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Zeitzeugnis

Zeitzeugenaussage Günter Leisering

Quellennahe Neu-OCR des in der Komplett-PDF ueberlieferten Berichts von Günter Leisering.

Forschungsstand dokumentiert

Forschungsdatensatz

Dokumentierte Angaben

Person
Günter Leisering
Rolle
Zeitzeuge
Ort
Kahla / Walpersberg
Zeitraum
1944-1945; spaetere Niederschrift oder Befragung
Herkunft
Deutschland

Überlieferung und Kontext

An den Geschichts- und Forschungsverein Walpersberg e.V. Mein Einsatz in den REIMAHG - Flugzeugwerken Mein Name ist Günter Leisering, ich bin Jahrgang 1929 und in den Jahren 1944/45 Mittelschiiler in Hermsdorf/Thür. Ich war Mitglied der Flieger - HJ. Es war um "Michaelis, da gab es damals in Thüringen Zeugnisse. Ich bekam mein Zeugnisheft nicht, mein Vater musste es später abholen. Eines Tages wurde ich zum Schulleiter Leßmann bestellt und dieser teilte mir mit, dass ich ab morgen 07.00 Uhr nicht zur Schule kommen soll, sondern mich mit festem Schuhwerk, einer wetterfesten Jacke und Mütze sowie möglichst mit Schaufel, Hacke oder Spaten am Hermsdorfer Bahnhof einzufinden habe, Ich käme zu einem Arbeitseinsatz. Aus meiner Klasse wurde noch ein Schüler, Werner Timmer ebenfalls beordert und aus einer anderen Mittelschulklasse ein gewisser Zemplin, auch aus Hermsdorf. Wir 3 trafen uns am Bahnhof und ein HJ - Führer nahm uns in Empfang. Der HJ - Führer begleitete uns bis zum Bahnhof Göschwitz und fuhr dann wieder zuriick nach Hermsdorf. Im Zug hatten wir noch andere Jungen mit Arbeitsgeräten getroffen, so u.a. Gerhard Burkhardt aus Hisschberg an der Saale. In Göschwitz standen schon viele andere Jungen aus Jena, ich kannte einige von den Flugtagen die wir in Jena- Lobeda absolvier- ten. Dann kam ein Sonderzug aus Richtung Weimar und wir wurden nach Kahla gebracht. Dann ging es von dort aus zum Walpersberg. Mein erster Einsatz in diesem Flugzeugwerk ging für mich bis 2. November. Da erhielt ich eine Freistellung für einen Fluglehr- gang nach Altdörnfeld. Dieser Lehrgang dauerte ca. 3 1/2 Wochen, danach war wieder Schule bis zu den Weihnachtsferien. Währden des 1. Einsatzes haben wir geschaufelk geharkt und Erd- reich entlang der Startbahn abgestochen. Unser Arbeitsgebiet war auf der nördlichen Seite links und rechts vom Aufzug. Wir waren damals "Pendler". Jeder hatte vorgesorgt und einen Brotbeutel, Kochgeschirr und Löffel mit. Als Essen erhielten wir Brot und Suppe (Nöhren-, Graupen,- Riibensuppe). Abends ging es wieder zurück Kahla- Göschwitz- Hermsdorf. Währdnd dieser ersten Einsatzzeit wurde die 1. Me 262 gestartet. Die Betonbahn war frei und sauber, wir mussten von der Kante zurücktreten und standen denn etwas erhöht, so dass wir Start Anrollen und Flug gut beobachten konnten. Auf unserer Höhe (Aufzug) hatte der Pilot noch keinen Zentimeter B@denfreiheit. Wahrscheinlich auch am Ende der Piste noch nicht, denm die Maschine sackte in Richtung Eichenberg nach unten durch, Wir hielten schon den Atem an. Doch plötzlich erkannten wir, dass der Pilot sein Flugzeug steil nach oben links zog und er - 2 _ kam mit sehr hoher Geschwindigkeit aus Richtung Süden über den Walrersberg geflogen. So eine hohe Geschwindigkeit hatten wir vorher bei Maschinen noch nie erlebt. Wir haben alle gejubelt und ihm zugewinkt. Die Me 262 war Klasse für diese Zeit und wir versprachen uns viel von diesem Flugzeug. Bei Fliegeralarm ging es nach unten in die Stollen.Es stimmt, dass sich keiner um uns kümmerte. Dadurch war ich paar mal in vordere, saubere Stollen geraten, die teils mit Ziegelsteinen, teils ausbetonierte Stollen waren. Ich habe mir dort einiges angesehen und vor allem die Drehbänke - später haben wir dort uns Ringe (aus Stahl und Rund-Alu) gedreht. Überalle wimmelte es dort von Leuten mit braunen Uniformen. Manche sagten:"Jungs schaut euch das an, vielleicht steht ihr bald an den Maschinen, Unser Arbeitskommando hat gearbeitet, was vorgegeben war. Die Stimmung war auch gut, es war kein Miesmacher dabei. Man holte uns nach dem 1. Start ans Ende der Startpiste, denn dort wurde Erde aufgefüllt, wahrscheinlich zur Verlängerung der Betonbahn. Viele Italiener in ihren grünen Uniformen arbeiteten dort, streng beobachtet, dass wir ja keine Ver- bindung zu denen Aufnahmen, Das "braun" der Überwacher stach direkt aus dem "griin der Gefangenen" und unseren Zivilklamotten ab. Unser Arbeitskommando war so eingestellt, dass wir in irgend- einer Form und unseren Möglichkeiten hier mitwirken wollten. Mein 2. Einsatz im Flugzeugwerk besann gleich im neuen Jahr 1945 und dauerte für mich bis Februar, dann war wieder bisschen Schule und ab 01.04.45 wurde ich zum Volkssturm eingezogen. Es ging wieder mit dem Zug bis Kahla und von dort aus zu Fuß jach Bibra, Hinter Bibra in einem Tal standen dann die rohge- bauten grauen 2 - stöckigen Häuser. Ich weis nicht mehr genau, waren wir gleich im 1. Haus oder im 2. Jedenfalls wohnte Parterre der verantwortliche HJ - Fiükrer. (Er ging an Krücken, bzw. am Kriickstock, war irgendwie versehrt). Ein gewisser Haase aus Camburg war für unser Zimmer der Verantwortliche. (Ich kannte diesen von Flugtagen aus Lobeda her) H a a s e wurde gleich als Koch und Fourier eingesezt, er war Fleischer von Beruf. Er suchte sich 3 Gymnasiasten aus Jena aus, die er auch von der Fliegerei her kennte, dann den Zemplin, der wurde im Zimmer sein Stellvertreter, den Tümmler, Burkhärdt und mich wählte er aus. In unserem Zimmer standen 4 Doppelstockbetten, in jedem war ein papiergewirkter Strohsack und einige Stühle und ein Tisch. Dazu 2 Decken. Ob es nun daran lag, dass der Kamerad Haase mit auf unserem Zimmer lag, jedenfalls hatten wir immer genug und gut zu essen. Dadurch war auch die Stimmung gut Wenn wir zur Arbeit gingen, mussten wir immer an dem Lager der italienischen Getangenen vorbei. Diese hausten in kleinen Be- helfsbaracken, trugen grüne Unifórmen und Käppis. Wir wurden von den HJ - Führern so an dem Lager vorbeigeführt, dass wir nicht mit diesen ehemaligen Badogliosoldaten sprechen konnten. (Darauf wurde streng geachtet) - 5 _ Eine längere Zeit habe ich in einem Stollen gearbeitet, stets unter Aufsicht eines braunen Amtswalters, denn ich musste die Antenne der Me 262 einbauen. (Bild mit Pfeil liegt bei) Man hatte mich aus unserem Trupp ausgewählt, eingewiesen und dann ging dort die Arbeit los. Ich musste die Arbeit in der HJ - Unitorm antreten und bekam einen grauen oder blauen Kittel, den ich über die Uniform ziehen musste. | Mit dem deutschen Arbeiter, der am Höhen - oder Seitenleitwerk der Me 262 arbeitete, durfte nur im Rahmen über notwendige Auskünfte zu Arbeit gesprochen werden. Bei Pausen, die die Arbeiter machten, durften wir dann auch (streng beobachtet) an die Drehbänke und konnten uns für Freunde oder Freundinnen Ringe drehen. Einen Ring habe ich auch für einen "Braunen" gedreht. Meine anderen Kameraden waren oben auf dem Flugfeld und da habe ich mich dann wieder hingemeldet. Man war auch gleich einver- standen, so dass ich annahm, der Arbeiter, der sonst die Antenne eingebaut hat, war vielleicht krank und ich zum Antenneneinbau war die Aushilfe. Während meiner Arbeit wieder auf der Startbahn wur e die 2. u. 3. Me 262 gestartet. Der Start erfolgte mit Startraketen. Diese wurden in Höhe des Aufzuges gezündet und die Maschine erlangte sofort Bodenfreiheit. Der Pilot flog in Richtung Westen eine große Kurve und donnerte mit hoher Geschwindigkeit Über den Walpersberg. > м | Meine Kameraden Gerhard Burkhardt aus Hirschberg an der Saale und Werner Tümmler aus Hermsdorfkann ich leider keine weiteren Beweise bringen. Beide sind schon vor längerer Zeit verstorben. Zem plin aus Hermsdorf ging nach der Mittleren Reife nach dem Westen, sein Aufenthalt ist nicht bekannt, da auch in Hermsdorf keine Verwandtschsft lebt. Mit Albert Horst Lange hatte ich vom Jugendalter an Verbindung. Er verlebte oft die Ferien in Hermsdorf. Später traf ich ihn wieder in Jena, als er inder Kreisleitung Jena- Land arbeitete. Von ihm bekam ich auch das gedruckte Manuskripft "Die ausländischen Zwangsarbeiter des 2. Weltkrieges im Fa- schistischen Rüstungsbetrieb REIMAHG bei Kahla (Thür.)" Leider verlor ich die Verbindung, da ich nach Eisenach und Potsdam versetzt wurde. Nun bin ich wieder in Eisenach und hörte von dem Buch "Düsenjäger über dem Walpersberg". Ich erwarb sofort das Buch, habe es schon mehrmals gelesen und ich fand mich an vielen Stellen selbst wieder. Für mich ist das Buch großartig und wird mich immer an eine damals schlimme Zeit erinnern, denn ich war ja auch einer der 3000 Hitlerjungen, die zur Arbeit im REIMAHG - Werk Kriegs- dienste leisten mussten. (Übrigens hat mir Langeauch Bilder (Luftbildaufnahmen vom > Мы mit gegeben, Aufgenommen von eine Lightning 1945). и > 1 D le Ze Giinter en Palmental 3 99817 Eisenach

Namen und Schlagwörter

  • Zeitzeuge
  • Walpersberg
  • Neu-OCR

Quellen und Nachweise

  1. zeitzeugen_komplett.pdf (Original, 845 Seiten)