Walpersberg Logo

Zeitzeugnis

Zeitzeugenaussage Jurij Schukow

Quellennahe Neu-OCR des in der Komplett-PDF ueberlieferten Berichts von Jurij Schukow.

Forschungsstand dokumentiert

Forschungsdatensatz

Dokumentierte Angaben

Person
Jurij Schukow
Rolle
ehemaliger Zwangsarbeiter
Ort
Kahla / Walpersberg
Zeitraum
1944-1945; spaetere Niederschrift oder Befragung
Herkunft
unbekannt

Überlieferung und Kontext

e Zukov, Urij Stepanović, Fragebogen vermittelt von Ukrains’kij Nacional’nij Fond „Vza&morozuminnä i Primirennä“ pri Kabineti Ministriv Ukraîni [Ukrainische Nationale Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“ beim Ministerkabinett der Ukraine]. Жуков Юри Степанович Zukov Urij Stepanović Ich bin geboren am 14. August 1923 in der Stadt Kotovsk in der Oblast Odessa. Ich komme aus einer Eisenbahnarbeiterfamilie. Meine Familie bestand aus Vater, Mutter, meiner Schwester und mir. Ihre Zusammensetzung änderte sich mit der Zeit. Mein Vater starb 1927. Im Jahr 1941 bestand die Familie aus drei Personen — meiner Mutter, meinem Stiefvater und mir. Im Juli 1941 wurde ich in die Armee eingezogen. Am 18. August wurde ich beim Kampf für die Verteidigung Запорожье verletzt und betäubt und deshalb gefangengenommen. In Folge der Verwundung und Betäubung wurde ich aus der Gefangenschaft entlassen. Im Jahr 1943 wurde ich von einem rumänischen Gericht in Tiraspol für die Verbreitung von Radiosendungen aus Moskau verurteilt. Im März 1944 wurden die Gefangenen beim Rückzug der Deutschen liquidiert. Mir gelang es zu fliehen, doch ich kam in die Gruppe der Leute, die nach Deutschland deportiert wurden. Ich wurde im April 1944 nach Deutschland deportiert. Die Reiseetappen waren aus der Stadt Tiraspol zu Fuß, über Moldawien, Rumänien und Ungarn. Aus Ungarn ging es mit der Eisenbahn nach Österreich. Nach Desinfektion/ Entlausung „lieferte“ man uns mit einer großen Zahl Deportierter nach Deutschland, nach Erfurt. Dies war Anfang Mai 1944. In Erfurt befanden wir uns in einem Lager genannt „Arbeitsamt“, Ich erkrankte an Flecktyphus und wurde in der Typhusbaracke des Lagers untergebracht. Von 111 Erkrankten mit Typhus und Dysenterie blieben am Ende 16 Personen. In der Stadt Kahla kam ich Ende Mai 1944 in einem Güterwaggon zusammen mit einer Gruppe anderer Deportierter an. Am 1. Juni fingen wir an, an der Errichtung des REIMAHG-Werkes zu arbeiten. Die Errichtung des Werkes leitete die Firma Dikkerhof und Vidman, wohin wir auch gekommen sind. Im Februar 1945 wurde ich zur Firma „Vanger“ versetzt. Ich arbeitete als Elektromonteur im Sektor „Stelle 0“, wo schon der Prozess des Zusammenbaus der Flugzeuge lief. Untergebracht waren wir in einem Lager beim Dorf Niederkrossen, und ich hielt mich die ganze Zeit dort auf. Das Lager war ein umgebautes Gebäude des Dorfklubs (Gasthaus? - M.B.). Das Fassungsvermögen betrug etwa 200 bis 250 Leute. Das Quartier wurde durch transportable Eisenöfen beheizt. Der Winter war kalt. Die Betten waren auf 2 Etagen. Ich schlief auf Stroh, bedeckt mit einer Decke. Ob es eine zweite Decke gab, weiß ich nicht mehr. Herbst und Winter schlief ich in dieser Decke. Mit Kleidung versorgt wurden nicht mehr als 15 bis 20 % der Arbeiter. Segeltuch/ Leinenschuhe mit Holzsohlen konnte man für Geld im Wirtschaftsteil des Lagers erwerben, in der Vorortsiedlung Orlamünde. Alte, nicht mehr taugliche Kleidung wurde uns von der örtlichen Bevölkerung zu mäßigen Preisen verkauft — 1 Jacket für 1 Mark. Viele erhielten solche Kleidung und Schuhe für freiwillige Arbeit in der Landwirtschaft. Heißes Essen wurde einmal am Mittag ausgegeben, im Lager oder bei der Arbeit. Das Essen war unzureichend. Brot wurde gesondert ausgegeben, am Anfang ein Laib für vier, später für sechs Personen. Bisweilen gab es ,,Subalimente“, „Extras“ - 50 Gramm Käse oder Marmelade oder 20 Gramm Margarine. Morgens und Abends gab es Lindentee oder Ersatzkaffee. Den Bezugsschein für die „Subalimente“ verteilte der Meister. Der Arbeitstag dauerte 10 Stunden, soweit ich mich erinnere. Das Lager lag vom Ort der Arbeit 5 Kilometer entfernt. Bis zum Herbst gingen wir zu Fuß zum Arbeitsplatz, unter Bewachung. Ab dem Herbst fuhren wir mit dem Arbeitszug von der Station Zeutsch. Feste Normen gab es bei der Arbeit nicht — der Meister erteilte uns konkrete Aufgaben, welche wir verpflichtet waren auszuführen. Über die deutschen Arbeiter selber habe ich eine hohe Meinung, sowohl im Sinne des Professionalismus, wie auch über ihr Verhalten zu den Deportierten. Meister und Ingenieure waren streng und häufig grausam/ unbarmherzig nicht nur in Beziehung zu uns, sondern auch zu deutschen Arbeitern. Wenn eine Aufgabe nicht erfüllt wurde oder die Arbeit langsam ging, ging es bis zu Schlägen. Für Irrtümer oder Fehler bei der Arbeit wurden vom Meister die Kupons für die „Subalimente“ gestrichen. Der Arbeitslohn wurde uns in einem Umschlag gegeben. An die genaue Höhe des Lohns kann ich mich nicht mehr erinnern. Ausgegeben wurde er hauptsächlich für Kleidung und Schuhwerk. Drei Mal wurde ich außerhalb des Werkes zur Reparatur der Straßen im Rayon Niederkrossen beordert zusammen mit der örtlichen Bevölkerung. Einmal wurde die Hälfte des Bestandes nach Кеш russ. Кельн oder Кёльн (Köln? Eher nicht, aber was ist damit gemeint?) geschickt zur Demontage/ Sortieren nach einem Bombenangriff. Die Arbeit dort unter strenger Aufsicht von Polizei und Militär dauerte 48 Stunden. Ich hatte keine Möglichkeit, mit der Heimat zu kommunizieren. Kontakte mit Arbeitern anderer Lager gab es nur während der Arbeit. In der Tat wurden verschiedene Gruppen von Häftlingen verschieden behandelt — die Arbeiter, die in den schon fertigen Werkhallen des Werkes an der Produktion von Flugzeugen arbeiteten, lebten in besonderen Werken und wurden viel besser versorgt. Kontakte zu Arbeitern anderer Nationalität gab es, wenn die Arbeitsbrigaden aus verschiedenen Lagern gebildet wurden. Bei den Betonarbeiten wurden wir von Arbeitern belgischer Nationalität angeleitet. Beim Streckevortrieb der Stollen bestand unsere Brigade aus 3 Italienern, 1 Tschechen (er starb an Herzversagen) und 5 Arbeitern, die aus der UdSSR deportiert worden waren. Der Bestand der Brigade wechselte oft. In dem Lager, wo ich mich befand, waren die Leute untergebracht, die beim Rückzug der deutschen Armee aus dem Gebiet der UdSSR nach Deutschland vertrieben worden waren, deshalb waren dabei auch Familien. Ich erinnere mich an die Familie Selechov, Vater und Sohn. Viele waren Brüder aus der Ukraine, deren Namen ich nicht mehr weiß. Die Chefs des Lagers, die aber oft wechselten, waren im wesentlichen deutsche Militärpersonen aus dem Reservebestand/ Reservisten o.ä., und russische Wachleute, die gut die deutsche Sprache beherrschten. Einer von ihnen war Николай Трегубов. Er war stellvertretender Chef des Lagers und verstand die deutsche Sprache prächtig. Er war grausam und schnell mit der Strafe. Für irgendwelche Vergehen wurde man verhaftet und ins Konzlager (russ. Konzentrationslager) geschickt wo er, Gerüchten zu Folge, Henker war. Man hörte, dass er nach der Befreiung von den Insassen des Konzentrationslagers ergriffen und getötet wurde. Es gab auch Denunzianten. Nach der Denunziation durch einen von ihnen wurde ich für drei Tage im Straflager inhaftiert. Diesen Mann traf ich (später) in Kiev. Er ist schon nicht mehr am Leben, aber es bleibt seine Familie zurück, deshalb bin ich froh, dass ich seinen (Vor)Namen vergessen habe. Ein Teil unserer Verpflegung wurde von den Arbeitern der zentralen Küche und in der Lagerverwaltung unterschlagen. Briefe und Pakete bekam ich nicht (deshalb keine Aussage ob es dot auch Unterschlagung gab). Ich war auch Zeuge von Mißhandlungen — man erlebte im Lager die grobe und rücksichtslosen Zustände, mit Schlägen, besonders im Straflager. Im Arbeitslager erfolgte die übliche Bestrafung mit der Hand oder bedeutete den Verlust des Mittagessens, aber das Urteil war abhängig von der Entscheidung der Wächter. Die deutschen Arbeiter selber waren wohlwollend. Die Lagerleitung hingegen, die häufig wechselte, verhielt sich uns gegenüber immer hart und unbarmherzig. Wir hatten auch Kontakt zur örtlichen Bevölkerung. Wie die Arbeiter verhielt sich die Bevölkerung uns gegenüber wohlwollend. Wir kauften bei ihnen alte Kleidung, und in den Läden Waren, die nicht auf das Kartensystem beschränkt waren. Viele der Arbeiter halfen der örtlichen Bevölkerung an arbeitsfreien Tagen mit der Erlaubnis des Lagerführers in der Landwirtschaft, da es der Bevölkerung an arbeitenden Händen fehlte. Fälle von Mißhandlungen der Gefangenen durch Zivilisten gab es im Lager Niederkrossen nicht. Es gab Deutsche, die Gefangene menschlich behandelten oder ihnen halfen. Unser Brigadier, ein Deutscher namens Jakob Kross, behandelte uns wie Gleiche und teilte oft sein Frühstück mit uns. Ich erinnere mich an zwei Fluchtversuche aus dem Lager. Wie man uns mitteilte, kamen die Flüchtlinge in ein KZ. In Orlamünde gab es ein Lazarett und eine Krankenstube/ Krankenhaus. Verletzungen beim Bau waren häufig, aber viele hatten Erkältungskrankheiten. Die Behandlung war auf dem Stand von Feldscher-Behandlung. Es gab im Lager auch Todesfälle. Im Herbst 1944 erkrankte ich an Lungenentzündung und wurde im Krankenrevier behandelt, wo drei Personen lagen. Man gab mir fiebersenkende Präparate. In der Zeit meines Aufenthaltes im Revier war ich Zeuge des Todes von drei Arbeitern, gleichfalls an Lungenentzündung. Auf dem Gebiet der Baustelle war ein Friedhof, wo die Arbeiter beerdigt wurden, die bei der Arbeit umkamen. Am Ersten April 1945 wurden wir in einer Kolonne versammelt, zusammen mit Arbeitern aus anderen Lagern. Unter der Bewachung von Soldaten des Volkssturms marschierten wir nach Osten. Wir gingen die ganze Nacht. Am Morgen verschwanden unsere Wachen, und wir rannten nach allen Seiten auseinander. Ich wurde dann von amerikanischen Truppen in der Stadt Aum(a) am 14. April befreit. Von Verhaftungen von Personal der Lager ist mir nichts bekannt — abgesehen von den Gerüchten zu Трегубов. Anfang Mai wurde ich dann in die sowjetische Besatzungszone überführt. Man brachte mich im 263'ten Kontroll-Filtrationslager des NKVD unter (Stadt Sagan), und stellte mich unter Arrest. Nach langwieriger Überprüfung wurde ich befreit und in die Truppe geschickt, wo ich als einfacher Soldat bis zur Demobilisierung diente. Nach meiner Demobilisierung kehrte ich im Mai 1947 in meine Heimat zurück, nach Kotovsk. Ich arbeitete in Kotovsk als Elektromonteur. Im Jahr 1948 trat ich in das Kiever Bauingenieur-Institut ein (KISI), an der Fakultät für Architektur. Ab 1954 arbeitete ich als Architekt im Institut „Kievprojekt‘“ in verschiedenen Positionen. Im Jahr 1989 ging ich in Pension. Ich habe mich bemüht ausführlich auf die Fragen des Fragebogens zu antworten, soweit es das lange Zurückliegen der Ereignisse erlaubt. Falls Fragen zu meinem Text bestehen, werde ich mich bemühen, diese zusätzlich zu beantworten. Nachtrag (Briefkontakt) Im Lager gab es einen Raum, der als Waschhaus diente. Dort wurde sich gewaschen und es gab auch Blechschüsseln, in denen Wäsche gewaschen wurde und man selbst, wenn wir Seife bekommen haben. Instruktionen oder Ausrüstung betreffs Arbeitssicherheit gab es keine, und deshalb gab es auch häufig Unfälle, besonders durch Steinabbruch und Stromschläge. Wir hatten keine Möglichkeit, unseren Alltag selbst zu organisieren. Arbeitsvertreter gab es bei uns nicht, aber eventuell in anderen Lagern (unseres war im Vergleich zu den anderen klein). Solidarität zwischen den Arbeitern gab es leider nicht, eher die Tendenz zur Absonderung und Denunziation. An Wächtern gab es in unserem Lager neben dem Lagerleiter und seinem Assisstenten noch 1 Wächter (siehe auch frühere Antwort). An offiziellen Regelungen gab es den offiziellen Tagesablauf an dessen Details ich mich nicht erinnere. Inoffizielle Regeln gab es nicht, da es den Arbeitern an Solidarität mangelte. Die Frage nach dem Straflager ist für mich schwer zu beantworten, weil dies sehr traurige Erinnerungen sind, deshalb schreibe ich nur kurz. Die Strafbaracke lag beim Bauplatz hinter Stacheldraht. Dort wurde die schmutzigste und schwerste Arbeit verrichtet, oft als Strafe eine nutzlose Arbeit — etwa das Tragen von 50-Kilo-Zementsäcken oder von Backsteinen von einem Platz zum anderen. Man verordnete uns viel Arbeit und auch viel Strafe wenn wir diese Arbeit nicht erledigten. Beleidigungen und Schläge waren die Norm.

Namen und Schlagwörter

  • Zeitzeuge
  • Walpersberg
  • Neu-OCR

Quellen und Nachweise

  1. zeitzeugen_komplett.pdf (Original, 845 Seiten)