zur Arbeit wechselte, je nach dem wo wir arbeiteten. Mal waren es drei Kilometer bis zur Arbeit, mal mehr, mal wurden wir auch irgendwohin transportiert. Es gab keine Apelle, aber es gab Deutsche, die aufpassten. Wir standen ständig (bei der Arbeit) unter Kontrolle, und man achtete, dass wir gut arbeiteten. Einmal, als der Fels gebrochen wurde und die Reste in Loren verladen wurden hatte ich möglicherweise weniger Steine als die anderen – dafür wurde ich verprügelt. Monatlich erhielt ich 70 bis 80 Mark, aber wegen des Kartensystems gab es kaum etwas zu kaufen – im Gasthof Bier und im Herbst das Gemüse und Obst aus den Gärten, dass die Polen hatten, die bei Deutschen gearbeitet haben. In der Landwirtschaft wurde ich selber nicht eingesetzt. Mit der Heimat hatten wir keinen Kontakt, auch nicht mit anderen Lagern. Im Lager waren alle Gefangene gleich. Bei uns im Lager waren nur Weißrussen, und es waren ausschließlich Männer und Jugendliche. Wachen waren Deutsche. Die Strafen, etwa für Diebstahl beim Essen, waren Schläge. Von Denunzianten weiß ich nichts. Von Unterschlagungen ist mir nichts bekannt – das Essen war ohnehin schon wenig genug. Wir haben selbstgefertigte Wagen gemacht aus einem Stock an einem Faden, damit alle das gleiche bekamen. Für Diebstahl wurde man von den Wachen mit der Peitsche verprügelt. Das war eine sehr brutale Strafe, denn man schlug die Leute bis zur Bewusstlosigkeit. Für die Anzahl der Schläge sollte man auch noch bezahlen – 1 Schlag 1 RM. Die hauptsächlich verwendete Strafe war die Peitsche. Die deutschen Arbeiter und die Verwaltung verhielten sich relativ normal. Die älteren deutschen Frauen in der Zivilbevölkerung gaben uns manchmal Essen, wenn wir sie baten, aber sie hatten Angst, selber bestraft zu werden. Frauen, besonders jene die Männer oder Söhne an der Front oder in Gefangenschaft hatten, haben uns geholfen – vielleicht hofften sie, dass ihren Verwandten dasselbe geschieht. Manchmal arbeitete man für das Essen, aber offen hat keiner Hilfe gezeigt, sie waren alle vorsichtig. An Bestrafungen nahm die Zivilbevölkerung nicht teil. An Deutsche die uns besonders halfen erinnere ich mich nicht, alle behandelten uns gleich. Keiner von uns versuchte zu fliehen – wir wussten nicht wohin, oder wo man sich hätte verstecken können. Wenn jemand krank war, dann kam er in ein anderes Lager – ich weiß nicht mehr welches. Keiner kam zurück. Ein Krankenrevier oder dergleichen gab es im Lager nicht. Viele Menschen starben im Lager, und eine gewisse Zeit habe ich auch selber die Leute aus meinem Lager begraben. Wir kamen nicht zurecht, weil so viele starben, am meisten aber die Italiener. Einmal wollten wir einen Landsmann in einem Sarg begraben, aber wir erhielten keine Erlaubnis und so gab es nur Gemeinschaftsgräber – 30 Menschen in einer Reihe. In den letzten Tagen des Krieges wurden wir alle abends irgendwohin gejagt, doch ich konnte unterwegs fliehen und versteckte mich im Wald. Dort blieb ich fünf Tage, dann wollten wir zurück zum Lager. Unterwegs trafen wir auf Amerikaner, die uns sagten, wir seien frei, und uns Essen gaben. Ich kam dann für einen oder zwei Monate ins Lager zurück. Ob nach der Befreiung Leute verhaftet wurden, weiß ich nicht, da ich zu der Zeit nicht im Lager war. Ich wurde am 14. April 1945 befreit, arbeitete dann in (Grachenberg, Drakenberg) o.ä. in einer Zuckerfabrik vom Juli bis Oktober 1945. Ich war auch bei der Ernte im Einsatz. Dann kehrte ich nach Weißrussland zurück, aber nicht gleich nach Hause, sondern erst in die Bergwerke am Donbass, wo ich fast ein Jahr war. Ende 1946, kurz vor Neujahr, kam ich dann nach Hause.

Namen und Schlagwörter

  • Krankheit
  • Kälte

Quellen und Nachweise

  1. zeitzeugen_komplett_ocr.pdf