Zeitzeugnis
Herbert Römer – Walpersberg / Startbahn
Vater und meine Kusine durch einen Bombenangriff am 3. November getötet und meine Tante aus dem verschütteten Keller lebend geborgen worden war. Sie starb ein Jahr später. In Thüringen Nun war an eine Rückkehr in den lebensgefährlichen Westen nicht mehr zu denken. Meine Großeltern und die Restfamilie blieben in Vacha. Das Leben war wieder friedlich. Die beschauliche kleine Stadt mit ihrem wunderschönen Rathaus und die sanften Kuppen des Rhöngebirges ringsum waren an sich schon eine willkommene Abwechslung für Großstadtkinder. (Dass man als Fremdling einige Prügeleien zumindest mit einer ehrenvollen Niederlage bestehen musste, um akzeptiert zu werden, gehört zu unserem steinzeitlichen Erbe). Mein Bruder und ich gingen zur dortigen Oberschule. Diese war im Unterschied zu unserem Gymnasium in Düsseldorf stärker ideologisiert und ritualisiert. Im Treppenhaus hing eine dreiteilige Tafel. Im oberen Teil stand die (Wochen-) „Parole“, im mittleren das „Wochenlied“ aus dem einschlägigen Liedgut, im unteren der „Kernspruch“, der monatlich wechselte. Der Klassensprecher hatte zu Beginn des Unterrichts die Anwesenheit bzw. Abwesenheit militärisch kurz dem Lehrer zu melden und anschließend nacheinander Parole, Wochenlied und Kernspruch sprechen bzw. singen zu lassen. Meine Familie hatte von dem grausamen Kriegsspiel die Nase gestrichen voll. Wir Söhne meldeten uns nicht zum Jungvolk, engagierten uns aber in der Kirche (katholische Diaspora). Ich war bald in meine Klasse integriert, war guter Schüler und wurde sogar zum Klassensprecher gewählt. Nach etwa einem Jahr, im Frühjahr 1944, rief mich der stellvertretende Schulleiter (der Direktor war an der Front) aus der Klasse und brüllte mich an: „Ich habe gehört, du gehst nicht zum Dienst (Jungvolk), du bist ein asoziales Element!“ Er ließ den zuständigen Fähnleinführer rufen und befahl ihm: „Steck den Kerl in deine Truppe!“ Meine Mutter beschwerte sich bei dem Schulleiter, wies ihn auf unsere Opfer im Kriege hin und drohte an, sie werde sich höheren Orts beschweren. Dem tapferen Schulleiter wurde die Sache mulmig. Er entschuldigte sich servil und kleinlaut bei mir, was aber meine Situation nicht veränderte. Ich wurde im Mai 1944, nunmehr 14 Jahre alt, in die Motor-HJ übernommen. (Bei Weigerung drohte Straf-HJ!). Das Schulgebäude wurde Lazarett, der Schulunterricht fand in der alten Volksschule, die um zwei Baracken auf dem Schulhof erweitert worden war, statt, im Schichtbetrieb mit der Volksschule. Die Rituale blieben erhalten, degenerierten aber, z.B. durch Falschsingen, wohl weniger aus ideologischen Gründen als vielmehr, um den Lehrer zu ärgern und den Beginn des Unterrichts hinauszuzögern. Kriegswichtige Einsätze. Briefträger. In den Sommerferien 1944 wurde ich zur Reichspost als Landbriefträger abkommandiert. Zwei Schüler übernahmen je die halbe Tour eines Landbriefträgers, sonst aber mit allen Rechten und Pflichten eines Postbediensteten: Außer Briefen und Päckchen auch Einschreibebriefe und sogar Zustellung von Bargeld („Geldbriefträger“). Entlohnung gab es nicht. Diese Aufgabe war interessant, verantwortungsvoll und sogar schön, z.B. wenn früh am Morgen die Störche in den Werraauen mit Futter für ihre Jungen auf den alten Wehrtürmen starteten. Verladearbeiter 2
Forschungsdatensatz
Dokumentierte Angaben
- Person
- Herbert Römer
- Rolle
- Angestellter
- Ort
- Walpersberg / Startbahn
- Zeitraum
- Februar 1945
Überlieferung und Kontext
Namen und Schlagwörter
Quellen und Nachweise
- zeitzeugen_komplett_ocr.pdf