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Zeitzeugnis

Zeitzeugenaussage Gaston Claeys

Quellennahe Neu-OCR des in der Komplett-PDF ueberlieferten Berichts von Gaston Claeys.

Forschungsstand dokumentiert

Forschungsdatensatz

Dokumentierte Angaben

Person
Gaston Claeys
Rolle
ehemaliger Zwangsarbeiter
Ort
Kahla / Walpersberg
Zeitraum
1944-1945; spaetere Niederschrift oder Befragung
Herkunft
unbekannt

Überlieferung und Kontext

«Wenn sie uns mit dem gefüttert hätten, was meine Mutter für die Schweine zubereiten würde, wären wir schon sehr glücklich gewesen.» Gaston Claeys Die Familie Claeys hat während des zweiten Weltkriegs enorm gelitten. Gaston 's Vater starb 1939 und so blieb seine Mütter mit ihren fünf Söhnen zurück. Lediglich einer von ihnen war im Stande mit seiner Mutter während der Kriegszeit auf dem Bauernhof zu bleiben. Der Älteste war für sechs Monate inhaftiert worden, der Jüngste starb während des Krieges. Gaston und Andre wurden verhaftet und nach Kahla zur Zwangsarbeit verschleppt. Glücklicher Weise kehrte der Älteste der Brüder, sowie Gaston und Andre lebend nach Hause zurück. «Seit dein 15. Juni hatte ich mich versteckt. Am Tage arbeitete ich auf einer Bauernhof nahe Lotenhulle, während der Nacht schlief ich an verschiedenen Orten, ausgenommen zu Hause. 14 Monate funktionierte diese Lebensweise recht gut.» «Am 18. August 1944, ich pflückte gerade mit meinem Bruder (der sich auch vor den Deutschen versteckte) Äpfel, hörten wir plötzlich, dass die Gestapo in der Nachbarschaft war. Es war nicht das erste Mal, dass sie hier vorbei kamen; in Erntezeiten, sowie in der Nacht war es sehr gefährlich.» «Auf der Straßenseite bohrten Studenten Löcher und sie gaben uns ein Zeichen, dass die Gestapo auf Patrouille war. Wie auch immer, es war zu spät: Die ganze Obstplantage war umstellt.» «Mein Bruder und ich rannten weg, jeder in eine andere Richtung. Als erstes schnappten sie meinen Bruder. Ich rannte in Kreisen weiter bis sie mich schließlich auch fingen.» «Nebenbei gesagt, war der Mann von der Gestapo, der uns inhaftierte, flamisch.» Wie auch immer, Gaston hatte genug Verstecke auf dem Bauernhof seiner Eltern, wo sie ihn niemals gefunden hätten. Er konnte das Risiko nicht eingehen, dass Vergeltungsaktionen an einem seiner älteren Brüder, die nicht zum Weggehen und Arbeiten in Deutschland gezwungen wurden, verübt wurden. Es wäre jedoch nicht das erste Mal gewesen, dass ein Mitglied seiner Familie aus Vergeltungsgründen inhaftiert wurde. «Wenn sie uns mit dem gefüttert hätten, was meine Mutter für die Schweine zubereiten würde, wären wir schon sehr glücklich gewesen.» «Ein Auto brachte uns zur Reichskommandantur in Deinze, wo wir die Nacht verbrachten.» «Von dort aus brachten sie uns zum Stadtgefängnis von Ghent, das „het Rolleke" in diesen Tagen genannt wurde. Dort brachten mir einige aus meiner Familie einen Koffer mit getoasteten Brot (weil man es so sehr gut aufbewahren konnte), Nahrung, Kleider und Tabak.» «Später wurden wir zur Kaserne nach Etterbeek transportiert, von wo aus uns ein Zug nach Deutschland brachte.» «Am 24. August fuhren wir, am 26. August erreichten wir unsere Endstation.» «Wir erreichten Orlamünde, wo wir zum ersten Mal Essen bekamen: Kartoffeln. Niemand wollte es; zu diesem Zeitpunkt waren wir noch nicht richtig hungrig und außerdem hatten wir noch das Essen von zu Hause in unserem Gepäck. Wir gaben unsere Rationen den Russen, die sie dankbar annahmen.» «Unser erster Aufenthaltsort war Kleindembach. Es war eine alte Porzellanfabrik; wir schliefen in Stroh auf dem Betonboden. Um zur Arbeit zu kommen mussten wir den Zug nach Orlamünde nehmen, von wo aus wir zum Berg laufen mussten.» «Nach über zwei Monaten kamen wir ins Lager 7 im Leubengrund. Dort wohnten wir in hölzernen Baracken, das Regime war jedoch viel strenger als in Kleindembach. Der Lagerfiihrer war unmenschlich, er war ein richtiges „Schwein". Ich erinnere mich sehr gut daran, dass er in unsere Baracke kam und begann um sich zu schießen, wie ein Bauer auf Tauben, nur weil das Licht noch brannte. Zum Glück wurde niemand verletzt.» «In der Zeit in der wir in Leubengrund waren, mussten wir jeden Tag sieben Kilometer zur Arbeit und nochmals sieben Kilometer zurück zu unseren Baracken laufen. Jedes Mal überquerten wir eine kleine Brücke über den Fluss Saale. Zählt man weitere zwölf Stunden Arbeit am Ende des täglichen „Spaziergangs" und den Mangel an Nahrung zusammen, dass wird man ohne Zweifel verstehen, dass es ein richtiger Kampf ums Überleben war.» «Anfang Januar, wurden wir ins Lager E überführt, wo es genauso schlimm war wie in Lager 7.» «Wir bekamen kaum Nahrung; lediglich etwas über einen Liter Wassersuppe und ein Stückchen Brot. Die paar Male als wir gekochte Kartoffeln bekamen, zum Beispiel zu Weihnachten, hießen wir es wie ein richtiges Fest willkommen.» «Wenn wir in Kahla Schweinefutter bekommen hätten, wären wir sehr glücklich gewesen.» «Wenn unser Leben von diesem miserablen Essen abgehangen hätte, wären es schnell vorrüber gewesen. Mit dem Willen zu überleben, mussten wir nach Extra-Mahlzeiten Ausschau halten. » Gaston Claeys «Wenn sie uns mit dem gefüttert hätten, was meine Mutter für die Schweine zubereiten würde, wären wir schon sehr glücklich gewesen.» Als Gaston noch im Leubengrund war, aßen er und ein paar andere Männer einmal eine Katze, die sie auf dem Heimweg von der Arbeit fangen konnten. Sie bereiteten sie zu und er kann bestätigen, dass es gar nicht mal schlecht schmeckte; es schmeckte so ähnlich wie Kaninchen. «Darüber hinaus arbeitete ich bei deutschen Zivilisten im Gegenzug für ein wenig Nahrung.» «Einmal entkam ich der Kolonne auf dem Weg zur Arbeit und half einem Bauern beim Kartoffeln sammeln. Als „Bezahlung" bekam ich ein paar Kartoffeln, die ich zum Lager zurück bringen konnte.» «Ich arbeitete auch einen Tag in einer Art Schuhfabrik. Als Lohn bekam ich ein paar Nudeln. Ein Feldgendarm bemerkte mich, schlug mich jedoch nicht: ich ging dort jedoch sehr glücklich weg.» «Ich handelte mit dem Tabak, den ich von zu Hause gegen Brot bekam. Ich tat dies während der Arbeit, wo ich mit ein paar Deutschen handelte, die dort arbeiteten. Unglücklicher Weise hatte ich nicht sehr viel Tabak. Die, die Tabak hatten, konnten sich dort als reiche Leute bezeichnen.» «Die Wachen kontrollierten oft die Baracken. Wenn sie zum Beispiel Kartoffeln fanden, sahen sie das als Diebstahl an und das konnte sehr ernste Konsequenzen haben. Es hing eine Menge von den Launen der Wachen ab.» Gaston arbeitete an unterschiedlichen Orten. «Ich musste Fichte sägen, wo die Eisenbahngleisen gebaut werden würden. Ich musste auch für eine Weile Tunnel bohren und Karren mit Felsstücken beladen, jedoch nicht für lange. Danach musste ich auf der Spitze des Berges, bei der Instandsetzung des Kranes, arbeiten.» Er wurde auch nicht von Krankheiten verschont. «In Lager E wurde ich krank, Typhus und Diarrhö. Ich verbrachte auch eine Weile im Krankenlager, aber ich kann mich nicht sehr gut daran erinnern. Auf einer der Gedächtnisreisen nach Kahla war auch ein ehemaliger Krankenpfleger der Krankenstation dabei; er hatte eine Liste mit den Namen der Leute, die einmal auf der Krankenstation lagen. Mein Name schien auch auf der Liste zu stehen. Ich verbrachte dort offenbar acht Tage.» Der Krankenpfleger konnte nicht sehr viel tun, es gab nicht sehr viel mehr als ein bisschen Kohlenstoff um die Diarrhö zu stoppen, Medizin stand nicht zur Verfügung. Zu allen Überfluss wurden die Essensrationen um die Hälfte gekürzt; diejenigen, die nicht arbeiteten, mussten auch nicht essen. Gaston war glücklich es zu tun, weil es kein Vergnügen war in der Krankengrube zu liegen. rr OG Ste «Wenn sie uns mit dem gefüttert hätten, was meine Mutter für die Schweine zubereiten würde, wären wir schon sehr glücklich gewesen.» «Einmal, als ich in Kahla allein arbeitete, sprach ich mit einem Russen. In Russland war er ein Buchhalter gewesen und konnte auch ein paar Worte Deutsch sprechen. Die Deutschen erzählten uns, dass die Russen hier auf freiwilliger Basis arbeiteten; dieser Mann erzählte mir jedoch, dass sie gefangen genommen und zu Kolonnen zusammengetrieben worden sind. Die, die nicht mehr konnten wurden an Ort und Stelle erschossen.» «Zum Glück hatte ich noch ein paar Kleidungsstücke und Schuhe von zu Hause. In Kahla hatte ich noch zwei weitere paar Schuhe; ein Paar Neue und ein Paar Alte (welche wahrscheinlich einen Toten gehörten).» Auch für Gaston endete diese grausame Zeit. «Um den 10. April herum wurde ich aus dem Lager geschickt. Ich erinnere mich daran, dass ich mit meinem Koffer ging, den ich schon hatte als ich Belgien verließ. Ich machte einen Knoten um meinen Bauch herum und zog ihn hinter mir her.» «Ich erreichte Lager 6, wo ich auf der Seite eines kleines Schrankes schlief » «In Lager 6 wurden wir von den Amerikanern befreit. Nach unserer Befreiung wurden wir von einem Kaplan besucht, der eine Messe unter freiem Himmel abhielt; diejenigen, die wollten konnten dem beiwohnen.» «Sie holten uns von Lager 6 ab und brachten uns in die Kaserne von Jena, wo wir ein paar Tage blieben, bis sie genug Seelen zusammen hatten, um einen Zug zu füllen, der uns über Namen nach Brüssel bringen würde. In der Nähe von Namen wurden die „Schwarzen" abgezogen.» «Von Brüssel aus erreichte ich Gent. In der Zwischenzeit hatte ich meiner Familie ein Telegramm geschickt, die mich schon sehnsüchtig erwarteten.» «Am 28. April kam ich endlich zu Hause an; ich wog nur noch 52 Kilo.» Gaston ist 1, 70 m groß. «Später organisierte ich eine Parade für mich und meinen Bruder. Sie verlief um die Gemeinde und am Abend wurde eine Tanzveranstaltung organisiert.» Gaston kam zu Hause mit Tuberkulose an und so war er den Rest des Jahres nicht mehr im Stande zur Arbeit zu gehen. Er wird niemals die Zeit in Kahla vergessen. Während der Gedächtnisreisen trägt er die Flagge des Kreises der Freunde von den „ Entkommenden des E- Lagers aus Kahla. Ум бе

Namen und Schlagwörter

  • Zeitzeuge
  • Walpersberg
  • Neu-OCR

Quellen und Nachweise

  1. zeitzeugen_komplett.pdf (Original, 845 Seiten)