Zeitzeugnis
Zeitzeugenaussage Jean Van Gorp
Quellennahe Neu-OCR des in der Komplett-PDF ueberlieferten Berichts von Jean Van Gorp.
Forschungsstand dokumentiert
Forschungsdatensatz
Dokumentierte Angaben
- Person
- Jean Van Gorp
- Rolle
- ehemaliger Zwangsarbeiter
- Ort
- Kahla / Walpersberg
- Zeitraum
- 1944-1945; spaetere Niederschrift oder Befragung
- Herkunft
- unbekannt
Überlieferung und Kontext
«Nach meiner ersten Woche in Kahla, als ich drei meiner
Zimmergenossen sterben sah, sehnte ich mich nach wie vor nach der
heimischen Gemütlichkeit.»
Jean Van Gorp
Auch bei Jean Van Gorp wurde ich herzlich empfangen. Wie Valere Braet gelangte auch Jean Van
Gorp nicht direkt nach Kahla. Erst kam er nach Suhl, dann Ilsenburg und Oschersleben. Nach
dem Krieg schrieb er seine Erfahrungen zur eigenen Erinnerung auf einem kleinen Notizblock
nieder. Er war gerne bereit, mir den Teil davon zu geben, der von Kahla handelte woraus ich nun
ein paar Episoden entnehmen werde. Denn die Zeilen beschreiben in einer sehr bewegten Art
und Weise, wie dort das „Leben' war.
«Im April 1943 wurde mir aufgetragen, mich für die Zwangsarbeit in Deutschland anzumelden.
Nur einmal ging ich zu der Werbestelle in der Hoffnung eine Freistellung zu bekommen, weil
ich in einer Chemiefirma arbeitete. Doch mein Plan funktionierte nicht und von da an begann
ich, mich zu verstecken. Ich erledigte meine Arbeit in dieser Chemiefirma, aber ich lief immer
durch die Felder zur Arbeit.»
«Bis zum 5. Juli 1944. Während dieser Zeit lernte ich Französisch und Buchhaltung über ein
polytechnisches Institut. Und zu Hause bei meinen Eltern befasste ich mich auch in meinem
Zimmer damit. Dann ging ich hinunter und hörte Radio. Kurze Zeit später band ich eine
Ziege, die ausgebrochen war, an. Bei dieser Gelegenheit nahmen sie mich fest: ein
Feldgendarm und drei belgische Männer. Ich gab ihnen einen Beweis, dass ich in der
Chemiefirma arbeitete, aber das half auch nichts.»
«Sie brachten mich nach Turnhout, nahe Warande. Von dort aus liefen wir in Richtung der
Vandiepenbeekstraat in Antwerpen. Später nahmen uns Busse mit nach Etterbeek, wo wir sofort
in einen wartenden Zug geladen wurden.»
«Wir kamen in Weimar an. Nach drei Tagen wurden wir in Gruppen aufgeteilt: Ich musste für die
Gustloffwerke in Suhl arbeiten. Als erstes musste ich sechs Wochen in einem Straflager
durchmachen, weil ich nicht freiwillig mit nach Deutschland gehen wollte. Wir hatten
Bodenarbeiten durchzuführen.»
«Nach meiner Zeit in Suhl brachten sie mich nach Oschersleben, wo ich über zwei Monate
blieb. In Oschersleben wurden Flugzeugteile hergestellt; ich stellte Stäbe her und entgratete
sie.»
«Dadurch ging ich nach Wegeleben, wo ich die Weihnachtszeit verbrachte. Wir arbeiteten an der
Konstruktion der Flugzeugflügel.»
Jean Van Gorp.
«Nach meiner ersten Woche in Kahla, als ich drei meiner Zimmergenossen sterben sah,
sehnte ich mich nach wie vor nach der heimischen Gemütlichkeit.»
Die Produktion der Flugzeugteile war auf eine Zahl verschiedener Standorte verstreut. In
anderen Gebieten wurden diese dann zusammengesetzt; Kahla war eins von den Gebieten.
«Ich war auch für kurze Zeit in Ilsenburg und dann wieder in Oschersleben.»
«Mitte Februar schaffte man uns nach Kahla. Bereits vor der Abfahrt wussten wir von den
entsetzlichen Bedingungen, die dort herrschten; ein „Vorarbeiter" hatte uns gewarnt.»
In seinen Notizen beschreibt Jean mit bewegender Wortwahl das „Leben" in Kahla, wie es
wirklich war. Über seine Ankunft in Weimar schrieb er:
«Dunkelheit legte sich über den Ort, schwere Wolken bedeckten den Himmel und dichter
Smog hing über der Landschaft; die Straßen waren unter einer dichten Schlammschicht
verschwunden. Wir waren nun in Kahla angekommen und würden nun hier arbeiten müssen. Wir
nahmen unsere Koffer und eine Gruppe von etwa 30 Männern marschierte los. Die Straßen
waren matschig glatt und es war fast ummöglich, ihnen zu folgen. Hier und da fiel einer zu Boden
und hilfreiche Kameraden zogen ihn wieder hoch.»
Sehr bald mussten sie die schlechten Zustände in Kahla erfahren. Ein,, Vorarbeiter" erzählte
ihnen in Oschersleben darüber. Aber es ist immer noch ein Unterschied davon zu hören und
mitten in der Hölle anzukommen:
«Das Schlimmste wurde als erstes erzählt und war nach zwei Minuten allen bekannt. Wir
wussten von den täglichen Toten durch Typhus und Durchfall. Besser als alle Arzte
zusammen wusste sie über die Symptome Bescheid und wie man dagegen angehen konnte.»
Inzwischen hatten die Alliierten Düsseldorf und Straßburg erobert; sie hatten auch schon bei
weitem den Rhein überquert:
«Langsam aber sicher näherten sie sich Kahla. Jeden Tag gingen Gerüchte im Lager herum
und verschiedene Karten wurden studiert und gemessen, sodass jeder sagen konnte, wie lang es
noch dauert, bis die Befreier Kahla erreichten.»
In seinen Notizen schilderte Jean die Lebensumstände in der Kaserne folgendermaßen:
«Die erste Tür führte zu einer Vorhalle und nach dem Öffnen der zweiten sahen wir eine
Doppelreihe Strohsäcke, auf denen Müll verstreut lag; in einer Ecke erkannten wir einen
Haufen von Koffern, in der Raummitte eine Feuerstelle und auf einer Seite einen
wahrscheinlich kranken oder gar toten Kameraden.»
«Um die Erkrankung festzustellen, musste man kein Arzt sein; es war ohne Zweifel Typhus
oder Diphtherie. Fünf bis zehn Freunde starben täglich; ich glaubte Gott liebte es, wie sie zu
ihm hoch kamen.»
Jean Van Gorp
«Nach meiner ersten Woche in Kahla, als ich drei meiner Zimmergenossen sterben sah,
шей mich nach wie vor nach der heimischen Gemutlichket» _
«Wir rochen die unangenehme, drückende Luft. Es war ein furchtbarer Gestank vom
Erbrochenen des kranken Mannes, der Geruch von schmutziger Kleidung, die an der Wand
hing, oder der Gestank von Kot sterbender Jugendlicher, die sich nicht mehr bewegen konnten und
an Ort und Stelle sterben würden.»
«Die Behandlung der Kranken war miserabel und jemand der erkrankte, war von vornherein
zum Tode verurteilt. Einer, der heute noch durch die Gegend sprang, konnte am nächsten Tag
vielleicht nicht mal mehr aufstehen. Schweres Fieber erwischt einen und auf einem Haufen
Stroh wartet man mit geschwollenen Augen auf den Tod, damit er einen mitnimmt. Essen
wird unmöglich und nach dem zweiten oder dritten Tag fällt man in den ewigen Schlaf.
Einige Kameraden bringen dann den toten Körper ins Leichenschauhaus. Ein paar Stunden
später wurden die Leichen mitgenommen und danach hörten wir nie wieder etwas von ihnen und
ihrem Schicksal.»
«Nach meiner ersten Woche in Kahla sehnte ich mich wie nie zuvor nach der heimischen
Gemütlichkeit, als ich sah, wie drei von meinen Zimmergenossen in die Ewigkeit
aufbrachen.»
Tief im Inneren der Bergstollen arbeitete Jean an der Konstruktion der Flugzeugflügel. So
beschrieb er seine Arbeit:
«Schmutzig und ungewaschen stiegen wir hinab in die Tunnel und erreichten schließlich die
Werkstätte tief im Berg. Die Arbeit war zwar nicht schwer, aber unangenehm ermüdend und
anstrengend, weil wir abends lediglich die Hälfte von den Lebensmitteln bekamen, die wir
eigentlich benötigt hätten. Den ganzen Tag mussten wir stehen, da jede halbe Stunde der
„Werkschutz" mit seinen Knüppeln durch die Gängen patrouillierte und nach dem Rechten
sah, ob alles unter Kontrolle war und jeder seine zugeteilte Arbeit erfüllte. Stündlich führten sie
auf den Toiletten eine Razzia durch , wonach mehrere junge Männer mit blutigen Gesichtern
herauswankten. Ja, sogar Frauen befassten sich mit uns bei Schlägereien. Die größte und
kräftigste Frau des „Werkschutzes" war eine wallonische Frau von der SS und ein paar russische
Frauen. Ich werde mir ihre Gesichter gewiss für immer einprägen und fürchten.»
«Wir hatten nie Freizeit; wir mussten von Montag bis Sonntag schuften.»
Nach der Arbeit eilten sie zurück ins Lager.
«Am Abend kehrten wir in die Kasernen zurück, erschöpft und dem Hungertod nahe. Wir
beeilten uns auf unserem Rückweg, da sich einige Männer an der Essensausgabe anstellen
mussten War man der letzte in der Schlange, war nur noch ein bisschen Suppe übrig. Nach
dem Warten unter Tausenden fluchenden Schreien der Deutschen gingen wir schließlich an
einen Tisch, wo wir einen Liter Suppe, die aus Rüben und gefrorenen Kartoffeln bestand,
bekamen.»
Jean Van Gorp
Namen und Schlagwörter
Quellen und Nachweise
- zeitzeugen_komplett.pdf (Original, 845 Seiten)