Zeitzeugnis
Zeitzeugenaussage Ireneusz Margasinski
Quellennahe Neu-OCR des in der Komplett-PDF ueberlieferten Berichts von Ireneusz Margasinski.
Forschungsstand dokumentiert
Forschungsdatensatz
Dokumentierte Angaben
- Person
- Ireneusz Margasinski
- Rolle
- ehemaliger Zwangsarbeiter
- Ort
- Kahla / Walpersberg
- Zeitraum
- 1944-1945; spaetere Niederschrift oder Befragung
- Herkunft
- unbekannt
Überlieferung und Kontext
Herr Ireneusz Margasinski berichtet folgendes:
Als 17 jähriger Berufsschüler wurde ich im April 1941 mit anderen Altersgenossen aus
meiner polnischen Heimat nach Bleiche, unweit von Magdeburg, verschleppt. Dort kam ich in
eine Flugzeugfabrik. 1944 wurden wir nach Kahla gebracht. Ich gehörte zum ersten
Transport. Seit dem Oktober 1944 war ich der „Stelle О“ zugeteilt und als „Spezialist“ in der
Montage der Flugzeugkabinen eingesetzt. Im Berg mussten wir ohne jeglichen Schutz 12
Stunden täglich — von früh 6 Uhr bis abends 6 Uhr oder umgekehrt schuften. Ville litten unter
unerträglichen Atembeschwerden und unbeschreibbarem Hunger. Erst nach Schichtschluss
wurden Lebensmittelkarten ausgeteilt. Nur der bekam eine Portion der die Norm erfüllte. Und
wenn es den „Meistern“ beliebte, dann bekamen wir die halbe Ration. Laut Speiseplan sollte
es jeden Tag eine andere Suppe geben, aber es war immer die gleiche Wasserbrühe, dazu zwei
Pellkartoffeln und als Abendbrot 250 g Schwarzbrot mit etwas Margarine. Das war die volle
Tagesration nach 12 Stunden Arbeit und kilometerlangem Marsch bis in die Lager im
Leubengrund. Der Hunger führte immer wieder zu Fluchtversuchen. Im Dezember gelang mir
die erste Flucht nach Magdeburg. In meine Heimat konnte ich nicht zurück. Nur wenige Tage
war ich frei. Am Weihnachtsabend wurde ich verhaftet, fünf Stunden von der Gestapo festlich
verhört. Ich wurde getreten, geschlagen, dann in einen Keller geführt. Zu dritt wurden wir
aneinander gefesselt und am 1.Weihnachtstag in ein Straflager. (ein schönes
Weihnachtsgeschenk) Aber ich habe nicht verraten dass ich aus der REIMAHG geflohen war.
Nach zwei Monaten kam die Gestapo wieder und wiederholte ihre Weihnachtstortur. Als der
Gestaposcherge mich nur einem Aufpasser überließ, um aus einem Nebenraum neue
Folterwerkzeuge zu holen, hatte er unbewusst Papiere auf dem Tisch liegen lassen. So erfuhr
ich zufällig, dass meine Mutter mit der Familie 1943 ins KZ Auschwitz und meine Mutter ins
KZ Dachau eingeliefert worden war. Aus Angst vor Auschwitz gestand ich die Flucht aus der
REIMAHG, dem „kleineren Übel“, dem man vielleicht noch einmal entfliehen könnte. Ich
wurde sofort in den Walpersberg zurückgebracht. Am 6.März 1945 wurde mir der zweite
„REIMAHG — Ausweis“ mit der Nummer 006977 ausgestellt, den ich mit Fingerabdruck
unterschreiben musste. Nach gut drei Wochen gelang mir die erneute Flucht. Ich konnte mich
bis zum Ende des Krieges durchschlagen und im April 1946 kehrte ich in die Heimat zurück.
Namen und Schlagwörter
Quellen und Nachweise
- zeitzeugen_komplett.pdf (Original, 845 Seiten)