Zeitzeugnis
Zeitzeugenaussage Luigi Canavese
Quellennahe Neu-OCR des in der Komplett-PDF ueberlieferten Berichts von Luigi Canavese.
Forschungsstand dokumentiert
Forschungsdatensatz
Dokumentierte Angaben
- Person
- Luigi Canavese
- Rolle
- ehemaliger Zwangsarbeiter
- Ort
- Kahla / Walpersberg
- Zeitraum
- 1944-1945; spaetere Niederschrift oder Befragung
- Herkunft
- unbekannt
Überlieferung und Kontext
Herr Luigi Canavese, geboren am 06.12.07 in Garessio, dort wohnhaft in Via Vittorio
Emanuele berichtet folgendes:
Sobald wir in Kahla angekommen waren, wurden wir in Gruppen eingeteilt, wir wurden in
Häusern auf dem Lande untergebracht. Dort verblieb ich mit anderen 160 Leidensgefährten.
Wir mussten in die Stollen der REIMAHG arbeiten gehen. Nach und nach stießen wir immer
weiter mit den Ausgrabungen vor, wir mussten das Material heraustransportieren. Aus diesem
wurden Zementblöcke hergestellt. Unter den alten Zivilisten, die uns kontrollierten, befand
sich ein Deutscher. Dieser war im Kriege von 1915 — 1918 Kriegsgefangener in Genua.
Dieser war sehr gut zu mir. Außer dem Lagerführer und den „Begleithunden“, von denen wir
grundlos und ohne Erbarmen geschlagen wurden, waren die anderen ganz gut zu uns. In der
letzten Zeit bekamen wir nur etwas Kaffee und Mehlsuppe gegen 17.00 Ihr, aber wir
versuchten uns zu helfen, indem wir auf dem Lande uns etwas an Kartoffeln und Früchten
suchten. In der ersten Zeit konnten wir nach Schichtwechsel uns in die Ortschaft begeben, um
dort etwas Bier zu kaufen. Wir verdienten 6 — 7 RM am Tage, aber eine Zigarette kostete
allein schon 30 RM. Ich ging des Öfteren zu einem Schneider, der nur ein paar hundert Meter
von unserem Lager Rosengarten entfernt wohnte. Dieser hatte zwei verheiratete Söhne, die
sich auch im Krieg befanden. Dieser Schneider nähte mir eine Hose und hat mir oftmals seine
Sympathie und Solidarität bewiesen. Es waren kleine Dinge, aber doch so unsagbar wichtig
im Leben eines Gefangenen. Ich befand mich auch acht Tage im Krankenrevier. Dort haben
wir nichts zu essen erhalten. Wir konnten uns allerdings etwas kaufen und diejenigen, die
keine Mittel hatten wurden von den anderen Gefangenen mit unterhalten, indem wir
sammelten. In meinem Lager sah ich sehr viele sterben. Unter ihnen Befand sich auch mein
Landsmann Cristoforetti. Ich begab mich mit anderen auf die Straße um die Leichen von
Ingaria und einem Mailänder, die auf der Straße bei der Rückkehr von der Arbeit gestorben
sind, zu beerdigen. Dieses geschah in einem Wäldchen in der Nähe des Stollens. Die vielen,
die im Lager gestorben sind, wurden auf Lastwagen gebracht und ich weiß nicht wohin,
forttransportiert. Einen Tag erlebte ich, wie fünf oder sechs Russen von einem Flugzeug aus
mit Maschinengewehrfeuer erschossen wurden, sie befanden sich am Eingang des Stollens.
Die letzten Monate verbrachte ich im Lager als Schuster. In dieser Zeit erging es mir etwas
besser. Am 16.April 1945 befreiten uns die Amerikaner. Wir verbrachten noch ein paar Tage.
In diesen Tagen aßen wir nur Klee und Rüben. Später konnten wir nach Hause zurückkehren
und ich erreichte endlich am 16.Juli 1945 Garessio.
Namen und Schlagwörter
Quellen und Nachweise
- zeitzeugen_komplett.pdf (Original, 845 Seiten)