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Zeitzeugnis

Zeitzeugenaussage Saulle Campana

Quellennahe Neu-OCR des in der Komplett-PDF ueberlieferten Berichts von Saulle Campana.

Forschungsstand dokumentiert

Forschungsdatensatz

Dokumentierte Angaben

Person
Saulle Campana
Rolle
ehemaliger Zwangsarbeiter
Ort
Kahla / Walpersberg
Zeitraum
1944-1945; spaetere Niederschrift oder Befragung
Herkunft
unbekannt

Überlieferung und Kontext

e Campana, Saulle, Fragebogen erhalten durch Vermittlung von Dott. Cleonice Pignedoli. Bericht Saulle Campana 05.02.2008 mit Hilfe von Dott. Pignedoli Herr Bartuschka, ich sende Ihnen Ihren Fragenbogen ausgefüllt zurück mit dem, woran ich mich nach all der Zeit noch erinnere. Viele Grüße Saulle Castellarano 5.2.2008 Dies ist eine Kopie meines Ausweises (das Original befindet sich in Reggio) Fragebogen 1. Inder Nähe des Dorfes Roteglia, Prov. Castellarano, Reggio Emilia am 7.8.1944. Wurde nach Sassuolo (Modena) gebracht, um danach ins Lager von Fossoli gebracht zu werden, wo ich bis zum 14. August blieb, zusammen mit anderen Gefangenen aus unseren Bergen. ich war zusammen mit meinem Vater verhaftet worden; wegen seines Alters wurde der jedoch in Italien zurückgelassen, damit er dort mit den Deutschen kollaboriere (Organisation TOD) 2. Am 14. August wurden wir in einem alten Bus nach Verona gebracht. Dort wurden wir in Viehwaggons geladen und nach Deutschland gebracht. Wir machten eine Pause in einem Ort nahe Innsbruck, dort wurden wir aufgeteilt und in verschiedene deutsche Städte geschickt. In normalen Zügen dann nach Kahla, Thüringen. 3. Vom Bahnhof Kahla gingen wir zu Fuß zu unserem ersten Lager (Lager E), wir waren viele, etwa 100. Wir blieben eine Weile im Lager E, vielleicht ein paar Monate, und kamen dann ins Lager 7, ca. 2-3 km von der Baustelle entfernt. 4. Die Baracken, in denen wir lebten (à 20 Mann ungefähr), waren in einem guten Zustand mit Stockbetten. Ich erinnere mich nicht, ob es einen Ofen gab (vielleicht ja). 5. Am folgenden Tag wurden die Fotos für den Ausweis gemacht (s. Kopie). Ich glaube, sie gaben uns eine Decke und einen Arbeitsanzug aus Baumwolle, denn wir hatten nur die Kleider, die wir bei unserer Festnahme trugen, sommerlich mit kurzen Ärmeln. 6. Verpflegung: Abends, nach der Arbeit, gaben wir einen Bon ab, den wir bei der Arbeit bekommen hatten. Dafür bekamen wir eine Scheibe Schwarzbrot (Ich denke, ca. 100 g), eine Scheibe Margarine und eine Schüssel mit einer Art Brühe. Es gab nur eine Mahlzeit pro Tag. Ich kann mich nicht erinnern, dass es noch andere Nahrung gegeben hätte. All das bekamen wir, nach dem wir uns schrecklich lange anstellen mussten, draußen, manchmal im Regen, ganz durchgefroren. Ich glaube, diese Tortur war beabsichtigt, damit jemand auf das Essen verzichtet oder aus reiner Grausamkeit. 7. Man arbeitete 10 Stunden pro Tag, vom Sonnenaufgang bis nachts, nur ein freier Tag pro Monat, damit wir die armseligen Fetzen waschen konnten, die uns geblieben waren. Wir waren schmutzig, zerlumpt, und nach einiger Zeit voller Insekten und Läuse. Es gab keinen Appell, sie kontrollierten uns bei der Arbeit mit dem Vorzeigen des Ausweises, wo wir auch den Essensbon bekamen. 8. Wir gingen in der Gruppe zu Fuß zur Arbeit, ohne Begleitung. Die Arbeit war das Bauen und Aushöhlen von parallelen Stollen in einem Berg, wo dann eine Flugzeugfabrik untergebracht werden sollte. es war wie ein Bienenstock. Dann wurde eine Startbahn oben auf dem Hügel gebaut, verbunden mit einer Zahnradbahn. Innerhalb des Berges wurden riesige Hallen aus gewölbtem Zement gebaut mit einem Durchmesser von 6-7m für die Montage der Flugzeuge, die innerhalb dieser Konstruktionen stattfand. 9. Wie gesagt, ein freier Tag pro Monat. 10. Die Kontrolle der Arbeit oblag den brutalen Kolonnenführern, am Anfang zwei Polen (Franz und Runda?) 11. Ich erinnere mich an keine Arbeitsunfälle und ich habe keine gesehen. Aber unsere Arbeit war ungefährlich. Wir arbeiteten mit Schaufeln und Pickeln. 12. Im Lager, neben dem Lagerführer und wenigen Wachen (wir sagten, dass einige aus der Irrenanstalt kommen mussten, weil sie so viel brüllten), gab es niemanden. Die Vorräte des Lagers (Lager E) waren von einem Belgier oder einem flämischen Holländer beaufsichtigt. Diese hatten keinen Kontakt zu uns. 13. Theoretisch konnten wir das Lager auch verlassen, aber wir konnten nicht, denn wir waren den ganzen Tag bei der Arbeit. Es gab keine feste Wache am Eingang, aber die Polizei kontrollierte draußen ab und zu. Ich und andere (junge und leichtsinnige) verließen auch das Lager, ohne zur Arbeit zu gehen, um in der Umgebung nach etwas Essbarem zu suchen. Wir versuchten der Polizei zu entkommen, die, wenn sie uns erwischte, uns erst prügelte, eine Strafe von 22 Mark auferlegte und uns befahl, sofort ins Lager zurückzukehren. 14. In unserem Lager waren wir nur Italiener. Es gab auch Lager mit anderen Ausländern (Russen mit Familien), Slawen, Franzosen und andere, aber wir hatten keine Kontakte untereinander. Wir trafen uns nur bei der Arbeit. 15. k. A. (ob bestimmte Gruppen besser behandelt wurden) 16. Als Lohn gab es ein paar Mark (ich erinnere mich nicht, wie viele). Die waren jedoch völlig unnütz, denn es gab nichts zu kaufen. Sie dienten uns nur, um eventuelle Strafen von der Polizei zu bezahlen. 17. NEIN (Tauschhandel mit Zivilisten) 18. Von den wenigen Zivilisten, mit denen ich zu tun hatte, waren alle völlig gleichgültig. 19. Nein. Ich habe nur von Internierungen in einem Straflager gehört. 20. Es gab, so hörte man, ein Straflager. Dort, hieß es, würde man menschenunwürdig behandelt, und man würde dort nicht länger als 8-10 Tage durchhalten. Mehr weiß ich dazu nicht. 21. Die deutschen Vorarbeiter, mit denen wir zu tun hatten, beachteten uns überhaupt nicht. 22. Bei den Fluchten aus dem Lager, die ich einige Male gewagt habe, um Essen zu suchen, in den umliegenden Dörfern, nachts, habe ich Leute getroffen. Abgesehen von einigen Fanatikern haben sie mich nicht schlecht behandelt, insbesondere die Frauen hatten Mitleid, und versuchten, uns etwas zu Essen zuzustecken, ohne dass es jemand sah, insbesondere die Polizei. Ich erinnere mich mit unendlicher Dankbarkeit besonders an eine Müllerin, zwei Frauen, die einen Stall und Vieh hatten, und andere. Besonders eine, die zwei Söhne in Russland hatte, ohne Nachrichten von dem einen. Heimlich hatte ich an die Eingangstür geklopft, und sie ließ mich ein und gab mir eine Schüssel warmes Wasser, in der ich meine steif gefrorenen Finger aufwärmen konnte. Nur manche verjagten uns und holten die Polizei, in dem sie „Polizei“ brüllten. 23.k. A. (Wie war die Solidarität unter den Gefangenen, gab es Denunzianten) 24.k. A. (Fluchtversuche und Bestrafung derselben) 25. Eine Zeitlang versuchten sie, Freiwillige für die deutsche Armee zu finden. Aber ich glaube, niemand hat sich gemeldet. 26. Es gab einen Raum für medizinische Versorgung, den ich allerdings nicht kenne. Einige, die sehr krank waren, wurden in ein kleines Krankenhaus in der Umgebung geschickt. 27. Es starben viele, auch einige, die mit uns aus Fossoli gekommen waren. Auch zwei aus meiner Baracke, Leute aus meinem Dorf. Einige aus den umliegenden Baracken, Bekannte von uns. Hätte der Krieg noch bis zum Winter 45 gedauert, wäre niemand von uns nach Hause zurückgekehrt. 28. Wie auf dem Denkmal beim Lager 6 steht, starben dort 6000 Leute (nachträglich hinzugefügt, 1.S.) Wir waren eine Gruppe, die aus Fossoli gekommen war, stammend aus Roteglia und Umgebung, aus unseren Bergen. Unter uns sagte man, die toten würden im Wald beim Lager 7 vergraben, gleich hinter der Straße. Aber ich weiß nichts Sicheres. Im Lager E dagegen stapelte man sie in einer Baracke und sie wurden dann mit einem Lastwagen weggebracht, ich weiß nicht wohin. 29. In den letzten Tagen haben sie uns in Kahla versammelt. Als Gruppe reisten wir ab und bewegten uns ausschließlich bei Nacht, damit uns niemand sehe, niemand wusste genau, wohin, ich denke, in Richtung Tschechoslowakei. Wir wurden von Polizisten und bewaffneten Soldaten begleitet, die uns zusammen hielten. 30. Ich weiß es nicht. 31. Eines Tages, ich glaube, es war im Herbst, kam der Minister Goring mit einem Gefolge aus vielen ranghohen Militärs, um die Stollen zu inspizieren, an denen wir arbeiteten, er kam ganz nahe an mir vorbei. Am Morgen, als der Besuch erwartet wurde, wurden wir in de Baracken festgehalten, weil diese besonders sorgfältig inspiziert wurden. Danach ging es zur Arbeit, wie immer, nur mit etwas Verspätung. 32. Einige Tage nach meiner Ankunft in Kahla schickte ich eine Postkarte an meine Familie. Nach meiner Rückkehr erfuhr ich, dass sie angekommen war und meine Angehörigen wissen konnten, wohin die Deutschen mich nach meiner Festnahme gebracht hatten. 33. Erschöpft von der Reise, ohne etwas gegessen zu haben, zu Fuß, ohne zu schlafen, wir reisten nachts und konnten uns nicht mehr wach halten. So warf ich mich, zusammen mit einem Freund, Attilio Bucciarelli, der mir immer nahe gewesen war wie ein Vater, wir warfen uns also in einen Straßengraben voller Wasser, und es gelang uns, nicht von den Soldaten entdeckt zu werden, die etwas bemerkt hatten. > weiter auf der letzten Seite Wir blieben in diesem Graben liegen und schliefen bis zum Nachmittag des folgenden Tages, während unsere Kolonne weiß wohin weiter gegangen war. Wir gingen alleine auf der Straße weiter, bis zu einer Straßenbrücke in der Nähe eines kleinen Dorfes. In einer kleinen Mulde bereiteten wir uns ein Nachtlager aus Blättern. Ein Deutscher Soldat kam in unsere Nähe und brüllte uns irgendetwas zu, was wir nicht verstanden, dann kam er näher, und es gab eine riesige Explosion. Die Brücke war gesprengt worden. Kurze Zeit später erschien bei uns ein weiterer Soldat und sprach und gestikulierte. Da ich dachte, er riefe uns, kam ich zu ihm herauf. Er aber war sehr überrascht und ich begriff, dass er mit einem Kollegen auf der gegenüberliegenden Seite gesprochen hatte. Dann begann er mit mir und Attilio zu sprechen, aber ich verstand ihn nicht und er sprach nicht auf Deutsch. In seinen Worten aber hatte ich das Wort „Amerikaner“ herausgehört und dann sagte ich zu ihm „Italiener“, und ich begann mit meinem Freund zu schreien und zu weinen. Wir hatten überhaupt nicht gewusst, dass wir an der Kriegsfront angelangt waren. Der Soldat rief einen anderen, der Italienisch sprach, und der erklärte uns alles. Wir waren frei! Sie gaben uns sofort Schokolade, Kekse, Zigaretten. Wir steckten uns alles zusammen in den Mund, wie zwei Verrückte, und weinten. Es war der 16. April 1945. Am Straßenrand waren einige Häuser und ich glaube, die Siedlung hieß ,,Pirk“. Die Patrouille, die uns befreit hatte, war die erste Vorhut der heranrückenden amerikanischen Truppen. Am nächsten Morgen rückten die Amerikaner weiter vor und ließen uns alles, was das Herz begehrte, an Nahrungsmitteln da. Wir blieben dort drei Tage und machten uns dann auf die Heimreise nach Italien.... Wir marschierten einige Tage zu Fuß hinter den Truppen her, bis in die Umgebung von Nürnberg. Dort hielten sie uns an und ließen uns auf einen Zug warten, der vorbereitet wurde. Schließlich gelangten wir mit viel Glück und verschiedenen Verkehrmitteln (wegen der unterbrochenen Straßen) erst am 12. Juni 1945 nach Hause.

Namen und Schlagwörter

  • Zeitzeuge
  • Walpersberg
  • Neu-OCR

Quellen und Nachweise

  1. zeitzeugen_komplett.pdf (Original, 845 Seiten)