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Zeitzeugnis

Zeitzeugenaussage Frans De Geyndt

Quellennahe Neu-OCR des in der Komplett-PDF ueberlieferten Berichts von Frans De Geyndt.

Forschungsstand dokumentiert

Forschungsdatensatz

Dokumentierte Angaben

Person
Frans De Geyndt
Rolle
ehemaliger Zwangsarbeiter
Ort
Kahla / Walpersberg
Zeitraum
1944-1945; spaetere Niederschrift oder Befragung
Herkunft
unbekannt

Überlieferung und Kontext

«In Kahla wurden wir alle zu einer Zeit des Elends, der harten Arbeit, der Not und letztendlich - für viele von uns - des Todes verurteilt.» Frans De Geyndt Ich besuchte auch Frans De Geyndt bei ihm zu Hause. In der Nachkriegszeit bemühte er sich als ein früherer Gefangener des Lagers E Anerkennung für alle früheren Gefangenen des Lagers E zu erhalten. Er hatte Erfolg. Seine Akte war die Grundlage, auf der viele frühere Gefangene als solche anerkannt wurden. Auch hier wurde ich freundlich empfangen. Um mir meine Arbeit zu erleichtern, hatte er bereits seine ganze Geschichte, über seine Verhaftung und Befreiung, niedergeschrieben. Mit seinem Einverständnis kann ich seine Zeugenaussage glücklicher Weise schriftlich in meinem Buch aufnehmen. «Zum Jahrgang '24 gehörend fiel ich unter das Gesetzt vom 27. April 1944, das besagte, dass alle Männer die zum Jahrgang '20 bis '24 gehörten gezwungen waren freiwillige Arbeit für die Deutschen zu leisten, entweder in Belgien oder in Deutschland.» «In allen Zeitungen erschien die Anzeige mit dem letzten Termin bis zu dem sich jeder beim Arbeitsamt vorzustellen hatte. Für mich hieß das, dass ich nach Brüssel, Naamsestraat gehen musste.» «Von dem Augenblick an, als ich diesen Artikel las, entschloss ich mich nicht im Geringsten für den Feind zu arbeiten.» «Einige Tage nach der Überschreitung des festgelegten Termins schickte mir das Arbeitsamt einen Brief, in dem ich angewiesen wurde Zwangsarbeit in Belgien zu leisten und dass ich mich innerhalb von 48 Stunden vorzustellen hatte, um einige medizinische Tests durchführen zu lassen.» «Da ich all diesen Dingen kein Vertrauen entgegen brachte, beschloss ich nicht dort hin zu gehen um für den Feind zu arbeiten; ich musste mich verstecken. Razzien wurden eine nach der anderen durchgeführt und ich war in der Lage einige Male zu fliehen. Deswegen entschied ich mich zu gehen um mit meinen Großeltern in Jette zu leben.» «Am 2. August 1944 fuhr ich zusammen mit meinem Vater mit dem Fahrrad von Ternat nach Jette. Wir erreichten die Kreuzung von Gentse Steenweg und der Keizer Karel Straße in Saint Agatha Berchem, wo die Straße durch zwei Männer versperrt war.» «In Kahla wurden wir alle zu einer Zeit des Elends, der harten Arbeit, der Not und letztendlich - für viele von uns - des Todes verurteilt.» «'Halt deutsche, Polizei', riefen sie. Sie fragten mich nach meinen Papieren. Ich gab ihnen meinen Ausweis, den sie mir wegnahmen. In einem ärgerlichen Ton erzählte mir einer von ihnen, dass ich meine Hartnäckigkeit jetzt in Deutschland überdenken könne. Es war mir in diesem Moment nicht wirklich bewusst, was geschah. Ich nahm sie nicht ernst, bis mich einer von ihnen vom Fahrrad zog und es an den Straßenrand warf, während der andere meine Hände nahm und mich zum Auto, das etwas weiter weg stand, führte, als ob ich der größte Kriminelle wäre. Die zweite Person folgte uns, seine Pistole zielte auf meinen Rücken.» «Im Auto musste ich zwischen zwei Gestapos sitzen. Auf den ganzen Weg durch die Sant Agatha Berchem quälten sie mich und lachten mich aus. Sie sprachen deutsch mit mir, aber ich antwortete ihnen nicht, und einer von denen, die mich verhaftet hatten, sagte, dass ich ohne Zweifel Englisch besser als Deutsch sprechen würde. Er meinte, dass ich ein Mitglied des Widerstandes sein könne.» «Als erstes kamen wir im Naamsestraat in Brüssel an, ich musste mich einen Tribunal stellen. Sie forderten mich auf meine Taschen zu leeren und alles auf den Tisch zu legen. Eines der Dinge, die ich aus meiner Tasche holte, war ein englischer Text, der in meiner Manteltasche war. Es war eine Notiz meines letzten Schultests, den ich Ende Juni geschrieben hatte. Als sie diesen Text sahen - von dem ich wahrscheinlich kein Wort verstand - nahmen sie an, dass ich ein englischer Spion sei und sie sagten mir, dass ich zur Bestrafung nach Deutschland geschickt werden würde, um dort zu arbeiten.» «Nach der Befragung schickten sie mich zur Polizeikaserne über die Straße de la Couronne in Etterbeek, wo sie mich mit anderen jungen Männern einsperrten. Die Zeit vom 2. bis zum 8. August verbrachte ich in großer Unsicherheit; das Essen, das wir bekamen, war sehr schlecht und wir schliefen auf Stroh in einer Scheune.» «Am Nachmittag des 8. August 1944 mussten wir unter der Aufsicht deutscher Militärs zum Bahnhof nach Etterbeek, wo ein Zug . wartete, der uns zu einen unbekannten Ziel nach Deutschland bringen sollte.» «Am Bahnsteig gab uns das Rote Kreuz jedem ein Essenspaket. In jedem Waggon saßen deutsche Soldaten. Am Anfang und Ende des Zuges waren Maschinengewehre angebracht, um Ausbrüche zu vermeiden. Mehr als einmal wurden junge Männer, die versuchten zu fliehen, erschossen.» «So setzte sich der erste Konvoi in Bewegung und wir kamen in einer kleiner Stadt an, die Kahla genannt wurde.» «Nachdem wir einige Kilometer gelaufen waren, erreichten wir eine große Wiese am Dorf Eichenberg, nahe einem Wald. Die meisten Nächte musste wir draußen schlafen, denn es waren nicht genug Baracken da. Sobald sie fertig waren, wurden wir in Gruppen aufgeteilt, um für verschiedene Firmen zu arbeiten, wo wie verpflichtet waren die größte deutsche unterirdische Waffenfabrik zu bauen. Das war der Beginn einer langen Zeit voller Elend, harter Arbeit, der Not und letztendlich - für viele von uns - des Todes.» Franz De Geyndt «In Kahla wurden wir alle zu einer Zeit des Elends, der harten Arbeit, der Not und letztendlich - für viele von uns - des Todes verurteilt.» In diesem Text erwähnte Frans, dass die schreckliche Zeit in Kahla bekannt ist und schreibt über sie; er geht nicht all zu sehr ins Detail. Während meines Besuches erzählte er mir einige wichtige Dinge, die ich besonders herausstellen möchte. «Ich arbeitete als Zimmermann und als Angestellter eines Fußbodenlegers. Ich hatte nur an zwei verschiedenen Stellen gearbeitet.» «Als wir in verschiedenen Schichten eingeteilt wurden, wurde ich angestellt, um eine Eisenbahnstrecke von Orlamünde zum Berg Walpersberg zu bauen. Erst mussten wir einige Erdarbeiten erledigen und danach mussten Schienen verlegt, Steine und Spitzhacken zerschlagen werden... » «Während der Erdarbeiten mussten wir den Abfall auf 20 Waggons eines kleinen Zuges laden. Immer zwei Mann pro Waggon; ich bildete ein Paar mit einem jungen Mann aus West Vlaanderen. Nach zwei Tagen rann das Blut aus meinen Händen. Wir mussten in mörderischer Geschwindigkeit arbeiten, während deutsche Soldaten uns anschrien: „Loss, Mensch, arbeiten! Schneller, schneller! ! » «Wenn einer der Waggons gefüllt war, alle mussten voll sein, konnte der Zug sie wegfahren.» «Der Junge, mit dem ich arbeitete, schrie mich immer an, dass ich schneller arbeiten solle. Ich antwortete ihm, dass ich das wirklich wollte, aber ich konnte nicht schneller. Ich kam gerade von der Schule und war solche harte Arbeit nicht gewohnt.» «Der Junge bemerkte, dass ich Tabak besaß und versprach ein wenig härter zu arbeiten, wenn ich ihm etwas Tabak geben würde. So gab ich ihm welchen. Nun, dieser Junge hat sich hier zu Tode gearbeitet; er schaffte es bis Dezember.» «Die Arbeit an den Schienen war grauenhaft. Es waren 20 Grad Celsius unter Null und die Schienen froren an unseren Händen fest.» «Vom November bis zur Evakuierung des Lagers arbeitete ich in .den Bunkern. Zusammen mit vielen anderen Männern arbeitete ich an einer großen Betonmaschine; es war Akkordarbeit. Zwölf Stunden am Stück mussten wir Betonsäcke von einem zum anderen weitergeben; all dies lief unter der Aufsicht deutscher Wachmänner ab.» «Das Essen, das wir in Kahla bekamen, war nicht ausreichend: ein Liter Wassersuppe und 200 Gramm Brot am Tag. Die Leute starben wie Fliegen. » «Glücklicher Weise hatte ich eine gut gefüllte Tasche von zu Hause: zwei Boxen, von denen jede 50 Packungen Zigaretten enthielt und einige Packungen Tabak. Ich hatte auch zwei Kilogramm Zucker.» «Der Tabak rettete mein Leben in Kahla. Den größten Teil davon tauschte ich mit deutschen Soldaten gegen Brot. Das wenige Essen extra rettete mein Leben.» Franz De Geyndt «In Kahla wurden wir alle zu einer Zeit des Elends, der harten Arbeit, der Not und letztendlich - für viele von uns - des Todes verurteilt.» «Mit dem Zucker rettete ich einem anderen das Leben. Um Dezember herum hatte ich meinen Zucker kaum angerührt und versuchte ihn solange wie möglich aufzubewahren. Die Lebensumstände in Kahla waren sehr schlecht und ich dachte, dass die Situation, je länger der Krieg dauern würde, nicht besser werden würde.» «Um diese Zeit herum fing ein Kamerad, der in derselben Baracke wie ich schlief, an Blut zu spucken, was ihn zunehmend schwächte. Stück für Stück verabreichte ich ihm die zwei Kilogramm Zucker, die ihm seine Kräfte wiedergaben.» Frans kannte noch jemanden, der im Lager 0 überlebte. «Ich weiß, dass der Junge ins Lager 0 geschickt wurde; ich hörte lange nichts von ihm. Als ich zurück nach Hause kam, kam seine Familie um zu fragen, ob ich wüsste, ob er noch am Leben sei. In diesem Moment traute ich mich nicht zu sagen, wo er hingekommen war; ich sagte ihnen nur, dass er am Leben war, als ich ihn das letzte Mal sah, wir aber den Kontakt verloren hatten. Ich befürchtete, dass der Junge tot war. Einige Wochen nach meiner Rückkehr kam auch er nach Hause. Es gab nicht eine Stelle an seinem Körper, die nicht von Hundebissen verletzt worden war.» Allmählich kündigte sich die Befreiung an. «Zu dieser Zeit, am 7. April 1945, verließ eine Kolonne, zu der ich und mein Freund gehörten, das Lager E.» «Nachdem wir einige Kilometer gelaufen waren, schafften wir es unseren Führern zu entkommen. Wir ließen uns von einem Hügel rollen und taten so, als ob wir tot wären, bis die Kolonne an uns vorbei gezogen war. Während der ganzen Nacht versteckten wir uns im Wald. Am Morgen sahen wir kleine Gruppen von Menschen, die hier entlang gingen.» «Am nächsten Tag und den folgenden Tagen war die Umgebung Ziel schwerer Luftangriffe. Alliierte Flugzeuge schossen auf alles, was sich bewegte. Wir waren zu Tode erschrocken und baten um Schutz in einem nahegelegenen Bauernhof Sie hielten uns für Kriminelle und verboten uns eines der Häuser auf dem Gelände zu betreten. Nach Betteln und Drängen durften wir außerhalb des Hofes in einem offenen Gebäude bleiben, jedoch auf eigene Gefahr hin. Sie hofften, dass die Polizei uns bald verhaften würde.» «Wir blieben dort in größter Unsicherheit und in mitten der Grausamkeiten des Krieges für vier Tage und Nächte. Die Frau des Bauern oder seine Tochter versorgten uns im Geheimen mit Rüben, damit wir nicht an Unterernährung sterben würden.» «Am 14. April 1945 tauchten die ersten amerikanischen Panzer auf der Straße auf. Das bedeutete das Ende unseres Elends.» ба __ «In Kahla wurden wir alle zu einer Zeit des Elends, der harten Arbeit, der Not und letztendlich - für viele von uns - des Todes verurteilt.» «Als wir unsere Befreier sahen, waren. wir überwältigt von Hoffnung und Freude. Wir verließen unser Versteck und rannten zu den amerikanischen Soldaten und erzählten ihnen was mit uns geschehen war.» «Sie gaben uns Brot und andere schmackhafte Sachen, aber sie hatten keine Zeit mehr, um auf uns aufzupassen.» «Unser Interesse bestand darin so schnell wie möglich nach Hause zurück zukehren. Aber wie sollten wir das machen? Wir begannen zu laufen.» «Nach drei Tagen erreichten wir eine Stadt, die Weimar genannt wurde, und 30 Kilometer weit weg von Kahla war.» «Von da aus fuhren uns Armeefahrzeuge zur SS-Kaserne nach Erfurt. Alle Belgier, die in den letzten Tagen herumgeirrt waren, wurden hier versammelt und erwarteten ihre Rückkehr in ihr Heimatland. Stück für Stück kamen Armeefahrzeuge, um die früheren Gefangenen einzu- sammeln.» «Nach drei Wochen waren wir an der Reihe. Ein Armeeflugzeug brachte uns nach Vervies, wo wir entlaust wurden. Von dort aus wurden wir zu einem Zug nach Nordbrüssel gefahren, wo ich am 12. Mai 1945 ankam.» |

Namen und Schlagwörter

  • Zeitzeuge
  • Walpersberg
  • Neu-OCR

Quellen und Nachweise

  1. zeitzeugen_komplett.pdf (Original, 845 Seiten)