Zeitzeugnis
Zeitzeugenaussage Rene Roell
Quellennahe Neu-OCR des in der Komplett-PDF ueberlieferten Berichts von Rene Roell.
Forschungsstand dokumentiert
Forschungsdatensatz
Dokumentierte Angaben
- Person
- Rene Roell
- Rolle
- ehemaliger Zwangsarbeiter
- Ort
- Kahla / Walpersberg
- Zeitraum
- 1944-1945; spaetere Niederschrift oder Befragung
- Herkunft
- unbekannt
Überlieferung und Kontext
«Am Bahnhof stand eine Gruppe von Russen, so dreckig und
zerknittert. Wir gingen um sie herum, ohne zu wissen, dass wir in
weniger als einer Woche genauso enden würden.»
Rene Roell
Durch eine Liste von Adressen, die ich von Paul Baert und ebenfalls aufgrund der Hilfe der Familie
Pieters erhielt, war es mir möglich Herrn Roell aus den Niederlanden ausfindig zu machen.
1943 studierte er Flottenbau in Delft und er hatte die Wahl: entweder einen Loyalitätsvertrag
zu unterschreiben (dies wäre der einzige Weg um weiter studieren zu können), weg zugehen und
in Deutschland arbeiten oder sich zu verstecken. Er entschied sich für letzteres. Unglücklicher
Weise wurde im Oktober 1943 sein Versteck von den Deutschen entdeckt. Von da an begann
seine Gefangenschaft in Amersfoort, Buchenwald und Kahla. Nach seiner Rückkehr aus
Deutschland schrieb Herr Roell seine Erfahrungen, die er in Deutschland gemacht hatte,
nieder. Er übergab mir den Teil seiner Erlebnisse in Kahla.
«Von April bis November 1944 war ich in Buchenwald. Wir wurden vorwiegend im äußeren
Befehlsbereich in Gleina, wo ungarische Juden gefangen gehalten wurden und einige
Niederländer und Franzosen die Arbeit verrichteten, festgehalten. Wenn man alle Umstände in
Betracht zieht, war die Zeit dort gar nicht so schlimm.»
«Am 13. November 1944 wurden ich und weitere 56 Männer verlegt. Ein Führer vom
Arbeitsamt Weimar begleitete uns. Der Zug fuhr während wir das alte Buchenwaldlied
sangen. In bester Erwartung schlugen unsere Herzen schneller, aber die meisten von uns
waren nicht die ganze Zeit über frohgestimmt. Wir hatten nicht die leiseste Ahnung, wohin wir
fuhren und was mit uns geschehen würde.»
«In Weimar hielt der Zug, und um 5 Uhr abends mussten wir wieder einsteigen.»
«Mittlerweile gingen die wildesten Vermutungen um das Ziel unserer Fahrt umher; dort war das
Geheimnis. Eigentlich hätten wir es wissen müssen.»
«Wir kamen an Jena vorbei und mussten in Göschwitz umsteigen. Als es dunkel wurde,
stiegen wir in Kahla aus. »
«Am Bahnhof stand eine Gruppe von Russen, so dreckig und zerknittert. Wir gingen
um sie herum, ohne zu wissen, dass wir in weniger als 1 Woche genauso enden würden.»
«Auf den ersten Blick konnte uns dieses Dorf sagen, ob wir uns zu Hause fühlten oder nicht.
Kahla sah miserabel aus. Nun kamen Gerüchte auf wo wir arbeiten müssen, in der
Porzellanfabrik oder sogar im Steinbruch.»
«Am Bahnhof stand eine Gruppe von Russen, so dreckig und zerknittert. Wir gingen um sie
herum, ohne zu wissen, dass wir in weniger als einer Woche genauso enden würden.»
«Unsere Gruppe wartete lange Zeit auf ein Auto, das aber nicht kam; so mussten wir laufen. Wir
kamen in einem Gasthaus an, wo wir etwas Wassersuppe, Brot und auch eine Schüssel, einen
Löffel und eine kleine Decke bekamen. Danach setzten wir unseren Marsch zum Lager fort. Als
wir das Dorf passiert hatten, wurde der Weg zusehends schlammiger und schließlich rutschten
wir die Hänge nur noch hoch und runter: Schlamm spritzte uns bis zum Gesicht. Letztendlich
sahen wir die Lichter des Lagers, das sich als Lager E entpuppte.»
«Am Eingang stand ein fluchender SS-Mann, der Lagerführer. Wir stolperten weiter durch den
Schlamm in das Lager, das aus zwei Reihen von Baracken bestand. Als wir schließlich - nicht
ohne Gefahr - eine kleine Brücke passiert hatten, erschien unsere Baracke im Licht einer
Karbidlampe. Es war eine bemerkenswert primitive einwändige hölzerne Baracke, hauptsächlich
ohne oder mit kaputten Fenstern, ohne Türknopf, ohne Ofen... Abgesehen von einigen
herumliegenden Holzspänen gab es im Inneren überhaupt nichts. Später lernten wir, dass darin
ein großer Vorteil lag: Es gab keine Läuse. Wir froren, waren nass und nachdem wir die
meisten unserer feuchten Sachen ausgezogen hatten, wähnten wir uns unter unseren kleinen
Decken auf, so gut oder so schlecht es ging. Wir versuchten warm zu werden, was ziemlich
schwierig ist in einer kalten, windigen Novembernacht und unter solchen Umständen.»
«Am nächsten Morgen sahen wir uns um; es gab eine offene Pumpe am ende des Lagers und eine
primitive Toilette am anderen Ende. Alles war überzogen mit Matsch.»
«Nach vielem Fluchen gaben uns die Deutschen einige Arbeitssachen. Am Mittag führte uns ein
SA-Mann zum Personalamt, um uns in verschiedene Abteilungen in der Produktionshalle
aufzuteilen.»
Allmählich begannen sie sich bewusst zu werden, wo sie angekommen waren. Die
„Produktionsstätte", Reimahg genannt, war ein großer untergrabener Berg mit einem endlosen
Labyrinth von Tunneln. Etwas Rätselhaftes wurde dort gebaut, was sich später als das neues
Jagdflugzeug ohne Propeller herausstellte. Des Nachts wurde das gesamte Gelände von Tausenden
elektrischen Lampen beleuchtet. Es hatte etwas von einem Ameisenhaufen. Bald schon würde auch
diese Gruppe Niederländer lernen das Gelände zu hassen, wie ein Sklave die Galeeren zu
hassen.
«Eine Frau vom Personalamt führte uns zum nächsten Stockwerk. Der Platz war überfüllt mit
SA-, SS- und NSKK-, Wehrmacht-, SD-, OT- und anderen Nazimännern und überall liefen
dieselben verdreckten, zerknitterten „Sklaven" herum: Russen, Belgier, Italiener...»
Rene
Roell
«Am Bahnhof stand eine Gruppe von Russen, so dreckig und zerknittert. Wir gingen
um sie herum, ohne zu wissen, dass wir in weniger als 1 Woche genauso enden würden.»
«Wir wurden bei der Firma Keim angestellt: um Steine in kleine Karren zu laden.»
«Für diese Umstände gab es ziemlich vernünftige Arbeitszeiten: drei Schichten zu je acht
Stunden. Ich und einige andere Mitgefangene begannen mit der Nachmittagschicht von 14 bis 22
Uhr. Nach einer Woche arbeitete ich in der Nachtschicht und zu dieser Zeit wechselten die
Deutschen von dem 3- zu einem 2-Schichtensystem. Von da an mussten wir 12 Stunden am
Tag arbeiten: von 6 bis 18 Uhr.»
«Da unsere Gruppe in Schichten unterteilt war, löste sich das Bettenproblem in de Baracke
von ganz allein. Hauptsächlich war unsere Baracke ohne jeglichen Komfort; an der einen
Seite dichteten wir die Ritzen mit Kartons ab und wir heizten mit gestohlenem Holz und
Kohle. Aber es gab nur zwei Betten. Wenn wir nun von der Arbeit zurückkamen, brach
jedes mal die Hölle aus, wenn wir um die Betten und Decken kämpften. Es war nicht sehr
angenehm ohne Bett geschweige denn ohne einer Decke zu schlafen, nachdem man zehn
Stunden in der Kälte gearbeitet hatte. Nach allem war nur das wichtig für uns: die Wärme
eines Bettes und unser Liter Suppe. Die Aufteilung in verschiedene Arbeitsschichten löste das
Problem von ganz allein.»
«Das Essen erhielt man folgender Maßen: Zu Beginn eines jeden neuen Arbeitstages wurden die
Ausweise dem Aufseher übergeben und am Ende des Tages bekam man sie zusammen mit den
Essenskarten zurück. Im Falle von schlecht ausgeführter Arbeit (was von der Bewertung der
Aufseher abhing) bekam man nur die Hälfte der übrigen Anzahl der Essenskarten oder sogar
gar keine. Das Essen war sehr dürftig. Um 5 Uhr abends (oder um 7 Uhr früh bei
Tagschicht) aßen wir einen Liter Wassersuppe. Mit etwas Glück befand sich eine Kartoffel
darin, verfault oder nicht, und manchmal sogar vier kleine Pellkartoffeln, mindestens zwei die
schlecht waren, und etwas Kohl. Für den Rest bekam man 200 Gramm verdorbenes Brot, was
dazu führte, dass viele Menschen krank wurden; die meisten hatten Ruhr, Hungerödeme und
waren generell geschwächt. Schon nach drei Tagen brach der Erste aus unserer Gruppe bei der
Arbeit zusammen.»
Schon bald fanden sie heraus, in was für eine Art Lager sie sich befanden. Obwohl es offiziell
kein Straflager war, kam es dem doch sehr nahe. Es war verboten, das Lager zu verlassen, sie
mussten in einer geschlossenen Kolonne zur Arbeit und auch wieder zurück zum Lager gehen. Das
kleinste Vergehen wurde mit Schlägen, Essensentzug oder Einsperren quittiert.
«Die einzige Ablenkung während der Nachtschicht war der Luftalarm. Wenn sich RAF- oder
AAF-Flugzeuge dem Produktionsgelände auf mehr als 50 Kilometer näherten, wurde der
„Verdunklungsalarm" angeschaltet. Die Lampen, die den Berg erhellten, flackerten drei mal,
danach herrschte totale Finsternis. Wir gingen dann in die Tunnel, wo die Lampen brannten
und wo wir, auch gegen die Kälte, Unterschlupf fanden. Man versuchte bei diesen Gelegenheiten
immer zu schlafen. Es wurde eigentlich danach erst richtig schlimm, wenn eine Stimme „Heraus!" rief
und man wieder raus in die Kälte musste, die jetzt noch kälter erschien.»
5. Rene Roel _
«Am Bahnhof stand eine Gruppe von Russen, so dreckig und zerknittert. Wir gingen
um sie herum, ohne zu wissen, dass wir in weniger als 1 Woche genauso enden würden.»
«In den Tunneln fand ein Schwarzmarkt statt. Für eine Zigarette musste man 10 bis 15 Mark
bezahlen, für eine Schüssel Essen 30 Mark oder zwei Zigaretten, für eine Brotkarte 60 Mark, für
ein Kilo Brot 90 bis 100 Mark.»
«Das schlimmste war die medizinische Versorgung. Man musste tagelang nach jemandem
suchen, der eine Verletzung behandeln konnte. Mit Entschuldigungen oder auch Flüchen
wurde man von einem Ort zum nächsten geschickt. Meine Beinverletzung wurde wieder
schlimmer und so musste ich mich nach Hilfe umschauen. Nachdem ich Stunden in der Kälte
verharrt hatte, konnte ich eine 32tägige „Schonung" herausschlagen, das bedeutete, dass ich im
Bett bleiben durfte. Aber ich bekam auch nur die Hälfte der Essenskarte, denn die, die nicht
arbeiteten, brauchten auch nicht essen. Nach drei Tagen musste ich mich wieder anstellen um
eine Verlängerung der „Schonung" zu beantragen.»
«Auf diese Weise quälten wir uns bis Weihnachten ab, währenddessen die Anzahl der
erkrankten Leute so stark anstieg, dass alle zurück an die Arbeit geschickt wurden, wenn es sein
musste auch mit Schlägen.»
«Währenddessen kam der Winter. Es gefror bis auf -10 bis -30°C und überall lag Schnee.»
«Und so wurde es Weihnachten. Es war ein großer Unterschied zum letzten Jahr, aber
irgendwie auch sehr speziell. Unter solchen Umständen lernt man erst den tieferen Sinn von
Weihnachten kennen und zu schätzen. Denn obwohl die Tyrannen hier alles beherrschten, sagte
doch jeder nach einem Fluch - welche sehr häufig vorkamen - an diesem Tag: Tatsächlich, heute ist
Weihnachten. Zum Weihnachtsabend gingen wir zur Nachtschicht, aber selbst hier war eine
gewisse Weihnachtsstimmung zu spüren. Sogar der barbarische Jerry hasste es, nicht zu Hause
sein zu können und verhielt sich etwas freundlicher. Es war ein außergewöhnlicher Anblick, als
die Lichter in der großen Betonhalle ausgingen und nur noch die flackernden Koksfeuer gegen
das Frieren des Betons brannten, um die sich außergewöhnlich bekleidete Russen drängten
um sich zu wärmen. Es hatte etwas von einer Schafherde am Weihnachts- abend.»
«Diesen Morgen kam ich sehr krank zum Lager zurück, denn es gab eine neue Ruhrepidemie. Es
war das letzte Mal, dass ich regulär arbeiten würde, denn für den Rest der Zeit bekam ich wieder
die notwendige „Schonung".»
«35 von anfänglich 57 Männern unserer Gruppe blieben übrig. Die anderen waren ,,ausgerissen",
wie die Deutschen es nannten. Von den vielen, die wegrannten, kamen einige in sehr schlechter
Verfassung wieder zurück, nachdem sie von einer speziellen Behandlung der Gestapo gekommen
waren.»
«Manchmal wurden Expeditionen nach Gleina organisiert, wo sie dann in dem Haus von dem
alten Mann, der am Rand des Lagers wohnte, schliefen. Er gab ihnen Essen und Kleidung;
jeder war sehr mitfühlend zu dieser Zeit. Schon im Voraus wurden Listen und Ausweise
gefälscht, um das vorübergehende Verschwinden, so unauffällig wie möglich zu machen.
Wenn sie mitten in der Nacht wiederkamen, ähnelte es regelrecht einer Party. Nach allem
konnte man nicht sicher sein, dass man lebend zurück kam.»
Rene
«Am Bahnhof stand eine Gruppe von Russen, so dreckig und zerknittert. Wir gingen
um sie herum, ohne zu wissen, dass wir in weniger als 1 Woche genauso enden würden.»
«Während einer Razzia in unserer Baracke wurden wir mit Waffen hinaus getrieben. Louis,
einer aus unserem Zimmer, protestierte und nach einem Kampf mit einem der Jerries
wanderte er in den Bunker. Nur dank seiner Erfahrung im Umgang mit SS-Männern ist er
nach einer Woche wieder frei gekommen; er war in einer ziemlich schlechten Verfassung.
Wahrscheinlich würde er nicht mehr bis zum Schluss durchhalten.»
«Eine ebenso unangenehme wie alberne Sache war das Entlausen. Baracke für Baracke wurde
desinfiziert. Währenddessen mussten die Bewohner sie verlassen und in der Kantine schlafen, wo
aufgrund von schlechter Versorgung keine Decken vorhanden waren. Die meisten von uns
bekamen nicht die Möglichkeit ihre Sachen zu waschen und zu entlausen und so wurden die
anderen auch wieder von Läusen befallen, weil sie mit denen in Kontakt kamen die noch nicht entlaust
wurden.»
Dank eines glücklichen Zufalls konnte Herr Roell das Lager am 27. Februar 1945 verlassen.
«Am 21. Februar wurde ich von der Firma Keim zu den Gustloffwerken verlegt, der
eigentlichen Flugzeugproduktionsstätte, wo ich als technischer Zeichner arbeiten sollte. Das
versprach eine vollkommene Verbesserung meiner Lage. Ich sprach im Personalamt vor,
musste Stunden warten bis mir dann gesagt wurde, dass ich am nächsten Tag wiederkommen
sollte. Es kostete mich erhebliche Mühen nach allem noch meine Essenskarten zu bekommen. In
der Tat waren am nächsten Morgen alle erforderlichen Dokumente da und ich bekam den Job als
technischer Zeichner in Abteilung 12. Nach langem herumwandern in den zahlreichen Tunneln
fand ich endlich die Abteilung. Aber dort hatten sie keine Arbeit für mich und so wurde ich
zurück zum Personalamt geschickt. Schließlich fanden diese Leute heraus, dass ich in Buchenwald
gearbeitet hatte und demnach konnte ich nicht für „kriegswichtige" Arbeit nützlich sein.
Was nun? Zurück zur Schaufel- oder zur Bunkerkonstruktion? Am nächsten Morgen musste ich
wieder antreten und nachdem ich einige Stunden gewartet hatte, gaben sie mir einen Brief für
Herrn Martin, der sich um solche Dinge kümmerte. Doch dieser Mann schien nirgends zu sein.
Als er am 24. Februar immer noch nicht da war, sandten sie mich zum Arbeitsamt in Kahla.
Das war mein Glückstag. Ich erzählte ihnen dort nicht, dass ich für die Firma Keim gearbeitet
hatte; nur dass mich die Gustloffwerke nicht gebrauchen konnten. Sie fragten mich wie ich nach
Kahla gekommen war und ich antwortete über Weimar. Am nächsten Morgen konnte ich alle
notwendigen Papiere, die ich für die Reise nach Weimar benötigte, zusammentragen. Und so
packte ich am 27. Februar meinen bescheidenen Besitz in einen hölzernen Koffer,
verabschiedete mich von den Jungs, mit denen ich durch die Hölle gegangen war, und ging.»
Nach seiner Abfahrt in Kahla kam Herr Roell in Bad Berka an, um für einen
Bergbaukonstrukteur, der versuchte Luftschutzräume zu bauen, zu arbeiten. Am 13. April 1945
wurden sie von den Amerikanern befreit. Die Niederländer wurden noch nicht befreit und so
war er gezwungen in der amerikanischen Armee in Frankreich bis Juli 1945 zu bleiben,
bevor er zu seiner Familie zurückkehren konnte.
Rene Roell
Namen und Schlagwörter
Quellen und Nachweise
- zeitzeugen_komplett.pdf (Original, 845 Seiten)