Zeitzeugnis
Zeitzeugenaussage Edith Binder
Quellennahe Neu-OCR des in der Komplett-PDF ueberlieferten Berichts von Edith Binder.
Forschungsstand dokumentiert
Forschungsdatensatz
Dokumentierte Angaben
- Person
- Edith Binder
- Rolle
- Zeitzeuge
- Ort
- Kahla / Walpersberg
- Zeitraum
- 1944-1945; spaetere Niederschrift oder Befragung
- Herkunft
- Deutschland
Überlieferung und Kontext
Interview und Gespräch mit Edith Binder, geborene Werther
Frau Werther kam am 01.12.1929 zur Welt und lebte zur fraglichen Zeit in Dienstädt, die letzten
Wochen des Krieges war sie nicht mehr in der Region, da sie sich zur Ausbildung in Weimar/
Schöps war (landwirtschaftliche Ausbildung), als Kahla bereits in amerikanischer Hand war (der
Leiter der Schule wurde später von den Amerikanern verhaftet und sie wurde von Danilo nach
Hause gebracht)
Nach ihrer Erinnerung war die Polizeipräsenz im Ort vor dem Aufbau der REIMAHG gering, ein
Polizist in Orlamünde. Nach ihrer Erinnerung änderte sich das mit Aufbau des Werkes - jetzt
kontrollierte dt. SS und schaute nach ob Ausländer in den Höfen waren oder Deutsche mit ihnen
redeten. Schon vor den Arbeitern der REIMAHG hatte man Kontakt mit Zwangsarbeitern, soweit
sie weiß Engländer und Franzosen, auf den Höfen oft jeweils einer, in Orlamünde ein ganzer Trupp,
die zum Beispiel beim Dreschen halfen. Auf dem Hof ihrer Eltern war ein Russe, Danilo (ein
Zivilgefangener), und ein Pole, der sich ihrer Erinnerung nach sehr unwillig und feindselig verhielt.
Den landwirtschaftlichen Arbeitern (die in Orlamünde waren in einem Gasthaus untergebracht)
ging es besser als den späteren REIMAHG-Leuten. Allerdings wurde ihrer Erinnerung nach auch
hier das Verhältnis zu den Ausländern kontrolliert und eine Elfriede Frischauf (0.4.) wegen
Beziehungen zu einem Ausländer verhaftet.
Die Schaffung des Werkes betraf ihre Familie direkt, denn ihre Großeltern wohnten in der
Dehnamühle und besaßen ein Gebiet auf dem Berg - sie verloren diesen Besitz durch
Beschlagnahmung und mussten ausziehen. Soweit sie sich erinnert gab es zum Werk keine
Ankündigungen oder Informationen, wohl aber viele wilde Gerüchte. Die Leute hätten auch aus
Angst eher geschwiegen. Das Gelände war strikt abgesperrt. In Dienstädt waren anders als
anderswo keine größere Zahl REIMAHG-Mitarbeiter (dt.) einquartiert, und der Bergbau-/
Stollenbauingenieur der im Hof einquartiert war, redete überhaupt nicht über das Werk. Man konnte
von außen jedoch sehen wie die Flugzeuge den Berg hochgezogen wurden und starteten — nach
ihrer Erinnerung offenbar recht knapp (sie fragte sich ob sie nicht abstürzten).
Die umliegenden Dörfer wurden zur Versorgung der REIMAHG herangezogen - sie hatten
bestimmte Mengen zu liefern, teilweise direkt in die Lager.
Sie erinnert sich daran wie aus der Brüterei/ Geflügelhof ihrer Eltern (genauer ihrer Mutter) durch
Uniformierte einige Hühner beschlagnahmt wurden als Frau Sauckel in Hummelshain war, trotz
Protest einfach die Tiere erschossen und mitgenommen (weiß aber nicht wann).
Sie selber sah die Zwangsarbeiter wenn sie ihren Vater bei der Ablieferung von Milch in Kahla
begleitete, nach Dienstädt kamen sie nur als Bettler und als Arbeiter, dort gab es ja kein Lager,
wobei sie in Kahla Italiener und Belgier sah. Sie waren schlecht ernährt und gekleidet, an den
Füßen nur ärmliche Holzpantoffeln und keine Strümpfe sondern lediglich Fußlappen, vermutlich
wurden die Füße durch die Schuhe verletzt. Die Arbeiter trugen ihre Zivilkleider, bis diese total
abgetragen waren. Zum Schutz gegen die Kälte wickelten sie sich Decken und ähnliches um. Sie
litten unter Ungeziefer (Flöhen) denn sie hatten nur kaltes Wasser zum Waschen. Die Italiener
kamen zum Teil in guter Kleidung an — vielleicht aus dem Kino herausgeholt in schwarzer
Kleidung und mit Schmuck. Bald waren sie vollkommen zerlumpt und halbverhungert. Einige
Gefangene nutzten auch Papiersäcke und bastelten sich Mützen gegen die Kälte. Ihr Essen war
wohl eine dürftige Suppe (ein wenig Kraut oder Rüben o.ä.). Unter den Bettlern waren viele
Italiener, und sie erinnert sich wie diese „Hunger, Hunger.“ murmelten/ flehten, wenn man an ihnen
vorbeiging, was sie bis heute mitnimmt. Es gab sehr viele Bettler, doch die mussten sich in Acht
nehmen. Es waren nach ihrer Erinnerung junge Männer und wenige Frauen, keine Kinder. Unter
den Einwohner gab es auch sehr bösartige Menschen. Die Ausländer versuchten in ihrem Hunger
teilweise aus den Mieten Rüben und Kartoffeln zu holen, und einige Einwohner bedrohten die
Zwangsarbeiter mit Gewehren. Ob sie auch schossen, weiß sie nicht, aber es war bekannt dass sie
die Ausländer schlugen. Einige Menschen halfen Bettlern und gaben ihnen Essen, aber wie bereits
erwähnt vertrieben andere sie mit der Drohung mit Gewehren oder durch Schläge.
Sie erinnert sich an Polen, Russen und Belgier sowie Italiener. Nach ihrer Erinnerung wurde über
die Ausländer kaum geredet, auch aus Angst vor verbotenen Kontakten. Die Ausländer hatten zum
Teil noch Schmuck dabei und versuchten diesen (Uhren u.ä.) zu tauschen gegen Essen, doch wie
verbreitet dies gemacht wurde, weiß sie nicht. Sie erinnert sich dass man einem Russen seine
goldenen Zahnprothesen zwangsweise abnahm. Sie hat die Wachtruppen nur selten in Aktion
beobachtet, jedenfalls schrien sie als sie dabei war die Milch abzuliefern. Ein Teil der Wachen
wurde später nach Eintreffen der Amerikaner an anderer Stelle gefangen genommen und auf dem
Marsch durch das Dorf getrieben. Selber war sie keine Augenzeugin von Misshandlungen, doch es
gab wiederholt Erzählungen, Ausländer seien von den Wachtruppen halbtot geschlagen worden.
Ihr Vater lieferte unter anderem in die Lager Lebensmittel — Kartoffeln (in Lager Umgebung des
Berges bei der Dehnamühle, nicht in den Leubengrund), und hatte dabei Angst sich anzustecken,
denn er nahm viel Ruhr und Typhus wahr. Er erzählte aber nicht viel über das was er sah.
Sie erinnert sich, dass ihre Großmutter sich bemühte den Belgiern zu helfen, die gleichfalls
hungerten. Sie habe nachts Kartoffeln an bestimmter Stelle versteckt und wurde deshalb von der
Polizei vorgeladen, dann aber wieder laufen gelassen. Ein belgischer Gefangener gab der Familie
die Adresse seiner Eltern, damit sie diese benachrichtigen könnten, wenn er stürbe — und er
überlebte in der Tat nicht, aber sie erinnert sich nicht mehr an seinen Namen.
Wenn man Gefangenen half, hatte man Angst, von den Nachbarn denunziert zu werden.
Sie erzählt, dass Danilo (der nicht zur REIMAHG gehörte), ein 27-jähriger Lehrer war. Er und Frau
Werthers Mutter wurden wegen des Vorwurfs einer Beziehung verhaftet — ein Vorwurf der sich
später zerstreute. Danilo kam ihres Wissens nach eine Weile nach Buchenwald, ihre Mutter in
Gestapohaft nach Weimar, ehe die Familie sie dort freibekommen konnte. Danilo kam später nach
Drackendorf, nach dem Krieg arbeitete er als Dolmetscher für die Rote Armee und kam mehrfach
mit Offizieren zur Jagd, vor den sich die Werthers etwas fürchteten, es kam jedoch ihrer Aussage
nie zu Zwischenfällen.
Frau Werther weiß nicht mehr, wie viele Ausländer der REIMAHG im Ort zur Arbeit eingesetzt
wurden (für ihren Hof wurde zu den zwei Nicht-REIMAHG-Leuten später noch in seiner „Freizeit“
У. Kibkalo abgestellt). Ihre Mutter verbarg später in den letzten Tagen des Krieges Herrn Kibkalo
und seine Familie (Eltern und Schwester) auf ihrem Hof. Sie glaubt sich zu erinnern dass die Mutter
von V.K. Sehr krank war und möglicherweise verstarb. Die Schwester, die sie Schurka nannten,
hätte ein oder mehrere Kinder gehabt, aber die seien während des Transportes nach Deutschland
herausgeholt und umgebracht (?), sie hätte deshalb psychische Probleme gehabt wenn sie Kinder
sah. (
Anmerkung:
Sie dußerte die Vermutung, der Vater des/ der Kinder habe vielleicht für die Deutschen gekämpft —
dies ist aber nur eine Vermutung, es ist nicht auszuschließen, auch die Familien von
Kollaborateuren waren vor dem deutschen Terror keineswegs sicher.
Diese Dinge wie auch der eventuelle Tod seiner Mutter wurden seitens Herrn Kibkalos nicht
angesprochen, deshalb bin ich mir unsicher, ob sie so stimmen, denn ich halte es für
unwahrscheinlich, dass er sie verschwiegen hätte (einen eventuelle Dienst des Mannes/ Geliebten
seiner Schwester für die Deutschen vielleicht, aber den Tod ihrer Kinder oder seiner Mutter?).
MB.
Nach ihrer Beschreibung lebte man nach dem Krieg recht gut miteinander, so lange die Kibkalos
untergebracht waren auf ihrem Hof. Ein Onkel von V.K. Habe mit einer Pfarrersfrau
zusammengelebt.
Die Amerikaner waren in Dienstädt mit einer Truppe präsent, man hatte Angst vor ihnen, doch
Zwischenfälle blieben aus. Nach der Befreiung haben zum Teil die ehemaligen polnischen
Gefangenen geplündert — sie durchsuchten die Häuser (sie hätten in ihrem Haus Fotoapparat und
ihre Uhr mitgenommen u.ä.). Sie fällten teilweise die Kirschbäume und aßen die Früchte. In
Dienststädt wurde ihres Wissens der Ortsbauernführer verhaftet, aber wegen REIMAHG wohl
keiner.
Nach dem Krieg besichtigte sie mit einigen anderen Mädchen das Sauckel-Haus, das nach ihrer
Erinnerung (und dem was man sich erzählte) sehr reich eingerichtet war. Soweit sie weiß wurde das
alles von den Großeutersdorfern geplündert, die teilweise sogar mit Pferdegespannen zum Komplex
hochfuhren um abzutransportieren was es gab.
Namen und Schlagwörter
Quellen und Nachweise
- zeitzeugen_komplett.pdf (Original, 845 Seiten)