Zeitzeugnis
Aneto Caluzzi – Kahla
VIII. Befreiung 23. Haben die Deutschen Sie in den letzten Kriegstagen aus dem Lager evakuiert? Wenn ja, wie sahen die Marschumstände aus? Das Lager wurde durch die Alliierten befreit und wir gingen in kleinen Gruppen, wohin wir konnten. 24. Wo wurden Sie befreit? In welchem körperlichen Zustand waren Sie damals? Wir wurden in Kahla im Lager V befreit. IX. Rückkehr in die Heimat 25. Wann kamen Sie nach Polen zurück? Im Mai 1945. 26. Welche Fragen waren für Sie wichtig. Möchten Sie noch etwas dazu sagen? Keine Antwort. 1. Ich wurde bei einer Razzia in unserer Gegend am 7. August 1944 festgenommen. 2. Ich wurde in einem Viehwagen deportiert. Der erste Halt war Erfurt, wo wir zwei Tage blieben. Es war heiß und sie haben uns die Fenster nicht geöffnet. Nach zwei Tagen Aufenthalt wurden wir in das Lager der REIMAHG gebracht. 3. Als wir in Kahla ankamen, wurden wir in mehreren Lagern untergebracht. Ja, ich wurde auch in das „Lager VII“ verlegt. 4. Wir lebten in Holzbaracken. Wir konnten uns nicht waschen und nachts schliefen wir nackt, weil uns unter den Decken die Läuse beinahe auffraßen. Es gab eine Decke pro Person und einen Ofen, aber sie gaben uns weder Holz noch Kohle. 5. Ja, wir hatten jeder eine schlechte Decke. Nein, wir konnten weder unsere Kleidung noch uns selbst waschen, denn es war alles gefroren und wir hatten kein eigenes Wasser. 6. Sie gaben uns ein Stück Brot und eine Tasse Brühe zu Essen, die wir Italiener „Sbrudiglia“ nannten. Wenn wir nachts arbeiten mussten, gaben sie uns genauso viel zu Essen, wie immer. Die nächste Mahlzeit gab es dann in der Nacht darauf. Wir hatten also für 24 Stunden nur Brot, Wasser und Hunger. 7. Wir arbeiteten in Tag- und Nachtschichten. Bevor wir zur Arbeit aufbrachen, gab es immer einen Appell. Auf dem Hin- und Rückweg wurden wir immer von einem deutschen Soldaten begleitet. 8. Ja, wir gingen in einer Reihe zur Arbeit, sechs km hin und sechs km zurück, immer in Begleitung eines deutschen Soldaten. Ja, die Wachen schlugen uns mit Stöcken, wenn wir nicht das vorgegebene Arbeitssoll geschafft hatten. 9. Nein, der einzige Ruhetag war Weihnachten. Zu Essen gab es die übliche Ration: Brot und Wasser. 10. Wir wurden ständig kontrolliert. Es gab keine Gelegenheit für kurze Unterbrechungen, denn sie schlugen sofort zu. Die Arbeitsanweisungen wurden oft geändert, wir haben also ungefähr ein Mal pro Woche den Arbeitsplatz gewechselt. Wir haben Zementsäcke auf unseren Schultern getragen etc. 11. Nein, sie trafen keine Sicherungsmaßnahmen. Mir persönlich ist jedoch nie etwas zugestoßen (Frage nach Arbeitssicherheit). 12. Im „Lager VII“ gab es einen belgischen SS-Aufseher. Ich will Ihnen erzählen, was mir passiert ist. Als wir von der Arbeit zurückkamen, bin ich kurz auf ein Feld entwischt, wo Kartoffeln angebaut wurden. Ich nahm zwei Arme voll davon mit und versteckte sie in meinen Hosen. In der Baracke legte ich sie auf mein Bett. Der SS-Mann hat das entdeckt, und aus Rache hat er mich von zwei Hunden beißen lassen. Und je stärker mich die Hunde bissen, umso kräftiger schlug der Aufseher auf sie ein, damit sie mir noch mehr weh täten. Danach haben sie mich auf den Hof geworfen, wo ich einen Tag und eine Nacht bewußtlos liegen blieb. 13. Nein, wir waren Gefangene und ständig eingeschlossen, immer unter Beobachtung. Unser Aufseher war ein belgischer SS-Mann. 14. Ja, es gab auch noch Russen und Italiener. Sie waren genauso arm dran wie wir. 15. Nein, wir wurden alle gleich behandelt. 16. Nein [, es gab keinen Lohn, Anm. d. Übers.] 17. Nein, wir besaßen absolut nichts! Wir waren nur reich an Läusen. 18. Leider kam beides vor. [noch mal von einem Muttersprachler überprüfen lassen, Anm. d. Übers.] 19. Ich war Zeuge vieler Misshandlungen, von Menschen, die verhungert sind. Die Menschen starben an ihren Entbehrungen und an Hunger. Schuldig waren die Lagerkommandanten. 20. Es gab keine Vergehen in dem Sinne. Man musste nur tun, was sie einem befahlen. Und wenn man keine Kraft mehr hatte, bestraften sie einen mit Stockschlägen. Sie behandelten uns wie Tiere!!! 21. [Die deutschen Bauleiter und Arbeiter verhielten sich] schlecht [gegenüber den Gefangenen, Anm. d. Übers.]. 22. Nein, ich hatte nicht das Glück [, auf Deutsche zu treffen, die uns Gefangene gut
Forschungsdatensatz
Dokumentierte Angaben
- Person
- Aneto Caluzzi
- Rolle
- Zwangsarbeiter
- Ort
- Kahla
- Zeitraum
- 1944
Überlieferung und Kontext
Namen und Schlagwörter
Quellen und Nachweise
- zeitzeugen_komplett_ocr.pdf