Zeitzeugnis
Francois Muylaert – Kahla / Lager
Einen Moment habe ich überlegt, die Ausrüstungsprämie, die ich sehr nötig hatte, zu nehmen, aber aus Vorsicht habe ich nichts davon gemacht. Ich war niemals im Gefängnis in Anvers, meines Wissens nach nicht mehr als die Mitglieder meiner Familie. Ich wurde auf der Straße angehalten. Ich denke, aufgrund von Denunzierung. Seitdem ich ins Auto gestiegen bin, haben sie darauf bestanden, dass ich sie zu meinem Treffen führe. Ich habe abgestritten, vom Widerstand zu sein. Man hat mich in die Avenue de la Couronne gefahren, wo ich bis zum 8. 8. 44 geblieben bin. Während sie mich ausgefragt haben, entdeckten sie meine wahre Identität und erklärten mir, dass ich angesichts meines Alters schon lange in Deutschland zur Arbeit hätte sein müssen. Herr Liegrois, mit dem ich das Treffen hatte, wohnte in der Avenue Notre Dame in Evere. Transport nach Deutschland: In vollem Zug vom Bahnhof Etterbeek, geschlossene Waggons, mit bewaffneten Wachen: 2 oder 3 Wachen pro Waggon. Die Fahrt hat etwa 24 Stunden gedauert – ohne Nahrung. Unter meinen Begleitern waren Juden und brüsseler Verweigerer/Fahnenflüchtige sowie Widerständler. Kahla: In Kahla bin ich mit fast all meinen Begleitern ausgestiegen und wurde für das Lager E bestimmt, wo ich bis zum Ende geblieben bin. Die Russen waren gerade dabei, es aufzubauen, und wir haben es dann fertig gestellt. Barackenlager: Stacheldraht, aber keine Wachtürme. Übereinandergelagerte Pritschen. Nahrung: 125 g Brot, ein kleines Stück Butter und 1 Liter Suppe. Bevölkerung: Mehrheit an Belgiern, Italienern und insgesamt ungefähr 2000 Männer. 6 oder 7 km von Weimar nahe dem Dorf Eichenberg habe ich in einem nahe gelegenen Dorf am Aufbau eines Bunkers gearbeitet – sowie am Bau einer Eisenbahnlinie, Überwachung durch die SA (braune Hemden). S. 13 Wir sind vom Lager stets im Konvoi abgefahren und am Abend zurückgekehrt, unter ständiger Bewachung durch bewaffnete Wachen, selbst während der Arbeit. Wir hatten keine Uniform. Wir hatten unsere alte Zivilkleidung behalten. Wir hatten eine eingetragene Nummer, an die ich mich nicht mehr erinnere. Unter meinen Mitgefangenen waren v.a.: Politische Gefangene, Widerständische etc. Die Italiener waren Mitglieder der Armee Badoglio. Kein Gehalt. Von den Amerikanern am 15.4.45 befreit und zurück in die Heimat gebracht von STAEF. Wir hatten einen Ausweis für den Verkehr auf den Baustellen. Grundsätzlich konnte man keine Beziehung zu den Zivilisten haben, aber manchmal schaffte man es und mir selbst gelang es manchmal, indem ich mich rausschmuggelte und indem ich betteln oder ein bisschen Nahrung von den Zivilisten stehlen ging. Während meines Transports von Ettersbeek nach Deutschland haben uns die Deutschen nicht versorgt, aber wir hatten etwas Nahrung von unseren Familien und die Krankenschwestern vom Roten Kreuz haben uns Lebensmittel an den verschiedenen Bahnhöfen gegeben. Ich wurde am 3. Mai 1944 als Widerständler festgenommen und in Louvain für einige Tage interniert. Dank des Eingreifens des Polizeibeamten Cuvelier, an den ich 7000 Francs bezahlt hatte, wurde ich provisorisch freigelassen. Ich wurde ein zweites Mal am 4.8. gefangen genommen und am 8.8. in das Lager von Kahla geschickt. Ich war Teil des ersten Konvois, der in dieses Lager ging. Bei unserer Ankunft hatte das Lager nur 2 Baracken, der Rest war gerade im Aufbau begriffen. Es gab keine Stacheldrahtzäune, diese wurden 3 Monate später errichtet. Anfangs gab es bewaffnete Zivilwachen, die später durch Sa-Männer des Volksturms, belgische SS, ersetzt wurden. Der erste Konvoi enthielt Belgier und Franzosen. Man ließ uns eine Rede hören, die von Mr. Lints übersetzt und in der uns gesagt wurde, dass wir für 3 Monate bestraft würden und wir daraufhin ein anderes Regime haben werden. Wir erhielten einen Ausweis, der uns praktisch zu nichts diente. Nach einiger Zeit konnte einige sonntags rausgehen und sich in einem Umkreis von 2 bis 3 km aufhalten. Was mich betrifft, ich bin niemals raus gegangen, um mir die Sorgen zu ersparen, und aufgrund der Müdigkeit, die aus der Zwangsarbeit resultierte. Ich war mehrere Male auf der Krankenstation des Lagers, die in letzter Instanz von einem belgischen Arzt namens De Bruyn geleitet wurde. Ich habe mich über ihn nicht beklagen können, obwohl die Versorgung vollkommen nutzlos war. Ich wurde 2 Tage lang in den Bunker geschickt, weil ich Feuer gemacht habe. S. 22 Die Bestrafungen fanden generell in Lager 0 statt. Ich habe die letzten 2 Monate, März und April, auf der Krankenstation des Lagers verbracht und einige Tage vor der Befreiung des Lagers im Krankenhaus in Hummelschein, das in einem Schloss, einige Kilometer vom Lager entfernt, eingerichtet war. Das Lager E von Kahla lag in einem Tal am Rand eines kleinen Baches, 1 oder 2 km vom Berg entfernt, wo eine unterirdische Fabrik war. Das Lager bestand aus etwa 15 Baracken.
Forschungsdatensatz
Dokumentierte Angaben
- Person
- Francois Muylaert
- Rolle
- Zwangsarbeiter
- Ort
- Kahla / Lager
- Zeitraum
- 1945
Überlieferung und Kontext
Namen und Schlagwörter
Quellen und Nachweise
- zeitzeugen_komplett_ocr.pdf