Zeitzeugnis
Zeitzeugenaussage Jürgen Brather
Quellennahe Neu-OCR des in der Komplett-PDF ueberlieferten Berichts von Jürgen Brather.
Forschungsstand dokumentiert
Forschungsdatensatz
Dokumentierte Angaben
- Person
- Jürgen Brather
- Rolle
- Zeitzeuge
- Ort
- Kahla / Walpersberg
- Zeitraum
- 1944-1945; spaetere Niederschrift oder Befragung
- Herkunft
- Deutschland
Überlieferung und Kontext
Ronny Beuckmann schrieb:
> Sehr geehrter Her Brather,
>
> wie ich schon in der Einleitenden E-Mail schrieb, bin ich sehr an ihrer
> Geschichte interessiert.
>
> Ich beschäftige mich schon länger mit der Reimahg und habe unter anderem
> Kontakt zu Herrn Willy Schilling dem Autor des Buches
>
> Deckname Lachs. Da Herr Schilling ein zwar sehr Interessantes aber Relativ
> Nichtssagendes Buch geschrieben hat, tendiere ich zu
>
> dem Gedanken ein eigenes Buch zu schreiben. Ich verbringe zur Zeit meine
> ganze Freizeit mit der Recherche in Archiven und da ist
>
> man sehr erfreut, wenn man über einen Zeitzeugen hört der Tagebücher
> geschrieben hat. Ihre Tagebücher sind mir, ein nicht zu
>
> Unterschlagender Aspekt. Ein Buch was sich allein mit den technischen
> Aspekten beschäftigt ist für mich kein richtiges Buch, ein
>
> Buch muss auch Gefühle zum Ausdruck bringen, und da wiederum kommen sie und
> ihre Tagebücher ins Spiel.
>
> Deswegen meine Frage:
>
> Könnten sie mir unter Umständen ihre Tagebücher zukommen lassen. (natürlich
> als Kopie)
>
> Weiterhin wäre ich über jeden Hinweis Hocherfreut.
>
> Mit schönen Grüssen aus dem veregnetem Jena
>
> Ronny Beuckmann
>
Lieber Herr Beuckmann,
schnell eine kurze Antwort: Ich habe kein Tagebuch geführt. Das wäre unter den
damaligen Verhältnissen ganz und gar unmöglich gewesen: Uns stand kein
Schreibzeug zur Verfügung noch die Kraft. Wer hätte auch Lust dazu gehabt, wo
es doch nur darum ging, diese fürchterliche Zeit einigermaßen schadlos zu
überstehen. Sie müssen bedenken, dass wir 15-jährigen Bübchen bei äußerst
mangelhafter Ernährung zeitlich und kräftemäßig bis zur Erschöpfung ausgebeutet
wurden. Sie mögen sich vorstellen, dass wir jede freie Minute nutzten, um ein
wenig Schlaf zu bekommen. Ich empfehle Ihnen, im Winter selbst einmal hungrig
und bei Frost bei Dunkelheit zum Walpersberg zu marschieren, in nicht passenden
durchweichten Filzstiefeln und dort von Beginn der Helligkeit schwer zu arbeiten
und bei Beginn der Dunkelheit erschöpfter als am Morgen zurückzustiefeln, und
das bei Unterernährung. Es ist nun einmal so, dass man als ein Mensch, der diese
Zeit nicht erlebte, unter falschen Vorstellungen leidet.
Betrachten Sie das bitte nicht als Schulmeisterei, aber ich kenne das Problem
von zahlreichen Kontakten und Gesprächen mit jungen Leuten.
Ich habe vor einigen Jahren ein Buch über Ahrensbök im Kreis Ostholstein
(bei Eutin) geschrieben und darin die Zeit von 1919 - 1945 dargestellt.
Natürlich habe ich Zeitzeugen befragt, soweit das noch möglich war, und dabei
erkannt, dass man gewaltige Abstriche wegen häufiger Verzerrungen machen muss.
In meinen Ausführungen wird es sich nicht so verhalten, weil ich sie
"Mitkämpfern" zur Überprüfung auf eventuelle Fehler zugeleitet hatte. Immerhin
sind seit damals > 56 Jahre verstrichen, und das Leben der Leute ist mehr als
angefüllt mit späteren Erlebnissen und Eindrücken.
Hier nun meine PC-Notizen:
Müller, K. W. und Schilling W.: Deckname LACHS, 3. Aufl,
Heinrich-Jung-Verlagsgesellschaft Zella-Mehlis 1996, 88 S., zum Preis von 24,80
DM
Jürgen Brather Behaimring 57c 23564 Lübeck Tel. 0451-60 26 60 Fax
0451-60 72844
HJ-Einsatz in Kahla Januar bis März 1945
In der 2. Dezemberhälfte 1944 erhielt ich neben anderen Schulkameraden des
Jahrgangs 1929 eine Einberufung zum HJ-Einsatz im Reihmag-Betrieb bei Kahla. Wir
erhielten eine Fahrerlaubnis für die Reichsbahn vom Heimatort (in meinem Falle
von Bad Frankenhausen/Kyffh.) nach Kahla. Gefordert (gewünscht?) war Erscheinen
in HJ-Winteruniform, und nach Möglichkeit sollten Spaten oder Schaufel
mitgebracht werden. Letzteres wurde nur von ganz fanatischen Hitlerjungen, also
zum damaligen Zeitpunkt nur sehr wenigen, befolgt.
Wir trafen gleich nach Jahresbeginn, wohl am 2. Januar 1945, ein und wurden
"ohne Schritt" auf schnee- und eisglatter Straße in unser Lager nach Bibra
geführt.
Unterkunft fanden wir, von 3 000 Jungen des Jahrgangs 29 war die Rede, in
zweistöckigen Häusern im Rohzustand. Das "Inventar" der Räume bestand lediglich
aus einer Schütte aus Holzwolle, auf der wir so eng zusammengepfercht liegen
mußten, daß wir nur in Seitenlage ausreichend Platz zum Schlafen fanden. Jedem
wurden zwei Decken zugeteilt.
Eine sog. "Waschmöglichkeit" bot sich am Ende des Lagers, wo ein einziges Rohr
aus dem Boden kam, aus dem ein dünner Wasserstrahl floß. In Anbetracht der
herschenden Kälte unterblieb die Wäsche bei den meisten.
Die Toiletten nannten wir "18-Zylinder": In einem Raum standen ohne Trennwände 9
WC-Becken nebeneinander und dahinter noch einmal ebensoviele in umgekehrter
Sitzrichtung. Ob weitere WC-Häuser vorhanden waren, ist mir nicht bekannt. Wegen
der Unsauberkeit und des damit verbundenen fürchterlichen Gestanks benutzten
einige von uns nach dem ersten Tag diesen Raum nicht mehr sondern entleerten uns
uns in dem angrenzenden Wald, der sich an den Hängen über dem Lager hinaufzog.
An die Verpflegung des ersten Tages kann ich mich nicht mehr erinnern. Am
nächsten Mittag fand die Essensausgabe im Freien statt. Wir standen in langer
Reihe an und warteten ca. 2 Stunden in eisiger Kälte, bis die ersten ihr Essen
empfingen. Dieses bestand aus einem Gemisch von viel Wasser und wenig Milch,
dessen Bodensatz halbrohe Steckrübenschitrzel bildeten. Einige probierten diese
widerliche Mixtur und kippten anschließend den Inhalt ihrer Kochgeschirre in den
Schnee. Nach weiteren Kostproben löste sich die Schlange der Wartenden auf.
Wie der Tag weiter verlief, habe ich nicht mehr in Erinnerung, auf jeden Fall in
Empörung und mit Nichtstun, jedenfalls war der Tag in keiner Weise strukturiert.
Abends gab es etwas Kaltverpflegung.
Nach Einbruch der Dunkelheit flohen mehrere Jungen aus dem Lager und versuchten,
sich nach Hause abzusetzen. Dabei Aufgegriffene wurden zurückgeprügelt; so auch
nachts in meinen Schlafraum. Wir erwachten, und nach dem Ruf "Wer ist der
Stubenältester?" meldete sich der wohl ranghöchste, mit einberufene HJ-Führer
(hier Fähnleinführer) und bezog mehrere Schläge ins Gesicht, verabfolgt von dem
Führer, der den (die ?) Flüchtigen zurückbrachte. - Es verbreitete sich in
diesem Zusammenhang die Version, daß auf den Bahnhöfen von Kahla, Jena und
Weimar und in anderer Richtung Gera Streifen patroullierten, um Flüchtige
aufzugreifen.
Kleidung bekamen wir nicht gestellt, lediglich Filzstiefel, die, da sie für
Erwachsene gedacht waren, den meisten viel zu groß waren. So stopften wir alle
Lumpen, derer wir habhaft werden konnten, als Fußlappen hinein und umwickelten
damit unsere Füße. Da die Temperaturen meist wenig über 0° C lagen, waren die
unbefestigten Wege, die durch das Lager führten, im allgemeinen von einer tiefen
Schlammschicht bedeckt. Täglich wurden neue, rasch wieder einsinkende
"Sauerkrautplatten" (in Zement getränkte Holzwolle) daraufgelegt. In kürzester
Zeit sogen sich unsere Filzstiefel voll mit schlammigem Wasser.
So verlief unser Leben zunächst mit Nichtstun. Nach ca. 10 Tagen wurde uns von
der Lagerleitung angeboten, nach Hause zurückzukehren, eine Möglichkeit, die von
den meisten - so auch von mir - freudig wahrgenommen wurde. Zurück blieb eine
Stammannschaft, deren Umfang mir nicht bekannt ist. Sie wurde wohl eingesetzt,
um das Lager einigermaßen brauchbar herzurichten.
Anfang Februar 1945 wurde ich als einer von, wie es hieß, 1 000 Hitlerjungen
erneut zur Reihmag bei Kahla einberufen. Auch diese gehörten fast ausnahmslos
dem Jahrgang 29 an. Mir ist erinnerlich, daß ein Junge des Jahrgangs 1930, der
wohl versehentlich eingezogen worden war, wieder nach Hause fahren durfte
(mußte?), nachdem sein Alter bekannt geworden war.
Inzwischen waren in den Lagergebäuden zweistöckige Betten aufgestellt worden.
Die Räume befanden sich noch im Rohbauzustand: Fenster fehlten völlig, so daß
wir der eindringenden Kälte schutzlos ausgesetzt waren. Schließlich vernagelten
wir die Öffnungen mit Brettern. Geheizt wurden die zwei Räume ohen Zwischentür
durch einen winzigen gußeisernen Ofen. Als Brennmaterial benutzten wir
Holzabfälle, die wir hier und da fanden, und Holz aus dem angrenzenden Wald.
Trotzdem blieb es ziemlich kalt. In einer Ecke des Raumes befand sich noch ein
bis zur Decke reichender Haufen Bauschutt. Türklinke und -schloß fehlten
ebenfalls. Die Waschgelegenheit und die Toilettnverhältnisse hatten sich nicht
geändert, d.h. wir blieben weitgehend ungewaschen und verrichteten unsere
Notdurft weiterhin im Freien.
Neu war, daß wir zu Arbeiten auf dem Walpersberg herangezogen wurden. Noch vor
Tagesanbruch marschierten wir in kleineren Kolonnen los und kamen nach ca. %
Stunden dort an. Unsere Aufgabe bestand darin, mit Spitzhacke und Schaufeln am
Rande den Boden zu planieren und streckenweise Baumstubben zu entfernen. Da uns
keine Äxte oder Beile gestellt wurden, gestaltete sich diese Arbeit sehr
schwierig, besonders auch weil das Eindringen der Spitzhacken in den tonigen bis
lehmigen, stellenweise auch von Geröll bedeckten Boden sehr viel Kraft
erforderte. Vorarbeiten leisteten Greifbagger, und größere Stubben wurden aus
dem Boden herausgesprengt.
Nach einigen Wochen wurden die Bewohner meiner Stube, etwa 30 Jungen, als
Hilfskräfte bei der Versorgung der auf die Rollbahn kommenden ME 262 eingesetzt.
Wir mußten beim Betanken der Maschinen behilflich sein, ebenso beim Einklinken
der Startraketen, ferner beim Hin und Herrollen der Flugzeuge, um diese in
Startposition zu bringen. Und fast täglich, gegen 12 Uhr mittags, mußten wir in
den anliegenden Wäldern Nadelbäume (Kiefern?) fällen und damit die auf der
Rollbahn befindlichen Maschinen tarnen, um sie vor den inzwischen wohl täglich
die Gegend überfliegenden britischen Bombenflugzeugen zu schützen.
Kommandiert wurden wir von Amtswaltern der NSDAP, sog. Goldfasanen. Menschlich
nahmen wir voneinander keine Notiz, wurden lediglich in der Regel nur
angeschrien, was uns jedoch in keiner Weise beeindruckte. Allerdings versuchten
wir, uns auf unsere Weise zu revanchieren, indem wir einigen Nächte lang einen
durch die eingeschalteten Lampenfassung einen somit unter Strom gesetzten Draht
zur Tür führten und dort an einem weiteren, als Türklinke dienenden Draht
befestigten. Schließlich packten wir noch einen nassen Lappen darauf und freuten
uns auf den nächtlichen Besuch eines Führers, der uns schikanieren wollte. Es
kam keiner, und das Bedauern war allgemein.
Als wir noch die genannten Erdarbeiten verrichteten, wurde uns an manchen Tagen
in Aussicht gestellt, nach der Erledigung eines bestimmten Pensums, vorzeitig
ins Lager zurückkehren zu dürfen. Dieses war jedoch in aller Regel so bemessen,
daß wir es fast nie vor Feierabend schaffen konnten.
Abgesehen von unserer Zeit als "Bodenpersonal" waren wir abends wie ausgelaugt
und noch morgens erschöpft. An Freizeitgestaltung zu denken, war geradezu
absurd, ganz abgesehen davon, daß dafür keinerlei Möglichkeiten bestanden. Der
allgemeine Wunsch richtete sich nur darauf, endlich einmal ausschlafen zu
können. Ich teilte mit einem Freund die Hoffnung, Krätze zu bekommen, weil das
die Entlassung aus dem Lager bedeutet hätte. Entsprechendes versprachen wir uns
von Tuberkulose, weshalb wir uns wiederholt, nachdem wir verschwitzt von der
Arbeit gekommen waren, mit nachtem Oberkörper in die eisige Kälte stellten. Aber
auch das vergebens, nicht einmal eine Erkältung stellte sich ein.
Unsere Verpflegung bestand morgens und abends aus je einem Schlag Suppe und an
Kaltverpflegung pro Tag 400 g Kommissbrot, 20 g Butter und 50 g Dauerwurst. Sie
wurde abends ausgegeben, und es bedurfte großer Selbstbeherrschung, sie nicht
gleich vollständig zu verzehren, jedenfalls die Butter und die Wurst.
Gelegentlich gab es Fliegeralarm. Dann wurden wir von der Arbeit aus in Stollen
gewiesen, die, in großer Zahl in den Walpersberg getrieben, nach ihrem Ausbau
der Montage der Flugzeuge dienen sollten. Noch heute habe ich das unangenehme
Geräusch von Kompressoren in den Ohren, die der Versorgung mit Atemluft dienten.
Im Lager gab keinerlei Schutz gegen Fliegerangriffe, keine Schutzräume und nicht
einmal Splittergräben. Ich kann mich an einen Angriff von Tieffliegern erinnern,
vor denen wir und zu schützen suchten, indem wir uns je nach Flugrichtung hinter
der einen oder der anderen Häuserecke verbargen. So gab es wohl weder Tote noch
Verletzte.
Gegen Ende Februar oder Anfang März 1945 trat der HJ-Gebietsführer Theo Schulte
auf und hielt in einem großen Versammlungsraum oder Speiseraum der Belegschaft
eine flammende Ansprache mit den üblichen Durchhalte- und Siegesphrasen, Die
anwesenden Hitlerjungen fühlten sich davon allerdings weit weniger beeindruckt
als von der Tatsache, daß es zur "Feier des Tages" Goulasch mit ziemlich
zerkochten Pellkartoffeln gab. Etwas später mußten wir antreten und noch einmal
ein paar Worte über den Sieg anhören, worauf es hieß: "Wer sich kriegsfreiwillig
meldet, 3 Schritte vor!" Das taten wir geschlossen; nur 3 Jungen von ca. 1 000
blieben stehen. Von Begeisterung war nichts zu spüren, aber jedm war klar, daß
keine Alternative bestand. Danach wurden wir zu kurzen Einzelgesprächen geholt
und gefragt, zu welcher Waffengattung wir eingezogen werden wollten. Ich gab an,
Sanitäter werden zu wollen, weil ich darin noch einen gewissen Sinn zu sehen
glaubte. Mir wurde geantwortet: "Du meinst doch, zu den SS-Sanitätern!" Ich
verneinte, worauf sich ein Wortwechsel anschloß, in dem ich mich absichtlich
etwas kümmerlich-dümmlich gab, und so endete das Gespräch ohne eine für mich
erkennbare Entscheidung. Zum Abschluß erhielt ich, wie alle anderen auch, eine
Bescheinigung mit dem Text: "Jürgen Brather hat sich kriegsfreiwillig gemeldet
und ist berechtigt, die rote Kordel zu tragen." Es gab dazu eine kleine rote
Schnur, die um die Achselklappe der Uniformjacke getragen werden konnte.
Zwischen den zahlreichen Kriegsgefangenen und uns bestanden keine Kontakte, wenn
man davon absieht, daß wir wiederholt heimlich um Brot gebeten wurden. Diese
geschundenen Menschen litten bei weit geringeren Rationen unvergleichlich
größeren Hunger als wir. Sie wurden zudem stets brutal zur Arbeit angetrieben.
Mitunter boten sie uns (wohl von ihrem Hungerlohn) dafür Geld an, bis zu 50
Reichsmark für ein Stück Brot von ca. 400 g. Leider wurde von mehreren meiner
Kameraden dieser Verkauf vorgenommen, so daß diese am Ende unseres Einsatzes
über für unsere Verhältnisse größere Summen verfügten (300 RM und mehr). Zu
diesem Zeitpunkt, gegen Ende unseres Aufenthaltes, ging es uns etwas besser,
weil wir mitunter Gelegenheit fanden, Verpflegung aus Lastwagen in das Magazin
zu transportieren und dabei gelegentlich etwas Brot beiseite zu schaffen. Ich
erinnere mich daran, daß ein Kriegsgefangener seinen (erstaunlicherweise
belassenen) Ehering vom Finger zog und ihn mir gegen ein Stück Brot anbot.
Seiner Bitte kam ich nach, beließ ihm aber den Ring. Es wäre mir unmöglich
gewesen, mich auf solche Weise zu bereichern, wenn ich auch die zu Geld
gekommenen Kameraden beneidete. Noch heute bin ich dankbar dafür, daß ich allen
derartigen Versuchungen zu widerstehen vermochte. Lediglich einmal nahm ich eine
Gegenleistung für Brot an, als ich, zum Stubendienst eingeteilt, meine Arbeit
von einem Russen erledigen ließ, während ich diese Zeit nutzte, um meiner großen
Müdigkeit durch etwas Schlaf abzuhelfen. Der Gefangene seinerseits hatte sich
offensichtlich von seiner Arbeit drücken können und so für seine Verhältnisse
einen bequemen Tag gehabt.
An der Rollbahn lasen Gefangene oder Zwangsarbeiter von uns weggeworfenes
Zeitungspapier auf, in das wir unsere Kaltverpflegung eingewickelt hatten. In
alten Konservendosen kochten sie dieses in Wasser auf und tranken diese,
wenigstens ein paar Fettaugen enthaltende Giftbrühe.
Besonders schwer hatten es italienische Badoglio-Gefangene, die außerordentlich
unter der Kälte litten. So entzündeten sie in ihren kurzen Arbeitspausen nach
Möglichkeit kleine Feuer im Freien (Aufenthaltsräume gab es weder für sie noch
für uns) und erwärmten sich daran. Meist erschien allerding alsbald ein
Goldfasan, trat das Feuer aus und verscheuchte sie.
Ein besonders sadistisches Verhalten konnte ich beobachten, als 10-15 Gefangene
um einen weiteren herumstanden, der eine gefrorene Futterrübe in der Hand hielt
Sie gierten danach, ein Stück von dieser zu erhaschen. Dies nahm ein Goldfasan
wahr, entriß dem Besitzer die Rübe und trat ihn so in den Unterleib, daß dieser
geschwächte Mensch bewußtlos zuammenbrach. Daraufhin nahm der Parteimann die
Rübe, warf sie weit weg und gab den Gefangenen ein Zeichen, diese wieder zu
holen. Es kam zu einer Schlägerei unter den Hungernden, während sich der
sadistische Goldfasan mit in die Hüften gestemmten Armen vor Lachen fast
umbrachte.
Gegen Mitte März 1945 wurden wir im Rahmen der Auflösung der Reihmag nach Hause
entlassen. Für mich endete damit einer der schrecklichsten Abschnitte meines
Lebens.
Jürgen Brather Tel. 0451-60 26 60 Fax 0451-60
26 80
Behaimring 57c
5.11.1998
23564 Lübeck
An die
Heinrich-Jung-Verlagsgesellschaft
9854 Zella-Mehlis
Sehr geehrte Damen und Herren,
mit großem Interesse habe ich Ihr Buch "Deckname Lachs" (3. Aufl.) gelesen.
Leider fand ich nur kurze Angaben über den Einsatz der Hitlerjungen. Die
Aktenlage hat vermutlich nicht mehr hergegeben.
Als Beteiligter habe ich nun meine Beobachtungen und Eindrücke über meinen
Einsatz niedergeschrieben und sie von einigen meiner damaligen Kameraden auf
Erinnerungslücken bzw. -verfälschungen überprüfen lassen.
Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie den anliegenden Bericht den Autoren zuleiten
würden. Sie könnten dann nach deren Einschätzung in eine weitere (?) Auflage
eingearbeitet werden oder wenigstens an geeigneter Stelle archiviert werden.
Mit freundlichem Gruß
Antwort kam telefonisch umgehend. Es handelt sich um einen Einmannverlag, der
sich mit der Höhe der 3. Auflage etwas übernommen hat, so dass mit einer
weiteren nicht mehr zu rechnen ist.
Zur Lektüre Ihrer mails bin ich noch nicht gekommen.
Ihr J. Brather.
HJ-Einsatz in Kahla Januar bis März 1945
In der 2. Dezemberhälfte 1944 erhielt ich neben anderen Schulkameraden des
Jahrgangs 1929 eine Einberufung zum HJ-Einsatz im Reihmag-Betrieb bei Kahla. Wir
erhielten eine Fahrerlaubnis für die Reichsbahn vom Heimatort (in meinem Falle
von Bad Frankenhausen/Kyffh.) nach Kahla. Gefordert (gewünscht?) war Erscheinen
in HJ-Winteruniform, und nach Möglichkeit sollten Spaten oder Schaufel
mitgebracht werden. Letzteres wurde nur von ganz fanatischen Hitlerjungen, also
zum damaligen Zeitpunkt nur sehr wenigen, befolgt.
Wir trafen gleich nach Jahresbeginn, wohl am 2. Januar 1945, ein und wurden
"ohne Schritt" auf schnee- und eisglatter Straße in unser Lager nach Bibra
geführt.
Unterkunft fanden wir, von 3 000 Jungen des Jahrgangs 29 war die Rede, in
zweistöckigen Häusern im Rohzustand. Das "Inventar" der Räume bestand lediglich
aus einer Schütte aus Holzwolle, auf der wir so eng zusammengepfercht liegen
mußten, daß wir nur in Seitenlage ausreichend Platz zum Schlafen fanden. Jedem
wurden zwei Decken zugeteilt.
Eine sog. "Waschmöglichkeit" bot sich am Ende des Lagers, wo ein einziges Rohr
aus dem Boden kam, aus dem ein dünner Wasserstrahl floß. In Anbetracht der
herschenden Kälte unterblieb die Wäsche bei den meisten.
Die Toiletten nannten wir "18-Zylinder": In einem Raum standen ohne Trennwände 9
WC-Becken nebeneinander und dahinter noch einmal ebensoviele in umgekehrter
Sitzrichtung. Ob weitere WC-Häuser vorhanden waren, ist mir nicht bekannt. Wegen
der Unsauberkeit und des damit verbundenen fürchterlichen Gestanks benutzten
einige von uns nach dem ersten Tag diesen Raum nicht mehr sondern entleerten uns
uns in dem angrenzenden Wald, der sich an den Hängen über dem Lager hinaufzog.
An die Verpflegung des ersten Tages kann ich mich nicht mehr erinnern. Am
nächsten Mittag fand die Essensausgabe im Freien statt. Wir standen in langer
Reihe an und warteten ca. 2 Stunden in eisiger Kälte, bis die ersten ihr Essen
empfingen. Dieses bestand aus einem Gemisch von viel Wasser und wenig Milch,
dessen Bodensatz halbrohe Steckrübenschitrzel bildeten. Einige probierten diese
widerliche Mixtur und kippten anschließend den Inhalt ihrer Kochgeschirre in den
Schnee. Nach weiteren Kostproben löste sich die Schlange der Wartenden auf.
Wie der Tag weiter verlief, habe ich nicht mehr in Erinnerung, auf jeden Fall in
Empörung und mit Nichtstun, jedenfalls war der Tag in keiner Weise strukturiert.
Abends gab es etwas Kaltverpflegung.
Nach Einbruch der Dunkelheit flohen mehrere Jungen aus dem Lager und versuchten,
sich nach Hause abzusetzen. Dabei Aufgegriffene wurden zurückgeprügelt; so auch
nachts in meinen Schlafraum. Wir erwachten, und nach dem Ruf "Wer ist der
Stubenältester?" meldete sich der wohl ranghöchste, mit einberufene HJ-Führer
(hier Fähnleinführer) und bezog mehrere Schläge ins Gesicht, verabfolgt von dem
Führer, der den (die ?) Flüchtigen zurückbrachte. - Es verbreitete sich in
diesem Zusammenhang die Version, daß auf den Bahnhöfen von Kahla, Jena und
Weimar und in anderer Richtung Gera Streifen patroullierten, um Flüchtige
aufzugreifen.
Kleidung bekamen wir nicht gestellt, lediglich Filzstiefel, die, da sie für
Erwachsene gedacht waren, den meisten viel zu groß waren. So stopften wir alle
Lumpen, derer wir habhaft werden konnten, als Fußlappen hinein und umwickelten
damit unsere Füße. Da die Temperaturen meist wenig über 0° C lagen, waren die
unbefestigten Wege, die durch das Lager führten, im allgemeinen von einer tiefen
Schlammschicht bedeckt. Täglich wurden neue, rasch wieder einsinkende
"Sauerkrautplatten" (in Zement getränkte Holzwolle) daraufgelegt. In kürzester
Zeit sogen sich unsere Filzstiefel voll mit schlammigem Wasser.
So verlief unser Leben zunächst mit Nichtstun. Nach ca. 10 Tagen wurde uns von
der Lagerleitung angeboten, nach Hause zurückzukehren, eine Möglichkeit, die von
den meisten - so auch von mir - freudig wahrgenommen wurde. Zurück blieb eine
Stammannschaft, deren Umfang mir nicht bekannt ist. Sie wurde wohl eingesetzt,
um das Lager einigermaßen brauchbar herzurichten.
Anfang Februar 1945 wurde ich als einer von, wie es hieß, 1 000 Hitlerjungen
erneut zur Reihmag bei Kahla einberufen. Auch diese gehörten fast ausnahmslos
dem Jahrgang 29 an. Mir ist erinnerlich, daß ein Junge des Jahrgangs 1930, der
wohl versehentlich eingezogen worden war, wieder nach Hause fahren durfte
(mußte?), nachdem sein Alter bekannt geworden war.
Inzwischen waren in den Lagergebäuden zweistöckige Betten aufgestellt worden.
Die Räume befanden sich noch im Rohbauzustand: Fenster fehlten völlig, so daß
wir der eindringenden Kälte schutzlos ausgesetzt waren. Schließlich vernagelten
wir die Öffnungen mit Brettern. Geheizt wurden die zwei Räume ohen Zwischentür
durch einen winzigen gußeisernen Ofen. Als Brennmaterial benutzten wir
Holzabfälle, die wir hier und da fanden, und Holz aus dem angrenzenden Wald.
Trotzdem blieb es ziemlich kalt. In einer Ecke des Raumes befand sich noch ein
bis zur Decke reichender Haufen Bauschutt. Türklinke und -schloß fehlten
ebenfalls. Die Waschgelegenheit und die Toilettnverhältnisse hatten sich nicht
geändert, d.h. wir blieben weitgehend ungewaschen und verrichteten unsere
Notdurft weiterhin im Freien.
Neu war, daß wir zu Arbeiten auf dem Walpersberg herangezogen wurden. Noch vor
Tagesanbruch marschierten wir in kleineren Kolonnen los und kamen nach ca. %
Stunden dort an. Unsere Aufgabe bestand darin, mit Spitzhacke und Schaufeln am
Rande den Boden zu planieren und streckenweise Baumstubben zu entfernen. Da uns
keine Äxte oder Beile gestellt wurden, gestaltete sich diese Arbeit sehr
schwierig, besonders auch weil das Eindringen der Spitzhacken in den tonigen bis
lehmigen, stellenweise auch von Geröll bedeckten Boden sehr viel Kraft
erforderte. Vorarbeiten leisteten Greifbagger, und größere Stubben wurden aus
dem Boden herausgesprengt.
Nach einigen Wochen wurden die Bewohner meiner Stube, etwa 30 Jungen, als
Hilfskräfte bei der Versorgung der auf die Rollbahn kommenden ME 262 eingesetzt.
Wir mußten beim Betanken der Maschinen behilflich sein, ebenso beim Einklinken
der Startraketen, ferner beim Hin und Herrollen der Flugzeuge, um diese in
Startposition zu bringen. Und fast täglich, gegen 12 Uhr mittags, mußten wir in
den anliegenden Wäldern Nadelbäume (Kiefern?) fällen und damit die auf der
Rollbahn befindlichen Maschinen tarnen, um sie vor den inzwischen wohl täglich
die Gegend überfliegenden britischen Bombenflugzeugen zu schützen.
Kommandiert wurden wir von Amtswaltern der NSDAP, sog. Goldfasanen. Menschlich
nahmen wir voneinander keine Notiz, wurden lediglich in der Regel nur
angeschrien, was uns jedoch in keiner Weise beeindruckte. Allerdings versuchten
wir, uns auf unsere Weise zu revanchieren, indem wir einigen Nächte lang einen
durch die eingeschalteten Lampenfassung einen somit unter Strom gesetzten Draht
zur Tür führten und dort an einem weiteren, als Türklinke dienenden Draht
befestigten. Schließlich packten wir noch einen nassen Lappen darauf und freuten
uns auf den nächtlichen Besuch eines Führers, der uns schikanieren wollte. Es
kam keiner, und das Bedauern war allgemein.
Als wir noch die genannten Erdarbeiten verrichteten, wurde uns an manchen Tagen
in Aussicht gestellt, nach der Erledigung eines bestimmten Pensums, vorzeitig
ins Lager zurückkehren zu dürfen. Dieses war jedoch in aller Regel so bemessen,
daß wir es fast nie vor Feierabend schaffen konnten.
Abgesehen von unserer Zeit als "Bodenpersonal" waren wir abends wie ausgelaugt
und noch morgens erschöpft. An Freizeitgestaltung zu denken, war geradezu
absurd, ganz abgesehen davon, daß dafür keinerlei Möglichkeiten bestanden. Der
allgemeine Wunsch richtete sich nur darauf, endlich einmal ausschlafen zu
können. Ich teilte mit einem Freund die Hoffnung, Krätze zu bekommen, weil das
die Entlassung aus dem Lager bedeutet hätte. Entsprechendes versprachen wir uns
von Tuberkulose, weshalb wir uns wiederholt, nachdem wir verschwitzt von der
Arbeit gekommen waren, mit nachtem Oberkörper in die eisige Kälte stellten. Aber
auch das vergebens, nicht einmal eine Erkältung stellte sich ein.
Unsere Verpflegung bestand morgens und abends aus je einem Schlag Suppe und an
Kaltverpflegung pro Tag 400 g Kommissbrot, 20 g Butter und 50 g Dauerwurst. Sie
wurde abends ausgegeben, und es bedurfte großer Selbstbeherrschung, sie nicht
gleich vollständig zu verzehren, jedenfalls die Butter und die Wurst.
Gelegentlich gab es Fliegeralarm. Dann wurden wir von der Arbeit aus in Stollen
gewiesen, die, in großer Zahl in den Walpersberg getrieben, nach ihrem Ausbau
der Montage der Flugzeuge dienen sollten. Noch heute habe ich das unangenehme
Geräusch von Kompressoren in den Ohren, die der Versorgung mit Atemluft dienten.
Im Lager gab keinerlei Schutz gegen Fliegerangriffe, keine Schutzräume und nicht
einmal Splittergräben. Ich kann mich an einen Angriff von Tieffliegern erinnern,
vor denen wir und zu schützen suchten, indem wir uns je nach Flugrichtung hinter
der einen oder der anderen Häuserecke verbargen. So gab es wohl weder Tote noch
Verletzte.
Gegen Ende Februar oder Anfang März 1945 trat der HJ-Gebietsführer Theo Schulte
auf und hielt in einem großen Versammlungsraum oder Speiseraum der Belegschaft
eine flammende Ansprache mit den üblichen Durchhalte- und Siegesphrasen, Die
anwesenden Hitlerjungen fühlten sich davon allerdings weit weniger beeindruckt
als von der Tatsache, daß es zur "Feier des Tages" Goulasch mit ziemlich
zerkochten Pellkartoffeln gab. Etwas später mußten wir antreten und noch einmal
ein paar Worte über den Sieg anhören, worauf es hieß: "Wer sich kriegsfreiwillig
meldet, 3 Schritte vor!" Das taten wir geschlossen; nur 3 Jungen von ca. 1 000
blieben stehen. Von Begeisterung war nichts zu spüren, aber jedm war klar, daß
keine Alternative bestand. Danach wurden wir zu kurzen Einzelgesprächen geholt
und gefragt, zu welcher Waffengattung wir eingezogen werden wollten. Ich gab an,
Sanitäter werden zu wollen, weil ich darin noch einen gewissen Sinn zu sehen
glaubte. Mir wurde geantwortet: "Du meinst doch, zu den SS-Sanitätern!" Ich
verneinte, worauf sich ein Wortwechsel anschloß, in dem ich mich absichtlich
etwas kümmerlich-dümmlich gab, und so endete das Gespräch ohne eine für mich
erkennbare Entscheidung. Zum Abschluß erhielt ich, wie alle anderen auch, eine
Bescheinigung mit dem Text: "Jürgen Brather hat sich kriegsfreiwillig gemeldet
und ist berechtigt, die rote Kordel zu tragen." Es gab dazu eine kleine rote
Schnur, die um die Achselklappe der Uniformjacke getragen werden konnte.
Zwischen den zahlreichen Kriegsgefangenen und uns bestanden keine Kontakte, wenn
man davon absieht, daß wir wiederholt heimlich um Brot gebeten wurden. Diese
geschundenen Menschen litten bei weit geringeren Rationen unvergleichlich
größeren Hunger als wir. Sie wurden zudem stets brutal zur Arbeit angetrieben.
Mitunter boten sie uns (wohl von ihrem Hungerlohn) dafür Geld an, bis zu 50
Reichsmark für ein Stück Brot von ca. 400 g. Leider wurde von mehreren meiner
Kameraden dieser Verkauf vorgenommen, so daß diese am Ende unseres Einsatzes
über für unsere Verhältnisse größere Summen verfügten (300 RM und mehr). Zu
diesem Zeitpunkt, gegen Ende unseres Aufenthaltes, ging es uns etwas besser,
weil wir mitunter Gelegenheit fanden, Verpflegung aus Lastwagen in das Magazin
zu transportieren und dabei gelegentlich etwas Brot beiseite zu schaffen. Ich
erinnere mich daran, daß ein Kriegsgefangener seinen (erstaunlicherweise
belassenen) Ehering vom Finger zog und ihn mir gegen ein Stück Brot anbot.
Seiner Bitte kam ich nach, beließ ihm aber den Ring. Es wäre mir unmöglich
gewesen, mich auf solche Weise zu bereichern, wenn ich auch die zu Geld
gekommenen Kameraden beneidete. Noch heute bin ich dankbar dafür, daß ich allen
derartigen Versuchungen zu widerstehen vermochte. Lediglich einmal nahm ich eine
Gegenleistung für Brot an, als ich, zum Stubendienst eingeteilt, meine Arbeit
von einem Russen erledigen ließ, während ich diese Zeit nutzte, um meiner großen
Müdigkeit durch etwas Schlaf abzuhelfen. Der Gefangene seinerseits hatte sich
offensichtlich von seiner Arbeit drücken können und so für seine Verhältnisse
einen bequemen Tag gehabt.
An der Rollbahn lasen Gefangene oder Zwangsarbeiter von uns weggeworfenes
Zeitungspapier auf, in das wir unsere Kaltverpflegung eingewickelt hatten. In
alten Konservendosen kochten sie dieses in Wasser auf und tranken diese,
wenigstens ein paar Fettaugen enthaltende Giftbrühe.
Besonders schwer hatten es italienische Badoglio-Gefangene, die außerordentlich
unter der Kälte litten. So entzündeten sie in ihren kurzen Arbeitspausen nach
Möglichkeit kleine Feuer im Freien (Aufenthaltsräume gab es weder für sie noch
für uns) und erwärmten sich daran. Meist erschien allerding alsbald ein
Goldfasan, trat das Feuer aus und verscheuchte sie.
Ein besonders sadistisches Verhalten konnte ich beobachten, als 10-15 Gefangene
um einen weiteren herumstanden, der eine gefrorene Futterrübe in der Hand hielt
Sie gierten danach, ein Stück von dieser zu erhaschen. Dies nahm ein Goldfasan
wahr, entriß dem Besitzer die Rübe und trat ihn so in den Unterleib, daß dieser
geschwächte Mensch bewußtlos zuammenbrach. Daraufhin nahm der Parteimann die
Rübe, warf sie weit weg und gab den Gefangenen ein Zeichen, diese wieder zu
holen. Es kam zu einer Schlägerei unter den Hungernden, während sich der
sadistische Goldfasan mit in die Hüften gestemmten Armen vor Lachen fast
umbrachte.
Gegen Mitte März 1945 wurden wir im Rahmen der Auflösung der Reihmag nach Hause
entlassen. Für mich endete damit einer der schrecklichsten Abschnitte meines
Lebens.
Jürgen Brather Tel. 0451-60 26 60 Fax 0451-60
26 80
Behaimring 57c
5.11.1998
23564 Lübeck
An die
Heinrich-Jung-Verlagsgesellschaft
9854 Zella-Mehlis
Sehr geehrte Damen und Herren,
mit großem Interesse habe ich Ihr Buch "Deckname Lachs" (3. Aufl.) gelesen.
Leider fand ich nur kurze Angaben über den Einsatz der Hitlerjungen. Die
Aktenlage hat vermutlich nicht mehr hergegeben.
Als Beteiligter habe ich nun meine Beobachtungen und Eindrücke über meinen
Einsatz niedergeschrieben und sie von einigen meiner damaligen Kameraden auf
Erinnerungslücken bzw. -verfälschungen überprüfen lassen.
Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie den anliegenden Bericht den Autoren zuleiten
würden. Sie könnten dann nach deren Einschätzung in eine weitere (?) Auflage
eingearbeitet werden oder wenigstens an geeigneter Stelle archiviert werden.
Mit freundlichem Gruß
Antwort kam telefonisch umgehend. Es handelt sich um einen Einmannverlag, der
sich mit der Höhe der 3. Auflage etwas übernommen hat, so dass mit einer
weiteren nicht mehr zu rechnen ist.
Zur Lektüre Ihrer mails bin ich noch nicht gekommen.
Ihr J. Brather.
Namen und Schlagwörter
Quellen und Nachweise
- zeitzeugen_komplett.pdf (Original, 845 Seiten)