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Zeitzeugnis

Zeitzeugenaussage Etienne Bauduin

Quellennahe Neu-OCR des in der Komplett-PDF ueberlieferten Berichts von Etienne Bauduin.

Forschungsstand dokumentiert

Forschungsdatensatz

Dokumentierte Angaben

Person
Etienne Bauduin
Rolle
ehemaliger Zwangsarbeiter
Ort
Kahla / Walpersberg
Zeitraum
1944-1945; spaetere Niederschrift oder Befragung
Herkunft
unbekannt

Überlieferung und Kontext

«Am 16. März 1945 starb mein Bruder Andre aufgrund von Unterernährung im Lager E.» Etienne Bauduin Auch nach all den Jahren belastet es Etienne sehr über seine Zeit in Kahla zu sprechen. Schließlich wurden er und sein Bruder zusammen aufgegriffen; jedoch kehrte nur Etienne zurück. Andre starb am 16. März 1945 an Unterernährung. «Wir beide, mein Bruder (Andre) und ich, lehnten es ab in Deutschland zu arbeiten; wir lebten bereits eine beträchtliche Zeit lang im Untergrund. Während dieser Zeit arbeiteten wir beide für meinen Vater. Er war Bauunternehmer für öffentliche Betriebe und zusammen mit ihm kümmerten wir uns um Straßenbauten.» «Die Gestapo war damals bereits zehnmal bei uns zu Hause gewesen, aber sie hatten uns nicht gefunden.» «Bis am 1. August drei Fahrzeuge an unserem Arbeitsplatz hielten. Gabriel, ein Mitarbeiter, und ich wurden nach unseren Papieren gefragt, ich sagte, dass meine in meinem Mantel, der auf dem Fahrrad läge, seien und nahm meine Beine in die Hand, um dort wegzukommen. Aber ich stolperte und fiel auf dem Gehweg hin.» «Der Gestapo-Mann richtete seine Waffe auf mich und wollte jeden Moment schießen, aber eine Dame, die gerade dort vorbeikam stellte sich zwischen uns. Trotzdem schlugen sie mich grün und blau.» «Wir drei ( Andre, Gabriel und ich) wurden festgenommen. Nebenbei, es waren Belgier, die uns inhaftierten.» «Wir wurden mit dem Auto zum Gestapo-Hauptquartier in Doornik gebracht. Sie sperrten uns in eine Art Herrenhaus im Boulevard Leopold. Es war nicht empfehlenswert auch nur irgendeinen Versuch zu unternehmen um zu fliehen. Die Wände waren alle mit Blut beschmiert und in der ersten Etage standen jederzeit schussbereite Maschinengewehre.» «Wir blieben dort etwa vier Tage; später brachten sie uns in die Kaserne in der Avenue de la Cuoronne in Etterbeek.» «Am 8. August, um 5 Uhr morgens, brachten sie uns zur Eisenbahnstation. Auf dem Weg dorthin standen alle 10 Meter ein Deutscher mit dem Gewehr in der Hand. Im Zug selbst saß ein Deutscher neben jeder Tür.» Am 16. März 1945 starb mein Bruder Andre aufgrund von Unterernährung im Lager E «Ich trug einen Koffer mit einigen Kleidungsstücken und etwas zu Essen. Auf dem Bahnsteig waren Leute vom Roten Kreuz, die uns jeder ein paar Tomaten und zwei Scheiben Brot gaben.» «Im Moment, als wir den Bahnsteig verließen, sangen wir noch, denn die Amerikaner waren fast in Paris. Wir waren der festen Überzeugung, dass unser Zug nicht mehr sehr weit kommen würde. Wenn wir damals gewusst hätten, was noch auf uns wartete...» «Die Männer, die während des Weges versuchten zu fliehen, wurden jedes Mal zurückgebracht.» «Wir fuhren im Zug für zwei Tage und eine Nacht; spät am Nachmittag des 9. August 1944 erreichten wir die Zugstation Kahla.» Ein Brief, von Andre geschrieben, nach seiner Ankunft т Kahla beschreibt: „ Wir wurden behandelt, als wären wir die größten Verbrecher Europas. " «Das erste, was wir in Kahla sahen, waren Russen, die um Lebensmittel bettelten. Zu diesem Zeitpunkt dachten wie noch, diese Männer wären verrückt, doch schon nach nur einem Monat bettelten wir ebenfalls wie sie.» «Ich schuftete die ganze Zeit über in den Tunneln; bis Januar arbeitete ich noch mit meinem Bruder. Ich hatte mit dem Bohren der Tunnel zu tun. Wir bohrten etwa neun Löcher in den Fels. Ein Deutscher bestückte sie mit Dynamit und ein Teil des Felsens wurde gesprengt. Wir mussten die Stücke abtransportieren. Dazu mussten wir mit dem Schutt die Tunnel rein und raus fahren, einmal um Staub zu mindern und auch wegen der Luftzirkulation.» «Am Anfang - zu dieser Zeit waren wir noch kräftig genug - sabotierten wir so viel wir nur konnten. Später dann waren wir viel zu geschwächt, um unsere Pläne fortzusetzen.» Für alle Überlebenden des Lagers E - Kahla ist Essen die kostbarste Sache überhaupt. Etienne würde niemals eine Diät machen. Denn wenn man fast an Hunger gestorben wäre, dann will man den Rest seines Lebens genau das essen, was man möchte. «Wir bekamen einen Liter wässrige Suppe und ein Stück Brot. Anfangs bekamen wir ein Brot für vier Männer, dann eines für sechs, eines für acht und schließlich eines für zwölf. In jedem Raum musste immer einer das Brot schneiden. Derjenige, der das an diesem Tag machte, bekam immer das Stück, das übrig blieb, nachdem jeder seines ausgesucht hatte. Diese Methode sollte ausschließlich dazu dienen, zu vermeiden, dass er bevorzugt wird.» «Hätte man ausschließlich mit diesen Rationen überleben wolle, wäre man verloren gewesen. Im Lager E tat ich fast alles, um irgendwie etwas Nahrung zu bekommen. Ich habe Kartoffeln gestohlen, die unterhalb der Küche gelagert wurden, ich habe sogar Frösche gegessen...» Etienne Bauduin Am 16. März 1945 starb mein Bruder Andre aufgrund von Unterernährung im Lager E «Von Zeit zu Zeit versuchten wir sogar etwas zusätzliches Essen abends in der Küche zu bekommen. Dort musste man all seinen Mut zusammennehmen. An einem Tag jagten uns die Deutschen weg, an einem anderen war es sogar möglich, dass man etwas bekommen konnte.» Für Etienne ist es besonders schwer, etwas über Kahla auszusagen, seit er seinen Bruder dort verlor. «Mein Bruder starb am 16. März 1945. Er starb an Unterernährung, den Misshandlungen, Schlägen und den schlechten Arbeitsumständen. Ein Menschenleben war in Kahla nicht von großer Bedeutung.» «Andre war noch sensibler, als ich es war. Ich stahl Essen, um zu überleben, ich traute mich mehr. Andre tat das nicht.» «Er blieb eine Weile krank in seinem Bett in der Baracke und blieb dann für einen oder fünf Tage in der Krankenbaracke, bevor er schließlich starb.» «Der Krankenpfleger hatte mich bereits informiert, dass es nicht mehr lange mit Andre gehen würde. Ich besuchte ihn noch einmal in der Krankenbaracke; zu der Zeit lebte er noch, aber er war sich nicht mehr meiner Gegenwart bewusst. Er lag im Koma und hatte ein Odem...» «Am 16. März, um 11 Uhr, starb Andre. An diesem Tag arbeitete ich in der Nachtschicht, so dass ich tagsüber in meinem Zimmer in der Baracke war. Der Krankenpfleger kam, um nach mir zu sehen. » «Am Abend musste ich zur Arbeit in die Nachtschicht gehen. Ich weinte und einer aus unserer Schicht erklärte einem Deutschen, dass mein Bruder gerade gestorben war. Dieser Deutsche stellte sich als ganz anständig heraus, denn er schrieb ein Dokument, das mich dazu befähigte, wieder ins Lager zurückzugehen und das mich trotzdem zu meiner Tagesration berechtigte.» «In dieser Nacht kehrte ich zu der Totenbaracke zurück. Ich suchte so lange unter den Toten, bis ich Andre fand und schnitt einige Locken seines Haares ab.» Etienne verlässt den Raum und kommt mit einem kleinen braunen Paket zurück. 55 Jahre lang hat er Andres Haare aufbewahrt. «Andres Leiche wurde mit dem letzten Laster, der Leichen abholte aus dem Lager geschafft. Dieser Laster fuhr immer mit leeren Särgen ins Lager und mit vollen wieder raus. Die Särge wurden jedes Mal wieder verwendet.» Etienne Bauduin Am 16. März 1945 starb mein Bruder Andre aufgrund von Unterernährung im Lager E Direkt neben dem Gedenkstein auf dem Massengrab des Friedhofs Kahla stellte Etienne einen Gedenkstein in Erinnerung an seinen Bruder auf Zusammen mit hunderten von Kameraden fand er dort Frieden nach der langen unmenschlichen Zeit im Lager E. «Und was mich betraf, ich hatte schon seit Januar fortlaufend die Ruhr; aber ich musste trotzdem immer zur Arbeit ins Werk gehen.» «Im Werk fiel jeden Tag irgendwo irgendjemand tot um. Einmal stürzte ein Tunnel ein. Nur die ersten zehn Meter waren abgestützt, der Rest nicht. An diesem Tag gab es dort sehr viele Opfer.» «Während der Wintermonate war es eisig kalt dort. Ich hatte keine warmen Sachen mehr; ich ging zur Arbeit eingewickelt in einer Decke. » «Die Männer, die Tabak besaßen, konnten sich dort wahrhaft reich nennen. Ich hatte keinen Tabak, also musste ich erfinderisch sein. Einmal drehte ich eine Zigarette aus getrockneten, gepressten Blättern für eine deutsche Wache in dem Werk. Im Austausch für die Zigarette bekam ich Brot. Am nächsten Tag teilte mir ein Kamerad mit, dass die Wache nach mir suche. Ich war furchtbar erschrocken, ich fürchtete, dass mein Schwindel aufgeflogen war. Aber nichts dergleichen. Ihm hatte meine Zigarette geschmeckt und er fragte mich nach einer weiteren. » «Die Nazis wollten jegliche Form von Solidarität und Kameradschaft unterbinden. So mussten wir alle drei Wochen die Zimmer wechseln. Aber je länger wir in dem Lager E blieben, verschwand die Solidarität ganz einfach von selbst. Wenn man ums Überleben kämpfen muss, dann ist jeder auf sich selbst gestellt.» «Es war einfach unmenschlich dort. Im September sah ich, wie jemand erschossen wurde, weil er eine Birne von einen Baum gepflückt hatte.» «Ich, ich bekam einmal 25 Streiche mit einem Stock, weil sie mich mit einem Stück Brot erwischten. Die Deutschen ließen einen mit nackten Oberkörper über eine Holzbank beugen; mit einem Knüppel schlugen sie dann auf einen ein. Nach dieser „Behandlung" bekam man dann die Erlaubnis, wieder in seine Baracke zu gehen, zumindest wenn man noch lebte...» Etienne erwähnt auch eine auffallende Sache an der Lagerleitung. «Der Lagerleiter, der Bereitschaftsdienst im Lager E um Weihnachten hatte, war Boxer. Zwei Gefangene im Lager waren ebenfalls professionelle Boxer. Am 25. Dezember organisierte der Lagerfiihrer einen Boxkampf: er gegen die anderen beiden. Wir, die Gefangenen, wurden gezwungen den Kampf anzusehen. » Langsam näherte sich die Befreiung. Etienne Bauduin Am 16. März 1945 starb mein Bruder Andre aufgrund von Unterernährung im Lager E «Am Ende hatten wir nicht einmal mehr etwas zu Essen. Die Schwerkranken wurden mit kaltem Wasser bespritzt, um sie schneller zu liquidieren.» «Am Tag der Befreiung wog ich 36 Kilo. Jemand der das nicht selbst erlebt hat, kann sich unmöglich diese Hölle vorstellen. Um den 10. April wurden wir aus dem Lager gefahren. Die Deutschen wollten uns im März freilassen, aber unser Zimmer wollte die Baracke nicht verlassen. » «Im Moment, als jemand aus unserem Raum mal pinkeln musste, wurde er von ein paar SS- Leuten gesehen. Sie kamen in die Baracke und jagten uns raus. Wir mussten gehen, sonst wären wir erschossen worden.» Es schien als seien Etienne und Valere im selben Raum. «Mit einigen anderen kamen wir frei. Bevor wir Lager 7 erreichten, versteckten wir uns in den Wäldern in der Nachbarschaft eines Bauernhofes.» «Wir blieben dort für vier Tage. Die Deutschen, die vorbei kamen taten uns nichts.» «Dann kam der Moment, in dem wir uns mitten zwischen den beiden Armeen wieder fanden, in einer Art Niemandsland. (Die deutsche Armee zog sich gerade zurück, die Amerikaner waren jedoch noch nicht eingetroffen.) Das hielt für zwei Stunden an.» «In dieser Zeit gingen wir zu dem Bauernhof, um nach etwas zu Essen zu suchen: Einem Schwein und einem Huhn. In Lager 7 fielen wir über das Huhn und das Schwein her; eine Viertelstunde später starben zwei Polen, die zu viel gegessen hatten auf der Stelle.» «Wir sind von Amerikanern befreit worden. Sie ließen uns nach Kahla in den Ort gehen, wo sie uns mit DDT entlausten und wir neue Kleidung bekamen. Sie gaben mir eine Jacke einer russischen Uniform und das Hemd und die Hosen einer italienischen Uniform. Sie hielten uns aber weiterhin in Quarantäne.» «Wir drei gingen schließlich, wir gingen ein Stück die Hauptstraße entlang und dann durch die Wälder. Wir aßen das, was die amerikanische Armee zurückließ, wir schliefen in Scheunen auf Bauernhöfen. Unser Weg endete, sobald wir in Fulda ankamen.» «Dort griffen uns einige kanadische Soldaten auf und brachten uns in ein Lager, dessen Namen ich vergessen habe.» «Von dort brachten sie uns mit dem Laster nach Liege und von dort nach Brüssel.» «Ich blieb eine Nacht in Brüssel; am nächsten Tag brachten sie mich mit dem Auto nach Ottinies. Ich hatte meine Eltern nicht vorgewarnt, dass ich auf dem Nachhauseweg war. Mein Bruder war tot und ich wusste nicht, ob sie das schon wussten.» Etienne Bauduin Am 16. März 1945 starb mein Bruder Andre aufgrund von Unterernährung im Lager E Nach seiner Rückkehr aus der Hölle nahm Etienne sein Leben wieder selbst in die Hand Wie auch immer, es vergeht kein Tag, an dem er nicht an Andre und Kahla denkt. Etienne Bauduin Am 16. März 1945 starb mein Bruder Andre aufgrund von Unterernährung im Lager E Nach seiner Rückkehr aus der Hölle nahm Etienne sein Leben wieder selbst in die Hand Wie auch immer, es vergeht kein Tag, an dem er nicht an Andre und Kahla denkt. Etienne Bauduin

Namen und Schlagwörter

  • Zeitzeuge
  • Walpersberg
  • Neu-OCR

Quellen und Nachweise

  1. zeitzeugen_komplett.pdf (Original, 845 Seiten)