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Zeitzeugnis

Zeitzeugenaussage Wolfgang Huehn

Bericht aus der Perspektive eines damals 15-jaehrigen Hermsdorfers ueber Arbeitseinsatz am Walpersberg, Beobachtungen von Fremdarbeitern/Zwangsarbeitern, Luftangriffe und Kriegsende im Raum Hermsdorf.

Forschungsstand dokumentiert

Forschungsdatensatz

Dokumentierte Angaben

Person
Wolfgang Huehn
Rolle
Hitlerjunge / lokaler Zeitzeuge
Ort
Hermsdorf / Kahla / Walpersberg
Zeitraum
1944-1945; Bericht 2014
Herkunft
Deutschland

Überlieferung und Kontext

Wolfgang Hühn Hermsdorf, 29.1.2014 E.-Weinert-Str. 14 Hermsdorf 07629 GF Walpersberg e.V. Geschäftsstelle Dehna Mühlel z.H. Herrn Gleichmann Eichenberg 07768 Sehr geehrter Herr Gleichmann, ich gehörte zu jenem Teil von Hermsdorfer und auswärtigen Besuchern Ihres Vortrages vom 16.1.2014 in Hermsdorf. Es war ein hoch interessanter und informativer Vortrag für mich und die anderen Anwesenden. Sie haben es bestimmt so registriert. Die Diskussion war ja auch gut, und es wurden auch hier Fakten aus jener Zeit um 1944/45 bekannt.Ich denke hier beson- ders an Herrn Richter aus Stadtroda und seine “Erlebnisse“ am Rasthof. Am 13. April 1945 war ich auch — vor dem direkten Einmarsch der Amerikaner in Hermsdorf ( gegen 14.30 ) - drin im Rasthof und habe das (besondere -!-) „Treiben“ da erlebt. Ich habe auch von diesem „Treiben“ — wie soll man es auch sonst nennen — in den Tagen und (wahrscheinlich) Wochen nach dem 13. April gewusst. Selbst Dachziegel vom Gebäude und auch Fliesen von Wänden hat man begonnen, sie sich anzueignen. So hat der damalige Bürgermeister von Hermsdorf, Wilhelm Sperhake, wahrscheinlich Ende April/Anfang Mai, versucht, diesem Treiben ein Ende zu setzen und so etwas wie eine Hilfspolizei einzusetzen und damit (wieder) Ordnung zu schaffen. Es ist wohl gelungen! So ganz nebenbei gesagt standen nach dem 13. April - damals ca. 200 Militärkraftfahrzeuge im Wald hinter dem Rasthof, von den doch sicher flüchtenden Soldaten verlassen, herum. Ich habe diese Autos — als Fünfzehnjähriger- damals gesehen. Sie wurden irgendwann danach ausgeschlachtet und wurden sicher Monate (?) da- nach entfernt. Sicher könnte man all die Geschehnisse — April 1945, auch die sogen. Tief- fliegertätigkeit am Hermsdorfer Kreuz von ca. 8.00 bis gegen 20.00, trotz 4 Stück Vierlings- flak in der Nähe, sehr wahrscheinlich bedient von Luftwaffenhelfern, festhalten. Es war ab- solut schlimm. Kein Mensch in Hermsdorf traute sich auf die Straße! Z.B. wurde ich und die anderen Jungen meines Jahrgangs 1929 gemustert (!!). Das fand morgens ab 6.00 statt, im Rathaus in Hermsdorf. Nach Beendigung dieser „Zeremonie“ mit Befragung und Begut- achtung auch durch einen Arzt — Offiziere sowieso - konnte ich gegen 8.30 Uhr wieder gehen. Ich bin damals an den Häusern der Straße entlang langsam geschlichen, um von oben nicht gesehen zu werden. Ich sage es nochmal: ständig waren Flugzeuge - vor allem Light- nings und Thundebolts, ev. auch Mustangs — unterwegs und beschossen praktisch alles, was sich bewegte. Der Pfarrer von Hermsdorf hat ein Begräbnis auf dem Friedhof erst um 20.00 durchgeführt. Es war die besondere Zeit damals, die der Ort erleben musste. Es ließe sich wohl weiter ausbauen. Ähnliches gilt sicher für das ganze Territorium. Aber nun erst mal weiter mit meinen Ausführungen Ich war jener Besucher an jenem Januarabend,der als damals 15-Jähriger als „‚Hitlerjunge‘“ am Walpersberg arbeiten musste. Sie meinten, ich solle meine Erlebnisse und vielleicht auch Gedanken doch mal niederschreiben Ich tue es hiermit und weiß aber auch gleich, dass es doch nach fast 70 Jahren nicht ganz unproblematisch ist. Vieles ist verblasst, sicher in Ver- gessenheit geraten, konkrete Einzelheiten bis auf ein paar besondere Einzelheiten nicht mehr so präsent. Sicher habe ich damals so etwas wie Tagebuch geführt, ohne jedoch konkret zu Manchem (konkrete Arbeit, konkreter Tagesablauf usw.) Ausführungen machen zu können. Die wenigen Worte jedoch, die ich damals geschrieben habe, gebe ich jedoch an, ergänzt Jedoch mit Meinungen von mir, die mich das ganze Leben lang bisher begleitet haben. Selbst daran werde ich immer erinnert, dass damals auch keine Rücksicht auf meine Schul- ausbildung genommen wurde. Immerhin habe ich im Oktober 1944 bereits 4 Wochen „ge- fehlt“, weil ich einen Fluglehrgang besucht habe (mit 2 Flugprüfungen — neue A und B seinerzeit). Aber das nur mal so nebenbei. Nun aber — kurz- zum Walpersberg — Sie sagten doch am 16., ich möchte das doch mal schriftlich festhalten: In meinem Tagebuch habe ich damals geschrieben: „ 1.11. Einberufung zum Kriegsdienst erhalten.“ Und dann weiter: „2.11. 4.15 aufgestanden, zum Bahnhof gelaufen“ (ca. 15-20 Minuten) „Fahrt nach Göschwitz, dann Sonderzug bis Kahla, bis zum Walpersberg mar- schiert“ — ich sage heute: sicher nicht als Kolonne, sondern am Berg gingen wir, ca. 1500 Jungs aus der Region, an manchen Stellen — so erinnere ich mich oberflächlich — fast im Gänsemarsch, mehr als beschwerlichen Weg. Nun weiter im Text: „ bis zur Baustelle, Holz weggebracht“ ( welches?) „geschippt. Erst 15.00 kam Essen, Möhren. 16.15 wieder abge- rückt“ (es wurde sicher düster?). „ 19.15 wieder in Hermsdorf“ . „3.11. 4.15 aufgestanden, 15.00 Essen“. Dabei erinnere ich mich, an diesem 2. Tag dort , an folgendes doch grausame und brutale Erlebnis, das mich mein ganzes Leben begleitet hat und ich immer wieder vor meinen Augen hatte: In unmittelbarer Nähe, wo wir Jungen (an der zu bauenden Startbahn) geschippt haben, arbeiteten auch (möglicherweise) Italiener, in dürftiger Kleidung — so habe ich es irgendwie noch in Erinnerung - . Da geschah es wohl, dass diese Männer in einer Runde saßen. Wir Jungen waren neugierig und liefen zu dieser Runde. Da war mit Holzresten ein sogen. Dreibock aufgestellt, daran hing eine Blechbüchse, drinnen — der Größe der Büchse entsprechend — waren vielleicht 8 Kartoffeln, die zum Kochen mit einem kleinen Feuerchen drunter gebracht werden sollten. Wir paar Jungen waren wie gelähmt bei diesem Anblick. So haben wir unter diesem Eindruck nicht bemerkt, dass da plötzlich ein Mann, angezogen mit breiten Brecheshosen, großen Schafstiefeln versehen, angestürtzt kam, mit den Stiefeln an die Büchse latschte, dass sie 3 — 4 m weg flog und die Kartoffeln in die Gegend geschleudert wurden. Dann schlug er mit aller Gewalt mit einem Knüppel auf die Männer ein, die auseinander stiebten. So haben wir 15-Jährigen noch nie eine solche Situation erlebt — wir waren wie erstarrt, konnten all das nicht begreifen — und gerade das hat mich ein Leben lang begleitet. Erst wenige Jahre später habe ich dann ja mehr, viel mehr Einzelheiten von den Machenschaften dieses ehemaligen Staates, der SS schließlich und deren anderer Organisationen erfahren müssen, welche Greueltaten praktiziert wurden. Wie soll man es sonst nennen. Vielleicht könnte ich heute sagen, dass mich dieses abscheuliche Erlebnis mit geprägt hat. In meinem Tagebuch fand ich aber nun doch — gerade zu dieser Zeit Anfang November 1944 - keine weiteren Aussagen. Vielleicht hängt das doch mit meiner angespannten Lage, zeitlich gesehen, zusammen. Immerhin war ich ja — wie oben angegeben - täglich fast 15 Stunden auf den Beinen. Noch etwas zum Schluss, ich sagte es an jenem Abend schon: mein Cousin, Günther Leisering, auch Jahrgang 1929, war auch am Walpersberg, dann auch nochmal im März 1945. Er sagte mir, dass er „unten im Berg“ an der Me 262 am Leitwerk die Antenne anbauen musste. Als er mir das das erste Mal sagte, fand ich das durchaus sensationell, also hat es so etwas wohl auch gegeben. Günther ist vor rd. einem Jahr verstorben. Nähere Angaben sind also zu dieser Geschichte und dem Umfeld, wo er tätig werden musste, nicht mehr zu erfassen. Damit möchte ich meinen Kurzbericht beenden. Ich wünsche Ihnen und all Ihren Mitstrei- tern weitere gute Ergebnisse. / Herzliche Grüße | — if po N OLE (And \ LL hte go hy Ä As

Namen und Schlagwörter

  • Deutschland
  • Hitlerjugend
  • Hermsdorf
  • Walpersberg
  • Kahla

Quellen und Nachweise

  1. Zeitzeuge-Bericht Wolfgang Huehn 2014-01-29