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Zeitzeugnis

Zeitzeugenaussage Bruno Tomasi

Korrespondenz und Erinnerungsueberlieferung Bruno Tomasis zu Reise nach Deutschland, Arbeit bei Siemens-Schuckert im REIMAHG-Komplex, Lager- und Postalltag, Unterstuetzung durch deutsche Familien, Befreiung, Heimkehr und spaeterer Erinnerung.

Forschungsstand dokumentiert

Forschungsdatensatz

Dokumentierte Angaben

Person
Bruno Tomasi
Rolle
Italienischer Zwangsarbeiter bei Siemens-Schuckert im REIMAHG-Komplex
Ort
Kahla / Walpersberg / Grosseutersdorf / Weimar
Zeitraum
1944-1945; Nachkriegserinnerung bis 1997
Herkunft
Italien

Überlieferung und Kontext

--- Quelle: Uebersetzungen_Bruno_Tomasi_Band_01_1944-03_bis_1944-05.md # Bruno Tomasi: Deutsche Übersetzungen der Korrespondenz ## Band 1: März bis Mai 1944 Arbeitsstand: 28. August 2026 ## Editionshinweis Die folgenden Texte sind quellennahe deutsche Arbeitsübersetzungen der handschriftlichen italienischen Postkarten. Die historischen Scans bleiben die maßgebliche Quelle. Nicht sicher lesbare Wörter und beschädigte Stellen sind mit `[unleserlich]` beziehungsweise `[?]` gekennzeichnet. Orthografie und Zeichensetzung wurden für die Lesbarkeit behutsam normalisiert. Reine Bildseiten werden nicht gesondert übersetzt; Adress- und Poststempeldaten werden nur aufgenommen, wenn sie inhaltlich relevant sind. --- ## 3. März 1944 – Mailand, Mailänder Dom **An:** Familie Giulio Tomasi, San Maurizio d’Opaglio, Novara Bei euch ist euer Bruno, dem es sehr gut geht. Wie ihr seht, bin ich am Tempel des Sieges beziehungsweise am Denkmal für die Gefallenen. Der Schnupfen ist verschwunden. Herzliche Grüße und Küsse. Euer Bruno **Anmerkung:** Der mittlere Satz ist wegen der gedrängten Schrift nur sinngemäß wiedergegeben. --- ## 1. April 1944 – vor der Abreise Liebe Eltern, heute reise ich ab. Ich schicke euch die Anschrift eines Freundes von mir, der wie ich als Zeichner arbeitet. Hoffen wir, dass wir zusammen weiterfahren. Auf jeden Fall könnt ihr bei seiner Familie nach mir fragen, falls ihr von mir selbst keine Nachricht erhalten solltet. Herzliche Grüße und Küsse von eurem Bruno **Zusatzanschrift auf der Karte:** G. Branca [?], Via A. Giovannotti 18, Cambiago – Lago Maggiore [?]. --- ## 3. April 1944 – Sesto San Giovanni, Karte A Ihr Lieben, ich bin glücklich in Sesto angekommen. Ich habe alles erledigt. Heute um vier Uhr reise ich ab. Grüße und viele Küsse an euch alle. Bruno --- ## 3. April 1944 – Bahnhof Sesto San Giovanni, Karte B Ihr Lieben, wie ich euch bereits auf einer früheren Karte geschrieben habe, bin ich nun im Zug. Ich befinde mich mit meinen Freunden an einem schönen Ort; wir haben eine angenehme Reise. Sobald ihr diese Nachricht erhaltet, nehmt einen lieben Gruß und einen herzlichen Kuss entgegen von eurem Bruno --- ## 4. April 1944 – Bozen Ihr Lieben, ich bin in Bozen. Die Reise verläuft weiterhin gut. Küsse. Bruno --- ## 4. April 1944, vier Uhr nachts – Bahnhof Trient Es ist vier Uhr nachts. Ich befinde mich am Bahnhof von Trient. Meinen Freunden und mir geht es gut. Küsse. Bruno --- ## 4. April 1944, neun Uhr dreißig – Brenner Ich bin glücklich am Brenner angekommen. Alles verläuft gut. Einen herzlichen Gruß an Fiorenzo, Mimma, Mama und Papa und einen großen Kuss an alle. Euer Bruno Auch allen Kameraden geht es gut. --- ## 18. April 1944 – Kahla Ihr Lieben, ich hoffe, dass euch diese Nachricht erreicht und große Freude bereitet. Entschuldigt, dass es nur eine kurze Karte ist. Das liegt daran, dass meine genaue Anschrift noch nicht feststeht. Sobald sie sicher ist, werde ich sie euch zusammen mit ausführlicheren Nachrichten in einem langen Brief mitteilen. Vorerst kann ich euch sagen, dass ich mich in einer kleinen, sehr ruhigen Stadt befinde, die den Lärm feindlicher Flugzeuge bisher noch nicht gehört hat. Meine Gesundheit ist [sehr gut]; ebenso geht es meinen Freunden gut, die nach der Verteilung beziehungsweise Weiterleitung mit mir nach Kahla kamen. Im Augenblick haben wir noch nicht unsere endgültigen Arbeitsplätze. Wir arbeiten alle an einem großen und dringenden Bauvorhaben und warten darauf, dass uns unsere eigentlichen Berufe zugewiesen werden. Vorläufig arbeite ich bei „Siemens“ als Elektriker. Wie ihr euch vorstellen könnt, ist das für mich eine sehr interessante Arbeit. Sie ist nicht besonders schwer, obwohl wir viele Stunden täglich arbeiten. Sonntags wird nicht gearbeitet – hoffen wir, dass es so bleibt. Wir erwarten noch weitere Italiener. [Passage über Freizeit beziehungsweise Fußball unklar.] Ihr Lieben, seid stets beruhigt. Mein Gesundheitszustand ist ausgezeichnet, und die Kälte ist nicht sehr stark. Viele Grüße an euch und an die lieben Verwandten. [Namen unleserlich.] Küsst sie von mir. Euer Bruno --- ## 3. Mai 1944 – Kahla, vor allem an Fiorenzo Wenn ich an dich denke, lieber Fiorenzo, wollte ich dir diese Karte schreiben, um dich zu fragen – oder besser: um dich zum Lernen anzuspornen. Wir sind bereits im Mai und damit, glaube ich, am Ende deines Schuljahres. Mein lieber Bruder, du bist jung und kannst noch nicht verstehen, dass das Opfer, das du heute bringst, später in deinem Leben reich belohnt werden wird. Was du dir heute aneignest, wird dir ohne Zweifel dienen. Auch wenn es dir schwerfällt, lerne mit Willenskraft und verschiebe es nicht auf morgen. Das Sprichwort sagt: „Lerne ein Handwerk und bewahre es für später.“ Ich gebe dir ein persönliches Beispiel, denn es ist wahr: Du weißt, dass ich mich leidenschaftlich mit Elektrizität beschäftigt habe, obwohl mein eigentlicher Beruf der eines Zeichners ist. Gerade diese Leidenschaft hat mich hier zu einem der Glücklicheren im Lager gemacht. Wenn ich heute zufrieden bin, dann nicht deshalb, weil ich meinen eigentlichen Beruf ausübe, sondern weil ich zeigen konnte, dass ich etwas von einem Fach verstehe, von dem ich früher nicht dachte, dass es mir einmal nützen würde. [Auf der Adressseite folgen wegen Stempel und enger Schrift teilweise unleserliche Ratschläge.] Es ist notwendig, dass du lernst und dir Kenntnisse aneignest. Sei nicht mutlos. Grüße an Mimma und Mama und Küsse an alle. Euer Bruno **Quellenwert:** Bruno erklärt hier selbst, dass sein eigentlicher Beruf Zeichner war und dass seine zusätzlich erworbenen elektrotechnischen Kenntnisse seine vergleichsweise günstige Verwendung im Lager ermöglichten. --- ## 13. Mai 1944 – Kahla Ihr Lieben, leider muss ich euch mitteilen, dass sich die Anschrift meines Lagers erneut geändert hat. Das ist eine große Unannehmlichkeit, weil ich dadurch eure Nachrichten nicht erhalten kann. Mich tröstet nur, dass meine vielen Briefe und Karten nicht zurückgekommen sind. Ich hoffe, dass wenigstens einige angekommen sind. Auf jeden Fall kann ich euch wieder sagen, dass sich meine Lebensumstände sehr verbessert haben. Heute hat mir unser Inspektor die Erlaubnis gegeben, zu Hause beziehungsweise in der Unterkunft zu bleiben, damit wir sauber machen konnten. Ich bin sehr zufrieden. Es ist ein herrlicher Frühlingstag. Nachdem ich geputzt und gegessen hatte, ging ich in einen nahe gelegenen Wald spazieren. [Es folgt eine schwer lesbare Passage über Kartoffeln und gekochtes Fleisch.] Am Morgen war ich wie gewöhnlich an meinem Arbeitsplatz. Die Arbeit wird immer weniger und ist deshalb für mich zunehmend langweilig. In dieser kleinen Stadt ist das Leben [Passage unleserlich]. Ich werde euch darüber in einem langen Brief ausführlicher schreiben. Bitte benutzt bis dahin die neue Absenderanschrift. Viele Grüße und Küsse. Bruno --- ## 18. Mai 1944 – Kahla Meine Lieben, zunächst muss ich ein wenig über meine liebe Mama sprechen, die mir die große Freude bereitet hat, mich nach fünfzehn Tagen endlich wieder eure Nachrichten erhalten zu lassen. Mama, wie ich oben schon angedeutet habe, habe ich deinen sehnsüchtig erwarteten Brief erhalten. Er hat mir großen Trost gespendet. Ich war sehr erstaunt zu erfahren, dass ihr während der Reise meine Nachrichten über eine meiner vielen Karten erhalten habt. Auch meine Freunde haben mir geschrieben, dass ihre Angehörigen meine Grüße erhalten haben. Rino und Piero [Nachname beziehungsweise Ortsbezug unklar] befinden sich, soweit ich weiß, noch am selben Ort. Viele meiner Kameraden wurden in verschiedene Orte verteilt. Ich bin einer der Glücklicheren, weil ich nach der ersten Verteilung zunächst nach Rosengarten und anschließend hierher nach Kahla kam. Kahla ist eine kleine Stadt, die verschont geblieben ist und bisher niemals Bombardierungen erlebt hat, wie sie andere Orte kennen. Die Einwohner wirken Fremden gegenüber zurückhaltend beziehungsweise gleichgültig. Dennoch komme ich zurecht. Einige meiner Kameraden sind nach Weimar gegangen. Ich bedaure nicht, hier zu sein, auch wenn ich dadurch keineswegs näher an unserem Italien bin. Hier ist es eine landwirtschaftlich geprägte Gegend. [Auf der Adressseite folgen teilweise überstempelte Angaben zu Unterkunft, Ernährung und der jeweils gültigen Anschrift.] Ihr sollt euch um mich keine Sorgen machen. Grüße an alle und viele Küsse. Bruno --- ## 28. Mai 1944 – Kahla Meine Lieben, im Anschluss an meine Karte Nummer 1 möchte ich euch sagen, dass ich dem lieben Gott sehr viel verdanke, der mich auf außergewöhnliche Weise beschützt. Diese Familie ist für mich zu einer zweiten Mutter geworden. Sie hat in mir den früheren wandernden beziehungsweise abwesenden Sohn wiedergefunden, wie sie mir sagt, und gibt mir zu essen. Für mich ist das eine große Vorsehung. Sie lässt mich fast jederzeit nehmen, was ich möchte, und ich nehme dies mit großer Dankbarkeit an. Mir wird dadurch nichts vorenthalten. Vor fünfzehn Tagen half ich dabei, ihr Schwein zu schlachten. Das Fleisch war sehr gut, und am folgenden Tag bereitete sie mir ein Essen zu, von dem ich euch berichten möchte: ungefähr ein Kilogramm gutes Brot und ein mit einem großen Stück Fleisch zubereitetes Gericht. Auch an den anderen Tagen gibt es für mich stets einen Teller Kartoffeln, manchmal mit einem Stück Fleisch, ein Ei oder Kartoffeln mit gekochtem beziehungsweise gebratenem Fleisch. [Einzelne Speisenbezeichnungen unsicher.] Einmal bekam ich sogar einen Topf mit zwei Litern [Inhalt unleserlich] und ein Stück Brot. Ihr Lieben, unter den ungefähr 800 Italienern, die sich hier befinden, bin wahrscheinlich ich der Glücklichste. Seit der ersten Zeit habe ich bei allen viel Entgegenkommen gefunden. [Fortsetzung auf der Adressseite stark überstempelt.] Die Frau behandelt mich wie einen Sohn und sagt sinngemäß, dass ich zu ihr kommen und essen solle. Ich erwidere ihre Zuneigung mit Dankbarkeit. Macht euch daher keine Sorgen um mich. Viele Grüße und Küsse. Bruno **Quellenwert:** Die Karte belegt sehr deutlich eine individuell außergewöhnliche zusätzliche Versorgung durch eine deutsche Familie. Brunos Vergleich mit etwa 800 Italienern zeigt zugleich, dass er selbst seine Lage als Sonderfall verstand. --- ## 30. Mai 1944 – Kahla Ihr Lieben, mit riesiger Freude habe ich heute euren zweiten überaus lieben Brief erhalten. Ich bin sehr glücklich, euch in guter Gesundheit zu wissen, so wie ich selbst es bin. In zwei oder drei Tagen werde ich euch einen langen Brief schreiben, denn dafür schulde ich euch eine ausführliche Antwort. Meine Arbeit entwickelt sich immer besser. Was die Verpflegung betrifft, braucht ihr euch um mich keine Sorgen zu machen. Wenn ihr meine Sonntagskarten vom 28. erhalten habt, könnt ihr euch ungefähr vorstellen, mit welcher wirklichen Freude eure Verwandten beziehungsweise Bekannten mir ein unvergessliches Essen mit so guten Süßspeisen bereitet haben, wie ich sie nur hier in Deutschland kosten konnte. Habt ihr die Anschriften der Bekannten, die sich in Wien befinden? Bitte schickt sie mir. Meine Anschrift lautet jetzt wie auf dieser Karte angegeben. Ich bin sehr glücklich über eure schöne Idee, [mich beziehungsweise meine Bekannten] einzuladen. [Die Fortsetzung auf der Adressseite ist durch Stempel teilweise unleserlich.] Ich denke stets an euch, an Mama, Papa, Mimma und Fiorenzo. Herzliche Grüße an die Verwandten und viele Küsse. Euer Bruno --- ## Zwischenbefund März bis Mai 1944 Die Karten bilden eine erkennbare Entwicklung ab: 1. Anfang April dokumentiert Bruno die etappenweise Reise nach Norden und beruhigt seine Familie mit knappen Lebenszeichen. 2. Am 18. April nennt er erstmals den dringenden Großbau bei Kahla, den zunächst nicht endgültigen Arbeitseinsatz und seine vorläufige Tätigkeit als Siemens-Elektriker. 3. Am 3. Mai erklärt er rückblickend, dass er eigentlich Zeichner war und ihm seine elektrotechnischen Kenntnisse im Lager eine günstigere Stellung verschafften. 4. Mitte Mai berichtet er von wechselnden Lageranschriften, Rosengarten und Kahla sowie der Verteilung seiner Kameraden auf verschiedene Orte. 5. Ende Mai beschreibt er außergewöhnlich gute zusätzliche Versorgung durch eine deutsche Familie. Er bezeichnet sich ausdrücklich als einen der Glücklichsten unter ungefähr 800 Italienern. Diese positive Selbstdarstellung muss quellenkritisch gelesen werden. Die Karten dienten der Beruhigung der Familie und unterlagen möglicherweise der Postkontrolle. Die geschilderten relativen Vorteile änderten nichts an der Einbindung in das Zwangsarbeitssystem. --- Quelle: Uebersetzungen_Bruno_Tomasi_Band_02_1944-06.md # Bruno Tomasi: Deutsche Übersetzungen der Korrespondenz ## Band 2: Juni 1944 Arbeitsstand: 28. August 2026 ## Editionshinweis Quellennahe deutsche Arbeitsübersetzungen der handschriftlichen italienischen Karten. Unsichere oder von Poststempeln verdeckte Lesungen stehen in eckigen Klammern. Der ausführliche Brief vom 1. Juni und der Brief vom 16. Juni liegen als eigene Transkriptions- und Übersetzungsdateien vor und werden hier nur chronologisch erwähnt. --- ## 1. Juni 1944 – Brief an die Familie Bereits separat vollständig als Arbeitsfassung transkribiert und übersetzt. --- ## 7. Juni 1944 – Kahla Meine Lieben, wie üblich lasse ich es nicht daran fehlen, euch Nachricht von mir zu geben. Ich hoffe, dass ihr vor dieser Karte bereits einen meiner Briefe erhalten habt, in dem ich euch alles mitgeteilt habe, was für euch besonders interessant ist. Nun bitte ich euch, mir sofort zu schreiben, sobald ihr diese Karte erhaltet, von der ich heute spreche. Danach hoffe ich, meine Post besser ordnen zu können und euch weitere Nachrichten zukommen zu lassen. Meine Gesundheit ist weiterhin ausgezeichnet. Die Arbeit ist geradezu beneidenswert. Jeden Tag gehe ich zum Essen zu meinem deutschen [Bekannten beziehungsweise zur deutschen Familie]; außerdem arbeite ich im technischen Büro. Wie schon immer ist es mein Ehrgeiz, bei der Arbeit guten Willen zu zeigen. Mein guter Inspektor hat meinen Lohn um sechs Lire täglich erhöht. [Der Text bricht am unteren Kartenrand ab; die Karte vom 8. Juni dürfte die Mitteilung ergänzen.] --- ## 8. Juni 1944 – Fortsetzung beziehungsweise kurze Karte Ihr Lieben, [Anfang durch Stempel und enge Schrift schwer lesbar.] Ihr seht, dass euer Bruno keineswegs schläft beziehungsweise untätig ist. Mir geht es gut, und ich lasse keine Gelegenheit aus, euch Nachricht zu geben. Grüßt alle von mir. Tausend Küsse an jeden Einzelnen, besonders an Mama. Grüße auch an die Verwandten. Euer Bruno --- ## 14. Juni 1944 – Kahla Meine Lieben, ich schreibe euch diese Karte, um euch zu sagen, dass es mir wie immer gut geht. Ich habe euren sechsten Brief erhalten. Die Anschriften, die ihr auf meine Korrespondenz setzt, sind am Ende richtig angekommen beziehungsweise haben mich erreicht. Ich bin sehr glücklich, euch alle gesund zu wissen, und danke euch vor allem für den ersten Brief, der viele für mich sehr interessante Nachrichten enthielt. Meine Lieben, darauf werde ich mit einem weiteren ausführlichen Brief antworten. Viele Grüße an alle unsere lieben Verwandten. Heute habe ich euren Brief vom 3. Juni 1944 beantwortet. Herzliche Grüße und Küsse. Euer Bruno --- ## 16. Juni 1944 – Brief an Giulio Tomasi und die Familie Bereits separat als vorläufige italienische Transkription mit deutscher Übersetzung bearbeitet. --- ## 21. Juni 1944 – Kahla Ihr Lieben, mit großer Freude habe ich euren, wie ich glaube, siebten überaus lieben Brief erhalten, datiert auf den 9. Juni. Es tut mir leid zu hören, dass ihr noch immer glaubt, meine Post erreiche euch nicht. Liebe Mama, zwei Briefe sind unterwegs beziehungsweise müssten dich erreichen. Der erste vom 3. Juni ist bei euch angekommen, nachdem ihr offenbar eure Meinung geändert hattet. Der andere [ausführliche Brief] wird hoffentlich bald folgen. Ich hoffe, schnell weitere liebe Nachrichten von euch zu erhalten und darin die Antwort zu finden, die ihr auf meinen letzten langen Brief geben wolltet. Was die Beschäftigung meiner lieben Freunde betrifft, beneide ich sie keineswegs. Ich werde hier zumindest respektiert und kann meine Aufgaben mit einer gewissen Selbständigkeit erledigen. Zugleich bin ich wegen meiner Arbeit ständig unterwegs. Wie ihr seht, geht es mir gut. Meine Gesundheit ist wie immer ausgezeichnet. Bei meiner Arbeit bin ich sehr zufrieden. Viele Grüße und Küsse an alle. Euer Bruno **Quellenwert:** Die Aussage über Respekt, selbständiges Arbeiten und ständiges Unterwegssein passt zu seiner später belegten Boten- und Beschaffungsfunktion. Sie beschreibt eine relative Sonderstellung, nicht die Aufhebung seines Zwangsarbeiterstatus. --- ## 22. Juni 1944 – an Maria Ida Tomasi Liebe kleine Schwester, ich möchte dir diese Karte schreiben, weil ich weiß, dass sie dir große Freude machen wird. Bereits vor zwei Tagen habe ich auf die letzte liebe Nachricht geantwortet, die von unserer lieben Mama gekommen ist. Ich hoffe, dass ihr meine Antwort vor dieser Karte erhalten habt. Auf jeden Fall möchte ich dich, Mimma, fragen, wie deine Arbeit geht und ob du Mama schon eine Hilfe bist. Meine liebe Mimma, haben du und Fiorenzo endlich aufgehört, euch wegen der Kirschen zu zanken? Wenn ihr mir antwortet, tut mir den Gefallen und beginnt damit, Papa beim Ernten zu helfen. Berichtet mir außerdem ungefähr, ob die Früchte in diesem Herbst gut ausfallen werden. Meine liebe Mimma, ich hoffe, dass es dir immer gut geht. Gehst du manchmal arbeiten? Bitte grüße von mir erneut unsere lieben Verwandten, die Nachbarn und alle anderen. Gib ihnen die Grüße weiter, die ich dir schicke. Küsse Papa und Mama von mir. Ich küsse dich sehr herzlich. Bruno --- ## Zwischenbefund Juni 1944 Die Juni-Korrespondenz bestätigt und verdichtet die zuvor sichtbare Sonderstellung Brunos: - Er nennt das technische Büro als Arbeitsumfeld. - Er berichtet von einer Lohnerhöhung um sechs Lire täglich. - Er beschreibt sich als respektiert, vergleichsweise selbständig und berufsbedingt häufig unterwegs. - Zugleich beschäftigt ihn die unzuverlässige Postzustellung stark; er zählt die Briefe und bittet wiederholt um Empfangsbestätigungen. - Der Ton bleibt bewusst beruhigend: Gesundheit, Arbeit und Versorgung werden fast formelhaft positiv dargestellt. Diese Selbstaussagen sind mit den Siemens-Bescheinigungen und späteren Erinnerungen abzugleichen. Insbesondere der Ausdruck von Freiheit beziehungsweise Selbständigkeit bezieht sich erkennbar auf seine konkrete Aufgabenerledigung im Vergleich zu anderen Lagerarbeitern und darf nicht als allgemeine persönliche Freiheit verstanden werden. --- Quelle: Uebersetzungen_Bruno_Tomasi_Band_03_1944-08_bis_1944-12.md # Bruno Tomasi: Deutsche Übersetzungen der Korrespondenz ## Band 3: August bis Dezember 1944 Arbeitsstand: 28. August 2026 ## Editionshinweis Quellennahe deutsche Arbeitsübersetzungen. Geschwärzte Ortsangaben, fehlende Kartenteile und durch Zensur- oder Poststempel verdeckte Wörter sind in eckigen Klammern kenntlich gemacht. Der lange Weihnachtsbrief vom 26. Dezember ist inhaltlich vollständig wiedergegeben, an einzelnen schwer lesbaren Stellen jedoch sinngemäß statt wortwörtlich übersetzt. --- ## 25. August 1944 – neuer Aufenthaltsort, Post über Weimar Meine Lieben, gestern habe ich zwei eurer lieben eingeschriebenen Briefe vom 7. und 10. August erhalten. Ich verstehe eure Sorge darüber, dass ihr keine Nachrichten von mir bekommen habt. Wie ihr euch vorstellen könnt, musste ich umziehen. Sobald mir der Umzug offiziell mitgeteilt worden war, schrieb ich euch sofort. Ich hoffe, dass ihr diese Nachricht inzwischen erhalten habt. Aus euren beiden vorausgegangenen Briefen ersehe ich bereits die traurigen Nachrichten über den Tod unseres Cousins Riccardo. Bitten wir den lieben Gott, dass er ihn bei sich in Frieden ruhen lasse. Liebe Mama, du musst mir den Gefallen tun, dich über die Ankunft des Geldes aus Deutschland und den jeweiligen Umtauschkurs zu informieren, also wie viele italienische Lire ihr für jede [überwiesene Einheit] erhaltet. Bitte teile mir dies mit. Ihr Lieben, mir geht es wie immer gut. Ich bin [mit der neuen Situation] beschäftigt und habe durch den Wechsel meines Arbeitsplatzes beinahe [Passage unleserlich]. Schreibt mir bitte eingeschriebene Briefe und verwendet die neue Anschrift. Ein herzlicher Gruß und viele Küsse an alle. Euer Bruno **Anschrift:** Tomasi Bruno, [geschwärzte Lager-/Dienstangabe], Weimar, Deutschland. --- ## 6. Oktober 1944 – Weimar Meine Lieben, seit nunmehr über einem Monat habe ich nicht die Freude, Nachrichten von euch zu erhalten. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Jedenfalls bewahre ich meine Hoffnung und bete, dass am Ende alles gut ausgeht; bitte seid auch ihr unbesorgt. In einem meiner vielen Briefe bat ich euch, mir künftig mehrere eingeschriebene Briefe zu schicken. Da ich nun dieses Schweigen sehe und mir die eingeschriebene Post mehr Sicherheit gibt, bitte ich euch erneut, die Briefe als Einschreiben und möglichst per Luftpost zu versenden. Seid beruhigt, dass ich mich nicht ungeduldig quäle, nur weil keine Post kommt. Für mich ist entscheidend, dass es euch allen gut geht und die Post unterwegs ist. Auch ihr sollt daher nicht an etwas Schlimmes denken, falls meine Nachrichten künftig ausbleiben. Meine Gesundheit ist weiterhin ausgezeichnet; auch sonst geht es mir gut. Viele herzliche Grüße und Küsse. Euer Bruno --- ## Oktober 1944 – Nina an Bruno, Namenstag Lieber Bruno, gestern hat dir Fiorenzo geschrieben, aber was macht das schon? Heute ist dein Namenstag, und wir können nichts anderes tun, als unaufhörlich von dir zu sprechen. Macht es etwas, wenn unsere Wünsche so spät bei dir ankommen? Im Namen aller unserer Lieben schicke ich dir die schönsten Glückwünsche und die innige Hoffnung, dich im nächsten Jahr hier zu haben, damit wir dir den traditionellen Blumenstrauß überreichen können. Lieber kleiner Bruder, gestern Abend hatten wir das Glück, deine liebe Karte vom September zu erhalten. Wir beten immer zum Herrn, dass er uns wenigstens von Zeit zu Zeit die Gnade schenkt, Nachricht von dir zu bekommen. Wir sind froh, dass du wohlauf bist. Auch uns allen geht es sehr gut. Nun zeigen wir deine Karte den Bekannten, die sich freuen werden, dass du an sie denkst. Ich verlasse dich nun, lieber Bruder, mit einem Kuss, weil Papa ebenfalls schreiben möchte. Deine Nina [Es folgen kurze Grüße weiterer Familienangehöriger.] --- ## 11. Oktober 1944 – Weimar Meine Lieben, wie gewöhnlich beginne ich damit, euch zu sagen, dass es mir sehr gut geht. Ich arbeite in einem Postbüro beziehungsweise einer Poststelle. Dadurch bin ich seit einiger Zeit ein wenig zerstreut beziehungsweise stark beschäftigt. Ich habe von einem Freund aus Borgomanero erfahren, dass er glücklicherweise nach sieben Monaten endlich einen Brief von seiner Mutter erhalten hat. Sie war sehr beunruhigt und sogar bis Borgomanero gegangen, um von seinen Freunden etwas über ihn zu erfahren. Das lässt mich an euch denken und daran, dass ihr euch ebenfalls Sorgen machen könntet. Liebe Mama, du sollst wissen, dass ich an dich denke und dich im Herzen trage. Ich möchte dir alle wichtigen Neuigkeiten mitteilen. Mir geht es gut, und ich fühle mich hier vergleichsweise wohl. Man behandelt mich freundlich; aufgrund meiner Aufgaben habe ich mehr Möglichkeiten als zuvor. Ich hoffe, bald wieder Briefe von euch zu bekommen. Einstweilen sende ich euch allen herzliche Grüße und viele Küsse. Euer Bruno --- ## 15. November 1944 – beschädigte Karte aus Weimar Ihr Lieben, vergangene Woche erhielt ich Nachricht von unserer Nina. Sie teilte mir mit, dass sie einen Brief von dir erhalten habe. [Ein Freund beziehungsweise Bekannter] wollte nach Wien fahren, entschied sich jedoch, vor der Abreise noch abzuwarten. Es stimmt, dass [Name unleserlich] mir vorgeschlagen hatte, einen Antrag zu stellen. Ich sagte ihm jedoch sofort, dass ich [dies derzeit nicht tun könne beziehungsweise wolle]. Ich versichere euch, dass ich weiterhin gut arbeite. Glücklicherweise behandeln mich meine Vorgesetzten freundlich, und auch bei meiner täglichen Arbeit komme ich zurecht. [Große Teile der Karte fehlen.] Viele Grüße und Küsse. Bruno --- ## 26. Dezember 1944 – langer Weihnachtsbrief aus Weimar Meine Lieben, hier ist einer meiner langen Briefe, die euch so sehr gefallen. In diesem soll Weihnachten das Thema sein – das Weihnachten, das ich hier fern von meiner Familie verbracht habe. Ich möchte euch sagen, dass ich mich dennoch wohlgefühlt habe. Ich stelle mir vor, dass ihr meinen Brief vom 20. Oktober erhalten habt; zugleich möchte ich nichts vorwegnehmen und hoffe, bald auch von euch wieder Nachricht zu bekommen. Ihr könnt euch kaum vorstellen, wie groß und unerwartet die dreitägige Weihnachtsruhe hier war. Wie in Italien ist Weihnachten nicht nur im Haus, sondern auch bei der Arbeit und in den Büros ein bedeutendes Fest. Selbst in unserer Baracke wurden kleine Weihnachtsbäume aufgestellt und geschmückt. Am Sonntag, dem 24., waren alle meine Kameraden aus der Unterkunft fort, weil sie von verschiedenen Leuten eingeladen worden waren. Auch für mich war der Heiligabend sehr schön. Die Familie, die mich eingeladen hatte, behandelte mich wie einen Sohn. Es gab ein besonderes Essen, und man gab mir Geschenke und Dinge für den Alltag: ein Paar neue Socken aus reiner Wolle, eine neue Unterhose, Tabak, zwei kleine grüne Seifentücher beziehungsweise Waschlappen sowie einen Fußball aus gutem Leder für unsere Mannschaft. Am ersten Weihnachtstag standen wir gegen zehn Uhr auf, wuschen uns und bereiteten uns auf das Mittagessen vor. Wie schon am Vortag hatte meine zweite Familie alles vorbereitet und nahm mich herzlich auf. Am Abend gab es noch eine weitere Einladung und ein schönes Essen. Ich wollte eigentlich den Tag in der Baracke verbringen, um die Ruhe zu nutzen und dieser guten Familie, der ich so viel verdanke, bei verschiedenen Arbeiten zu helfen. Am folgenden Tag war ich wieder unterwegs und wusch unter anderem meine Sachen. Ich wollte die drei freien Tage gut nutzen. Das Leben und die Arbeit hier sind gewiss kein Paradies; dennoch kann ich euch nur sagen, dass ich in dieser Zeit mehr als zehn Feste beziehungsweise Einladungen erlebt habe. Gegen halb zwölf ging ich zu einem außerordentlich guten Mittagessen. Später besuchte ich weitere Leute, obwohl ich eigentlich nicht noch mehr essen wollte. Überall wurde ich freundlich aufgenommen. Neben verschiedenen Gaben erhielt ich auch ein großes Paket, das ich geöffnet habe: Darin befanden sich ein kleines weißes Kaninchen beziehungsweise eine Kaninchenfigur, ein Päckchen mit Süßigkeiten und weitere gute Dinge. Die vielen kleinen Geschenke zeigten mir erneut die große Zuneigung der Menschen, mit denen ich hier zu tun habe. Nach dieser Verteilung der Gaben könnt ihr euch vorstellen, wie glücklich ich darüber war. Insgesamt war dieses Weihnachten für mich trotz der Entfernung von euch sehr schön. Ich hoffe, dass auch ihr die Feiertage so gut wie möglich verbracht habt. Mit den herzlichsten Grüßen und innigen Küssen Euer Bruno **Nachschrift:** Schreibt mir bald und bleibt gesund. Grüße an Nina, Pina und Rino [?]. **Quellenwert:** Der Brief zeigt eine außergewöhnlich dichte Einbindung in private deutsche Unterstützungsnetzwerke. Bruno unterscheidet zugleich ausdrücklich zwischen den freundlichen persönlichen Beziehungen und dem grundsätzlich schwierigen Leben und Arbeiten: „Das Leben und die Arbeit hier sind gewiss kein Paradies.“ --- ## 27. Dezember 1944 – beschädigte Karte Meine Geschwister, gestern schrieb ich euch einen langen Brief, in dem ich euch und unseren Lieben berichtete, dass ich ein gutes Weihnachtsfest verbracht habe. Ich hoffe und wünsche von Herzen, dass auch ihr die Feiertage ebenso gut und ruhig verbracht habt. Wie ich euch bereits in meinen Briefen seit längerer Zeit sage, habe ich nicht mehr die große Freude, Nachrichten von euch zu bekommen. Ich hoffe, bald wieder etwas zu erhalten. Falls ich noch eine weitere Zeit warten muss, werde ich dennoch nicht ungeduldig beziehungsweise mutlos. [Fortsetzung auf der Adressseite teilweise zerstört.] Ich denke an euch, an Mama und Papa und an alle Verwandten. Herzliche Grüße und viele Küsse. Euer Bruno --- ## 31. Dezember 1944 – Weimar Ihr Lieben, so ist der letzte Tag des Jahres gekommen. Heute Morgen, als ich aufstand, war ich überrascht zu sehen, dass es stark geschneit hatte. Der weiße Schnee bedeckt die ganze Gegend. In diesem Augenblick, während ich hinter den Fenstern meines Büros stehe, sehe ich, dass weiterhin große Flocken fallen. Wir können uns über das Wetter nicht beklagen. Wenn wir hier von diesem Jahr sprechen, müssen wir sagen, dass es allzu ereignisreich gewesen ist. Der erste Schnee fiel bereits Anfang November; jetzt zeigt er sich wieder in seiner ganzen Stärke. Ihr Lieben, ich verbringe die letzten Stunden des Jahres in vergleichsweise angenehmer Stimmung und bin fast glücklich, wenn ich an das Jahr 1944 zurückdenke, das für mich so [wechselvoll beziehungsweise bedeutsam] gewesen ist. Ich wünsche euch für 1945 Gesundheit und Frieden. Hoffentlich bringt uns das neue Jahr wieder zusammen. Viele Grüße und Küsse. Euer Bruno --- ## Zwischenbefund August bis Dezember 1944 - Zwischen Juni und August wurde Bruno an einen neuen, über Weimar adressierten Einsatzort verlegt. - Er berichtet von Geldüberweisungen nach Italien und bittet um Angaben zum Wechselkurs. - Im Oktober nennt er eine Poststelle beziehungsweise ein Postbüro als Arbeitsplatz. - Die ausbleibende Familienpost wird zu einem zentralen Thema. Er empfiehlt Einschreiben und Luftpost. - Der Weihnachtsbrief dokumentiert zahlreiche Einladungen, Geschenke und eine enge Bindung an deutsche Privatpersonen. - Zugleich bezeichnet er Leben und Arbeit ausdrücklich nicht als Paradies. Die materielle Sonderstellung blieb daher eine relative und persönliche Vergünstigung innerhalb des Zwangsverhältnisses. --- Quelle: Uebersetzungen_Bruno_Tomasi_Band_04_1945-01_bis_1945-04.md # Bruno Tomasi: Deutsche Übersetzungen der Korrespondenz ## Band 4: Januar bis April 1945 Arbeitsstand: 28. August 2026 ## Editionshinweis Deutsche Arbeitsübersetzungen der Karten Brunos aus der letzten Kriegsphase. Mehrere Karten sind stark überstempelt oder nur einseitig erhalten. Solche Texte werden sinngemäß und ohne erfundene Ergänzungen wiedergegeben. Siemens-Bescheinigungen und andere deutschsprachige Originale sind zur zeitlichen Einordnung aufgeführt, aber nicht „übersetzt“. --- ## 4. Januar 1945 Ihr Lieben, wie gewöhnlich gebe ich euch meine Nachrichten. Meine Arbeit entwickelt sich weiterhin gut. Mein Inspektor hat sogar eine ungefähr 38 bis 40 Jahre alte russische Frau eingestellt, die mich morgens für etwa eine halbe Stunde bei den Reinigungsarbeiten beziehungsweise kleinen Hilfsarbeiten entlastet. Sie ist eine kräftige und freundliche Frau. Das einzige Problem ist, dass sie kein Wort Deutsch versteht. Mit viel gutem Willen gelingt es mir dennoch, ihr verständlich zu machen, was gebraucht wird. Meine Gesundheit ist gut. Macht euch keine Sorgen um mich. Viele Grüße und Küsse. Bruno --- ## 5. Januar 1945 Ihr Lieben, heute Morgen musste ich wegen einer Angelegenheit meines Büros nach Kahla beziehungsweise zu einer anderen Arbeitsstelle fahren. Dort besuchte ich einen Bekannten, der in der Nacht gearbeitet hatte und nun einige freie Tage erhielt, weil er über Weihnachten Dienst geleistet hatte. Wie ich leidet auch er vor allem darunter, seit langer Zeit keine Nachrichten von zu Hause erhalten zu haben. Seit November weiß er nichts über seine Familie. Er verbringt seine freie Zeit im Lager und versucht, sich zu beschäftigen. Ich konnte nicht lange bei ihm bleiben, weil ich zu meiner Arbeit weiterfahren musste. Ich denke an euch und sende euch mit großer Zuneigung viele Küsse. Bruno --- ## 8. Januar 1945 Ihr Lieben, heute Morgen war ich im Auftrag meines Inspektors unterwegs. Ich kam in eine kleine, sehr malerische Gegend, in der Nähe eines großen Berges beziehungsweise einer Anhöhe. Dort befindet sich ein altes Schloss, das viele Jahrhunderte alt sein soll. Wenn ich den Namen und Näheres erfahre, werde ich es euch mitteilen. Diese Fahrten lassen mich trotz der Arbeit etwas von der Gegend sehen. Mir geht es weiterhin gut. Herzliche Grüße und Küsse. Bruno --- ## 10. Januar 1945 Ihr Lieben, heute ist es einen Monat her, dass [ein bestimmtes Ereignis beziehungsweise eine Veränderung bei der Arbeit] begonnen hat. Anfangs war die Verständigung sehr schwierig. Ich musste mich mit Zeichen und meinem wenigen Deutsch verständlich machen, und es dauerte oft lange, bis die anderen begriffen, was ich brauchte. Ich muss euch gestehen, dass dies nicht nur lästig, sondern manchmal auch komisch war. Schließlich bin ich hier Ausländer. Inzwischen hilft mir mein gutes kleines Wörterbuch; meistens verständige ich mich außerdem mit dem Dialekt beziehungsweise den wenigen Wörtern, die ich gelernt habe. Mir geht es gut. Viele Grüße. Bruno --- ## 13. Januar 1945 Ihr Lieben, durch Zufall traf ich eine Gruppe neu angekommener Italiener. Sie waren erst am vergangenen Sonntag aus Italien abgefahren. Natürlich stellte ich ihnen viele Fragen und wollte Neuigkeiten aus unserer Heimat erfahren. Aus den kurzen Gesprächen musste ich schließen, dass das Leben in unserem armen Italien nicht besonders ruhig sein kann, vor allem nicht für junge Männer. Wenn ich darüber nachdenke, tröstet mich immer wieder der Gedanke, dass es für mich vielleicht doch die bessere Entscheidung beziehungsweise das kleinere Übel war, hierherzukommen und mich mit möglichst viel gutem Willen durchzuschlagen. Ich hoffe von Herzen, dass es euch allen gut geht. Viele Grüße und Küsse. Bruno **Quellenkritischer Hinweis:** Die Formulierung über die „Entscheidung“, nach Deutschland zu kommen, ist nicht ohne den italienischen Kriegskontext, die drohende Verfolgung junger Männer und die fehlenden realen Alternativen zu lesen. --- ## 28. Januar 1945 Ihr Lieben, wie gewöhnlich geht es mir gut. Meine Gesundheit ist ausgezeichnet. Mir fehlt nichts außer euren lieben Nachrichten; die letzte, die mich erreichte, stammt vom 20. Oktober des vergangenen Jahres. Macht euch deswegen jedoch keine Sorgen. Bleibt ruhig, wie auch ich stets ruhig bleibe. Meine Arbeit geht weiterhin gut voran. Empfangt meine herzlichsten Grüße und Küsse. Euer Bruno --- ## 1. Februar 1945 Meine Lieben, der Januar ist nun vorüber. Die Kälte war in der zweiten Monatshälfte wirklich streng. In der vergangenen Nacht wurde es jedoch milder, sodass Schnee und Eis langsam zu tauen beginnen und auf den Straßen viel Wasser fließt. Dieser Winter ist für mich ungewohnt. Dennoch bin ich gesund und komme gut zurecht. Ich denke oft an euch und hoffe, dass es euch ebenfalls gut geht. Herzliche Grüße und Küsse. Bruno --- ## 12./13. Februar 1945 Meine Lieben, heute nutzte ich die Gelegenheit, gründlich sauber zu machen und meine Sachen in Ordnung zu bringen. Wenn man zwanzig Tage hintereinander früh aufsteht, sich wäscht und sich für die Arbeit bereitmacht, wird selbst diese tägliche Routine ein wenig beschwerlich. Deshalb war ich froh, einmal mehr Zeit zu haben. Am Nachmittag ging ich wie gewöhnlich zu den Menschen, von denen ihr bereits wisst und bei denen ich moralischen Beistand und freundliche Aufnahme finde. Den Abend verbrachte ich mit guten Freunden. Schreibt bald. Herzliche Grüße und Küsse. Bruno --- ## 11. Februar 1945 – Nachtrag zu einem Familienbrief vom 3. Januar Meine Lieben, neben den anderen Dingen, auf die ich bereits geantwortet habe, erwähnt ihr in eurem lieben Brief vom 3. Januar auch Paffoni, den Cousin von [Name unklar], sowie Evelina. In letzter Zeit schrieb ich mehrere Briefe und bat darin um Nachrichten. Bitte fragt Frau Evelina, ob sie inzwischen etwas erfahren hat. Wenn ja, soll sie mir die Nachricht zusammen mit der Anschrift erneut mitteilen. Die bisherige Adresse muss offenbar geändert worden sein; ich kann mir jedoch nicht erklären, weshalb. Viele Grüße und Küsse. Bruno --- ## 14. Februar 1945 – Geburtstag von Nina Ihr Lieben, wir haben bereits die Mitte des Februars erreicht. In der ersten Hälfte dieses Monats war das Klima sehr mild. Sogar die Frostbeule, die sich Mitte Januar gebildet hatte, ist fast vollständig verschwunden. Ich kann sagen, dass es hier zeitweise kaum kälter war als bei uns in Pianelli. Das heutige Datum erinnert mich an den Geburtstag unserer Nina. Liebe kleine Schwester, ich schicke dir die schönsten und herzlichsten Wünsche, die dein Bruder Bruno dir ausrichten kann. Meine Arbeit geht weiterhin regelmäßig und gut voran. Auch meine Gesundheit ist immer gut. Ich hoffe, dass auch ihr alle wohlauf seid. Schreibt mir. Grüße an unsere Verwandten und viele Küsse. In der Hoffnung, euch bald wiederzusehen, euer Bruno --- ## 20. Februar 1945 – kurze Karte Ihr Lieben, mir geht es gut, und meine Arbeit verläuft weiterhin zufriedenstellend. Ich warte wie immer auf eure Nachrichten. Bleibt ruhig und macht euch um mich keine Sorgen. Herzliche Grüße an Mama, Papa, Nina, Pina [?] und alle Angehörigen. Viele Küsse. Euer Bruno --- ## 26. Februar 1945 Ihr Lieben, hier sind wieder meine stets guten Nachrichten. Es geht mir gut, meine Gesundheit ist ausgezeichnet, und meine Arbeit entwickelt sich immer weiter zum Besseren. Die Kälte ist inzwischen vorüber. Aus Angst, krank zu werden, kaufte ich mir [ein Kleidungsstück beziehungsweise etwas zum Schutz vor der Kälte]. Liebe Mama, weil du mir deine Ratschläge nicht mehr aus der Nähe geben kannst, erkenne ich erst jetzt, wie wertvoll sie immer waren und noch sind. Ich hoffe, dass die Post bald wieder regelmäßiger funktioniert. Macht euch keine Sorgen um mich. Wir leben beide Seiten in der Erwartung, voneinander Nachricht zu erhalten. Viele Grüße und Küsse. Bruno --- ## 27. Februar 1945 – Zeitung und Luftangriffe Ihr Lieben, beim Lesen des „Camerata“, einer Zeitung, die uns im Lager wöchentlich ausgeteilt wird und Nachrichten aus unserem Italien bringt, erfuhr ich mit Bestürzung, dass mehrere Orte barbarisch bombardiert worden sind. Das beunruhigt mich, weil ich an unsere Täler und Dörfer denken muss. Ich hoffe, dass unser zwischen den Bergen verborgenes Gebiet nicht von feindlichen Angriffen getroffen wird. Um mich selbst braucht ihr euch nicht die geringsten Sorgen zu machen. Wie ihr bereits wisst, befinde ich mich in einer vergleichsweise günstigen Lage. Unser Lager beziehungsweise unsere Unterkunft liegt geschützt an einer Bergseite [weitere Beschreibung unleserlich]. Ich hoffe, dass ihr gesund und sicher seid. Schreibt mir, sobald es möglich ist. Euer Bruno --- ## 27. Februar 1945 – Siemens-Bescheinigung Deutschsprachiges Original, keine Übersetzung erforderlich. Siemens bescheinigt, dass Bruno Tomasi zwischen 7 und 19 Uhr innerhalb und außerhalb der Baustelle REIMAHG Besorgungen und Lebensmitteleinkäufe ausführen muss. Das Dokument bestätigt seine besondere Boten- und Beschaffungsfunktion. --- ## 5. März 1945 Meine Lieben, heute wurde mir überraschend angekündigt, dass ein Brief aus meiner Heimat für mich angekommen sei. In wenigen Sprüngen war ich dort und hielt, nachdem ich mich bedankt hatte, deinen lieben und so lange ersehnten Brief in den Händen. Es war für mich ein großer Trost, endlich wieder von euch zu hören. Wegen der langen Laufzeit hatte ich schon befürchtet, dass die Sendung verloren gegangen sei. Nun erfahre ich wieder etwas über Mama, Papa und meine lieben Geschwister. Macht euch um mich keine Sorgen. Mir fehlt nichts, und meine Arbeit ist weiterhin gut. Ich werde eure Fragen ausführlicher beantworten. Viele herzliche Grüße und Küsse. Bruno --- ## 6. März 1945 – Siemens-Bescheinigung zum Kantinenzugang Deutschsprachiges Original, keine Übersetzung erforderlich. Es bestätigt Brunos Einsatz als Botengänger und beim Lebensmitteleinkauf für deutsche Beschäftigte und bittet darum, ihm den Zutritt zur Kantine nicht zu verweigern. --- ## 14. März 1945 – kurze Karte Meine Lieben, empfangt wie immer meine herzlichsten Grüße und Küsse. Ich hoffe, bald wieder mit euch vereint zu sein. Gott möge euch gesund erhalten. Euer Bruno --- ## 18. März 1945 – an Fiorenzo Lieber Fiorenzo, in dem letzten lieben Brief, den ich von zu Hause erhielt, standen viele Dinge, die mir große Freude und Befriedigung bereiteten. Es fand sich darin jedoch kaum etwas, das euch liebe Geschwister unmittelbar betraf. Ich bin sicher, dass in den früheren Briefen, die mich noch nicht erreicht haben – der letzte erhaltene war vom 6. März beziehungsweise wurde am 22. November aus San Maurizio abgeschickt – auch Nachrichten stehen, die mich besonders interessieren. Fiorenzo, ich möchte gern wissen, ob du wieder zur Arbeit gehst, wo du beschäftigt bist und wie es dir dort ergeht. Es tut mir sehr leid, dir nicht helfen und dir nicht mit Rat zur Seite stehen zu können. Hier lebt man in der Hoffnung auf einen wahren Frieden. Er wird uns allen die größte Freude und den Trost bringen, wieder zusammenzukommen. Macht euch keine besonderen Sorgen um mich. Mir geht es gut. Viele herzliche Küsse an euch alle. Euer Bruno --- ## 2. April 1945 – Kahla Ihr Lieben, hier in diesem romantischen kleinen Ort herrscht jene Ruhe, die ihr euch für mich gewünscht habt. Heute muss ich euch verlassen, weil ich eine Anhöhe besuchen beziehungsweise einen Auftrag am Fuß eines schönen Berges erledigen soll. Morgen ist Sonntag. Dennoch werde ich am Morgen arbeiten; am Nachmittag will ich einen Spaziergang beziehungsweise eine kleine Wanderung machen. Ich hoffe, euch bald mehr darüber berichten zu können. --- Quelle: Uebersetzungen_Bruno_Tomasi_Band_05_Familienbriefe_und_Nachkriegszeit_1945.md # Bruno Tomasi: Deutsche Übersetzungen der Korrespondenz ## Band 5: Familienbriefe und unmittelbare Nachkriegszeit 1945 Arbeitsstand: 28. August 2026 ## 23. Februar 1945 – Giulio Tomasi an Bruno Mein liebster Bruno, seit dreieinhalb Monaten haben wir keine deiner lieben Nachrichten mehr. Ich schreibe dir jede Woche, doch wer weiß, ob du überhaupt etwas von uns erhältst. Und offenbar kommt auch von dir nichts bei uns an. Wie schmerzlich das ist! Genau davor hatte ich immer solche Angst. Erinnerst du dich an jenen Abend, an dem du mir sagtest, du habest beschlossen, nach Deutschland zu gehen? Ich sagte dir sofort: Was mir am meisten Angst macht, ist, lange Zeit ohne Nachricht von dir bleiben zu müssen. Und nun ist genau das eingetreten. Ein kleiner Trost ist, dass niemand Post erhält. Deshalb überzeuge ich mich davon, dass die Ursache wirklich der nicht funktionierende Postverkehr ist. Deutsche Soldaten, die bei einer Razzia beziehungsweise Kontrolle zu uns nach Hause kamen – davon habe ich dir bereits geschrieben –, sagten, einer von ihnen wohne nur etwa zwölf Kilometer von deinem Aufenthaltsort entfernt. Er wollte deine Anschrift haben und erklärte, dass er seit fünfzehn Monaten hier sei, nur noch einen Monat bleibe und dann nach Deutschland zurückkehre. Er wolle dich besuchen. Die deutschen Soldaten sagten außerdem, sie erhielten jede Woche oder wenigstens alle zwei Wochen Post. Deshalb verstehe ich nicht, weshalb es bei uns so schlecht funktioniert. Ich hoffe, Bruno, dass du gesund bist und noch immer deine gewohnte Arbeit ausübst. Uns geht es allen gut. Die Kälte lässt nach, und der Schnee ist fast vollständig geschmolzen. Papa hat die Arbeit wieder aufgenommen, und Fiorenzo geht wieder zur Schule. Unsere Gedanken sind bei dir, Bruno. Wir hoffen, dich gesund wiederzusehen. --- ## März 1945 – Mutter beziehungsweise Familie an Bruno Mein lieber Sohn, hier bin ich wieder, um dir wie jede Woche zu schreiben, obwohl wir von dir überhaupt keine Nachricht erhalten. Ich hoffe immer, dass wenigstens du unsere Briefe bekommst und deshalb beruhigt bist, was uns und unsere Gesundheit betrifft. Was soll ich dir sonst sagen? Ich möchte dich so sehr wiedersehen. Wer weiß, wann mir das vergönnt sein wird. Nur Gott kann den armen Müttern ihre in alle Welt verstreuten Söhne zurückgeben. Ich bete inbrünstig zu ihm und bin überzeugt, dass er mir diese kostbare Gnade gewähren wird: meinen Bruno gesund und unversehrt zurückzubekommen. Onkel Duilio befindet sich jetzt in Bozen und versieht Dienst am Brenner. Man sagt, er sei dorthin zum Arbeiten geschickt worden, doch wir wissen es noch nicht genau, weil wir von ihm selbst keine Nachricht erhalten haben. Wir hoffen, lieber Bruno, dass du noch immer deine gute Büroarbeit hast, gesund bist und dass dort weiterhin jene Ruhe herrscht, von der du uns geschrieben hast. Seid ihr niemals bombardiert worden? Wie schön war es, als deine lieben Nachrichten häufig eintrafen. Du wusstest mich immer zu beruhigen. Hast du wenigstens einen meiner vielen Briefe erhalten, in denen ich dir mitteilte, dass deine beiden Geldüberweisungen angekommen sind? Armer Junge, du musst so viel opfern, um uns dieses Geld zu schicken, und weißt vielleicht nicht einmal, ob wir es bekommen haben. Schone dich. Wir kommen zurecht, und Papa arbeitet. Deine zuletzt eingetroffenen Nachrichten haben unsere Stimmung sehr gehoben. Ich hoffe, mit der Zeit noch neuere zu erhalten. Du schreibst uns immer, aber die Briefe kommen nicht an. Dennoch bin ich froh, dass wenigstens deine letzte Karte eingetroffen ist, auch wenn sie bereits zweieinhalb Monate alt war. Möge Gott uns in diesem Jahr 1945 die Gnade schenken, dass sich die Lage ordnet und du gesund und unversehrt zurückkehren kannst. Ich stelle mir vor, dass auch du von uns keine Post erhältst. Sei trotzdem beruhigt: Bei uns besteht keine unmittelbare Gefahr. Unsere einzige Sorge bist du. --- ## 18. März 1945 – Fiorenzo an Bruno Mein lieber Bruder, [Der erhaltene beziehungsweise lesbare Text ist stark fragmentiert.] Wir haben deine Karten mit den Daten 25. November, 27., 29. und 31. Dezember erhalten und warten auf weitere. Wir möchten dir schreiben und hoffen, dass du unsere Nachrichten bekommst. Uns geht es gut. Wir denken oft an dich und hoffen, dass du bald zurückkehrst. Dein Fiorenzo --- ## Undatierter Brief des Vaters an Bruno Lieber Bruno, heute regnet es, und deshalb bin ich statt auf den Heideflächen beziehungsweise draußen bei der Arbeit zu Hause. So möchte auch ich dir etwas schreiben. Aber weißt du, diesmal wollen wir über ernste Dinge sprechen. Meine Arbeit, von der ich glaubte, sie werde in diesem Jahr nichts einbringen, war stattdessen recht ertragreich. Neben dem Kalb haben wir auch die junge Kuh beziehungsweise das Kalb verkauft. Insgesamt konnten wir damit die Schuld begleichen, die uns seit langer Zeit belastete. Darüber freust auch du dich, nicht wahr? Sei beruhigt, Bruno: Wir haben nun auch etwas, um den Winter zu überstehen und Fiorenzos Ausgaben zu bezahlen. Falls ich in der kalten Jahreszeit nur wenig arbeiten kann, wird es uns trotzdem nicht am Nötigsten fehlen. Wenn ich nur nicht die Sorge um dich hätte! Du schreibst zwar, dass es dir gut geht, aber ich kann dich nicht sehen. Ich hoffe, dass bald alles vorüber ist. Bleib, wie du mir immer schreibst, fröhlich. Viele Küsse von mir und von Mama. Dein Papa --- ## 6. Juni 1945 – Mitteilung des Rückkehrer-Hilfszentrums Mailand **C. L. N. Mailand – Hilfszentrum für aus Deutschland Heimkehrende, Auskunftsbüro** Wir teilen Ihnen mit, dass sich Ihr Angehöriger, Student Bruno Tomasi, laut den uns vorliegenden Listen beziehungsweise Informationen in Deutschland, in Erfurt, befindet. Er ist bei guter Gesundheit und wartet auf seine Heimkehr. --- ## 9. Januar 1945 – Karte aus Weimar (bisher im Dateinamen fälschlich als 9. Juli geführt) Ihr Lieben, heute Abend ging ich in die Baracke, in der verschiedene Dienstleistungen für die Arbeiter untergebracht sind. Dort gibt es unter anderem einen Friseur, Schneider und Schuhmacher. Ich hatte mehrere Dinge zu erledigen. Am Morgen ließ ich mir die Haare schneiden. Man sagte mir, sie seien etwas lang geworden und müssten gekürzt werden. Danach trank ich ein gutes Bier und kehrte zufrieden in die Baracke zurück. Ich schreibe euch diese Karte, damit ihr beruhigt seid. Es geht mir gut. Viele Küsse. Euer Bruno **Datierung:** Der Dateiname nennt den 9. Juli 1945. Der eindeutig lesbare Weimarer Poststempel lautet jedoch 12. Januar 1945; auch der Inhalt passt in den Winter 1944/45. Die Karte ist deshalb mit hoher Wahrscheinlichkeit auf den 9. Januar 1945 zu datieren. --- ## 18. Juni 1945 – Bruno an die Familie, auf dem Heimweg Ihr Lieben, bereits aus Erfurt habe ich euch einige Nachrichten geschickt. Ich bin zuversichtlich, dass sie euch erreicht haben, und bin sicher, dass ihr euch wegen meines Schicksals große Sorgen gemacht habt. In diesen Briefen erzählte ich euch bereits von den Ereignissen und der Freude, die wir bei der Ankunft unserer Befreier erlebten. Seit acht Tagen befinden wir uns nun an einem Ort, der einmal eine kleine Stadt gewesen sein muss. Von ihr sind nur wenige Mauern und der Dom beziehungsweise die große Kirche übrig geblieben. Wir sind ungefähr 120 Kilometer von der Schweiz und etwa 200 Kilometer vom Brenner entfernt. Wir warten auf die Möglichkeit zur Weiterreise und Heimkehr. Mir geht es gut. Ich hoffe, euch sehr bald wiederzusehen und dann alles ausführlich erzählen zu können. Viele Grüße und Küsse. Euer Bruno **Hinweis:** Der erhaltene Scan zeigt nur eine Briefseite; ein möglicher Fortsetzungsteil ist im Bestand nicht erkennbar. --- ## 5. September 1945 – Bruno an Dante Lieber Dante, mit wirklicher Freude erhielt ich deinen kameradschaftlichen Brief. Ich freue mich zu hören, dass du dich mit so viel Kraft darum bemühst, wieder aufzubauen und das harte Schicksal zu vergessen, das wir gemeinsam ertragen mussten. Ich bewundere deinen wachen Geist und deinen guten Willen. Du hattest mir versprochen, mich zu besuchen. Leider hast du dieses Versprechen bisher nicht einlösen können. Ich warte weiterhin auf dich. Wenn du kommen könntest, wäre das für mich eine sehr große Freude. Im Augenblick gibt es hier allerdings kaum Möglichkeiten für eine feste Beschäftigung. Überall sieht man die schweren Folgen des Krieges. Eisenbahnlinien und Verbindungen sind zerstört oder unterbrochen. Mit großer Anstrengung werden sie wiederhergestellt. Viele Betriebe stehen jedoch wegen fehlender Rohstoffe und schlechter Verkehrsverbindungen noch still. Der Bürgermeister hatte die ungewöhnliche Idee, mir die Aufgabe eines Sekretärs beziehungsweise einer organisatorischen Hilfskraft zu übertragen. Ich musste annehmen, weil kaum jemand anderes zur Verfügung stand. So bin ich nun unter anderem an der Organisation einer Wohltätigkeitsbank beziehungsweise einer Hilfsaktion beteiligt. Das ist nicht mein eigentlicher Beruf, aber es hält mich mit Besprechungen, Entscheidungen und praktischen Fragen beschäftigt. [Eine schwer lesbare Passage behandelt gemeinsame Kameraden, Missverständnisse während der Abreise und den Wunsch, alten Streit nicht fortzuführen.] Ich möchte, dass wir die Sache ohne Groll betrachten und unsere frühere Zuneigung bewahren, als wäre nichts geschehen. Bitte schicke mir in deinem nächsten Brief die genaue Anschrift von [Name unleserlich], damit ich ebenfalls schreiben kann. In dieser Jahreszeit gibt es hier viele Birnen, Trauben, Kastanien und Nüsse. Wenn du jetzt hier wärst, könnten wir gemeinsam davon genießen. Sonntags gehe ich oft in die Berge. In der klaren Luft und zwischen den grünen Hängen denke ich an meine Freunde und an unsere gemeinsame Zeit. Ich danke dir nochmals für deinen Brief und deine Freundschaft. Schreib bald und komm, wenn es möglich ist. Dein Bruno **Hinweis:** Der vierseitige Brief ist stellenweise nur schwer lesbar. Die Arbeitsübersetzung gibt alle erkennbaren Themen wieder; Namen und einzelne organisatorische Details müssen am Original nochmals geprüft werden. --- ## Zwischenbefund Die eingegangenen Familienbriefe relativieren Brunos beruhigende Karten deutlich. Während Bruno Gesundheit, Arbeit und Versorgung betont, schildern Eltern und Geschwister monatelange Ungewissheit, ausgefallene Post und die Angst, ihn nicht wiederzusehen. Die Mitteilung des CLN vom 6. Juni 1945 ist der erste amtliche Nachweis für die Familie, dass Bruno in Erfurt lebte, gesund war und auf die Heimkehr wartete. --- Quelle: Uebersetzungen_Bruno_Tomasi_Band_06_1946_bis_1997.md # Bruno Tomasi: Deutsche Übersetzungen der Nachkriegskorrespondenz ## Band 6: 1946 bis 1997 Arbeitsstand: 28. August 2026 ## Nach dem 20. Juni 1946 – Familie Walter Große an Bruno, französischer Brief Lieber Bruno, wir haben deinen Brief vom 20. Juni 1946 seinerzeit erhalten. Ein Brief, den wir dir einige Zeit zuvor geschrieben hatten, ist sicherlich nicht bei dir angekommen. Er war auf Deutsch geschrieben und enthielt [eine Beilage beziehungsweise Nachricht; Textstelle unleserlich]. Uns geht es gesundheitlich gut, und wir hoffen, dass es auch dir und deiner Familie gut geht. Wir sind dir sehr dankbar, dass du weiterhin an uns denkst, und freuen uns zu wissen, dass es dir gut geht. Wir wären sehr glücklich, dich noch einmal wiederzusehen. Wenn die Grenzen wieder geöffnet sind, würden wir gerne eine Reise machen. Im Augenblick ist das jedoch noch nicht möglich. Wir hätten dir sehr viele Dinge zu erzählen. Wenn du hier wärst, würdest du dich über die Veränderungen wundern, die inzwischen eingetreten sind. Sobald es erlaubt ist, Fotografien mit der Post zu versenden, werden auch wir dir Bilder schicken. Schreib uns bitte wieder. Wirst du uns eines Tages besuchen können? Viele Grüße an dich und deine ganze Familie. Familie Walter Große **Hinweis:** Der französische Brief ist sprachlich fehlerhaft und auf drei beschädigte beziehungsweise schwer lesbare Bildseiten verteilt. Die Übersetzung gibt den sicher erkennbaren Sinn wieder. --- ## 1946, 1949 und 1959 – deutschsprachige Familie-Große-Briefe Die Briefe vom 10. Oktober und 17. Dezember 1946, vom 11. März 1949 sowie vom 10. Juni 1959 sind deutschsprachige Originale. Sie benötigen keine Übersetzung, sondern bei Bedarf eine diplomatische Transkription. Inhaltlich berichten sie über das Wohlergehen der Familie, Kriegsschäden, die Zerstörung beziehungsweise Beschädigung der früheren Arbeitsorte und den Wunsch, den Kontakt mit Bruno aufrechtzuerhalten. --- ## 30. Juni 1959 – Brunos deutschsprachiger Entwurf an Erna Große Der Entwurf ist bereits in einfachem Deutsch geschrieben. Sinngemäß: Liebe Familie Große, die Fotografien und eure Nachrichten haben mich sehr gefreut. Zu eurem Familienfest beziehungsweise Jubiläum sende ich meine herzlichsten Glückwünsche. Vielen Dank. Ich wünsche euch stets Wohlergehen. Viele liebe Grüße Bruno Tomasi, San Maurizio d’Opaglio, Provinz Novara, Italien --- ## 1. März 1994 – Bruno an Sandro Paffoni Mein lieber Freund, ich möchte dir Fotokopien einiger Seiten des Buch-Tagebuchs schicken, das ich über Deutschland geschrieben habe, auch weil ich auf Seite 42 meinen Freund Sandro erwähnt habe. Ich ließ den Text 1972 von meiner Tochter abschreiben, kurz nachdem sie ihren Abschluss gemacht hatte. Sie sollte den sicheren Umgang mit der Schreibmaschine lernen, damit ich sie später in meinem Handelsbetrieb beschäftigen konnte. Ich bezahlte ihr jede geschriebene Seite; so verdiente sie ihre ersten Lire. Ohne es recht zu merken, entstand dadurch ein maschinenschriftliches Buch mit 227 Seiten. Dieses Buch bewahre ich sorgfältig auf. Ich habe die Ereignisse darin nicht ausschließlich tragisch dargestellt, obwohl es, wie auch du weißt, viele unangenehme Augenblicke gab. Von Zeit zu Zeit lese ich darin, um mich zu erinnern. Abgesehen davon, dass wir dort zwanzig Jahre alt wurden, waren jene Zeiten eine Erfahrung, die man niemandem wünschen kann. Du wirst drei Postkarten sehen, die im Original farbig sind. Die Fotokopien sind leider dunkel. Sie zeigen Kahla, jenen großen Ort, aus dem wir glücklicherweise mit dem Leben davonkamen. Wenn du möchtest, zeige ich dir bei der ersten Gelegenheit die Originalkarten, die in das Buch eingeklebt sind. Ich erinnere mich, dass ich in den ersten Tagen auf dem Rückweg vom Gasthaus „Gute Quelle“ zum Lager über den Brückenplatz ging. Der Platz war mit Porphyrwürfeln gepflastert. Dort gab es unter anderem eine Bäckerei, deren Besuch uns verboten war – sie war „nicht für uns“. Später durften wir das Lager überhaupt nicht mehr verlassen, weil offenbar jemand zu viel Bier getrunken und die Scheiben am Eingang des Lokals eingeschlagen hatte. Auf dem Panoramafoto sieht man die große Straße, die aus Kahla in Richtung Großeutersdorf führt. Wenn du dich erinnerst, standen an den Seiten kleine Aprikosenbäume. Auch du, Sandro, versuche Mut zu fassen und dein Unwohlsein zu überwinden. Das ist gewiss nicht leicht. Manchmal hilft es jedoch, sich an Ereignisse aus unserem früheren Leben zu erinnern; sie können dabei helfen, wenigstens die seelischen Schwierigkeiten zu bewältigen. Viele Grüße und einen herzlichen Wunsch für deine Gesundheit. Dein Freund Bruno --- ## 9. Mai 1995 – Bruno an Rino und Piero Liebe Freunde aus Deutschland, Rino und Piero, ich denke, es wird euch interessieren zu erfahren, was nach unserer Abreise an jenen Orten geschah. In der Hoffnung, die deutschen Sätze richtig übersetzt zu haben, schreibe ich einen Brief ab, den ich damals erhielt. Die Familie Große schrieb am 11. März 1949 aus Großeutersdorf bei Kahla sinngemäß: > Lieber Bruno, vielen Dank für deine Weihnachtsgrüße. Wo arbeitest du? Die alte Großmutter ist gestorben. Der Tunnel, in dem du gearbeitet hast, ist zerstört. Das ganze Dorf ist beschädigt; Fenster und Dächer sind kaputt. Unser Haus ist nicht sehr schwer beschädigt. Anschließend berichteten sie von einer großen Explosion infolge von Kriegsmaterial. Sie fragten, ob ich eine Frau, Familie oder Verlobte habe, wollten mich wiedersehen und baten mich, bald erneut zu schreiben. Sie warteten täglich auf Nachricht und unterschrieben als ganze Familie: Walter, [Name unklar], Ilse und Erna. Ich setzte die Korrespondenz später nicht fort. Aus einem anderen Brief verstand ich, dass sie Deutschland verlassen wollten, weil sie sich dort nicht mehr wohlfühlten. Damals hatte ich in Italien keine Möglichkeit, sie aufzunehmen. Herzliche Grüße Bruno Tomasi --- ## 5. November 1996 – Bruno an die Redaktion von „L’Ideale“ Sehr geehrte Redaktion, ich habe den zur Veröffentlichung vorgesehenen Artikel aufmerksam gelesen und erteile meine Zustimmung. Zugleich möchte ich der Verfasserin ein aufrichtiges Kompliment aussprechen. Mit ungewöhnlicher Geduld und Fähigkeit ist es ihr gelungen, aus den 227 Seiten meines gemeinsam mit meiner Tochter Wilma ausgearbeiteten Tagebuchs die schweren Augenblicke meiner Odyssee in Deutschland eindringlich zusammenzufassen. Ich danke auch im Namen meiner Freunde, die ihr Leben verloren. Besonders denke ich an meinen Leidensgefährten, Ritter Sandro Paffoni, der inzwischen verstorben ist und dem sehr daran gelegen war, das entbehrungsreiche Leben an jenem Ort öffentlich bekannt zu machen. Um die schlimmen Ereignisse noch glaubwürdiger zu dokumentieren, lege ich eine Fotokopie bei, die ich dem Tagebuch damals nicht beigefügt hatte, weil ich sie für privat hielt. Sie zeigt, wie furchtbar die Atmosphäre jener Zeit war. Die Zeitungen berichteten täglich über Grausamkeiten und verschärften insbesondere den Terror gegen Deserteure. Wie das Dokument zeigt, wurde ihnen angedroht, ihre Familien Schikanen und Misshandlungen auszusetzen. Die sehr große Angst, bei einer Festnahme erschossen zu werden, sowie die Furcht, dass unsere Angehörigen – die selbst auf das Nötigste verzichteten, um uns zu ernähren – misshandelt würden, waren gewichtige Gründe für unsere Entscheidung, nach Deutschland zu gehen. Nach einer strengen Untersuchung stellten das Nationale Befreiungskomitee und das Hilfszentrum für Heimkehrer aus Deutschland fest, dass ich ein Zwangsarbeiter war, ja sogar Zwangsarbeit beziehungsweise Arbeiten unter Zwang leisten musste. Nach fünf Tagen stellte mir der Militärbezirk daraufhin die vorzeitige Entlassung aus dem Militärdienst aus. Viele werden sich gefragt haben, warum Tomasi nicht wieder bei Bemberg angestellt wurde, wo er im technischen Büro eine beneidenswerte Stellung als Maschinenzeichner besessen hatte, sondern 28 Jahre lang Lebensmittel verkaufte. Die Antwort ist einfach: wegen des großen Hungers, den ich in Deutschland ertragen hatte. Im Namen all jener von uns, die nicht immer verstanden wurden, danke ich Ihnen. Mit größter Hochachtung und den besten Wünschen für den Erfolg Ihrer interessanten Zeitschrift sende ich Ihnen einen herzlichen Händedruck. Bruno Tomasi **Quellenwert:** Dieses Schreiben ist Brunos eindeutigste eigene spätere Einordnung als „lavoratore coatto“ – Zwangsarbeiter. Zugleich erklärt er, weshalb die Reise nach Deutschland unter dem Druck von Todesstrafe, Verfolgung und drohenden Repressalien gegen Angehörige zustande kam. --- ## 18. Februar 1997 – Bruno an Alessia Zeffiretti, Begleitschreiben Sehr geehrte Frau Zeffiretti, da Sie meine Erlebnisse im Tagebuch so geduldig kennengelernt haben, möchte ich Ihnen Fotokopien dessen beilegen, was ich seinerzeit meinen Leidensgefährten mitgeteilt hatte. Dazu gehört der Brief der Familie Große von 1949 über die Tunnel und deren Ende. In diesen Anlagen wurden die „Sturmvögel“ für die Luftwaffe hergestellt. Aus Neugier lege ich außerdem die Fotokopie eines vermutlich seltenen Geldscheins über 200 Milliarden Mark aus der Inflationszeit nach dem Ersten Weltkrieg bei. Wäre er noch gültig, ließe sich sein Wert wohl kaum ohne Weiteres in Lire umrechnen. Mit freundlichen Grüßen Bruno Tomasi --- ## 18. Februar 1997 – Dank und Kahla-Porzellan Sehr geehrte Frau Zeffiretti, nach langem Warten ist erst in diesen Tagen dieses hübsche Erzeugnis aus Kahlaer Porzellan bei mir eingetroffen. Es wurde aus weißem Kaolin gefertigt, das in jenen Tunneln gewonnen wurde, in denen ich als Neunzehnjähriger während des letzten Krieges meine Odyssee erlebte. Sie haben mit bewundernswerter Meisterschaft aus den Notizen meines Tagebuchs einen Artikel geschaffen, dessen Darstellung eine außerordentliche Wirkung besitzt. Ich glaube, nur wenige wären dazu in der Lage gewesen. Als Zeichen meines aufrichtigen Dankes bitte ich Sie, dieses kleine Erinnerungsstück anzunehmen. Für Ihre Zukunft wünsche ich Ihnen Glück. Mit vorzüglicher Hochachtung Bruno Tomasi --- ## 1. Juli 1993 – Notizen zum Badoglio-Denkmal Hier stehen wir vor dem Denkmal des Marschalls von Italien Pietro Badoglio. Ich weiß nicht recht, was ich über diese Person sagen soll. In meiner Jugend übte er einen gewissen Einfluss auf uns aus. Als sehr junger Mensch hörte ich seinen Namen mit Bewunderung, weil er an der Spitze des italienischen Heeres im Krieg gegen Abessinien stand, das in wenig mehr als sechs Monaten erobert wurde. Im Radio hörte man damals fortwährend Meldungen wie „Marschall Badoglio telegrafiert …“ Während des Zweiten Weltkriegs 1940–1945 war er offenbar mit Mussolini nicht einig. Nach dem Sturz des Faschismus am 25. Juli 1943 wurde er von König Viktor Emanuel zum Regierungschef ernannt; mit dem Waffenstillstand vom 8. September 1943 änderte sich die Lage grundlegend. Ich meldete mich nicht zur Armee der faschistischen Republik von Salò unter Marschall Graziani. Dadurch galt ich als Wehrdienstverweigerer beziehungsweise Deserteur. Die Deutschen behandelten uns unter Zwang. Unter diesen Umständen blieb Badoglio in meiner Erinnerung eng mit der Entscheidung, der Einberufung zu entgehen, und mit meinem Weg nach Deutschland verbunden. Auf der Weiterfahrt in Richtung Asti, im Gebiet von Portacomaro [?], fragten wir nach dem Weg nach Callianetto, dem Herkunftsort der Gianduia-Praline [?]. --- ## Nicht als Übersetzungen behandelte Nachkriegsobjekte - Fotografien ohne Text oder nur mit Namen und Datumsangaben. - Bereits deutschsprachige Briefe der Familie Große. - Der Zeitungsartikel „Lavorare all’inferno“ ist ein italienischer redaktioneller Auszug aus dem bereits auf Deutsch vorliegenden Erinnerungsmanuskript. Seine neuen beziehungsweise redaktionell verdichteten Aussagen sind durch Brunos Begleitschreiben vom 5. November 1996 inhaltlich erfasst; eine vollständige separate Neuübersetzung wäre weitgehend eine Doppelung des Manuskripts. --- Quelle: Uebersetzungen_Bruno_Tomasi_Nachtrag_1944-03_bis_1944-06.md # Bruno Tomasi: Nachtrag zu den Übersetzungen März bis Juni 1944 Arbeitsstand: 28. August 2026 Diese vier Schreiben waren bei der ersten Drive-Ordneransicht wegen der 100-Dateien-Grenze nicht sichtbar. Sie werden hier chronologisch nachgetragen. --- ## 31. März 1944 – Brief aus dem Sammelzentrum Sesto San Giovanni Liebe Mama, lieber Papa, ich hoffe, dass ihr bereits meine Karte erhalten habt, mit der ich euch mitteilte, dass ich glücklich in Mailand angekommen bin und dass mein Schnupfen verschwunden ist. Nun erzähle ich euch, wie es mir hier im Sammelzentrum geht. Zunächst kann ich sagen, dass es mir viel besser geht, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich beschreibe euch meinen gestrigen Tag, den 30. März: Gegen sechs Uhr morgens kam ich am schönen Mailänder Bahnhof an, gab das Gepäck ab und holte mir einen guten empfohlenen Cappuccino. Gemeinsam mit den Freunden aus San Maurizio schrieb ich die Karten. Danach holten wir unsere Koffer. Vor dem Bahnhof nahmen wir eine Straßenbahn und fuhren nach Sesto San Giovanni, ungefähr drei Kilometer außerhalb Mailands. Dort zeigte uns ein Gepäckträger das Sammelzentrum. Man wies uns ein Zimmer und Betten zu. Als der Mittag kam, erhielten wir ein sehr gutes Essen: eine gute Suppe mit geriebenem Käse, Brot, ein Stück Käse, einen großen Apfel und ein Glas Wein. Ihr müsst wissen, dass wir frei hinausgehen und zurückkehren dürfen, wann es uns gefällt. Wir besichtigten in Mailand viele Sehenswürdigkeiten, darunter den Dom und das Castello Sforzesco. Wir sahen aber auch die hässlichen Seiten: beschädigte Häuser und Fabriken. Am Abend aßen wir wieder Suppe, Brot, Käse, einen Apfel und tranken Wein. Anschließend gingen wir spazieren. Zurück im Zimmer lasen und unterhielten wir uns und gingen schlafen. Am Morgen standen wir gegen halb acht auf. Nach dem Waschen erhielten wir Kaffee und ein sehr gutes Weizengebäck. Danach besuchten wir den Flugplatz von Breda und beobachteten Starts und Landungen einiger Flugzeuge. Nach dem Mittagessen [Suppe, Käse, Apfel, Brot und Wein] sahen wir anderen beim Tanzen zu, während ich euch schrieb. Angelo hat euch vermutlich schon gesagt, wie ich mich hier befinde. Die Abfahrt ist offenbar für Samstag, also morgen, vorgesehen. Bitte entschuldigt, dass ich nicht noch einmal nach Hause kam. Da es mir, wie beschrieben, sehr gut geht, hätte es sich nicht gelohnt, für nur einen Tag nach Hause zu fahren und dann am Samstag erneut hierherzukommen. Bleibt gesund und glücklich. Sobald ich am Ziel bin, schreibe ich euch sofort – ihr seht, dass mir das sehr wichtig ist. Herzliche Grüße an Fiorenzo, Marida und alle unsere Lieben. Einen großen Kuss von eurem kleinen Bruno **Nachschrift:** Schreibt mir noch nicht, weil ich noch keine feste Anschrift habe. --- ## 22. April 1944 – Brief aus Kahla Ihr Lieben, ich hoffe, dass ihr bereits meine Karte erhalten habt, mit der ich euch mitteilte, dass ich am Bestimmungsort angekommen bin und es mir gut geht. Während ich diese Zeilen schreibe, denke ich an mein ruhiges Lager und an die Arbeit, die ich täglich mit großer Leidenschaft ausführe. Heute Abend kehrte ich nach der Arbeit in die Unterkunft zurück. Ich hatte eine gute Portion [Gericht unklar], ein schönes Stück Weißbrot und ein gutes Stück Salami gegessen. Nun sitze ich in diesem ruhigen und eleganten Restaurant bei einem guten süßen Bier, denke an euch, meine lieben Eltern, und stelle mir vor, dass ihr euch vielleicht Sorgen um mich macht. Das würde mich sehr betrüben, denn ihr habt nicht den geringsten Grund dazu. Sobald meine sichere Anschrift feststeht, schreibe ich euch einen langen Brief und erzähle alles ausführlich. Bitte teilt mir mit, ob [die Freunde beziehungsweise Bekannten] bereits wieder zu Hause sind, und schickt mir gegebenenfalls ihre Anschriften. Wie geht es [Name unklar] bei der Arbeit? Arbeitet er weiterhin bei Eleza [?]? Lernt Fiorenzo fleißig? Wie geht es Maria und der Familie? Und du, liebe Mama – geht es dir gut? Sind Piccando [?] und die anderen weiterhin ruhig? Geht es allen Verwandten gut? Ich hörte, dass in Italien erneut einige Jahrgänge einberufen wurden. Stimmt das? Nun zünde ich mir eine Zigarette mit gutem Tabak an. Ihr dürft über mich nichts Schlechtes denken. Meine Gesundheit könnte unter den gegenwärtigen Umständen kaum besser sein. In der Hoffnung, euch wiederzusehen, schicke ich euch tausend Küsse. Euer Bruno --- ## 1. Mai 1944 – Brief aus Kahla Ihr Lieben, ich möchte euch weitere Nachrichten geben. Nach der Verteilung in Erfurt blieb ich mit Paffoni Sandro, Vittorino und Ferrara Piero aus Pogno zusammen. Wir befinden uns in einer kleinen, sehr romantischen Stadt. Die Ruhe ist vollständig; von Bombardierungen gibt es hier nicht einmal einen Schatten. Das ist doch genau das, was wir uns gewünscht hatten, nicht wahr? Über das Essen kann man sich nicht besonders beklagen. Da es eine ländliche Gegend ist, lässt sich zusätzlich manches auftreiben. Meine Arbeit ist nicht schwer. Ich übe den Beruf eines Elektrikers aus. Meine Aufgabe besteht darin, in einem Stollen kleine Lampen beziehungsweise Beleuchtungen zu montieren. Ihr wisst, dass dies immer eine meiner Leidenschaften gewesen ist. Ich arbeite für Siemens. Wie man uns gesagt hat, werden wir später vielleicht noch zu unserer eigentlichen Bestimmung gebracht und können dann unseren wirklichen Beruf ausüben. Heute ist der erste Mai, und deshalb wird hier in Deutschland das Fest der Arbeit begangen. Ich stieg auf eine Anhöhe und besichtigte ein altes Schloss. Dort betrachtete ich viele sehr alte Gegenstände. Nun möchte ich einige eurer Fragen beantworten. Zunächst wüsste ich gerne, ob die anderen aus Pogno bereits abgereist sind. Schreibt mir bitte alle Neuigkeiten und die Anschriften unserer Bekannten. Meine Gesundheit ist ausgezeichnet. Macht euch keine Sorgen. Viele Grüße und Küsse. Bruno **Quellenwert:** Dies ist bislang die deutlichste zeitgenössische Beschreibung seiner frühen Arbeit: Montage von Beleuchtung in einem Stollen im Auftrag von Siemens. --- ## 3. Juni 1944 – Karte aus Kahla Ihr Lieben, heute, am Samstag, beendete ich die Arbeit wie jeden Samstag um vier Uhr. Ich ging sofort ins Lager, um den an euch gerichteten Brief zu holen und ihn abschicken zu können. Gerade komme ich von der Post und habe mich in dieses Restaurant gesetzt, um euch noch diese Nachricht zu schreiben. Nachdem ich dieses gute Bier getrunken und diese beneidenswerte Zigarette geraucht habe, werde ich langsam zu jener lieben Familie gehen, von der ich euch schon so viel erzählt habe. Meine Arbeit geht immer besser. Meine Gesundheit war noch nie so ausgezeichnet. Morgen werde ich bis [Uhrzeit unleserlich] arbeiten, damit ich dafür am folgenden Sonntag frei habe. Das Wetter ist hier weiterhin herrlich. In etwa zwei Wochen wird das Heu geschnitten. Wie ist bei uns zu Hause die Heuernte ausgefallen? Hat das Wasser von Pasul [?] dabei geholfen? Ich erwarte bald eure schönen Nachrichten. Sobald [Fortsetzung fehlt beziehungsweise unleserlich], werde ich euch antworten. Herzliche Grüße und Küsse. Bruno

Namen und Schlagwörter

  • Italien
  • Siemens-Schuckert
  • Kahla
  • Walpersberg
  • Grosseutersdorf
  • Zwangsarbeit

Quellen und Nachweise

  1. Bruno Tomasi Familienbestand und Erinnerungsmanuskript