Zeitzeugnis
Luigi Poggioli – Walpersberg / Startbahn
Sie hatten weniger als die Hälfte des Geldes genommen, dass ich ihnen angebo- ten hatte und sie hatten sich sogar entschuldigt, dass ihnen bei all den Gefangenen, die vor- beikamen und etwas erbettelten, herzlich wenig übrig geblieben war. Tegoni stieß mich an und wir gingen um den Bogengang herum, der als eine Art Hof neben dem Eingang lag. Dort sah ich, wie er geschickt etwas, das wie eine Schweinespeckschwarte aussah, abnahm und in die Tasche steckte. Es hatte an einem Nagel gehangen, der in einen Balken des niedrigen Dachs geschlagen worden war. Erst in einer gewissen Entfernung von dem gastfreundlichen Bauernhof zeigte er mir das Objekt der Begierde und erklärte mir, dass es sich um den Penis eines Schweins handelte, das im Winter geschlachtet worden war, und dass er wohl im Rahmen irgendeines Versöhnungsrituals oder eines primitiven Brauchs so hingehängt worden war. Nachdem er die Borsten von der Schwarte rasiert und das Ganze ein wenig abgeschabt hatte, schnitt er es in kleine Stücke, die wir gerecht aufteilten. Schlecht und vergeblich gekaut, kos- teten und verschlangen wir sie dann schnell. Der enorme Fettmangel zwang uns, unser Ver- langen zu stillen und mit unendlichem Genuss die unglaublichsten Speisen zu uns zu nehmen. Am frühen Nachmittag waren wir mehr als zufrieden mit dem glücklichen Verlauf des Tages. Wir hatten ausreichend gegessen und in unseren Rucksäcken hatten wir noch mindestens sechs Eier, über anderthalb Kilo Schwarzbrot, vier Kilo kleine Äpfel, einige Stückchen geräu- cherten Speck und gut vier getrocknete Schweinepenisse, die wir noch vor der Rückkehr in die Baracke gerecht aufteilen würden. Wir waren an einem Punkt angelangt, wo die Kuppe des Hügels schwacher gewellt war. Es war ein riesiges Anbaugebiet, das zu einem gewaltigen Großunternehmen gehörte. Dieses wiederum bestand eigenartigerweise aus einem einzigen mindestens dreistöckigen Gebäude- komplex komplett aus Stein, den wir in etwa fünfhundert Metern Entfernung sahen. Als wir näher kamen, erblickten wir linker Hand die Drachenballons der Flugabwehr von Je- na. Man konnte alle Einzelheiten klar erkennen, was bedeutete, dass wir über zehn Kilometer von Kahla entfernt waren und ein Fußmarsch von über vier Stunden zurück zu Lager 7 auf uns wartete. Leider weckte das große Gebäude zu sehr unsere Neugier, so dass die Sache fatal endete. Be- vor wir zum Eingang kamen, trafen wir einen Slawen, zwei Polen und einen Tschechoslowa- ken, der dann endlich unsere Anfragen verstand und uns zu einem Deutschen brachte, der im Innenhof handelte. Dieser sagte, er wolle kein Geld von uns, könne uns aber leider außer Kar- toffeln nichts geben. Ich glaubte, nicht recht verstanden zu haben, denn den ganzen Tag über 49 Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend hatten wir nicht eine einzige Kartoffel zu Gesicht bekommen. Doch er führte uns zu einer Tür des Kartoffellagers und wies eine alte Frau an, uns einzudecken. Dann begann er, uns nach dem Verlauf der Arbeiten in Kahla zu befragen. Als die Frau einen großen Korb neben uns abstellte, damit wir unsere Rucksäcke füllen konnten, schafften wir es aber nicht einmal, die Kartoffeln zu berühren, denn das hysterische Geschrei einer anderen Frau lähmte uns. Sie war jung, ihrem Auftreten und ihrer Kleidung nach kam sie aus der Stadt und stand offensichtlich noch unter Schock nach den Luftangriffen: „Bomber kommen! Alles, alles kaputt!“, waren die einzigen verständlichen Worte ihres Geschreis, das sie unter Tränen und mit sabberndem Mund hervorstieß, bevor sie entschieden befahl, uns zum „Polizisten“ zu bringen. Der nette Deutsche, der uns Kartoffeln angeboten hatte, versuchte vergeblich, die hysterische Frau um- zustimmen, doch er musste sich bald geschlagen geben. Er breitete die Arme aus als Zeichen der Entschuldigung und übergab uns zwei deutschen Arbeitern und dem Tschechoslowaken, damit sie uns zum örtlichen Sicherheitsbeauftragten brachten. Wir fanden ihn, nachdem wir etwa zehn Minuten lang schweigend über trockenes Land ge- gangen waren; er pflügte mit seinem Zugpferd einen Acker. Nach dem Rapport und einem erhitzten Wortgefecht zwischen den vieren brachte der, der vermutlich der Aufseher war, die anderen mit einer barschen Anweisung zum Schweigen. Dann ging er eine große Pistole in einem Lederhalfter mit Gürtel holen, das sich der Tschechoslowake umbinden sollte. Darauf- hin leistete dieser einen Schwur und nahm uns in seine Obhut. Erst als wir weit von dem Betriebsgebäude entfernt waren und damit auch sicher vor den Bli- cken aller Beteiligten, nahm der Tschechoslowake eine kriegerische Haltung an und tischte uns laut eine Reihe unverständlicher Wörter – vielleicht Drohungen, vielleicht Ratschläge – auf, die uns aber nur noch einen feuchten Kehricht interessierten, denn wir hatten uns schon mit dem schlimmen Ende eines so schönen Tages abgefunden, als die verrückte Irre die ersten hysterischen Schreie von sich gegeben hatte. Nach einem etwa einstündigen, schweigenden Marsch erreichten wir ein großes Dorf. Hinter einigen Fenstern und offenen Türen wurden schon die Lichter eingeschaltet. In der Mitte einer langen Häuserzeile entlang der Hauptseite eines riesigen trostlosen Platzes drückte der Tsche- che auf eine laute Klingel. Sofort kam lächelnd eine ordentlich gekleidete ältere Frau herbei- geeilt und begrüßte uns höflich. Nach einem längeren Wortwechsel ging die Alte wieder hinein und sofort trat ein Mann, wahrscheinlich ihr Mann, auf die Schwelle. Er war gewiss der größte Mensch, den ich je in meinem Leben gesehen hatte, und zudem dürr und knochig. Er trug Pantoffeln, an den Waden aufgeschnürte Hosen und eine grün gesäumte, aufgeknöpfte graue Weste. 50 Luigi Poggioli: Lager 7 – Die Geschichte meiner unterbrochenen Jugend Nach einem kurzen Blick versuchte er, seine hässlichen schlaffen Gesichtszüge wieder zu ordnen und brachte unseren Begleiter, der versucht hatte Bericht zu erstatten, mit einem bar- schen „einen Moment“ zum Schweigen. Dann zog er sich ins Haus zurück. Er kam erst nach über einer Viertelstunde wieder heraus. Nun er war er perfekt gekleidet, trug seine Polizeiuniform mitsamt der typischen Kopfbedeckung, die ihn zu einer unnatürlichen Verbeugung zwang, als er aus der Tür trat und die zwei Stufen herunterging. Er ignorierte unsere Begrüßung und befahl dem Tschechen erneut zu schweigen. Dann baute er sich vor mir auf und musterte mich einige Augenblicke. Plötzlich verpasste er mir mit seiner riesigen knöchernen Hand eine schallende Ohrfeige. Ich war etliche Minuten wie benommen und es verschlug mir zum Glück auch die Sprache. Er wiederholte die gleiche heldenhafte Geste so- fort bei Tegoni, die dieser zwar zähneknirschend, aber schweigend wegsteckte. Dann folgte das übliche Rederitual mit dem Polizisten, der die Fragen stellte und dem verwirrten Tsche- choslowaken, der die Erklärungen abgab. Er blieb dabei offensichtlich bei der Wahrheit, denn nach reichlichen zehn Minuten entließ der Polizist unseren Begleiter und brachte uns in die Mitte des Platzes. Nachdem er uns unsere Ausweise16 abgenommen hatte, schloss er uns in einen Abstellraum ein, ohne noch ein Wort an uns zu richten und sogar, ohne in unsere Ta- schen geschaut zu haben. Als sich unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnten wir unser Gefängnis näher betrachten. Es war eine etwa zwei mal drei Meter große Kammer, ungefähr zwei Meter hoch. Belüftet wurde sie durch ein kleines Fenster (etwa dreißig mal vierzig Zentimeter groß), vor dem ein offenes Eisengitter befestigt war. Gegenüber befand sich die nicht einmal anderthalb Meter hohe Tür. Der Toiletteneimer war aus Konservenblech gezimmert worden und stand neben der Tür. Die etwa 1,3 Meter breite Pritsche befand sich dagegen in der von der Tür am weitesten entfernten Ecke. Der Boden war komplett mit Stroh bedeckt und überall lagen Alt- papier und verschiedenster Müll herum. Als Tegoni das alles sah, hoffte er, dass zumindest keine Chemikalien dabei waren, weil wir dann nicht hätten schlafen können. Am nächsten Morgen kam der Polizist noch im Dunkeln vorbei, um uns abzuholen und zur Bahnstation zu eskortieren. Dort übergab er uns zwei deutschen Aufsehern. Einer von ihnen war Assistent auf einer der Baustellen direkt unter dem Tunneleingang auf dem Hügel. Ich hatte ihn als einen anständigen Menschen kennen gelernt.
Forschungsdatensatz
Dokumentierte Angaben
- Person
- Luigi Poggioli
- Rolle
- Zwangsarbeiter
- Ort
- Walpersberg / Startbahn
- Zeitraum
- Februar 1945
Überlieferung und Kontext
Namen und Schlagwörter
Quellen und Nachweise
- zeitzeugen_komplett_ocr.pdf