Zeitzeugnis
Vladimir Kibkalo – Walpersberg
Ich bin geboren am 8. Mai 1927 im Dorf Solonzej (heute Rudenkova), Oblast Poltavsk. Beim Umzug zum Bruder meines Vaters nach Moldawien, in die Stadt Bolgrad, im Frühjahr 1943, wurden wir alle zusammenvon einem deutschen Kommandanten mit Dolmetscherin verhaftet. Wir, das waren meine Mutter Anna Nikolaevna, mein Vater Markijan Kondrat'evič, meine Schwester Alexandra Markianovna und ich. Wir und fünf oder sechs Vortreiber geleiteten eine große Viehherde nach Rumänien. Unsere Aufgabe bestand darin, die Kühe zu melken. Uns allen wurde versprochen, dass man uns gehen lassen würde, wenn die Herde nach Rumänien gebracht worden sei. Wir überquerten den Fluß Prut, über die Städte Kagul, Adgut (?) und Vasluj kamen wir in die Stadt Berlad (verm. Birlud? in Rum.), wo das Vieh an ein Fleischkombinat übergeben wurde. Danach übernahm uns die rumänische Gendarmerie. Wir wurden zum Bahnhof getrieben, wo ein Transport mit Güterwaggons stand, in denen sich Menschen aus den verschiedensten Ländern befanden, unter Bewachung von Rumänen und deutschen Offizieren. Man hatte uns alles weggenommen, was wir bei uns trugen, und ließ nur Kleidung und einige Decken. Wir wurden in die Waggons eingesperrt. Bei uns waren Bulgaren, Jugoslawen und Tschechen. Die Fahrt ging in unbekannte Richtung. In der Stadt Wien erkannten wir, dass wir in Österrreich waren. Weiter ging es über Chemnitz und Weimar, wo das Etappengefängnis und die Verteilung war. Meine Schwester wurde zur landwirtschaftlichen Arbeit gebracht, aber Vater, Mutter und mich schickte man nach Kahla. In Kahla kamen wir in einem Gütterwaggon an. Drei bis vier Tage verbrachten wir im Feld unter freiem Himmel neben dem Werk, danach wurden wir ins Baulager II gebracht. Anfangs waren wir in diesem Lager II untergebracht, später wurden wir ins Baulager III verlegt. Dies wird bekräftigt durch ein einzelnes Schreiben, das mir aus Arolsen geschickt wurde am 21. Februar 2003. In diesem Dokument ist mein Geburtsdatum mit 1929 angegeben. Meine Eltern verringerten mein Alter, da sie wußten, dass Mindermichjährigkeit mich von der harten Arbeit befreit, aber das half nichts. Ich arbeitete genauso wie die Erwachsenen. Eine Kopie des Dokuments liegt bei. Wir lebten im Lager in einer Baracke mit zweietagigen hölzernen Pritschen. Anstelle von Matratzen gab es Holzwolle. Es war sehr kalt, und das Licht wurde mit Eintreten der Dunkelheit abgeschaltet. Geheizt wurde die Baracke mit einem eisernen Ofen, doch das Brennholz reichte nicht. Es gab einen Behälter mit Wasser. Der Abort war auf der Straße. Kissen und Decken wurden nicht ausgegeben. Jeder bedeckte sich mit dem, was er hatte. Arbeitskleidung wurde nicht ausgegeben. Statt Schuhwerk hatten wir hölzerne Schuhleisten. Auf unsere Kleidung wurden die Buchstaben „OST“ augenäht. Beim Ende der Arbeit mit Ausweis erhielten wir eine Marke/ Talon für die morgige Ernährung. Das Essen war schlecht und wurde zweimal am Tag ausgegeben. Zur Portion gehörten 200 Gramm Brot mit rohem Hackfleisch -Pferdefleisch mit Kümmel, oder eine Scheibe verschimmelter Käse (oder Schimmelkäse?), man sagte, das sei Schweizer Käse, und im Schimmel sei Penicilin enthalten. Wir erhielten auch Suppe mit Kohlrüben und Kohlrabi. Weckruf war um 6 Uhr, und um 7 waren wir schon bei der Arbeit. Der Arbeitstag ging 17 Uhr zu Ende. Am Sonnabend arbeiteten wir bis 14 Uhr, und Sonntags hatten wir frei. Die Entfernung vom Lager zum Wekr betrug ungefähr 2 Kilometer, aber als wir in ein anderes Lager verlegt wurden, mussten wir zum Wekr einen Kilometer mehr gehen. Wir wurden auf dem Weg zur Arbeit von den Lagerwachen begleitet. Es gab keinen Appell, nur als wir eintrafen zur Arbeit wurden die „Einwohner“ abgezählt. Es gab keine feste Norm bei der Arbeit. Die Arbeit wurde vom Brigadier kontrolliert, einem deutschen Invaliden, der einteilte wer was zu machen hatte. Im wesentlichen war die Arbeit unter Tage. Meister und Ingenieure waren Deutsche. Sie waren streng, streng zu uns wie auch zu ihren Landsleuten. Besonders schlimm war die Entlüftung der Tunnel nach Sprengungen. Die Luftkompressoren wurden eingeschaltet, und wir mussten die Schläuche zum Ende der Sprengung ziehen, damit von dort die Gase hinausgetrieben wurden. Es gab Fälle von Vergiftungen durch dieses Gas. Während der Arbeitszeit war es nicht möglich, sich auszuruhen, die ganze Zeile gab es etwas zu erledigen. Meines Wissens wurde die Arbeit überhaupt nicht bezahlt. Ein Mal fuhren wir nach Jena in Werk Zeiss, um Sand zu verladen. Meine Schwester war schon seit dem Etappengefängnis zur Landwirtschaft eingeteilt worden. Nach vier Monaten wurde sie zu uns abkommandiert, mit dieser Bitte wandten wir uns an die Verwaltung des Lagers. Verbindung mit der Heimat war nicht möglich, es gab keinen Briefwechsel. Die Italiener in anderen Lagern erhielten vom Roten Kreuz Pakete, in der Hauptsache Tabakwaren. Kontakte mit den Arbeitern anderer Lager gab es nur bei der Produktion, mit Tschechen, Polen, Italienern und Jugoslawen. Die Arbeiter wurden nicht gleich behandelt. Der Unterschied bestand darin, dass Italiener, Polen, Jugoslawen und andere Nationalitäten an den (Werkzeug)Maschinen arbeiteten, an Betonmischern, als Lokführer der unterirdischen Loks und ähnliches – und wir, die Ukrainer, Russen und Weißrussen arbeiteten als Tunnelgräber und Hilfsarbeiter. Die schwerste Arbeit fiel uns zu. Bei der Produktion hatte man Umgang mit Menschen anderer Nationalität, wenn es möglich war, ihre Sprache zu verstehen, aber im Lager unterhielten wir uns mit Tschechen und Polen, deren Sprache verständlicher war. In unserem lager gab es viele Ehrepaare, und Familien mit Kindern, aber Kinder unter 10 Jahre habe ich nicht getroffen. Die Kinder räumten auf Bitten ihrer Eltern die Baracken und ringsum auf. Zur Arbeit wurden sie nicht gezwungen. Viele der Familien kamen aus Polen, besonders aus Polen, nach dem Aufstand. Die Wachen im Lager waren aus Belgien oder Frankreich. Es gab auch andere, aber ich weiß nicht, von wo. Sie waren meiner Meinung nach grob und frech, was daran lag, dass sie die Sprache nicht verstanden. Von Denunzianten ist mir nichts bekannt, doch es ist möglich, dass es welche gab. Über Korruption weiß ich nicht. Einmal bemerkte ich, wie man jemanden aus irgendeinem Grund zum lagereingang, zur Pförtnerloge, brachte und dann in einem Auto wegfuhr, wohin, weiß ich nicht. Meine Eltern beschützen mich, dass ich nichts deartiges erleben mußte. Bei kleineren Übertretungen war es den Wächtern innerhalb des Lagers erlaubt, zu schlagen und zu stoßen. Die deutschen Arbeiter und die Lagerverwaltung verhielt sich uns gegenüber schlecht, die Forderung der Verwaltung uns gegenüber waren hart. In der Hauptsache gab es Mißverständnisse aus Unkenntnis und weil man die Sprache nicht verstand. Es gab Kontakte mit der örtlichen Bevolkerung. Die Frauen aus den nahen Siedlungen wandten sich an die Lagerleitung, damit diese ihnen erlaube Arbeiter an freien Tagen mitzunehmen, als Hilfe auf dem Hof. Aus einer Familie wurde nur einer als Arbeiter genommen, damit sie nicht fliehen. Ich habe Glück gehabt. Einmal forderte mich eine deutsche Frau aus der Siedlung Dienstadt mit Name Lisa Verter an und zeigte auf mich. Da ich minderjährig war, wurde meiner Arbeit in der Siedlung mit meinem Eltern vereinbart. So kam ich zu dieser Arbeitgeberin. Am Sonnabend nach 14 Uhr und amd Sonntag kam die Arbeitgeberin um mich mit sich mitzunehmen und gab mir die Aufgabe die pferde zu pflegen, ebenso die Kühe, und andere Aufgaben auf dem Hof. Später erhielt ich einen Passierschein und konnte selber zur Arbeit gehen. Die Arbeitgeberin war recht gut zu mir und zufrieden, dass ich mit der Arbeit fertigwurde, da ich ja ebenfalls auf dem Dorf großgeworden war. Die Arbeitgeberin versorgte mich gut, und als sie erfuhr, dass meine Familie im Lager war, gab sie mir für Mutter, Vater und Schwester sogar zwei bis drei Butterbrote mit. In der Familie von Frau Lise waren drei Kinder – Tochter Anne-Luise, 17 Jahre, Edit, 14 Jahre, und Sohn Klaus, 5 Jahre, und ein Großvater mit 80 Jahren. Ich schreibe die Geschichte kurz: Im Lager ging das Gerücht um, die Deutschen würden die Gefangenen erschießen. Ende April sagte die Arbeitgeberin, dass wir aus dem Lager fliehen müssten. Als ich fragte, wie und wohin flüchten, antwortete sie – zu mir. Sie hatte alles geplant. Sie gab mir eine Kneifzange dafür, dass ich eine Öffnung in den Zaun schneiden konnte, der das Lager umgibt, und um drei Uhr nachts flüchtete meine gesammte Familie. Die Arbeitgeberin erwartete uns an vereinbahrtem Platz. Dann führte sie uns zu sich und verbarg uns in der Scheune auf dem Heuboden. Dort saßen wir zehn Tage und Nächte „wie Mäuse“. Die Arbeitgeberin versorgte uns, aber als die amerikanischen Truppen kamen, wurden wir von ihnen mit Marschverpflegung versorgt. Danach siedelte sie uns nahe zu ihrem haus um in eine Scheune für Hühner, die wir später vollendeten. Dort lebten wir bis September 1945. Dann forderten uns unsere KGB'ler auf, in die Heimat zurückzufahren. Die Arbeitgeberin versorgte uns mit anständiger Kleidung und Schuhen, gab uns Lebensmittel auf den Weg mit, und ein Fahrad mit Karren. So erreichten wir Dresden und von dort die Heimat. Ich kann nicht aufhören zu bewundern, wie diese Frau ihre Familie riskierte, um uns zu retten. Ewig ist ihr Gedenken. Erst im Jahr 1995 entschloß ich mich diese Familie ausfindig zu machen. Den Familiennamen hatte mir nicht gemerkt, deshalb entschied ich mich an den Bürgermeister von Kahla zu schreiben. Ich schrieb, wie ich konnte – ich hatte doch etwas die deutsche Sprache gelernt, wie diese Siedlung zu finden sei und auch das Schild auf dem Haus „Otto Verter“. Ich wußte, dass so die Straße hieß, aber dies erwies sich als Familienname des Großvaters. Ich erhielt vom Bürgermeister einen Brief
Forschungsdatensatz
Dokumentierte Angaben
- Person
- Vladimir Kibkalo
- Rolle
- Zwangsarbeiter
- Ort
- Walpersberg
- Zeitraum
- 1944
Überlieferung und Kontext
Namen und Schlagwörter
Quellen und Nachweise
- zeitzeugen_komplett_ocr.pdf