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Zeitzeugnis

Z. P. Gulyaev – Kahla

hauptsächlich verwendete Strafe war die Peitsche. Die deutschen Arbeiter und die Verwaltung verhielten sich relativ normal. Die älteren deutschen Frauen in der Zivilbevölkerung gaben uns manchmal Essen, wenn wir sie baten, aber sie hatten Angst, selber bestraft zu werden. Frauen, besonders jene die Männer oder Söhne an der Front oder in Gefangenschaft hatten, haben uns geholfen – vielleicht hofften sie, dass ihren Verwandten dasselbe geschieht. Manchmal arbeitete man für das Essen, aber offen hat keiner Hilfe gezeigt, sie waren alle vorsichtig. An Bestrafungen nahm die Zivilbevölkerung nicht teil. An Deutsche die uns besonders halfen erinnere ich mich nicht, alle behandelten uns gleich. Keiner von uns versuchte zu fliehen – wir wussten nicht wohin, oder wo man sich hätte verstecken können. Wenn jemand krank war, dann kam er in ein anderes Lager – ich weiß nicht mehr welches. Keiner kam zurück. Ein Krankenrevier oder dergleichen gab es im Lager nicht. Viele Menschen starben im Lager, und eine gewisse Zeit habe ich auch selber die Leute aus meinem Lager begraben. Wir kamen nicht zurecht, weil so viele starben, am meisten aber die Italiener. Einmal wollten wir einen Landsmann in einem Sarg begraben, aber wir erhielten keine Erlaubnis und so gab es nur Gemeinschaftsgräber – 30 Menschen in einer Reihe. In den letzten Tagen des Krieges wurden wir alle abends irgendwohin gejagt, doch ich konnte unterwegs fliehen und versteckte mich im Wald. Dort blieb ich fünf Tage, dann wollten wir zurück zum Lager. Unterwegs trafen wir auf Amerikaner, die uns sagten, wir seien frei, und uns Essen gaben. Ich kam dann für einen oder zwei Monate ins Lager zurück. Ob nach der Befreiung Leute verhaftet wurden, weiß ich nicht, da ich zu der Zeit nicht im Lager war. Ich wurde am 14. April 1945 befreit, arbeitete dann in (Grachenberg, Drakenberg) o.ä. in einer Zuckerfabrik vom Juli bis Oktober 1945. Ich war auch bei der Ernte im Einsatz. Dann kehrte ich nach Weißrussland zurück, aber nicht gleich nach Hause, sondern erst in die Bergwerke am Donbass, wo ich fast ein Jahr war. Ende 1946, kurz vor Neujahr, kam ich dann nach Hause. • Gulâevoj, Z. P., Fragebogen vermittelt von der Belorusskij Respublikanskij Fond „Vzaimoponimanie i Primirenie“ [Belarussischen republikanischen Stiftung "Verständigung und Aussöhnung"]. Гуляевой (вa?) З. П. Gulâevoj, Z. P. Ich bin geboren am 1. Juli 1926 in einer Bauernfamilie in Кобыляки, Rayon Orscha, Obl. Vitebsk. Die Deutschen haben 1943 unser Haus verbrannt, und wir wohnten bei Nachbarn. Mein Vater ist im Krieg umgekommen, er war 36 Jahre alt und wurde 1941 eingezogen – und kam nicht zurück. Ich habe mich oftmals versteckt, doch am 13. April 1943 (oder 44 – unklar was sie meinte) wurde ich um 4 Uhr früh aus dem Bett geholt. Am 14. April transportierte man uns mit dem Güterzug nach Deutschland, Freienorla in Thüringen. Dort arbeitete ich zwei Monate am Bau der Straße zum Werk. Ich war im Lager Freienorla, und auf der anderen Seite von Orla war das Männerlager Stern. Ich habe dann Arbeit in der Küche vom Lager Stern erhalten, ich habe Arbeitskleidung erhalten – normale Arbeitskleidung. Man hat uns einmal in der Küche zu Essen gegeben und dann haben wir uns selber etwas ausgedacht/ ausgeteilt/ organisiert. Wir waren alle jung, 20 Mädchen in einem Zimmer mit zweistöckigen Betten. Wir warteten auf die Befreiung, weinten und hatten Angst. Das Werk lag ca. 2 bis 3 Kilometer vom Werk entfernt. Appelle gab es nicht. Unsere Arbeit wurde von den Köchen beaufsichtigt und kontrolliert. Die Vorgesetzten verhielten sich normal. Für unseren Lohn konnten wir Kwass trinken (vermutlich Bier M.B.). Ich habe nur in der Küche gearbeitet, das war genug Arbeit. Wir haben Gemüse geputzt, Geschirr und die Fußböden gesäubert, Müll weggetragen – das Essen wurde von zwei Köchen zubereitet. Wir waren jung und arbeiteten gut, da wir Angst hatten geschlagen zu werden. Es gab keine Verbindung mit der Heimat, ich habe einmal ein Päckchen erhalten. Wir durften uns nicht frei bewegen. Kontakt zu Arbeitern anderer Nationalitäten hatten wir nicht, in der Küche arbeiteten Mädchen aus Weißrussland und 2 Russinnen. Kinder gab es im Lager nicht – wir waren selber noch Kinder. Welcher Nationalität die Wachen waren weiß ich nicht, sie haben es nicht berichtet. Denunzianten gab es unter uns nicht. Ob Teile der Verpflegung oder Post unterschlagen wurden weiß ich nicht. Briefe gab es sehr selten. Zeugin von Misshandlungen wurde ich einmal, das Opfer war ein junger Bursche. Unser Lager war nur eine Hälfte des Gebäudes, in der anderen waren die Männer. Einmal habe ich gesehen, wie ein junger Mann mit der Peitsche geschlagen wurde, aber weshalb weiß ich nicht. An Regeln des Lagers und Richter erinnere ich mich nicht. Die deutschen Arbeiter und Lagerverwaltung verhielten sich uns gegenüber normal. Mit der örtlichen Bevölkerung hatten wir keine Kontakte. Es gab auch Deutsche, die Gefangene human behandelten und ihnen halfen. Fluchten aus dem Lager gab es nicht. Bei Kriegsende liefen wir auseinander wie wir konnten und haben uns später wiedergefunden. Bis August waren wir in unserem Lager, dann hat uns unsere Armee zurück in die Heimat gebracht. Von Verhaftungen unter dem Lagerpersonal weiß ich nichts. Zu Hause hat man uns verachtet und gab uns keine Arbeit. Ich hatte 1941 die 8. Schulklasse beendet, und nach dem Krieg die Fachschule und arbeitete dann auf einer Tierfarm, dann war ich auf einer Fachschule für Automechanik in Rostov am Don und arbeitete dann 40 Jahre im System. Ich heiratete und hatte zwei Kinder. Mein Mann ist 1972 tragisch umgekommen. Mein Sohn erkrankte mit 18 Jahren und ist Invalide, er wohnt bei mit. Ich bin 81 Jahre alt und krank und sehr schwach – ich entschuldige mich für meine schlechte Schrift, ich schreibe drei Tage schon und wünschen Ihnen viel Erfolg in der Wissenschaft.

Forschungsstand dokumentiert

Forschungsdatensatz

Dokumentierte Angaben

Person
Z. P. Gulyaev
Rolle
Zwangsarbeiter
Ort
Kahla
Zeitraum
April 1945

Überlieferung und Kontext

hauptsächlich verwendete Strafe war die Peitsche. Die deutschen Arbeiter und die Verwaltung verhielten sich relativ normal. Die älteren deutschen Frauen in der Zivilbevölkerung gaben uns manchmal Essen, wenn wir sie baten, aber sie hatten Angst, selber bestraft zu werden. Frauen, besonders jene die Männer oder Söhne an der Front oder in Gefangenschaft hatten, haben uns geholfen – vielleicht hofften sie, dass ihren Verwandten dasselbe geschieht. Manchmal arbeitete man für das Essen, aber offen hat keiner Hilfe gezeigt, sie waren alle vorsichtig. An Bestrafungen nahm die Zivilbevölkerung nicht teil. An Deutsche die uns besonders halfen erinnere ich mich nicht, alle behandelten uns gleich. Keiner von uns versuchte zu fliehen – wir wussten nicht wohin, oder wo man sich hätte verstecken können. Wenn jemand krank war, dann kam er in ein anderes Lager – ich weiß nicht mehr welches. Keiner kam zurück. Ein Krankenrevier oder dergleichen gab es im Lager nicht. Viele Menschen starben im Lager, und eine gewisse Zeit habe ich auch selber die Leute aus meinem Lager begraben. Wir kamen nicht zurecht, weil so viele starben, am meisten aber die Italiener. Einmal wollten wir einen Landsmann in einem Sarg begraben, aber wir erhielten keine Erlaubnis und so gab es nur Gemeinschaftsgräber – 30 Menschen in einer Reihe. In den letzten Tagen des Krieges wurden wir alle abends irgendwohin gejagt, doch ich konnte unterwegs fliehen und versteckte mich im Wald. Dort blieb ich fünf Tage, dann wollten wir zurück zum Lager. Unterwegs trafen wir auf Amerikaner, die uns sagten, wir seien frei, und uns Essen gaben. Ich kam dann für einen oder zwei Monate ins Lager zurück. Ob nach der Befreiung Leute verhaftet wurden, weiß ich nicht, da ich zu der Zeit nicht im Lager war. Ich wurde am 14. April 1945 befreit, arbeitete dann in (Grachenberg, Drakenberg) o.ä. in einer Zuckerfabrik vom Juli bis Oktober 1945. Ich war auch bei der Ernte im Einsatz. Dann kehrte ich nach Weißrussland zurück, aber nicht gleich nach Hause, sondern erst in die Bergwerke am Donbass, wo ich fast ein Jahr war. Ende 1946, kurz vor Neujahr, kam ich dann nach Hause. • Gulâevoj, Z. P., Fragebogen vermittelt von der Belorusskij Respublikanskij Fond „Vzaimoponimanie i Primirenie“ [Belarussischen republikanischen Stiftung "Verständigung und Aussöhnung"]. Гуляевой (вa?) З. П. Gulâevoj, Z. P. Ich bin geboren am 1. Juli 1926 in einer Bauernfamilie in Кобыляки, Rayon Orscha, Obl. Vitebsk. Die Deutschen haben 1943 unser Haus verbrannt, und wir wohnten bei Nachbarn. Mein Vater ist im Krieg umgekommen, er war 36 Jahre alt und wurde 1941 eingezogen – und kam nicht zurück. Ich habe mich oftmals versteckt, doch am 13. April 1943 (oder 44 – unklar was sie meinte) wurde ich um 4 Uhr früh aus dem Bett geholt. Am 14. April transportierte man uns mit dem Güterzug nach Deutschland, Freienorla in Thüringen. Dort arbeitete ich zwei Monate am Bau der Straße zum Werk. Ich war im Lager Freienorla, und auf der anderen Seite von Orla war das Männerlager Stern. Ich habe dann Arbeit in der Küche vom Lager Stern erhalten, ich habe Arbeitskleidung erhalten – normale Arbeitskleidung. Man hat uns einmal in der Küche zu Essen gegeben und dann haben wir uns selber etwas ausgedacht/ ausgeteilt/ organisiert. Wir waren alle jung, 20 Mädchen in einem Zimmer mit zweistöckigen Betten. Wir warteten auf die Befreiung, weinten und hatten Angst. Das Werk lag ca. 2 bis 3 Kilometer vom Werk entfernt. Appelle gab es nicht. Unsere Arbeit wurde von den Köchen beaufsichtigt und kontrolliert. Die Vorgesetzten verhielten sich normal. Für unseren Lohn konnten wir Kwass trinken (vermutlich Bier M.B.). Ich habe nur in der Küche gearbeitet, das war genug Arbeit. Wir haben Gemüse geputzt, Geschirr und die Fußböden gesäubert, Müll weggetragen – das Essen wurde von zwei Köchen zubereitet. Wir waren jung und arbeiteten gut, da wir Angst hatten geschlagen zu werden. Es gab keine Verbindung mit der Heimat, ich habe einmal ein Päckchen erhalten. Wir durften uns nicht frei bewegen. Kontakt zu Arbeitern anderer Nationalitäten hatten wir nicht, in der Küche arbeiteten Mädchen aus Weißrussland und 2 Russinnen. Kinder gab es im Lager nicht – wir waren selber noch Kinder. Welcher Nationalität die Wachen waren weiß ich nicht, sie haben es nicht berichtet. Denunzianten gab es unter uns nicht. Ob Teile der Verpflegung oder Post unterschlagen wurden weiß ich nicht. Briefe gab es sehr selten. Zeugin von Misshandlungen wurde ich einmal, das Opfer war ein junger Bursche. Unser Lager war nur eine Hälfte des Gebäudes, in der anderen waren die Männer. Einmal habe ich gesehen, wie ein junger Mann mit der Peitsche geschlagen wurde, aber weshalb weiß ich nicht. An Regeln des Lagers und Richter erinnere ich mich nicht. Die deutschen Arbeiter und Lagerverwaltung verhielten sich uns gegenüber normal. Mit der örtlichen Bevölkerung hatten wir keine Kontakte. Es gab auch Deutsche, die Gefangene human behandelten und ihnen halfen. Fluchten aus dem Lager gab es nicht. Bei Kriegsende liefen wir auseinander wie wir konnten und haben uns später wiedergefunden. Bis August waren wir in unserem Lager, dann hat uns unsere Armee zurück in die Heimat gebracht. Von Verhaftungen unter dem Lagerpersonal weiß ich nichts. Zu Hause hat man uns verachtet und gab uns keine Arbeit. Ich hatte 1941 die 8. Schulklasse beendet, und nach dem Krieg die Fachschule und arbeitete dann auf einer Tierfarm, dann war ich auf einer Fachschule für Automechanik in Rostov am Don und arbeitete dann 40 Jahre im System. Ich heiratete und hatte zwei Kinder. Mein Mann ist 1972 tragisch umgekommen. Mein Sohn erkrankte mit 18 Jahren und ist Invalide, er wohnt bei mit. Ich bin 81 Jahre alt und krank und sehr schwach – ich entschuldige mich für meine schlechte Schrift, ich schreibe drei Tage schon und wünschen Ihnen viel Erfolg in der Wissenschaft.

Namen und Schlagwörter

  • Befreiung
  • Erinnerung

Quellen und Nachweise

  1. zeitzeugen_komplett_ocr.pdf