Zeitzeugnis
Zeitzeuge Pößneck-Hundertschaft – Walpersberg / Bergplateau
An dem ersten Arbeitstag im November … sah man eine endlose, hell leuchtende Verebnung, deren Böschung von einer kaum zu übersehenden Menschenmenge abgepickelt wurde. Rolle: dienstverpflichtete Jugendliche | Zeitraum: Nov. 1944 | Ort: Walpersberg / Bergplateau | Hinweis: Erdarbeiten für die Start-/Rollbahn
Forschungsstand dokumentiert
Forschungsdatensatz
Dokumentierte Angaben
- Person
- Zeitzeuge Pößneck-Hundertschaft
- Rolle
- dienstverpflichtete Jugendliche
- Ort
- Walpersberg / Bergplateau
- Zeitraum
- Nov. 1944
Überlieferung und Kontext
Bei der Entscheidung des REIMAHG-Architekten SCHIRRMACHER (nach Aktenunterlagen
genannt bei LANGE [12]), die Startpiste für die in dem Stollenwerk gefertigten
zweistrahligen MESSERSCHMITT-Düsenjäger des Typs Me 262 auf dem Plateau des
Walpersberges anzulegen, war der erforderliche Arbeitskräftebedarf für dieses zusätzliche
recht aufwendige Bauvorhaben offensichtlich unterschätzt worden bzw. konnten die
hierfür notwendigen Kräfte nicht mehr bereitgestellt werden, es kam im Herbst 1944 zu
den ersten, wenn auch wenig effektiven Masseneinsätzen von Jugendlichen
(hauptsächlich
Schülern) im Alter zwischen 14 und 16 Jahren bei der REIMAHG kam. Diese
Arbeitseinsätze mit Hacke und Schaufel wurden anschließend bis Kriegsende in mehreren
Wellen wiederholt.
Auch dem thüringischen Gauleiter SAUCKEL, der den Bau der REIMAHG-Anlage im
Walpersberg als sein persönliche Prestigeobjekt gegenüber der Luftwaffenführung bzw.
dem Jägerstab betrachtete und mit aller, ihm gebotenen Mitteln forcierte, war es in
seiner Eigenschaft als "Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz während der
Kriegszeit" zu diesem Zeitpunkt offensichtlich auch nicht mehr möglich, Arbeitskräfte
"dank seines Amtes je nach Belieben" bereitzustellen, wie in verschiedenen
Veröffentlichungen behauptet. wurde. Daß die körperliche Arbeitsleistung der
Jugendlichen im 5. Kriegsjahr - auch auf Grund der Ernährung - nicht sehr hoch
eingeschätzt werden konnte, dürfte vermutlich auch der Bauleitung klar gewesen sein,
aber wahrscheinlich erhoffte man sich durch diese Masseneinsätze wenigstens doch noch
einen bescheidenen Leistungszuwachs, für den eben sonst keine personellen und
maschinellen Reserven mehr vorhanden waren.
Die ‚Entscheidung für den Bau der Startbahn auf dem Bergrücken fiel erst im August
1944, nachdem alle sonst noch denkbaren Möglichkeiten in der näheren Umgebung allein
auf Grund der topographischen Verhältnisse - als noch weniger geeignet verworfen
worden waren. Die Entfernung vom Werk zum Startplatz auf dem Berg war von allen
sonst eventuell noch denkbaren Möglichkeiten natürlich die kürzeste, was für diese
Entscheidung letztlich das ausschlaggebende Kriterium gewesen sein dürfte, auch wenn
für diese Lösung darüber hinaus noch der Bau eines technisch aufwendigen
Schrägaufzuges, auf der Südseite des Berghanges für den Transport der Flugzeuge aus
dem Werk auf die Startbahn erforderlich wurde.
Die ersten Luftbildaufnahmen der RAF-Aufklärer (Royal Air Force) des Walpersberges
vom 15. August 1944 zeigen, daß mit dem Kahlschlag des Waldes im Westen des
Bergrückens gerade begonnen worden war, gut sichtbar an dem freigelegten hellen
Untergrund, durch den, nach den Beschreibungen der Luftbildauswerterin Joan DAVID
[1], ein weiteres verdächtiges, vorerst aber nicht zu identifizierendes Bauvorhaben im
Rahmen der außergewöhnlichen Vorgänge am und rings um den Walpersberg deutlich
markiert war. Damit war die Aufmerksamkeit des Gegners in besonderem Maße erweckt,
zumal dieser zu jenem Zeitpunkt besonders nach Objekten suchte, die etwas mit der
erwarteten Raketenoffensive zu tun haben könnten. Kurioserweise zeigte nämlich die
Richtung der Startbahn, wie sich herausstellen sollte, genau auf London.
Der langgestreckte, annähernd horizontale Rücken des Berges maßte zur erforderlichen
Betonierung der Startbahn auf einer Länge von rd. 1.000 m zunächst planiert werden,
wozu von Norden nach Süden vorgehend - d.h. quer zur Längsachse des Berges - eine
Breitezwischen etwa 30 und 40 m von etwa null Metern im Nordosten bis zu ca. 4,5 m an
der Südkante (in der Nähe der oberen Station des Schrägaufzuges, wo einst der höchste
Punkt des Walpersberges bei 314,5 m U.NN lag), abzutragen war. Im Osten und Westen
wurde zur Verlängerung der Startbahn das gelöste Gesteinsmaterial mittels der damals
gebräuchlichen Standard-Feldbahnloren von ca. 600 1 Inhalt heran geschoben und
entleert, so daß haldenähnliche Verlängerungen des Plateaus in beiden Richtungen
entstanden. Zum Ausgleich der Breite wurde in die Einwölbungen des Süd- und
Nordhanges sowie in die Einschnitte von alten, aufgelassenen Werksandsteinbrüchen
weiteres Abtragungsmaterial verkippt.
Zur Hilfe für diese in kurzer Zeit zu bewältigenden Arbeitaufgabe es handelte sich um den
Abtrag von schätzungsweise 75.000 m3 Gesteinsmassen in situ (eventuell auch etwas
mehr), der im November 1944 etwa zu einem Drittel bis knapp zur Hälfte bewältigt war -
wurden nun die 14- bis 16-jährigen Schüler, d.h. alle jene, die noch nicht im Berufsleben
standen oder zu anderweitigen Kriegsdiensten verpflichtet waren, befohlen. Sie wurden
aus der engeren „ind weiteren Umgebung ( z.T. auch aus Sachsen), täglich per Bahn zu
dem Arbeitseinsatz "Startbahnbau" herangeholt.
Da diese An- und Abfahrten anfänglich ausschließlich mit den fahrplanmäßigen
Personenzügen der DR geschahen, bedeutete dies bei der kriegsbedingten geringen Zahl
von Zügen pro Tag z.T. lange Anund Abmarschzeiten, Aufenthalte auf Umsteigestationen
(wie z.B. in Orlamünde für die Pößnecker oder Jena für die Geraer u.a.) und auch
zusätzliche Fußmärsche von und nach dort und einen Arbeitstag von gut 14 bis 16
Stunden, was aufgrund der ungewohnten körperlichen Anstrengungen bei bescheidener
Ernährung nicht gerade als problemlos bezeichnet werden konnte.
Hinsichtlich der langen Fahrzeiten waren z.B. die Jungen aus Gera, die im November zur
gleichen Zeit mit den Pößneckern eingesetzt waren, noch erheblich ungünstiger dran
(LICHTWER [131,SEIDEMANN [181). Später gab es dann Sonderzüge (ENGELHARDT
[41), die z.B. von Pößneck unterer Bahnhof direkt bis Kahla durchfuhren und nach
Fertigstellung der Behelfsbahnsteige in Großeutersdorf auch dort hielten, von wo aus der
Weg zum Plateau und zu den übrigen Hauptbaustellen, insbesondere am Südhang des
Berges, am kürzesten war.
Die Einsitze der Jugendlichen wurden über die Gebietsführungen der HJ organisiert und
vom zuständigen Bannführer bzw. seinem Stellvertreter am Arbeitsplatz überwacht. Die
Pößnecker Hundertschaft (Bann 218 Rudolstadt) wurden durch einen Befehl der HJ-
Gebietsleitung Weimar vom 31. Oktober 1944 einberufen (Abbildung 1), welcher lautete:
(Kriegseinsatz der Hitler-Jugend auf einer Baustelle vom 2.11. bis 15.11.1944".
Dieser erste Einsatz wurde nach vier Arbeitstagen vorfristig ohne Angabe von Gründen
aber wieder abgebrochen (MÜLLER[151). Es kann nur vermutet werden, daß die
erbrachte Arbeitsleistung mit Hacke und Schaufel von den Halbwüchsigen ( meist ohne
die erforderlichen körperlichen Kräfte) so gering war, daß der zuständige Bauleiter dieses
Getümmel von Hunderten von Jugendlichen mit all den zusätzlich für ihn noch zu
bewältigenden Organisationsaufgaben in keinem vernünftigen Verhältnis zu dem
Gesamtaufwand mehr sah
vgl.Tabelle 1 aus MÜLLER [15]).Außerdem sollen Eltern,so hieß es später, Proteste bei
dem Schuldirektor in Pößneck gegen diese Arbeitseinsätze, vor allem wegen des Mangels
an geeigneter, bzw. nicht mehr beschaffbaren Arbeitskleidung (insbesondere von gutem
Schuhwerk und Regenschutz) und gegen die für die meisten doch zu schweren
körperliche Arbeit, vorgebracht haben (HEILIG [7]).
Dennoch aber wurden die Einsätze periodisch bis Kriegsende fortgesetzt, für die
Pößnecker im Februar und März 1945. Diesmal wurden die Jugendlichen nachts in einem
Stollen im Bereiche der alten, erweiterten und ausgebauten Porzellansandgrube
untergebracht, um die täglichen zeitraubenden und ermüdenden langen An- u. Abfahrten
auszuschalten (ENGELHARDT [4], HETTLER [8], PEITL [16]).
Andere Jugendliche, die zu längeren Einsätzen verpflichtet worden waren, wohnten in
einem der Barackenlager um Bibra, vermutlich in jenem, das im Zwabitztal stand, aber
noch nicht fertig gestellt war. Für Kuriere, die mit der Heranschaffung von Materialien
aus den Fabriken der Unterlieferanten des Flugzeugwerkes oder mit ähnlichen Aufgaben
betraut waren (meist ein bis zwei Jahre Ältere, die vom Wehrdienst freigestellt waren),
bestand Quartier in einem Fabrikgebäude in der Stadt Kahla, in welchem auch
Angehörige der OT untergebracht waren. Sie unterstanden dem Flugzeugwerk
AGO/MESSERSCHMITT im Berg direkt und besaßen Spezialausweise (ohne Lichtbild,
stattdessen mit Daumenabdruck), um die von flämischer SS bewachten Tunneleingänge
zum Werk passieren und um ungehindert auf der Reichsbahn die erteilten Aufträge
erfüllen zu können, wozu vor allem das überwachen der schnellstmöglichen Umladung
der mitgeführten Materialien auf den Umsteigebahnhöfen gehörte (LICHTWER [13]).
An dem ersten Arbeitstag im November marschierte die Pößnecker Hundertschaft,
welcher der Verfasser angehörte, in einer lang gezogenen Kolonne vom Bahnhof Kahla in
Richtung Ziegelei und von dort über den Berghang der Nordseite hoch bis auf das
Bergplateau. Man sah über eine, wie es schien, endlose, hell leuchtende Verebnung von
damals etwa 15 bis 20 m Breite, deren südlichen Böschung, durchschnittlich etwa 2,5 - 3
m hoch (s.o.), von einer kaum zu übersehenden Menschenmenge abgepickelt wurde. Die
gelösten Gesteinsmassen wurden mit der Schaufel auf Feldbahnloren geladen und - hier
im östlichen Teil der Planie - auf einer an der Ostseite nicht unbeträchtlich von der
Bergkante in das Saaletal hineinragenden Halde abgekippt, die durch das helle
Angeschüttete Gesteinsmaterial schon von weitem her auffällig sichtbar war. Sie war ein
besonderes Kennzeichen des Berges geworden.
Nahe unserem Arbeitsplatz, an der Nordkante des Plateaus, stand ein aus Beton und
Ziegeln errichtetes würfelartiges Bauwerk von 5 m Kantenlänge und ca. 2 m Höhe, auf
dem oben eine Seilumlenkrolle von etwa einem 3/4 m Durchmesser montiert war. Dieser
Klotz bildete das obere Bauwerk eines auf Schienen laufenden Materialaufzuges, der über
einen begradigten Streifen auf dem Nordosthang bis an die Straße reichte, die heute zum
nördlichen Eingang der Bundeswehranlage führt. Nach den verbliebenen Erinnerungen
war dieser Aufzug (Bremsberg) im November 1944 noch nicht in Betrieb.
An diesem Aufzugbauwerk (dessen Ruine heute noch vorhanden ist), mussten wir uns
am ersten Arbeitstag versammeln. Dort hielt uns ein Offizier einer Luftwaffen-
Baukompanie, offenbar der Kommandeurauf dem Bergplateau, eine Ansprache. Er
ermahnte uns zur gewissenhaften Pflichterfüllung und führte an, dass dieses Werk
baldigst fertig gestellt werden müsse, um die Wende des Kriegsglückes durch die
Schaffung einer neuen, den Feinden weit überlegenen Waffe, herbeiführen zu können.
Zur Erreichung dieses Zieles sei unser Einsatz sehr bedeutsam; andernfalls käme
Fürchterliches auf uns alle zu. Sein einziger Sohn sei in Russland gefallen und für ihn
selbst gebe es auch aus diesem Grunde jetzt nichts anderes mehr, als hier mit voller
Kraft zu wirken und auch wir sollten angesichts der bedrohlichen Kriegslage unser Bestes
für das Gelingen dieses außerordentlich bedeutsamen Vorhabens geben.
Da Anfang Mai 1944 der gesamte Bauapparat der Luftwaffe seitens GÖRING der OT
(Organisation Todt) zur Verfügung gestellt worden war, kann man annehmen, dass unser
Kommandeur ebenfalls der OT unterstand und im Offiziersrang der verantwortliche
Bauleiter für die zu errichtende Startbahn war.
In unserem Einberufungsbefehl (MÜLLER [15]) vorn 31.Oktober 1944 hieß es unter Punkt
3 (vgl. Abbildung 1):
Ausrüstung: Alle Teilnehmer sollen nach Möglichkeit mit Brotbeutel und Feldflasche zur
Aufnahme der Kaltverpflegung sowie des Waschzeuges versehen sein. Außerdem muss
jeder Teilnehmer an Arbeitsgerät entweder einen Spaten, Schaufel oder Rodehacke selbst
stellen und mitbringen. "
Nachdem sich zeigte, dass niemand das gewünschte Arbeitsgerät mitgebracht hatte,
wurden nach längerem Hin und Her Hacken und Schaufeln ausgegeben, die in großen
Kisten neben einer primitiven, aus Brettern zusammengenagelten Baubude ( die
offensichtlich das "Büro" des Bauleiters war), an dem über den Osthang in Richtung
Heerweg angelegten Trampelpfad standen. Dort wurden sie nach Arbeitsende wieder
eingesammelt und verschlossen.
Unsere erste Aufgabe war, den auf dem Nordhang dicht unter den seitlichen
Anschüttungen verbliebenen Humus weiter hangabwärts zu kratzen, was sich wegen des
dichten, feinen Wurzelwerkes zwischen den stehen gebliebenen Baumstümpfen praktisch
als unmöglich erwies und wahrscheinlich auch gänzlich überflüssig war.
Diese sonderbare Arbeit wurde aufgegeben und wir wurden dem riesigen Ameisenhaufen
der hackenden und schaufelnden mit den Planierarbeiten Beschäftigten zugeteilt und so
standen wir dann an allen weiteren Arbeitstagen neben einer großen Zahl von
italienischen Krieggefangenen ("Badoglios") in ihren grünlichen Uniformen.
Die beladenen Loren wurden meist unter lautem Gebrüll der Beteiligten angeschoben,
dann wurde aufgesprungen und mit unterschiedlichen Erfolgen versucht, so bis zur Kippe
mitzurollen, weil eine vorhandene Feldbahn-Diesellok oft nicht funktionierte oder
irgendwo im westlichen Teil der Planie fuhr. Häufiges Entgleisen der Loren auf den wegen
des häufig notwendigen Rückens nur provisorisch verlegten Schienen war die
unausbleibliche Folge, wobei das Wiedereinhebeln der beladenen, schweren Loren mittels
eines Ladebaums jedes Mal unter weithin hörbarem Gegröle erfolgte.
Nach Erinnerungen des Verfassers stand anfangs November nur ein Bagger an der
abzugrabenden Wand etwa in der Mitte des Plateaus, der auf unbekanntem Wege,
möglicherweise auch in Teilen, über den am Nordhang Hochlaufenden schmalen Waldweg
transportiert worden war. MEYER [14] vermerkt zu dieser Frage in seinem Bericht:
"Dazu wurden wahre Ungetüme von Baggern eingesetzt. Diese auf die Bergeshöhe zu
schaffen, kostete schon große Mühe, noch schwieriger aber war das Hinunterschaffen."
An anderer Stelle gibt MEYER an, dass insgesamt 23 Großbagger am Walpersberg im
Einsatz standen, weshalb es als gesichert angesehen werden kann, dass nach unserem
Einsatz im November noch weitere Geräte auf das Bergplateau gebracht worden sind.
In unserem Arbeitsbereich hantierten noch einzelne russische Kriegsgefangene, u. a. mit
dem Anspitzen einer großen Zahl kleinerer Pfähle, die wahrscheinlich zum Abstecken
benötigt wurden. Auch schleppten sie zeitweise zu zweit auf einer Trage jeweils einen
Zementsack vom Heerweg über den erwähnten Trampelpfad zum Plateau für
irgendwelche, uns nicht sichtbare Arbeitsstellen herauf, wobei es sich wahrscheinlich um
den Bau des oberen Widerlagers und der Maschinenkammer für den Flugzeug-
Schrägaufzug an der südlichen Plateaukante gehandelt hat.
Diese Ar«,-' des Zementtransportes deutet ebenfalls darauf hin, daß der erwähnte
Materialaufzug am Nordhang zum Zeitpunkt unseres ersten Einsatzes Anfang November
noch nicht fertiggestellt war. Die Betonierung der Piste begann später, wobei der Zement
und Kies, oder der Fertigbeton dann zum größten Teil mit diesem Aufzug hochgeholt
wurde (CIOS [3]).
Insgesamt waren während unseres November-Einsatzes schätzungsweise täglich etwa
800 Menschen mit den Abtragungs- und Planierungsarbeiten auf dem Bergrücken
beschäftigt. Wie es subjektiv empfunden wurde, gingen diese Arbeiten nur schleppend
voran. Abzutragen waren durch sandiges Material mehr oder weniger stark verbackene
alteiszeitlicher Saaleschotter, die als Kappe den gesamten Bergrücken abdeckten und
zwar (wahrscheinlich auf der gesamten Länge des Ber(ges) bis auf die darunter liegende
etwa 10 m mächtige Sandsteinbank, die in einigen Brüchen sowohl am Nord- als auch
am Südhang . dicht unter Plateaukante - früher als vielgebräuchlicher Werkstein
gewonnen wurde.
Nach Westen fallen diese Schichten sanft ein (auf 1.000 m um rd. 10m), so daß auch die
auf ihnen errichtete Startbahn - in Richtung Westen gesehen - schwach abfiel. Die
Startbahn hatte, vorwiegend durch diese geologische Gegebenheit bedingt, im
fertiggestellten Zustand also keine wirklich horizontale Lage.
An Stellen, an denen der Untergrund verdichtet werden mußte, wurde eine, meist von
einem Italiener bediente (damals recht gebräuchliche) schwere Explosionsramme
eingesetzt, die über einen Steuerbügel geführt wurde. Diese arbeitete während unserer
Arbeitstage im November unter dem ihr eigenen unverwechselbarem Lärm im mittleren
und westlichen Teil der Planie (SEIDEMANN [18]).
In Bereichen, wo die abzutragenden Schotter zu hart verbacken waren, wurden sie
gesprengt. Die Bohrlöcher wurden mit einer kleinen Vertikalbohrmaschine, wie sie zum
Abstrossen in Steinbrüchen verwendet wird, hergestellt. Das Sprengen und in Deckung
gehen war jedes Mal ein Erlebnis und eine willkommene Arbeitsunterbrechung. Ein Teil
des gewonnenen Schotters wurde wahrscheinlich abgesiebt und für die spätere
Betonierung der Rollbahn zurückbehalten.
Wie viele Kubikmeter der anstehenden Schottermassen täglich bzw. pro Mann und Tag
abgetragen wurden, ist nicht bekannt und sehr schwer rekonstruierbar. Die erbrachten
Leistungen können nur ungefähr abgeschätzt werden:
Ein angenommener Gesamtabtrag von rd. 75.000 m3 in situ in einem Zeitraum von etwa
sechs Monaten entspräche einer Durchschnittsleistung (Sonntage eingeschlossen) von rd.
420 m3 pro Tag, bei 800 Arbeitskräften rd. 1/2 Kubikmeter pro Mann, was bei
einigermaßen mit der Hacke gut lösbaren Gesteinen eine außerordentlich geringe
Leistung wäre, an der jedenfalls in einem 8-Stunden-Tag niemand zusammengebrochen
sein könnte. Obendrein wären noch die Leistungen der Bagger abzuziehen, die nach dem
damaligen Maschinenstandard bei schätzungsweise 25 m3 pro effektiver Einsatzstunde
und Gerät gelegen haben könnten. Man kann deshalb schwer den Darstellungen Langes
[12] folgen, in denen er nach einer Niederschrift von F. STEMLER, einem polnischen
Zwangsarbeiter der REIMARG, mit folgenden Worten die erbrachten Leistungen zitiert:
"Für die Ausschachtung eines Kubikmeters Erde rechnet man normalerweise 7 Stunden,
hier mussten 27,5 Stunden einkalkuliert werden." Woher STEMLER diese Angaben
bekommen haben will, sei dahingestellt, auch was er mit "Erde" genau meint, zumal
unter diesem Begriff in erster Linie Lockermaterial verstanden wird und ob er hier die
grundsätzlich sehr unterschiedlichen Unter- oder Übertageleistungen angesprochen hat
usw.
Gemäß Angaben im Standardlehrbuch der Bergbaukunde von HEISEHERBST-FRITZSCHE
(10. Auflage 1962, S. 6), heißt es im Kapitel "Schürfgräben, Schürfstollen und -
schächte":
"Die Kosten der mit Hacke und Schaufel herzustellenden Schürfgräben kônnen auf der
Grundlage einer Leistung von durchschnittlich 4m3 je Mann und Schicht errechnet
werden."
[Anmerkung des Verfassers: Für eine vollwertige Arbeitskraft natürlich und wobei eine
Schicht mit kaum mehr als mit 7 Stunden effektiver Arbeitszeit gerechnet werden kann].
Woraus sich unter normalen Arbeitsbedingungen und für mit Hacke und Schaufel
lösbares Gestein bei LANGE [12] 7 Arbeitsstunden pro Kubikmeter herleiten lassen, d.h.
ein rd. 4,3facher Zeitaufwand, bleibt unbekannt. Darüber hinaus wurde aber nach den
Angaben von STEMLER der Aushub eines Kubikmeters bei der REIMARG nicht nur mit 7
sondern mit 27,5 Stunden kalkuliert, also mit der rd. 16,5mal längeren Arbeitsdauer
gegenüber oben angegebenem Normwert aus der Bergbaukunde.
Nach STEMLERs Kalkulationswert hätten die Planierungsarbeiten für die geschätzten
75.000 m3 2.062.500 Arbeitsstunden erfordert, die von 800 ständig zur Verfügung
stehenden Arbeitskräften erst in 368 Arbeitstagen (bei 7 effektiven Arbeitsstunden pro
Mann und Tag) hätten vollbracht werden können.
Tatsache hingegen ist, dass die gesamten Planierungsarbeiten einschließlich der
Betonierung der Startbahn selbst von 1.000 m Länge,30 m Breite und rd. 30 cm Stärke,
bis auf geringe Restarbeiten, Mitte Februar 1945, d.h. ziemlich genau nach einem halben
Jahr Arbeitszeit, abgeschlossen waren. Die Arbeitsleistungen, bzw. die Zahl der
durchschnittlich eingesetzten Arbeitskräfte müssen insbesondere im Hinblick auf die hier
noch abzuziehenden großen Baggerleistungen andere, bzw. recht unterschiedlich
gewesen sein, andere jedenfalls als die von LANGE zitierten. Im Zweischichtbetrieb, falls
in einem solchen gearbeitet worden sein sollte, d.h. mit 2 x 800 Arbeitskräften und je 7
effektiven Arbeitsstunden pro Schicht, würde sich etwa ein halbes Jahr Bauzeit
errechnen, bei der aber ebenfalls wieder die Baggerleistungen hinsichtlich der Leistung
pro Mann und Schicht berücksichtigt werden müssten.
Bereits kurz nach unserem Eintreffen auf dem Berg machten wir mit einem ebenso
höchst unappetitlichen wie unbegreiflichen Zustand Bekanntschaft, der während der
gesamten Bauzeit, d.h. bis Mitte April 1945 anhielt, allen dort Beteiligten unvergesslich
blieb und am Ende mit zu schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen,nämlich
verschiedenen epidemischen Krankheiten, unterschiedslos bei allen Anwesenden führen
sollte:
Am ersten Arbeitstag,der kühl und leicht regnerisch war, wollten wir uns in dem Wald am
Nordhang aus den zahlreichen abgeschlagenen Kiefernästen der gerodeten Bäume eine
Hütte zur Unterbringung unserer Kleidung und Brotbeutel errichten. Aber wohin man
auch am Berghang trat, man trat in menschliche Exkremente, in einer Zahl, die einfach
unvorstellbar war und dementsprechend war auch der Gestank, der ständig durch den
Kiefernwald zog und nach mehreren Aussagen ungebrochen bis zum Kriegsende anhielt.
Diese Tatsache, die vorsichtig formuliert nur als eine absolut unverantwortliche
Nachlässigkeit bezeichnet werden kann, war insofern völlig unbegreiflich, als es doch mit
einfachen Maßnahmen möglich gewesen wäre, die erforderliche Sauberkeit notfalls durch
Befehl zu erzwingen. Weshalb auch die Bauleitung dieser laufenden Verunreinigung völlig
tatenlos zusah ohne offenbar daran zu denken, dass durch Ausbreitung von Seuchen der
gesamte Baubetrieb aller Wahrscheinlichkeit nach leichter lahm zu legen gewesen wäre
als durch ein Bombardement aus der Luft, bleibt unfassbar. Möglicherweise war bei den
Verantwortlichen schon die Erkenntnis eingezogen, dass es sowieso für dieses Vorhaben
"zu spät" sei und so ließ man eben die Zügel schleifen, auch unter Inkaufnahme eines
nicht geringen eigenen Infektionsrisikos.
Immerhin versuchte wenigstens unser verantwortlicher Bannführer diesbezüglich
gegenüber seinen ihm unterstellten Pößnecker Jungen in einem Für den zweiten
Arbeitstag am Freitag, den 3.11.1944 erlassenen Tagesbefehl etwas mehr Ordnung in
diesen unbegreiflichen Zustand Zu bringen (MÜLLER [15]). Punkt 5 seines schriftlich
erlassenen Befehls lautete deshalb (vgl. Abbildung 2):
"Jeder Hundertschaftsführer sorgt im Verlauf des 3.11.44 für die Errichtung einer
behelfsmäßigen Latrinenanlage. Der Platz derselben ist den Jungen bekannt zu geben. Es
ist dafür zu sorgen, dass der Wald nicht verunreinigt wird, und dass sonstige am
Bauplatz vorhandene-Arbeiter dieselben nicht benutzen."
Unsere Latrine entstand daraufhin im Kiefernwald des nördlichen Berghanges, etwa 80 m
hangabwärts von der Plateaukante, wenig westlich des Materialaufzuges. Als sie fertig
war, wurde sie sofort von den italienischen Kriegsgefangenen frequentiert. Daraufhin
wurde die mühselig erstellte Anlage aus Angst vor irgendwelchen ansteckenden
Krankheiten von uns nicht mehr benutzt. Der dringend notwendige und angeforderte
Chlorkalk wurde auch nicht angeliefert und so blieb es eben bei dem bisherigen Zustand.
Allmählich traten infolge dieser bei der Ansammlung größerer Menschenmassen gegen
alle hygienischen Minimalerfordernisse verstoßenden Verhältnisse (beschleunigt durch die
kalten Wintermonate und die immer schlechter werdende Ernährungslage),fast wie zu
erwarten mehr und mehr epidemische Darmerkrankungen auf, u.a. auch Typhus, die im
März auch bei den in den Lagern bei Bibra untergebrachten Jugendlichen zu einem
beachtlichen Krankenstand, Entlassungen nach Hause bzw. zu Quarantäne führten.
Besonders unter den Fremdarbeitern ist ein höchst bedenklicher Krankenstand im Monat
März mit sehr zahlreichen Todesfällen festzustellen (LANGE [11]). Von diesen Seuchen
waren Ende März mehr oder weniger alle, die am oder im Walpersberg arbeiteten,
betroffen bzw. in der einen oder anderen Weise mit diesen Infektionskrankheiten
konfrontiert.
Zur Behandlung von Verletzungen, die bei der Arbeit auftraten, war für die Jugendlichen
die Sanitätsstation nahe dem am Nordosthang liegenden, von Stacheldraht eingezäunten
Barackenlager für die italienischen Kriegsgefangenen zuständig. Der dort Diensttuende
Arzt war ebenfalls Italiener. In der Baracke standen eine Reihe von Betten, die mit
weißer Wäsche überzogen waren und in einem bemerkenswerten Kontrast zu dem
übrigen Schmutz auf dem Berg standen (ENGELHARDT [4]).
Dicht unterhalb unserer Arbeitsstelle stand auf einer Schneise des Südhangs ein neues,
ständig verschlossenes solides, Teilunterkellertes Blockhaus, um dessen Bedeutung viel
gerätselt wurde. Die Gerüchte verkündeten, es gehöre Reichsmarschall GÖRING, dem
Oberbefehlshaber der Luftwaffe, der mit leitenden Persönlichkeiten des Jägerstabes am
10.Oktober 1944, also kurz vor unserem Einsatz,der REIMAHG einen Besuch abgestattet
hatte. Das Neuerrichtete Haus war jedoch Bestandteil des Werkes und diente Gauleiter
SAUCKEL, dem allmächtigen Bauherrn, als Quartier oder Büro bei seinen Besuchen.
Während unserer Aufenthaltstage im November zeigte sich jedoch niemand in diesem
Blockhaus. Es gab keine prominenten Besucher, die sich Faber unsere Arbeitsresultate
informieren wollten.
Normalerweise erreichten wir von Pößneck gegen halb 8 Uhr die Baustelle, zu einem
Zeitpunkt, der sich wegen der nicht mehr so pünktlich fahrenden Züge nicht täglich
genau einhalten ließ. An einem Tag mussten wir wegen Zugausfalls vom Bahnhof
Orlamünde aus zum Berg marschieren und kamen deshalb entsprechend spät an
(Entfernung ca. 3,2 km bis auf das Plateau). Offizieller Arbeitsschluss war 16.30 Uhr.
Danach ging es, meist unter nicht zu überhörendem Johlen, in Gruppen ohne
Marschordnung zum Kahler Bahnhof, wo es dann wieder zu einer großen Ansammlung
der Jungen mit entsprechendem Lärm kam, bevor endlich die erwarteten Züge einrollten
und von rieseln Massen, entgegen aller Befehle, unter Gebrüll "gestürmt" wurden. Der
Tagesbefehl (Abbildung 2) vom 3.November 1944 vermerkt u.a. deshalb nicht grundlos
unter Punkt 12:
"Auf dem Bahnhof wird in größter Disziplin die Besetzung der Züge durchgeführt. Die
Hundertschaftsführer sind verantwortlich. ".,
Wann dann das heimatliche Pößneck endlich erreicht wurde, war mehr oder weniger
immer unbestimmt. An einem Abend zogen wir z.B., wegen endloser Zugverspätung und
um dem zermürbenden Warten auf dem Umsteigebahnhof Orlamünde zu entgehen, in
der Dunkelheit noch bis nach Langenorla, wo uns dann endlich der Zug einholte. ,
Frühstückszeit war ' von 9.30 bis 9.50, Mittagspause von 13 bis 14 Uhr. Ein Bauer
brachte auf einem mit Stroh bedeckten Leiterwagen (Pferdegespann) die Essenkübel auf
die Baustelle, aus denen für alle das gleiche Essen, meist eine Art Kartoffelsuppe, auch
mit ein paar kleinen Fleischstückchen, ausgeschenkt wurde. Wer nicht zu Hause durch
einen landwirtschaftlichen Betrieb o.ä. ernährungsmäßig etwas besser gestellt, d.h. also
ausschließlich auf seine Lebensmittelkartenrationen angewiesen war, für den war der
körperliche Einsatz mit Hunger verbunden, weshalb das Mittagessen auch, gern
entgegengenommen wurde. Daß das Essen wegen Ungenießbarkeit in den Sand
geschüttet worden sei (wie von einem anderen Teilnehme-,- beschrieben und von LANGE
[12] zitiert wurde), 'konnten weder Verfasser noch die von ihm Befragten irgendwann
beobachten. Es dürfte, sich wohl um einen Ausnahmefall gehandelt haben. LICHTWER
[13] bezeichnet bei seinen längeren Einsätzen' die 'warmen Mahlzeiten "weder als gut
noch als schlecht" (meist Kohlsuppen), die abendliche Kaltverpflegung war gemäß den
damaligen Ernährungsverhältnissen sehr ordentlich".
Im übrigen wurde nach den Erinnerungen von Zeugen, die im Februar, 1945 zu einem
weiteren Arbeitseinsatz kommandiert worden waren,das gleiche Essen auch an die
Italiener*), überhaupt an alle, die beim Startpistenbau beschäftigt waren, ausgegeben,
indem sich die Mannschaften durch eine sich nach vorn verjüngende, einem Viehpferch
ähnliche Lattenkonstruktion**) zur Ausgabestelle zwängen mußten, an der SA-Männer
"aus SAUCKEL's Garde" (LANGE [11]) Aufsicht führten***) und schickanös u.a. auf den
richtigen Sitz der HJ-Armbinde achteten und sich wie wild gebärdeten, wenn sich diese in
dem Gedrängle verschoben hatten (HÜTTNER [9]).
*)Andere Angaben gehen dahin, daß die Italiener sich ihre Mahlzeiten in einer eigenen
Küche selbst bereiteten und gegenüber anderen sogar Weißbrot erhielten. , Auch die
Franzosen sollen ihre eigene Küche betrieben haben. Möglicherweise gab es nur für die
auf dem Bergplateau Arbeitenden bezüglich. der warmen Mahlzeit - wegen ihrer großen
Anzahl- eine einheitliche Versorgung.
**)Im November bestand nach eigenen Erinnerungen eine solche Lattenkonstrution für
die Essensausgabe nicht , auch gab es zu dieserZeit keine SA-Männer als
Aufsichtspersonen auf dem Bergplateau.Im Februar waren nach ENGELHARDT [4],
offenbar wegen der Anwesenheit von Arbeitshäftlingen, Wachleute mit Hunden auf dem
Bergplateau..
Bei Fliegeralarm, mußte der aus der Luft gut sichtbare Bauplatz geräumt werden.
Bestimmte Stollen des rd. 80 m unter dem Niveau des Bergplateaus liegenden Werkes
wurden als Schutzräume zugewiesen. Der unsrige lag in einem Zugang auf dem
Nordhang, mitten zwischen den Bäumen (Kiefern) und hatte zu diesem Zeitpunkt noch
keinen seitlichen Zufahrtsweg. Vermutlich war es jene Öffnung, die heute das nördliche
Hauptportal zur Bundeswehranlage bildet.
Bei unserem dortigen Erscheinen fanden wir stets zwei kräftige Ukrainerinnen vor
(offensichtlich gut genährt), die auf einer der Standard-Feldbahnloren Sand aus dem
Tunnel fuhren und diesen direkt vor dem Portal abkippten. Gegen deren kräftige
Gestalten wirkten die meisten von uns körperlich recht "mickrig".
Der hier angesetzte Stollen war nicht allzu lang und endete zu dieser Zeit wahrscheinlich
noch blind in dem Berg. An den Ulmen hängende elektrische Lampen (Glühbirnen mit
flachen, emaillierten Lampenschirmen) erhellten mäßig die Räumlichkeiten. Eine nach
rechts, in westliche Richtung abgehende, leicht nach Süden gekrümmte Abzweigung, die
nach etwa 30 m endete, war unser Luftschutzraum, der noch nicht ausgebaut, d.h. mit
Spritzbeton ausgekleidet und sohlbetoniert war. Er stand roh in dem gelblichen bis
hellbraunen, subjektiv gesehen, recht massiv wirkendem Sandsteingebirge. Wenn die
schweren Flak-Batterien in Jena schossen, rieselte allerdings das sandige Lockermaterial
von der Firste und den Stößen, was die unterirdischen Aufenthalte etwas unbehaglich
machten.
Durch den Stollen zog stets der typische Geruch von Sprenggasen. Im Übrigen rührte
sich zu unserem Bedauern nichts in diesem Bereich der geheimnisvollen Untertagewelt,
da wir aus Neugier und Interesse wissen wollten, was nun eigentlich genau in diesem
Berg geschah. Wir, lediglich zum Schippen auf beim Startbahnbau eingesetzten
"Hilfsarbeiter", erfuhren nichts Konkretes über das unterirdische Werk und konnten uns
ausschließlich nur an den umlaufenden Gerüchten mehr schlecht als recht orientieren, da
diese gewöhnlich immer nur zu einem Teil den Tatsachen entsprachen.
Bei dem Auftritt derartig großer Massen von Jugendlichen blieb es nicht aus, dass alle
möglichen Kraftakte aus Übermut provoziert wurden, die u.a auch aus dem befreienden
Gefühl, der Schule entronnen zu sein, ganz zwangsläufig entstanden. Aus diesen
neuartigen Lebensumständen heraus entwickelte sich eines Tages ein Duell mit kleinen
Lehmklumpen mit den "Badoglios", dem ein älterer Italiener jedoch sehr schnell mit
seinem energischem Auftreten ein Ende setzte (HEILIG [7]). Johlen und Grölen, auch aus
nichtigen Anlässen, blieben, fast wie zu erwarten, nicht aus und begleiteten den
gesamten eintönigen Tagesablauf. So erinnert sich auch der Kahlaer Stadtbaumeister
Albert MEYER [14] in seiner Niederschrift über "Kahla und das REIMAHG-Werk"
hinsichtlich des Startbahnbaus auf dem Berg wie folgt:
"Zu deren Herstellung waren auch Jenaer Schulknaben mit eingesetzt, deren
hervorragendste Eigenschaft wohl der gräuliche Lärm war, den sie dort oben vollführten.
Man konnte ihn drüben in Lindig*) hören. "
*)Entfernung in Luftlinie gemessen: 3 km.
Es gab auch Verweise von der Bausteile wegen ungebührlichen Benehmens oder z.B.
wegen des Tragens unerwünschter Kopfbedeckungen, welches damit begründet wurde,
keine andere geeignete Arbeitskleidung mehr zu haben. Solche war im 6. Kriegsjahr auch
kaum noch zu beschaffen, vor allem keine wetterfesten Kleidungsstücke und
das dringend benötigte feste Schuhwerk. Als Entschädigung für den Kleiderverschleiß
sollte im Übrigen jeder pro Einsatztag 1.- RM ausgezahlt bekommen (s. Abbildung 1,
Punkt 6), was aber in unserem Falle, soweit erinnerlich, niemals geschah.
Befohlen war gemäß Punkt 2 des Einberufungsbefehls (und auch streng kontrolliert) das
Anlegen der HJ-Armbinde, um uns in dem unübersichtlichen Völkergetümmel auf dem
Berg kenntlich zu machen. Diese am linken Ärmel getragene Binde verschaffte uns auf
den Bahnhöfen. freien Weg durch die Bahnsteigsperren, was ein völlig neuartiges
"souveränes" Gefühl gegenüber den bis dahin gewöhnten Schulzwang in uns erweckte,
hier speziell im Hinblick auf die sonst peinlich genauen Fahrkartenkontrollen, wie sie zu
dieser Zeit noch immer auf allen Bahnhöfen mit aller Gründlichkeit durchgeführt wurden.
Ein gewisser neuartiger Freiraum war also überraschend geschaffen worden, der - für
andere eben auch weithin deutlich und störend hörbar - durch jugendliches Geschrei und
Getobe ausgefüllt wurde.
Wachmannschaften für die italienischen Kriegsgefangenen - für die unsere
Kennzeichnung mit der Hakenkreuzbinde noch von größerer Bedeutung hätte sein
können (vgl. oben), waren auf dem Bergrücken, zumindest an den Tagen unserer
Anwesenheit im November, nicht zu sehen. Auch war das gesamte Gelände am Fuße des
Berges nicht abgesperrt. Man konnte deshalb, zumindest am Ost- und Nordhang,
unkontrolliert alle Pfade zum Bergplateau passieren.
Irgendwelche Beobachtungen über Drangsalierungen oder brutale Tätlichkeiten gegen
Kriegsgefangene oder die übrigen in großer Zahl beschäftigten Fremd- und
Zwangsarbeiter, wie sie generalisierend immer wieder in gewissen Veröffentlichungungen
seit Jahrzehnten in ständiger Folge wiederholt werden, konnte an unseren Einsatztagen
jedenfalls nicht beobachtet werden. Das Pickeln und Schaufeln -floß in einem mehr oder
weniger zwanglosen, sich von selbst regulierendem, trägen Rhythmus dahin.
In Erinnerung geblieben ist, dass die Italiener an den kühlen Tagen immer wieder
versuchten, offene Feuer zu entfachen, aus nassem Holz, Teerresten und anderen
umherliegenden Materialien, wodurch jedes Mal deutliche Rauchfahnen hochstiegen. Dies
nahm der Luftwaffen-Bauleiter zum Anlass, schreiend unter Drohgebärden
herbeizurennen, um mittels einer Schaufel in die Feuerstelle zu schlagen und danach die
Rauchquelle mit seinen Stiefeln auszutrampeln.
Diese Handlung war wegen des Verdachts auf absichtliches "Rauchzeichens begründet,
zumal sich feindliche Flugzeuge in dieser Zeit des Krieges fast ständig irgendwo am
Himmel befanden und wegen meist einzeln fliegenden Aufklärer schon seit geraumer Zeit
kein Fliegeralarm mehr gegeben wurde (höchstens der so genannte "VoralariTi", bei dem
weitergearbeitet werden musste). Feuermachen auf der Baustelle war deshalb verboten.
Diese Anordnung hatte mit Sicherheit auch die Italiener erreicht; dennoch widersetzten
sie sich und forderten somit wiederholt den Aufsichtsführenden Personen zwangsläufig
heraus.
Zu der Angelegenheit des hier erwähnten wütenden Auftretens des Bauleiters gegen das
wiederholte, verbotene Feuermachen der Italiener sei auf eine Darstellung von LANGE
[121 hingewiesen, in der er unter Bezugnahme auf einen Zeitungsartikel von M. THIELE
in "Das VOLK" (Organ der Bezirksleitung Erfurt der SED vom 3.2.65) schreibt
" Während der Arbeiten auf der Betonpiste erschlug d
ie deutsche Arbeitsaufsicht einen ausländischen Arbeiter. Fluchend trat er [sie] auf dem
leblosen Körper herum, bis die Leiche von zwei anderen zur Seite getragen wurde."
Zu dieser Darstellung erscheinen zwei Fragen angebracht,und zwar ob a) der. Bauleiter
(wenn es sich um den unsrigen gehandelt haben sollte),wegen dieser ständigen
Wiederholungen des Feuermachens nicht einmal die Nerven durchgegangen sind oder ob
b) es sich bei dem möglicherweise aus der Ferne nicht richtig zu beobachtenden Vorgang
nicht vielmehr um das mit der Schaufel und durch Austrampeln praktizierte Feuerlöschen
der zitierten Arbeitsaufsicht gehandelt hat?
Die Hundertschaft 9 Pößneck mit einer Sollstärke von 103 Mann hätte während der
Einsatztage vom 2.- 7.11.1944 bei 100%iger Bereitschaft 412 Mannschichten leisten
können, erreicht wurden jedoch nur 334, d. h. 81% (vgl. Tabelle 1, MÜLLER [151). Die
Sollstärke sank von Arbeitstag zu Arbeitstag weiter ab. Die abnehmende
Arbeitsbereitschaft beruhte z.T. auch auf der schlechten Wetterlage. Ähnlich werden die
Kräfteverhältnisse auch bei den Hundertschaften aus den anderen Orten gewesen sein.
Ein weiterer Einsatztermin für die Pößnecker war vom 6.2. - 9.3.1945, d.h. sechs Wochen
lang*), wobei die Unterbringung in den Werksstollen und z.T. auch in dem
Neuerrichteten, jedoch noch nicht vollständig fertigem Wohnlager im Zwabitztal bei Bibra
war. Das Lager konnte angeblich 1.000 Bewohner aufnehmen. (Wahrscheinlich aber
zusammen mit dem Lager im Schindlertal, die beide später der Aufnahme von
Belegschaftsmitgliedern des Flugzeugwerkes dienen sollten).
*) An diesem Einsatz hat Verfasser nicht teilgenommen, da er mittlerweile in das
Torpedoarsenal Mitte, Rudolstadt, dienstverpflichtet worden war. Die hier gemachten
Angaben beziehen sich im Wesentlichen auf die hinten zitierten mündlichen und
schriftlichen Angaben seiner Klassenkameraden und anderer, die in dieser Zeit wieder
zum Walpersberg befohlen worden waren.
Auch die gleichaltrigen und etwas älteren Schülerinnen wurden im Februar in größerer
Anzahl zum Arbeitseinsatz bei der REIMARG verpflichtet. Ihre Aufgabe war es, den
Einsatz der Jungen zu unterstützen, d.h. die Wohnbaracken zu warten und im
Küchendienst zu helfen (CEBULLA [2], PEITL[16]). Während dieses Einsatzes erlebten sie
nach HETTLER [8] am 21. Februar 1945 13,35 Uhr den Start des ersten Me 262-
Düsenjägers aus der REIMAHG-Produktion. Nach CEBULLA [2] und GÜGOLD [5] erschien
zur Abholung der Flugzeuge wiederholt ein kriegsversehrter, beinamputierter Pilot der
Luftwaffe auf einem Motorrad. Nach den damals umlaufenden Gerüchten konnte nicht
eindeutig darauf geschlossen werden, dass die Flugzeuge zum Einfliegen fand zur
weiteren Ausrüstung ausschließlich nach Zerbst geflogen wurden (vgl.u.a.RADINGER,
SCHICK [17] und JURLEIT [10]). So wurde u.a. behauptet, dass die Flugzeuge z.T. auch
auf den Flughafen Erfurt überführt würden, was jedoch nicht den Tatsachen entsprach.
Die Lager bei Bibra waren noch nicht fertig gestellt (zweigeschossige Steinbaracken. ), es
mangelte u. a. noch an der Installation von Wasser, das deshalb mit Eimern von den
Zapfstellen vor den Baracken herangeschleppt werden musste. Auch hier war die
mangelhafte Hygiene das besondere Charakteristikum: Die Toilettenanlagen waren
primitivst und außerhalb der Gebäude.Zum Schlafen dienten Strohsäcke und Wolldecken.
Die Räume waren mit einfachen Holzmöbeln ausgestattet ( üblicherweise mit
Doppelstockbetten, Spinden, Tischen und Stühlen) und wurden mittels der eisernen
"Kanonenöfen" geheizt, an denen nicht nur die nassen Kleider getrocknet sondern auch
das Gebrauchswasser erhitzt und das trockene Kommissbrot mangels Aufstrich geröstet
wurde. Das Lager stand noch inmitten von Schlamm und Dreck (Abbildung 4), es gab
noch keine befestigten Wege zwischen den Baracken, weshalb sich auch hier der Mangel
an festem Schuhwerk für die meisten der Jugendlichen besonders unangenehm
bemerkbar machte.
Dieser zweite Jugendeinsatz wurde Anfang/Mitte März wegen der immer mehr
epidemisch um sich greifenden Darmerkrankungen und ausbrechendem Typhus
abgebrochen(CEBULLA[2], ENGELHARDT[4] HADRICH[6], PEITL[16]).
Von den im Februar/März 1945 in den Lagern um Bibra lebenden Jungen wurden einige
auch für Kurierdienste und andere leichtere Arbeiten auf dem Baugelände eingesetzt
(HÄDRICH [6]). Die meisten aber waren nach wie vor zum Schippen auf der Rollbahn, ein
Schippen, das - wie es schien - kein Ende nehmen wollte, obwohl etwa Mitte Februar die
Betonierung der Startbahn praktisch abgeschlossen war und nur noch Restarbeiten
anstanden. Ein Teil der abzutragenden Gesteinsmassen steht auch heute noch als
Böschung an der Südkante des Plateaus. Wahrscheinlich sollten sie als strategische
Reserve dort verbleiben, um für den Fall von Sprengbombeneinschlägen auf der
Startbahn Material zur Wiederauffüllung der Trichter zur Verfügung zu haben.
Soweit die; Jugendlichen nicht in den Lagern um Bibra untergebracht werden konnten,
schliefen sie in einem Blindstollen im Bereiche der ehemaligen und nun erweiterten und
ausgebauten Porzellansandgrube unter dem Südosthang des Berges. Dieser hatte einen
betonierten Boden und war weiß gekalkt. Er war mit elektrischen Heizröhren
ausgestattet, die an den Stößen (Ulmen) entlangliefen. Geschlafen wurde auf Stroh, in
zwei Reihen mit den Füßen zur Mitte des Stollens, jeder mit drei Decken. Von Zeit zu Zeit
durchstreifte ein Sicherheitskommando mit langen Eisenstangen das gesamte
Stollensystem, um durch Abklopfen von Firsten und Stößen eventuelle Gesteinslöser zu
lokalisieren und zu entfernen, wodurch die gekalkten Wände nach und nach ein
geflecktes Aussehen erhielten.
Hier in diesem unterirdischen Nachtlager gab es den großen Vorzug in der Benutzung
eines neuen, geräumigen, bis Kopfhöhe rotbraun gefliesten Sanitärraums, der nach den
diesbezüglichen bisherigen miserablen Erfahrungen bei der REIMAHG ein fast ungläubiges
Stau
des von die
nen hervorrief. Diese Anlage gehörte zu den Einrichtungen
Flugzeugwerkes. In der Mitte des Raumes stand eine Reihe zweiseitig angebrachten
Waschbecken mit flieBendem Wasser,
Toiletten waren seitlich an den Wänden installiert (ENGELHARDT
[4] ).
Der Sanitärraum durfte immer nur gruppenweise aufgesucht werden, da er in dem
ausgedehnten, labyrinthähnlichen unregelmäßigen Stollensystem des alten
Grubenbereichs (mit z.T. sehr engen Zu und Durchgängen) für Unkundige schwer zu
finden war und damit auch niemand bei dieser Gelegenheit allein den Versuch
unternehmen konnte, private Streifzüge etwa gar in die Werksstollen zu unternehmen,
die natürlich im Mittelpunkt aller verständlichen Neugier standen und in die man von
gewissen Stellen aus, auf dem Weg zu dem Schlafstollen, flüchtigen Einblick nehmen
konnte. In ihnen waren die Werk- und Drehbänke fischgrätenartig zueinander aufgestellt
(ENGELHARDT [4]).
Im Schlafstollen, wurden auch die in Porzellanschüsseln verabreichten warmen
Mahlzeiten eingenommen, die in Milchkannen angeliefert wurden. Nachteilig erwies sich
in der unterirdischen Behausung am Abend die völlige Abgeschiedenheit von der
Außenwelt und von allen Nachrichtenquellen, zumal das Umherlaufen in den Stollen und
damit die Möglichkeit, eventuell etwas Neues erfahren zu können, verboten war. Neben
dem besonderen Vorzug in der Benutzung des neuen, vorbildlichen Sanitärraums gab es
hier den empfindlichen Nachteil zu verkraften, dass in dem Schlafstollen mangels
entsprechender Installationen während der Nachtzeit die Beleuchtung nicht ausgeschaltet
werden konnte (ENGELHARDT [4]).
Namen und Schlagwörter
Quellen und Nachweise
- zeitzeugen_komplett.pdf (Original, 845 Seiten)