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Zeitzeugnis

Zeitzeugenaussage Boris Kwjatschinski

Quellennahe Neu-OCR des in der Komplett-PDF ueberlieferten Berichts von Boris Kwjatschinski.

Forschungsstand dokumentiert

Forschungsdatensatz

Dokumentierte Angaben

Person
Boris Kwjatschinski
Rolle
ehemaliger Zwangsarbeiter
Ort
Kahla / Walpersberg
Zeitraum
1944-1945; spaetere Niederschrift oder Befragung
Herkunft
unbekannt

Überlieferung und Kontext

e Kvatéinskij, Boris Andreević, Fragebogen vermittelt von der Belorusskij Respublikanskij Fond „Vzaimoponimanie i Primirenie“ [Belarussischen republikanischen Stiftung "Verständigung und Aussöhnung"]. Борис Андреевич Квятчинский Kvatćinskij, Boris Andreević Ich bin geboren am 19. Mai 1928 im Bezirk (Oblast‘) Brest, Kreis (Rajon) Pinsk, im Dorf Dobroslavka in einer Bauernfamilie. Am 17. Mai 1944 wurde ich aus dem Dorf nach Deutschland deportiert. Der Transport erfolgte in Giiterwagen mit Metallgittern. Die Bedingungen waren schrecklich — im Boden gab es ein Loch als Toilette. Wir fuhren 5 Tage bis zur Stadt Grajevo, ohne dass Essen oder Trinken ausgeteilt wurden. Viele waren bewusstlos, denn es war unbeschreiblich warm. Aus Grajevo kamen wir ins Dorf Rothenstein. Auch dort waren die Bedingungen schrecklich. Wir schliefen auf dem Fußboden, auf Stroh, sanitäre Hygiene fehlte völlig, so dass wir alle von Läusen überfallen wurden. Wir wohnten in einem „Klub“ (Gasthaus), der nicht geheizt wurde. Mit Eintreten der Kälte wurden wir in das Lager Bibra neben dem Werk überführt. Die Baracken wurden mit Öfen geheizt, die in der Mitte standen. Die Wärme reichte aber nicht aus. Wir nannten die Baracke, in der wir wohnten „Hundehütte für 15 Personen“. Jeder erhielt zwei sehr dünne Decken. Neue Kleidung erhielten wir im Februar 1945, bis dahin hatten wir nur unsere alte Kleidung. Im Lager gab es Frühstück (Kaffee und 300 Gramm Schwarzbrot) und Abendbrot. Das Mittagessen gab es im Werk. Es bestand aus einem Liter Suppe auf Basis von Knochenbrühe, und so blieb es den ganzen Krieg über. Der Arbeitstag dauerte von 9 Uhr bis 20 Uhr. Von Rothenstein waren es 40 Kilometer bis zum Werk (? Angabe unzutreffend, M.B.), Bibra lag gleich neben dem Werk. Appelle gab es keine. Für je 40 Mann gab es einen Dolmetscher, der auch für die Gruppe verantwortlich war. An direkte Normen erinnere ich mich nicht. Ich arbeitete bei der Errichtung des Werkes, ich belud Loren mit Erde, unter dem Befehl eines Meisters. Es gab sehr verschiedene Meister — gute Menschen gab es wenige, hauptsächlich waren es böse, brutale Menschen. Ich beherrschte die deutsche Sprache nicht und bekam deshalb oft Schläge. Nur zu ihren Landsleuten waren die Meister gut. Wir erhielten jede Woche Geld in Briefumschlägen, bis zu 30 Mark. Man konnte dafür Pfeffer, Senf, Limonade und Bier kaufen. Wegen meines geringen Alters wurde ich nicht in der Landwirtschaft eingesetzt. Verbindung zur Heimat hatte ich nicht, da diese im Juni 1945 (er meint wohl "44, M.B.?) von der Roten Armee befreit wurde. Mit anderen Lagern hatten wir keinen Kontakt. Zu anderen Gruppen von Gefangenen war das Verhalten ähnlich — für uns war es auszuhalten, aber die Italiener wurden jeden Tag geschlagen. Kontakte gab es zu Ukrainern, Russen und Moldawiern. Es gab bei uns Familien mit Kindern, doch Genaues über sie weiß ich nicht. Die Wachmannschaften waren Deutsche — es gab gute und brutale. Ich weiß nicht, ob es Denunzianten gab. Auch von Korruption ist mir nichts bekannt. Zeuge von Morden und besonderen Misshandlungen wurde ich nicht, da das Lager sehr groß war. Sollte jemand bestraft werden, dann prügelte die Wache mit Schlagstöcken — die Wächter waren zugleich Richter. Die Lagerverwaltung und die deutschen Arbeiter verhielten sich unterschiedlich — es gab gute und es gab schlechte. Engeren Kontakt zur Bevölkerung hatten wir nicht, die Ortsanwohner waren gutmeinend — die Frauen gaben uns Brot wenn wir zur Arbeit gingen. Ob die Bevölkerung an Strafmaßnahmen teilnahm weiß ich nicht. Ich kam immer sehr müde zurück, aß und ging schlafen. Es gab einige Deutsche, die zu uns gut waren — ein Meister namens Paul bestraft nie die Arbeiter und gab uns Zeit zum Ausruhen. Einige saßen, andere lagen und einige schliefen sogar. Als die Leitung kam, hat er sofort angefangen auf uns zu schimpfen, aber wir haben Respekt vor ihm gehabt. An Fluchtversuche kann ich mich nicht erinnern. Die Medizinische Versorgung war schlecht. Die Leute hatten Angst sich an das Krankenrevier zu wenden und haben die Schmerzen lieber bei sich ausgehalten. Aussagen über die Sterblichkeit kann ich nicht machen. Bei Kriegsende wurde die 1. Gruppe in Richtung Gera getrieben, ich war bei der 2. Gruppe. Wir waren die ganze Nacht unterwegs, Frühs konnten wir wegen der amerikanischen Flugzeuge nicht weitergehen, wir sind in den Wald gegangen und die Wache in ein naheliegendes Dorf. Nach einiger Zeit kamen sie zu uns, schon in Zivil, und sagten wir könnten gehen wohin wir wollen. Ich habe damals meine ganzen Papiere verloren. Ich ging dann in Richtung Gera und kam an einem Dorf vorbei (ich weiß nicht mehr, wie es hieß), wo ich auf einem Hof nach Essen fragte. Der Besitzer fragte mich, woher ich käme, dann ließ er mich ins Haus und gab mir Essen, neue Kleidung und die Möglichkeit zum Waschen. Ich war dort zwei Wochen. Ich weiß seinen Namen nicht mehr. Nach zwei Wochen kamen die Amerikaner. Von Verhaftungen nach der Befreiung weiß ich nichts. Am 13. Januar 1946 kam ich wieder in die Heimat. Mein weiteres Leben verlief gut, ich arbeitete vom April 1946 bis Mai 1988 in einem Werk und ging dann in Rente.

Namen und Schlagwörter

  • Zeitzeuge
  • Walpersberg
  • Neu-OCR

Quellen und Nachweise

  1. zeitzeugen_komplett.pdf (Original, 845 Seiten)