Zeitzeugnis
Zeitzeugenaussage Hans Schroth
Quellennahe Neu-OCR des in der Komplett-PDF ueberlieferten Berichts von Hans Schroth.
Forschungsstand dokumentiert
Forschungsdatensatz
Dokumentierte Angaben
- Person
- Hans Schroth
- Rolle
- Zeitzeuge
- Ort
- Kahla / Walpersberg
- Zeitraum
- 1944-1945; spaetere Niederschrift oder Befragung
- Herkunft
- Deutschland
Überlieferung und Kontext
Interview Hans Schroth:
Was können sie zu den letzten Tagen der Reimahg sagen?
Es hieß, dass Hitler im Januar kommen wollte, dies wurde aber abgesagt weil die US — Armee
schon sehr weit drin war im Lande. Es lief keine Produktion mehr und die Ausländer waren
im Lager und wir haben da nur Unterlagen verbrannt. Wir haben in Stollen 24 das war das
Konstruktionsbüro, da waren die ganzen Reißbretter drin, da haben wir die Zeichnungen die
noch zur Verfügung standen rausgeholt und verbrannt, vorher schon wurden wichtige
Unterlagen weggeschafft.
Zur Porzellanfabrik ?
Wohin sie geschafft wurden kann ich nicht sagen. Jedenfalls das wichtigste haben sie mit
genommen und das was noch da war an Unterlagen an Reißbrettern und Zeichnungen das war
zweitrangig, die haben wir noch zusätzlich an der Baracke am großen Bunker verbrannt, die
ganzen Zeichnungen, die ganzen Unterlagen, die ganzen Personalunterlagen wurden
verbrannt, ich habe in diesem Moment die Idee gehabt meine Unterlagen noch rauszuholen
deswegen habe ich sie noch. Es wurde alles verbrannt die Wehrpässe die ganzen
Einstellungsbelege alle Papiere, das war das eine und dann zum anderen die Vernichtung der
Ersatzteile beziehungsweise der Gerätschaften, vorn am ersten Bunker wurden die Kartons
aufgerissen wo die ganzen Messinstrumente drin waren, (Tochterkompässe, Mutterkompässe,
Wendehorizonte), das Zeug wurde aus der Verpackung rausgerissen und mit Eisenstangen
zerschlagen und weggeschmissen also vernichtet. Ich sehe heute noch das Quecksilber, das
wie ein kleiner Rinnsaal in den Gully lief.
Haben sie das über mehrere tage gemacht?
Na ja so 2 - 3 tage, es wurde dann auch geplündert.
Gab es keine Wache mehr?
Nein, Hinz und Kunz waren da. Dann kamen die Amis und die haben alles hermetisch
abgeriegelt es waren wurden Doppelposten aufgestellt unten bei Reimahg Bau und oben bei
Stelle 0. Dann kam ein Offizier, wir saßen in Sauckels Zimmer er machte seine Kartentasche
auf und zeigte uns die Luftaufnahme der Reimahg, wo taktische Zeichen drauf waren, die
Reimahg sollte ja bombardiert werden. Und nachdem sie das werk gesehen hatten, die sind ja
nachher rein mit uns und dann haben sie eingesehen das sie mit ihren Luftminen die sie
hatten, nichts hätten machen können. Das Werk selber ich glaube es sind 23 Meter
gewachsener Felsen, da hätte man nichts machen können. Nur Grosseutersdorf und die Hälfte
der Stadt Kahla wäre vernichtet wurden. Die sind mit uns rein haben sich alles angeguckt.
Drin im berg war ein bisschen geplündert und es brannte in einem Nebengelass ein bisschen
Gelumpe, das war aber nicht weiter gefährlich, da nichts Explosives da war. Weil es brannte
haben sie sich nicht reingetraut. Dann hat der Chef der Reimahg der noch da war mit den
Amis gesprochen und dann kamen die großen Studebaker und die Ausländer wurden
eingepackt und wurden von Kahla weggeschafft. Weil nämlich ein großer Teil schon in der
Stadt war und plünderte, das war ja verständlich sie hatten ja nix weiter. Dadurch das sie
gleich weggeschafft wurden wurde vieles verhindert. Es hätte vielleicht Mord und Totschlag
gegeben. Wo sie hingeschafft wurden weis ich nicht. Es war keine Gewaltaktion.
Es wurde davon geredet das große Teile der Flugzeuge außerhalb des Berges lagen?
Was mit dem zeug war weis ich nicht. Es waren noch Tragflächen von der Me 109 da von der
Me 262 war nichts da. Es stand nur eine fertige in der Kongresshalle. in der Produktion habe
ich selber gesehen: die großen Gestelle wo die Bleche reingelegt wurden und die wurden dann
zusammengenietet mit den Sprengnieten. Es waren auch Kabinen der Me 109 da, die haben
die Amis mit der Maschinenpistole zerschossen und wir nahmen dann die Splitter und
benutzten sie als Fackel.
Was die eigentliche Sache anbetrifft, nämlich die Triebwerke der Me 262, die wurden schon
vorher von unseren Leuten weggeschafft. Deshalb haben die Amis nichts mehr gefunden, die
haben ganz intensiv gesucht haben aber nix gefunden.
Es wird behauptet dass die Amerikaner Flugzeuge zusammengebaut und weggeschafft haben?
Es standen ja noch Drehbänke wo Milano drauf stand, davon wurde einiges mitgenommen
und anderes Gelumpe. Den Rest nahmen die Russen mit. Was wollten die noch finden, es war
doch nix mehr da!
Ich kann nur sagen dass ich selber die 17 Maschinen selber sah wie sie flogen.
Es heißt aber das auch andere Typen von Flugzeugen abgeflogen sind?
Nein nur Me 262. Wie gesagt, es ist keine Me 262 gebaut wurden, das weis ich 100 %. Die
Flugzeuge die gestartet sind das sind die Flugzeuge, die bei Nacht und Nacht gebracht
wurden. Die Waggons wurden bei Nacht und Nebel hochgezogen. Dann wurden die
Maschinen zusammengesetzt und mit dem Schrägaufzug auf die Rollbahn gebracht. Ich weis
noch wir unter uns sagten: Sauckel sagt zum Führer: mein Führer ich melde die Reimahg
produziert. Aber es ist keine Me 262 produziert wurden das weis ich 100 %, denn die Teile
die drin im Werk waren, waren nicht von der Me 262 „ich habe ja auch ein bissel Ahnung“
ich kannte ja die Me 262 ich hab ja auch selber drin gesessen. Ich hatte ja unter der Hand die
Erlaubnis mich mal reinzusetzen, ich erinnere mich an den schönen Steuerknüppel und die 4
Bordkanonen. Ich hab sie ja auch starten sehen, gebaut haben sie die Me 262 jedenfalls nicht.
Das hätte meiner Einschätzung nach noch mindestens ein halbes Jahr gedauert. Geplant war
die Me 262 zu bauen. Die Maschinen wurden nach Dessau geflogen. Die Maschinen starteten
je nach Windrichtung, sie hatten Startraketen. Wir amüsierten uns über die Flugschau
Rückenflug und solche Sachen.
Volgmann war doch Chef der Personalabteilung?
Das kann sein.
Das war doch auch ihr Chef?
Nein bei uns war ein alter Soldat. Ich war ja in einer Unterabteilung (Wehrbüro) die
Wehrpässe und Unterlagen wurden bei uns gesammelt, unser Chef hieß aber anders. Wenn die
Ausländer kamen gaben sie ihre Wehrpässe und anderen Kram ab.
Ich war ja auch erst 20 Jahre alt und man hat ja nicht alles gesehen. Es waren ja so viele Leute
da oben. Wer zu wem gehörte, das wusste man nicht es war ja alles so streng. Ich habe einige
Leute ins Werk in die Meisterstuben gebracht beim Meister übergeben, wie die nun
unterschieden wurden weis ich nicht. Ich habe nur gesehen, dass sie an den Drehbänken
standen und wie sie arbeiteten. Bei Schichtwechsel wie viele Menschenmassen da rauskamen
war Wahnsinn.
Hatten sie Kontakte zu Fremdarbeitem ?
Nein das war verboten. Auch mit den Russenmädels unser Chef der Büroleiter sagte:
um Gotteswillen lasst euch nicht mit den ein. Wir mussten ja Schweigepflicht unterschreiben,
das war ja das was mich drei Wochen nach Weimar ins Gestapogefängnis brachte. Dort wurde
zu mir gesagt im Wiederholungsfall öffnen sich für sie die Tore des Buchenwaldes. Die
Meister mussten mit den Leuten sprechen zumindest Arbeitsanweisungen geben.
Jeder Bereich machte seine eigene Sache. Es gab einen Unterschied zwischen Reimahg Bau
und Stelle 0 das ist die eigentliche Produktionstelle da kam keiner rein. Alles war streng
abgeriegelt.
Wenn Fremdarbeiter starben das wussten sie doch auch?
Nein, bei uns ging es nicht um Personalunterlagen bei uns ging es nur um Militärpässe.
Aufjedenfall war alles abgeriegelt jeder bereich machte seine Sache. Vor allem die
Kongresshalle, wenn ich nicht mit dem Chef gut drangewesen wäre, wäre ich nie
reingekommen, da drin war der Volkssturm kaserniert. Da drin hat auch der Göring
gesprochen und da stand auch die eine Me 262.
Gab es eigentlich mehrere höhere Besuche?
Na ja, der Göring war einmal da und der Sauckel war öfter da. Wenn der Fritz Sauckel da
war hörte man in schon rumschreien. Dann wusste man er ist da. Ich erinnere mich nur an
eine Sache. Wir hatten so einen Transportwagen der sollte in einen Stollen und wir lehnten
uns alle dran und Sauckel sagte: Kameraden wir müssen zusammen halten wie auf einem
U-Boot ! Ja, ja der kam immer mal aber unregelmäßig.
Was ist mit dem Blockhaus?
Ja der hat oben das Häuschen gehabt, da war ich auch drin da haben die Leute dann später
den Sekt rausgeholt und die Möbel, das war sein Wochenendhaus da war er öfter drin.
Der Göring war doch so im Oktober da?
Ja, ja das war das erste offizielle Ding, wie gesagt dann sollte Adolf kommen, der
Aufenthaltsraum war ja schon hergerichtet.
Es wird gesagt, dass die Reimahg auch nachts hell war?
Sie müssen sich vorstellen, das war doch alles eine große Bausstelle Stollen 24 war der letzte
der vollständig fertig war. Weiter hinten bei der Dehnamühle waren doch die Bergleute aus
dem Saargebiet ich glaube bei Stollen 80. Da wurde Tag und Nacht gearbeitet. Vorne war wie
gesagt Stelle 0 die haben schon mit den Flugzeugteilen angefangen die Loren wurden ja
rausgeschafft. Das Erkennungssignal für uns war, wenn wir Abends ins Bett gingen und die
Reimahg war hell konnten wir schlafen war die Reimahg dunkel, war es besser man ging gar
nicht schlafen und eines Tages hatte ein junges Mädel Luftschutzdienst wir sahen die
Reimahg brennt und wollten schlafen auf einmal kamen die Ami Pulks. Das Mädel wurde
gleich verhaftet. Und die Amis sind über die brennende Reimahg geflogen das war aber zum
Glück kein Kampfziel. Die wollten ja die Reimahg unbeschädigt, weil sie ja gedacht haben
das sie noch was Großartiges rausholen können.
Hatten sie Kontakt zu den Piloten?
Nein, ich kannte nur den einen, weil man immer mal einen trank. Wie gesagt sie müssen sich
das so vorstellen, die Stelle 0 war so was wie ein Geheimauftrag, aufjedenfall hatten wir einen
Sonderstatus. Wir mussten immer wieder was unterschreiben. (Schweigepflicht)
Haben sie Erinnerungen an den Einsatz der Hitlerjugend?
Nein, da kann ich mich nicht erinnern, das kann nur Reimahg Bau gewesen sein.
In Stelle 0 kam keiner rein und ich kann ja nur von Stelle 0 sprechen.
Das kann schon sein das die an den Außenanlagen gearbeitet haben, wie gesagt bei der
Dehnamühle sollte ja ein Kino gebaut werden und ein Schwimmbad. Ich war froh wenn ich
meine Ruhe hatte und in Stelle 0 war. Mit den Mädels, das war auch ein Ding. Wenn die in
unsere Büros kamen hatten wir immer ein bissel Essen versteckt. Das war gefährlich unser
Abteilungsleiter sagte: „Gebt ruhig, aber passt auf das es die SS nicht sieht.
Draußen war ja alles Baustelle ein halbes Jahr hätte alles noch gedauert. Was da geleistet
wurde war aber eine Meisterleistung.
Hatten sie Kontakt zu größeren Firmen ?
nein, wir hatten keinen Kontakt das gehörte zu Reimahg Bau. AGO Oschersleben hatte schon
einiges nach Kahla ausgelagert.
Wie lange habe sie noch für die Reimahg gearbeitet ?
Für die Amis noch ein paar Wochen, was bei den Russen war weis ich nicht. Als die russen
kamen wurde wieder alles strenger. Wo die Amis Wegwaren war aber auch für uns Schluss.
Die Russen haben dann die Rollbahn gesprengt und die Bunker. Die Amis waren besser die
waren salopp.
Haben sie Erinnerungen an die belgischen Einheiten?
Ja, das waren doch die mit den flachen Helmen. Es waren vorher die da die bei der deutschen
Wehrmacht waren. Die späteren haben dann ihre Landsleute verfolgt. Da wurden auch einige
erschossen. Ich sehe es noch wie heute mit der Kippe im Mund setzte er die Kette am
Maschinengewehr ein und dann wurden 2 geholt dann war Ruhe. Ich war mit den Amis auf du
und du weil ich ja jeden tag hoch musste ich hatte einen Ausweis mit 6 Unterschriften.
Ist um den Walpersberg gekämpft wurden?
Nein da war gar nix. Die haben sich nur ein bissel beschossen als der Volksturm über die
Saale nach Löbschütz ist. Da gab es ein paar kleine Gefechte.
Wie kamen sie zur Reimahg ?
Na ich bin durch meine Behinderung 50 % Prozent wehruntauglich eingestuft wurden. Es gab
da eine Musterung. Und da wurden wir bedingt KV geschrieben wurden. Erst hatte ich in
Giesen eine Grundausbildung, später kam ich auf Schreibstube. Und dann kam ein
Führerbefehl, dass alle nicht wehrfähigen der Rüstungsindustrie zuzuführen sind und so kam
ich zur Reimahg.
Letzte Frage zur Me 262, wurden Flugzeuge dort gebaut ?
Ich habe mal zu einem Pilot gesagt du willst mir noch nicht erzählen das die Flugzeuge neue
Maschinen sind er sagte dann auch, das stimmt auch nicht, die hatten schon alle
Feindberührung. Die wurden auseinander gebaut und nach Kahla gebracht. Das war alles zur
schau. Mir war es jedenfalls von Anfang an komisch das frisch zusammengebaute Flugzeuge
Looping und Rückenflug machen
Namen und Schlagwörter
Quellen und Nachweise
- zeitzeugen_komplett.pdf (Original, 845 Seiten)